Ledderhose, Karl Friedrich - Am Sonntag Invocavit
Der Anfang der Leidensgeschichte nach den vier Evangelien. Joh. 12,1-8., Matth. 26,6-16., Mark. 14,3-11., Luk. 22,2-6.
Wir sind in die heilige Passionszeit mit dieser Woche eingetreten und heute feiern wir den ersten Sonntag der Passion. Das Evangelium von der Versuchung Christi bildete sonst den Eingang dazu und mit Recht, denn wir konnten daraus sehen, wie der zu seinem Mittleramte gesalbte Heiland mit den Sünden der Welt beladen den riesigen Kampf mit dem Teufel zu kämpfen anfing. Halleluja, er hat diesen Kampf bestanden, und die Engel Gottes dienten ihm. Aber der Teufel gab die Waffen seiner List und Macht nicht sobald dahin. Die heilige Passionszeit zeigt uns die tiefen Abgründe der Hölle, aber auch den Sieger, der gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören. Dass wir aber auch den ersten und besten Blick tun möchten! Er geht einwärts in die Tiefen unserer Sünden. Ohne dass wir die Niederfahrt in die Hölle unseres gefallenen, verlorenen Zustandes tun und mit den Sündertränen der Maria Magdalena heraufkommen, wird die wichtigste, gesegnetste Zeit der Kirche, die Passionszeit, ohne Segen spurlos vorübergehen. Was sage ich? Spurlos? Nein, es werden Spuren zurückbleiben, die ungesegneten Spuren der Sünde und des göttlichen Gerichts. Darum trete heute Jeder mit gebeugtem, wehmütigen Herzen in das Allerheiligste des Lebenslaufes unseres hochgeliebten Heilandes, zu seiner bitteren, blutigen Passion, aber zugleich auch mit frohem Bewusstsein, dass der leidende und sterbende Heiland, unser gekreuzigter Immanuel, Niemanden von sich stößt, an dem er ein bußfertiges Herz gewahrt.
Der Anfang der Passion Christi treffe uns heute in der Herzenslage, in welcher wir uns der Früchte seines Leidens erfreuen dürfen!
Wir sind in dem Hause Simons, des Aussätzigen, eines Mannes, der ohne Zweifel von der Wunderhilfe Christi zu erzählen wusste. Aber es sind noch drei andere hochbegnadigte Leute in diesem Hause Bethaniens. Vor Allen steht vor uns der Freund Christi, an dem der Herr der Herrlichkeit eines seiner staunenswertesten Wunder verrichtet hatte, Lazarus. Dieser Zeuge von dem, der da ist die Auferstehung und das Leben. Wir kennen die Geschichte, die so recht unsere Gottesäcker zu Heiligtümern weiht, und uns auf die süßeste, freundlichste Weise mit unserm Tode und der Grabeskammer vertraut macht, indem sie uns den Honigseim der frohen Auferstehung und des Tages der Ewigkeit in das Herz trägt. O dass das geistliche Leben, das aus Christo hervorströmt, uns erfüllte, auf dass wir einst das Allmachtswort Christi: „Lazarus, ich sage dir, komm heraus!“ in unserer Grabeskammer vernähmen, und der zu Staub verfallene, nichtige Leib in seiner Christo ähnlichen Verklärung hervorginge. Wer hier nicht das Leben hat, der darf auch nicht die Auferstehung zum Leben hoffen.
Wer kennt nicht den Charakter der Martha? Sie ist, wie immer, die, welche dient und sich viele Mühe macht! Es muss auch gedient sein, sei nur der Dienst kein Selbstruhm, und vergesse die geschäftige Hand nicht, dass das rechte Herz ein in Christi Blut selig gewordenes Herz sie regieren muss. Die Gefahr liegt bei der Geschäftigkeit sehr nahe, sich allzu sehr zu zerstreuen, und die Sammlung des Geistes, die doch so hochnötig ist, zu verlieren. Wir haben in unserer Zeit in den christlichen Kreisen viele solcher äußerlichen Leute, die vor lauter Teilnahme an Vereinen aller Art fast nicht mehr zu sich kommen.
Nun lasst uns aber auch auf eine andere Hauptperson bei diesem Mahle in Simons Hause unsere Augen richten; es ist jene Maria, von der unser Herr das Erste Leumunds-Zeugnis, das es geben kann, ausgestellt hat, dass sie das gute Teil erwählt habe: das eine Notwendige. Ihre Stellung dort drückt ihr ganzes Herz aus, sie sitzt zu Jesu Füßen und hört ihm unverwandten Blickes zu. Wer sich auf solche Weise beim Heiland eingefunden hat, der hat ein tiefes Bedürfnis. Es war auch das Bedürfnis der Maria. An ihr sieht man so recht jenen tiefsinnigen Vers eines gesalbten Sängers anschaulich gemacht:
„Wer nur ein Sünder ist in seinem Wesen
und will aus eignen Kräften nicht genesen
und liegt zu Jesu Füßen als erstorben,
von solchen ist kein Einz'ger noch verdorben.“
Seht, das arme Sünder-Herz heftet Blick, Gehör, ja den ganzen Menschen auf Jesum hin. Außer ihm will sie nichts wissen, er ist ihr genug. Solche Seelen gehören in die Krone des Werkes Christi, sie sind seine wertvollsten Perlen und Diamanten. Das ist aber gerade unser Fehler, das die Ursache, dass wir so trostlos auf einem Fleck sitzen bleiben, weil wir nicht in das Verderben unserer Natur, in die Abgründe unseres Sündenlebens hinuntersteigen wollen, und auf gröbere oder feinere Weise an einem Hause zimmern, das dem Herrn doch so entsetzlich zuwider ist, an dem Hause, wo vielleicht Christus in Etwas der Grund war, aber unser Eigenwerk, unsere Selbstgerechtigkeit und Frömmigkeit der Auf- und Ausbau sein soll. Da gibt es keine gründlichen Sündertränen, aber auch keine Dankes- und Freudentränen über den gefundenen Heiland. Anders bei Maria. Da ist Freude und Dank. Betrachtet sie nur! Sie hat etwas Kostbares gekauft: ein Pfund Salbe von ungefälschter köstlicher Narde. Damit salbt sie das Haupt und die Füße Jesu, wie man nur guten Freunden, denen man besondere Ehre und Liebe erweisen wollte, tat. Ja, sie ergreift ihre Haare und trocknet damit die Füße des Herrn. Mit einem Male ward aber auch das Haus ganz angefüllt vom Geruche dieser Salbe. Das tat Maria dem Herrn, sie weiht ihm das Beste, was sie besitzt. Ihr ganzes Herz liegt uns damit ausgebreitet vor Augen. Und wir? Was tun wir für den Heiland, nachdem er so viel für uns getan, ja sein Blut bis auf den letzten Tropfen für uns vergossen hat? Das ist eine bedenkliche, bedenkenswerte Frage. Wir sehen ihn zwar nicht, wie ihn Maria dort in Bethania sah; wir können ihn nicht auf solche Weise behandeln, wie Maria getan hat, aber wir können, wir dürfen ihn doch lieben, obwohl wir ihn nicht sehen, wir dürfen im Gebete seine Nähe spüren, die Gotteskraft seines Evangeliums fühlen, in dem Sakramente des Altares seinen wahrhaftigen Leib, sein kostbares Blut genießen. Er verkehrt auf die liebreichste, zutunlichste Art tagtäglich mit uns, so dass wir die Psalm-Aufforderung erfahren dürfen: „Seht und schmeckt, wie freundlich der Herr ist!“
Aber die Erwiderung solcher Liebe besteht darin, dass wir ihm ein Mariaherz bringen. Wo dies Opfer ihm hingestreckt wird, als das Glas köstlicher Narde, fehlen auch nicht sonstige Opfer, die zu Christi Verherrlichung, zur Ausbreitung seiner Kirche dienen. Das Herz verbreitet aber erst dann einen so mächtigen Geruch, wenn es die Sündertränen der Buße weint und besprengt ist mit den Blutstropfen Jesu Christi. Solch' Werk der Liebe und des Dankes fand aber keinen Anklang. Den Anführer und Sprecher der Unzufriedenheit machte Judas Ischariot. Heuchlerisch sagte er: „Warum ward diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen und den Armen gegeben?“ Das Wort Gottes berichtet uns aber sogleich zur Widerlegung dieser bestechenden, gleißnerischen Frage, dass er es nicht gesagt habe, weil ihm die Armen am Herzen gelegen hätten, sondern weil er den Beutel hatte, und trug, was gegeben ward. Diese 300 Groschen hätten ihm, dem Dieb, etwas Erkleckliches abgeworfen. So hat der Judas geurteilt, und ihm nach urteilen noch Viele in unsern Tagen. Was getan wird dem Herrn, dem Leib seiner Kirche, den Anstalten seines Reichs, das findet keine Gnade bei den Judasherzen. Früher erklärten sie das, was für die Ausbreitung des Evangeliums unter Heiden, Juden und Türken getan wird, für einen wahren Verlust an den Armen, und jetzt, wo man den einheimischen Schäden, dem Jammer und Elend der großen und kleinen Armen abhelfen will, haben sie wieder kein Herz, und darum auch eine starr und krampfhaft geschlossene Hand. Die Armen hat kein Judas lieb, und wenn er sie hundert Mal als die Gegenstände seiner Aufmerksamkeit aufführt. Bis uns die Armut zur „lieben Armut“ wird, wie sich unsere Väter so tröstlich auszudrücken pflegten, muss viel in uns vorgegangen sein. Erst Jesus im Herzen, dann fühlen wir auch den Jammer der armen Armen. Was für ein Herz hat der natürliche Mensch, und das Schlimmste ist, wenn es sich in einen solchen flimmernden Mantel einhüllt, wie ihn dort Judas in Simons Haus zur Schau getragen, aber der Herr lässt sich nicht durch Worte blenden. Der Tadel des Judas hatte einen solchen Schein, dass sogar einige andere Jünger einstimmten. Ein trauriger Beleg dazu, dass sich oft besser gesinnte Leute blenden lassen. Der Herr und die Ehre und die Liebe, die dem Herrn erwiesen wurde, steht uns leider nicht immer im Vordergrunde. Wie sehr haben wir auf unserer Hut zu sein, dass wir allüberall recht sehen, unser Herz sowohl, als auch den Herrn und seine Ehre. Wir tragen sonst leicht bei zur Passion unseres Herrn, wie denn jene Verkennung in Bethanien den Herrn Jesum gewiss betrübt hat.
Nun das Urteil des Herrn! Er hörte und merkte die Missstimmung und Unzufriedenheit unter einem Teil der Tischgäste. Da lässt er den süßen Ton hineinfallen: „Lasst sie mit Frieden!“ Er spricht Gottlob auch jetzt noch dies Kraftwort, wir merken es daran, dass sein Name immer mehr verklärt wird, sein Wort durch alle Schwierigkeiten sich hindurchbricht, die Arche seiner Kirche bei aller Wellen Toben dennoch oben bleibt. Das macht, weil er am Steuerruder sitzt. Hören wir aber auch, wie er den tiefsten, geheimsten Gedanken der Maria bei ihrer Salbung offen darlegt: „Solches hat sie aufbewahrt zum Tage meines Begräbnisses.“ Ja, diese tieffühlende, innig liebende, in den Verheißungen der Schrift gewurzelte Seele sah tiefer, als wohl auch die Meisten auch der Bestgesinnten. Sie sah schon den Tag der blutigen Passion, sie hörte schon im Geist die Schmerzenstöne der um den Geliebten ihrer Seele Klagenden. Das Grab war vor ihren Augen schon geöffnet, wo man Ihn hinlegen wollte. Das ahnte, fühlte sie. Daher ihr sinniges Tun. Sie salbte den Herrn zum Begräbnis ein. Und das war ein gut Werk, wie es der Herr nennt.
Wir können nun den Herrn nicht mehr auf solche Weise, wie Maria tat, einsalben. Solch Anrühren gilt jetzt nicht mehr, wir rühren ihn, nachdem er zu seinem Gott und Vater aufgefahren ist, durch die Hände des Glaubens und der daraus hervorgehenden Liebe an. War jene Salbung die Einweihung zur Passion des Herrn, so bringen wir jetzt in die Passionszeit die köstliche Narde eines versöhnten Herzens. Bringen wir es nicht, o so mögen wir uns ein solch Mariaherz erbitten, erflehen. Das ist ein gut, ja das beste Werk, zu dem sich der Herr Jesus mit Wohlgefallen herabneigt. Denn der im Heiligtum thront, wohnt am liebsten bei den zerschlagenen Geistern. Dass er aber die Armen nicht auf die Seite schiebt, hat er auch dort bewiesen. „Arme“ sagt er, „habt ihr allezeit bei euch“ und an ihnen sollt ihr Barmherzigkeit tun; aber hier handelte es sich um einen andern, den Herrn selber, der ja bald von ihnen scheiden wollte. Hatten Judas und andere Jünger die liebe Maria verworfen, der Herr hat sich entschieden auf ihre Seite gestellt, und damit dürfen wir uns trösten, wenn uns die Welt und kalte oder irre geleitete Gläubige mit unserer Jesusliebe verwerfen. Der Herr urteilt anders, er hat der Maria eine reiche herrliche Zukunft in der Kirche mit seinem geisteskräftigen „Wahrlich“ verheißen; „denn, sagt er, wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“
Wir haben es auch heute Ihm nachgesagt, und gerühmt das Glaubens- und Liebeswerk der Maria. Es ist aber nicht genug, die Gräber der Propheten zu schmücken, wie von jeher geschehen, sondern auch das Tun der Freunde Christi nicht mit dem Judasgift bespritzen, vielmehr das gute Werk zu Christi Ehre rühmen. Der entschiedene Widerspruch, in den sich der Herr Jesus gegen den Judas gesetzt hatte; beschleunigte wohl auch seinen tiefen Fall. Dazu kam ihm gelegen das fortwährende Trachten der Hohenpriester und Schriftgelehrten, den Herrn zu töten. Wie tief ist doch die Feindschaft der Welt gegen den Heiland, besonders unter denen, welche mit den Geheimnissen der göttlichen Haushaltung, mit dem Worte und den hochwürdigen Sakramenten umzugehen haben. Sie ist, sage ich. Denn dies Trachten jener Hohenpriester und Schriftgelehrten, den Herrn zu vernichten, hat sich festgesetzt in den Herzen der Christusfeinde, der Verächter seines Wortes vom Kreuze. Die Geschichte unserer Tage liefert noch Beweise genug; es wird auch an blutigen Beweisen nicht fehlen, je näher die Zukunft unseres hochgelobten Heilandes rückt. Jene Feinde haben sich gefürchtet vor dem Volke, welches Hosianna rief. So fürchten sich noch Viele, ihre geheimen Vertilgungsplane kundzugeben, oder es sind andere Ursachen im Spiele. Aber die Höllenrotte der Empörer scheut sich nicht, ihren mörderischen Hass offen auszusprechen und nur der Herr am Steuerruder hat sie gehindert. Vielleicht schneller, als wir denken, wird die Zeit kommen, die im Plane Gottes vorgesehen ist; die Zeit, in der es einen Kampf auf Leben und Tod geben wird. An Nachfolgern des Judas fehlt es nicht, sie haben so nie gefehlt. Ach, es ist ein schrecklich, schauerlich Wort, das hier steht, dass der Satan in den Judas gefahren ist. Wo der Herr sich von einem Menschen zurückzieht, da bleibt nichts übrig, als ein Herz, in dem der Teufel wohnt. Und dann ist man Alles fähig zu tun. Mit dem Satan im Herzen geht Judas hin zu den Hohenpriestern, den Verräters - Akkord abzuschließen. Der verfluchte Geiz ist das Band, das ihn fesselt, und daran hält ihn der Satan. Ach, denkt, wie tief der Jünger Christi gefallen, dass er förmlich handelt: „Was wollt Ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten.“ Und für dreißig Silberlinge lässt er sich dingen, den Herrn, seinen Herrn, in die Hände seiner Todfeinde zu liefern. Seht ihr die Passion kommen? Sie fängt damit an. Der Herr lässt so mit sich verfahren, solche Plane über sich schmieden. Mein Herz, betrachte dies mit Schmerzen, mit Tränen. So musste es kommen, um dich zu erlösen, um dir von Sünde, Tod und Teufel zu helfen. Aber denke auch daran, was du einst getan wider den Herrn, wie du mit den Feinden böse, teuflische Plane angesponnen wider deinen Heiland. Heute beweine es. Aber vielleicht sitzt du noch im Rate der Gottlosen und auf den Bänken der Spötter, lästerst wider Christum, sein Wort und Volk. Dann falle heute deinem Jesu zu Füßen und stehe nicht auf, bis er dir deine Sünden vergeben. Amen.