Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Und führe uns nicht in Versuchung. (Zweite Predigt)

Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Und führe uns nicht in Versuchung. (Zweite Predigt)

Ev. Matthäus 6, V. 13.

Der Sinn der Bitte: Führe uns nicht in Versuchung! wird in dem Heidelberger Katechismus so wieder gegeben: „Dieweil wir aus uns selbst so schwach sind, dass wir nicht einen Augenblick bestehen können, und dazu unsere abgesagten Feinde, der Teufel, die Welt und unser eigen Fleisch nicht aufhören, uns anzufechten, so wollest du uns erhalten und stärken durch die Kraft deines Heiligen Geistes, auf dass wir ihnen mögen festen Widerstand tun und in diesem geistlichen Streit nicht unterliegen, bis dass wir endlich den Sieg vollkommen behalten!“ Die Menge von Gelegenheiten, Gefahren, Verlockungen zum Sündigen, die uns umgeben, die Schwachheit, Versuchlichkeit, Verführbarkeit unserer sündlichen Natur muss uns treiben, den Vater im Himmel anzurufen, dass er uns nicht wolle versucht werden lassen über Vermögen, dass er in allen Versuchungen und Prüfungen, die uns zu unserer Erziehung, zu unserem Wachstum nötig sind, mit seiner Kraft in unsrer Schwachheit mächtig sein, dass er uns, wo wir wanken, fehltreten, straucheln, fallen, stets durch rechtzeitige und rechtschaffene Buße wieder aufrichten und zurechtbringen wolle, damit uns ja nicht die Krone des Lebens geraubt werde, die Christus unser Heiland für uns erworben hat, da er für uns die Dornenkrone auf seinem Haupt voll Blut und Wunden trug. Ist aber das der Bitte Grund und Inhalt, dann hat dieselbe auch eine verpflichtende Kraft für den, der sie betet. Wer Gott anruft, dass er ihn vor Fehltritten und Sündenfällen bewahre, der ist verbunden, auch selbst seinen Fuß zu bewahren und sein. Herz zu behüten. Und wer nicht bloß für sich sondern auch für Andere um Bewahrung vor Sünden bittet, wie uns der Herr lehrt: Führe uns nicht in Versuchung! der darf sein Gebet nicht dadurch mit der Tat Lügen strafen, dass er Andre zum Bösen verleitet, und ihnen Ärgernis, d. h. Anreiz zum Sündigen gibt. So ergibt sich auf die Frage:

Wozu verpflichtet uns die sechste Bitte? welche wir heut näher betrachten wollen, die zwiefache Antwort: Sie verpflichtet uns

1. über uns selbst zu wachen,
2. andere nicht zu ärgern.

I.

Überaus zahlreich sind in der Heiligen die Mahnungen zur Wachsamkeit! Ganz besonders ist es der Herr unser Heiland selbst, der bald in Sprüchen, bald in Gleichnissen, wie in dem von den klugen und törichten Jungfrauen, von den treuen und bösen Knechten mit dem größten Ernst immer wieder zur Wachsamkeit mahnt. Er kannte das Menschenherz mit seinem Trotz und seiner Verzagtheit, mit seiner Schwachheit und Unbeständigkeit. „Aus dem Herzen der Menschen, spricht er, kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung.“ Und in Gethsemane ruft er seinen Jüngern zu: „Wacht und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt; der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Er kannte die Welt mit ihren Netzen und Stricken, mit ihren im Wege liegenden Steinen des Anstoßes und Ärgernisses, worüber die Achtlosen und Sorglosen fallen und stürzen. Er ruft sein Wehe über die Welt, der Ärgernisse halber. Vor seinen Augen endlich war es offenbar und aufgedeckt, was für ein Ende mit Schrecken die sich zuziehen, welche, statt zu wachen, in stolzem Sicherheitstraum oder in blinder Leichtfertigkeit dahin gehen, und wie wohl dagegen diejenigen daran sind, welche der Tag der Rechenschaft wachend findet. So der böse Knecht, spricht er, in seinem Herzen sagen wird: mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an zu schlagen seine Mitknechte, isst und trinkt mit den Trunkenen, so wird der Herr desselbigen Knechts kommen an dem Tage, des er sich nicht versieht, und zu der Stunde, die er nicht meint, und wird ihn zerscheitern und wird ihm seinen Lohn geben mit den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ (Matth. 24, 48.)

Wie stehts nun aber, Geliebte? Werden die ernsten Mahnungen Jesu Christi in der Christenheit, die nach ihm heißt, auch ernstlich zu Herzen genommen? Wie stehts heutigen Tages damit in unserem Christenvolk? Das „Unser Vater“ mit der sechsten Bitte wird in der Kirche, Schule und Haus tausend und tausendfach gebetet aber ist es nun auch der herrschende Sinn, dass man die Sünde scheut, die böse Gelegenheit meidet und vorsichtig wandelt vor dem allwissenden und allgegenwärtigen Gott? Ach, es ist leider anders; mit dem, wovor Gottes Wort aufs gewaltigste warnt, wogegen der Heiland uns täglich beten lehrt: Führe uns nicht in Versuchung mit der Sünde, mit dem Unrecht vor Gott, mit der Lüge und Falschheit, der Untreue und Unredlichkeit, der Üppigkeit und Unzucht, mit dem Bösen aller Art nimmt man es heutigen Tages meist erschreckend leicht, man versteht sich meisterlich auf die Kunst der alten Schlange, Gottes Gebote wegzuklügeln, und das Arge mit reizenden Farben und blinkenden Namen aufzuputzen. Über dem Gewinn und Vorteil, über dem Genuss und Fleischeskitzel, den man sich von den Übertretungen und Entheiligungen verspricht, vergisst man den unersetzlichen Seelenschaden, den die Sünde bringt - fragt man nicht nach der schweren Schuld, die man auf sich lädt, und nach dem Verderben, das die Missachtung der göttlichen Gebote herbeizieht.

Geliebte in dem Herrn, was wir jetzt erleben: Das Hereinbrechen von Mangel und Drangsal - das ist ein göttlicher Weckruf an unser ganzes Volk, an jedes Herz, ein Weckruf zum Aufwachen aus dem Schlaf der Sicherheit, zur Umkehr von den Wegen der Leichtfertigkeit und Gottentfremdung. Weil es an der rechten Wachsamkeit gefehlt hat, darum hat in der Zeit des Friedens und des Wohlstandes der Abfall von Gott und die irdische Gesinnung so mächtig um sich gegriffen, und es ist mehr und mehr bei der großen Masse unseres Volkes das herrschende geworden, dass man Gottes vergisst, um sein Wort sich nicht kümmert, seinen Tag entheiligt, und dagegen in unersättlicher Erwerbsgier und Genusssucht dem Mammonsgötzen und dem Bauchgötzen opfert. Weil wir uns denn durch den Reichtum der göttlichen Geduld, Güte und Langmütigkeit nicht haben zur Buße rufen, sondern stattdessen zum Übermut haben reizen lassen, so lässt es uns der himmlische Erzieher nun im Großen spüren und erfahren, dass er sich nicht spotten lässt, und dass auch von ganzen Geschlechtern die Regel gilt: „Wie die Saat, so die Ernte.“ Geliebte in dem Herrn, wir wollen nicht verzagt und lässig werden in dieser Zeit; nein, wir wollen uns erinnern lassen, dass es Zeit ist, auszustehen vom Schlaf, und zu wirken, so lange es Tag ist. Lasst uns auf der Wacht stehen und zu Felde liegen wider Alles, was den Zorn Gottes erweckt und sein Gericht herausfordert; ein Jeglicher wirke an seinem Teil dahin, dass an die Stelle der Lauheit und Weichlichkeit, der Leichtfertigkeit und Sicherheit, eine ernste, gottesfürchtige, kampfbereite Wachsamkeit trete, und dass ein Jeder auf seinem Posten stehe zur Bestreitung des Bösen und zur Ausrichtung dessen, was er Gott und dem Nächsten, was er dem Könige und dem Vaterlande schuldig ist. Dabei muss aber Jeder vor Allem bei sich selbst anfangen. Wachsam sein was heißt das anders, als stetig und treulich die Mahnung befolgen, welche der blinde Tobias seinem Sohne mit auf den Weg gab: „Habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte dich, dass du in keine Sünde willigst noch tust wider Gottes Gebot.“ Wer so wacht, den findet die Stunde der Versuchung gerüstet; wenn die Welt und das Fleisch ihre verführerischen Stimmen erheben, so antwortet er mit Joseph: „Wie sollte ich ein so großes Übel tun und wider den Herrn meinen Gott sündigen?“

Wodurch aber hat sich nun solcher wachsame Sinn zu betätigen? Fürs erste dadurch, dass man nicht ohne Not und mutwillig sich in schlechte Gesellschaften und böse Gelegenheit hineinbegibt, wo man in der Gefahr steht, am Glauben Schiffbruch zu leiden und Brandmale im Gewissen davonzutragen. Wer Wege geht, von denen er wissen kann, dass sie ihn in solche Gefahren hineinführen, der treibt hässliche Heuchelei, wenn er sich erdreistet, die Bitte: Führe uns nicht in Versuchung, auf seine Lippen zu nehmen. Diese Bitte verpflichtet einen Jeden, der sie ausspricht, bösen verführerischen Umgang ernstlich zu meiden. „Wohl dem, heißt es im ersten Psalm, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf dem Wege der Sünder, noch sitzt, da die Spötter sitzen;“ und der Apostel sagt: „Böser Umgang, böse Geschwätze verderben gute Sitten.“ Möchte doch insonderheit die konfirmierte Jugend solche Mahnung des göttlichen Wortes recht beherzigen! Wenn es geschähe, man würde nicht so viel Herzeleid an so vielen Konfirmierten erleben. Ebenso ernstlich wie vor bösem Umgang, hat sich aber auch ein jeder Beter der sechsten Bitte davor zu hüten, dass er sich nicht in leichtfertigem oder hoffärtigem Übermut an Orte und in Lagen begibt, wo die Versuchung lauert. Petrus, der sich im stolzen Gefühl seiner Widerstandskraft und seiner siegreichen Tapferkeit in den hohenpriesterlichen Palast begab und dort den schmählichen Fall tat, der ihm nachher so bittere Tränen kostete - Petrus auf dem Verleugnungswege und in der Verleugnungsstunde ist ein warnendes Exempel, dass ein Jeder, welchem es Ernst ist mit der Bitte: Führe mich nicht in Versuchung! zurückschrecken muss vor den Stätten, wo das schwache und schwankende Menschenherz in die Gefahr gerät, durch die Furcht gelähmt und betäubt, oder durch die erregte Lust der Sinnen berauscht und geblendet zu werden. Dabei will aber das eine allezeit wohlbedacht sein, dass das, was Andern keine Gefahr bringt, für mich darum noch nicht ungefährlich ist. Es hat Jeder seine besonders schwachen, versuchlichen Seiten, seine besonderen sündlichen Neigungen; der Ehrgeizige hat Alles zu meiden, wodurch sein Ehrgeiz genährt wird; der zur Habgier Geneigte hat sich zu hüten, dass das glimmende Feuer seiner Leidenschaft nicht geschürt werde; wer zur Trägheit oder zum Zorn geneigt ist, wen die Lust der Augen und der Sinnen leicht fortreißt, ein Jeder hat das zu fliehen, was gerade ihm zum Fallstrick werden kann. Freilich kommen wir auch auf solchen Wegen, die wir pflichtmäßig gehen müssen, in versuchungsvolle Lagen hinein; da ist es denn freilich nicht die Flucht, die uns obliegt, sondern der Streit! die Wachsamkeit hat sich da in dem zweifachen zu erweisen: dass wir uns nicht ungerüstet von der Versuchung betreffen lassen, und dass wir dann im Aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens und im Blick auf die uns vorgehaltene Krone mit Gebet und Selbstverleugnung, in der Kraft des Glaubens und mit dem Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes, den Kampf, der uns verordnet ist, durchfechten bis zum Siege.

Das gemahnt uns aber daran, dass die Mahnung zur Wachsamkeit gar nicht bloß die einzelnen Schritte auf unserem Lebenswege betrifft, sondern auch unsern Lebensweg im Ganzen. Wer sich das Ziel seines Lebens falsch stellt, der geht, selbst wenn er im Einzelnen sich vor manchen Fehltritten hütet, dennoch im Ganzen auf dem breiten Wege einher, und wer auf dem breiten Wege einher geht, der zeigt es damit, dass er kein offenes Auge und kein waches Herz hat. Das einzige rechte Lebensziel nennt uns das Wort des Herrn: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“; - Den einzigen rechten Weg zu diesem Ziel nennt uns des Apostels Wort: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig.“ Ach, wie viele stellen ihr Lebensziel, wählen ihren Lebensweg anders! Wie vielen ist nicht das Seligwerden, sondern das Reichwerden, nicht das ewige Leben, sondern der irdische Lebensgenuss das Höchste, wonach sie trachten! Der Herr mahnt so dringend: „Hütet euch, dass euer Herz nicht beschwert werde mit Fressen und Saufen und Sorgen der Nahrung und komme dieser Tag schnell über euch. So seid nun wacker allezeit und betet, dass ihr würdig werden möget zu entfliehen diesem Allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn.“ (Luc. 21, V. 34, 36.) Aber auch wieviel Ursache ist zu der Klage und Anklage, dass es in der Christenheit zugeht, wie von Israel geschrieben steht: „Das Volk setzte sich nieder zu essen und zu trinken, und stand auf zu spielen!“ und von den Leuten zur Zeit Noäh vor der Sündflut: „Sie aßen und tranken, sie freiten und ließen sich freien bis auf den Tag, wo Noah in die Arche ging und kam die Sündflut und brachte sie alle um.“ Wiederum: wie ernstlich warnt der Herr: „Hütet euch vor dem Geiz! Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat!“ Und doch, an wie vielen erfüllt sich das Wort 1. Tim. 6, 9: „Denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichter und schädlicher Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis.“ Darum, Geliebte, wer die Mahnung: „Wacht!“, welche aus der sechsten Bitte uns entgegenklingt, wirklich befolgen will, der muss den breiten Weg verlassen und den schmalen Weg wählen, der muss Christi Jünger werden und auf dem Jüngerwege dem vorgesteckten Ziele des ewigen Lebens nachjagen. Damit aber hört dann das Fliehen und Meiden, das Gerüstetstehen und Streiten, von dem wir zuvor gesehen haben, dass es zum Wachen gehört, nicht etwa auf, sondern es fängt nun erst recht an. Für seine Jünger hat der Herr das ernste Wort gesprochen: „So dich aber deine Hand ärgert, so haue sie ab. Es ist dir besser, dass du ein Krüppel zum Leben eingehest, denn dass du zwo Hände habest, und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer, da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht. Ärgert dich dein Fuß, so haue ihn ab; es ist dir besser, dass du lahm zum Leben eingehest, denn dass du zween Füße habest und werdest in die Hölle geworfen, in das ewige Feuer, da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht. Ärgert dich dein Auge, so wirf es von dir. Es ist dir besser, dass du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn dass du zwei Augen hast und wirst in das höllische Feuer geworfen. (Marc. 9. 43-47.)

Wahrlich, ein ernstes Wort! Aber es ist für uns gesprochen. Wir, sondern wir wir alle, - nicht etwa irgendwelche absonderliche Heilige Alle, die wir nach dem Namen Jesu Christi Christen heißen, wir sollen danach tun. Der Herr sagt nicht: „Ziehe die Hand, den Fuß zurück!“ sondern: haue sie ab! Er sagt nicht: tue das Auge zu! sondern: reiß es aus und wirf es von dir! Er verlangt Entbehrung des scheinbar Unentbehrlichsten, Verzicht auf das rechtmäßig Besessene, das von Gott Gegebene, das mit dem Leben Verwachsene, wo dies die Bedingung ist, um die Seele zu bewahren vor dem Argen. Das Heil der Seele kann nie zu teuer erkauft werden. Sei es schwer, die Beschäftigungen und Verbindungen aufzugeben, den Genüssen zu entsagen, welche die sträflichen Neigungen anregen und unterhalten, die Orte und Menschen zu meiden, durch die du an dem Herrn und seinem Gebot irre gemacht wirst; koste es Kampf, sich selbst zu verleugnen und zu überwinden, wie wenn man sich ein Glied abhaue, ein Auge gewaltsam ausreißen sollte, wenn wir Jesum unsern Herrn nennen, wenn wir durch Jesum selig werden wollen, wenn wir in Jesu Namen beten: Führe uns nicht in Versuchung! - dann dürfen wir den Ernst der Weltentsagung und der Selbstverleugnung nicht scheuen: „Wer mein Jünger sein will, spricht er, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“

II.

Je treuer wir uns in diesem vom Herrn gebotenen Werke der Selbstbewahrung und Heiligung erfinden lassen, umso weniger werden wir auch zu denen gehören, welche ihre Bitte: Führe uns nicht in Versuchung! zur Lüge machen, indem sie Andern Ärgernis geben, sie vom guten Wege abbringen und sie auf böse Wege der Abtrünnigkeit vom Glauben und der Versündigungen an Gottes Gebote führen.

Es wäre vom Ärgernis-geben durch absichtliche Verführung, durch böses Beispiel, durch Rücksichtlosigkeit gegen die Schwachen viel Ernstes zu reden; es wäre an manchen Weheruf zu erinnern, in welchem die Gesandten Gottes in seinem Namen den Fluch aussprachen über die Verführer, welche, um Werkzeuge ihrer schnöden Lust, um Genossen ihrer schändlichen Werke zu haben, ihren Mitmenschen Unschuld und Ehre, guten Namen und gutes Gewissen rauben, und sonderlich über die Irrgeister, welche beflissen sind, die Menschen an der Wahrheit des göttlichen Wortes irre zu machen, und ihnen den Glauben an Gott und den Heiland zu stehlen aber es sei genug, das eine Wort aus dem Munde des Heilandes anzuführen, das einem gewichtigen Hammer gleicht, der Felsen zerschmeißt, das Wort: „Wer da ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meere, da es am tiefsten ist. Wehe der Welt der Ärgernis halber! Es muss ja Ärgernis kommen; doch wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt.“

Wer aber dem Nächsten nicht ein Führer und Förderer im Bösen werden will, der muss darauf bedacht sein, durch Wort und Tat und Wandel dem Guten Bahn zu machen bei denen, an welche sein Beruf ihn weist und auf welche sein Einfluss sich erstreckt. Die Warnung, dem Nächsten kein Ärgernis zu geben durch Tun und Lassen, schließt die Mahnung in sich, den Nächsten durch Wort und Wandel zu erbauen. Es ist nicht genug, dass ein Jeglicher sich hüte, dem Nächsten keine Netze und Fallstricke der Verführung zu legen, und ihn auf Vorangehen auf bösem oder auf gefahrvollem Wege zur Nachfolge zu reizen, nicht genug, dass man Acht habe auf sich selbst, um nicht durch unbedachte Rede und Handlungen Andern Schaden zuzufügen an ihrer Seele, wie das so oft von Erwachsenen an Kindern begangen wird, die Verpflichtung der sechsten Bitte reicht weiter; als Beter der sechsten Bitte müssen wir bereit sein, auf Erlaubtes zu verzichten, um den Bruder nicht in Versuchung zu führen, dass er wider sein Gewissen handele und seine Seele schädige. So sagt Paulus 1. Kor. 8, 13: „So die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht ärgerte.“ Wir müssen alsdann weiter bereit sein, uns nach dem Worte des Paulus im sechsten Kapitel des Galaterbriefes zu richten: „Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilet würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, die ihr geistlich seid, und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht wirst.“ (Gal. 6, 1.) Und gegen den Strom der Zeitlügen und Zeitsünden müssen wir ankämpfen, indem wir mit Wort und Tat uns von ihnen lossagen und wider sie zeugen, nach den Mahnungen der Schrift: Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Zieht nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen! Geht aus von ihnen, sondert euch ab, rühret kein Unreines an! Und mit unserem Wirken, Opfern, Beten und Wandeln müssen wir uns erfinden lassen unter denen, die sich halten nach dem Wort des Heilandes: „Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie euren guten Wandel sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Dann erst ärgern wir den Nächsten nicht, wenn wir das Werk des Herrn auf Erden fördern helfen, wenn unser Wandel dem Nächsten statt zum Ärgernis zur Erbauung gereicht, d. h. dazu, dass er gereizt und angetrieben werde, sich mit seinem Glauben zu erbauen auf dem einen Grunde, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus und sein inneres und äußeres Leben auszubauen zu einem Tempel, darin Gottes Ehre wohnt und Gottes Name geheiligt wird.

Noch einmal, Geliebte, lasst uns die gegenwärtige Zeit der göttlichen Heimsuchung nicht versäumen! Sie ruft uns, die wir das Gebet des Herrn mit der sechsten Bitte beten, zu: „Wacht über euch selbst! Legt ab die Sünde, so uns immerdar anklebt und träge macht, und lasst uns laufen durch Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist, und aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens; welcher, da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht und ist gesessen zur Rechten auf dem Stuhl Gottes. Denkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, dass ihr nicht in eurem Mut matt werdet oder ablasst!“ (Hebr. 12, V. 1-3); und abermals ruft sie uns zu: Hütet euch, dass ihr nicht Ärgernis gebt und durch Verführung und loses Exempel das Böse stärket! Strebet dem nach, das zum Frieden dienet, und zur Erbauung unter einander! Säet Saat der Gerechtigkeit - der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein und der Gerechtigkeit Nutz wird ewige Stille und Sicherheit sein.

Amen!

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/k/krummacher_h_f/vaterunser/krummacher-vaterunser-_9.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain