Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Und führe uns nicht in Versuchung.

Ev. Matthäus 6, V. 13.

Die sechste Bitte redet ebenso wie die fünfte mit dem Vater im Himmel von der Sünde und vom Sündigen. Wenn die Sünde uns nicht verderben und auf ewig ruinieren soll, dann bedürfen wir wir Menschen alle ohne Ausnahme zweierlei: einmal, dass wir nicht um unsrer Sündenschulden willen von Gott verworfen werden; sodann, dass wir nicht der knechtenden Gewalt unseres sündlichen Hanges unterworfen bleiben. Beides, unsere Lossprechung und Rechtfertigung vor Gott und die Reinigung und Erneuerung unseres Herzens gehört zu unserer Errettung. Beides hat auch der Erlöser Jesus Christus für die Sünderwelt erworben. Christus ist uns von Gott gemacht zur Gerechtigkeit und zur Heiligung. In ihm ist Beides für den Sünder bereit: die Versöhnung mit Gott und die Wiedergeburt zum göttlichen Leben. Eines ohne das Andere würde uns nicht retten, Eines ohne das Andere ist auch nicht zu erlangen. Vergebliche Mühe wäre es, um das Eine zu bitten, wenn man das Andere verschmäht. So bitten wir denn auch um Beides im Gebet des Herrn, in zwei durch ein „Und“ verbundene Bitten. Dem wahrhaftigen Beter genügt es nicht, dass ihm die Verschuldungen der Vergangenheit vergeben werden, er begehrt auch in Zukunft vor den Verschuldungen bewahrt zu bleiben. Er will nicht bloß die bösen Früchte der Sünde los werden, sondern die Sünde selbst. Er fürchtet nicht bloß den göttlichen Zorn, er hasst die Sünde, weil Gott sie hasst. Er will nicht bloß vor der Verdammnis geborgen sein, er will auch gegen die Versuchung gerüstet sein, und so ruft er denn auf des Herrn Geheiß den Vater im Himmel an: „Und führe uns nicht in Versuchung!

Wir haben bei der Betrachtung der sechsten Bitte dreierlei zu erwägen:

1. was uns zu dieser Bitte treiben muss,
2. was wir mit dieser Bitte von Gott begehren,
3. wozu uns diese Bitte verpflichtet,

müssen aber die Betrachtung dieses dritten Punktes für heut unterlassen.

I.

Die sechste Bitte - das ist klar - will die Gefahr in Sünden zu geraten, abwehren, denn Versuchung ist ja für einen Menschen vorhanden, so oft die Gefahr zu sündigen, ihm nahe tritt. Wem es nun freilich gar nicht als ein großes Übel erscheint, wider Gott den Herrn zu sündigen, dem wird es auch nicht am Herzen liegen, vor der Gefahr des Sündigens bewahrt zu bleiben, und wenn er etwa doch spricht: Und führe mich nicht in Versuchung, so ist es heuchlerisches Lippengeplapper. Je mehr aber ein Mensch zu Gott so steht, dass er ihn, wie Joseph, „der Herr mein Gott“ nennt, dass er ihn in Jesu Namen von Herzen anruft mit der Anrede: „Unser Vater, der du bist im Himmel“, umso mehr wird und muss er es auch als ein großes Übel ansehen, wider ihn zu sündigen; umso mehr wird ihn die Furcht und Liebe Gottes zum Abscheu und Hass wider die Sünde treiben. Wer aber um des göttlichen Gebotes und des eigenen Heiles willen die Sünde verabscheut und sie zu fliehen und zu meiden begehrt, der wird auch ernstlich und anhaltend beten: „Führe mich nicht in Versuchung.“ Denn er kann und wird es sich nicht verbergen, dass die Versuchung, die Gefahr zu sündigen, ihn überall umgibt, ihm allezeit nahe ist. Es ist kein Ort auf Erden, wo nicht Stricke und Netze der Versuchung lägen. Von Alters her haben zahllose Einsiedler vor den Verführungen der Welt sich in die Wüsten und Einöden geflüchtet, aber ihr Fleisch, d. h. ihre sündliche Natur und die in ihnen wohnenden bösen Neigungen und Begierden haben sie doch nicht dahinten lassen können, und gar Manchem ist es ergangen, wie dem heiligen Antonius, der nach der Legende, in der Stille und Einsamkeit härter zu kämpfen und heißer zu beten hatte, denn zuvor. Die Schlange, die ins Paradies den Weg gefunden, weiß überall hin den Zugang zu gewinnen. Es gibt auch keine Zeit und Stunde im Leben, in welcher die Versuchung den Weg nicht finden könnte; auch in Stunden herzlicher Andacht und innigen Gebetes geschieht es, dass aus dem dunklen Grunde unserer Natur arge Gedanken und unreine Bilder in uns aufsteigen oder dass der Versucher einen Feuerbrand bösen Gelüstens aus dem Abgrund der Finsternis uns in die Seele schleudert. Es gibt auch keinen Menschen auf Erden, der über die Gefahr des Versuchtwerdens hinaus wäre. Nicht bloß Adam, nicht bloß Abraham, Moses, David, Petrus und Paulus sind versucht worden, auch Jesus Christus ist versucht worden, nicht allein in der Wüste, sondern „allenthalben“, wie die Schrift sagt, „gleichwie wir, doch ohne Sünde“, also so, dass er die Gefahr allezeit siegreich bestanden und dass der Reizung und Lockung von außen niemals auch nur eine Regung inneren Gelüstens geantwortet hat. Die Erde ist das Land der Versuchung für Alle, die auf ihr wohnen; das Erdenleben ist die Zeit des Versuchtwerdens für Alle, die hier wallen.

Für jeden bringt zuerst sein Beruf Versuchungen mit sich; unser Beruf stellt uns Tag für Tag Aufgaben, legt uns fort und fort Pflichten auf; damit stehen wir unaufhörlich in der Gefahr, es an der rechten vollen Gewissenhaftigkeit fehlen zu lassen, unsre Pflichten zu versäumen und zu vernachlässigen, die uns gestellte Aufgabe gar nicht oder nur zur Hälfte oder zu dreivierteilen statt ganz zu erfüllen. Wären etwa die Unterlassungen und Versäumnisse im Berufsleben keine Sünden? Und wäre die Gefahr, aus Trägheit, Bequemlichkeit oder aus welchem Grunde immer in diese Unterlassungssünden zu verfallen, keine Versuchung? Es hat aber auch jeder Beruf seine besonderen Versuchungen zum Unrecht tun; wohl ist hierin ein Beruf gefährlicher als der andere, aber seine besondere Gefahr hat ein Jeder. Am gefährlichsten nach dieser Seite hin sind wohl diejenigen Berufsarten, in welchen man unmittelbar auf den Erwerb ausgeht und diejenigen, in welchen man unmittelbar mit dem Worte Gottes umzugehen hat. Die Handel- und Gewerbetreibenden umschleicht die Versuchung, es mit dem Gebot der Redlichkeit nicht streng und genau zu nehmen, und um des Vorteils willen unrechte oder zweifelhafte Wege einzuschlagen; daher hat ein aufmerksamer Beobachter der Welt und der Menschen, Jesus Sirach, vor mehr als 1800 Jahren gesagt: „Wie ein Nagel in der Mauer zwischen zwei Steinen steckt, also steckt auch die Sünde zwischen Käufer und Verkäufer. (Sirach 27, 2.) Was aber diejenigen betrifft, die berufsmäßig mit Gottes Wort zu tun haben, die Prediger und die Lehrer an hohen und niederen Schulen, so stehen sie in der schweren Gefahr, dass für sie das Wort Gottes zum bloßen Handwerkszeug, und das Lehren und Bezeugen des göttlichen Wortes zum äußern Geschäft wird, dass ihr Herz und Gewissen sich abstumpft gegen die Kraft der Wahrheit, und ihre Verkündigung der Wahrheit zum Wortemachen, zum Erzgetöne und Schellengeklingel wird. Aber nicht der Beruf allein, auch die Verhältnisse, in denen wir stehen, bringen Versuchungen mit sich. Wir sind Gatten, Geschwister, Kinder, Eltern; wir haben Verwandte, Nachbarn, Freunde, mit denen wir Umgang pflegen; wir gehören kirchlichen und bürgerlichen Verbänden an, und so fort, und mit all diesen mannigfaltigen Verhältnissen, in welche wir verflochten sind, ist's ebenso, wie mit dem Berufe, in dem wir stehen; es ergeben sich aus ihnen eine Menge von Verpflichtungen, die sich tausendfältig mit den eigentlichen Berufspflichten verknüpfen oder auch kreuzen; und wie mit diesen Verpflichtungen die Gefahr, sie ganz oder teilweise unerfüllt zu lassen, unmittelbar verbunden ist, so liegt auch in allen jenen Verhältnissen nicht weniges, was einen Anreiz zum Übeltun in Gedanken, Worten und Werken enthält. Wo wäre ein Ende zu finden, wenn wir hier ins Einzelne gehen wollten! Wie viele Unterlassungs- und Begehungssünden gibt es allein im Umkreis des Familienlebens. Versündigungen der Eheleute gegen einander, Geschwistersünden, Elternsünden, Kindersünden! Wie gefahrvoll ist ferner der Boden des geselligen und politischen Lebens! Wie viel wird in kirchlicher Beziehung versäumt und gefehlt durch Nichtbeteiligung am Gemeindeleben und an den gottesdienstlichen Gemeindefeiern, durch Entheiligung des kirchlichen Feiertages mit Arbeiten und Lustbarkeiten! Wie groß und vielgestaltig ist endlich das Gebiet der Standessünden, d. h. derjenigen Sünden, zu welchen die Glieder einzelner Gesellschaftsklassen besonders versucht sind! Für die Hohen gibt es besondere Gefahren, und für die Niedrigen, für die Reichen und für die Armen; und Denen, die zwischen beiden stehen, fehlen die ihrigen auch nicht.

Zu den Versuchungen, die aus den Verhältnissen, in denen wir stehen, sich ergeben, müssen wir aber auch diejenigen rechnen, die aus dem besonderen sittlichen und religiösen Character des Zeitalters entspringen, dem wir angehören: auch hier ist die Gefahr, uns zu versündigen, eine zwiefache! Denn beides ist Sünde, sowohl, wenn wir das Gute, das unsrer Zeit eigen ist, uns nicht zu Nutze machen, als auch, wenn wir von den bösen Zeitströmungen uns fortreißen lassen. In der Gegenwart hat der Geist der Lüge, der Selbstsucht und der Lüsternheit weit und breit sein Wesen; der alte böse Feind, mit Ernst er's jetzt meint; aber auch der Geist der Wahrheit und der Liebe hat sein Werk in der Christenheit; auch der Herr Christus ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben; da ist Gefahr genug vorhanden hier, zu widerstreben, dort, sich verführen zu lassen. Außer den zahllosen Versuchungen, welche unser Lebensberuf und unsre Lebensverhältnisse mit sich bringen, gibt es indes noch eine andre große Klasse von Versuchungen: es sind diejenigen, welche sich an die Ereignisse unseres Lebens ketten. Alles, was wir für uns allein oder mit andern erleben, bringt uns entweder Freud oder Leid; und in beiden, in der Freude und im Leide liegende besondere Gefahren. Widerfährt uns Frohes, so ist die Gefahr da, dass wir des Dankes gegen den Herrn vergessen, dass wir zum Missbrauch der guten Gabe Gottes, zur Unmäßigkeit, und zum Übermut uns verleiten lassen, und dass das Erdenglück, die Lust der Sinnen, die Ehre der Welt uns zum Taumelkelche wird. Nicht minder haben auch die Leiden und Trübsale ihre Gefahren; nicht umsonst nennt die Heilige Schrift sie Anfechtungen. In jedem Leiden stellt uns Gott eine Aufgabe: in jedem Leiden sollen wir Geduld und Ergebung beweisen, in jeder Trübsal sollen wir auf Gott unsre Zuversicht setzen und bei ihm unsern Trost suchen; aus jeder Not sollen wir Segen schöpfen; im Feuerofen des Elends soll unser Herz von Sünden und Schlacken gereinigt werden, wie das Gold, unser Glaube soll gefestigt werden, wie der Stahl, unser Eigenwille soll vernichtet werden, wie das Holz, das zu Asche verbrennt. Ist es die von Gott gestellte Aufgabe, dass der von Leiden Angefochtene solches Verhalten beweise und solche Frucht aus seiner Trübsal gewinne, so liegt vor jedem Leidenden die Gefahr, dass er es hieran fehlen lasse.

Aber nicht bloß die Gelegenheit, das Gute zu versäumen, bringt die Not mit sich, sondern auch Reizungen zum Argen, zum Murren und Trotzen, zum Sorgen und Zweifeln, zu selbstsüchtiger Verschlossenheit und liebloser Teilnahmslosigkeit, zu hoffnungslosem Verzagen und zur eigenmächtigen Selbsthilfe, zu untätiger Feigheit und zu verbrecherischer Frechheit. Lieben Brüder: wir stehen jetzt alle unter dem Druck einer schweren und ernsten Zeit. Auch diese von Gott verhängte Drangsalszeit stellt uns Aufgaben. Sie verlangt Beugung unter Gottes gewaltige Hand und Vertrauen auf seinen starken Arm, und sie verlangt Umkehr von den Wegen des Unglaubens und der Ungerechtigkeit. Sie verlangt Betätigung des Opfermutes für das Vaterland, für die notleidenden Brüder und für so manches Werk in Anstalten der Christenliebe, die in dieser Zeit besonders der Unterstützung bedürfen; sie verlangt Entschlossenheit, dem zu entsagen, was Gott uns versagt, und zu tragen, was Gott uns auferlegt hat und auflegen wird; sie fordert Treue in der Fürbitte für König und Vaterland, sie fordert Friedfertigkeit unter den Parteien und einmütige Hingebung an die große, gemeinsame Sache. Darum tritt gegenwärtig einem Jeden die Gefahr nahe, in Erfüllung der Aufgaben, welche die Gegenwart ihm stellt, dahinten zu bleiben und statt dessen sich zur Verzagtheit oder zum Übermut, zu Eigensinn und Selbstsucht oder auf andere böse Wege treiben zu lassen.

Kein Zweifel also, wir sind überall und zu aller Zeit von tausendfältigen Gefahren, uns zu versündigen umringt; auf Schritt und Tritt umgeben uns Versuchungen auf dem Wege unseres Berufs, in den Verhältnissen und Ereignissen unseres Lebens. Aber, woher kommt es doch, dass Alles, was uns umgibt, und Alles, was wir erleben, uns Gelegenheit zum Sündigen werden kann? Woher anders, als von der Verderbtheit, Verkehrtheit, Schwachheit unserer Natur? Fänden die Feuerfunken des Bösen keinen Zunder in uns, so würden sie niemals zünden; stießen die Aufforderungen zum gottgefälligen Tun und Lassen nicht in uns auf Widerstand, so würden sie uns keine Gefahr bringen. Aber, wie steht's? Selbst, wo durch Gottes Bewahrung, Zucht und Gnadenwerbung der Geist willig ist, ist das Fleisch doch noch schwach und nur allzugeneigt, den Lockungen des Argen Gehör zu geben, sich zur Hoffart und Eitelkeit verführen, in Wollust und Sicherheit einschläfern zu lassen, nur allzu widerwillig und widerstrebend, wenn es gilt, sich selbst zu verleugnen, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christo nachzufolgen. David, der Mann nach dem Herzen Gottes, ist der Versuchung erlegen; Petrus, der Felsenmann, hat einen tiefen Fall getan. Niemand kann sich auf die Redlichkeit seines Herzens, auf die Festigkeit seines Charakters, auf die Kraft seines Willens verlassen und wähnen, er sei sicher: solcher Sicherheitswahn ist der Anfang der Falles. „Wer sich dünken lässt, er stehe, sehe wohl zu, dass er nicht falle.“ Wer nicht sein Auge verschließt gegen die Sündenerkenntnis, wer nicht die Erfahrungen, die er an sich selbst gemacht hat, vergisst, der kann nicht mit stolzem Selbstvertrauen auf die Gefahren sehen, die ihn umringen; die Unzuverlässigkeit und die Unbeständigkeit des Herzens, so manche niederbeugende Erfahrung seines vergangenen Lebens, müssen ihn vielmehr bange machen vor sich selbst, müssen ihn treiben, Bewahrung, Hilfe und Kraft zu suchen bei dem Vater im Himmel und ihn anzuflehen in Jesu Namen: Führe uns nicht in Versuchung.

II.

Wir haben gesehen, Geliebte, was uns zu dieser Bitte treiben muss: nämlich: die Menge der Gefahren, die uns umgibt, und unser Unvermögen, diese Gefahren in eigener Kraft zu bestehen.

Wir haben weiter zu fragen, was wir denn mit der Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“, von Gott begehren.

Bitten wir etwa, der Vater im Himmel wolle uns niemals in Lagen kommen lassen, wo eine Gefahr zum Sündigen uns antritt? Das hieße, den himmlischen Vater bitten, er wolle aufhören, uns zu erziehen - sicherlich keine Bitte, wie sie Kinder an ihren lieben Vater richten. Oder es hieße Gott bitten, er wolle uns die für uns bestimmte Lebensarbeit abnehmen - sicherlich keine Bitte, wie sie willige und getreue Knechte an ihren Herrn richten. Eines Jeden Lebensarbeit besteht darin, dass er an seinem Ort und Teil das Gute tut, das ihm obliegt, und das Böse meidet, wozu der Anlass und Anreizung ihm im Wege liegt. Das Böse, was uns reizt, rührt freilich nicht von Gott her; von ihm sagt die Schrift: „Gott ist nicht ein Versucher zum Bösen, Er versucht Niemand,“ wohl aber ist es Gott, der uns in unsrer Lebensführung die Aufgabe stellt, die an uns herantretenden Heizungen zum Bösen zu überwinden und durch ihre Überwindung innerlich zu erstarken. So erzieht uns Gott in der Zeit für die Ewigkeit, im irdischen Leben für die Krone des ewigen Lebens; er führt uns so, dass das Böse, was in uns ist, aus seinen Schlupfwinkeln heraus muss, damit wir es erkennen, bekämpfen und besiegen durch die Kraft der göttlichen Gnade; daher heißen diese erziehenden, mit Versuchungen verknüpften Führungen Gottes auch Prüfungen: sie sollen das Verborgene des Herzens an den Tag bringen, durch sie sollen die Schwachen bewährt und erprobt werden. Darum können wir sicherlich Gott nicht bitten sollen, dass er uns niemals in Lagen führen wolle, wo Pflichten zu erfüllen, Übertretungen zu meiden sind. Worum wir ihn aber bitten können und sollen, das ist zuerst: er wolle uns nicht über Vermögen versucht werden lassen und schaffen, dass die Versuchungen so ein Ende gewinnen, dass wir es können ertragen. Wir haben früher erkannt, dass Niemand beim Kämpfen gegen die Versuchungen auf seine Kraft sich verlassen darf, dass wir vielmehr alle Ursache haben, uns selbst zu misstrauen. Aber es gibt doch Unterschiede unter denen, die zu beten haben: Führe uns nicht in Versuchung! Es gibt unter ihnen solche, die erst angefangen haben, Gott zu fürchten, und solche, die bereits durch den Glauben Kinder Gottes geworden sind; es gibt unter diesen wiederum solche, die erst des Geistes Erstlinge haben und solche, deren Herz fest geworden ist durch Gnade und die bereits feste und gewisse Tritte tun auf dem Wege des Lebens. So hat die Tragkraft und die Widerstandskraft den Versuchungen gegenüber ihre verschiedenen Maße und ihre Stufen; beten wir also: führe mich nicht in Versuchung, so bitten wir also Gott, er wolle uns keine Wege führen und in keine Lage bringen, wo wir Kämpfe zu bestehen hätten, in denen wir erliegen müssten, weil das Maß unsere Widerstandskraft übersteigt; er wolle vielmehr alle Verlockungen und Reizungen, denen wir nach dem Maß unsrer Schwachheit nicht Stand halten könnten und die uns wie im Sturm dahin raffen und zu Boden reißen müssten, in Gnaden ferne von uns treiben; er wolle auch insonderheit keine Trübsale uns auflegen, die uns so stark zum Abtreten von dem lebendigen Gott versuchen, dass wir nicht widerstehen könnten.

Indem wir aber so bitten, bekennen wir, dass Gott, der Vater im Himmel, am besten weiß, was wir tragen können und welcherlei Führungen zu unserer Prüfung und Erziehung die heilsamsten sind, und damit willigen wir darein, dass er uns in seine Zucht und Schule nehme, nach dem Wohlgefallen seiner Weisheit.

Aber wir bitten ihn dann auch weiter, dass er uns in allen Lagen und für alle Tage unseres Lebens mit Kraft aus der Höhe ausrüsten wolle, dass wir den Kampf, der uns verordnet ist, bestehen mögen. Das kann aber nur geschehen durch fortgehende Erneuerung im Geiste des Gemüts und durch ein williges Anziehen des neuen Menschen; so bitten wir denn: Gott wolle durch seinen Geist solche Liebe zu ihm, solche Furcht vor ihm, solch himmlischen Sinn in uns pflanzen und mehren, dass alle von außen kommende Reizung zum Bösen in uns keine Anknüpfung mehr finde, und nichts uns mehr zum Fall und Abfall bringe.

Aber wir wissen, an dieses Ziel kommen wir nach Gottes Ordnung nicht mit einem Mal, ja im besten Fall kommen wir ihm hienieden nur immer näher, vollkommen erreicht wird es erst droben. Weil wir denn das wissen, so bitten wir in der sechsten Bitte auch den Herrn, dass er uns, wenn wir straucheln und fallen, doch ja zu rechtzeitiger und rechtschaffener Buße helfen möge, damit wir wieder aufgerichtet werden aus unserm Fall und nicht liegen bleiben und tiefer und tiefer sinken. Eben hiermit kommen wir auch an den Punkt, wo es klar wird, warum wir um solches Alles bitten können mit dem Worte: Führe uns nicht in Versuchung! Es ist nämlich das Gottesgericht über die, welche sich leichtfertig dem Sündendienst ergeben und unbußfertig in der Sündenliebe beharren, dass sie aus einer Versuchung in die andere fallen und immer mehr Sklaven der Sünde werden. Wer nicht wider die Versuchung betet, wacht und streitet, den gibt Gott dahin in seines Herzens Gelüste, dem wird mehr und mehr Alles zur Verlockung und zum Fall; der gerät immer tiefer hinein in die Unbußfertigkeit und Verhärtung und häuft sich immer mehr Zorn auf den Tag des Zornes und des gerechten Gerichtes Gottes. Vor solchem Wege und Ende begehren wir durch Gottes gnädiges Erbarmen bewahrt zu werden, wenn wir bitten: „Führe uns nicht in Versuchung!“ und dagegen begehren wir, dass uns die Treue bis in den Tod und danach die Krone des Lebens geschenkt werde, aus lauter Gnaden, um Christi unseres Heilandes willen.

Solches bitten wir aber nicht allein für uns, sondern auch für Weib und Kind, für Bruder und Schwestern, für unsern Nächsten insgemein.

Gottlob, dass wir so beten dürfen, dass wir nicht auf uns selbst gestellt sind im Kampfe des Lebens, dass wir vielmehr einen Vorkämpfer und Mitstreiter, einen Durchbrecher aller Bande und Erlöser aus allem Übel haben an dem, der uns geliebt hat und gewaschen von unsern Sünden mit seinem Blut und hat uns gemacht zu Königen und Priestern Gott und seinem Vater demselbigen sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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