Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Und vergib uns unsre Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldigern!
Ev. Matthäi 6, V. 12.
Mit einem „und“, Geliebte in dem Herrn, knüpft sich die Bitte um die Vergebung der Schulden an die Bitte um die Gaben des täglichen Brotes. Nur hier, zwischen der vierten und fünften und sodann zwischen der fünften und sechsten Bitte steht solch ein verknüpfendes „Und.“ Gewiss ist das nicht ohne Bedeutung. Das erste „Und“ sagt uns, dass der kein rechter Beter ums tägliche Brot wäre, der nicht auch die Bitte um Vergebung auf dem Herzen hätte; das zweite dagegen bezeugt, dass die Bitte um Vergebung der Schulden nur da rechter Art ist, wo man der Sünde Feind ist und darum auch von Herzen bittet: Führe uns nicht in Versuchung.
Warum gibt's denn kein rechtes Bitten ums tägliche Brot ohne damit verbundenes Anhalten um Vergebung der Schulden? Wer Gott um Gaben bittet ohne das Bewusstsein und Bekenntnis, dass er Vergebung bedarf, der gebärdet sich, als hätte er ein Recht, Gottes gute Gaben zu verlangen: ein hoffärtiger Beter aber ist kein rechter Beter; so oft wir von Gott etwas begehren, muss es in unserm Herzen heißen: „wir sind des keines wert, das wir bitten, habens auch nicht verdient.“ Und weiter: wer Gott um Brot für den Leib bittet, und nicht ums Heil für die Seele, der tut, als lebte er vom Brot allein und zeigt, dass er an dem, was hienieden ist, genug hat und nach dem, was droben ist, nicht begehrt; ein irdisch gesinnter Beter aber, der seine unsterbliche Seele versäumt, und nach dem ewigen Leben nicht trachtet, ist kein rechter Beter; wer betend vor Gott tritt, der muss es wissen und glauben, dass es dem Menschen nichts hilft, wenn er die ganze Welt gewönne, wenn seine Seele verloren geht.
Ja, Geliebte, weil wir Menschen sind, die Leib und Seele haben, weil wir Sünder sind, die Strafe verdienen und Gnade bedürfen, weil wir Christen sind, die Gott als allmächtigen Schöpfer und als heiligen und barmherzigen Vater kennen und anrufen, darum müssen wir nach der Bitte: „gib uns unser täglich Brot“, weiter bitten: „Und vergib uns unsre Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“
Die fünfte Bitte enthält ein Dreifaches, ein Bekenntnis, ein Bittgesuch und ein Gelöbnis; und indem sie dieses Dreifache enthält, hält sie uns dreierlei vor,
1. dass wir Schulden haben,
2. dass wir Vergebung bei Gott suchen müssen und finden können,
3. dass wir verpflichtet sind unsern Schuldigern zu vergeben.
Wir bleiben heut bei den ersten beiden Punkten stehen und behalten uns also vor, die zweite Hälfte der fünften Bitte: „wie wir vergeben unsern Schuldigern“ so Gott will, am kommenden Sonntag näher zu betrachten.
I.
Die fünfte Bitte redet von unsrer Schuld, oder, wie es an der andern Stelle, wo das Vater unser sich findet, Evangelium Lukas 11, lautet: von unsern Sünden. Indem der Herr unter die sieben Bitten die fünfte aufgenommen hat, hat er nachdrücklich die Wahrheit bekräftigt, dass alle Menschen Sünder sind, denn das Gebet des Herrn, mit der Bitte: Vergib uns unsere Schuld! ist ein Universalgebet, ein Gebet für Alle; die lallenden Kinder und die stammelnden Anfänger sollen an ihm beten lernen, und die gereiftesten Christen, die geheiligtsten Kinder Gottes beten es nicht aus. Es gibt keinen unter allen Menschen, der noch kein Sünder wäre; denn wir sind in Sünden geboren, es gibt keinen, der kein Sünder mehr wäre; Niemand trägt schon hienieden die Krone der Gerechtigkeit und das unbefleckte weiße Kleid der Heiligkeit. Das Bekenntnis: „wir sind Sünder“ gehört in aller Menschen Mund! darinnen ist kein Unterschied. Indem aber der Herr uns täglich bitten heißt: „Vergib uns unsre Schulden“, wie wir täglich beten sollen: „Gib uns heute unser täglich Brot“, so spricht er uns und allen Menschen das Urteil, dass wir alle Tage uns mit Sünden beflecken und mit Schuld beladen, wie es ja auch in Luthers Erklärung heißt: „denn wir täglich viel sündigen.“ Und diese täglichen Versündigungen und Verschuldungen sind es vornehmlich, auf welche die fünfte Bitte zielt; daher sie auch nicht lautet: Vergib uns unsre Schuld, sondern unsre Schulden und Sünden. Dass wir Sünder sind und alle Tage Unrecht tun, das sollen wir also im Gebete dem Vater im Himmel sagen und bekennen; solches Bekenntnis darf aber nicht von den Lippen allein, es muss aus dem Herzen kommen, wie Alles, was wir im Gebet vor Gott aussprechen. Wir sollen wahr sein gegen den Gott der Wahrheit. Soll aber das Bekenntnis unserer täglichen Versündigung vor Gott wahr sein, dann muss es die Frucht täglicher Selbstprüfung sein. Wenn wir täglich uns selbst prüfen und bei dieser täglichen Selbstprüfung wahr sind gegen uns selbst, dann wird unser Bekenntnis, dass wir täglich viel sündigen, niemals ein Nachsprechen, ein unheiliges und den Namen Gottes entheiligendes Wortemachen sein. Nicht als ob alle Tage das Ergebnis der Selbstprüfung ein gleiches sein müsste: nein, anders wird dein Herz reden nach einem Tage, an welchem du der Versuchung erlegen bist, als nach einem solchen, wo du, ob auch nicht ohne Wunde im Kampf wider sie obgesiegt hast; anders wirst du zurückblicken auf deinen Tageslauf, wenn du einen Fall getan, als wenn deine Füße zwar nicht rein von Erdenstaub, aber doch vorm Straucheln bewahrt geblieben sind. Aber es wird keinen unter allen Tagen geben, wo wir nicht Ursache genug fänden, uns vor dem Vater im Himmel zu schämen und uns von Herzen schuldig vor ihm zu bekennen, wenn wir anders wahr sind gegen uns selbst. Wenn wir an die fünfte Bitte kommen, dann haben wir schon die Anrede und die vier ersten Bitten gesprochen. Wo wäre wohl ein Tag in unserm Leben, an dem nicht der Vatername unser Herz des Undankes und der Kälte anklagte und an dem wir uns vor dem Heiligen, der im Himmel thront, nicht gestraft fühlen müssten in unsrer Unreinigkeit? an dem uns nicht die vier ersten Bitten einen beschämenden Spiegel vorhielten? Du bittest um die Heiligung des göttlichen Namens! So prüfe dich denn, ob du dich nicht der Entheiligung des göttlichen Namens schuldig gemacht! Wie vielfach kann das geschehen durch gottloses Reden und Tun, durch halbwahren oder unwahren Gebrauch heiliger, gottseliger Worte, durch Verleugnen und feiges Verschweigen der Wahrheit, durch Lässigkeit im Gebet, durch Gleichgültigkeit oder Stumpfheit gegen Gottes Wort, durch Missachtung des Tages des Herrn und so fort! Du bittest um das Kommen des Reiches Gottes! Prüfe dich, ob du mit allem Ernst nach dem Reich Gottes getrachtet und mit aller Treue für das Kommen desselben gewirkt hast, ob du nicht nach weltlichen, zeitlichen Gaben mit einem Eifer gejagt hast, der im Widerspruch stand mit dem Gebot des Herrn: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit;“ ob du nicht Werke getan, Worte geredet, Gedanken gehegt hast, durch welche das Kommen des Reiches Gottes bei dir und bei anderen gehindert worden ist. Du betest: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.“ Da gilt's zu fragen, ob du selbst dem Willen Gottes gehorcht durch treue Erfüllung deiner Pflicht, durch geduldiges Tragen der Last und Hitze des Tages, oder ob du dem Eigenwillen gedient, oder in deinem Eigensinn getrotzt und gemurrt, gezürnt und gezittert hast!
Du bittest ums tägliche Brot! Da siehe zu, ob du nicht schamrot werden musst, weil du der Ungenügsamkeit und des Undanks des Geizes oder der Üppigkeit, des unredlichen Erwerbes oder des Missbrauchs der göttlichen Gaben oder der Hartherzigkeit gegen den Nächsten dich anklagen musst. Wer so forscht, prüft, untersucht, mit Wahrheit und Strenge gegen sich selbst, für den wird wahrlich niemals der Tag kommen, wo er bei sich sprechen möchte: heute bin ich nicht unter denen, die zu beten haben: „Vergib uns unsre Verschuldungen.“
Nein, alle Tage wird er sündliche Begehungen und Unterlassungen bei sich entdecken, alle Tage wird er erkennen, dass auch an seinem besten Tun Unvollkommenheiten und Befleckungen haften, alle Tage wird ihn die Erfahrung seiner menschlichen Schwachheiten, Übereilungen und Missetaten mit David sprechen lehren: „Wer kann merken, wie oft er fehle; vergib mir auch die verborgenen Fehler!“
Aber, Geliebte in dem Herrn, das Bekenntnis, welches die fünfte Bitte in sich schließt, bezieht sich nicht bloß auf die Flecken und Fehltritte des eigenen Lebens das Wort „unsre Schuld, unsre Sünde“ umfasst auch das Böse, das andere tun. Nicht bloß die eigenen Sünden gehen uns an, sondern auch die Sünden unsrer Brüder, die Sünden unseres Hauses, unserer Gemeinde, unserer Stadt, unseres Landes, unserer Zeit! Sie gehen uns an nicht bloß, weil die Liebe uns treiben soll, unserer Mitsünder fürbittend zu gedenken, sondern weil ihre Sünden uns mit verklagen vor Gott. Für sich allein steht keiner im Leben, und keiner sündigt für sich allein. Jeder wirkt durch Wort und Tat und Beispiel auf Andere, und diese tragen den erfahrenen Einfluss weiter; so bleibt keine Sünde, die du tust, im engen Umkreis des Eigenlebens beschlossen, sie greift hinüber in das Leben des Nächsten, und mit all deinem Übeltun bist du hinein verflochten in die Gesamtsünden deiner Umgebung, deines Volkes und deiner Zeit; nur dann hättest du an ihrer Gesamtschuld keinen Teil, wenn du niemals böse Saat gesät und wenn du stets mit allem Eifer, nach deinem Vermögen, dem Bösen gesteuert hättest.
II.
Vergib uns unsre Schulden! ja, Geliebte, so müssen wir bitten. Wo Sünde ist, da ist Schuld; wo Schuld ist, da ist Vergebung nötig.
Das wollen freilich Viele nicht gelten lassen, dass die Sünde schuldig macht vor Gott, und dass der Sünder Vergebung bedarf von Gott. Sie wollen nur von Besserung hören. Woher kommt es, dass diese Meinung und Rede gerade in unsrer Zeit so weit verbreitet ist? Weil unsre Zeit gelernt hat, es mit der Sünde leicht zu nehmen. Das erkennt man wohl an, dass Jeder Fehler hat und Fehltritte begeht, dass Alle Sünder sind und Sünde tun, aber wo ist der Ernst wider die Sünde, aus welchem heraus David gebetet hat: „Gott sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünde nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich erkenne meine Missetat und meine Sünde ist immer vor mir. Verbirg dein Antlitz von meinen Sünden und tilge alle meine Missetat. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.“ Wo ist der Ernst, mit welchem Luther seufzte und schrie: „O meine Sünde, meine Sünde, meine Sünde!“ Warum aber fehlt es unsrer Zeit an diesem Ernst? Weil sie dem lebendigen Gott so fremd geworden ist. Man ist so tief verstrickt in das irdische Getriebe, man ist so ganz versenkt und verloren in irdische Geschäfte und Gedanken, in irdische Pläne, Wünsche, Sorgen, Hoffnungen, Befürchtungen, dass man keine Zeit, keine Ruhe, keine Herzensstille übrig hat, um ernstlich seines Gottes zu gedenken, um andächtig mit seinem Gott zu reden und sein Herz vor ihm auszuschütten. Wie es ein Charakterzug unserer Zeit ist, Alles flüchtig zu behandeln, so behandelt sie auch das Verhältnis zu Gott und den Umgang mit Gott, die Religion und das Gebet, flüchtig und oberflächlich. Wo es aber so ist, da kanns nicht fehlen, dass man es mit der Sünde leicht nimmt, und der Besserung ohne Vergebung das Wort redet. Es heißt in der Tat, es mit der Sünde leicht nehmen, wenn man der göttlichen Vergebung meint entraten zu können. Denn wer das meint, der vergisst, dass die Sünde Abfall von Gott und Krieg wider Gott, dass jede Versündigung eine Art des Ungehorsams und der Auflehnung gegen den allerhöchsten Herrn und allertreuesten Vater ist, und dass dem heiligen Gott alles Böse ein Gräuel ist; wer gegen den Flammenblick der göttlichen Heiligkeit nicht das Auge verschließt, wer die Sprache des Gewissens in seiner Brust, des Gesetzes vom Sinai, des Kreuzes auf Golgatha das Ohr nicht verstopft, der weiß, dass wer sündigt, sich an Gott verschuldet und dass die Schuld auf dem Sünder bleibt, wenn Gottes Vergebung sie nicht wegnimmt. Es heißt aber auch, es mit der Besserung leicht nehmen, wenn man wähnt, die Besserung mache die Vergebung unnötig. Nein, umgekehrt: die Vergebung macht erst die wirkliche Besserung möglich, denn eine wirkliche Besserung kann nicht zu Stande kommen, wo Gott nicht seinen Heiligen Geist gibt, und wie könnte er ihn dem Sünder geben, ohne ihm zuvor vergeben zu haben? Böse Gewohnheiten ablegen, grobe Übertretungen meiden, sich zu pünktlicher Erfüllung seiner Berufspflicht anhalten, ja, selbst Taten der Verleugnung vollbringen das kann der Mensch durch eigene sittliche Anstrengung, aber das Herz von Grund aus erneuern und von sich selbst frei zu machen, die Liebe zu Gott und dem Heilande an Stelle der Eigenliebe und Weltliebe zum tiefsten und herrschenden Beweggrunde des Lebens zu machen, das vermag nur der Geist Gottes; wahre Besserung, die diesen Namen verdient, ist nicht da, wo der Dienst des eigenen Ich sich nur in die innerste Herzkammer zurückzieht, sondern nur da, wo das Herz umgewandelt und das Leben von Innen heraus geheiligt wird.
So mahnt also die Bitte: Vergib uns unsre Schuld! Alle, die sie beten, es ernst zu nehmen mit der Sünde, und mit der Besserung von Sünden.
Denen, die noch keine Vergebung für die Schuld ihres Lebens gesucht und gefunden haben, sagt's diese Bitte immer aufs Neue, dass sie mit aller Besserung noch auf dem breiten Wege sind, der zur Verdammnis abführt, so lange sie nicht mit dem Zöllnergebet: Gott, sei mir Sünder gnädig! sich vor dem Vater unseres Herrn Jesu Christi gebeugt und das Zeugnis der göttlichen Vergebung und Begnadigung empfangen haben! Aber auch die, welche das Zeugnis der Rechtfertigung und der Gotteskindschaft haben, und welche im Glauben triumphieren können: „Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, welcher auch auferwecket ist und ist zur Rechten Gottes und vertritt uns“ auch sie ruft die fünfte
Bitte zum Ernst. Wie der Anfang wahrer Besserung bedingt ist durch die Vergebung der Sünden, so auch das Wachsen und Fortschreiten in der Heiligung. Unvergebene Versündigungen sind ein Bann auf dem Herzen, ein Bleigewicht an den Füßen, ein Hemmnis auf dem Wege; soll's keinen Stillstand, soll's keinen Rückfall geben, dann gilt's, mit Wachsamkeit und Selbstprüfung zu wandeln, dann gilt's, täglich mit sich ins Gericht zu gehen, und mit Demut und Buße sich vor Gott zu beugen, dann gilt's mit Davidsbuße, mit Petrusbuße sich dem Herrn zu Füßen zu werfen, wenn ein Fall geschehen. So wir unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reiniget uns von aller Untugend.“
Ja, Geliebte, dieselbe fünfte Bitte, welche uns zum Ernst wider die Sünde ruft, sie verkündet uns auch den Ernst der göttlichen Gnade. Der Herr Jesus Christus lehrt uns beten: „Vergib uns unsre Schulden,“ so wissen wir es also, solch Gebet darf vor dem Vater im Himmel laut werden. Ja, die fünfte Bitte predigt uns, dass bei dem Herrn die Gnade ist und viel Erlösung bei ihm; sie predigt uns, dass es ein Lamm Gottes gibt, welches der Welt Sünde getragen hat - dass es einen hohenpriesterlichen Fürsprecher gibt, der uns beim Vater vertritt - dass der Vater im Himmel sich über Alle, die im Namen Jesu zu ihm kommen, erbarmt, und ihre Missetat vertilget wie eine Wolke und ihre Sünde wie einen Nebel. „Vergib uns unsre Schulden.“ Diese Bitte mahnt uns zum Ernst wider die Sünde, sie lockt uns zum Glauben an den Reichtum der Gnade Gottes in Christo Jesu! Der Vater im Himmel ruft durch sie: „Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!“ Lasst uns seinen Ruf hören und lasst uns ihm antworten, indem wir aus bußfertigem und gläubigem Herzen rufen: „Unser Vater im Himmel: Vergib uns unsre Schulden!“
Amen!