Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Unser täglich Brot gib uns heute.

Ev. Matthäus 6, V. 11.

„Ihr sollt nicht sorgen und sagen: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? nach solchem allen trachten die Heiden!“ so spricht unser Herr. Wie? bedürfen etwa die Christen keine Nahrung und Kleidung? Oder haben sie keine Verpflichtung, ihr Haus zu versorgen und ihr Tagewerk zu beschicken? Dass der Herr unser Bedürfnis kennt und nicht leugnet, bezeugt er, indem er nach dem Ausspruch: „nach solchem allen trachten die Heiden,“ sobald fortfährt: „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles bedürft.“ Dass aber auch die Christen von der Mühe ums äußere Bestehen, von der Fürsorge für das irdische Wohlergehen nicht entbunden sind, das erweist zur Genüge der eine Ausspruch heiliger Schrift: „So Jemand die Seinen, insonderheit seine Hausgenossen nicht versorgt, der ist ärger, als ein Heide.“ Auf der einen Seite das strenge Verbot der Sorge, auf der andern das unabweisliche Bedürfnis und die unerlässliche Pflicht, sind das nicht zwei harte Mühlsteine, zwischen denen das arme Menschenherz gerieben und gemahlen wird. Nein, der Herr spricht: „Ihr sollt nicht sagen: was werden wir essen, was werden wir trinken?“ aber derselbe Herr spricht auch: „Ihr sollt beten und sagen: Vater im Himmel, gib uns Nahrung und Kleidung und was zu unserer leiblichen Notdurft und irdischen Wohlfahrt gehört. Gib uns heute unser täglich Brot.“ Im Gebet ums tägliche Brot geht die heidnische Sorge unter, kommt das menschliche Bedürfnis und die christliche Verpflichtung zu ihrem Recht. Wir haben heut die vierte Bitte, welche das Gebet ums tägliche Brot enthält, zu betrachten; wir wollen es so tun, dass wir jedes einzelne Wort der Bitte: „Unser täglich Brot gib uns heut,“ ins Auge fassen.

O wie köstlich ist es, dass der Herr uns auch ums Brot bitten lehrt. Nicht bloß von seinem Namen, seinem Reich und Willen, sondern auch von unsern Angelegenheiten dürfen wir mit dem himmlischen Vater reden; nicht bloß unsere geistlichen Anliegen, Nöte und Bedürfnisse dürfen wir ihm vortragen, wir dürfen auch um unsere leibliche Nahrung und irdische Notdurft bei ihm anklopfen. Sein Herz ist uns Vater- und Mutterherz in Einem. Wie die jungen Vöglein im Nest nach ihrer Mutter schreien, wenn sie hungert, wie ein Kindlein im Hause, wenn die Stunde da ist, bei der Mutter nach Speise sucht, so dürfen und sollen wir, was uns am Zeitlichen mangelt, dem Herrn klagen, und was wir zum Leben bedürfen, vom Herrn erbitten. Denn das Alles umfasst die Bitte ums Brot. Mit Recht sagt Luther: „Wenn du um das tägliche Brot bittest, so bittest du um Alles, was dazu gehört, um das tägliche Brot zu haben und dagegen auch wider Alles, so dasselbe hindert. Darum musst du die Gedanken auftun und ausbreiten, nicht allein in den Backofen oder Mehlkasten, sondern ins weite Feld und ganze Land.“ Daher zählt er denn auch im kleinen Katechismus 22 Stücke auf, die zum täglichen Brot gehören, neben dem Essen und Trinken auch Gesundheit und Ehre, neben dem guten Wetter auch gutes Regiment, neben dem Hausfrieden auch den Landesfrieden! Der ewige Gott, den der Himmel Himmel nicht zu fassen vermögen, ist nicht zu erhaben, um an unsre kleinen Erdenbedürfnisse zu gedenken, er ist nicht zu geistig, um sich mit unseres Leibes Notdurft und Nahrung abzugeben, nein, er lässt uns durch seinen lieben Sohn sagen, dass wir zu ihm rufen dürfen: gib uns Brot!

Zu solchen Bitten uns Brot sind wir aber noch nicht geschickt, wenn wir bloß wissen, wir bedürfen des Brots; wir müssen auch wissen, Gott allein kann uns Brot geben, und jeder Bissen Brots, den wir hinnehmen und genießen, jeder Augenblick des Lebens, da wir das Licht sehen und die Luft atmen, den haben wir von ihm, dem einigen Geber aller guten Gaben für Seele und Leib. Davon predigt das Wörtlein: gib! Heutzutage wollen so manche davon nichts hören. Sie sagen lieber mit den Heiden: Die Erde oder die Natur gab das Brot für uns her, und der Zufall oder das Schicksal werfen es uns zu. Und diese heidnische Torheit rühmen sie wohl noch als neue Weisheit und fortgeschrittene Bildung. Unglückselige Leute! Die nichts wissen und nichts wissen wollen von dem Vater im Himmel, dessen Herz für sie schlägt, dessen Hand ihr Leben und die ganze Welt regiert. Christenmenschen aber wissen es: der Herr ist's, der Herr allein, der Gras wachsen lässt für das Vieh und Saat zu Nutz der Menschen. Er bringt Brot aus der Erde und gibt allem Fleisch Speise zu seiner Zeit. Menschen arbeiten, Regen und Sonnenschein sind des Herrn Gabe und Werkzeuge und was sie ausrichten ist sein Werk. Die Erde ist die Werkstätte, in der der Herr das Brot für uns bereitet, der Acker ist der Knecht, der uns zutragen muss, was der Herr spendet:

Was sind wir doch? was haben wir
Auf dieser ganzen Erd,
Das uns, o Vater, nicht von Dir
Allein gegeben werd?'
Wer gibt uns Leben und Geblüt,
Erhält mit seiner Hand
Den goldnen, edlen, werten Fried
In unserm Vaterland?
Ach Herr, mein Gott, das kommt von Dir,
Du, Du musst alles tun,
Du hältst die Wach an unsrer Tür
Und lässt uns sicher ruhn! 1)

Das ist die uralte und immer wieder neue Weisheit der Kinder Gottes. Was auch menschliche Entdeckung und Forschung leisten mag, dahin vermögen sie es nimmer und nimmer zu bringen, dass diese einfältige Weisheit veraltet, denn sie ist unvergänglich und ewig jung.

Doch, es ist nicht bloß die Schöpferherrlichkeit Gottes, auf die wir schauen und bauen bei der Bitte: Gib uns Brot sondern auch seine gnädige Vatergüte. Der Herr schafft nicht bloß Brot, er gibt es uns auch. Sein Geben ist ein reines Geben, ganz frei und ohne Zwang, ganz umsonst und ohne Lohn, ganz unverdient aus lauter Güte und Huld. So kann ein Mensch nie geben. Nur Gottes Geben ist ein Geben, das nichts als Geben ist. Woher könnte ihm ein Zwang kommen? Er ist der Herr aller Herren und aller Dinge. Nach welchem Lohn sollte ihm gelüsten? Er ist der Selige, der nichts bedarf, der Allgenugsame, dem Niemand etwas geben kann. Und wer dürfte sich rühmen, der Herr sei ihm auch nur eines Hellers wert schuldig? und er empfange vom Herrn auch nur ein Bisslein trocknen Brotes verdientermaßen? Wir doch wahrlich nicht, die wir in Sünden empfangen und geboren sind; und nicht aufhören zu sündigen bis unsre Augen im Tode brechen. Wir doch wahrlich nicht, die wir alle Tage nach dem Bitten ums Brot fortzufahren haben: Vergib uns unsere Schuld! und zu denen der Herr ach so oft sprechen muss: „was habe ich euch getan, dass ihr von mir weicht und mein vergesst?“ Nein, es ist Gottes freie unverdiente Güte und Gnade, welche uns mit Brot und Speise versorgt, welche uns das Leben und den Odem bewahrt, welche uns mit Maßen züchtigt und aus Nöten errettet!

Darum, Geliebte, wenn wir recht bitten, dann klingt durch das Bittwort: Gib! auch der Ton des Dankes für Alles, was der Herr, der allmächtige und gnädige Geber in der Höhe bisher gegeben. Wir haben seine Gaben, mit denen Er uns seither täglich und reichlich versorgt, nicht verdient, aber Er, der Vater im Himmel, hat unsern Dank reichlich und überschwänglich verdient. Gott der Herr bedarf unseres Dankes nicht, er wird nicht ärmer, wenn wir ihn des Dankes, den wir ihm schuldig sind, berauben; aber wir werden ärmer und die Gabe, die wir ohne Dank empfangen, wird für uns geringer und schlechter. Ist's nicht auch unter Menschen so, dass eine geringe Gabe uns köstlich und wertvoll wird durch die Liebe, von welcher sie uns dargereicht wird und von der sie ein Pfand und Zeichen ist? So ist's auch mit Gottes Gaben. Wer die Gabe Gottes hinnimmt, wie einen zufälligen Straßenfund, oder wie ein ihm zukommendes Deputat, der schmeckt und sieht in ihnen nichts von der Freundlichkeit Gottes! Wie köstlich, reich und edel werden uns dagegen auch die irdischen Gaben und Freuden, wenn wir sie dankbar aus der Hand Gottes hinnehmen: sie sind uns dann nicht bloß Mittel zur Befriedigung unserer sinnlichen Bedürfnisse und Begierden, sondern sie verklären sich uns zu Zeugnissen und Zeichen der Huld und Freundlichkeit unseres himmlischen Vaters, sie tragen für uns den Stempel einer höheren Weihe als Geschenke einer Liebe, welche höher und tiefer, reiner und reicher, treuer und wahrer ist, als die treueste und edelste Liebe, die je in eines Menschen Herz gekommen ist. Ja, wahrlich, es ist nicht bloß Pflicht und Gebot, es ist auch Lust und Weisheit, dem Herrn zu danken für seine Gaben. Wenn wir allewege mit kindlichem Dank zum Herrn sprechen: Gib uns Brot! Dann werden wir es auch mit dem rechten kindlichen Vertrauen sprechen. Du siehst vielleicht die Not auf dich zuschreiten, hörst wohl schon, wie der Mangel an die Tür klopft, vertraue dem allmächtigen treuen Gott, der Israel in der Wüste wunderbar versorgt, der der Witwe zu Zarpath das Öl im Kruge und das Mehl im Kad mehrte! Vertraue dem Vater und Hüter in der Höhe, dessen Auge nicht schläft noch schlummert, dessen Hand auch heut nicht zu kurz geworden, um denen zu helfen, die ihn anrufen! Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen.

Aber nicht bloß deine Wege und deine Sache sollst du dem Herrn befehlen. Der Herr lehrt uns nicht beten: gib mir Brot, sondern gib uns Brot. Durch das Wörtlein „uns“ wird der Blick, der zum Geber in die Höhe hinausschaut, auch hingelenkt auf die Mitbedürfenden und Mitempfangenden hienieden. Auch unserer Brüder, unserer Mitmenschen sollen wir gedenken, wenn wir ums tägliche Brot bitten. Die vierte Bitte ist eine Lüge im Munde der Scheelsüchtigen, die sich grämen, wenn Gott Andern seine Gaben austeilt, und die sich ärgern, dass ihnen nicht Alles zufällt. Und wie viele gibts unter Reichen und Armen, deren Auge die volle Scheuer, den wachsenden Wohlstand, das blühende Wohlergehen des Nachbarn nicht ansehen kann, ohne dass im Herzen der giftige Neid sich regt! Die vierte Bitte ist eine Lüge auch im Munde der Hartherzigen, die sich mit ihrem Besitz brüsten und mästen und für den Mangel ihrer Mitmenschen kein Herz haben, und ach, wie viele gehören zu denen, über welchen der Apostel Johannes ausruft: Wenn Jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben, und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt die Liebe Gottes bei ihm? So predigt also das Wörtlein „uns“ in der vierten Bitte die Liebe gegen den Nächsten. Es ruft uns zu: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Es mahnt uns: „Lasst uns nicht lieben mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und Wahrheit.“ Es fordert, dass wir bitten und denken Jeder für Alle und Alle für Jeden, und dass wir offene Augen, Herzen und Hände haben für die Not der Dürftigen!

Aber die vierte Bitte enthält noch mehr Worte als die drei: Gib uns Brot! Sie redet zuerst von unserem Brot. Der Herr will mit diesem Wort nicht etwa wieder aufheben, was er uns mit dem „Gib“ gelehrt hat. Er nennt das Brot nicht „unser“ Brot, als ob wir uns Speise und Trank, Gesundheit und Kraft, oder irgendetwas, was zur Notdurft des Lebens gehört, selbst geben und schaffen könnten. Aber er erinnert daran, dass auf Erden auch Brot gegessen wird, auf welches das Wort „unser“ nicht passt, weil es Sündenbrot ist. Unser ist nur, was uns Gott gibt; was ein Mensch eigenmächtig, auf von Gott verbotenen Wegen an sich bringt, das wird darum nicht rechtmäßig das Seine. Zu sündlichem Broterwerb darf Gottes Beistand nimmer erbeten werden; für sündlich erworbenes Brot kann Gott nicht gedankt werden. Das Wörtlein „unser“ schärft der Christenheit die unverbrüchlichen Gottesgebote der Redlichkeit und der Treue ein, und gemahnt an den unvergänglichen Fluch, den Gott auf alle unredliche Hantierung und auf alles schändliche Gewerbe gelegt hat. „Arbeitet mit stillem Wesen und esst euer eigen Brot; denn wer nicht arbeitet, der soll nicht essen“, sagt die Schrift. Und wiederum: Ihr sollt nicht stehlen, noch trügen, noch fälschlich handeln einer mit dem andern. Du sollst deinem Nächsten nicht unrecht tun. Du sollst an deinem Bruder nicht wuchern. „Rechte Waage, rechtes Pfund, rechter Scheffel, rechte Kannen sollen bei euch sein, denn ich bin der Herr, euer Gott.“ „Und wenn Jemand gesündigt hat und sich an der Habe vergriffen, so soll er wiedergeben, was er mit Gewalt genommen, oder mit Unrecht zu sich gebracht, und soll es ganz erstatten!“ Daran gemahnt das Wörtlein „unser“ und es warnt, dass Niemand um zeitlichen Gewinnes willen Brandmale im Gewissen mit in die Ewigkeit nehme, dass Niemand von Not und Hunger seiner Brüder Vorteil ziehe und dass Niemand um schnöden Erwerbs willen die göttliche Werktags- und Sonntagsordnung breche. Es bezeugt, dass der göttliche Schöpfer und Geber auch der allwissende heilige Gesetzgeber und Richter ist, von dem es heißt: „Du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt, und wer böse ist, der bleibt nicht vor dir.“

Eine Mahnung enthält auch das Wort „täglich“. Denn damit, dass dieses Wort in der vierten Bitte steht, werden wir zur Genügsamkeit und Zufriedenheit ermahnt. Wir sollen uns erbitten, was wir täglich bedürfen; was und wieviel uns aber jeden Tag nötig und heilsam ist, das zu entscheiden, sollen wir der Weisheit des himmlischen Vaters heimstellen: nicht umsonst geht der vierten Bitte die Dritte voraus: Dein Wille geschehe! Was der Herr uns jeden Tag zuzumessen für gut findet, das ist das tägliche Brot. Darum predigt uns dieses Wort, was 1. Tim. 6 geschrieben steht: „Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässt ihm genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasst uns genügen. Denn die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke und viele törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen ins Verderben und Verdammnis. Denn Geiz ist eine Wurzel alles Übels, welches hat etliche gelüstet und sind vom Glauben irre gegangen, und machen ihnen selbst viele Schmerzen.“ So oft wir beten: Unser täglich Brot gib uns heute, so oft verdammt unser Mund den Geiz und die Habgier, darum, wer dem Mammon sich zum Knecht begibt und dem düstern Mammonsgeist sein Herz zur Behausung einräumt, der darf diese Bitte nicht in den Mund nehmen.

Ebenso wenig aber darf der finstere Sorgengeist im Herzen hausen, wo der Mund die vierte Bitte spricht: Unser täglich Brot gib uns heute. Dies „heute“ ruft uns zu: „Sorgt nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“ Wer sich um die Zukunft zersorgt und zergrämt, der kann dieses „heute“ in der vierten Bitte nicht mit Wahrheit sprechen. Wenn er sich gebärdet, als wenn Gott morgen und übermorgen nicht mehr lebte, oder als ob er morgen und übermorgen kein Vaterherz mehr haben würde, der glaubt's ihm auch nicht wahrhaftig, dass er heute lebt und ein Vaterherz hat. Mit dem „heut“ bekennen wir uns zu dem Glauben an den ewig lebendigen und ewig treuen Vater im Himmel, dessen Güte alle Morgen neu ist und der uns morgen so wenig, wie heut versäumen und vergessen wird. Mit dem „heute“ geloben wir ihm aber zugleich, dass auch wir ihn morgen nicht vergessen, sondern alle Tage sein Angesicht suchen und zu ihm als unseren himmlischen Vater uns mit Herz und Mund, mit Wort und Wandel bekennen wollen!

Aber in dem heute liegt auch noch eine andre Erinnerung. Schon die Ordnung des Gebets, in welchem der Bitte ums Irdische drei Bitten ums Himmlische vorausgehen, und drei Bitten ums Geistliche nachfolgen, gemahnt uns daran, dass die irdischen Gaben, um die wir in der vierten Bitte anhalten, nicht Alles sind, was wir bedürfen, und dass diese irdischen Gaben unsre unsterbliche Seele nicht satt machen können.

Das Heute weist hin auf ein Morgen, wo unser zeitliches Leben ins Grab sinkt, und unser Leib den Würmern zur Speise gegeben wird. Da hilft dirs dann nicht, ob du Vorrat und Speise auf viele Jahre gesammelt hast. Das Heute weist hin auf ein Dereinst, wo wir alle offenbar werden müssen vor dem Richterstuhl Christi. Da geht dann ein ewiges Darben und Schmachten an, wenn du hienieden, so lange es heute heißt, von keiner andern Speise dich genährt hast, als vom vergänglichen Erdenbrot.

Darum, Geliebte, so ernst uns das Wort „täglich“ erinnert, dass wir uns sollen genügen lassen mit dem bescheidenen Teil Speise, den Gott uns alle Tage darreicht, so dringend mahnt uns das heute, dass wir uns nicht genügen lassen an der vergänglichen Speise, sondern dass wir Speise wirken, die da bleibt ins ewige Leben. Und so ernstlich uns das heute das irdische Sorgen für den andern Morgen abschneidet, so eindringlich warnt es uns, vor dem sorglosen Vergessen der Ewigkeit und so gewaltig treibt es uns an, für das Heil unserer unsterblichen Seele zu sorgen. Seelenheil und Lebensbrot ist nur bei Einem zu finden, bei Jesu Christo dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Er ist der Heiland der Sünder. Wer zu ihm kommt, den will er nicht hinausstoßen, sondern will ihm seine Sünden vergeben und ihn reinigen von seiner Untugend. Er ist das Brot des Lebens. „Ich bin das lebendige Brot vom Himmel gekommen,“ spricht er. „Wer von diesem Brote isst, der wird leben in Ewigkeit.“

Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstockt eure Herzen nicht, nein, tut ihm die Herzen und die Häuser weit auf, dass er, Jesus Christus gestern und heute und derselbige in Ewigkeit, bei euch Einkehr halte und Wohnung mache! wohl den Herzen, wohl den Häusern, da Jesus Christus mit seiner Gnade und mit seinem Leben Einzug gehalten hat! Da ist das selige Heute angebrochen, das der Herr über des Zachäus Hütte aussprach: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren!“

Sind wir durch Christum Gottes Kinder, so bangt uns nicht vor dem kommenden Tag mit seiner Plage. Ist Christus unser Leben, dann schreckt uns nicht der Morgen der Todesstunde; ist Christus unser Fürsprecher, dann zittern wir nicht vor dem Ernst des Gerichtstages. Lasst uns doch, ehe das Heut unseres Lebens dahin ist, mit allem Fleiß und Ernst dahin trachten, dass das Heute des Heils uns anbreche!

Amen.

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