Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.

Ev. Matthäi 6, V. 10.

Geliebte in dem Herrn, ihr kennt die Rede: „Alles was wir sonst auf dem Herzen haben, das lasst uns zusammen fassen in dem Gebet des Herrn.“ Diese Rede kann nicht den Sinn haben, als wären des Herrn Bitten leere Gefäße, in welche wir erst aus unserm Herzen einen Inhalt hinein legen müssten. Sie erinnert vielmehr an den unendlich reichen Inhalt der Bitte, die uns der Herr gelehrt hat, und bezeugt, dass sie Alles umfassen und in sich schließen, was wir betend vor den Thron Gottes können zu bringen haben, und dass ein betendes Herz dem Vater im Himmel nichts kann zu sagen haben, was nicht im Gebete des Herrn enthalten wäre. Dem entspricht nun aber das Andre, dass wir das, was wir im Gebete des Herrn dem himmlischen Vater sagen, auch auf dem Herzen haben müssen, wenn unser Beten nicht ein Wortemachen sein soll. Nicht, dass wir jedes Mal Alles, was in den Bitten liegt, in unsern Gedanken gegenwärtig haben müssten, aber am Herzen, auf dem Herzen muss uns das liegen, wovon unsre Lippen reden; wir können also beispielshalber die 3 ersten Bitten nicht recht beten, wenn uns die Heiligung des göttlichen Namens, das Kommen des göttlichen Reiches, das Geschehen des göttlichen Willens nicht ein Herzensanliegen ist; wiederum aber bitten wir auch, dass uns Alles dies immer mehr ein Herzensanliegen werde. Wir müssen uns das Gebet des Herrn ins Herz hinein leben und beten, dann werden wir es auch immer mehr aus dem Herzen und von Herzen beten lernen.

Wir stehen heut bei der dritten Bitte. Möge unsre Betrachtung über dieselbige uns dazu dienen, dass wir aufs Neue inne werden, wie viel es in sich schließt, dies Gebetswort aus dem Herzen heraus zu beten.

Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel! Diese Bitte will

1. mit tiefer Beschämung,
2. mit hoher Zuversicht,
3. mit heiligem Ernst gebetet sein.

I.

Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Auch in der Anrede wird des Himmels gedacht: Unser Vater, der du bist im Himmel; hier nennen wir den Himmel die Wohnstätte des Herrn, den aller Himmel Himmel nicht fassen. Wir bekennen damit, dass er, den wir als Vater anrufen von aller irdischen Unreinheit abgesondert und über alle unnatürliche Beschränktheit hocherhaben ist; wir beugen uns vor ihm in den Staub und durch unsre Seele klingts: heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, der Herr ist ein großer Gott und ein großer König, über alle Götter. Denn in seiner Hand ist, was die Erde bringt und die Höhen der Berge sind auch sein. Denn sein ist das Meer und er hat es gemacht, und seine Hände haben das Trockne bereitet. Kommt, lasst uns anbeten und knieen und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat. Denn er ist unser Gott, und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

In der dritten Bitte wird der Himmel genannt, nicht als die Wohnung Gottes, sondern als die Heimat der heiligen, seligen Geister, welche um den Thron Gottes her sind. „Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel“, indem uns der Herr so sprechen lehrt, malt er uns mit einem Zuge das Bild einer reinen, heiligen Welt vor die Augen. „Im Himmel geschieht Gottes Wille.“ Damit ist der Himmel beschrieben als die Heimat des vollkommenen, unbefleckten und ungetrübten Lebens: Alles Wollen und Tun, alles Dichten und Trachten der Himmlischen ist der reine Abdruck des göttlichen Willens, und Gottes ungeteiltes Wohlgefallen ruht auf Allem, was dort ist und geschieht. Ein göttliches Leben zu leben, göttliche Werke zu wirken, Gottes Befehle auszurichten, das ist den Engeln Beides zugleich: Dienst und Freiheit, ernste Arbeit und frohe Feier, heiliges Tun und selige Lust. Zu dieser reinen Wohnstätte der heiligen und seligen Geister schauen wir empor, ja, in sie schauen wir im Geist hinein, wenn wir sprechen: Dein Wille geschehe wie im Himmel.

Aber, indem wir hinzusetzen: „also auch auf Erden“, bekennen wir, dass es auf Erden nicht aussieht, wie im Himmel, dass die Erde nicht eine reine und heilige, sondern eine unreine, unheilige Welt ist, ein dunkles Gegenbild der lichten Himmelswelt. Ach, wie viel Ursache ist zu diesem schmerzlichen, beschämenden Bekenntnis? Auch der Blindeste kann es nicht leugnen, dass auf Erden millionenfach unternommen und ausgeübt wird, was Gott nicht will und darum verboten ist, und dass also millionenfach versäumt und unterlassen wird, was Gott will und darum geboten hat. Gott will von seinen Kreaturen geehrt und angebetet werden, und siehe, viele Millionen beten statt seiner stumme Götzen an, und viele Tausende, ob sie gleich ihn kennen, rufen ihn doch nicht an, sondern vergessen sein, verunehren und verachten ihn. Gott will, dass die von ihm gestifteten Ordnungen und Schranken des weltlichen Gemeindelebens in Ehren gehalten werden, und in der Heidenwelt zeigt das häusliche, das eheliche und Volksleben oftmals kaum leise Spuren der gottgewollten Ordnung, aber auch mitten in der Christenheit wie viel zerrüttete Familien, wie viel gebrochene Ehen, wieviel Verachtung und Widersetzlichkeit gegen Eltern und Herren und wie wird der Feiertag, durch den nach Gottes Willen der menschliche Verkehr und das Arbeitsleben geregelt und geweiht werden soll, auf das gräulichste geschändet durch Mammonsdienst und Bauchdienst! Gott will, dass die Menschen einander Treue und Glauben halten, und Lug und Trug ist auf allen Gassen, Überlistung, Übervorteilung, Dieberei, Räuberei geht im Schwange im Großen und im Kleinen. Gott will, dass die Menschen einander mit Liebe begegnen, und Liebe erzeigen und siehe Hass und Neid, Bosheit und Rachsucht, Mord und Krieg sind von Altersher bis zu dieser Stunde weit und breit zu Hause. Unermesslich sind die Ströme von Menschenblut, welche die Erde seit Kains Brudermord getrunken, und unzählbar sind die lieblosen Worte, die Worte des Haders und des Hasses, die scharfen und die harten Worte, die in jeder Sekunde von Menschen auf Erden gesprochen, von Gott im Himmel gehört werden. Gott will, dass die Menschen im Lichte wandeln und nach dem, was droben ist, trachten: und sie wandeln statt dessen auf Wegen der Finsternis, jagen nur dem Weltglück und der Weltehre nach, machen sich zu Sklaven der Eitelkeit und Lüsternheit, der Putzsucht und Prachtliebe, der Schwelgerei und Völlerei, der Unzucht und Wollust; „Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens,“ diese Namen nennen drei Götzen, denen täglich und stündlich unermessliche Opfer gebracht werden, sie weisen in einen Abgrund hinein, der in seinem Schoße unnennbare Sünden und Schanden verbirgt. Genug, es geschieht auf Erden unendlich Vieles, was dem Willen Gottes entgegen und ein Gräuel vor seinen Augen ist; die Gebote des Schöpfers werden von seinen Kreaturen durch zahllose Sünden in Werken, Worten und Gedanken unablässig übertreten. Und mehr noch: während im Himmel an Nichts auch nur der geringste Flecken haftet, ist unter dem, was auf Erden geschieht, nichts zu finden, wovon nicht irgendetwas vom Schmutz der Sünde klebte; auch die besten Werke der Menschen sind unvollkommen und mit Sünde befleckt; auch die geheiligtsten Menschen tragen den himmlischen Schatz in irdenen Gefäßen, sie tun keinen Schritt auf dieser Erde, ohne dass wenigstens ihre Füße bestaubt werden.

Nur von Einem unter allen vom Weibe Geborenen ist Gottes Wille auf Erden also getan worden, wie es im Himmel geschieht, makellos, vollkommen, mit vollendetem Gehorsam und vollendeter Freiheit, von Jesus Christus, dem heiligen Gottes- und Menschensohn. Aber gerade ihn haben die Menschen mit Dornen gekrönt und ans Kreuz geschlagen, gerade das Kreuz auf Golgatha zeugt von der Macht des Abfalls, der Lüge und des Hasses auf Erden. O, Geliebte, wenn wir mit offenen Augen hinschauen über die Erde und hineinschauen in unser Herz und Leben, dann können wir nicht anders als mit tiefer Scham und Betrübnis vor dem treuen Vater, der im Himmel wohnt, die Bitte aussprechen: Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel!

II.

Aber, Gottlob, wir können sie auch mit hoher Zuversicht und mit der festen Gewissheit der Erhörung aussprechen. Nicht die Kreaturen allein tun auf Erden ihr Werk, auch Gott tut sein Werk auf Erden, und das letzte Ziel des göttlichen Tuns auf Erden ist: dass auf der Erde völlig und allein Gottes heiliger Wille geschieht, wie im Himmel. Der Vater im Himmel hat vor Grundlegung der Welt den Ratschluss gefasst, die Welt nicht in ihrem Abfall hilflos verderben zu lassen, sondern den Sündern den Weg zur Gotteskindschaft und zur Gottähnlichkeit wieder zu eröffnen. Dazu hat er seinen Sohn in die Welt gesandt und in den Tod gegeben. Derselbe hat nicht allein ein vollkommen heiliges, göttliches Leben auf Erden gelebt, sondern er hat auch durch Wort und Tat, durch Leben und Leiden, durch Sterben und Auferstehen den Namen des himmlischen Vaters in der Welt verklärt und das Reich der Gnade auf Erden gegründet; Jesus Christus, der Offenbarer des göttlichen Namens, der Mittler der göttlichen Versöhnungsgnade, ist nun auch der Spender und Sender des Heiligen Geistes, des Geistes der Wiedergeburt und der Heiligung, der in Gottes Kindern und Reichsgenossen ein neues Herz und ein neues Leben schafft, und neue Kreaturen aus ihnen macht, so dass es zu ihnen heißen kann: Ihr wart weiland Finsternis, nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn, ihr wart der Sünde Knechte, nun aber seid ihr von der Sünde frei und Knechte der Gerechtigkeit geworden; ihr seid nicht fleischlich, sondern geistlich, dieweil Gottes Geist in euch wohnt. Ja, bei denen, die in Christo Jesu sind und in denen Christus lebt, ist ein Anfang da von jenem willigen und seligen Kindesgehorsam, welchen die Engel im Himmel vollkommen üben, denn die Seele ihres Kindesgehorsams ist nicht die Furcht, sondern die Liebe, welcher Losung lautet: „Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt: Das ist aber die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten!“ Wohl bilden die, welche anziehen den Herrn Jesum Christum und mit ihm in einem neuen Leben wandeln, nur eine kleine Herde mitten in der gottentfremdeten und Christum verschmähenden Welt; und ist auch bei diesen Wenigen, welche Christo angehören das neue Leben nur erst dem Anfang nach da. Aber der Fortgang des göttlichen Gnadenwerkes bis hinaus zur Vollendung ist uns durch des Herrn Wort und Verheißung verbürgt. Der erhöhte Heiland ist mit seinem Geist und seiner Kraft bei den Seinen alle Tage bis an der Welt Ende: werden sie angefochten von den Lüsten des Fleisches, von der Verführung der Welt, von der Versuchung des Satans, er stärket und bewahrt sie, damit Nichts und Niemand sie aus seiner Hand reiße und sie fest behalten werden bis ans Ende. Erhebt sich die Weisheit und Macht dieser Welt wider sein Wort und Reich der im Himmel wohnt, lacht ihrer und der Herr spottet ihrer; die Menschenkinder können wohl Gottes Gebote übertreten und Gottes Gericht herausfordern, aber sein Werk können sie nicht hindern und seinen Ratschluss können sie nicht aufhalten.

„Und ob gleich alle Teufel, hier wollten widerstehn
so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn -
was Er ihm vorgenommen und was Er haben will
das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel!“1)

Zum Zweck und Ziel aber kommt Gottes Werk an der Welt erst dann, wenn Gottes Wille auf Erden geschieht, wie im Himmel, wenn die Erde nicht mehr eine Stätte ist, wo die Finsternis wider das Licht, die Lüge wider die Wahrheit, die Welt wider das Reich Gottes streitet und oftmals dem Anschein nach triumphiert, sondern die reine Heimat im heiligen Gottesgewand ohne Flecken und ohne Runzeln. Wie aber wird es dahin kommen? Etwa auf dem Wege eines unaufhörlichen Fortschritts, einer mehr und mehr zunehmenden Veredlung des Menschengeschlechts? Schlimm, wenn wir auf diesem nichtigen Traum unsre höchste Hoffnung gründen müssten. Wo ist doch ein Schatten von einem Beweis dafür, dass die Fortschritte im Wissen und Können die Menschen auch weiser, besser, frömmer machen, und dass durch sie ein vermehrtes Maß von Demut, Gehorsam und Liebe auf Erden heimisch werde? Die Menschen werden heut ebenso, wie vor Jahrtausenden als Sünder geboren, daran ist durch alle Erfindungen und Entdeckungen nicht das Mindeste geändert, und was die Menschheit im Ganzen betrifft, so zeigt sich in ihr nicht ein allmähliches Aufhören und Verschwinden des Widerstreits gegen Gottes Wort und Reich, wohl aber zeigt sich, dass das Ankämpfen der Finsternis gegen das Licht entschiedener und bewusster wird, das Für und Wider sich mehr und mehr schärft; und es bahnt sich, wie die Schrift voraussagt, eine letzte Entscheidungszeit an, in welcher die Welt mit ihren Fürsten allen bösen Rat und Willen zusammen nehmen wird, um einen Hauptschlag gegen Christi Werk und Reich auf Erden zu führen. Aber dann wird es heißen: „Beschließt einen Rat und es werde nichts daraus, denn hier ist Immanuel.“ „Denn alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes im Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen; und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem andern.“ (Matth. 24, 30-31.) „Den Ungläubigen aber und Gräulichen und Totschlägern und Zauberern und Abgöttischen und allen Lügnern, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, welches ist der andere Tod.“ (Offenb. 21, 8.) Dann wird auch die Erde erneuert werden und das Volk, das auf ihr wohnt, wird eitel Gerechtigkeit sein; sie werden dem Herrn dienen und sehen sein Angesicht und sein Name wird an ihren Stirnen sein; sie werden rühmen: „Ich freue mich im Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott, denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck geziert und wie eine Braut in ihrem Geschmeide prangt.“ Dann wird der Himmel auf Erden sein, und von der Erde wird es dann heißen, wie vom Himmel: „Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenb. 21, 3.) Dann ist vollkommen erfüllt, was uns der Herr in der dritten Bitte beten lehrt und was der fromme Sänger in das sehnsüchtige Fragen und Flehen fasst:

„Wann grünt dein ganzer Erdenkreis
wann geben dir die Völker Preis
und werden untertänig -
wann wirst du groß in uns
und Allen dass, die du schufst,
zu Fuß dir fallen und werden untertänig.“ 2)

Die Zuversicht also, in der wir der Erhörung dieser Bitte gewiss sind, beruht darauf, dass der Vater nach seinem eigenen Gnadenwalten seinen Sohn als Erlöser in die Welt gesandt hat, dass Jesus Christus das Erlösungswerk auf Erden vollbracht und den Thron im Himmel eingenommen hat, und dass endlich der in den Himmel erhöhte Heiland wiederkommen wird, um das göttliche Erlösungs- und Erneuerungswerk herrlich zu vollenden.

III.

Aber, Geliebte, wie mit jeder Bitte, die wir vor Gott bringen, so muss es uns auch mit der Bitte um den Fortgang und die Vollendung des Werkes Gottes, um die Überwindung des ungöttlichen und widergöttlichen Wesens auf Erden ein rechtschaffener heiliger Ernst sein.

Zu solchem Ernst gehört aber zuerst, dass wir in aufrichtiger Buße dem widergöttlichen Willen, der in uns ist, absagen und mit Scham und Schmerz über unsre Verschuldungen, im demütigen Gefühl unserer Ohnmacht, mit heiligem Verlangen nach Herzensreinheit von Herzen sprechen:

Drum so töt' und nimm dahin
meinen Willen, meinen Sinn
reiß mein Herz aus meinem Herzen
sollt's auch sein mit tausend Schmerzen! 3)

Wem es aber wirklich Ernst ist, dem widergöttlichen Willen abzusagen und das Vertrauen auf die eigene Tugend und Kraft aufzugeben, der wird dann auch nicht nach eigener Willkür hierhin und dahin greifen, um das Heil zu finden, sondern er wird den von Gott verordneten Heilsweg einschlagen und mit aufrichtigem Glauben seine Zuflucht zu Jesu Christo nehmen, den Gottes Gnadenwille den Sündern als Heiland gegeben hat und von dem geschrieben steht: „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“

Mit rechtschaffener Buße und in aufrichtigem Glauben zu Christo sich wenden, das ist kein bloßes Herr Herr sagen, sondern es ist ein heiliges Tun und zugleich eine Quelle heiligen Tuns; wer Jesum als Herrn und Heiland anruft, den dringet die Liebe Christi, mit Ernst danach zu ringen, dass er in all seinem Wandel den Willen des Vaters im Himmel tue, und in seinem Herzen alles zu überwinden, was dem Willen Gottes widerstrebt. Zu solchem Gehorsam gehört aber auch, das willige, geduldige und ergebene Tragen dessen, was Gott auflegt, und indem wir sprechen: Dein Wille geschehe! so willigen wir in Alles, was der Vater tun will, damit unser Wille gebrochen und sein Name in und durch uns geheiligt werde; wir geben unser eigenes Meinen, Wollen, Wünschen preis und bringen es zum Opfer im Glauben an die ewige Treue und Gnade und an die überschwängliche Weisheit des Vaters im Himmel. Ja, indem wir die dritte Bitte beten, so geloben wir, wir wollen uns selbst verleugnen, unser Kreuz auf uns nehmen und dem Herrn Jesus nachfolgen, wollen in den Fußtapfen dessen einhergehen, der am Jakobsbrunnen sprach: „meine Speise ist die, dass ich tue den Willen meines Vaters und vollende sein Werk;“ und der in Gethsemane unter Tränen und blutigem Schweiß betete: „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst! Dein Wille geschehe!“

So ist wahrlich diese Bitte eine ernste Bitte, und nicht ohne Grund ist sie die schwere Bitte genannt. Aber was die Bitte ernst und schwer macht, soll uns nicht bange und verzagt machen. Es ist wahr: ohne aufrichtige Willigkeit zur Buße und zum Glauben, zum Gehorsam gegen Gottes Gebote und zur Ergebung in Gottes Willen können wir diese Bitte nicht beten, und wer sie dennoch betet, der betet Gottes Zorngericht auf sich herab. Aber auch das ist wahr: wir kommen als Bittende vor das Angesicht des Vaters, wenn wir sprechen: Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel“, als Bittende, die, was sie für den Erdkreis begehren, auch für sich selbst von ihm erflehen: nämlich, dass er aus unserem Herzen alles hinwegnehme, was uns hindert, ihm uns gänzlich und kindlich hinzugeben und seinen Willen unsern Willen sein zu lassen. So dürfen wir uns also nicht scheuen, mit dieser Bitte vor Gott zu treten, weil wir bekennen und wissen, dass wir arm sind an wahrhafter Buße und lebendigem Glauben und dass unser Herz ein trotzig und verzagtes Ding ist, und weil wir noch zu bitten haben, Er wolle uns Buße und Glauben schenken und unsre Herzen gehorsam und stille machen. Wer da bittet, dem wird gegeben! Diese Verheißung macht uns bei all unsrer Schwachheit getrosten Mut, zu beten: Dein Wille geschehe. Amen!

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