Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Siebenundsiebzigste Predigt (Bileam).
Eingang.
Und Jesus ward verklärt vor ihnen. So wird uns Matthäi 17, 2 gemeldet. Es ist dies das einzige Mal in seinem Leben auf Erden, dass Jesus sich von seinen Jüngern in einer Herrlichkeit sehen ließ, wie sie seiner einigermaßen würdig war. Dies geschah an irgendeinem siebenten Tage. Es geschah auf einem Berge. Es widerfuhr dies nicht allen Jüngern, sondern nur dreien von ihnen; sie durften auch den übrigen nichts davon erzählen, als bis nach seiner Auferstehung. Jesus betete und überdem ward seine Gestalt anders, als sie es gewohnt waren. Sonst ging Jesus einher, wie sonst ein Mensch geringen Standes tut; man sah ihm nichts Besonderes an. Jetzt aber wurde seine Gestalt anders, sein Angesicht fing an zu leuchten wie die Sonne, seine Kleider wurden weiß als ein Licht. So hätte Jesus sich immer zeigen können; er wollte es aber nicht, sondern entäußerte sich selbst, und nahm Knechtsgestalt an, und ward gleich wie ein anderer Mensch, und an Gebärden als ein Mensch erfunden, weil er gehorsam war bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.
Wie dem Herrn selber, so geht's auch in ihrer Weise der Gemeine, im Ganzen wie im Einzelnen. Sie wandelt auch in Knechtsgestalt einher; man siehts ihren Gliedern aber nicht an, dass sie Kinder Gottes, dass sie seine Begünstigten, dass sie seine Augäpfel sind. Vielmehr sagt ein Oberster unter ihnen - ein Apostel: Gott hat uns als die Allergeringsten dargestellt, als dem Tode übergeben; wir sind als ein Fluch der Welt, als ein Fegopfer, als der Abschaum aller Leute. Wir reden nicht bloß vom äußeren, sondern auch vom inneren Zustande. Bisweilen aber verkläret sich Jesus vor ihnen und in ihnen, da wird ihre Gestalt anders. Dennoch ist es etwas Herrliches um einen Christen. Davon lasst uns in dieser Stunde näher reden.
Text: 4. Buch Mosis 24, 8.
Gott hat ihn aus Ägypten geführt, seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns. Er wird die Heiden, seine Verfolger, fressen, und ihre Gebeine zermalmen, und mit seinen Pfeilen zerschmettern.
Bileam reiht das Herrlichste, was er im Reiche der Natur kennt, aneinander, um als Bild der Herrlichkeit der Gemeine Jesu Christi zu dienen. Aus dem Pflanzenreich musste ihm die Aloe und die Zeder ein solches Bild sein; jetzt wendet er sich zu dem Reiche der Tiere. In demselben ragen das Einhorn und der Löwe hoch hervor. Auch sie sind ihm Bilder der Herrlichkeit des erlösten Israel. Wir bleiben bei dem Einhorn stehen, dessen der Prophet schon im vorigen Kapitel gedacht hat. Wir stellen einige Vergleichung zwischen diesem Geschöpf und dem Erstling der Kreatur Gottes an, die wahren Christen, die der göttlichen Natur sind teilhaftig worden, nun in diesem Spiegel ihrer Herrlichkeit zu sehen.
Die Naturgeschichte des Einhorns, das auf Hebräisch Reem heißt - ein Wort, das keines Horns erwähnt - ist dunkel und rätselhaft. Schon hierin liegt etwas den wahren Christen Abbildendes. Er ist aus Gott geboren, fragen wir aber: wie mag solches zugehen? so gibt der Mund der Wahrheit selbst uns die rätselhafte Antwort. Der Wind bläst wo er will, und du hörst sein Saufen wohl; aber du weißt es nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein Jeglicher, der aus dem Geist geboren ist. Man hat es für ein fabelhaftes Tier gehalten, das nirgends, als in der Phantasie der Morgenländer existiere, wie die geflügelten Drachen, Chimären und Sphinxe. Der Bundesengel selbst sagte zum Hohenpriester Josua: Die Gläubigen sind lauter Wunder, und hat nicht die Welt der Heiden und Juden, der Klugen und Narren, die wahren Christen je und je samt ihrem Christo in das Gebiet der Fabeln, des Ungeheuren, der Schwärmerei und der Befangenheit verwiesen, und sie Narren gescholten, Betrüger oder Betrogene?
Aber nicht zu gedenken, dass Reisende neuerer Zeit dieses Tier in den unermesslichen Waldungen Indiens von ferne an sich haben vorbei rennen sehen wollen; auch nicht feststellend, dass dies Geschöpf noch jetzt in der Welt existiere, so ist es doch nicht zu bezweifeln, dass es wenigstens zu Hiobs, Mosis und Davids Zeiten in der Reihe der Geschöpfe seinen wirklichen Platz eingenommen habe. Die Heilige Schrift gedenkt seiner oft. Gott selbst fragt den Hiob: Meinst du, das Einhorn werde dir dienen, und bleiben in deiner Krippe? Kannst du ihm dein Joch anknüpfen, dir Furchen zu machen oder dir zu pflügen auf deinem Acker? Kannst du dich auf es verlassen, dass es so stark ist? In unserm Text gedenkt der Prophet seiner Kräfte. Psalm 92, 11 rühmt David: Mein Horn wird erhöht werden, wie das eines Einhorn, und werde gesalbt mit frischem Öl. Moses sagt in seinem Abschiedssegen von Ephraim und Manasse (5. Buch Mose 33, 17): Seine Herrlichkeit ist wie die Hörner des Einhorns, mit denselben wird er die Völker zu Haufen stoßen bis an des Landes Ende.
Die Eigenschaften, welche die Heilige Schrift von dem Reem oder Einhorn rühmt, sind Kraft, Freudigkeit, Mut und Freiheit in hohem. Maße. Die Alten, welche von dem Einhorn reden, sagen, es fürchte nichts, und werde von Allen gefürchtet. Nichts sei im Stande, es zu überwinden, es überwinde aber alles. Sich seiner Überlegenheit bewusst, nehme es sein Nachtlager, wo es wolle, ohne einige Scheu. Auch Gift schadet ihm nicht. Namentlich wird auch von diesem gewaltigen Tier bemerkt: es sei ein großer Freund von Tauben, und ergötze sich ungemein an der Stimme der Turteltaube, welche ihm ein großes Vergnügen mache, wenn sie sich zutraulich auf sein Horn niederlasse, wo es denn unbeweglich stehen bleibe, um sie nicht zu verscheuchen.
Dieses Einhorn nun und seine Eigenschaften, namentlich seine Freudigkeit oder Kraft, nimmt Bileam durch überwältigende göttliche Inspiration und Eingebung als ein Bild des erlösten Israel. Seine Freudigkeit oder seine Kräfte sind wie die des Einhorns oder wie es auch gegeben wird: Der starke Gott, der Israel aus Ägypten erlöst hat, ist ihm wie die Kräfte des Einhorns. Das Bild ist großartig und hoch. Ein Christ wie ein Einhorn was für Vorstellungen erweckt das in uns! Ein Christ wie die Aloe, wie die Zeder, und dennoch auch nichts! wer mags ergründen?
Diesem Bilde gemäß einem Bilde, das nicht von Bileam an sich, sondern vom Heiligen Geiste herrührt, der sich seines Mundes bedient, betrachten wir den wahren Christen in seiner Herrlichkeit und Erhabenheit, nicht in seiner Niedrigkeit und Armut. Wir lassen uns das nicht befremden, sondern erinnern uns daran, wie hoch die Schrift oft von ihm redet. Erinnert euch nur an Aussprüche wie folgende: Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel voll kommen ist. Wachset zur göttlichen Größe. Werdet voll Geistes. Wir sollen ein vollkommener Mann werden, nach dem Maße des vollkommenen Alters Christi. Ich vermag Alles. Ich habe Alles genug. Ihr wisst Alles. Alles ist Euer. In Allem überwinden wir weit. Und was fasst nicht der einige Name der „Kinder Gottes“ in sich? Das Einhorn wird uns als ein unvergleichliches Geschöpf vorgestellt, das weiter seines Gleichen nicht hat. Soll uns nun der Christ als ein solcher vorkommen, welcher damit verglichen werden könne: so müssen wir uns einige Zutaten wegdenken, wie sie auch endlich ganz weggetan werden, bis dahin aber lauter Hemmung und Beschränkung sind.
Ehe wir denn zur Betrachtung der Herrlichkeit Gottes übergehen, lasst uns zuvor etliche dieser hemmenden Schranken ins Auge fassen. Dazu nehmen wir schon überhaupt das Wohnen in dieser Welt, welches der Apostel ein Auswohnen vom Herrn nennt. Christen sind den ausländischen Pflanzen vergleichbar, die in dem fremden Erdreich und Klima nie vollkommen gedeihen. Unser Hoherpriester gedenkt der Seinen Joh. 17 als solcher, die noch in der Welt sind, die die Welt hasse, und knüpft die Fürbitte daran: Ich bitte, dass du, o Vater, sie von dem Übel bewahrest; weissagt ihnen auch: In der Welt habt ihr Angst. Der Aufenthalt in der Welt ist dem Christentum nicht günstig, denn so lange er dauert, ist man im Bereich der bösen Geister, welche feindselig umhergehen und schleichen. Ist ihr
Einfluss auch nicht stets bemerkbar und zu unterscheiden, so ist er doch da, und wie ein Nebel, der das volle Durchbrechen der Sonne hemmt. Der Feind sucht stets Unkraut unter den Weizen zu säen, und arbeitet dem Herrn und uns entgegen, dass wir nicht können, wie wir wohl wollten, dass unsre Fahrt wider den Strom geht. Ja, das Wohnen in dieser sterblichen Hütte ist eine Hemmung, ein Hindernis. Zu den Dingen des Reiches Gottes gehört eigentlich ein verklärter Leib. Unser jetziger Leib könnte manches nicht ertragen, sondern müsste er liegen, wenn's ihm mitgeteilt würde. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach, sagt Christus; und Paulus: Dieweil wir in der Hütte wohnen, sind wir beschweret. Der Leib, und was ihn angeht, hat auch seine Sorgen, seine Bedürfnisse, seine Ansprüche, und verursacht dadurch mancherlei Hemmungen des Lebens aus Gott in uns, wie ungünstiges Temperament, üble Disposition, Schmerz, Kränklichkeit und desgleichen. So lange also ein Christ diesen Leib der Demütigung mit sich herumträgt, kann seine Einhorns-Art will ich einmal sagen so nicht heraus. Es ist nicht der Stand eines beschwingten Schmetterlings, sondern noch der trägen schwerfälligen Raupe.
Hat nicht auch das Leben unter andern Menschen wie allerdings sein Förderndes und Erbauliches, also auch sein Hemmendes und Hinderndes? - ein großer, unruhiger, viel Verkehr mit vielen Leuten herbeiführender Haushalt und Geschäftskreis, der den größten Teil der Zeit, der Geistes- und Körperkräfte in Anspruch nimmt und in Tätigkeit setzt - Verbindungen, worin man mit unartigen Leuten stehen muss, Verdruss, Sorgen, die sie verursachen, ihre üble Laune, ihre widerwärtigen Ansichten, Meinungen, Behauptungen, ihre Handlungsweise, sind bei vielen Hindernisse, denen sie doch nicht entgehen können und dürfen, wie gerne sie's möchten. Sie gleichen Leuten, die bei schlechtem Wetter und Wegen und schwer beladen reisen; sie kommen vorwärts, aber wie? aber sie müssen voran.
Das vornehmste Hindernis aber warum die Einhorns-Natur hier nicht recht zum Vorschein kommt, liegt in uns selbst. Wir sagen: Das ist ein Kind Gottes. Das gilt aber nur seinem vornehmsten Teil nach, aber nicht in jeglichem Betracht, wie er da geht und steht. Es gilt von ihnen, was von der Rebekka gesagt wurde: Es sind zwei Völker in deinem Leibe. Es ist ein alter und ein neuer Mensch, Fleisch und Geist in der nämlichen Person neben und wider einander, dass ihr nicht tun könnt, was ihr wollet, daher jene Warnungen, wie z. B. die: Seht nun zu, dass nicht jemand unter euch ein arges, ungläubiges Herz habe, das da abtrete von dem lebendigen Gott; sondern ermahnt euch selbst alle Tage, so lange es heute heißt, dass nicht jemand unter euch verstocket werde durch Betrug der Sünde. Daher Ermahnungen wie die: Zieht den alten Menschen aus, der durch Lüste in Irrtum sich verdirbt; erneuert euch aber im Geist des Gemüts, und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist, in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit; wie die: Lasst uns nun fürchten, dass wir die Verheißung, einzukommen zu seiner Ruhe, nicht versäumen, und unser keiner dahinten bleibe; welches alles unnötig sein würde, wenn der Christ dies ganz und gar, durch und durch und allein wäre. Nun aber kreuzen diejenigen, die Christo angehören, ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden und unter ihre Hallelujas mengt sich noch das Klagelied über den Leib des Todes.
Endlich bringt es die bisherige Haushaltung Gottes in seiner Kirche so mit sich, dass sie hienieden eine streitende, dass hienieden alles Stückwerk bleibt, dass sie nicht vollkommen ist, es noch nicht ergriffen hat. Wollte Gott die Seinen hienieden schon ganz vollkommen, heilig und herrlich machen, was sollte seinem Willen im Wege stehen? Aber seine Weisheit hat es bis jetzt noch bei keinem Einzigen für gut gefunden; umso mehr erweist sich der Reichtum seiner vergebenden Gnade in Schenkung so vieler Strauchelungen. Der Christ lernt sein natürliches Elend so viel gründlicher kennen, und die Macht der Gnade verherrlicht umso mehr in Erhaltung des Guten bei so viel Widerstand in der Seele. Christus selbst wurde erst im Augenblick seines Todes von der Sünde, die auf ihm lag, enthoben, und seinen Gliedern gehts nicht anders. Was Gott in der letzten Zeit tun wird, steht zu erwarten. Der Schwächste wird noch sein wie David.
Dies sind einige der Hemmungen, die die völlige Offenbarung der göttlichen Kindschaft zurückhalten, und Seufzen und ängstliches Sehnen verursachen. Sie sind es, welche Stückwerk, Streit und Unvollkommenheit herbeiführen. Die Vollkommenheit ist erst droben anzutreffen.
Doch dürfen diese Zutaten unser Urteil nicht bestimmen und bestechen, als obs ums Christentum, um den Gnadenstand etwas Geringes, Armseliges wäre. Des Stalls, der Krippe, der schlechten Windeln ja des verfluchten Kreuzes ungeachtet, war Jesus doch der angebetete Herr vom Himmel. Ein König kann ohne alle Zeichen seiner königlichen Würde einhergehen; diejenigen, die ihn kennen, werden ihn dennoch als ihren Gebieter verehren. Perlen sind auch in der Asche Perlen. Salomo sah Fürsten zu Fuße gehen, und Sklaven zu Rosse reiten. Ein Riese kann in Ketten liegen. Es gibt auch Säue in goldenem Halsbande; und der Schein trügt. Wir sollen ein recht Gericht richten und die Gemeine Jesu Christi nicht nach dem beurteilen, was sie in sich selbst und ohne Christum, sondern was sie in und mit ihm sind. In ihm aber ist sie ganz herrlich inwendig, und wird es auch auswendig werden.
Gott stellt nun den Bileam dahin, die Herrlichkeit des erlösten Israel aufs Höchste zu preisen, obschon es sich damals doch wirklich noch in sehr misslichen Umständen befand, und wir sind berechtigt und verpflichtet, uns von den Christen in ihrer Gesamtheit, von der Gemeine Jesu Christi einen sehr hohen Begriff zu machen, wie wir auch nicht anders können werden, wenn wir erleuchtete Augen haben, zu erkennen die Hoffnung unsers Berufs und zu verstehen, was er aus uns machen will, dass wir ihm sollen gleich werden, wozu alles mitwirken muss.
Diese hohe Vorstellung von der Herrlichkeit unsers Christen-Berufs soll uns nicht dazu verleiten, uns aufzublähen, als wären wir die Leute, und dürften die Andern verachten; dann würden wir uns die Frage zuziehen: Wer bist du, o Mensch? die Erinnerung: Wer meint zu stehen, der sehe wohl zu, dass er nicht falle; den Rat: Du stehst durch den Glauben, sei nicht stolz, sondern fürchte dich; und die Anweisung: Haltet euch herunter zu den Niedrigen.
Diese Vorstellung soll vielmehr dazu dienen, das Sattsein zu verhüten, was Paulus an den Korinthern tadelt. Stellen wir eine Vergleichung an zwischen dem, was wir wirklich durch Gnade erreicht haben könnten und wo wir wirklich stehen,
So schlag' ich meine Augenlider,
Ganz beschämt und traurig nieder.
So behandelt Paulus die Korinther, er räumt ihnen alles, räumt ihnen sogar ein, dass sie die Engel richten werden, rückt ihnen aber zugleich vor: sie seien noch fleischlich, junge Kinder in Christo, die bis jetzt noch nichts gekonnt hätten, wie den Hebräern, dass ihre Fortschritte der Länge der Zeit seit ihrer Bekehrung nicht angemessen seien; sie sollten billig Meister sein und wären noch Lehrlinge. Es ist ein übles Zeichen, wenn jemand auf die Einbildung gerät, als hätte er schon alles erkannt, durchgemacht und erfahren, als besäße er schon alles, brauchte also nicht noch tiefer gegründet zu werden, nicht noch zu wachsen in der Gnade, nicht noch geringer, noch gläubiger, noch gottergebener zu werden; dass ist äußerst bedenklich, und die Hoffart, der Gott widersteht, wogegen er den Demütigen Gnade gibt. Nützlich ists daher, das Christentum in seiner Herrlichkeit wohl zu erkennen, damit wir nicht übers Maß von uns halten, sondern mit Hiob sagen: Davon haben wir ein leises Wörtlein vernommen.
Die lebendige Vorstellung von der Herrlichkeit des Christentums soll zugleich dazu dienen, unsern Hunger und Durst nach Gerechtigkeit zu reizen, dass wir es mehr und mehr an uns selbst erfahren, und wie der Apostel Ebr. 6 sagt, vom Anfang des christlichen Lebens zur Vollkommenheit fahren, damit sich erweise, dass wir die Gnade Gottes, nicht vergeblich empfangen haben, sondern dass sie kräftig in uns ist, uns zu erweisen als die Diener Gottes in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit Waffen zur Rechten und Linken, in dem Heiligen Geist, 2. Korinther 6; zu wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist Christo.
Sie soll dazu dienen, dass Einer dem Andern mit Ehrerbietung zuvorkomme, dass Einer des Andern Gebrechlichkeit trage, wohl wissend, dass Gott ihn wohl aufrichten, uns aber in der Dürre sitzen lassen kann; ihn beschenken und erfreuen, uns betrüben und ausliefern, ihn stark, uns schwach machen kann; dazu dienen, Gott demütigst und innigst zu danken, wenn er uns und Andern Barmherzigkeit widerfahren lässt, sie ihnen herzlich zu gönnen, guten Mutes zu sein, dass Gott nach dem Reichtum seiner Barmherzigkeit reichlich darreichen wird, was zum Leben und göttlichen Wandel dient, und so würdig zu wandeln dem Evangelio und dem heiligen Beruf, womit er uns berufen hat, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns gegeben ist in Christo Jesu vor der Zeit der Welt. 2. Tim. 1.
Endlich ermuntern uns diese Vorstellungen von der Herrlichkeit des Christenstandes auch zum geduldigen Harren. Werden wir dann auch reichlich gewahr, dass es noch nicht erschienen ist, was wir sein. werden, und auch nicht erscheinen wird, so lange wir hienieden wallen, müssen wir uns an des Herrn Gnade genügen lassen, während wir mitunter Faustschläge eines Satansengels erleiden müssen, und des nicht enthoben werden können, obschon wir den Herrn dreimal und öfter darum gebeten haben, müssen wir uns selbst verachten, und von Andern verachten lassen, gewahren, dass uns das Böse bei liegt, wenn wir das Gute tun wollen, so sollen wir des widrigen Scheins ungeachtet nicht vergessen, dass sich bald alles ganz anders gestalten und das Stückwerk von der Vollkommenheit wird verschlungen werden; denn wenn du wert geachtet bist, musst du auch herrlich sein. Israel lagert da in der Wüste, und hat schon beinahe volle 40 Jahr unter unzähligen Beschwerden darin umhergepilgert; dennoch lässt Gott dasselbe unter den herrlichsten Bildern, die die Natur enthält, den Bildern der Aloe, der Zeder, des Löwen und des Einhorns schildern, und von demselben sagen, seine Freudigkeit, seine Kräfte sind wie die eines Einhorns.
Der Prophet redet von dem erlösten Israel. Er mag wohl sagen, dass ihm die Augen geöffnet sind, denn er sieht in die weite Ferne? Sein Blick beschränkt sich nicht auf das Israel, das hier vor ihm lagerte; nicht auf Israel, wie es jenseits des Jordans wohnte, sondern er fasst es als das Israel mit seinem Gott-König, als das Israel vollzählig gemacht durch die Einverleibung der Gläubigen aus den Heiden, ins Auge; ja auch da endet sich sein Gesichtskreis noch nicht, sondern er reicht sogar hinüber bis ins wahrhaftige Kanaan im Himmel. Daher sind seine Schilderungen so erhaben, weil er den Anfang der Erlösung und deren Endziel zusammen fasst, wie es zusammen gehört, und das herrliche Ziel ebenso gewiss ist, als der kümmerliche Anfang. Getreu ist, der euch rufet, der wird's auch tun.
Wohl denn dir, o Israel, dass du durch den Herrn deinen Gott selig wirst, wer ist dir gleich! Wohl euch, ihr Erlösten des Herrn; eure Freudigkeit ist wie die eines Einhorns, und der starke Gott ist euch wie die Kräfte desselben; er selbst ist eures Sieges Schwert, und der Schild eurer Hilfe.
Sind denn alle diese Hoheiten und Herrlichkeiten von unvergänglicher Schönheit und ewiger Dauer sind sie denn nicht vermögend, eure Begierden so aufzuregen, dass ihr ringt, bittet, flehet: Gib mir von dem lebendigen Wasser zu trinken? Und er gäbe euch Wasser, das in euch ein Quell des Wassers würde, das ins ewige Leben quillt. Wie lange wollt ihr noch überflüssig stehen am Markte dieser eitlen Welt? Oder hat euch noch niemand gedingt?
Seid aber keine Isaschars, denen die Ruhe wohl gefällt, die aber zwischen den Grenzen gelagert bleiben; keine solche, die zwischen der Welt und Christo sich teilen, und es weder ganz mit der Einen, noch mit Diesem halten; diesen zwei Herren könnt ihr nicht zugleich dienen. Ist Baal Gott, so dient ihm, ist Jehova Gott, so hängt ihm an; bleibt nicht lau, sondern seid entweder kalt oder warm, seid fleißig und tut Buße, wo aber nicht, so will ich euch ausspeien aus meinem Munde. Welche ich aber lieb habe, die strafe und züchtige ich. Seid nicht träge, was ihr tun sollt, seid brünstig im Geiste.
Seid ihr wirklich Erlösete des starken Gottes - wohlan, derjenige, der euch erlöst hat, erlöst euch noch täglich und wird euch endlich vollkommen erlösen aus allem Trübsal und aushelfen zu seinem himmlischen Reich. Seid nicht satt, sondern hungert und durstet nach Gerechtigkeit, nicht reich, sondern leer, damit er euch fülle. Rühmt euch in eurer Niedrigkeit eurer Hoheit, und in eurer Hoheit eurer Niedrigkeit, und wenn ihr mit Paulo sagt: Ich bin nichts geringer, denn die hohen Apostel, so sagt auch mit ihm: Wiewohl ich nichts bin. Er aber, der Gott des Friedens, der von den Toten ausgeführt hat den großen Hirten der Schafe durch das Blut des ewigen Testaments, unsern Herrn Jesum Christum, der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen; und schaffe in euch, was vor ihm gefällig ist, durch Jesum Christ, welchem sei Ehre, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.