Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Sechsundsiebzigste Predigt (Bileam).

Eingang.

Köstlich ist die Verheißung, welche Gott (Hosea 14, 6) dem geistlichen Israel gibt, wenn er in seiner großen Herablassung und Gnade sagt: Ich will Israel wie ein Tau sein, und es soll blühen wie eine Lilie. Eine Lilie hat mit vielen andern Blumen gleiches Schicksal. In Herbst stirbt sie ganz weg, und man sieht nichts mehr von ihr, als wäre sie nie gewesen. Dies ist ein Bild des Naturstandes, nach welchen wir alle den Schmuck und die Herrlichkeit rein verloren haben, der im Paradiese uns zierte; ein Bild der Selbsterkenntnis ist die Lilie im Winter, wo der Mensch sich nicht anders wie sie vorkommt, auch wirklich so ist, ohne alle Zier. Sie ist insbesondere ein Bild des Standes eines Christen in der Anfechtung, wo ihm der Empfindung und dem Gebrauch und Genuss nach alles entzogen wird, und er sich als einen kennen lernt, der nichts inne hat. Der ist denn insbesondere einer Linie im Winter ähnlich. Man sieht wohl nichts; aber im Schoß der Erde steckt die Zwiebel und sammelt sich neue Kräfte. Da verheißt aber der Herr: Ich will Israel wie ein Tau sein; und es soll blühen wie eine Lilie. Dann vergeht der Winter des Naturstandes und der Anfechtung, dann kommen grüne Blätter der Hoffnung, ja die schöne Lilie des Glaubens und der Gerechtigkeit in ihrer schneeweißen Pracht, schöner als Salomo in aller seiner Herrlichkeit, mit dem schönsten Duft.

Und seine Wurzeln sollen ausschlagen, wie Libanon, und seine Zweige sich ausbreiten, dass er sei so schön, als ein Ölbaum; und soll so guten Geruch geben, wie Libanon. Und sollen wieder unter seinem Schatten sitzen, von Korn sollen sie sich nähren, und blühen wie ein Weinstock; sein Gedächtnis soll sein wie der Wein am Libanon.

Ephraim, was sollen mir weiter die Götzen? Ich will ihn erhören und führen, ich will sein wie eine grünende Tanne, an mir soll man deine Frucht finden. Wer ist weise, der dies verstehe, und klug, der dies merke? Denn die Wege des Herrn sind richtig, und die Gerechten wandeln darinnen, aber die Übertreter fallen darinnen.

Und nun lasst uns in gewohnter Weise hören, was Gott durch den Bileam von Israel sagt.

Text: 4. Buch Mosis 24, 6. 7.

Wie sich die Bäche ausbreiten, wie die Gärten an den Wassern, wie die Hütten, die der Herr pflanzt, wie die Zedern an den Wassern. Es wird Wasser aus seinem Eimer fließen, und sein Same wird ein großes Wasser werden; sein König wird höher werden, denn Agag, und sein Reich wird sich erheben.

In unserer vorigen Betrachtung war uns die Zeder ein Bild Christi und seiner Gemeine. Es blieben uns noch einige Vergleichungspunkte zurück, und ehe wir weiter gehen, möchte ich die gerne nachnehmen. Der letzte Punkt, dessen wir erwähnten, war der Wohlgeruch des Zedernholzes. Christi Name ist wie eine ausgeschüttete köstliche Salbe. Aber was kann schöner sein, als die Namen, womit seine Gemeine geziert wird. Einige dieser Namen sind Ausdrücke der innigsten Zärtlichkeit: meine Schwester, liebe Braut, meine Freundin, meine Liebe, meine Fromme, meine Taube; einzelne bezeichnen ihre Hoheit: Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums. Sie heißen Gerechte, und gibt's einen ehrwürdigeren Titel? Sie führen den Namen der Helden, die in allem weit überwinden, ja alles vermögen, selbst unüberwindlich; sie heißen Gottes Kinder. Haben nun die Kinder irdischer Könige in weltlicher Beziehungen große Vorteile und Ehrenbezeugungen zu genießen, was wird in der himmlischen Welt denen zu Teil werden, welche den hohen Rang von Kindern Gottes bekleiden. Alles aber ist in dem einen Namen „Christ“ zusammengefasst. Ein Christ aber ist ein König, dem ohne Ausnahme alles dienen muss, ein Priester ist er, der sich stets Gott nahen darf, und ein Weiser, der die Salbung hat von dem, der heilig ist, und alles weiß. Wohl ist es noch nicht erschienen, wozu wir bestimmt sind. Aber auch ein noch nicht geschliffener Diamant, ein Diamant im Staube ist ein Diamant, und bestimmt, im Golde zu glänzen, denn wir wissen, wenn es erscheinen wird, werden wir ihm gleich sein: denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Ist irgendwas, so ist das der Mühe unendlich wert, ein Christ zu werden. Das sind die eigentlichen Gottes Werke.

Lasst mich noch zweitens vom Zedernholz bemerken, dass es dem Wurmstich nicht ausgesetzt ist, wie anderes Holz. In Jesu Herz war der Wurmstich der Sünde nicht. Obschon, in allem versucht, wie wir, war und blieb er sündenrein. Alle Versuchungen, die an ihn gingen, bewiesen nur, dass in seinem ganzen Wesen kein Äderchen von Sünde sei; sonst hätte es zum Vorschein kommen müssen. Das Holz dieser Zeder hat ihre Eigenschaft. In Christo ist ein rechtschaffenes Wesen. Wer aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm und kann nicht sündigen. Nein, bei einem Christen ist kein heimliches Einverständnis mit der Sünde, dann wäre er ja ein Heuchler und das ist unmöglich. In dem tiefsten Grund der Seele glänzt es herrlich, wie es soll, mag es auch auf der Oberfläche toben. Es kommt immer wieder empor und derjenige, welcher die Herzen forschet, weiß, was des Geistes Sinn ist. Von Zeit zu Zeit kommt es auch also ins Bewusstsein der wiedergeborenen Seele, dass sie weiß, was ihr von Gott gegeben ist, mag's auch bisweilen wie unter Schutt liegen.

Drittens bemerke ich noch, dass das Zedernholz für sehr köstlich gehalten wurde. Wenn man den Wert einer Sache bezeichnen wollte, so pflegte man zu sagen: sie sei würdig, in Zedernholz aufgehoben zu werden. Welch ein köstliches Kleinod ist Christus. Er ist es an sich. Er ist das höchste Gut. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben; er ist das Eine, das Not ist. Wer ihn hat, hat das Leben. In diesem Einen ist alles Heil und alle Seligkeit anzutreffen, so dass, wer ihn hat, in diesem Einen alles besitzt. Wer vermag seine Kostbarkeit ausreden, da alles, was in ihm ist, höchst begehrenswert ist. Ist Weisheit besser, als Gold und Schätze, so ist er die Weisheit selbst und deren Quelle; schlägt Paulus die Gerechtigkeit nicht zu hoch an, wenn er alles dagegen für Kot und Schaden achtet er ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Welchen Wert hat sein Fleisch, denn es gibt wahre Seelenspeis; sein Blut - denn es wäscht rote Sünden weiß, hat sein Kreuz, an welchem unser Fluch, unser alter Mensch, die Handschrift unserer Sünden und der Tod selbst aufgehangen und abgetan ist. Schauet seine Leiche im Grabe und seht daran gewiss, dass eure Strafe auf ihm lag; seht es leer und erkennt, wie er eure Sünden weggenommen hat. Gedenkt seiner Auferstehung, wodurch er Leben und Unsterblichkeit ans Licht gebracht; gedenkt, wie er für euch den Himmel eingenommen hat und daselbst nun sitzt, als der ein Opfer gebracht, das ewig gilt, und erwartet ihn, wie er zum zweiten Mal ohne Sünden erscheinen wird, denen, die auf ihn warten, zur Seligkeit. Ja, was ist Zedernholz und alle irdischen Kleinodien gegen dies Kleinod des Heils. Unflat und Kot. - Euch nun, die ihr glaubt, ist er köstlich, mag er auch dem Ungläubigen ein Stein des Anstoßes sein, wie Petrus sagt. Ist er von den Bauleuten verworfen, so ist er doch zum Eckstein worden, worauf die gesamte Ge meine und jedes Einzelnen Glauben also gebaut ist, dass auch die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen sollen, und sie fragen wie aus einem Munde: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Köstlich ist er ihnen geworden durch ihr Elend, woraus sie keinen andern Retter wussten, als ihn, köstlich durch seinen Trost und Frieden, den er ihnen ins Herz gab, wie es keine Kreatur vermag, köstlich durch alle die herrlichen Güter, die er schenkt, köstlich durch den Heiligen Geist, der ihnen all' das Gute zeigt, was wir an ihm haben, köstlich durch ihre immerwährende Abhängigkeit von ihm, da sie ohne ihn nichts tun können, keinen Augenblick bestehen können, nichts sind, wissen und haben, als nur durch ihn und in ihm. Um seinetwillen sind sie selbst auch köstlich vor Gott, vor den Engeln und vor gottseligen Menschen. Wie sollten sie selbst, die Gläubigen, nicht wert geachtet sein, da sie in Christo, da sie Christi Glieder sind; deswegen sieht er keine Sünde in Jakob und keine Arbeit in Israel. Wie sollen sie nicht köstlich sein in Gottes Augen, da er seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für sie alle hat dahin gegeben. Weil du so wert bist vor meinen Augen geachtet, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb; darum gebe ich Menschen an deine Stadt und Völker für deine Seele. Jes. 43, 4. Darum achtet er die Menschen - die doch allzumal sogar nichts sind - so groß, wie Hiob 7, 17 sagt, und bekümmert sich mit ihm, sucht ihn täglich heim und versucht ihn alle Stunden, sitzt und schmelzt die Kinder Levi, dass sie ihm Speisopfer bringen in Gerechtigkeit, führt ihn seine 40 Jahre herum, dass er ihn demütigte und ihm hernach wohltäte und macht ihn auf mannigfache Weise tüchtig zu dem Erbteil der Heiligen im Licht. O! wer doch die Liebe recht glaubte und erkennte, die Gott zu uns Elenden hat, er würde mit Johannes ausrufen: Er ist die Liebe selbst! Und sein Sohn hat uns Gottlose ja geliebt und uns so wert geachtet, dass er uns nicht nur mit seinem Blut gewaschen von unsern Sünden, sondern hat uns auch zu Königen und Priestern gemacht vor Gott und seinem Vater. Wer mag's fassen? Wie wert ist den heiligen Engeln schon ein Sünder, der Buße tut; wie vielmehr werden sie sich um die herlagern, die den Herrn fürchten und sich zum Dienste derer senden lassen, welche die Seligkeit besitzen sollen. Und wie wert sind sie sich untereinander. Welche Freude ist es, wenn wieder Einer hinzugetan wird zu der Gemeine, dass er gläubig werden, wenn sie von Zion sagen können, dass allerlei Lente darin geboren werden. Wie lieblich ist das Stammeln der jungen Kinder in Christo, von den betrübenden und erfreulichen Erfahrungen, die sie machen, so dass selbst ihre Irrtümer etwas Liebenswürdiges haben, so wie ihre Klagen und ihr Ächzen das Dasein einer neuen Kreatur wo nicht ihnen selbst, doch Andern beweisen. Wie herrlich hören sich die Äußerungen einer frisch getrösteten und versicherten Seele an, die da spricht: Kommt her, hört mir zu, die ihr Gott fürchtet, ich will erzählen, was er an meiner Seele getan hat. Welche Erbauung und Belehrung fließt oft von den Lippen erfahrener Christen, wenn Jesus mitten unter den zweien oder dreien ist, die in seinem Namen versammelt sind. Wie kümmerlich ist ihnen dagegen zu Mute, wenn sie so allein dastehen, wie David an dem Berge Hermonium.

Lasst mich noch viertens bemerken, dass die Zedern immer grünen. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und diese flößt Christus stets den Elenden ein. Deine Lage ist nicht so verwickelt, dein Elend nicht so groß und mannigfach, du bist nicht so trostlos, so fündig, so glaublos, dass du nicht zu dieser grünenden Zeder Hoffnung fassen dürftest. Er bleibt derselbe Heiland, mag immerhin jeder Baum ohne Frucht, ja ohne Blatt da stehen; dennoch bleib ich stets an dir; doch essen die Hündlein von den Brosamen, die von des Herrn Tische fallen. Durch ihn grünen auch diejenigen in den Vorhöfen, die in dem Hause des Herrn gepflanzt sind immerdar. Zwar kann sich der Saft in die Wurzeln zurückziehen; aber wenn sich auch die Bäume im Herbst und Winter von weitem wie verdorrt ansehen, so sind sie es näher besehen - doch nicht. Ihr Same ist in ihnen. Lasst nur die Frühlingssonne kommen, so werden sich diese Bäume schon bekriegen, ausschlagen und tausendfältige Frucht bringen. Je härter der Frost, desto lockerer die Erde, desto mehr geht das Unkraut und Geschmeiß zu Grunde.

Ich habe nie eine Zeder gesehen, diejenigen aber, welche eine gesehen haben, bezeugen, es sei ein Baum ganz einzig in seiner Art, der sich so mit keinem andern Baum vergleichen lasse. Und das ist das Letzte, was ich von der Zeder bemerken will. Christus kann auch mit vielen Dingen verglichen werden und wird mit vielen Dingen verglichen, er ist aber doch noch viel anders und viel herrlicher. Wohl mag deshalb Salomo fragen: Wie heißt er und wie heißt sein Sohn? wohl mag er Wunderbar heißen und er selbst sagen? Niemand kennt den Sohn, denn nur der Vater; und niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. Seine Liebe ist groß, aber sie übersteigt allen Verstand in ihrer Höhe. Die größte Vorstellung, die wir uns von seiner Gnade machen, ist doch kaum so viel als ein einzelner Strahl gegen die ganze Sonne. Die Wirklichkeit übersteigt all unsern Glauben. Nicht die Hälfte wird uns davon berichtet und kann uns hienieden berichtet werden, und es ist eine Ewigkeit dazu erforderlich, das Gebiet des Reiches Gottes zu überschauen und genau kennen zu lernen. Aller Lobgesang -den des Sohnes Gottes allein ausgenommen wird daher nach Psalm 65, 22 einem Stillschweigen gleichgestellt, so wenig erreicht er seinen erhabenen Gegenstand. Die Christen, als Zweige dieser majestätischen, unvergleichlichen Zeder, sind auch ganz einzig in ihrer Art, so lange sie noch außer dem himmlischen Paradiese stehen. Man mag auf sie anwenden, was Gott beim Hiob 41, 24 sagt: Auf Erden ist ihm niemand zu vergleichen. Die entgegengesetztesten Eigenschaften, wovon die eine die andere aufzuheben scheint, so dass beide unmöglich zugleich in ein und derselbigen Person vorhanden sein können, vereinigen sich wunderbar, wie in Christe, so in seinen Gliedern. Wie mag Paulus um nur Einiges zu nennen wie mag er von der nämlichen Person sagen: Als die Traurigen und allezeit fröhlich, als die nichts inne haben und doch alles haben? Wie mag Johannes schreiben: So wir sagen, Sünde haben wir nicht, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns, und doch zugleich: Wer aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde. Wie mag zu den nämlichen Korinthern gesagt werden: Ihr habt keinen Mangel an irgendeiner Gabe und strebet nach den besten Gaben? Wie reimt es sich zusammen, wenn es heißt: Ihr seid vollkommen in ihm, dann ermahnender Weise: Seid vollkommen, dann bekennender Weise: Nicht, dass ich es ergriffen habe oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach. Meint ihr, es sei leicht, die Frage zu beantworten: was ist ein Christ? so erinnert euch, dass es auch sehr schwer und rätselhaft ist, so dass der Bräutigam im Hohenliede die Braut fragt: Kennst du dich selber nicht? und Paulus die Korinther: Erkennt ihr euch selbst nicht? Christen sind keine Engel, sie sind in einem Betracht weit niedriger, in einem andern weit höher. Niedriger, vermöge der Schöpfung, nach welcher die Engel den ersten Rang einnehmen, höher wegen ihrer Vereinigung mit Christo, wodurch sie Erstlinge der Kreaturen sind. Sie sind zugleich Heilige und Sünder, Gottlose und Gerechte, schwach und können doch alles; geneigt zum Falle und unüberwindlich, sterben nie, obschon sie sterben. Es ist ihres Gleichen nicht, denn sie sind Söhne und Töchter Gottes. Es denke also niemand, Bileam spanne den Bogen zu hoch, wenn er die Gemeine erst der Aloe und dann der Zeder vergleicht. Gott selbst ist es, der also durch ihn redet. Er selbst, Bileam, war nicht geneigt, Gutes von ihnen zu reden. Er tat's aber, weil er musste, und musste es, weil Gott es wollte.

Der Prophet entwirft nun in einigen großen Umrissen die Geschichte des Volkes Gottes, die mit wenig Worten bis ans Ende der Tage reicht. Mich dünkt, seine Weissagungen umspannt zwei Zeiträume. Der erste reicht von der Ausführung aus Ägypten bis auf die Erscheinung Jesu Christi, des großen Königs; der andere bis ans Ende der Tage, besonders der großen Heidenbekehrung, wozu die alsdann bekehrten Juden sehr kräftig mitwirken werden, da von ihrem Eimer die belebenden Wasser sich ergießen werden. Was aber die letzte herrliche Zeit betrifft, so wird davon insbesondere in der vierten und legten Weissagung des Propheten gehandelt.

Wir wollen aber seine Reden nicht so sehr in ihrer prophetischen Beziehung betrachten, was uns teils zu schwer sein, teils zu weit führen möchte, sondern uns lieber am Praktischen halten, das heißt, es insofern beachten, als es jeden wahren Christen angeht.

Von diesem Gesichtspunkt aus hören wir den Prophet denn erstlich sagen: Gott El, der starke Gott, hat Israel aus Ägypten geführt, welches für Israel nicht nur eine große Wohltat, sondern für das ganze Reich Gottes von größter Wichtigkeit, so wie ein Vorbild war der einigen großen Erlösung, die durch Christum geschehen ist und die sich noch stets in der Erlösung der einzelnen Seelen in ihrer Frucht und Wirkung erweist.

Die Erlösung der Kinder Israel an sich wollen wir jetzt nicht erwägen, weil wir damit vor etlichen Jahren unsere Betrachtungen der Wanderungen Israels begonnen. Wir sehen vielmehr auf die Ausführung der einzelnen Seele, aus dem Natur in den Gnadenstand und nennen dies bildlich eine Ausführung aus Ägypten auf die Straße nach Kanaan.

Ägypten hat auch eine mystische, bildliche Bedeutung. So wird Offb. 11, 8 von einer gewissen großen Stadt gesagt, sie heiße geistlich Ägypten, wo unser Herr gekreuzigt ist. Dies herrliche, ungemein fruchtbare Land, das einzige Land, wo es niemals regnet, das aber durch das Austreten des Nilstromes jährlich gewässert und zugleich gedingt wird, dieses wegen seiner Pyramiden und sonstigen uralten, unermesslichen Bauten, die noch in ihren kolossalen Ruinen ins größte Erstaunen setzen, höchst wunderbare Land, das sich in unsern Tagen durch einen wichtigen Krieg gegen den türkischen Sultan aufs Neue merkwürdig gemacht hat heißt auf Hebräisch: Mizraim, und hat seinen Namen von einem der Söhne Hams, des Sohnes Noah. Dieser Name kommt von einem hebräischen Wort, welches einschnüren, bestreiten, beängstigen bedeutet. Und es ging den Kindern Israel in Ägypten, besonders die letzten 80 Jahre ihres Aufenthalts, in diesem Lande wirklich se, wie es diese Bedeutungen anzeigen. Sie wurden eng eingeschnürt, bestritten und beängstigt. Darauf gehen wir nicht weiter ein, sondern betrachten dies bildlich als den Stand der Natur, worin sich jeder Mensch so lange befindet, bis er von dem starken Gott herausgeführt wird.

Er ist eingeschnürt, er ist in Banden der schrecklichsten Art, um so schrecklicher, weil er sie nicht fühlt, nicht merkt, so lange er nicht frei sein will, da es hauptsächlich sein Wille ist, welcher ihn an das Joch der Sünde fesselt. Bei aller Sklaverei dünkt er sich frei, und dieser bezaubernde Dünkel ist eben ein wesentlicher Teil seiner seltsamen Sklaverei, die gewissermaßen selbst mit diesem Dünkel schwindet. Etlicher Bänder sind sichtbar und fühlbar genug. Sie wissen und fühlen, dass die, die das tun, was sie tun, des Todes würdig sind, und tun es doch wenn gleich zuweilen mit Überdruss und nagen dem Gewissen, nicht nur selbst, sondern haben auch Gefallen an denen, die es ebenso machen. Wie manche Lasterknechte sehen ein, dass sie durch ihre Unzucht, durch ihre Trunkenheit, durch ihre Spielsucht sich selbst, ihr Vermögen, ihren guten Namen, ihre Familie, ja ihr Seelenheil und Seligkeit zu Grunde richten, und werden doch da hin gerissen, zu tun, was nicht taugt, nicht durch das Vergnügen, was sie daraus schöpfen, sondern durch einen unbändigen Trieb, dem sie nicht Meister werden können, noch wollen. Nun, wenn's nur diese offenbaren Lasterknechte wären. Aber es gibt auch geheime Bande, die nicht weniger verderblich sind, wenn sie auch gerade nicht so auffallend in die Erscheinung treten, als da sind die Grundübel: Blindheit, Eigengerechtigkeit, Unglaube. So steckt der Mensch während seines Naturstandes in den schrecklichsten Banden, wovon ihn niemand als die Gnade des Allmächtigen befreien kann.

Israel wurde in Ägypten nach der zweiten Bedeutung des Namens also bestritten, dass seine gänzliche Ausrottung unvermeidlich schien. Dies bestreiten beschränkt sich aber nicht auf den Naturstand, wo der Mensch vielmehr mit seinem bittersten Feinde zuhält und eifrig ist in bösen Werken, wo der Teufel der Ungläubigen Sinne verblendet, dass sie in der Finsternis dieser Welt und unter der Tyrannei derselben auch das hellste Licht nicht sehen. Dann ist er tot in Sünden. Dies Bestreiten wird der Mensch erst dann gewahr, wenn ein besserer Sinn in ihm gewirkt worden ist, wenn er das Gute will, wenn er Lust bekommt am Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen, denn dann findet er erst, wie das Böse ihm beiwohne, findet er ein gebieterisches Gesetz in sich, das ihn unter der Sünde gefangen hält. Und so tritt die dritte Bedeutung des Wortes, wovon Ägypten den Namen Mizrain hat, in Kraft. Er wird beängstigt. Auf der einen Seite liegt der starke Trieb zur Sünde, auf der andern aber die, sich immer mehr aufdringende Überzeugung, dass, seinen Trieben folgen, nichts anders sei, als der Hölle zueilen und er spürt, wie seine ganze Art darauf losrennt. Er wird wie zerrissen. Das Gute will er wohl. Er will wohl beten und kann kaum seufzen, -andächtig sein, und ist voll Zerstreuung. Das Böse will er nicht. Und siehe, sein Gedächtnis erinnert ihn nur an das, wovon er nichts mehr wissen will, seine Einbildungskraft ist fruchtbar an allerlei Gaukeleien und reizenden oder quälenden Bildern; und seine Begierden drohen wie flüchtige Rosse mit ihm durchzugehen. Israels Angst er. reichte den höchsten Gipfel durch die Gebote Pharao. Eine bestimmte Arbeit zu vollenden, oder geschlagen zu werden, da ihnen jede Erleichterung ihres Geschäftes vorenthalten wurde. Das Gesetz gebeut unter Androhung der ewigen Schläge und verbeut, und ist dabei nicht die Kraft des guten, sondern des bösen Willens, so dass die Sünde lebendig und überaus fündig wird durch das Gebot. Nun weiß die geängstete Seele weder aus noch ein. Wird ihr Erlösung verheißen, so hört sie es kaum vor Angst und seufzen ihres Herzens, wie die Kinder Israel, als Moses ihnen sagte: Ich bin der Herr und will euch erretten von den Lasten Mizraim. Doch so schmerzlich dieser Druck ist, eine so gute Vorbedeutung gibt er auch, dass nun die Erlösung nahe. So lange ihr sorglos und sicher dahin lebt, entweder in der Weltkunst oder in der eigenen Gerechtigkeit, so lange ihr von keiner Angst, Not und Bedrängnis wisst, steht es gar gefährlich um euch, wie wenig ihr es glaubt. Je mehr ihr es aber glaubt und fühlt und merket, desto gewisser ist es, dass sich eure Erlösung naht. Seid dann nur getrost und unverzagt und harrt des Herrn. Amen,

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