Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Fünfundsiebzigste Predigt (Bileam).

Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Fünfundsiebzigste Predigt (Bileam).

Text: 4 Buch Mosis 24, 6.

Wie die Zedern an den Wasserbächen.

Dies ist das vierte Gleichnis, unter welchem Bileam Israel vorstellt. Wir betrachten die Zedern als ein Bild Christi und seiner Gemeine,

1) überhaupt,
2) in einigen Besonderheiten.

1.

Bei Betrachtung der Zeder als ein Bild Christi und seiner Gemeine bemerken wir erstlich überhaupt den irdischen Ursprung Christi nach seiner menschlichen Natur. Nach derselben ist er, wie seine Gemeine von der Erde, eine Frucht der Erde. Gleich wie die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er's gleichermaßen teilhaftig worden, dass sie beide von Einem herkommen, sowohl der da heiligt, als die da geheiligt werden. Jesus war ein wirklicher Mensch, wie wir, doch ohne Sünde und ohne einen menschlichen Vater, durch unmittelbare Wirkung des Heiligen Geistes. Er hatte menschliche Gemütsbewegungen, als Freude und Traurigkeit, Angst und Friede, Furcht und Hoffnung, Hass, Zorn, Liebe, Schrecken und Ruhe, Wünsche, Verlangen, und sie wechselten bei ihm ab, waren aber allzumal vollkommen heilig. Auch die Schwachheiten der menschlichen Natur hatte er an sich, insofern sie unsündig sind. Er bedurfte der Speise, des Schlafs, ward müde, hungrig, durstig, und wenn wir gleich von ihm lesen, dass er gelächelt habe, so hat er doch geweint, und die Kinder, welche er herzte und segnete, ohne Zweifel aufs Freundlichste angeblickt, wie man Kindern tut. Schmerz, Verachtung, Hohn, machte einen ebenso unangenehmen Eindruck auf ihn, wie auf andere Menschen. Die Schmach brach ihm sein Herz und kränkte ihn nach Psalm 22. Er benahm sich auch gegen Gott, wie es sich für einen heiligen Menschen geziemt. Er war höchst demütig, wie er von sich selbst sagt, ja, im 40. Psalm sagt er: Ich bin arm und elend, aber der Herr sorgt für mich. Und im 8. wundert er sich sogar darüber, dass der Herr seiner gedenke und fragt: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Er tat nirgends seinen Willen, wenn ihm auch etwas sehr Schweres zugemutet wurde, als insbesondere damals der Fall war, da ihm in Gethsemane der bittere Angstkelch gereicht wurde. Wie gerne wäre er derselben überhoben gewesen; aber er betete und sprach: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Seiner menschlichen Natur wäre es sehr willkommen gewesen, wenn er der Taufe, die ihm große Angst machte, bis sie vollbracht war, hätte entledigt bleiben können, dass er auch sagte: Vater, hilf mir aus dieser Stunde! Dennoch aber war er gehorsam bis zum Kreuzestode. Er betrachtete sich so abhängig von Gott, dass er erklärte, er könne nichts von ihm selber tun, sondern sein Vater gebe ihm die Werke, die er tue. Er glaubte, er betete, er dankte, er nannte sich einen Wurm. Zum Beweise seines irdischen Ursprungs haben wir zwei Geschlechtsregister von ihm, wovon das eine seine Abkunft bis auf Adam zurück führt, das andere bis auf Abraham. Bis auf Noah sind die Voreltern Jesu lauter im Glanz der Heiligkeit, leuchtende Personen, Sterne erster Größe, wovon Einer sogar lebendig in den Himmel aufgenommen wurde. Von Noah herab verdunkelt sich dieser Glanz schon, da seine Stammlinie nicht von Abgötterei unbefleckt geblieben zu sein scheint, wie Josua 24 angedeutet wird, bis Abraham in unübertroffener Herrlichkeit auftritt. Von da ab nach Jakob kommen unter den Voreltern Jesu verschiedene Personen vor, die sich schwerer, abscheulicher Sünden schuldig gemacht haben, zur Zerstörung allen Ruhms der eigenen Würdigkeit und zum Preise der allein heilsamen Gnade, da der Sohn Gottes sich solcher Vorfahren und solcher Nachkommen nicht schämt, wie ein Juda, eine Thamor, eine Rahab, ein David, eine Bathseba, ein Manasse war, deren Sünden er sich zurechnen ließ und bezahlte. Denn er erschien in der Gestalt des sündlichen Fleisches, doch ohne eigene Sünde, dennoch von Gott zur Sünde gemacht.

Der Ursprung der Gemeine Jesu Christi ist zwiefach, der eine von Adam, der andere von Christo, der eine von der Erde, der andere vom Himmel, und erscheint nach dem Gesichtspunkt, woraus wir sie, nach dem einen oder andern Ursprung ins Auge fassen, abscheulich oder herrlich. Betrachten wir die Gemeine Jesu Christi nach ihrem ersten Ursprung von Adam, so kann man wirklich außer den Teufeln nichts Abscheulicheres sehen, wenn man sehen kann, und da sieben Teufel in der einen Maria Magdalena waren, so war ihr Zustand offenbar gräulicher, als der eines einzelnen Teufels. Diesmal will ich dies nicht ausführlich auseinander setzen, sondern mich begnügen, teils das Bild bei dem Propheten Ezechiel, Kapitel 16, das davon handelt, teils einen einzigen Spruch statt aller übrigen anzuführen. Das Bild aber lautet also: Dein Geschlecht und deine Geburt ist aus der Kanaaniter Lande, dein Vater aus den Amoritern und deine Mutter aus den Hethitern, die vertilgt werden mussten. Deine Geburt ist also gewesen, man hat dich nicht mit Wasser gebadet, dass du sauber würdest, noch mit Salz gerieben, noch in Windeln gewickelt, sondern du wurdest auf das Feld geworfen. Also verachtet war deine Seele, da du geboren wurdest. - Der Spruch aber, den ich anführen will, und der auf die nachdrücklichste Weise die Natur in ihrer wahren, eigentümlichen Beschaffenheit schildert, steht Römer 3, 10-18 und lautet also: Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott frage; sie sind alle abgewichen, und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer; ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handeln sie trüglich, Otterngift ist unter ihren Lippen; ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid; und den Weg des Friedens wissen sie nicht; es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen. Untersteht sich denn jetzt jemand, von der menschlichen Natur, wie sie sich durch den Sündenfall gestaltet hat, anders, als mit dem größten Abscheu zu denken und zu reden: so macht er Gott zum Lügner und beweist, dass das Wort Gottes nicht in ihm sei. Siehe aber, das Alte ist vergangen und es ist Alles neu geworden. Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur, denn euch, die ihr nach Kolosser 1, 21 Fremde und Feinde wart durch die Vernunft in bösen Werken, hat er versöhnt mit dem Leibe seines Fleisches durch den Tod, auf dass er euch darstellte heilig und unsträflich und ohne Tadel vor, ihm selbst. Christus ist der zweite Ursprung der wahren Christen oder als Christen vielmehr ihr einziger, denn durch seine Auferstehung sind sie wiedergeboren, so wie durch dieselbe in einen Stand versetzt, dass sie fragen dürfen: Wer will verdammen? Christus ist hier, der gerecht spricht. Betrachten wir nun die Gemeine aus diesem Gesichtspunkt ihres zweiten Ursprungs, so ist sie ganz herrlich, ohne Fleck, vollkommen in ihm.

Die Zeder ist zweitens ein Bild Christi in seiner Erhöhung und Herrlichkeit. Die Zeder ist ein sehr majestätischer Baum, gleichsam der König der Bäume. Kein Baum übertrifft ihn an Höhe und Größe, an Umfang, an Dauer und Ausbreitung der Zweige; er ist immer grün, ölig, wohlriechend, unverderblich, und dient als Bauholz. Er ist in der Schrift ein Bild des Hohen und Erhabenen, der Könige und Herren, und namentlich des erhöhten Christus. Nachdem er sich aufs Tiefste erniedrigt hatte in unaussprechlicher Angst, Schrecken und Schmerz, sonderlich am Stamme des Kreuzes, da er ausrief: Mein Gott! mein Gott! warum hast du mich verlassen? so hat ihn Gott auch erhöht über alle Throne, Fürstentümer und Gewaltigen, und er hat sich gesetzt zur Rechten Gottes, nachdem er die Reinigung unsrer Sünden verrichtet hatte durch sich selbst. Ist nun Christus lieblich anzusehen in seiner büßenden, unsere Sünden versöhnenden Erniedrigung, so ist er noch lieblicher anzuschauen in seiner Hoheit und Herrlichkeit, als dem Beweise seines vollendeten Gnadenwerks. Welch' eine süße und nahrhafte, stärkende Weide gewährt es dem Glauben, wenn er die Auferstehung Christi erwägt, wie sie die Rechtfertigung des strafschuldigen, und die Lebendigmachung des geistlich-toten Sünders in sich fasst; die Himmelfahrt Christi, um daselbst unser Fürsprecher bei dem Vater zu sein, um daselbst seine Verdienste bei dem Vater für uns geltend zu machen, um uns als ein Unterpfand und als ein Spiegel zu dienen, darin die Herrlichkeit zu erblicken, die der Seinigen um seinetwillen gewisslich wartet; - wenn er ihn sitzen sieht zur Rechten Gottes und eben in dieser Stellung den Beweis der Vollkommenheit des Opfers erblickt, da die Hohenpriester des Alten Bundes stehen mussten, wenn sie Opfer brachten; dieser aber, nachdem er hat ein Opfer für die Sünder geopfert, das ewig gilt, sitzt er nun zur Rechten Gottes; wenn er in diesem Herrlichen den erblickt, dem alle Gewalt Himmels und der Erde gegeben ist, durch welche der Vater alles regiert, der uns seines Sieges über Welt, Sünde, Tod, Fluch, Teufel und Hölle teilhaftig macht, seine himmlischen Gaben in uns, seine Glieder, ausgießt und wider alle Feinde schützt und erhält; wenn er die Wiederkunft Christi zum Gericht erwägt, wo er ohne Sünde erscheinen wird, denen, die auf ihn warten zur Seligkeit. Bei seiner ersten Erscheinung kam er als das Lamm Gottes, beladen mit der Sünde der Welt, und wurde so besonders sichtbar während der sechs Stunden, die er als ein Fluch am Kreuze hing. Diese Last der Sünde wälzte er im Tode von sich. Wenn er zum zweiten Mal erscheint, wird der Glaube seinen höchsten Triumph feiern, indem es sich nun in ein wirkliches Anschauen umwandelt, wie vollkommen sein Herr Christus alle Vermaledeiung von ihm hinweggenommen, welche Gottes-Gerechtigkeit er ihm erworben hat, wie gültig sein Recht an ewige Seligkeit und Herrlichkeit ist.

Die erhabene Zeder ist demnächst auch das Bild wahrer Gläubigen. Ist er der Baum, so sind sie die Zweige, ist er die Wurzel Isai, so sind sie der Baum. Freilich tragen die Gläubigen in diesem Leben mehr das Bild des erniedrigten Christus. Wie er war, so sind sie in der Welt. Sie tragen allezeit das Sterben Christi an ihrem Leibe, damit auch das Leben Christi an ihnen offenbar werde. Sie sind den Anfällen des Feindes, sie sind mannigfaltigen Versuchungen und Leiden wie Er ausgesetzt, sie sind Gegenstände des Widerspruchs, des Hasses, der Verachtung wie Er; sie müssen sich in ihrer Weise mit der Sünde schleppen ihr Leben lang, wie Er in seiner Weise mit den ihm zugerechneten Sünden Anderer. Sie haben manchen trüben Tag, wie Er selten eine fröhliche Stunde. Und sonst sind ihre irdischen Verhältnisse häufiger kümmerlich, als glänzend. Seht an euren Beruf; nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viele Gewaltige, nicht viele Edle sind berufen. Wirklich vergleicht die heil. Schrift die wahren Christen nicht nur den Zedern, sondern auch den Weidenbäumen, dem Grase, den Lilien im Tal, ja zerstoßenem Rohr; nicht nur dem Löwen, sondern auch dem Würmlein; nicht allein dem Adler, sondern auch einer Turteltaube, ja einem einsamen Sperling auf dem Dache; nicht nur den Sternen, sondern auch einem glimmenden Tocht; nennt sie ein königliches Priestertum, aber auch elende arme Tiere, Psalm 74, 19. Dessen aber ungeachtet sind sie auch hienieden schon herrlich und erhaben, teils im Glauben, teils im Genuss. Im Genuss, sag' ich. Schon dass und wenn sie glauben können, was ist das für ein herrlicher Genuss der Güter Christi, zu dessen Gürtel der Glaube gehört, was ist das für eine Herrlichkeit, dass ihnen ihre Sünden vergeben sind, dass die beherrschende Kraft der Sünde in ihnen durch die Kraft Christi gebrochen ist, und sie nicht mehr über sie herrschen kann, weil sie unter der Gnade stehen, dass der Versucher sie wohl anfallen, aber nicht verstricken und überwältigen kann, dass ihnen nichts eigentlich schaden kann, sondern nutzen muss. Was für ein herrlicher Genuss sind die Tröstungen, die sie nicht selten genießen, die Einsichten, die ihnen mitgeteilt werden, die Aufschlüsse, die Versiegelung, die sie bekommen, - Genüsse, die mehr Wert haben, als die ganze Welt, und die den Kranken wie den Gesunden, den Dürftigen wie den Vermögenden, den Gefangenen wie den Freien zugänglich sind. Doch die Hoheit und Herrlichkeit derer, die Christo angehören, dasjenige, was sie zu Zedern macht, ist der Glaube, der wie ein Ring den Edelstein, so den ganzen Christum in sich fasst. Wir wandeln aber im Glauben, nicht im Schauen. Wir sind wohl selig, aber in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht? Der Glaube tut Wunder und versetzt Berge; er versetzt elende Sünder in das unergründliche Meer der Gerechtigkeit Christi, versetzt aus der bedrängnisvollen Zeit in die Ruhe der Ewigkeit, versetzt in Christum und mit ihm in das himmlische Wesen, während wir doch noch aus, wohnen von dem Herrn. Im Glauben, der alle göttliche Verheißungen erfasst, besitzt der Gläubige mehr, als er weiß, fasst und begreift, und steht da, eine herrliche Zeder. Darum fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob und du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der Herr, dein Erlöser, der Heilige in Israel. Siehe, ich habe dich zu einem neuen, scharfen Dreschwagen gemacht, der Zacken hat, dass du Berge zermalmen und Hügel wie Spreu machen sollst. Du wirst fröhlich sein am Herrn und wirst dich rühmen des Heiligen in Israel. Jesaia 41, 14. Das Beste aber kommt noch, wenn aus dem Glauben das Schauen wird; dann gestaltet sich das arme, elendige Volk, das sich der Herr hat übrig bleiben lassen, zu einer majestätischen Zeder vom Libanon. In ihres Vaters Hause werden sie leuchten wie die Sonne. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit. So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind: Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust, samt dem Geiz, welcher ist Abgötterei; um welcher willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens. Kolosser 3. Als eine himmelhohe Zeder wird sich die Gemeine noch vor dem jüngsten Tage zu der Zeit herausstellen, wenn der Schwächste sein wird wie David, wenn der Sonnenglanz wird siebenmal heller sein, wenn sie alle den Herrn kennen, beide klein und groß. In ihrer vollendeten Herrlichkeit aber wird die Gemeine Jesu Christi sich nach der Auferstehung entfalten, wenn sie ohne Flecken und Runzel, vollkommen heilig und herrlich, Ihm gleich sein und ihn sehen wird, wie er ist. Denn wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des Himmlischen. Der erste Mensch ist von der Erde, irdisch, der andere Mensch ist der vom Himmel. 1. Kor. 15. Diese Herrlichkeit, die aller Gottseligen wartet, und der sie warten, übersteigt allen menschlichen Begriff. Danksagt dem Vater, der euch errettet hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.

2.

Bei Betrachtung der Zeder, als eines Bildes Christi und seiner Gemeine, ziehen wir nun zweitens einige Eigentümlichkeiten derselben in Erwägung.

Das Zedernholz wurde dann erstens zum Tempel und bei einigen Stücken des Gottesdienstes gebraucht. Salomo ließ den Tempel inwendig ganz mit Zedernholz täfeln, dass man keinen Stein sah, und ließ es überdies mit Gold überziehen. Was musste das für eine Pracht, was für Kostbarkeit musste das sein, zumal da alle Gefäße des Tempels von lauterm Golde waren. Dieser Tempel ist ein Bild des Himmels, ist insbesondere ein Bild des Leibes Christi, den er selbst diesen Tempel nennt. In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig und aus dieser Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Wer sich an dieses Haupt hält, empfängt Handreichungen, dass er erwächst zur göttlichen Größe. Kolosser 2, 9. Alles, was an ihm ist, ist höchst begehrenswert, ist köstlicher, als Gold und viel feines Gold. Sein Reichtum ist unausforschlich und daran Teil haben, heißt wahrlich reich sein. Dies mit Gold überzogene Zederngetäfel des Tempels ist ein Bild der Gottheit Christi, die während seines Wandels auf Erden durch sein Fleisch verdeckt war. Wer aber Augen hatte, der sah seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Aber die Seinigen heißen auch Tempel, um seinetwillen und durch ihn. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Tempel des Heiligen Geistes sind, der in euch ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst? 1. Kor. 6, 19. Gott selbst wohnt und wandelt in ihnen. Sie sind ganz herrlich inwendig, ihrer neuen Natur nach, und heilige Dinge gehen in ihrem Inwendigen vor, durch den Heiligen Geist, denn sie sind Christi teilhaftig worden, so wir anders das angefangene Wesen bis ans Ende festbehalten. Zedernholz wurde auch beim Gottesdienst in zwei Fällen gebraucht, nämlich beim Verbrennen der roten Kuh, worauf Zedernholz nebst Ysop und Purpurwolle geworfen wurde, und bei der Besprengung mit dem heiligen Weihwasser, welche mit einem Sprengwedel geschah, der aus Ysop bestand, der mit Purpurfäden an einen Stab von Zedernholz befestigt war. In demselben vereinigte sich also das Höchste, nämlich die Zeder mit dem Niedrigsten, dem Ysop, jenes ein Bild der göttlichen, dieses der menschlichen Natur Christi, vereinigt in seiner Menschwerdung, beide in ihrer Weise wirksam und leidend zu unserer Versöhnung. Dies bewirkt unsere Reinigung zur Vereinigung mit Gott, da er uns mit seinem Blut erkauft hat, dass wir sein eigen würden. In wahren Christen ist wirklich auch das Höchste mit dem Niedrigsten vereinigt. Sie sind, wie Petrus sagt, der göttlichen Natur durch die Wiedergeburt teilhaftig worden, so sie fliehen die vergängliche Lust der Welt; sie sind auch der menschlichen Natur teilhaftig, und zwar in der Beschaffenheit, wie sie sich nach dem Fall befindet. Sie sind auch gewissermaßen Werkzeuge zur Reinigung Anderer: teils durch Worte, Ermahnungen, Bestrafungen, teils durch ihren gottseligen Wandel, wodurch sie auch ohne Wort gewonnen werden, teils durch ihre Fürbitte; denn das ist die Freudigkeit, die wir zu ihm haben, dass, so wir etwas bitten nach Seinem Willen, so hört er uns. Überhaupt aber ist Christus der Tempel, so müssen wir in ihm sein, wie das Zedergetäfel in dem irdischen Tempel, überzogen mit dem kostbaren Golde seiner Bürggerechtigkeit. Sind wir aber in Christo, so ist nichts Verdammliches an uns, so wir uns in ihm er finden lassen, nicht habend unsere Gerechtigkeit, sondern die von Gott dem Glauben zugerechnete.

Zedernholz ist ölig. Christus führt eben deswegen diesen Namen, der einen Gesalbten bedeutet, weil er mit dem Öl des Heiligen Geistes gesalbt ist ohne Maß. Er hat denselben empfangen, um ihn auszuteilen, in dem Maße, wie es ihm gefällt, und je nachdem er ihn austeilt, ist jemand ein glimmender Tocht, ein scheinendes Licht, eine brennende Fackel, schön wie die Morgenröte, lieblich wie der Mond, oder gar auserwählt wie die Sonne, oder schrecklich wie die Heeresspitzen. Niemand kann etwas nehmen, es werde ihm denn von oben gegeben. Je nachdem der Wind günstig bläst, eilt das Schiff mit vollen Segeln über den Spiegel des Meeres dahin. So gibt's einen schwachen Glauben und eine Plerophorie1) des Glaubens, der wie mit vollen Segeln fährt, ein Starksein im Glauben, wie Abraham. Es wird schwer, es wird leicht, je nachdem es gibt, ein Blühen und reiches Fruchttragen, ein Vertrocknen, wie wenn es im Sommer dürre wird. Große Gewissheit, Freudigkeit im Herrn, Jauchzen und Rühmen. Kurz, Nehemia hat vollkommen Recht, wenn er Kap. 9, 6 sagt: Herr, du bist's alleine. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Es ist der Höchste unter allen Titeln, der Name Christ, denn er bezeichnet die höchsten Würden, nämlich die eines Priesters, Propheten und Königs Würden, die auch im Himmel gelten. Und wir alle führen diesen vielbedeutenden Titel, heißen alle Christen. Allein was ist dieser Name bei den Meisten? Nicht mehr, als wenn ein Bettler Reichmann hieße, oder ein Sklave Kaiser. Wer wirklich ist, was er heißt, der ist gesalbt und zwar mit nichts Geringerem, als dem Geiste Jesu Christi in seinem Maß. Er hat die Salbung von dem, der heilig ist. Er hat Vergebung der Sünden und also auch den Geist ohne Falsch. Er weiß, was zu seiner Seligkeit zu wissen nötig ist, er kann das auch durch das Vermögen, das Gott darreicht. Er ist und wird tüchtig gemacht zu jeglichem guten Werk, und in ihm geschaffen, zu tun seinen Willen, durch Jesum Christum. Hebräer 13. Wie die Zedernbretter die Natur des Zedernbaums an sich haben, so Christen Christi Sinn. Die natürliche Geburt macht uns zu Menschen, zu Sündern; die Wiedergeburt macht uns zu Christen und durch den Glauben werden wir Glieder Christi und seiner Salbung teilhaftig, Reben am Weinstock, Zweige am Baum. Ohne diese Gründe maße sich nur Niemand den Namen eines Christen an.

Zedernholz verbreitet einen lieblichen Geruch. Dein Name, sagt die Braut im Hohenlied 1, 3, dein Name ist wie eine ausgeschüttete Salbe, dass man ihren guten Geruch rieche, und vergleicht ihn Vers 13 mit einem Büschel wohlriechender Myrrhen auf ihrer Brust, das sie durch seinen Duft erquicket. Paulus sagt Epheser 5, 2: Wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns geliebt hat, und sich selbst dargegeben für uns, zur Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen Geruch. Und gewiss gibt's nichts Wohlriechenderes für einen zerschlagenen, verlorenen Sünder, als dies, wenn der Name Christi als eine Salbe durch den heil. Geist vor ihm ausgeschüttet wird, eine Salbe, die zugleich alle Wunden heilt. Ist euch dieser Name noch nicht köstlich, über alles köstlich geworden, so ist's nur ein Beweis, dass ihr noch nicht einmal die erste Staffel des Christentums erreicht habt, nämlich die, zu erkennen, wie groß eure Sünde und Elend sei. Erkennt dies, so wird euch diese Salbe köstlich werden. Das ist gewiss.

Darum lieben dich die Mägde, die Jungfrauen, und darum singen und sagen sie auch:

In keinem Andern ist ja Heil,
Kein Nam' ist uns gegeben,
Darin wir können nehmen Teil
An Seligkeit und Leben.
Du bist's allein, der Jedermann
Ein ewig Leben schenken kann;
Gelobet sei dein Name!

Dein Name! werde doch in mir
Durch Gottes Geist verkläret;
Da, was verborgen ist in dir,
Kein fleischlich Herz erfähret.
Denn die Vernunft begreift es nicht!
Ohn' deines Geistes Gnadenlicht
Blieb' es unaufgeschlossen.

Amen.

1)
meist im theologischen Kontext benutztes Wort für eine auf festem Glauben basierende überschwängliche Begeisterung und Überzeugungswilligkeit
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