Krummacher, Friedrich Wilhelm - Kehret wieder!

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Kehret wieder!

Predigt über den 85. Psalm

gehalten am 9. Juli 1848

und auf Verlangen herausgegeben

von

Friedrich Wilhelm Krummacher.

Psalm 85.
Ein Psalm der Kinder Korah vorzusingen. Herr, du bist gnädig gewesen deinem Lande, und hast die Gefangenen Jakobs erlöst; Du hast die Missetat vergeben deinem Volk, und alle ihre Sünde bedeckt, Sela; Du hast allen deinen Grimm aufgehoben, und dich gewendet von der Glut deines Zorns: Tröste uns, Gott unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade gegen uns. Willst du denn ewiglich über uns zürnen, und deinen Zorn währen lassen für und für? Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich dein freuen möge? Herr, erzeige uns deine Gnade, und schenke und dein Heil. Ich will hören, was Gott der Herr redet; denn er sagt Frieden zu seinem Volk und seinen Heiligen, und sollen nicht wieder auf Torheit geraten. Ja, seine Hilfe ist nahe denen, die ihn fürchten; dass in unserm Lande Ehre wohne; Dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen: Dass Wahrheit aus der Erde sprieße, und Gerechtigkeit vom Himmel schaue. Ja, der Herr wird uns geben das Gute; so wird unser Land geben sein Gewächs. Gerechtigkeit wird vor seinem Angesicht wandeln und auftreten auf dem Wege.

Nicht wahr, geliebte Brüder, ein Psalm, wie der verlesene, darf seines Anklanges unter uns gewiss sein. Ist er doch fast nur ein reiner Wiederhall der Gedanken und Empfindungen, die mehr oder minder uns Alle gegenwärtig schon bewegen. O, wie das Wort Gottes lebendig wird in dieser Zeit! Wie es als ein Wort der ewigen Wahrheit sich neu bewährt! Wie es trifft, durchschlägt und fähet! - Wohlan, suchen wir uns des Grundes klar bewusst zu werden, aus welchem der 85ste Psalm so traut uns antönt und das einmütige Geständnis uns abdringt, er verlaute unter uns so recht zur guten Stunde, und sei ein Psalm für uns, wie wenige. Wir werden finden, er bezeichne uns die innere Stellung, welche wir zuerst unsrer Vergangenheit, sodann unsrer Gegenwart, und endlich der Zukunft gegenüber teils schon einnehmen, teils einzunehmen haben. - Treten wir der Sache erörternd näher, und gönne der Herr unserm Worte den Nachdruck seines Geistes!

I.

Der heilige Sänger schüttet in seinem und seines Volkes Namen vor dem Herrn sein Herz aus. Aus der Nacht einer schweren drangsalsvollen Zeit tönt sein Lied hervor. Notschrei ist der Grundton seines Liedes; Schrei nach Trost in der Angst, nach Hilfe im Gedränge. Aber nicht Schrei der Verzweiflung. Der Sänger weiß, der alte Gott lebe noch, und dieses Wissen hält ihn, wie die Stürme ihn umbrausen, mächtig aufrecht. Und will ihm der Mut entfallen, der Glaube wanken, so weiß er ihn mit der Erinnerung an die früheren Gnaden und Hilfen Gottes wieder zu stützen und zu stärken; und dieses Erinnern, wie weitet's ihm die Brust, wie erhebt es seine Seele, wie macht's ihm Gemüt und Auge wieder heiter! „Herr“, ruft er, „Du bist vormals gnädig gewesen Deinem Lande, und hast die Gefangenen Jakobs erlöst. Du hast die Missetat vormals vergeben Deinem Volk, und alle ihre Sünde bedeckt. Sela. Du hast vormals allen Deinen Zorn aufgehoben, und Dich gewendet von der Glut Deines Zorns!“ - - O, wir stimmen ein, wir stimmen ein in diese Worte. Sie sind uns wie aus dem Innersten unsrer eignen Seele herausgeredet. Ein „Vormals“, wie dasjenige, auf welches der Sänger seine Hoffnung erneuerte Hulderweisung stützt, liegt auch hinter uns. Gehen auch wir darauf zurück, und halten's namentlich in diesen unsern Tagen fest, fest im Ange.

1. Nicht volle vier Jahrzehnte sind es hin, da lag die Hand des Herrn schwer auf uns. Mit Recht; denn wir hatten den Herren verlassen, und unseres Berufs vergessen, vor andern ein ernstes, frommes und gesittetes Volk zu sein. Wir armes, allezeit zu schmählicher Verkennung der eigenen Würde und zu verächtlicher Nachäffung fremder Nationalitäten geneigtes Volk schlugen die reellen Schätze unsres väterlichen Glaubens, unsrer deutschen Zucht und Sitte um den schlechten Preis fränkischer Scheinaufklärung, Mode und Leichtfertigkeit los. Die einzelnen Männer, die hin und wieder noch, wie Prediger in der Wüste, die Stimme der Warnung erhoben und uns zuriefen: „Israel, du bringst dich selbst ins Unglück“, wurden als „hinter der Zeit Zurückgebliebene“ mit Achselzucken angesehen und verlacht. Die gallischen Mundschenken dagegen, von deren Taumelkelchen wir trunken worden waren, ein Voltaire und dessen Nachtreter, waren die Leute, und wurden hoch gepriesen. Ein jammervoller Zeitraum war's: Die Altäre des Herrn verlassen, die Kanzeln meist von Mietlingen und seichten Schwätzern besetzt, die Kirchen leer und öde, die Schulen Treibhäuser der oberflächlichsten und kernlosesten Bildung, die Gesellschaften fade und von einer ekeln Frivolität durchhaucht, die Beamtenwelt vielfach korrumpiert, das Heer stutzerhaft, hohl, entnervt, und Alles blind, stockblind für den Abgrund, an dessen Rande wir schwebten. „Die Missetat der Amoriter war voll.“ Da kam's über uns. Gottes Langmut riss, und eine furchtbare Geißel wurde wider uns aufgehoben. Dasselbe Volk, dem wir uns geistig verkauften, wurde zum Werkzeuge des göttlichen Gerichtes über uns ausersehen. Es setzte uns seinen eisernen Kriegsschuh auf den Nacken, und ein Volk von Knechten wurden wir, wie es nur je eins gegeben. Und bald genug zeigte sich's, dass wir, weil auch innerlich versklavt, eines bessern Loses in der Tat nicht würdig waren. Wir schmeichelten unsern Drängern manches Jahr und manchen Tag. Wir leckten den Staub von den Füßen, die uns zertraten. Gott hätte uns für immer dahingeben dürfen: Er wäre gerecht geblieben, und uns nicht zu viel damit geschehen. Aber Gottes Barmherzigkeit ist groß. Ehe wir es uns versahen, reckte Er seinen allmächtigen Arm durch die Wolken, tat Wunder und Zeichen in den Gefilden des Nordens, legte durch die Gewalt Seiner Elemente den übermütigen Zwingherrn zum Schemel Seiner Füße in den Staub, und durch unser Volk ging der Schrei des Erwachens aus langem, tiefem Sündenschlafe: „Der Herr ist Gott! Gebt unserm Gott die Ehre!“ - Wir beugten uns; wir schlugen an unsere Brust; wir sammelten, den König und Sein Haus an unsrer Spitze, uns neu um die verlassenen Altäre; wir nahmen ahnungsvoll das Zeichen des Kreuzes an unsre Stirn; wir schrieben in unsre Fahnen: „Mit Gott, für König und Vaterland!“ Und Gott segnete unsre Waffen in dem gerechtesten aller Kriege, und Sieg knüpfte sich an Sieg. Eine herrliche Zeit der Erhebung folgte derjenigen der tiefsten Erniedrigung, Knechtschaft und Schmach. Wir wurden frei und groß. Wir schüttelten mit den materiellen die geistigen Fesseln der Fremdherrschaft wieder ab, und begannen unsres eigentümlichen Berufs als Deutsche und Preußen uns neu bewusst zu werden. Vergessen wir es nie, was der Herr damals Großes an uns getan hat. Nähren wir damit unsre Überzeugung, dass nur in der Rückkehr zu Ihm alle Hilfe und alles Heil beschlossen ruhe. Lenken wir, kann es auch heute in wehmutsvoller Erinnerung nur geschehen, immer wieder dankend und lobpreisend den Blick darauf zurück, und machen die Worte unsres Sängers zu den unsern: „Herr, du bist vormals gnädig gewesen Deinem Lande, und hast die Gefangenen Deines Volkes erlöst. Du hast vormals die Missetat vergeben Deinem Volk, und all' ihre Sünden bedeckt. Sela. Du hast vormals aufgehoben Deinen Zorn, und Dich gewendet von dem Grimm Deines Zornes!“

Es folgte durch Gottes überschwängliche Gnade die mehr als dreißigjährige Zeit des Friedens, die nun auch, und wer weiß für wie lange, als ein schönes „Vormals“ hinter uns liegt. Es war eine Zeit großer Wohltat, reichen Segens. Oder gäbe es ein Land Europas, das während dieser Periode glücklicher gewesen und fröhlicher gediehen wäre als das unsre? Ich wüste keins. Das Evangelium, das allein beseligende, fand wie auf den Kirchenkanzeln und den Lehrstühlen der Hochschulen, so in manchen Herzen wieder seine Statt. Das kirchliche Leben nahm allerwärts einen neuen Aufschwung. Die christliche Bruderliebe betätigte in Pflanzung unzähliger heilbringender Anstalten und Vereine eine Rührigkeit, wie kaum je zuvor. Die Mission entsandte auch von den Stapelplätzen unsrer deutschen Kirche her ihre friedlichen Flotten über die großen Meere, und über ganze Heidenstämme verbreiteten sich die Segnungen des Christentums. - Wissenschaften und Künste gediehen in unserm Lande zu einem so noch nie gekannten Flor. Handel und Gewerbe blühten nicht minder und nährten ihren Mann. Unbedeutende, oder herabgekommene Städte - ich erinnere nur an diejenigen des Rheins - erhoben sich binnen kurzer Frist zu einem Reichtum und Glanze, der Erstaunen erregen musste; und was ward aus dir, mein liebes Berlin, das du vor drei oder vier Jahrzehnten noch in ziemlicher Unbedeutendheit dastandest, und ehe man sich's versah, warst du in deiner Pracht der Stolz, und zum Teil der Neid des Landes. Freilich leugne ich nicht, dass die Gesellschaft allmählig auch an mancherlei Gebrechen zu siechen anhob; aber nicht durch Gottes, der überschwänglich zu segnen fortfuhr, sondern lediglich durch unsre Schuld. Ich wiederhole aufs Neue, dass es höchst wünschenswert gewesen wäre, wenn man rechtzeitig auf Mittel gesonnen hätte, der übermäßigen Bereicherung Einzelner auf Kosten Anderer zu steuern, und einer verhältnismäßigeren Verteilung der Früchte des Friedens unter Alle Vorschub zu leisten. Jedoch wäre die gegenwärtig allerdings mitunter zum Entsetzen große und himmelschreiende Kluft zwischen. Reich und Arm nimmermehr entstanden, wenn wir nicht nach kurzer Frist unsern Weg wieder verderbt, sondern den in den Jahren des Freiheitskrieges mit so herrlichem Anlaufe betretenen Pfad der Gottesfurcht und christlichen Gesinnung festen Schrittes innegehalten hätten. Aber wir haben die Gnadenmittel, womit Gott uns überhäufte, nicht nach Gebühr gewürdigt. Wir vermochten, wie es scheint, die Wohltat des langen Friedens nicht zu tragen. Wir wurden mutwillig, schlugen hinten aus, steigerten unsre Ansprüche ins Maßlose. Wir bewahrten, immer noch nicht gewahrschaut, weder die Grenzen unsres Landes, wie sich's gehörte, vor dem erneuerten Hereinsturz fremdländischer Anschauungen, Grundsätze und Sitten, noch die Türen unsrer Häuser vor dem Eindrang des Leichtsinns, der Prunksucht und der unersättlichen Begierde nach zeitlichen Genüssen, noch endlich diejenigen unsrer Herzen vor Vermessenheit und Hochmut auf der einen, und auf der andern Seite vor den widerchristlichen Lehren und Theorien, die in den fruchtbaren Furchen der langen Friedensjahre gleichfalls neben den Lebensbäumen der göttlichen Wahrheit und des edleren Lebens üppig und immer üppiger zur Höhe wucherten. Ach, wir vergaßen in immer weiteren Kreisen Dessen wieder, der uns aus den großen Nöten so treu errettet hatte, und fielen nach und nach in Masse wieder von dem Glauben ab, der nicht bloß das „gottselig sein und sich genügen lassen“, und das „Beten und Arbeiten“ in sich schließt, sondern auch die Liebe im Gefolge hat, welche des Nächsten Wohl bedenkt wie das eigene, ja fähig ist, dem gemeinsamen Interesse der Gesellschaft das eigene so freudig als aufrichtig unterzuordnen. Wäre dies nicht geschehen, wahrlich, jene gesellschaftlichen Miss- und Übelstände, die jetzt wie noch niemals etwas, unsre Weisheit auf die Probe stellen, hätten nimmer Platz gegriffen. Denn, wie gesagt, am Segen Gottes gebrach es nicht, wohl aber an den treuen und uneigennützigen Haushaltern über Gottes Wohltaten. Ja, der Glaube, der die letzteren zeugt, und vor dreißig Jahren so verheißungsreich in der Gemütswelt unsres Volkes zu ergrünen anhob, wurde wie durch dämonische Einflüsse mitten in seiner Entwicklung wieder erstickt. Das religiöse Bewusstsein ist Tausenden und aber Tausenden unserer Zeitgenossen entschwunden; mit ihm entschwand ihnen auch, und schwindet mehr und mehr das christlich sittliche. Für sie gibt es, genau besehen, keinen persönlichen Gott mehr, und darum auch kein unverbrüchliches positives, göttliches Gesetz; kein jenseitiges Leben, darum auch keinen Beruf, demselben zuzureifen; kein Jüngstes Gericht; darum auch keinen Grund zur Sorge um Bereitschaft für dasselbe. Nur die Sorge für irdisches Wohlsein erscheint ihnen noch vernünftig. Ach, ein mindestens praktischer Atheismus ist die Religion eines großen Teils der heutigen Welt geworden; ein nackter egoistischer Materialismus ihre Moral. Mit solcher Fracht kehren wir von der sonnigen sturmfreien Fahrt der dreißig Friedensjahre zurück. Was wird das zur Folge haben? - Eben, was teilweise schon vor Augen ist! Einem Geschlechte, das an den Richter Droben und an das jenseitige Gericht nicht mehr glauben mag, wird durch Gerichte diesseits dieser Glaube wieder eingeschärft. Ein Volk, das in seinem Übermute Gott den Herrn verließ, wird tatsächlich über wiesen, dass man in Gott den einigen Urquell alles und jedes Heils verlasse.

II.

Brüder, wo sind wir, ehe wir es uns versahen, hingeraten! Welche Gegenwart ist der Vergangenheit des Friedens im Nu gefolgt! - Sind wir nicht wie Solche, die bei ruhiger Luft und hellem Sonnenschein entschlummerten, und plötzlich unter Donner, Blitz und Sturm erwachten; oder die in den sichersten Behausungen sich träumten; und ehe sie eine Hand umdrehen, krachen an allen Ecken und Enden Balken und Gesperr, und die Fundamente, auf denen wir stehen, werden wie von einem Erdbeben geschüttelt und unterwählt. O, wer kann es länger in Abrede stellen, dass die rächende Hand Gottes sich abermals wider uns erhoben hat, und wer geht nicht schon gebückt unter der Geißel einher, die aufs Neue, und drohender als je, ihr zerfleischendes Werk unter uns begonnen hat. Das Gericht ergeht über Groß und Klein, über Hoch und Niedrig. Zerschmetternd triffts die Zedern Libanons, wie den Ysop, der an der Wand wächst. Es braust durch die Paläste der Mächtigen, wie durch die Hütten der Geringen. Es macht den Gebietenden bange auf den Höhen des Lebens; uns, in des Lebens Niederungen reißt es das trauliche Laubdach unsres häuslichen Wohlseins aus einander, und streut's in die Winde. Es jagt den Land- und Stadtfrieden wie einen zitternden Flüchtling, für den kein Bleibens mehr ist, vor sich her, und tausend Mächten des Verderbens löst es die Kette.

Ihr fragt, wo das Gericht denn sei? - O fragt doch lieber, wo es nicht sei. In dem jähen Umsturz aller seither bestandenen Ordnung ist es; es ist in der Unsicherheit, in die wir mit einem Male Alles hineingeworfen sehen; in dem Schreckensregimente, das nicht mit Fürstenzeptern, sondern mit andern Instrumenten über uns gehandhabt wird; in der Herrschaft der rohen Gewalt, der wir mehr oder minder uns Alle unterworfen fühlen. In der Schuhlosigkeit gegen die Angriffe der Lüge, in der wir uns befinden, ist das Gericht; in der wahrhaft dämonischen Verblendung, mit der Unzählige, in dem Wahn, ihr Glück zu schaffen, unermüdlich, in ihren eigenen Eingeweiden wühlend, am Ruine ihrer und der gemeinsamen Wohlfahrt arbeiten; in der Verarmung bis aufs Blut, der wir mit Riesenschritten Alle entgegengehen, und in dem entsetzlichen Misstrauen, mit welchem seltsam genug unter einer Fahne, die, wie zum Spotte, das Wort „Verbrüderung“ zeigt, mit Einem Male ein Mensch dem andern gegenüber steht. Und in dem so nie noch dagewesenen Stocken des Handels und aller Gewerbe ist es das Gericht. Und wen es äußerlich nicht berührt, den erfasst's in seinem Innern, und zwar in dem „Verschmachten vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen werden“, das alle Gemüter besessen hält, und zu dem, wie es scheint, nie so viel Grund vorhanden war, als gegenwärtig. Viel Schlimmes trat schon ein; schauerlichere Dinge, deren Anfänge auch bereits vorhanden sind, drohen, wenn Gott nicht bald in Gnaden darein sieht, für die nahe Zukunft. Es droht eine völlige Anarchie, eine Zucht- und Gesetzlosigkeit ohne Maß. Der Sturz der Wissenschaften und Künste droht; der Untergang alles Höheren und Edleren in Sitte und Verkehr; die Zertrümmerung unsres bestehenden Kirchentums; ein Rückfall der öffentlichen Bildung in ein neues Heidentum; und noch viel Mehreres droht; und wird die Kammer, die gegenwärtig - ach wollte Gott beim Sonnenschein der Weisheit aus der Höhe! - in unsrer Mitte „tagt“, vermögend sein, all dem hereinragenden Unheil den erwünschten Damm zu setzen? Und außer dem Jammer, den ich schon bezeichnete, droht unserm preußischen Vaterlande, dem mächtigen, dem reichgesegneten mit seiner großen, herrlichen Geschichte ein völliges Verschwinden aus der Reihe der selbstständigen Staaten. Man ist in der Tat darüber aus, es zu einer Provinz eines sogenannten „einigen Deutschlands“ zu erniedrigen. Das kleine Geflügel konnte den stolzen Sonnenflug des preußischen Adlers schon lange nicht mehr tragen. Nun wollen sie dem kühnen Segler die Flügel beschneiden, und in den Käfig eines „germanischen Bundesstaates“ ihn verkerkern, und sich verkümmern lassen. Und kommt es dazu, so ist es, mein liebes Berlin, zunächst und zu allermeist um dich geschehen. Du, bisher wegen deiner Bevorzugung vor so vielen andern Städten für Tausende ein Gegenstand der Eifersucht und des Neides, hörst dann nicht allein auf, eine Königliche Residenz zu sein, sondern bist auch nicht mehr der Ausgangs- und Mittelpunkt der Regierung. Die unzähligen Kollegien, die du in dir beherbergst, verlassen dich. Es verlassen dich die Gesandtschaften, so wie sämtliche begütertere Familien, die an deine Scholle nicht unablöslich gekettet sind. Es ziehen die Regimenter aus deiner Mitte ab. Der Zusammenfluss von Fremden in deinen Mauern hört gänzlich auf: denn was wird dann binnen Kurzem noch an dir zu sehen, bei dir zu suchen sein. Dein wissenschaftlicher Ruhm verbleicht. Es weicht von dir Alles, was dir deinen Unterhalt bisher gewährte und deinen Glanz. Deine Straßen veröden, deine Paläste stehen leer und verfallen. Denn zu einer Handelsstadt im größeren Stil bist du nun einmal eben so wenig geschaffen, wie zu einer Stadt des Ackerbaus. Du bist eine Kron- und Regierungsstadt, und eine Stadt der Künste und der Wissenschaften. Geht Preußens Selbstständigkeit in Deutschland unter, so wird kein anderer Ort so gänzlich in dieser Katastrophe begraben werden, als du, Berlin! Und Tausende deiner Bürger scheinen dies Unvermeidliche dann, nicht einzusehen! Welcher Zauber hat sie berückt! Von welchem Taumelbecher sind sie trunken worden! Aber vielleicht ist es über uns verhängt, den Kelch der göttlichen Strafgerichte auch noch bis auf diesen bittersten Tropfen auszuleeren! - O, wohin fahren wir! Wie sollte uns nicht angst und bange werden, zumal, wenn wir erwägen, was Alles sonst noch über Nacht uns widerfahren könnte.

Es liegt im Reiche der Möglichkeiten, dass, ehe wir es uns versehen, die Fackel eines europäischen Kriegs entbrenne. Es kann geschehen, dass seinen Schrecken die noch furchtbareren eines Bürgerkrieges sich vermählen. Im Gefolge solcher Begebenheiten wandeln dann die zähnefletschenden Ungeheuer der Teuerung, der Hungersnot und der Verzweiflung, um unser Elend zu vollenden. Die Pest rückt schon von zweien Seiten, von Osten und Süden, schrecklicher und totbringender, als je zuvor gegen uns an, und vielleicht schon nach Monatsfrist haben wir mehr Grund, die schwarze Fahne aufzupflanzen, als bisher. „Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten!“

Oder Zeiten, in denen wir angelangt sind! Der grauenvollen Verhängnisse, die uns drohen! Was gilt's, hier zu tun? Was liegt unter solchen Umständen uns ob? - Brüder, Eins ist not! Folgen wir dem Vorgange unsres Sängers. Fallen wir bußfertig dem Allmächtigen in die geschwungene Rute. Beugen wir uns in Masse vor Seinem heiligen Angesichte in den Staub. Bekennen wir unsre Sünden, unsre Missetaten. Brechen wir, die wir tausendfältig gegen Ihn und Seine heiligen Ordnungen uns frevelnd aufgelehnt, uns selbst den Stab, ehe Er ihn uns bricht. Gestehen wir ein, dass wir das Unheil, das uns betroffen hat, und betreffen will, selbst verschuldet haben. Öffnen wir Seinem Rufe: „Kehre wieder, kehre wieder du abtrünniges Volk!“ unser Ohr und Herz, und machen das Geschrei unsres Sängers zu dem unsern: „Tröste uns, Gott unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade gegen uns. Willst Du denn ewiglich über uns zürnen, und deinen Zorn währen lassen für und für? Willst Du uns denn nicht wieder erquicken, dass Dein Volk sich Dein freuen möge? Herr, erzeige uns Deine Gnade, und schenke uns Dein Heil!“

III.

Und der Herr ist noch geneigt, das gezückte Schwert wie der in die Scheide zu stecken. Dass er sich nicht gar mit Seiner Gnade noch von uns abgewendet, gibt er in mancherlei Weise so unzweideutig als tröstlich zu erkennen. Noch gab er uns nicht ganz in unsre verderbten Wege dahin: dafür zeugt unter andern die wirklich bewundernswürdige Tatsache, dass während der vier letzten Monate, binnen welchen von einer Herrschaft des Plebes1) unter uns kaum mehr die Rede sein konnte, und die Zügel aller obrigkeitlichen Gewalt entweder durchhauen, oder doch den Händen ihrer Handhaber und Träger schlaff entsunken waren, namhafte Exzesse gegen Person und Eigentum in unsrer Mitte kaum vorgekommen sind. Sein Geist zügelt und regiert noch die Herzen und Gewissen. Er will uns noch nicht gar verderben, der Gott der Langmut und Geduld; und dies verbürgt uns der andere Umstand, dass er jenen strömenden Regengüssen, die vor wenigen Tagen noch den ganzen diesjährigen Erntesegen uns zu zerstören und dadurch unsere Lage vollends zu einer verzweifelten zu machen drohten, grade zur rechten Stunde noch, und wie vor Torschluss Einhalt gebot, und die warme Sommersonne uns wieder scheinen ließ. Hierdurch, und durch manches Andere, wozu ich namentlich auch das in der Mehrzahl unsres Volkes täglich sich stürmischer geltend machende Bedürfnis nach gesetzlicher Ordnung und Ruhe zähle, wiederholt Er die alte Versicherung: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern will, dass sich der Sünder bekehre und lebe! Er ruft uns dadurch aufs Neue zu: „So bessert nun euer Wesen und euren Wandel, so wird mich auch des Übels gereuen, das ich wider euch geredet habe!“ O, täten wir's! Machte das ganze Volk sich auf, und sprächen Alle, Alle wie aus einem Herzen heraus, und wie mit Einer Stimme mit denen bei Joel: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn. Denn Er hat uns zerrissen, Er wird uns auch heilen; Er hat uns geschlagen, Er wird uns auch verbinden!“ Fürwahr, Er heilte, Er verbände uns wieder. Er „bräche hervor wie die volle Morgenröte, und käme zu uns, wie ein Regen, wie ein Spätregen, der das Land feuchtet.“

Ein liebliches Zukunftsbild, das vor dem Hoffnungsblicke unsers Psalterschlägers austaucht! Ach, würde das auch unter uns aus der Nacht und aus den Wehen und Schauern der Gegenwart lebendig herausgeboren! Hört und schaut! Gott der Herr sagt „Frieden zu seinem Volke, seinen Heiligen“, und nicht mehr Rache, nicht mehr Fehde. Sie sollen, nicht wie der auf Torheit geraten. O, dass seine Gnade dies verleihen wolle! Seine „Hilfe ist den Ihn Fürchtenden nahe“ wie sie es vormals war. In dem Moment, da die Not am größten, da Seine Hilfe am nächsten! „Im Lande wohnt Ehre“, und nicht mehr Schmach. Die Völker umher pfeifen uns nicht mehr an: „Wo seid ihr hingefahren?“ sondern sprechen von uns: „Welch ein herrliches Volk ist dies, und wie weise ist es, und von wie gerechten Sitten!“ „Güte und Treue begegnen einander“, und nicht mehr egoistische Gewalttätigkeit, noch Wort- und Treubruch. „Gerechtigkeit und Friede. küssen sich“ und nicht mehr herrscht der Trug, nicht mehr der Hader. „Wahrheit sprießt aus der Erde;“ die Lüge, dies Kind der Hölle, das in unsern Tagen so furchtbar sein Wesen treibt, ist gebannt. „Gerechtigkeit reicht herab vom Himmel.“ Keiner gefährdet mehr den Andern; „Recht, Gesetz und Ordnung walten im Lande.“ „Der Herr gibt das Gute.“ Er schüttet das Füllhorn Seiner leiblichen wie Seiner geistlichen Segnungen über uns aus. „Das Land gibt sein Gewächs.“ Er lässt es der treuen Arbeit am entsprechenden Ertrage nirgends fehlen. Gerechtigkeit wandelt vor Ihm her, Er macht „ihre Schritte zum Wege“: Er lehrt durch Seines Geistes Kraft die Leute wandeln den Steig der Gerechtigkeit und des Heils, und gibt Gnade, dass Ales ordentlich, ehrbar, sittsam und lieblich hergehe auf Erden.

O holdes Bild! Brüder, die Verwirklichung des Bildes liegt insofern in unsrer Hand, als wir nur den Bedingungen zu entsprechen haben, an die sie geknüpft ist, um sie herbeizuführen. Es kann noch gut, es kann noch herrlich bei uns werden. Erwachen wir nur von unserm Todesschlaf, und werden nüchtern von des Teufels Strick und dem Taumel des schrecklichen Wahns, der uns gefangen hält. Ich werfe aufs Neue das Panier des Kreuzes unter euch auf, das einzige, in welchem der Sieg ist und das Heil. Sammelt euch unter seinen Schatten: einen andern Weg der Rettung gibt's nicht mehr als diesen. Schwört mit ausgereckter. Hand zu dieser Fahne der wahren Freiheit: der Freiheit von der Tyrannei der Sünde, vom Bann der Lüge und Verblendung, und von der Zwingherrschaft des eisigen Despoten Egoismus. Begebt euch zurück unter die Botmäßigkeit des ewigen Worts und der Heilsordnung Gottes. Ruft: „Herr, es haben wohl andere Herren über uns geherrscht, denn du; aber hinfort gedenken wir nur dein und deines Namens!“ Ruft's einmütig im Staube, ruft's kräftig entschlossen, ruft's von Grund der Seele, und was gilt's: in Kurzem rauschen Kräfte einer durchgreifenden, wahrhaft sittlichen und Heil bringenden Wiedergeburt für Herz, Haus und Staat, auf uns herab, und tatsächlich ertönt aus den Wolken über uns der Gnaden - und Allmachtsruf: „Es ist Alles vergeben, und Alles versenkt in die Tiefe des Meeres. So ziehet nun wieder hin mit Frieden, und lobet den Herrn, euren Heiland!“ Amen.

1)
von Plebejer, Abwertend Volk
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