Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der Weg zur Sabbatruhe
Da stehe ich denn nun in eurer Mitte, geliebte Brüder! von euch gerufen, und gerufen von meinem Herrn und Haupte Jesu Christo, das Amt unter euch anzutreten, das die Versöhnung predigt. Ich grüße euch mit dem Gruße der Liebe und des Friedens. Der Herr segne euch aus Zion; sein Heil und seine Gnade über euch und eure Kinder.
Da stehe ich nun, von den mannigfaltigsten Empfindungen bestürmt, voll Furcht und Hoffnung, voll Wehmut und Freude, voll innerlichen Flehens und Seufzens zu dem, der ein Meister ist zu helfen, und der aus Gnaden auch in meiner Schwachheit seine Kraft wolle mächtig werden lassen. - Da stehe ich, und wenn ich gedenke, an welcher Stätte ich stehe, gedenke, welch treue, reich begabte und gesalbte Wächter von jeher in dieser Gasse Jerusalems das Werk des Herrn getrieben, gedenke, an welch eines Mannes Stelle ich heute treten, welch eine Gemeine ich hinfort weiden, welchen Erwartungen ich entsprechen, welche Hoffnungen ich erfüllen und welchen Anforderungen ich genügen soll, und dann auf meine Armut sehe und meine Untüchtigkeit, auf das Stückwerk meines Wissens und Erkennens, und auf das geringe Maß meiner Erfahrungen im Wege des Heils - ach, dann will mir bange werden ums Herz, und ich möchte schier verzagen!
Aber das ist mein Trost, dass ich mit Leib und Seele nicht mein, sondern eines Andern eigen bin, der Rat heißet, und Kraft und Held, und den Namen trägt mit der Tat! Das ist meine Stärke, dass ich dem angehöre, der da verheißt: Ich will der Priester Herz voll Freude machen, und mein Volk soll meiner Gaben die Fülle haben! Das macht meine Gebeine fröhlich, dass ich mich weiß in dessen Diensten, der dem Jeremias (Kap. 15, 19) zuruft: Wo du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten, und sollst mein Prediger bleiben. Er hat mich gesendet, siehe, so kann er mich auch salben. Er hat mich gerufen, siehe, er vermag mich auch zu rüsten. Er hat mich gehen geheißen, wohin er mich sende, und predigen, nun, so wird er auch seine Hand schon ausrecken, und meinen Mund rühren, und sein Wort mir selber in den Mund legen, und wird schon helfen um seines Namens willen, dass sein Knecht nicht zu Schanden werde, und sorgen, dass das Mehl im Kad sich nicht verzehre, und dem Ölkrüglein nichts mangele. Ist es nicht sein Werk, das ich treiben, seine Sache, für die ich streiten, sein Plan, dem ich dienen, sein Tempel, an dem ich bauen, sein Panier, das ich erhöhen, und seine Ehre, die ich suchen möchte? und hat er nicht selber dieses Mögen und Wollen in mein Herz gelegt?
Nun, so möge er denn auch für das Vollbringen sorgen, und es seinem armen Knecht mit Freuden gelingen lassen. In seinen Händen ruhend, auf seine Gnade trauend, und seines Heils und seiner Hilfe mich getröstend, bin ich fröhlich in meinem Bangen, und mutig in meinem Zagen, und stark in meiner Schwachheit, und möchte jauchzen mit David im 60. Psalm im 14. Vers: „Mit Gott wollen wir Taten tun!“ - Freudig in solcher Zuversicht, trete ich denn das Wächteramt im Namen Gottes unter euch an, und gehe die Verbindung ein, zu welcher ihr die Hand mir reicht, und nenne mich von Herzen eueren Knecht um Jesu willen, und euerem Heil und Frieden sei hinfort mein Denken, Tun und Streben ganz geweiht. - So sehe der Herr denn gnädig drein von seinem hohen Himmel; er helfe uns; er lasse Alles wohl gelingen.
Da ich zu euch kam, lieben Brüder, da waren mir die Augen noch nass von einem schweren, sauren Abschied, und das Herz blutete mir. Wusstet ihr vielleicht, wie mir zu Mute war, dass ihr euch so beeifertet, auf mancherlei Weise mich aufzurichten, und meinen Schmerz in Freude zu verwandeln? Hattet ihr in meine Seele geschaut und ausgeforscht, wo michs drücke, und was am sichersten mich wieder trösten und erheitern werde, dass ihr so herzlich mich willkommen hießt, so liebreich mir entgegen kamt, so freundlich mich in eure Mitte aufnahmt, und mir den fröhlichen Gedanken so nahe legtet: ich werde Alles, Alles reichlich bei euch wiederfinden, was Teures und Liebes ich zurückgelassen? O habt Dank, habt Dank für all die köstlichen Beweise der Liebe und des Zutrauens, mit welchen ihr mich erquickt, für die Freude, die ihr mir bereitetet, und für die unverdiente Ehre, die ihr mir angetan! Dass ihr mir euere Liebe erhalten möchtet!
Ach ja, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren, und kennt Gott.
Und nun zur Sache, liebe Brüder. Es ist mir nicht verborgen, mit welchen Wünschen ihr in diesem Augenblicke auf mich die Blicke richtet. Aussprechen soll ich mich, klar und bestimmt mich heute vor euch erklären über das Ziel, das ich hinfort bei meinem Tun und Treiben unter euch vor Augen haben werde. Nicht wahr, das möchtet ihr gerne, damit ihr wisst, was ihr an mir habt? Nun, es möge denn geschehen in dieser Stunde, mit Gottes Hilfe. Der Geist des Herrn Herrn gebe mir ein freudig Auftun meines Mundes; euch aber offene Ohren, offene Herzen.
(Gebet.)
Hebräer 4, 9 11.
Darum ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. Denn wer zu seiner Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen.
So lasst uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe, auf dass nicht jemand falle in dasselbige Exempel des Unglaubens.
Es ist ein großes, teuerwertes Geheimnis, meine Brüder, von welchem im 4. Kapitel des Hebräer-Briefes die Rede ist.
Es ist das Geheimnis des Ruhens in Gott durch Christum Jesum. Zu dieser Ruhe nun, die von dem Apostel der Sabbatruhe nach dem vollendeten Schöpfungs-Werke verglichen wird, und die da nicht in uns, sondern außer uns ihren Stützpunkt hat, und eine Frucht ist, nicht unserer eigenen, sondern fremder Arbeit, zu dieser wunderbaren und vollkommenen Ruhe unsere armen, kummervollen Seelen einzubringen: das ist der eigentliche, höchste Zielpunkt der Welt-Regierung Gottes, und aller Anstalten, die er von Anbeginn unmittelbar oder durch seine Knechte in der Welt getroffen hat; das ist die Endabsicht aller seiner Führungen mit uns, aller seiner Arbeiten an uns; das ist der Hauptzweck, zu welchem Er auch das Amt des neuen Testaments eingesetzt, das die Versöhnung predigt. Die wir dieses Amt nun bekleiden, sind also Mitarbeiter Gottes an eurem Heil, und sollen, so viel an uns ist, in Gottes Namen und Auftrag euch behilflich sein, dass ihr einkommen mögt zu der Sabbatruhe, die vorhanden ist dem Volke Gottes.
Seht, das ist unser Beruf, und darauf wird es denn auch mit meinem schwachen Dichten und Trachten, Tun und Wirken hinfort unter euch abgesehen sein. Lasst mich euch denn dieses Ziel, welchem wir euch sollen entgegen führen helfen, näher bezeichnen; es wird sich dann von selbst ergeben, welchen Weg wir einzuschlagen haben, damit die heilvolle Absicht unseres Amtes an euch durch Gottes Gnade erreicht werde. Der Herr lege seinen Segen auf unsere Betrachtung.
I.
Es ist noch eine Sabbatruhe vorhanden dem Volke Gottes. Was heißt das nun? Obenhin angesehen, scheint die Stelle leicht verständlich. Man denkt bei der Sabbatsruhe an den Himmel und seinen Frieden; an das Kanaan jenseits, das den gläubigen Gotteskindern verheißen ist, und wo alle Tränen abgewischt werden von ihren Augen, und kein Leid und Geschrei mehr sein wird; oder man denkt dabei so im Allgemeinen an Trost des Herzens, an ein inneres Wohlbefinden, an Sorglosigkeit des Gemütes, und glaubt mit der Auslegung im Reinen zu sein. Aber bei einer genaueren Ansicht der Worte will es einem doch dünken, als ob der Sinn hier nicht so ganz oben auf liege, als ob hier tiefer unten ein Schatz ruhe, dem man nachgraben müsse, und ein Gedanke, der so gar bald nicht ausgedacht ist. Die Ausdrücke Sabbatruhe und Ruhe Gottes sind geheimnisvoll, und scheinen eine tiefere Bedeutung in sich zu fassen, und der Umstand, dass die Ruhe, zu der wir einkommen sollen, mit der Ruhe des Herrn nach den sechs Schöpfungstagen in Vergleichung gestellt wird, lässt schließen, dass hier von ganz etwas Anderem, ungleich Höherem und Köstlicherem die Rede ist, als von dem, was man so gewöhnlich Gemütsruhe zu nennen pflegt; dass hier die Rede ist von einer sehr wunderbaren, heiligen, tief begründeten und vollkommenen Ruhe, von der die Welt keine Ahnung hat.
Diese Ruhe nun, deren sich das Volk Gottes, die Gemeine, die in Christo Jesu ist, schon auf Erden zu erfreuen anhebt, ist in mehr als einer Beziehung, nach dem Ausspruch des Apostels, ähnlich der Sabbatruhe, zu welcher der Schöpfer sich begab nach vollendetem Schöpfungswerke.
Das lasst mich euch näher auseinander setzen.
Gottes Ruhe, womit begann sie, worauf gründete sie sich? „Er sah an“ heißt es „Alles, was er gemacht hatte, und siehe: es war sehr gut.“ Die Himmel erzählten seine Ehre, das Firmament pries seine Macht und Herrlichkeit, und die ganze Natur war ein Lobgesang, seine Weisheit und Güte verherrlichend. Es war Alles wohlgemacht, und da Gott solches ansah, da heißt es, ruhte Er. Und wer beim Rückblick auf die verflossenen Tage seines Lebens und auf die Werke seiner Hand, wie Gott, in seinem Herzen sprechen konnte: „Siehe: es ist Alles gut!“, sollte der nicht Ruhe haben müssen in seiner Seele? Aber ach, woher sollte uns eine solche Ruhe kommen? uns armen Menschen, die wir ein abgestorbenes Holz sind von Natur, untüchtig, auch nur eine Frucht zu bringen, die gut wäre und lieblich vor dem Herrn. Was von unserm Leben und Tun hinter uns liegt, es ist kein wohlbebautes Fruchtfeld, auf welches wir mit Freuden zurückschauen könnten, es ist keine liebliche, wohlgeordnete Schöpfung, von der wir sagen dürften: „siehe, wie alles so schön und gut ist! es ist eine Sündenwüste, eine Einöde, voll Unkrauts, Disteln und Dornen, darinnen uns nur Quellen der Angst, Unruhe und Verzweiflung sprudeln; ein Sodom ist's, auf das man nicht zurück schauen kann, ohne mit Lots Weib vor Entsetzen zur Salzsäule zu erstarren. Er sah an Alles, was er gemacht hatte, und siehe, sein Dichten und Trachten war böse gewesen von Jugend auf!“ so heißt es von uns, von uns Allen. Was wir gelebt haben und gestrebt im Fleische, was wir, so lange wir in unserm natürlichen Zustand dahin gingen, denkend, redend und handelnd ausgerichtet es ist unrein, sündig und verwerflich vor jenen Flammenaugen, die Herz und Nieren prüfen; es ist ein dunkel Wüst und Leer, über welchem wohl der Geist des Argen webet, nicht aber Gottes Geist, und aus welchem wohl Stickluft der Angst, nicht aber Düfte des Friedens in unsere Seele wehen können. So steht uns denn eine gräuliche Armee im Rücken, das ganze Feld unseres vergangenen Lebens bedeckend. Wer mag sie überschauen? Legion heißt die Zahl unserer Sünden, und der Gedanke an dieses wüste Heervolk, das wir selbst ausgeboren, selbst wider uns zu Zeugen und Anklägern aufgestellt haben, und das sich wie ein Berg vor die Pforten des Paradieses gelagert hat, und mit jenem Cherub gemeinschaftliche Sache macht - der Gedanke an diese Reisigen hinter uns, sollte der wohl dazu gemacht sein, einige Ruhe in ein armes Menschenherz kommen zu lassen? Ach, in ewigen Ängsten muss er uns gebunden halten! In ewigen Ängsten? - Mitnichten. Christus ist hier: wer will verdammen? Vor dem Zeichen des Kreuzes verschwindet die Sündenmasse, die wir gehäuft in unserm Leben, wie die Nebel verschwinden vor dem Machtstrahl der aufsteigenden Sonne.
Der Mensch in Christo blickt zurück auf sein vergangenes Leben im Fleisch, zurück auf die Gedanken, die er dachte, auf die Worte, die er sprach, auf die Taten, die er ausgeführt - er sieht an Alles, was er gemacht hat, und siehe: es ist Alles gut. Wie? Nun ja, versteh' es nur recht, sein Heiland hat es gut gemacht. Ich, ich bins, der ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht! Nicht mehr gedacht wird unserer Sünden, so wir in Christo sind. Sie sind getilgt, hinweggestrichen aus den Registern Gottes, und begraben unterm Kreuz; so tief begraben, dass selbst das allsehende Auge Gottes sie nicht mehr sieht. Mit dem Opfer Christi ist Alles gut gemacht, und die ganze Menge der Übertretungen vollkommen bedeckt. Ist nun noch Strafe zu fürchten? Mitnichten; sie ist schon abgetragen, da Christus für uns gestraft ward. - Steht uns noch ein Gericht bevor, unserer begangenen Sünden wegen? - O nein, wir sind in Christo längst durch das Gericht hindurch gedrungen, und unsere Missetat sie ist schon heimgesucht, ist schon gerichtet an der Person des Bürgen, so dass die ewige Gerechtigkeit nichts mehr an uns zu suchen und zu strafen hat. In diesem Bewusstsein, in dieser fröhlichen Zuversicht sind wir denn los und entbunden von aller Augst, die das Angedenken an die Sündenwüste unseres vergangenen Lebens über uns brachte. Wir blicken nun getrosten Mutes zurück, wir sehen an Alles, was wir gemacht haben, sehen's an von der Höhe Golgathas und im Lichte des Kreuzgeheimnisses, und siehe: es ist Alles sündig zwar an sich, aber nun gut gemacht, bedeckt mit Gnade und hinweg getan. So geht man dann zu einer Ruhe ein, vergleichbar der Sabbatruhe des Schöpfers, welcher am siebenten Tage ansah Alles, was er gemacht hatte, und siehe: es war sehr gut. Da ruhte Er.
Hören wir weiter von der Sabbatruhe in Christo und wie sie ähnlich ist der Ruhe am siebenten Tage. Das Hindernis der Ruhe und des Friedens, das die begangenen Sünden uns schufen, ward also hinweggeräumt durch den Opfertod des großen Sündentilgers. Der Rückblick auf das Vergangene hat also nichts Schreckendes mehr für den, der in Christo ist. Aber der Hinblick auf das Zukünftige, auf die Tage, die noch vor ihm liegen, wird der den kaum gewonnenen Frieden nicht wieder zerstören? Weiß doch der Christ, dass er, um dem zukünftigen Zorn zu entrinnen, nicht in der Sünde beharren darf, sondern ihr nun auch wirklich absterben, und sich im Geiste seines Gemütes erneuern, und sich aufmachen und Licht werden muss, nachdem sein Licht gekommen ist. Weiß er doch, dass es mit dem Menschen zu einer gänzlichen Umwandlung und Wiederherstellung kommen, dass er abnehmen und Christus in ihm wachsen muss, dass er fortgehen soll von Kraft zu Kraft und von einer Klarheit zu der andern. Und wen er nun die tausenderlei Hindernisse und Gefahren überblickt, die sich vor ihm, wie ein Kriegsvolk, in den Weg gelagert haben, wenn er gedenkt an die arge Welt und ihre Schlingen, an die bösen Geister unter dem Himmel und ihre Feuerpfeile, an den, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, zu suchen, welchen er verschlinge, and dann gedenkt an seine Ohnmacht, an seine Schwachheit und Verführbarkeit: werden diese Gedanken nicht wie der Sturm hereinfahren, und den Sabbat seines Herzens wieder in einen geräuschvollen Werktag verwandeln? Wird ihm nicht die bange Sorge auf dem Fuße nachschleichen müssen: er möchte wieder verlieren, was er gewonnen; möchte vom Wege des Heils und des ewigen Lebens wieder zurückgeschleudert werden, und nimmer so von Sünden sich reinigen, so mit Heiligkeit sich schmücken können, wie der Vater es haben will? Antwort: Nein; diese Gedanken werden ihn nicht hindern, Ruhe zu haben im Kern seines Wesens. Er sieht ja nicht auf sich, sondern in allen Stücken auf den, der groß ist von Rat und mächtig von Tat. Er ist ja weit entfernt, sich selber bewahren zu wollen vor dem Argen; sondern befiehlt seine Seele immer aufs Neue in die gute, sichere Verwahrung dessen, der Jerusalem beschirmen will, wie die Vögel tun mit Flügeln. Er nimmt die Sorge für seine Heiligung nicht über sich selber; sondern legt sie täglich und stündlich in den Schoß seines Bürgen nieder, der sie auch gern allein übernehmen will, und so lässt er sich genügen an Jesu Gnade, und erwartet das Leben mit guter Zuversicht aus Jesu Händen. Und in dem fröhlichen Bewusstsein, dass der Herr, was er anfängt, auch vollendet, und die neue Kreatur in ihm nicht in der Geburt werde stecken lassen, und in der festen Überzeugung, dass der, den er nicht lässt, er segne ihn denn, auch ihn nicht lassen werde, er habe denn sein Werk in ihm zum Ziel gebracht, den gefallenen Engel in ihm wieder aufgerichtet, und die Herzenswüste wieder in ein blühendes Gefilde verwandelt: in dieser Aussicht ruht das Gotteskind, und wie bunt und krauß es auch durcheinander ginge in seinem Leben, er ruht in Jesu Armen, und singt: Hier liege ich, und schlafe ganz mit Frieden; denn du, Herr, schaffst, dass ich sicher wohne.
Wie Gott ruhte am siebenten Tage, weil Alles, was er gemacht hatte, sehr gut war, und er voraussah, wie Alles in schöner Ordnung verharren werde, so ruht denn auch der Gläubige in Christo. Die Vergangenheit hat für ihn nichts Erschreckliches mehr, die Zukunft macht ihn nicht bange, denn er ist ja nicht mehr sein, sondern seines getreuen Heilandes Jesu Christi, der ihn schon bewahren und unter der Bedeckung seiner Gnadenflügel behalten werde; er weiß sich in sicherer Burg, in guter Pflege und kräftiger Bearbeitung. Seine dereinstige, völlige Verklärung und die gänzliche Wiederherstellung und Vergöttlichung seines ganzen Wesens ist ihm keine zweifelhafte Sache mehr, und wird ihm durch den Glauben so nahe gerückt, als wäre sie schon geschehen. Im Glaubensblick auf seinen Bürgen und dessen untrügliche Zusagen und Verheißungen, ruft er schon voll Siegesfreude: „Es ist vollbracht, und ist getrost, hat Friede, und geht immer tiefer ein in die Sabbatruhe Gottes.“
„Und wer zu dieser Ruhe kommen ist, der,“ sagt der Apostel „ruht auch von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen.“ Wie? - von seinen Werken? - So ist's. So brauchen Christen also nichts mehr zu tun? Nein, nichts mehr, es ist schon Alles für sie getan. So können sie nur die Hände in den Schoß legen? - Ja, das können sie; aber verstehe nur recht. Zur Tilgung ihrer Sünden, zu ihrer Seelen Rettung und Erlösung, und zur Versöhnung ihres Gottes brauchen sie nichts mehr zu unternehmen, nichts mehr anzustellen. So jemand meinen wollte, er könne oder müsse selbst noch etwas tun, um sich Gott geneigt zu machen, der wäre nicht allein in großem Irrtum befangen, sondern täte sogar Sünde, und beleidigte seinen Herrn damit, und schmälerte das Verdienst desselben, und sagte ihm gleichsam ins Gesicht: du hast nicht genug für mich getan, hast dein Werk noch nicht zu Ende gebracht, sondern mir noch etwas übrig gelassen, dass ich es selbst auswirke. Das aber sei ferne. Es ist eine vollkommene Erlösung, die Christus erfunden, eine vollkommene Tilgung der Sündenschuld, die durch ihn geschehen ist. Durch sein Opfer, einmal am Kreuz für uns geschehen, hat er Alles zum Ziel und Ende gebracht; so dass uns nichts, durchaus nichts mehr zu tun übrig ist, als mit der Braut im Hohenliede unter dem Schatten des zu sitzen, des wir begehren, und seine Früchte unserm Gaumen süße sein zu lassen.
Aber muss nicht Buße getan, muss nicht gebetet werden, gerungen und gewacht? Freilich; aber meinst du etwa zu dem Zwecke, damit Gott vom Fluche dich entbinde und dir gnädig werde? O, bewahre! gnädig ist er schon in Christo, und das Beten, Bußetun, Ringen und Wachen soll dir nur den Mund deiner Seele weit auftun, dass Christus ihn fülle mit seines Todes Früchten, und dich sättige mit seinem Heil und den Gütern seines Hauses. Es ist schon Alles bereit; komm du nur, iss, trink, und lass dir's wohl sein. Mit einem Opfer, sagt der Apostel, hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. Auf dieses Opfer ganz allein, und auf nichts anders im Himmel und auf Erden stützt und steift sich der wiedergeborne Christ; von diesem Opfer hofft und erwartet er seine Seligkeit, und weit entfernt von dem Wahn, als habe er zur Gottversöhnung selbst noch etwas auszurichten, ruht er von seinen Werken.
Aber muss nicht der Christ auch in guten Taten sich offenbaren, wie ein Baum in süßen Früchten? Muss nicht sein Glaube sich aussprechen in Werken der Liebe? Muss nicht seine Gottseligkeit sich erweisen in Kraft und tätiger Erfüllung der göttlichen Gebote? - Allerdings. Wer da sagt, ich kenne ihn, spricht Johannes, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner. Aber dennoch, der Christ ruht von seinen Werken. Wie, so verbringt er denn doch sein Leben in Müßiggang? Wenn du willst: ja. So tut er also nichts? Wenn du es nicht missverstehst: nein, nichts, sondern Christus tut Alles durch ihn. Das ist die Lösung des Rätsels.
Bevor wir in Christo waren, ach, welche Mühseligkeit und Arbeit hatten wir da nicht mit des Gesetzes Erfüllung! Wie quälten wir uns ab, um zu halten die Rechte Gottes, und es war doch nur vergebliche Mühe. Das Gesetz in unsern Gliedern widerstritt dem Gesetz in unserm Gemüte, und nahm uns gefangen in der Sünde Gesetz, und es war uns keine Lust, sondern eine Last, kein Bedürfnis, sondern ein Bedrängnis, kein innerer Drang, sondern ein äußerer Zwang, kein fröhliches Wollen, sondern ein beschwerliches Sollen, es war uns ein drückendes, eisernes Joch, einer Regel uns zu bequemen, und einer Ordnung uns zu unterwerfen, die so ganz unserer Natur und unsern natürlichen Neigungen zuwider lief, und unsere Kräfte bei weitem überstieg. Da enthielten wir uns wohl, um wenigstens den Buchstaben des Gesetzes so viel als möglich zu erfüllen, der weltlichen Lüfte; aber wir hätten uns lieber nicht enthalten. Da schalten wir wohl nicht wieder, wenn wir gescholten wurden, aber es kam uns dieses hart genug an. Schwieg auch der Mund, so sprang das Herz um desto wütender in die Ketten. Da taten wir wohl allerlei äußerlich Gutes; aber mit widerstrebendem Geiste, als Knechte, aus knechtischer Furcht, gegeißelt und gehetzt von den Ruten des äußern Gesetzes. Wir matteten und peinigten uns ab mit unsern Werken, und blieben doch, was wir waren: sündige, seufzende Menschen, ohne Friede und Freude.
Wie ist's aber nun so ganz anders mit uns worden, nachdem wir nicht mehr unser, sondern unseres Herrn Jesu Christi eigen sind. Nun ruhen wir aus von diesen mühseligen und beschwerlichen Werkdiensten, dabei doch nichts herauskam. Wir tun nichts mehr; Christus lebt in uns durch den Geist, und tut Alles. Nun ists uns nicht mehr eine Qual, sondern eine freie Wahl; nicht mehr eine Last, sondern eine Lust, nicht mehr eine bittere Arznei, sondern Speise und Trank ists uns nun, den Willen zu tun unseres Vaters im Himmel. Die Liebe Christi dringt uns also, und christlich denken, fühlen, urteilen, tun und reden ist uns zur andern Natur geworden. Und unsere Werke sind nicht mehr mühsam heraufgezogene Treibhauspflanzen, die wohl den Schein haben, als lebten sie, und doch matt und tot sind in ihrem Marke; sondern frische, frei gediehene Naturgewächse sind's, aus unserer wiedergebornen Natur, aus dem Grund und Boden unseres neuen Lebens unterm Schein der großen Gnadenssonne aufgesprossen. Wie Blätter und Blüten aus dem Zweig, wie Strahlen aus der Sonne, und wie Bächlein aus dem Quell: so gehen unsre Liebeswerke von uns aus, ohne Zwang, Not und Mühe. Was man aber mit Freuden tut, und nicht lassen kann, ist keine Arbeit, und was sich von selber macht, ist kein Werk. Der Gläubige, der in Christo Jesu ist, ruht von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen ruhte, am siebenten Tage nach dem Schöpfungswerke. Er ist gekommen zu der Sabbatruhe Gottes. „Nun aber“ ruft der Apostel Röm. 7 V. 6 „sind wir von dem Gesetze los, das uns gefangen hielt, also, dass wir dienen im neuen Wesen des Geistes, und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“
Kennt ihr sie nun, die heilige Sabbatruhe, die dem Volke Gottes vorhanden ist? Drei Pfeiler sind es, die sie tragen: die Gewissheit, dass meine Sünden mir vergeben sind, die Zuversicht, dass ich mit Leib und Seele nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin, der mich verwahren und zu seinem Bilde vollenden wird, und endlich die Freiheit von der Dienstbarkeit des Gesetzes; und diese drei beruhen in Einem, in Christo Jesu. Zu dieser heiligen Sabbatruhe euch hinzuleiten, das ist, so wie die Absicht aller Arbeit Gottes an euch, so der letzte Zweck unseres Hirten-Amtes. Wir wollen helfen euer Herz zur Ruhe bringen. Was wollt ihr mehr? Nicht wahr, ihr heißt uns gern willkommen, und stimmt von Herzen ein in des Propheten Gesang (Jes. 52, 7): Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Friede verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: dein Gott ist König.
II.
Wie fangen wir's nun aber an, und welche Wege schlagen wir ein, um euch jener heiligen Sabbatruhe entgegen führen zu helfen?
Wir tun zuförderst Fleiß, selbst für unser Teil in diese Ruhe einzukommen, wir predigen euch das Gesetz, wir verkündigen euch das Wort vom Kreuz, wir machen in und um euch her zunichte, was nicht Christus ist, und beten für euch.
Dass wir selber erst in Christo ruhen müssen, um zum Einkommen in seine Ruhe euch behilflich sein zu können, das leuchtet uns so klar ein, wie Etwas. Die Belehrung eurer Seelen zum Seelenretter liegt ja nicht in Menschenmacht, sondern ist ein Werk, das nur der Herr selbst auszurichten vermag; aber unserer will er sich dabei bedienen als Werkzeuge, durch welche er die Grenzen seines Reiches erweitere. Je mehr wir nun alles eigenen Wirkens und selbst erwählten Versuchens uns enthalten, je willenloser wir dem Herrn uns überlassen, dass er mit uns mache, je mehr wir unser ganzes Tun und Treiben von ihm und der Bestimmung seines Geistes abhängig machen, je aufrichtiger, hingebender und unterwürfiger wir das „Herr, rede, dein Knecht hört“ vor ihm aussprechen können: um desto besser wird er uns zu seinen heilvollen Absichten gebrauchen, desto freier und reiner durch uns auf euch einwirken, desto leichter und glücklicher unserer zu euerem Heile sich bedienen können. Das wissen wir, und darum lassen wir denn auch das unsere erste Sorge sein, dass wir selber je mehr und mehr zum Stilles sein in Christo gelangen, und frei von allem eigenwählerischen Wirken so recht als willenlose Werkzeuge in seinen Händen ruhen.
Unsere zweite Sorge ist nun die, dass wir euch zu jenem zerbrochenen Herzen zu verhelfen suchen, dem so große Dinge vom Herrn verheißen sind; dass wir eure Seele in jene Arbeit setzen, welche dem Sabbat vorhergeht; dass wir euch hineinführen in die Wüste, die erst durchschritten werden muss, so man nach Kanaan will, und hinab zur Hölle der Selbsterkenntnis, durch welche der Weg zur Gottesruhe in Christo Jesu sich hinzieht. Zu diesem Zwecke tragen wir denn vor Allem den Berg Sinai in euere Mitte, mit seinem Rauchdampf, mit seinen Posaunenstößen und seinen Donnern, und verhehlen es euch nicht, dass Gott ein verzehrend Feuer sei, und dass an seinem Throne nicht bloß die Palme des Friedens, sondern auch die Zornes schale, nicht bloß das Füllhorn des Segens, sondern auch das Schwert der Rache liege, und dass die Ewigkeit auch ihre finsteren Klüfte habe, und neben den Hütten des Friedens auch Behausungen endlosen Jammers in sich schließe. Wir rücken euch unter die Augen die Spiegeltafeln des ewigen Gesetzes mit ihren heiligen, ernsten Zeilen: „du sollst und du sollst nicht!“ und werfen dann Leuchtfackeln in das Nachtstück eueres Lebens, eueres Herzens, bis dass ihr zusammen fahrt vor euch selbst, und mit Entsetzen wahrnehmt, wie jedes Gebot des Höchsten um Rache für euch gen Himmel schreit, bis dass ihr von ferne tretet, wie Israel einst, und zu dem Angstgefühle kommt: ach, dass nur Gott nicht mit uns redete, wir müssten sonst sterben! Wir verfolgen euch mit dem Schwerte des Worts bis in die verborgensten Gemächer, bis in die innersten Schlupfwinkel euerer Seele, und lassen nicht ab, und treten nicht zurück, bis wir euch durch Gottes Beistand ganz zur Sünde gemacht, und hören nicht auf zu trompeten auf Zions Mauern, bis das ganze luftige Gebäude eurer eigenen Gerechtigkeit und eingebildeten Tugend über einander stürzt, und ihr die Handschrift an Belsazars Wand verstehen und auf euch anwenden lernt: „Gewogen und zu leicht befunden!“ Indem wir euch nun also angehen, mit Feuer und Schwert, mit Hammer und Bogen, und die schauerliche Bußglocke über euch läuten, so hat es freilich nicht das Ansehen, als ob wir die Boten seien, deren Füße lieblich sind auf den Bergen. Aber wir sind es doch, und die Liebe zu euch gibt uns die ernste, herbe Wahrheit in den Mund. Wehe wollen wir euch tun und euch verwunden, das ist wahr; aber nicht, um euch nur wehe zu tun, sondern um zu dem Ziel euch bringen zu helfen, das hinter dem Wehe liegt: zur Sabbatruhe in Christo Jesu. Ehe ihr in Kanaan einziehen könnt, müsst ihr erst Ägypten verlassen haben, und der gerade und einzige Weg aus Ägypten nach Kanaan führt durchs rote Meer der Buße. Oder wisst ihr einen andern? Ich wüsste keinen, und die Schrift weiß auch keinen. Darum predigen wir euch vor Allem das Gesetz, bis dass es euch kund werde durch Gottes Geist, dass euere Sünden euch über euer Haupt gehen; bis dass euer Herz geworden ist wie ein einsamer Vogel auf dem Dach, wie ein Käuzlein, das einsam sitzt in zerstörten Städten und kirrt.
Und neben dem rauchenden Sinai und den ernsten Gesetzestafeln richten wir dann das Kreuz auf, und predigen euch Christum, als den einigen Grund der ewigen Sabbatruhe, als den einigen Namen, darin wir können selig werden, und werden nicht müde, von ihm zu zeugen, von seinen Taten zu erzählen, seine Liebe zu rühmen, seine Verdienste euch darzulegen und ihn euch anzupreisen. Wir stellen ihn euch vor Augen mit aufgedecktem Angesicht, und zeigen euch, wer er ist an und für sich selbst, für uns und in uns, und wissen nichts, als ihn ihn ganz allein. Mit allen eueren Bedürfnissen weisen wir euch hinauf zum Berge Golgatha, als zu der einzigen sicheren Zufluchtsstätte armer Sünder und bedrückter Seelen. Denn Golgatha ist die Schädelstätte unserer Sünden; hier werden sie verscharrt unter das Kreuz, dass ihrer nicht mehr gedacht wird. Golgatha ist die Schädelstätte des Gesetzes, denn Christus der Gekreuzigte ist des Gesetzes Ende, und wer im Schatten seines Kreuzes wohnt, für den ist das Gesetz mit seinem Treiberstecken und seinen Ebalsflüsschen tot, und hat nichts mehr an ihm. Golgatha ist die Schädelstätte unsers alten Menschen, denn die Luft des Kreuzes Christi, die kann er nicht ertragen, da gehts mit ihm zum Tode, da muss er allmählig hinscheiden, um dem neuen Menschen Raum zu machen. Golgatha ist die Schädelstätte unsers Todes, denn Christi Tod hat unsern Tod getötet. Dieses Alles ist Golgatha; und was ist er nicht mehr noch, dieser Berg des Heils, von wannen unsre Hilfe kommt? Über die ganze Erde schallen die Flüche Ebals, über die ganze Welt ziehen Wolken des Zorns und Wetter des göttlichen Feuereifers; über die ganze Welt schallt das fürchterliche „Adam, wo bist du“ des heimsuchenden Richters; in allen Ecken und Winkeln ist Sturm, Finsternis und Angst. Nur auf einem einzigen Flecke ist mildes, sanftes Säuseln der Gnade, ist freundliche Rede, ist Ruhe und Friede: unter dem Kreuze auf Golgatha. Welche Verräterei würden wir demnach nicht begehen an eueren Seelen, wollten wir euch an diesem Berge vorüber führen? Wie schlecht würden wir sorgen für euer Heil, wie schnöde euch betrügen, wollten wir euch anders wohin geleiten, als nach Golgatha zu Christus dem Gekreuzigten, welcher ist der offene Brunn des Hauses David!
Und ist es denn schon so weit mit euch kommen, dass ihr vom Weinstock Christo schon esst, seiner Verdienste euch schon getröstet, so richten wir nun unser Augenmerk dahin, dass ihr auch wirklich als lebendige Reben mit ihm verschlungen und sein Eigentum werden möget, und es mit euch komme zu jener völligen willenlosen Übergabe an den Herrn, durch welche die Sabbatruhe erst vollendet wird. Zu diesem Zweck schildern wir euch die tausenderlei verborgenen Gefahren, die euch, so lange ihr euch selbst überlassen seid, jeden Augenblick bedrohen; wir machen es euch klar, wie ihr selber nicht im Stande seid, euch zu bewahren vor dem Argen, sondern wie notwendig es sei, dass ihr von einem Stärkeren euch bewahren lasst. Wir beweisen euch, dass ihr ohne Christum nichts tun könnt, sondern dass er es ganz allein sei, der euch heiligen und verklären müsse. Wir machen euch darauf aufmerksam, wie selbst eure heiligen Übungen und Gottesdienste, euere Versammlungen, eure erbaulichen Gespräche euch zu gefährlichen Klippen werden können. Dieses Alles halten wir euch vor, auf dass ihr in ein völliges Verzagen hineinkommen mögt an euch selbst, an der Welt, an allem eigenen Trachten, Tun und Wirken, und euch nichts anders übrig bleibe, als euch ganz mit Leib und Seele auf den Herrn zu werfen, seiner Bedeckung und Bearbeitung willenlos, wie der Ton dem Töpfer, euch zu überlassen, euch unter den Flügeln seiner Gnade zu halten, jeden Augenblick aufs Neue in seine Hände euch zu befehlen, und die Philosophie der Lilien auf dem Felde euch zu eigen zu machen, die nicht nähen noch spinnen, sondern sich ruhig im Schein der Sonne wiegen, und doch schöner gekleidet sind, als der König Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Denn das ist Klugheit der Gerechten, so kommt man los von allen Sorgen, so geht man ein zur vollen Sabbatruhe.
Seht, meine Brüder, das sind die Wege, die wir, so oft wir zu euch reden, einzuschlagen pflegen, um euch dem großen Ziel der Sabbatruhe, die in Christo ist, entgegen führen zu helfen. Aber unser Predigen tuts nicht, und unser Vermahnen ist eitel, und mit unserm Rennen, Laufen und Fleißtun ist nichts ausgerichtet, wenn der Herr selbst nicht das Beste dazu tut, und seinen Geist an unsre Worte bindet. Das wissen wir wohl; darum säumen wir nicht, noch zu einem andern Mittel zu greifen, um euch zum Ziel zu bringen. Wir treten ein, als Priester zu den Vorhöfen unseres Gottes, und opfern für euch Rauchwerk des Gebetes und herzlicher Fürbitte, und halten diese heilige Verrichtung für ein Hauptstück unseres Amtes. Wir tragen euch ohne Unterlass in brünstigem Flehen dem besten Hirten an das Herz, und hören nicht auf, sein versöhnendes Blut und die Feuertaufe seines Geistes über euch und eure Kinder herab zu seufzen, und ihn zu bitten, dass Er euch doch sein Licht und seine Wahrheit senden wolle, dass sie euch leiten und bringen zu seinem heiligen Berge und zu seiner Wohnung.
Und also betend und predigend, unter Gottes Beistand euch hinein führen zu helfen in das geistliche Jerusalem, in die volle Sabbatruhe, die in Christo Jesu ist: das ist der große Endzweck, zu welchem der Herr des Weinbergs nun auch mich, den Schwächsten seiner Knechte, an euch gewiesen hat; das ist die heilige Absicht, in welcher ich mich heute im Namen Gottes euren treuen und bewährten Hirten beigeselle; das ist das hohe Ziel, auf das hinfort, so wahr der Herr mir helfe! all mein Tun und Trachten unter euch berechnet werden soll. O dass denn viele unter euch, dass Alle diese selige Ruhe fänden, und keiner nach dem Exempel des ungläubigen Israels in der Wüste sterben möchte, ohne das Land jenseits des Jordans, das gute Gebirge gesehen zu haben! Das walte Gott in Gnaden!
Und nun, du teure Gemeine, spreche ich zu dir, wie Jehu einst zu Jonadab (2 Kön. 10, 15): „ist dein Herz richtig, wie mein Herz mit deinem Herzen, so gib mir deine Hand.“ Ja, gib mir deine Hand, und im Namen Gottes werde unser Bund geschlossen.
Mit dem Gruße der aufrichtigsten Bruderliebe wende ich mich zuerst zu Ihnen, mein innigst verehrter Herr Amtsgenosse, mein teurer Bruder in dem Herrn. Wie das mich fröhlich macht, und mich zum Danken stimmt, dass Sie es sind, mit welchem ich hinfort auf Einem Acker wirken, in Einem Hause dienen soll. Fürwahr, mir ist das Los aufs Lieblichste gefallen. Mein Herz ist dem Ihrigen schon längst verbunden in dem Herrn, und die Liebe, die in Christo geankert und gewurzelt ist, wächst nur, und mag, Gottlob! nicht welken, und ist stark, wie der Tod. Es kann nicht fehlen, unsere Einträchtigkeit wird fein und lieblich sein, wie der köstliche Balsam, der vom Haupte Aarons herabfließt in seinen ganzen Bart, wie der Tau, der vom Hermon fällt auf die Berge Zion; sie wird die Freuden unseres Amtes uns verdoppeln und erhöhen, die Beschwerden erleichtern und versüßen, und der Gemeine zur Augenweide und zum Vorbilde dienen. Lassen sie mich, den jüngeren Bruder, an dem reichen Schatze ihrer Einsichten und Erfahrungen Teil nehmen, und seien Sie mir ein ernster Nathan, wo es not ist; Sie sollen immer Herz und Ohren offen finden. - Gedenken wir unserer gegenseitig vor dem Gnadenstuhle, und lassen Sie uns treu sein in der Fürbitte für einander, dass die Salbung unseres Hohenpriesters bei uns bleibe und sich täglich mehre, und unsere Liebe je inniger, fester und heiliger werde. Siehe, Ein Herr ist's, den wir glauben, Ein Trost, von dem wir leben, Ein Ziel, nach welchem wir jagen, Ein Grund, auf den wir bauen: Jesus Christus, und zwar der Gekreuzigte. So werden wir in unserm Tun und Treiben nicht zwei sein, sondern eins. Glückselige Einheit! Was kann sie stören? - Der Herr ist zwischen mir und dir. Ein starkes Band! - Er binde uns tagtäglich enger an einander. - Er sei mit Ihnen und mit Ihrem Hause, mein lieber Bruder. Er stärke und erfülle Sie mit seinem Freudengeiste, und erhalte Sie uns noch lange zur Förderung seines Reiches, und uns zur Freude und zum Segen.
Auch Sie, ehrwürdige Glieder des Presbyteriums, meine Herren Ältesten, Kirchmeister und Diakonen begrüße ich mit aufrichtiger Liebe, als meine Mitarbeiter an der Wohlfahrt dieser teuer erkauften Herde. Empfangen Sie meinen innigsten Dank für das Vertrauen, dessen Sie mich wert geachtet, und das Sie auf so mannigfache Weise schon in Wort und Tat mir haben offenbar werden lassen. Sie haben mich so freundlich in Ihre Mitte aufgenommen, haben mir der Liebesdienste so viele erzeigt, dass ichs ihnen nicht genug vergelten kann. - Unvergesslich werden meinem Herzen die Beweise zuvorkommender Güte sein, mit welchen Sie mich überhäuften. Der Herr vergelt's Ihnen. Er segne Sie und Ihre teuren Familien; er vereine unsere Herzen je mehr und mehr in jener Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Er kröne mit dem glücklichsten Erfolge und dem reichsten Segen Ihre treue Arbeit am Bau seiner Gemeine, und lasse es Ihnen nie an irgendeinem Guten fehlen.
Ich wende mich an Sie, würdige Glieder des Wahlkollegiums, geehrteste Herren Repräsentanten der Gemeine, vereinigt mit den zuletzt abgetretenen würdigen Mitgliedern des Presbyteriums. Sie haben mich, unter der Leitung Gottes, einmütig zum Seelsorger dieser teuren Gemeine gewählt. So tief ich durch diesen ausgezeichneten und ehrenvollen Beweis Ihres Zutrauens mich gedemütigt fühle, so mächtig fühle ich zugleich dadurch mich angetrieben, ohne Unterlass den Herrn des Segens und der Stärke anzurufen, dass er durch seinen Geist mich gnädig in den Stand setzen wolle, Ihres Zutrauens mich würdig zu erweisen, die Hoffnungen zu erfüllen, mit welchen Sie mich zu sich beriefen, und meines heiligen Amtes unter Ihnen so treu zu warten, als Sie vertrauensvoll vorausgesetzt, dass es geschehen werde. Möchte es mir gelingen, Ihre Liebe und Gewogenheit mir zu erhalten. Gehen Sie mir mit Rat und Tat zur Hand, und lassen Sie Ihre Einsichten und Erfahrungen mir zugutekommen, dass der Segen meines Amtes desto größer werde. Der Herr segne Sie samt den Ihrigen, und lasse seine Gnade an Ihnen groß werden, und gebe Ihren rastlosen Bemühungen für das Wohl seiner Gemeine fröhliches Gelingen und bleibenden Erfolg.
Heil und Segen auch Ihnen, geliebte Herren Jugendlehrer dieser Gemeine! Ich freue mich, auch mit Ihnen fortan an Einem Ackerwerke dem Herrn dienen zu können. Der Herr stärke Sie und rüste Sie aus mit Eifer und Treue zu Ihrem wichtigen Amte, und lasse Sie immer deutlicher vernehmen, immer gründlicher verstehen seinen so beherzigenswerten Zuruf: Lasst die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich! Ja, Ihm führen Sie die kleine Herde zu, auf dass Sie einst mit Freudigkeit vor seinem Richterstuhle erscheinen können. Der Herr segne Sie im Leiblichen und im Geistlichen, und lasse Sie viele Früchte sehen von Ihrer Aussaat. Er salbe Sie mit seinem Heiligen Geiste, und sei mit seinem Heil und Frieden Ihnen nahe auf allen Ihren Wegen.
Und nun, du ganze, teure Gemeine, wende ich mich noch einmal zu dir, dir zu sagen, dass ich dein bin fortan in Christo Jesu; dein mit allem was ich bin und habe. Alles, was an mir ist durch Gottes Gnade - zu deinem Frieden soll's verwendet werden; dein Heil wird mein Gedanke, mein Gebet und meine Sorge sein vom Morgen bis zum Abend, und deine Seligkeit soll mir am Herzen liegen, wie meine eigene. Ich bitte euch, geliebte Brüder, noch einmal, schenkt mir dagegen euere nachsichtsvolle Liebe, ja etwas nur von jener treuen Liebe, mit welcher ihr den teuren Mann, an dessen Stelle ich nun trete, auf eueren Händen trugt und tragt. Der Herr erhalte ihn noch lange unter uns, dass noch mancher Strom lebendigen Wassers labend und erquickend von ihm ausgehe, noch mancher helle Lichtstrahl aus seinem Wort und Wesen in die Finsternis leuchten möge, und manches Herz noch aus seinem Zuspruch Trost und Freude schöpfe! - Ein stiller Feierabend ihm, und mir ein segensreiches Tagewerk! Gott gebe das! - Er lege Heil auf unsere Verbindung. Er zerreiße den Himmel und fahre herab, herab mit der Feuertaufe zu seinem armen Knechte, und lasse es ihm unter euch gelingen mit Freuden, dass sein Reich blühe an diesem Orte, und sein Licht strahle wie die Sonne. Betet, betet für euren Lehrer, dass sein Herz voll werde von den heiligen Gütern, deren Pfleger Jesus Christus ist; dass sein Mund sich weit auftue unter euch, mit Macht zu zeugen von dem Kreuzgeheimnis, und es seinem Worte nie am Tau vom Himmel fehle. Immanuel sei bei und mit uns Allen jedweden Tag, und gebe uns ein fröhlich Wachstum an Ihm, dem Haupte, bis dass wir Alle in Ihm werden Ein Mann, ach ja Ein Mann in Christo Jesu! Das walte Gott in Gnaden. Amen.