Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLVI. Die Kreuzigung.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLVI. Die Kreuzigung.

„Der Herr ist in seinem heiligen Tempel; es sei vor ihm stille alle Welt!“ Mit diesen Worten des Propheten Habakuk (Kap. 3, 23.) begrüße ich euch heute, geliebte Freunde, da wir im Begriffe stehen, in das Allerheiligste der evangelischen Geschichte einzutreten.

Der feierlichste aller Tage in Israel war bekanntlich der große jährliche Versöhnungstag, der einzige Tag im Jahre, an welchem der Hohepriester in das Allerheiligste des Tempels einging. Ehe er diese geheimnisvolle Stätte betrat, musste er, - so gebot es das Gesetz, - jeglichen Schmucks sich entäußern, und vom Haupte bis zu den Füßen in schlichte weiße Leinwand sich kleiden. Dann nahm er die Schale mit dem Opferblut in seine Hand und, vor Ehrfurcht bebend, schob er den Vorhang zurück, um anbetend und gebeugt dem Gnadenstuhl zu nahen, und ihn mit dem versöhnenden Blute zu besprengen. Nicht länger jedoch verweilte er an dem heiligen Ort, als bis das priesterliche Werk verrichtet war. Dann trat er wieder vor die versammelte Gemeine heraus, und verkündete im Namen Jehovas allen bußfertigen Herzen Gnade und Vergebung.

Wir werden diesen symbolisch höchst bedeutsamen Akt jetzt zu seiner vollen tatsächlichen Verwirklichung gedeihen sehen. Der Unvergleichliche, von dem das ganze alttestamentliche Priestertum göttlicher Absicht gemäß nur ein vorbildender Schatte war, verliert sich hinter den dichten Vorhang einer bis zum Äußersten sich steigernden Erniedrigung und Qual, um, sein eigenes Blut in Händen tragend, mit Gott, seinem Vater, priesterlich für uns zu handeln. Dem Gesichtskreise der begreifenden Vernunft entrückt, und nur der gläubigen Ahnung noch erreichbar, setzt Er, was Moses bildhaft in das blutige Figurenwerk der heiligen Hütte verwob, nach allen Seiten jetzt in Tat und Wesen um. Das Wie werden wir mit dem Senkblei unserer Gedanken nie ganz ergründen; aber gewiss ist's, dass er dort unsere ewige Erlösung zur schließlichen Vollendung brachte.

Brüder! womit werden wir diesen feierlich erhabenen Momenten zu begegnen haben? Mindestens mit heiliger Sammlung des Gemüts, mit andächtiger Beschaulichkeit, mit gläubig seliger Vertiefung in das große Retterwerk, und mit dankbar zerfließender Anbetung an Gottes Throne!

Werde dieses Alles von der Hand der Gnade uns gewährt! „Der Herr ist in seinem heiligen Tempel; es sei vor Ihm stille alle Welt!“

Matth. 27, 33. 34. Mark. 15, 22. 23. 25. Luk. 23, 32. 33. Joh. 19, 18.

Es wurden aber auch hingeführt zwei andere Übeltäter, dass sie mit ihm abgetan würden. Und da sie an die Stätte kamen, mit Namen Golgatha, d. i. verdolmetscht Schädelstätte, da gaben sie ihm Myrrhen in Wein zu trinken. Und da er es schmeckte, wollte er es nicht trinken, und nahm's nicht zu sich. Allda kreuzigten sie ihn, und mit ihm zwei Übeltäter zu beiden Seiten, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesum aber mitten inne. Da ward die Schrift erfüllt, die da sagt: Er ist unter die Übeltäter gerechnet. Und es war um die dritte Stunde, dass sie ihn kreuzigten.

„Allda kreuzigten sie ihn.“ - Wer, der es nicht schon wüsste, sollte glauben, dass in diesen wenigen schlichten Worten das größte und folgenreichste Ereignis der Weltgeschichte, ja eine Begebenheit uns berichtet werde, welche Jahrtausende hindurch angebahnt und vorbereitet ward, und den Mittelpunkt aller Veranstaltungen und Pläne Gottes bildet! Und doch ist dem so! Tritt aber nicht gerade vermöge dieser wortkargen Darstellung die Tatsache selbst nur umso größer hervor, und müssen wir nicht zugestehen, dass der Charakter nüchterner Gegenständlichkeit, der überhaupt der Geschichtsschreibung der Evangelisten, dieser ungetrübten Spiegel der Großtaten Gottes, eigen ist, überaus wohltuend und glaubenstärkend auf uns einwirkt?

Wir langen heute auf der Schädelstätte an. Wohlan, Jesu Ankunft auf seinem Todeshügel, der Kreuzigungsakt und das aufgerichtete Kreuz seien die Gegenstände unserer näheren Betrachtung!

Wenn es je zu uns geheißen: „Zeuch deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort, da du stehst, ist ein heiliger Ort“, dann wahrlich heute! Dringe denn dieser Zuruf uns zu Herzen, und zu einer heiligen inneren Feier werde uns unser heutiges Anschauen und Erwägen!

1.

Wir treten noch einmal auf die Marterstraße zurück, und schließen uns im Geiste dem Zuge zum Hochgerichte wieder an. Eben bewegt er sich an den Felsengräbern der Könige Israels vorüber. Die alten Kronenträger schlafen in ihren Kammern; aber ein Morgenrot des Auferstehens umzuckt ihr verdorrtes Gebein, da der Fürst des Lebens an ihnen vorüberwandelt. An dem Schauergrunde Gehenna geht es jetzt vorbei, dem mit dem Blute der schrecklichen Molochsopfer gedüngten. Es gibt aber ein entsetzlicheres Gehenna noch, als dieses; und wer unter uns wäre dem entronnen, hätte das Lamm dort nicht zu seinem schweren Todesgange sich verstanden? Wir sind am Fuße des verhängnisvollen Hügels angelangt. Ehe wir aber weiter schreiten, werfen wir noch einen Blick in das Volksgedränge hinter uns, und spähen, ob denn unter all dem Hass und Groll, der dort wie eine Höllenbrandung aufschlägt, nirgends auch nur eine Spur von Mitgefühl und herzlicher Verehrung für den großen Dulder sich entdecken lasse. Und siehe, einem holden Sternbilde gleich in schwarzer Nacht, begegnet unserem überraschten Auge ein teuer wertes Häuflein. O, wir kennen sie bereits, diese in Tränen zerfließenden Gestalten. Zuerst gewahren wir die gesegnete Mutter der beiden „Donnerssöhne“, die liebe Salome. Vorleuchten will sie ihren Kindern mit ihrer Treue bis in den Tod; und wir wissen, dass sich ein Johannes und ein Jakobus, dieser erste Märtyrer des neuen Friedensreiches, nachmals einer solchen Mutter vollkommen würdig erwiesen haben.

Neben Salome wandelt Maria, die Blutsverwandte, vielleicht die Schwester der gebenedeiten Jungfrau. Auch ihr ward die große Gnade, zwei Söhne, Jakobus den Jüngeren, und Joses in die nächste Gemeinschaft des großen Meisters aufgenommen zu sehen. Aber ach! als das Schwert über den Hirten kam, hatten auch sie mit der übrigen Herde sich zerstreut, und seitdem war's der herrlichen Mutter, als liege es ihr. nun ob, für ihre Kinder einzutreten, und durch die eigene Treue die Flucht jener zu bedecken.

Und seht, dort schreitet laut aufschluchzend, auch sie, die freilich wie keine andere die Rettermacht Dessen an sich erfahren hatte, der da gekommen war, die „Werke des Teufels zu zerstören.“ Die Magdalenerin ist's. O, wie erscheint sie aufgelöst in Weh und Gram! Sie hat nur einen Wunsch noch, sterben zu können mit dem Manne, ohne welchen ihr die Erde ein dunkles Grab, ja eine Mörderhöhle dünkt.“

- Wer aber ist die Wankende dort, gelehnt auf den Jünger, „den Jesus lieb hatte“? Diese vor Allen tief Gebeugte, die ihr abgehärmtes Angesicht in ihr Tränentuch verhüllt, wer ist sie? Die schwer geprüfte Mutter ist's, an welcher jetzt die Weissagung des alten Simeons sich erfüllt: „Ein Schwert wird durch deine Seele dringen!“ Dass aber dies Wort in solcher Weise sich erfüllen würde, das hatte kaum ihre düsterste Ahnung ihr vorgespiegelt. Fürwahr, was sie empfindet, empfand kein zweites Herz auf Erden. Doch aufwärts, Maria! In die Arme des ewigen Vaters dich geworfen mit deinem Schmerz! Siehst du dein Kind zum Kreuze ziehen, so Er das seine. Ist er doch Sein Sohn, der Dorngekrönte, wie er der deine ist!

- O, seht den lieben Jünger, wie er, obwohl trostlos selbst, die Schmerzensreiche aufzurichten sich bemüht! Welche Szene? Aber wie wohltuend ist es, wahrzunehmen, dass doch die Liebe für den Mann der Schmerzen auf Erden noch nicht gar ausgestorben ist. Und sie stirbt nimmer aus; seid darum ohne Sorgen! In jenem abgehärmten Häuflein erblickt ihr nur die ersten göttlich befruchteten Triebe des künftigen Königreiches unseres Dulders. Aus den Wenigen wird binnen Kurzem eine Schar, die Niemand zählen wird.

Setzen wir uns, Geliebte, nach diesem flüchtigen Rückblick auf das Geleit des Herrn mit dem wogenden Zuge wieder in Bewegung! Nur wenige Schritte noch aufwärts, und das Ziel der schauerlichen Wanderung ist erreicht. Wo befinden wir uns? Wir stehen auf der Höhe des Kalvarienberges. Golgatha: schaudererregender Name! Bezeichnung der verhängnis- und schreckensvollsten Stätte der ganzen Erde! Seht, ein nackter, kahler Hügel, nur mit Missetäterblut gedüngt, und bedeckt mit den verdorrten Gebeinen gerichteter Aufrührer, Mordbrenner, Giftmischer und anderer Auswürflinge der Menschheit. Eine Stätte des Fluchs, wo nimmer die Liebe waltet, sondern nur die nackte Gerechtigkeit mit Schwert und Waage auf dem Throne sitzt. Ein Rabenstein, vor dem sich segnet, wer an ihm vorübergeht; ein nächtlicher Sammelplatz hungriger Schakale und Hyänen! Und denkt, dieser Ort voll Grauens soll zu dem Berge sich verklären, von dannen unsere Hilfe kommt, und dessen Geheimnisse „viele Könige und Propheten zu sehen begehrten, und haben sie nicht gesehen.“ Ja, auf diesem schauerlichen Hügel werden unsere Rosen blühen, und unsere Heils- und Friedensquellen sprudeln. Das Pella unserer Bergung liegt auf dieser Höhe; das Bethanien unserer Ruhe und ewigen Erquickung tut hier sich vor uns auf. Wohl hatten die Alten mit ihrer bekannten Behauptung, dass der Berg Golgatha den Mittelpunkt der ganzen Erde bilde, insofern vollkommen Recht, als derselbe wirklich den Sammelplatz abgibt, wo die Erlösten der Welt, ob leiblich auch durch Land und Meer geschieden, tagtäglich im Geiste zusammentreffen, und mit dem Kuss der Liebe sich grüßen. Nicht minder Recht hatten sie mit ihrer Sage, dass unter dem Kalvarienhügel der Vater Adam begraben ruhe. In der Tat ist dieser Hügel Adams Grab, sofern unter letzterem der gefallene Sündenmensch verstanden wird, den wir Alle in uns tragen, und der auf Golgatha wirklich mit Christo gekreuzigt ward. Auffallend erscheint's, dass die Gelehrten heute noch darüber streiten, wo der Berg Golgatha gelegen habe, und dass zu einer sichern Ermittlung dieser Stelle kaum mehr eine Aussicht vorhanden ist. Aber nach Gottes Absicht sollte jener Berg ins Geistige aufgehoben werden, und so ist's geschehen. In der Welt gläubiger Anschauungen fand er seine bleibende Stelle.

Auf jener grauenvollen Höhe endet nun die Erdenlaufbahn des Herrn der Herrlichkeit. Dort steht er, der einzig grüne, gesunde und fruchtbeladene Baum auf Erden, und an dieses Baumes Wurzel liegt die Axt! Welch ein Zeugnis wider die Welt; und welch' ein Alles, was Gott und Vorsehung heißt, vernichtender Widerspruch, fände letzterer nicht in dem Geheimnis der stellvertretenden Genugtuung seine Lösung. Dort steht Er, mit Schmach und Schmerzen überhäuft, und von den Übeltätern, unter die er gerechnet ist, kaum unterscheidbar. Aber geduldet euch! Nur einige Jahrzehnte noch, und Jerusalem, das ihn verwarf, preist Ihn in Gestalt eines rauchenden Schutthaufens als den Liebling Gottes, an welchem ungestraft sich Niemand vergreifen könne; und, umflossen vom Lichte des Heiligtums, steigen in drei Weltteilen lebendige Völkerdenkmale aus, welche die Inschrift tragen: „Christo, dem Welterneuerer!“ Ehe es jedoch zu dieser Wendung der Dinge kommt, gilt es noch eine schauerliche Katastrophe. Nur aus dem Tode des Gerechten erblüht der Welt das Leben. Die Stunde seiner Bluttaufe ist vorhanden. Sammelt euch, Freunde, kommt und seht!

2.

Herr Gott! was begibt sich auf dem Marterberge! O Herz, Du Stein in unserem Busen, warum zerspringst du nicht? Warum, du spröder, starrer Fels, Löst du dich nicht auf in blutige Tränen? Vier im schrecklichsten aller Handwerke verwilderte Männer treten auf den Heiligen Israels zu, und bieten ihm zuerst, wie es gebräuchlich war vor der Exekution, ein betäubendes Getränk aus Wein und Myrrhen. Der Herr verschmäht diesen Trank, weil er mit ungetrübtem Bewusstsein dem Rate seines Gottes sich unterziehen und die letzten Tropfen seines Fluchkelchs trinken will. Da nehmen die Henker das Gotteslamm in ihre Mitte, und beginnen ihre Arbeit an Ihm damit, dass sie mit rohen Fäusten die Kleider ihm vom Leibe reißen. So steht Er nun da, Er, dessen Kleid einst „Licht“ war, und die Sterne des Himmels der Saum seines Gewandes, ein nackter Mann, nur mit dem Purpur seines Blutes noch bedeckt; und nackt und jeglichen Schmucks entblößt nicht vor den Menschen nur, sondern im Lichte der Stellvertretung auch vor Gott; mahnend an den nackten Adam im Paradiese, nur dass Er nicht, wie jener, vor der Stimme Gottes hinter die Bäume sich verbirgt, sondern todesfreudig ihr entgegentritt; mahnend zugleich an den alttestamentlichen Hohenpriester, sein geheimnisvolles Vorbild, der, ehe er das Volk versöhnend das Allerheiligste betrat, jeglichen Zierrat gegen eine schlichte weiße Leinwand vertauschte. Nachdem man den Herrn entkleidet, und unter göttlicher Fügung nur seine Mittlerzier, die Dornenkrone, ihm belassen hat, streckt man ihn nieder auf das Holz, an dem er verbluten soll, und führt so, ohne es zu wissen und zu wollen, den im 22. Psalme prophetisch vorgebildeten Moment herbei, aus welchem die Messiasklage uns antönt: „Sei nicht ferne von mir; denn Angst ist nahe, und ist hier kein Helfer! Große Farren haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat sich über mich hergemacht!“ O, welch' ein Sterbebette für den König der Könige! Freunde, so oft wir auf dem weichen Pfühle des Friedens Gottes ruhen, oder in trauten Bruderkreisen, Lieder der Hoffnung singend, an unserer Pilgerstraße selig beisammen lagern, lasst es uns nicht vergessen, dass der Grund, um deswillen uns so sänftig gebettet wurde, einzig darin zu suchen sei, dass der Herr der Herrlichkeit einst, ein geduldiges Lamm, auf jenes Schauerlager für uns sich niederstreckte.

O, seht ihn liegen! Die heiligen Arme gewaltsam über das Querholz ausgereckt, die Füße aufeinander gelegt, und mit Stricken umwunden! So lag einst Isaak auf dem Holze des Altars Morijas; aber die Stimme, die dort vom Himmel rief: „Lege deine Hand nicht an den Knaben!“ schweigt über Golgatha. -

Die Henker greifen zu den Hämmern und Nägeln. Doch wer gewinnt es über sich, dem, was sich jetzt ereignet, weiter mit zuzuschauen? Eine tiefe, ängstliche Stille tritt unter der Gaffermasse ein, ähnlich derjenigen, die in einem Trauerhause einzutreten pflegt, wenn man anhebt, den Sarg zu vernageln. Und wohl nicht auf Erden nur, sondern auch im Himmel entstand in diesem Augenblicke eine tiefe, feierliche Stille. entsetzlichen Eisen, in höllischer Esse geglüht, und doch auch wieder im Heiligtume der Ewigkeit vorgesehen, werden den Händen und Füßen des Gerechten aufgesetzt, und die dumpfen Hammerschläge fallen! Hörst du sie dröhnen, Mensch? Auf dein Herz donnern sie zu, in grauenvoller Sprache Zeugnis gebend von deiner Sünde, und zugleich vom Zorne des allmächtigen Gottes! O, wie viele Schläfer sind schon unter dem Wiederhall jener Hammerschläge wach geworden von ihrem Todesschlaf, und nüchtern aus des Teufels Strick! Erwache auch du, schlaftrunkener Sünder! Auch du in fleischliche Sicherheit Eingewiegter, werde endlich einmal nüchtern!

- Wie Manchem schon zerbrach unter jenen Schlägen in heilsamer Buße das trotzige und stolze Herz! O, warum zerbricht es darunter nicht auch dir? Denn wisse, dass du jene Hämmer einst mitgeschwungen hast, und dass du den himmelschreiendsten Frevel, mit dem sich je die Welt beladen, in deiner eigenen Rechnung verzeichnet findest! - Seht, die Nägel schlugen durch, und aus Händen und Füßen entquillt dem Heiligen das Blut. - O, diese Nägel haben den Fels des Heiles uns geöffnet, dass er sein Lebenswasser, die himmlische Balsamstaude geritzt, dass sie uns ihre Narde gebe! Ja, die Handschrift, die wider uns war, haben sie durchbohrt, und als nichtig an das Holz geheftet, und sind, indem sie den Gerechten verwundeten, wie der Nagel der Jael dem Heiden Sissera, so der alten Schlange tödlich durchs Haupt gedrungen. O, dass nur Niemand an dem angehefteten Manne sich jetzt versehe! Diese durchgrabenen Hände segnen stärker, als sie segneten, da sie noch frei und ungebunden sich bewegten. Hände eines wunderbaren Baumeisters sind sie, die den Tempel einer ewigen Kirche bauen; ja, eines Helden Hände, die dem Starken seinen ganzen Hausrat nehmen. Und glaubt's, es ist kein Heil und keine Hilfe, als allein in diesen Händen! Und diese blutenden Füße treten gewaltiger auf, als da noch keine Fessel ihre Schritte hemmte. Über die Höhen Tausender von Feinden, die kurz zuvor noch kühn ihr Haupt erhoben, schreiten sie siegreich jetzt einher. Hügel und Berge erniedrigen sie unter ihren Tritten, die sie im unblutigen Zustande nimmer erniedrigt haben würden. Und kein Blühen ist noch Grünen in der Wüste dieser Welt, als allein unter dem Rauschen dieser Füße.

Der entsetzlichste aller Akte ist vollzogen, und das prophetische Psalmwort: „Sie haben mir Hände und Füße durchgraben“, zu seiner Erfüllung gelangt. Da wird denn der Fuß des Holzes näher an die aufgeworfene Grube, in der es haften soll, herangerückt. Kräftige Männer ergreifen das an seiner Spitze befestigte Seil, und beginnen zu ziehen, und das Kreuz mit seinem Opfer richtet sich auf, hebt sich, steigt zur Höhe. So speit die Erde den Fürsten des Lebens von ihrem Angesichte hinweg, und wie es scheint, will auch der Himmel Ihn noch nicht haben. Doch lassen wir die Schleier über diese Schrecken fallen! Gottlob! in jenem Marterbilde geht über der sündigen Erde ja eben die Sonne der Gnade auf; und der Held aus Juda steigt in die Sphäre der „Geister, die in der Luft herrschen“, nur empor, um dieselben in einer geheimnisvollen Schlacht zu unseren Gunsten ewig zu entwaffnen.

O seht, welch' Schauspiel, das sich jetzt uns darstellt! In dem Momente, da der Gekreuzigte an seinem Holze sich zur Höhe aufschwingt, fällt, aus seinen Wunden träufelnd, ein Purpurregen durch die Luft, und benetzt die Marterstätte, und die Sünderhorde, die sie umsteht. Dies Sein Vermächtnis für seine Kirche! Er habe Dank für solchen Nachlass! Dieser rosenfarbene Tau ist wundertätig. Auf geistliche Steppen fällt er, und sie blühen wie die Lilien. Wir sprengen ihn an die Schwellen unserer Herzen, und sind gesichert vor allen Würgern und Racheengeln. Auf das Eis des Nordpols senkt sich dieser Tau, und das tausendjährige beginnt unter ihm zu schmelzen. In die Glut des Südens strömt er nieder, und die Luft wird durch ihn kühl und lieblich. Wo dieser Regen fällt, sprießen Gottesgärten auf, erblühen Rosenfelder; und was schwarz ist, wird in diesem Bade weiß, was befleckt, wird rein wie Licht der Sonne. Ja, was der Tau und Regen der Natur, die ohne denselben bald zur öden Wüste würde, das ist für die menschliche Gemütswelt der Purpurregen, den wir dort vom Kreuze rieseln sehen. Kein Gedeihen ohne ihn, ohne ihn kein Wachstum und kein Grünen, sondern überall nur Verwüstung, Unfruchtbarkeit und Tod. Wollen wir drum etwas tun, so lasst uns das Kreuz umfassen, und einstimmen in das alte wohlbekannte Verslein:

O, dass mein Herze offen stünd,
Und fleißig möcht auffangen
Die Tröpflein Bluts, die meine Sünd'
Am Holze dir abdrangen.
Ach, dass sich meiner Augen Brunn'
Auftat, und mit viel Stöhnen
Heiße Tränen
Vergösse, wie die tun,
Die sich in Liebe sehnen!

3.

Da ragt's denn, das verhängnisvolle Holz: ein Felsen, an dem die Feuerwogen des Fluchs sich brechen; eine Wetterstange, an der ein Blitz herunterfährt, der unabgeleitet die ganze Welt zerschmettert hätte! Er, der erbarmungsvoll diesen Strahl auf sich zu lenken sich erbot, dort schwebt er, zwar in tiefe Nacht verhüllt; aber nichtsdestoweniger der Morgenstern, der der Welt einen ewigen Sonnentag verkündet; ein Ausgestoßener zwar von Himmel und von Erde, aber gerade als solcher das Beide verknüpfende Band, und der Vermittler ihrer erneuerten und ewigen Befreundung! Ach, seht, seine blutigen Arme sind weit auseinander gereckt: allen Sündern breitet er sie entgegen. Seine Hände zeigen gen Aufgang und gen Niedergang: von den Enden der Erde wird Er sich seine Kinder sammeln. Des Kreuzes Spitze deutet aufwärts in die Wolken: weit über die Welt hinaus wird die Wirkung dessen sich erstrecken, was eben auf seiner Höhe sich vollzieht. Des Kreuzes Fuß haftet im Grund der Erde: zum Wunderbaume ergrünte das Kreuz, von welchem wir die reife Frucht einer ewigen Versöhnung brechen. O, Freunde! hinfort bedarf es weiter nichts mehr, als dass Gott ein Weinen durch unsere Reihen sende, wie das Weinen zu Bochim, und dann vermittelst des Heiligen Geistes das Marterbild am Holz uns verkläre: so sind wir aller Erdensorge und Not entrückt, und gehen unter dem Geläute himmlischer Sabbatglocken mit allen Bedürfnissen unseres Herzens froh vor Anker. Nichts bedarf es hinfort mehr, als dass wir, unserer Ratlosigkeit bewusst, die Hörner jenes Altars umfassen, welchen das Blut gerötet, das „bessere Dinge redet, denn Abels“: und der Mann der Schmerzen tut die Fülle seiner Schätze vor uns auf, und in überschwänglich gesteigertem Maße erfüllt sich an uns das Segenswort des Patriarchen Jakob über seinen Joseph: „Die Segen deines Vaters gehen höher, denn die Segen meiner Voreltern, und steigen bis zur Wonne der ewigen Hügel!“

Dort steht es aufgerichtet, das Panier des neuen Bundes, das, wo es verstanden wird, nicht minder Schrecken um sich her verbreitet, als Entzücken, und nicht minder Wehklagen wirkt, als Jubel und Frohlocken. Noch heute steht's, und es wird ewig stehen, und fürchtet sich vor denen, die es fällen möchten, nicht mehr, als der Stab Moses einst sich fürchtete, da die Stäbe der Zauberer ihn umzischten. Und wo immer es entschleiert in die Erscheinung tritt, da ist's auch von Kraftäußerungen und Wunderwirkungen umgeben. Durch die Völker tragen wir's, und erobern ohne Schwertschlag Land um Land und Feste um Feste. Seht, wie die Missionsfelder grünen, und sich ein Geistesfrühling über die Heidensteppen breitet! Hört, wie von den Inseln des Meers die Friedensharfen zu uns herübertönen, und schaut, wie zwischen den Eisbergen des Nordlands die Herzen in göttlichem Liebesfeuer zu erglühen beginnen! Woher diese Wandlungen und Auferstehungswunder? Woher dieses Rauschen und sich Regen auf dem großen Totenfelde? Das Kreuz wird durch die Lande hindurchgetragen, und unter seinem Schatten ergrünt das Erdreich, und belebt sich das Erstorbene. Ja, wo dieses wunderbare Holz mit der richtigen Deutung seiner Hieroglyphenschrift sich zeigt, pflegen „Blitze, Donner und Stimmen“ von ihm auszugehen. Steine schmelzen in seiner Nähe, Felsen zerspringen vor ihm, und Gewässer, längst zu Lachen abgestanden, schlagen, als ob ein bewegender Engel in sie hinabgestiegen wäre, aufs Neue frische und gesunde Wellen.

„Ich bin mit Christo gekreuzigt“, frohlockt der Apostel, und bezeichnet mit diesen Worten die ganze Frucht, die das Kreuz allen Gläubigen getragen hat. „Nicht seine Sünden sind es“, will er sagen, „über welche dort der Fluch einherbraust, sondern die meinen: denn der Mann des Todes dort am Marterpfahle bin ich selbst. Ich büße, ich blute, ich verschmachte dort; ich zahle meine Schulden: denn Christus zahlt und büßt an meiner Stelle!“ Wes aber Paulus sich hier rühmt, das kommt uns Allen zu, vorausgesetzt, dass auch wir durch das lebendige Band des Glaubens und der Liebe mit dem Gekreuzigten eins geworden sind. Freilich werden wir dann in die Gemeinschaft des Kreuzes Christi auch in dem Sinne mit hinaufgehoben, dass unser natürliches Ich zum Tode verurteilt, und unser alter Mensch samt Lüsten und Begierden tagtäglich, bis der Lanzenstich des leiblichen Todes ihm ein ewiges Ende macht, teils durch die Demütigungen, die Gott uns zuschickt, teils durch den Geist der Zucht, der in uns wohnt und waltet, dem bitteren Prozesse eines fortgehenden Sterbens unterworfen wird. Unter diesen Todeswehen aber sehn wir das Kreuz von Golgatha erst seinen vollen Friedensglanz entfalten. Wie ein Regenbogen wölbt sich's über unsere Nacht, wie eine Feuersäule leuchtet's auf allen unseren Kummerstraßen uns voran. O, streue es denn auch uns seine Friedenslichter auf den Pilgerpfad! Schlage es als Baum der Freiheit und des Lebens auch in unserem Dasein starke Wurzeln! Werke es, im Glauben erfasst, auch uns seine Himmelsfrüchte in den Schoß, und erwärme und erweitere sich in seinem Schatten auch uns Herz und Gemüte zu dem Sange:

Sei gesegnet, teures Kreuz,
Schauplatz ew'ger Siege,
Sterbebett all' meines Leid's,
Meines Friedens Wiege!

Grabstein über'm Aschenkrug
Meiner Sünden alle;
Kreuz, das meinen Tod erschlug,
Sei gegrüßt mit Schalle! - Amen. -

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