Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXIX. Barabbas.
Wenn St. Paulus 2. Kor. 4, 1 von sich und seinen Mitaposteln bezeugt: „Dieweil wir ein solches Amt haben, wie uns denn diese Barmherzigkeit widerfahren ist; darum werden wir nicht müde,“ so können wir nur von Grund unserer Seele darauf erwidern: „Ja, Paule, wenn wir dir Etwas glauben, dann dieses!“ Von was für einem Amt er rede, hat er im Vorhergehenden uns unzweideutig kundgetan. Es ist nicht das Amt, das da spricht: „Tue dies, so wirst du leben,“ und Joche schmiedet und Lasten auferlegt; sondern das, welches, wie er sich ausdrückt, „Die Gerechtigkeit predigt.“ Freilich, wo einem Menschen dieses Amt göttlich überwiesen wird, hat er die Gnade und Barmherzigkeit dafür zu preisen. Wer aber mit diesem Amte innerlich belehnt ward, der kann nicht mehr matt, noch zaghaft, noch müde werden. Der Sattelpunkt und Kern, um den alle Betätigung dieses Amtes sich bewegt, ist Christus, und zwar der Christus, in welchem Gott uns von unseren Sünden gewaschen und über die Himmel erhöht hat. Wer diesen Christus in herzinniger Erfahrung erkannte, ermüdet nicht, von Ihm zu zeugen. Dieser Christus, in dem man sich versöhnt, begnadigt, vollendet und zum Himmelserben erhöht weiß, bleibt uns täglich und stündlich neu. Die Anschauung und der Genuss desselben sichert uns eine ewige Jugend der Empfindung, eine unverwelkliche Frische der Tatkraft. Es ist dieser Christus der strömende Born, aus dem wir täglich neues Leben trinken, und die himmlische Sonne, die uns die tiefsten Nächte tageshell erleuchtet. Dass auch heute dieser Sonne Licht und Strahlen, und dieser Gottesbrunnen uns sein Wasser geben möge, das ist es, was wir betend begehren und was der Herr uns in Gnaden gewähren wolle!
Matth. 27, 22-26. Mark. 15, 12-15. Luk. 23, 20-25.
Pilatus aber antwortete wiederum, und rief abermals zu ihnen, und wollte Jesum loslassen, und sprach: Was soll ich denn machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus, und den ihr beschuldigt, er sei ein König der Juden? Sie riefen aber alle und schrien und sprachen: Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Der Landpfleger aber sprach zum dritten Male zu ihnen: was hat er denn Übels getan? ich finde keine Ursache des Todes an ihm; darum will ich ihn züchtigen und loslassen. Aber sie klagen ihm an mit großem Geschrei, schrien noch mehr, forderten und sprachen alle: Kreuzige ihn! Und ihr und der Hohenpriester Geschrei nahm überhand. Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass viel ein größeres Getümmel ward, nahm er Wasser, und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: sein Blut komme über uns und über unsere Kinder! Da gedachte Pilatus dem Volk genug zu tun, und urteilte, dass ihre Bitte geschehe, und gab ihnen Barabbam los, der um Aufruhrs und Mords willen war ins Gefängnis geworfen, um welchen sie baten; Jesum aber übergab er ihrem Willen, dass er gegeißelt würde.
Der entsetzlichste und verhängnisvollste Ruf, der je unter dem Himmel vernommen wurde, ist verlautet. Auf des Landpflegers Frage: Welchen wollt ihr, dass ich euch losgebe: Jesum oder Barabbam?“ erfolgte aus der wogenden Menge heraus die furchtbare Antwort: „Hinweg mit diesem, und gib uns Barabbam los!“ Ein Echo dieses Geschreies, ja mehr, als ein solches, durchtönt auch heute noch die Welt; denn Alle, die Christum den Sünderheiland trotzig von sich weisen, dagegen um die Aufrechthaltung der Ehre, der Selbständigkeit und Freiheit ihres alten Menschen eifern, sprechen in ihrem Sinne gleichfalls: „Hinweg mit jenem, und los sei Barabbas!“ Aber ist diese Sprache nicht der angestammte Mutterlaut unserer verderbten menschlichen Natur, als solcher? Freilich ist sie's.
Doch begegnet uns auch im Munde des Glaubens ein: „Ans Kreuz mit Jesu, auf dass Barabbas lebe!“ nur dass hier der Ruf die entgegengesetzte Bedeutung erhält. Welche Bedeutung, wissen wir bereits, und werden's heute aufs Neue vernehmen. Die Erlösung des Barabbas ist der Gegenstand unserer diesmaligen Erwägung. Wir sehen, wie dieselbe zu Stande kam, und dann, wie die Freudenkunde Seitens des Barabbas aufgenommen wurde.
Begleite der Herr unser Wort mit Seinem Segen, und verleihe Er, dass wir wie die Biene vom Blumenfelde von unserer heutigen Betrachtung zurückkehren!
1.
Das Volk, von seinen Oberen aufgestachelt, hat rund und unzweideutig seinen Willen kundgetan. Es verlangt die Begnadigung des Mörders und den Tod des Gerechten. Von diesem Momente an ist es aber kaum mehr mit anzusehen, wie der aus aller Fassung herausgeworfene Richter von Stufe zu Stufe tiefer sinkt, und gleich einem ohnmächtigen, zertretenen Wurm sich im Staube windet. „Was soll ich denn mit Jesu machen, der da genannt wird Christus?“ ruft er, kaum selbst mehr wissend, was er redet. Man denke: was er mit Jesu machen solle, danach fragt er die rasende Menge, die ihm auf diese seine Frage ja schon, bevor er sie noch verlauten ließ, den bündigsten Bescheid erteilt hat! Sein Gewissen, das Rechtsgefühl in seiner Brust, der Buchstabe des Gesetzbuchs, an das er gebunden ist, und selbst die mahnende Stimme aus der Traumwelt seiner Gattin heraus: wie bestimmt und deutlich sagte ihm dieses Alles, was er mit Jesu zu tun habe! Frei hat er ihn zu sprechen, und dann mit aller Macht, die ihm zu Gebote steht, gegen die Volkswut ihn in Schutz zu nehmen. Aber woher soll dazu der Mut ihm kommen? „Was mache ich mit Jesu?“ Fürwahr, zu ewiger Schmach und Schande gereicht ihm dieses Wort. Wie viele aber unserer eigenen Zeitgenossen teilen mit ihm diese Schande, indem auch sie es von armen Menschenkindern, von einem herrschenden gesellschaftlichen Tone, von der sogenannten „öffentlichen Meinung“ abhängig machen, was sie mit Jesu tun sollen. Habe ich doch öfter geglaubt, selbst Prediger auf ihren Kanzeln dem Pilatus sein: „Was fange ich mit Jesu an?“ nachsprechen zu hören; und nicht zu sagen vermag ich, mit wie gesteigertem Missklang hier jene Frage zu meinem Ohre drang! Ob sie zu Jesu beten sollten, oder nicht; ob vor der Gemeine als Gott ihn bekennen, oder nur als Menschen; ob als Erlöser, oder als Lehrer bloß ihn preisen: sie schienen es nicht zu wissen; und nichts schien ihnen ungelegener zu sein, als sich von Amtswegen mit diesem Jesus befassen zu müssen. „Was soll ich mit Jesu machen?“
Wehe Jedem, der so noch fragen kann! Ein Solcher ist verdüstert in seinen Sinnen und noch fern, fern vom Heile. Ein in Selbstbetrug verstrickter Pharisäer muss der sein, oder eine in die Scholle vergrabene Maulwurfsseele, der nicht weiß, was er mit Jesu machen soll. Mein Gott! was hat denn der Blinde zu machen mit dem Führer, der seinen Arm ihm bietet? Was der Kranke mit der Arznei, die ihm gereicht, was der Schiffbrüchige mit dem Rettungsseil, das ihm zugeworfen wird? Weiß man auf diese Fragen Bescheid zu tun, wie, dass man dann um die Antwort auf jene noch verlegen sein kann?
„Was soll ich mit Jesu machen?“ So Pilatus. Das befragte Volk wird ihn nicht ratlos lassen. Je mehr dasselbe seine hohe Obrigkeit feige schwanken, und den Weg der Zugeständnisse betreten sieht, um desto mächtiger wächst seine Entschlossenheit. „Kreuzige ihn!“ ruft es kurz und bündig. Der Prokurator, außer sich vor Bestürzung, das Kartenhaus seiner vermeintlich so klugen Berechnung plötzlich so vor sich zusammenstürzen zu sehen, kommt noch einmal mit der matten Frage nachgehinkt: „Was hat er denn Übels getan?“ Aber das Volk, den elenden Richter kaum mehr einer Antwort würdigend, wiederholt trotziger nur noch sein: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“ Die zunehmende Schwäche und Unentschlossenheit des Landpflegers musste ja die Menge glauben machen, dass auch er selbst es nicht eben für eine himmelschreiende Unbill1) erachte, dass Christus gekreuzigt werde.
— Pilatus macht Miene, weiter zu reden, aber jetzt ist es das Volk, das zu gebieten hat, Dem Römer wird das Wort versagt. Wildes Geschrei übertönt seine Stimme, Trotz der äußersten Kraftanstrengung dringt er mit seiner Rede nicht mehr durch. Da nimmt der gänzlich erliegende, ohnmächtige Mann seine Zuflucht zu einem symbolischen Akt.
Er fordert ein Gefäß mit Wasser, wäscht, als man's ihm dargereicht, angesichts des ganzen Volkes sich die Hände, und ruft, so laut er vermag, in die wogende Menge hinein: „Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten. Seht ihr zu!“ Ein ergreifender Auftritt! Dieses erneuerte Richterzeugnis für die Unsträflichkeit unsers großen Hohenpriesters wollen wir uns gern gefallen lassen. Das angelegentliche Begehren und ernste Ringen des Landpflegers, von dem Frevel der Verurteilung des Gerechten sich loszusagen, kann nur glaubensstärkend auf uns wirken, Tief erschütternd aber wirkt auf uns der Anblick des armen bedrängten Mannes, wie er sich, jetzt selbst der Gerichtete, unter den Geißelschlägen seines Gewissens windet, und erfolglos bemüht ist, die Blutflecken, welche er, wie er auch gegen deren Anerkennung sich sträubt, an seinen eigenen Händen kleben sieht, hinweg zu löschen. „Ich bin unschuldig!“ ruft er.
Ach, was frommt ihm diese Beteuerung? Der Richter in seiner Brust besiegelt ihm dieselbe nicht; und täte ers, so gehen ja die Akten des Prozesses noch an eine höhere Instanz; und hier würde der Urteilsspruch ganz anders lauten. Er wäscht sich die Hände.
O, wozu diese Zeremonie? In welchen Erdenquellen flösse das Wasser, das von Makeln, wie die, mit denen er behaftet ist, zu säubern vermöchte? Freilich, ein Wasser hätte die erwünschte Wirkung hier getan - aber dies Wasser kennt Pilatus nicht. O, hätte er doch das: „Seht ihr zu,” welches er seiner Bezeugung anhängt, statt an die Juden, als ein „Siehe du zu!“ an sich selbst gerichtet. Hätte er statt seine Unschuld, doch lieber seine Schuld bezeugt, und statt zu dem ohnmächtigen Wasserbade, zu dem Blute des Versöhners seine Zuflucht genommen!
Fürwahr, in diesem Falle wäre ihm für Zeit und Ewigkeit geholfen und seinem Namen nicht, wie jetzt, im christlichen Glaubensbekenntnisse bloß, sondern auch in der Bürgerliste des Reiches Christi seine Stelle gesichert gewesen.
Aber Pilatus will sich in elendem Bettelstolze wicht für geschlagen erkennen, obwohl einem geschlageneren Manne, als er war, Welt und Hölle nie triumphierend den Fuß auf den Nacken setzten. Aber so ist der Mensch von Natur beschaffen, dass er sich eher in den Stricken der wahnsinnigsten Selbstbelügung dem Teufel überliefert, als dass er zu seinem Heile der Wahrheit, die ihn demütigt, die Ehre geben sollte.
„Seht ihr zu!“ ruft Pilatus, den ganzen Frevel auf die Häupter der Juden schleudernd, und gibt damit, freilich nicht ohne Zulassung des Gottes, dessen die Rache ist, den Priestern und Schriftgelehrten in gesteigerter Schauerlichkeit das: „Da siehe du zu!“ zurück, womit diese einst voll grausamer schonungsloser Kälte den verzweifelnden Judas von sich gewiesen hatten. Sie empfinden auch den Stachel jenes Zurufs wohl; wissen aber ihre Verlegenheit und Beschämung hinter einem grässlichen Lästererausbruch zu verstecken. „Sein Blut,“ schreien sie in satanischem Trotze, und das ganze Volk stimmt darin ein, „komme über uns und unsere Kinder!“ Schrecklich! Ein grauenhafterer Ruf, eine wüstere Selbstverfluchung ist so lange die Welt steht auf Erden nicht vernommen worden. Aber lauscht! Scheint euch nicht, wie Donner schalle eine Stimme vom Stuhle der Majestät herab, und rufe: „Es soll euch werden, was ihr begehrt! Ja, ja, Sein Blut komme über euch!“ Und ach! überblickt nur die Geschichte Israels von dem Momente an, da jene unglückselige Herausforderung an Den, der sich nicht spotten lässt, erging, bis zu dieser Stunde, ob sie es euch nicht besiegelt, dass ihr recht gehört habt? Wie kam das Blut des Gerechten über die Meuterer, da unter den Brandfackeln der Römer das stolze Jerusalem zum Schutt- und Aschenhaufen ward, und kaum so viel Holz gefällt und herbeigeschafft werden konnte, als hinreichte, um Kreuze für die Kinder Abrahams daraus zu zimmern! Wie kam es über sie, da sie, die Mörder des Friedensfürsten, wie unnütze Spreu in die vier Winde hinaus geworfelt, und verurteilt wurden, heimatlos fortan, ein Spott aller Völker, in unwirtlicher Fremde umher zu schweifen! Wie kam es über sie, da sie, ein Fegopfer der ganzen Welt, und als ob sie nicht wert wären, dass die Erde sie trüge, zu Tausenden, ja zu Hunderttausenden unter heidnischen, muhamedanischen, und leider! auch christlichen Schwertern und Dolchen jämmerlich verbluteten! Und wenn wir sie heute ansehen, wie sie noch immer, ein geächtetes Volk, nach Hoseas Weissagung ohne König, ohne Fürsten, ohne Opfer, ohne Säule, ohne Brustkleid und ohne „Theraphim“ einhergehen, ist's dann nicht, als läsen wir als Ursache ihres Exulanten-Jammers an ihren Stirnen die Worte: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“
Aber Gottes Gnade ist groß. Er hat noch Gedanken des Friedens über das, wie immer auch entartete, so doch noch nicht aufgegebene alte Bundesvolk. Er wird zu seiner Zeit das schauerliche Fluchwort desselben als Gebet vor sich gelten, und das Blut seines Sohnes, wie es unzählige Einzelne schon erfuhren, über das ganze Israel zur Versöhnung kommen lassen. Der Prophet Hosea lässt seinem nur in zu furchtbarer Weise wahr gewordenen Drohworte die fröhliche Verheißung folgen: „Danach werden sich die Kinder Israel bekehren und den Herrn ihren Gott, und ihren König David suchen;“ und Sacharja eröffnet uns gar die Aussicht auf eine Zeit, da zehn Männer aus allerlei Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann bei dem Zipfel 'ergreifen und sagen werden: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“ Der Herr selbst ruft in bedeutsamster Weise den Juden zu: „Ihr werdet mich hinfort nicht sehen, bis ihr (er winkt also auf einen Schlusstermin ihres Elends hin) sprechen werdet: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Und was bezeugt Paulus Röm. 11? „Gott“, spricht er, „kann die abgebrochenen Zweige wohl wieder einpfropfen; denn seine Gaben und Berufungen mögen Ihn nicht gereuen.“
Das Volk hat mit dämonischer Entschiedenheit seine Willensmeinung erklärt, und mit einer Blasphemie, wie eine ärgere die Welt kaum je vernommen, sein Votum besiegelt. Solchem entschlossenen Auftreten ist der Prokurator nicht mehr gewachsen. Er sieht sich der letzten Fetzen seiner moralischen Rüstung beraubt, und zur schmählichsten Waffenstreckung und Übergabe sich gezwungen. Wie lesen wir? „Da gedachte Pilatus dem Volke genug zu tun, und urteilte, dass ihre Bitte geschähe, und gab ihnen Barabbam los, der um Aufruhrs und Mordes willen war ins Gefängnis geworfen, um welchen sie baten; Jesum aber übergab er ihrem Willen, dass er gegeißelt würde.“ Dies also die Frucht aller der an den Römer ergangenen ernsten und kräftigen Mahnungen! So entscheidende Eindrücke von Jesu sittlicher Reinheit und Unschuld waren ihm geworden; so gewaltige Warnungen seines selbst durch Stimmen, wie Geisterstimmen, geweckten Gewissens hatte er gehört; und dennoch diese schimpfliche Niederlage, dieser feige Rückzug, diese schmachvolle Beugung unter den Willen des großen Haufens! O, was ist der Mensch bei aller Güte seines Empfindens und Wollens, so lange er in seinen eigenen Kräften steht, und nicht mit seinem ganzen Vertrauen an Gott und dessen Gnade sich ergeben hat! Der Herr spricht: „Meine Gnade ist in den Schwachen mächtig,“ und der Apostel: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark,“ und ein erleuchteter Dichter:
„Sage von dir selbst dich los,
Und lass dich in Gott erfinden.
Ruhst du in der Gnade Schoß,
Wirst du Alles überwinden!“
2.
Barabbas ist frei, ob es ihm gleich selbst noch unbewusst ist, was draußen Entscheidendes für ihn sich zugetragen habe, und welch ein köstliches Los ihm gefallen sei. Niedergeschlagen, ja an seiner Rettung verzweifelnd, sitzt er in seinem dumpfen Kerkerloch dahin, und wähnt in jedem Geräusch, das von fern zu ihm herüber dringt, die Tritte des Nachrichters zu vernehmen, der ihn zum Blutgerüste abzuführen komme. Endlich hört er in der Tat ganz deutlich, wie die schweren Riegel von der Tür seines Zwingers hinweg geschoben werden. Knarrend öffnet sich die eingerostete Eisenpforte; aber darf er seinen Augen trauen? Welche Erscheinung! Statt des erwarteten Henkers stürzt ein obrigkeitlicher Bote mit freudestrahlendem Antlitz zu ihm herein, und bringt ihm die überraschende, ja fast unglaubliche Kunde: „Heil dir Barabbas! Du bist frei, du bist errettet!“ Und indem er es daherruft, beginnt er auch schon, dem staunenden Delinquenten die Ketten zu lösen, und ermuntert ihn, dass er sich erhebe und den Kerker verlasse. Ihr könnt euch vorstellen, dass dem Gefangenen lange wie einem Träumenden zu Mute war. Er mochte denken, man mache sich nur einen grausamen Scherz mit ihm; oder beabsichtige ihn auf Augenblicke frische Luft schöpfen zu lassen, um ihn dann seinem schrecklichen Mauerverließe wieder zu übergeben. Aber der Bote wiederholt mit verstärktem Nachdruck seine Versicherung: „Du bist erlöst;“ und eröffnet ihm dann, was seine Freiwerdung verursacht habe. Da erfährt denn Barabbas, dass das Todesurteil in der Tat für immer von seinem Haupte hinweg sei, und er mit Gericht, Richtern und Schergen nichts mehr zu schaffen habe. Keine Anklage, vernimmt er, werde mehr gegen ihn angenommen; vielmehr sei er in den vollen Besitz aller bürgerlichen Rechte und Ehren wieder eingesetzt, und stehe so, als habe er von allen seinen Verbrechen nie eins begangen. Der Grund dieser glücklichen Wendung seiner Lage aber liege einzig in dem Umstande, dass ein Schuldloser mit ihm gewechselt, und statt seiner den Weg zum Kreuze angetreten habe. Das Volk habe sich bei der Osterwahl für eines Gerechten Tod, dagegen für seine, des Rebellen, Entlassung entschieden.
Dieses Alles wird dem Barabbas angesagt. In dem Herolde aber, der es ihm eröffnet, steht das Bild eines wahren Evangelisten vor euch. Ja wisst es, ihr geistlich Armen, ihr unter der Last eurer Übertretungen gebeugten und gnadenhungrigen Sünder, dass wir euch eine ähnliche Zeitung, wie Barabbas sie überkam, zu überbringen haben; nur eine größere, herrlichere und ungleich seligere noch, als jene. Auch wir sind nicht befugt, dieselbe euch nur irgendwie vorzuenthalten, oder zu verkümmern. Nachdem Christus den großen geheimnisvollen Tausch mit euch eingegangen ist, sind wir von Gott beauftragt, euch mit klaren Worten kund zu tun, dass von dem Augenblicke an, da der Heilige an eure Stelle trat, ihr in die Seinige getreten, und in alle Rechte dieses Lieblings Gottes eingesetzt worden seid. Ihr seid nun gerecht und wohlgefällig vor Gott, wie Er. „Nichts Verdammliches“ ist mehr an euch; kein Bann, kein Urteil lastet mehr auf eurem Haupte. Keine Sünde wird euch mehr vorgerückt, keine Schuld mehr angerechnet, keiner Anklage wider euch mehr Gehör gegeben. „Ihr seid vollendet mit einem Opfer,“ und „Gott angenehm gemacht in dem Geliebten.“ Dieses tun wir euch kund; doch nicht wir, sondern es sagt's euch in unzweideutigen Lauten ein untrügliches Gotteswort. Und unter dieses Wort, wir fordern es im Namen Gottes, sollt ihr euch beugen, und sollt Frieden haben, und euch freuen zu Christi Ehren!
Wie verhält sich Barabbas, nachdem er die fröhliche Botschaft überkommen hat? Die Schrift meldet uns davon nichts; aber wir mögen's uns wohl denken. Stellt euch vor, Barabbas hätte nun bei sich gesprochen: „Nein, das kann nicht möglich sein, dass Solches einem Missetäter, wie ich bin, widerfahre,“ und hätte sich dawider gesträubt, dass man ihm die Ketten löse: mit welchem Namen würde solch' Benehmen zu bezeichnen gewesen sein? Torheit würdet ihr es nennen, und ihr hättet Recht. Aber ich besorge, ihr schlagt euch mit diesem Urteil selbst ins Angesicht, liebe Seelen; denn in der Tat sind wenigstens die meisten unserer Gläubigen solche Toren. Denkt euch, Barabbas hätte die Botschaft mit Protest zurückgewiesen, und dem Herolde entgegnet: „Was du sagst, muss aus der Luft gegriffen, und kann in der Wahrheit nicht gegründet sein;“ was hätte er damit getan? Den Herold, so wie die Behörde, die ihn entsandte, auf das schwerste beleidigt, und sie geradezu zu Lügnern gestempelt. In gleichem Falle aber seid ihr, meine Brüder in dem Herrn, die ihr euch in eurem gesetzlichen Sinne so gegen das Evangelium von eurer in Christo bereits geschehenen Vollendung zu sträuben pflegt. Ihr beleidigt ohne Unterlass nicht etwa irgendeinen menschlichen Abgeordneten nur, sondern den Heiligen Geist, der in der Schrift zu euch redet, die Apostel des Herrn, die so unzweideutig von dieser Vollendung zeugen, Christum selbst, der euch versichert, Er habe euch seine Herrlichkeit gegeben; ja, ihr tretet der Ehre des ewigen Gottes zu nahe, als hätte er nur ein Stückwerk von Erlösung, und nicht ein Ganzes und Vollkommenes zu Stand und Wesen gebracht.
- Denkt euch, Barabbas hätte auf die Proklamation seiner Befreiung erwidert: „Nein, einstweilen wenigstens darf ich den Kerker noch nicht verlassen, sondern will erst ein anderer Mensch werden, und betätigen, dass ich mich gebessert habe;“ was, scheint euch, würde die Behörde ihm geantwortet haben? „Meinst du,“ hätte sie gesprochen, um deiner selbst willen seiest du freigesprochen? Um deiner selbst willen kämst du nimmer los. Wenn du dich zehnmal bessertest, so hebst du deine begangenen Frevel damit nicht auf. Vor dem Gesetze bliebst du nach wie vor ein Mörder, und des Todes schuldig; und machst du von der dir dargebotenen freien Begnadigung nicht Gebrauch. So wisse, dass du auf eine rechtliche Erlösung dir ewig vergebens Rechnung machst!“ Nehmt auch ihr diesen Bescheid, den die obrigkeitliche Behörde erteilen würde, wohl zu Herzen; denn er ist von hohem Gewicht, und zeichnet auch euch die Straße, die ihr zu wandeln habt. Denkt, Barabbas hätte gesprochen: „Ich will ein Gefangener bleiben, bis ich, der ich ein Verderber der menschlichen Gesellschaft war, als ein nützliches Glied derselben mich werde erwiesen haben.“ Nicht wahr, wohl edel würde dies geklungen haben; aber würde es, genau besehen, nicht eine neue Narrheit gewesen sein? Ohne Zweifel wäre ihm entgegnet worden: „Törichter Mensch! damit du dich der menschlichen Gesellschaft nützlich erweisen könntest, musst du ja vor Allem erst frei geworden sein. Denn wie wolltest du ihr dienen und Nutzen schaffen, so lange du in deinem Kerker und deinen Banden sitzt?!“
- Beherzigt, meine Lieben, auch diese Weisung. Sie trifft gewiss so Manche unter uns, die törichterweise auch heilig werden wollen, bevor sie dem Troste der Begnadigung bei sich Raum gegeben; und es bleibt doch bei dem bekannten Spruche des Psalmisten: „Wenn du mich tröstest, dann laufe ich den Weg deiner Gebote!“
Doch von allen den Gedanken, die wir dem Barabbas eben unterlegten, ist ihm wohl wirklich nicht ein einziger gekommen. Vielmehr zweifle ich nicht, dass er, nachdem die fröhliche Botschaft an ihn ergangen, derselben in seinem Herzen Raum gegeben, und sich einer jubelnden Freude überlassen habe. Er schüttelte unverzüglich seine Ketten ab, verließ seinen dunklen Zwinger, vertauschte seine Delinquentenkleidung mit ehrsamer Gewandung, und machte Gebrauch von der ihm angebotenen Freiheit. Er ist in seine Familie zurückgekehrt, hat gejauchzt und frohlockt, und nie wieder vergessen, dass er wunderbarerweise Leben, Freiheit und Alles einem geheimnisvollen Manne aus Nazareth verdanke, der an seiner Statt verurteilt ward, und zum Schafott, zum Fluchholz wandern musste.
Und ihr, Barabbasbrüder unter uns, Verschmachtende in den finsteren Kerkerhöhlen innerer Ängste, Sorgen und Kümmernisse, geht hin, und tut ein Gleiches! Glaubt der evangelischen Eröffnung, dass auch ihr um Christi willen ewig frei, gerecht und vollendet seid. Nehmt keinerlei Anklage, weder des Teufels, noch der Welt, noch eures eigenen Gewissens wider euch mehr an; genießt die Frucht der Stellvertretung eures Bürgen, habt Frieden, und glaubt dem, was jubelnd der erleuchtete Sänger in dem euch wohlbekannten zwar kühn klingenden, aber in der Wahrheit Gottes gegründeten Liederverse ausspricht:
Kurz! Mit einer Opfergabe
Hat das Lamm so viel getan,
Dass das Volk von seiner Habe
Sich vollendet nennen kann.
Unsere Gerechtigkeiten
Wachsen nicht mit unsrer Kraft,
Weil ihr Grund vor unseren Zeiten
In dem Opfer Christi haft't. - Amen.