Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXVIII. Das große Bild.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXVIII. Das große Bild.

Eine der bedeutsamsten und sinnreichsten Tempel-Zeremonien war unstreitig diejenige, welche nach 3. Mos. 16, 5—10 am jährlichen Versöhnungsfeste der Gemeine die Darbringung zweier Böcke auferlegte, über die dann der Priester das Los entscheiden ließ, welcher von den beiden dem Herrn geopfert, und welcher als durch des ersteren Blut versöhnt in Freiheit gesetzt werden solle. Die Lose bezeichneten den einen als „la Jehova,“ d. i. dem Herrn geweiht; den andern als „Asasel“ d. i. den Ledigen. Dasjenige Tier, dem das erstere der Lose fiel, ging zu Schlachtbank und Altar; dasjenige, dem das letztere, wurde auf Kosten jenes ins Freie entlassen, und Niemand durfte ihm irgendein Leides tun; es war unantastbar. Unverkennbar schattete der Widder „Asasel“ das sündige, aber durch ein mittlerisches Dazwischentreten zu versöhnende Volk; der andre dagegen den stellvertretenden Vermittler dieser Versöhnung, den großen Zukünftigen selber ab.

Was der Herr so schon damals voll herablassender Gnade in leisen Schattenrissen der Sünderwelt vor Augen malte, das hat Er später in einem noch viel Kräftigeren, anschaulicheren und ausgeführteren Bilde uns vorgestellt,. Aus Tatsachen steigt letzteres vor uns auf, Es tritt heute in unseren Gesichtskreis. Möge es und gelingen, seine ganze Tiefe zu ergründen!

Matth. 27, 15— 21. Mark. 15, 6-11. Luk. 23, 17— 19. Joh. 18, 39—40.

Auf das Osterfest aber hatte der Landpfleger die Gewohnheit, dem Volke einen Gefangenen loszugeben, welchen sie begehrten. Und das Volk ging hinauf und bat, dass er täte, wie er pflegte. Er hatte aber zu der Zeit einen Gefangenen, einen sonderlichen vor anderen, der hieß Barabbas, gefangen mit den Aufrührerischen um eines Aufruhrs, so in der Stadt geschehen war, und um eines Mordes willen ins Gefängnis geworfen. Und da sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Ihr habt eine Gewohnheit, dass ich euch einen auf Ostern losgebe; welchen wollt ihr nun, dass ich euch losgebe, Barabbam oder Jesum, den König der Juden, von dem gesagt wird, er sei Christus? Denn er wusste wohl, dass ihm die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten. — Und da er auf dem Richtstuhle saß, schickte sein Weib zu ihm, und ließ ihm sagen: habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traume um seinetwegen. — Aber die Hohenpriester und die Ältesten überredeten und reizten das Volk, dass sie bitten sollten, dass er ihnen viel lieber den Barabbam losgäbe, und Jesum umbrächten. Da antwortete nun der Landpfleger Pilatus wiederum und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr unter diesen zweien, den ich euch losgeben soll? Da schrie der ganze Haufe, und sprach: Hinweg mit diesem und gib uns Barabbam los; Barabbas aber war ein Mörder.

So erschütternd die Szene ist, zu der wir heute kommen, so reich ist sie an geistiger Bedeutung und großartigen Gedankeninhalt. Schon indem ich sie euch verlas, musste euch sein, als schautet ihr in einen klaren Strom hinab, aus dessen Tiefe euch in magischen Lichtern strahlend ein verborgener und bis dahin euch noch unbekannter Hort entgegenglänzte. Mache der Herr uns heute zu guten Fischern, und schenke er Glauben und Andacht uns zum Netze!

In dem, was Menschliches in unserm Evangelium sich begibt, schließt sich der Inhalt desselben lange nicht ab. Ihr kennt ja jene Art von Weberei, bei der der Weber seine Spule gedankenlos durch die Fäden schnellt, und diese mechanisch mit einander verknüpft, ohne zu wissen, ja ohne auch nur zu ahnen, was in dem Tuche, an dem er wirkt, wen es vollendet sei, für ein Muster erscheinen werde. Es weiß dies allein der Meister, der die Karten, durch welche die Fäden laufen, kunstreich ordnete und zusammenfügte, Jenem Weber vergleiche ich die handelnden Personen in unserer Geschichte, Auch diese weben an einem Bilde, das sie noch nicht kennen. Sie handeln nach ihrem Sinn, und tun ihr Werk; aber Gott lässt ihr freies Tun so sich gestalten und verknüpfen, dass daraus unter ihren Händen, ehe sie sich's versehen, ein großes, tief bedeutsames göttliches Gemälde zu Tage tritt.

Vor diesem Bilde wollen wir nun einige Augenblicke betrachtend verweilen, und zusehen, zuerst, wie das Bild entsteht, und dann, was es nach Gottes Willen uns veranschaulicht.

Helfe uns der Geist des Herrn die Hieroglyphenschrift unserer Szene entziffern, und die Wahrheitsschätze, die sie in sich birgt, zu unserem Heile rentbar machen!

1.

So stehen wir denn wieder vom wilden Volksgewühl umwogt vor der offenen Richterbühne Gabbatha. Pilatus, in dessen Herzen, je länger er mit dem Erhabenen aus Nazareth verkehrt, um so siegreicher die Überzeugung von der vollkommenen Unschuld desselben durchschlägt, und umso höher die Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Mann sich steigert, erschöpft sich immer noch in Versuchen, dem Handel eine ebenso wohl ihm selbst, als dem Verklagten günstige Wendung zu geben. Sein Innerstes empört sich, wenn er den Gedanken denkt, dass der Gerechte den Tod eines Missetäters sterben solle. Hierin stehen ihm in einer gewissen Weise nicht wenige der Unsern gleich. Diejenigen sind's, die mit dem Landpfleger der sittlichen Herrlichkeit Jesu zwar eine an Begeisterung streifende Achtung zollen; aber je einseitiger sie Ihn nur aus diesem Gesichtspunkt anschauen, umso mehr an seinem Kreuze sich ärgern. Die Lehre, dass er stellvertretend für unsere Sünde habe sterben müssen, flößt ihnen Widerwillen ein. Warum? Aus dem einfachen und naheliegenden Grunde, weil sie, die die Sünde zu einem unbedeutenden und geringfügigen Gegenstande abschwächen möchten, genötigt wären, dieselbe für etwas Erhebliches, ja Grauenhaftes zu erachten, müssten sie annehmen, dass sie eher nicht vergeben werden konnte, als bis Gott sie an seinem eigenen Sohn verdammt, und im Blute dieses Sohnes gesühnt gesehen hatte. Sie, die ja selbst von Sünde sich gänzlich frei zu sprechen nicht wagen, sähen sich dann gezwungen, entweder mit uns zu den Wunden Jesu ihre Zuflucht zu nehmen, und, wie wir, um Schächersgnade zu betteln, wovor ihnen graut; oder geschlagenen und geängsteten Gewissens einher zu gehen, wozu sie eben so wenig Lust verspüren. So liegt es denn durchaus in ihrem Interesse, gegen den Satz, dass das Leiden und Sterben Christi als ein vermittelndes aufzufassen sei, Einspruch zu erheben. Ja, ich nehme nicht Anstand, zu behaupten, dass alle die dogmatischen Systeme, die das stellvertretende Strafetragen Christi zu verneinen oder zu umgehen suchen, aus dem bewussten oder unbewussten Bestreben erwachsen sind, den Begriff der Sünde zu entkräften und zu verflachen. Diejenigen, denen diese Systeme noch Beruhigung gewähren, sind sich noch nicht bewusst geworden, wie sündig die Sünde sei. Die aber einmal im Lichte Gottes das Wesen der Sünde erkannten, gehen sofort vom Sinne Pilati ab, und lassen Jesum gerne sterben, und zwar einen je schrecklicheren Tod, desto lieber, weil ihnen daraus eine umso tiefere Beruhigung erwächst.

Der Landpfleger sinnt und sinnt. Die Stirne glüht ihm; seine Gedanken stecken alle Notsignale aus. Was gäbe er nicht in seiner peinvollen Lage für einen weisen Rat! Da lichtet sich mit einem Male der Horizont seiner Seele. Er hat gefunden!, Glücklicher Einfall!“ denkt er; und freilich, ein „Einfall“ darf der Gedanke heißen: denn nicht ohne höhere Fügung kam er ihm; und den Namen eines „glücklichen“ verdient er ebenfalls, wie wir davon uns später überzeugen werden. Pilatus erinnert sich nämlich eines Herkommens, das zwar eine göttliche Anordnung nicht zu seinem Grunde hatte, aber doch von Gott, der es zu einem hehren Symbole verklären wollte, nachsichtig übersehen und geduldet wurde. Diesem Brauch gemäß war es dem Volke an seinem jährlichen Osterfeste eingeräumt, zur Versinnbildlichung des Ausgangs seiner Altväter aus Ägypten und zur Erhöhung der allgemeinen Festesfreude irgendeinen schweren Verbrecher aus seiner Kerkerhaft frei zu bitten. Pilatus erhascht nun diese Gewohnheit, wie ein Schiffbrüchiger die treibende Planke, die ihm als einziges Rettungsmittel noch geblieben ist. Mit hastiger Eile durchmustert er im Geist die Zwinger des Gefangenhauses, ob er nicht einen Missetäter darin entdecke, im Blick auf den er sich getrost der Hoffnung überlassen dürfe, dass das Volk dem nimmer vor dem Nazarener den Vorzug geben werde. Bald glaubt er einen solchen auch gefunden zu haben; oder vielmehr Gott fand ihn für ihn; denn grade diesen Sünder erachtete der Herr geeignet zu dem Bilde, das Er der Welt vor Augen zu malen die Absicht hatte. Der Ausersehene ist Barabbas, ein wüster Mensch, Rebell und Mörder zugleich, „Wer,“ denkt der Landpfleger, „wird diesem Auswurf der Menschheit auf Kosten des Gerechten von Nazareth Freiheit und Leben gönnen?“

— Pilatus rechnet auf die Humanität und das Rechtsgefühl der Menge; aber es steht sehr zu besorgen, dass er sich arg verrechnen werde, und dies umso mehr, da er zu seinem vermeintlichen Blitzableiter sich einen politischen Verbrecher auserwählt hat, welchem gegenüber sich die Volksmoral überhaupt weit eher, als gegen irgendeine andere Art von Sündern, zu Nachsicht und Milde zu neigen pflegt, Schon im Voraus voll heimlichen Triumphs schreitet Pilatus auf das Proszenium1) der Richterbühne vor, und ruft mit dem Tone vollkommener Siegesgewissheit ins Volk hinein: „Welchen wollt ihr, dass ich euch losgebe: Jesum Barabbam,” (so hieß einer alten Überlieferung nach der Mann mit seinem vollen Namen,) „oder Jesum, den König der Juden, von dem gesagt wird, er sei Christus?” „Denn”, fügt die Geschichte hinzu, „er wusste wohl, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten,“ Und freilich hatten sie das; denn dass das Volk ihm anhing, verdross sie mehr, als alles andere, Aber wie töricht handelte darum der sonst so schlaue Prokurator, dass er durch Bezeichnung Jesu als „des Königs der Juden“ die stolzen Herrn aufs Neue daran erinnerte, wie man ihm einst die Straße mit Palmen bestreut, und unter Hosiannaruf die Kleider über den Weg gebreitet hatte, und dass er somit seinem Judenhasse Raum gab, gleichsam Hals über Kopf mit seiner Klugheit davon zu jagen!

— Wie verdarb er sich dadurch, ohne es zu ahnen, selbst das Spiel! Doch eine verfehlte war seine Spekulation ohnehin schon. „Gott erhascht die Weisen,“ die, den Leitzügel seines Worts und Willens von sich streifend, auf eigenen Wegen ihr Heil versuchen wollen, „in ihrer Klugheit” .

Die Entscheidung über das Schicksal Jesu ist nun aus Pilatus Händen heraus, Es entscheidet jetzt statt seiner die Kopfzahl der Masse, und er ist gehalten, jedem Beschluss derselben sich zu fügen. Hätte er Mut gewinnen können, dem Rat seines Gewissens folgend mit ruhiger Bestimmtheit zu sprechen: „Es werde Gerechtigkeit geübt, und ob die Welt darüber zu Grunde ginge! der schuldlose Nazarener ist frei, und diese Kohorte hier wird meinem Richterspruche Nachdruck zu geben wissen!“ so würden die Feinde unbezweifelt in ihrem Innern geschlagen und wie angedonnert zurückgewankt sein, und das Volk, von seinem Taumel ernüchtert, dem energischen Richter laut ihren Beifall zugejubelt haben. Jetzt aber steht Pilatus für ewige Zeiten als ein warnendes Exempel da, wohin man bei dem feigen Streben zu geraten pflege, zugleich Gott, der in unserem Busen spricht, und der Welt ein Genüge zu tun.

- In mancherlei Gestalten übrigens begegnet uns Pilatus auch in unseren Tagen wieder auf der Bühne der Welt. Mancher hat sich in neuerer Zeit, wie er, in die Lage versetzt, den Barabbas frei, und Christum preisgeben zu müssen, weil es ihm an Mut gebrach, entschlossen und auf jede Gefahr hin für Letzteren einzutreten. Es hat Mancher, nach Pilatus Art ebenfalls auf das moralische Bewusstsein und die Humanität der Menschen rechnend, die Menge, mit der er's nicht verderben wollte, feige gefragt: „Was wollt ihr: das Recht oder den Verrat? Die Ordnung Gottes oder deren Umsturz?“ und ach! auch ihm donnerte Die freilich sehr unerwartete Antwort entgegen: „Den Umsturz wollen wir, und den Verrat!“ und ehe sich's der arme Mann versah, war er auf dem abschüssigen Boden der Menschengefälligkeit, den er betreten, zu seinem Schrecken selbst mit in das Allerärgste hinab geglitten, und sah sich nach der Möglichkeit eines Zurück vergeblich um. Darum Fuß bei Mal! liebe Brüder, und mit dem, was wir als Recht erkannten, gerade durch! So wird man ein Herr der Menge, statt deren Knecht; denn vor dem heiligen Mute beugt sich allemal die Erbärmlichkeit, wie trotzig sie sich immerhin gebärde. Mit diesem Mute siegt man unausbleiblich, ob dem Scheine nach auch unterliegend: denn Gott ist jederzeit mit denen, die entschieden mit Ihm sind, während er diejenigen fallen lässt, die „zwei Herren dienen wollen.“

„Welchen wollt ihr,“ ruft Pilatus, und lässt sich, den Beschluss des Volks erwartend, auf den marmornen Richtersessel nieder. Das Volk stutzt und wankt. Wie dies die Priester und Ältesten gewahren, stürzen sie sich unter die Massen, und bieten alle ihre Rednerkünste auf, das in den Gemütern erwachende Rechtsgefühl im Keime wieder zu ersticken, und den schon matter glimmenden Funken der Erbitterung gegen Jesum aufs Neue anzublasen.

- Unterdessen tritt ein merkwürdiger Zwischenfall ein. Vor dem Landpfleger erscheint atemlos ein Abgesandter seiner Gemahlin, durch welchen diese ihm sagen lässt: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe diese Nacht viel erlitten im Traume von seinetwegen.“ - Wunderbarer Umstand! Bis in die Traumwelt der Heidin hinein wusste der Wunderglanz der Reinheit und Herrlichkeit des Schönsten der Menschenkinder sich Bahn zu brechen. Man sieht, wie die Erscheinung Jesu auch die Herzen der Gleichgültigen, ja selbst der Widerstrebenden, erfasst und zur Ehrfurcht gezwungen haben muss. Ja, bei der Nacht, wenn des Tages Lärm verstummt und der Schlaf auf die Leute fällt, geht der Geist der Wahrheit gerne in der Menschen Hütten um, und tritt auch wohl an die Lager derer heran, die sonst in wüstem Verblendungsrausche unbekümmert um die höheren Daseinszwecke ihr Leben durchtaumeln. Bei der Nacht dringt er mit den Pfeilen seiner Richtersprüche auch wohl bis in die Kammern durch, wo Laute höherer Natur sonst keinen Anklang finden. Bei der Nacht kommt auch in den Gottvergessensten wohl das schmählich untertretene Gewissen wieder zu Wort und Recht, und Mancher wird mit dem Psalmisten bekennen müssen: „Du prüfst mein Herz und besuchst es bei der Nacht.“ Unverkennbar hatte auch bei dem ängstigenden Nachtgesicht der Gemahlin des Pilatus der Gott seine Hand im Spiele, der auch über den luftigen Gebieten der Traumwelt waltet und die Phantasien des entfesselten Geistes, so oft es Ihm beliebt, seinen Absichten dienstbar macht. Erging doch an den Pilatus in der Botschaft von dem Gesichte seiner Frau eine neue göttliche Mahnung und Warnung. Aber ach, der arme Mann hat die Waffen schon gestreckt, und ist bereits sein eigener Herr nicht mehr. Die Mitteilung seiner Gattin erschüttert ihn tief. Sein aufgeregtes Gewissen ruft ihm zu: „Hörst du, Pilatus? Stimmen aus andern, aus verschleierten Welten selbst warnen dich vor dem Gräuel eines Justizmords?“

- Ah, wohl hört er's. Es wird ihm heiß und schwül. Aber, aber nun, das Volk wird ja Gerechtigkeit üben! Das Volk? - O armer Pilatus mit dieser deiner letzten kümmerlichen Hoffnung! Die Ungeduld stachelt den bedrängten Mann von seinem Sitze wieder auf. Sich erhebend ruft er aufs Neue, jetzt mit der Miene eines flehentlich Fürbittenden in die Menge hinaus: „Welchen wollt ihr unter den Zweien, dass ich euch losgebe?“ - Deutlich lässt sich aus diesen Worten heraus der unausgesprochene Zusatz vernehmen: „Nicht wahr, für Jesum entscheidet ihr euch?“ Aber man komme noch mit Bitten, wo man nicht Mut hatte, im Namen Gottes und des Gesetzes zu heischen und zu fordern!

- Den wühlenden Ratsherrn ist es geglückt, das Volk zu ihren Zwecken zu bearbeiten; und dem unglücklichen Prokurator schallt wie aus einer Kehle vieltausendstimmig der trotzige Ruf entgegen: „Hinweg mit diesem, und Barabbam gib uns los!“

2.

So steht denn das große Bild, das sich nach Gottes Absicht ohne Vorwissen des Pilatus tatsächlich in die Verhandlungen auf Gabbatha verweben sollte, vollendet vor uns. Die Hauptfiguren in dem lebenden Gemälde sind die beiden der österlichen Volkswahl präsentierten: der Mann in den Ketten und der Fürst des Lebens. Der erstere, unter dem Aushängeschilde glänzender Namen (Jesus heißt er d. i. Heil, und Barabbas d. i. Sohn des Vaters,) ein tief verkommener Sünder, war in einem blutigen Aufruhr auf der frischen Tat eines Totschlags ergriffen worden. Ohne Zweifel hatte er die Rolle eines falschen Messias gespielt und darin eine jener Christus-Karikaturen abgegeben, durch welche der Satan so manchmal versucht hat, den wahren Christus zu verdächtigen und ihn dem öffentlichen Gelächter bloß zu stellen. Doch steht Barabbas hier nicht bloß als Individuum vor uns, sondern bildet zugleich eine allegorische Figur, welche das Menschengeschlecht in seiner gegenwärtigen Beschaffenheit wiederspiegelt, wie es abgefallen ist von Gott, im Stande der Empörung gegen die allerhöchste Majestät sich befindet, in den Banden des Gesetzesfluchs zum Tage des Gerichts behalten wird; nichtsdestoweniger aber in eitler Prahlerei mit pomphaften Namen ohne Tat, mit prunkenden Ehrensignaturen ohne Wesen und Kern sich spreizt.

Dem Barabbas war in seinem Kerker, bevor er zur Volkswahl mit dem Nazarener zusammengestellt wurde, jede Aussicht auf Rettung abgeschnitten; und ebenso, Geliebte, uns. An einen Loskauf war für ihn nicht zu denken, an ein Entwischen aus dem wohlverwahrten Zwinger ebenso wenig, und viel weniger noch an einen richterlichen Gnadenspruch, auf den sich wohl jeder andere eher hätte Rechnung machen können, als dieser Meuterer. Und glaubt es, nicht minder misslich, als um die seine, stand es um unsere Sache. Denn was hatten wir zu geben, damit wir unsere Seele wieder lösten? Wie vermochten wir den Augen zu entfliehen, die durch alle Lande gehen?“ und wie konnte uns ohne Weiteres ein Richter begnadigen, von welchem geschrieben steht: „Gerechtigkeit und Gericht sind seines Stuhles Festen!“ Eine verzweifelte war die Lage des Barabbas; und die unsere war's nicht minder. Was ereignete sich da?

Ohne sein Zutun, ja, wider alle eine Berechnungen, zuckt plötzlich ein Morgenrot der Rettung durch seine Kerkernacht. Draußen nämlich ertönt von der Richterbühne Gabbatha herab die Frage des Landpflegers in das Volk hinein: „Welchen wollt ihr, dass ich euch losgebe, Barabbam oder Jesum, den König der Juden, von welchem gesagt wird, er sei Christus?“

— Großer Moment dies! Verhängnisvolle Wendung der Dinge! Hieß es bisher unbedingt: „Barabbas ist des Todes,” so jetzt wenigstens: „Barabbas oder Jesus!“ Die Rettung des ersteren ist möglich geworden, und wodurch? Lediglich dadurch, dass der Rebell und Mörder und der Herr vom Himmel sich einander in der Wahlurne begegnen. Einem von den beiden gilt es nun. Einer wird frei, der Andere geht zum Richtplatz. Zur Losforderung Beider ist keinerlei Berechtigung vorhanden, Wer wird nun von den Zweien der erwählte, wer der verworfene und preisgegebene sein? Geht Jesus von Nazareth frei aus, so ist Barabbas unrettbar verloren, Fällt dagegen Ersterem das schwarze Los, dann Heil dir, Barabbas, du bist geborgen! Jenes Untergang ist deine Erlösung; aus Jenes Tode erblüht dir das Leben!

— Was, Freunde, sagt ihr zu dieser Sachlage? Aus geschichtlichem Gesichtspunkt allein betrachtet hat dieselbe freilich wenig Bedeutung, außer derjenigen, dass sie uns zu erneuertem Zeugnis dient, wie dem Sohne Gottes seine Schmach, seine Erniedrigung, und selbst diejenige nicht erspart worden ist, einem Mordkinde, wie Barabbas war, als dessen Gleichen einen sich zugesellt zu sehen. In höherem Lichte aber angeschaut gewinnt jener historische Umstand eine große Tiefe. Wie Barabbas hier zu Jesu, so standen zu Jesu wir allesamt. Auch im Hinblick auf uns hieß es: „Wer soll des Todes sein? Sie, die Missetäter, oder der Gerechte?“ Dass beiden Teilen Schonung widerfuhr, war unmöglich. Rechts oder links musste das Schwert der göttlichen Rache niederzucken. Es musste der Fluch, dem wir durch die Sünde verfallen waren, sich entladen. Das Urteil der Verdammnis, das auf unserm Schädel lastete, wartete mit Ungeduld auf seine Vollziehung, damit Gott wahr, gerecht und heilig bliebe, Da hieß es — wie?

Etwa: „Diese Übertreter, oder ein andrer Sünder für sie?” Nein, so war der Handel nicht zu schlichten. So hieß es denn: „Diese Rebellen, oder für sie ein Engel?” — O nicht doch; ein Engel vermochte uns nicht zu erlösen. Vielmehr lautete die große Alternative: „Diese Fluchwürdigen, oder der Sohn des lebendigen Gottes an ihrer Statt!“ Denn in der Tat war dieser allein im Stande, unsere Sünden zu büßen.

So befanden wir und denn ganz in des Barabbas Lage. Ging Jesus zum Hochgericht, so hatte unsere Erlösungsstunde geschlagen; wurde Er dagegen geschont, so waren wir unwiederbringlich und unbedingt verloren.

Ihr wisst bereits, wie im Verfolge der Geschichte das bedeutungsvolle Bild unseres Auftritts sich weiter ausmalt, Die Sache nimmt für Barabbas und in ihm für uns eine überaus erwünschte Wendung. Die Stimme des wählenden Volks entscheidet sich zur größten Bestürzung des Pilatus zu Gunsten des Rebellen. „Gib Barabbam los,“ schreit die tobende Menge, und „Jesum kreuzige!“ Mag diese Entscheidung immerhin ungleich verruchter erscheinen, als diejenige des Pilatus, nach welcher Jesus nicht sterben, sondern leben sollte; jedenfalls war sie, dass ich so sagen mag, dogmatisch richtiger, der Heilsordnung angemessener, dem Plane Gottes entsprechender, und für die Sünderwelt unendlich ersprießlicher. Denn forderte das Volk, und zwar mit Erfolg, wie Pilatus es gerne gesehen hätte, Jesu Befreiung, und des Barabbas Tod, so war das Volksgeschrei Klang der Totenglocke über der ganzen Menschheit und Signal unseres ewigen Untergangs. Gott aber fügte, dass die Sache sich anders wandte.

— „Gott fügte Dies?“ — Ja, wie wundersam es klingen mag, der allmächtige Gott! Wenn irgend je das Sprichwort: „Des Volkes Stimme, Gottes Stimme? eine Wahrheit ward, dann hier, Gott nahm dem Volke zu seinem schauerlichen Rufe den unsichtbaren Kappzaum ab, ja stimmte in einem umfassenden und geheimnisvollen Sinne gleichsam tatsächlich selbst in den Ruf mit ein: „Gib Barabbam los, und Jesum kreuzige!“

Dieser Schrei aber war der Hallposaunenstoß, der uns den Tag unserer Rettung verkündete, Beachtet nun, wie die Entscheidung zur Vollziehung kommt. Barabbas und Jesus wechseln die Rollen, tauschen die Lose. Auf den Gerechten gehen des Mörders Bande, Fluch, Schmach und Todesqualen über; auf den Mörder dagegen die Freiheit, die Unantastbarkeit, die Sicherheit und das Wohlsein des Unsträflichen. Jesus Barabbas sieht sich in den Besitz aller Rechte und Prärogative Jesu Christi eingesetzt, während und weil der Letztere in alle Schmach und Schauer seiner, des Rebellen, Lage eingeht. Beide vererben sich wechselseitig ihre Stellungen, ihre Habe; des Delinquenten Schuldbrief und Kreuz übertragen sich auf den Gerechten, und des Gerechten Freipass und Ehrenkrone auf den Delinquenten.

Versteht ihr jetzt das große geschichtliche Bild? Es trägt die apostolische Überschrift: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm würden die Gerechtigkeit Gottes.“ Es veranschaulicht uns in grellen Zügen das Geheimnis unserer durch Christi Stellvertretung vermittelten Rechtfertigung vor Gott. Wir sind Barabbas. In seiner Rettungsgeschichte spiegelt sich die unsere. Uns selbst belassen, wären wir ewig verloren gewesen. Mit Christo zur Wahl gestellt, sehen wir an die Stelle des unbedingten: „Es ist um euch geschehen!“ ein mindestens Hoffnung gebendes „Entweder, Oder“ treten.

Da Christus mit uns wechselte, war unsere Erlösung entschieden. Dies ist's, was, wie in großartigen Alfrescozügen, die Hand des lebendigen Gottes selber in dem Vorgange Gabbathas uns vor Augen malt. Fürwahr, blind müsste sein, wer es verkennen könnte, dass uns die göttliche Fürsorge in der Barabbasszene ein Licht habe anzünden wollen, das uns die ganze Passion seines Eingeborenen beleuchte. Dieses Licht würde allein schon hinreichen, alle Einwürfe gegen die Schriftmäßigkeit unserer Genugtuungslehre niederzublitzen, wenn auch nicht eine ganze Reihe lichtheller Apostelsprüche dies schon täte. Freilich wollen wir nicht durchaus verneinen, dass unserer dogmatischen Vorstellung von der Stellvertretung Christi noch manches menschlich Sinnliche anhaften mag, das allerdings einst von der reinen und vollkommenen Idee derselben verschlungen werden wird; aber Irriges und Falsches hängt nichts ihr an. Der Kern unserer sogenannten „juridischen“ Anschauung von dem Bürgentum Jesu ist unbedingt göttliche Wahrheit.

Freuen wir uns denn der großen Sache, und verzeichnen wir das gedankenvolle Gemälde mit unauslöschlichen Farben in das Denkbuch unserer Seelen. Erschaut, ihr in Schuldgefühl gebeugten Sünder, in Barabbas euer Bild; und ein tröstlicher Zug um den andern wird euch aus seiner Erscheinung entgegen treten. Wie tröstlich ist's, dass der Mann nun auf Jesu Kosten völlig frei ist; dass, wie zahlreich seine Schulden waren, keine hinfort mehr auf ihm lastet; dass fortan kein richterliches Verfahren mehr wider ihn eingeleitet werden kann, noch darf, und ihn nun nichts mehr hindert, seinem Richter ohne Scheu unter die Augen zu treten. Alle diese Vorzüge besitzt in Christo nun auch ihr, nur in verklärterer Gestalt und überschwänglicherer Fülle. Nachdem Er zum Schuldner ward an eurer Statt, seid ihr die Gerechten; nachdem Er der für euch Verworfene, seid ihr die erwählten Gotteskinder; nachdem Er der Träger eures Fluchs, seid ihr die Erben seines Segens; nachdem Er der Dulder eurer Strafe wurde, seid ihr die Inhaber seiner Krone. Nachdem Er gerichtet worden ist, seid ihr von allen Anklagen gereinigt; nachdem Er zertreten, seid ihr unaussprechlich erhöht; nachdem Er der Hölle preisgegeben, seid ihr des Himmels würdig, und nachdem Er mit Schmach und Schande überschüttet, seid ihr gekrönt mit Preis und Ehre. Ja, also hat sich's. So schwingt euch denn durch den Glauben in den seligen Stand hinein, zu dem ihr gekommen seid, und lernt auch ihr in der Schule des Heiligen Geistes von Grund der Seele trotzig sprechen:

Wollt ihr wissen, wer ich sei,
Ob gerecht ob sündlich?
Barabbas, mein Konterfei2),
Sagt's euch klar und gründlich:
Sünder, aber ohne Druck,
Schwarz, doch sonder Tadel;
Arm, doch reich in Christi Schmuck;
Seht, dies ist mein Adel! - Amen.

1)
Ein Proszenium (oder Proskenion) ist der vorderste Bereich einer Theaterbühne, der den Zuschauerraum von der eigentlichen Spielbühne trennt.
2)
Ebenbild, Abbild
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