Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXVII. Pilatus unser Anwalt.
Keine der von der Heiligen Schrift bezeugten Wahrheiten findet in der täglichen Erfahrung eine handgreiflichere Bestätigung, als die Ephes. 4, 18. ausgesprochene, „dass der natürliche Mensch entfremdet sei von dem Leben, das aus Gott ist.“ Schaut euch nur in euren Kreisen um, ihr, die ihr die zweite Geburt, aus Wasser und Geist noch nicht erfuhrt, ob nicht selbst mit ungewöhnlich geistiger Bildung und Rührigkeit oft die entschiedenste Stumpfheit und Erstorbenheit für das Reich des Übersinnlichen und Himmlischen verpaart geht. Wen unter euch ergötzt nicht eine menschliche Dichtung mehr, als Gottes Wort? Wer steht nicht lieber einem eitlen Schauspiele zu, als dass er an der Stätte weilt, da des Herrn Ehre wohnt? Wem behagt nicht mehr das Rauschen eines sinnlichen Tonstücks, als der Chorgesang einer andächtigen Christen-Versammlung? Wer fühlt nicht mehr von einer irdischen Lyrik, als von den Akkorden der Harfe Davids sich angezogen? Wem graut's nicht vor frommer Gesellschaft? Wen wandelt nicht bei geistlichen Unterhaltungen Ungeduld oder Langeweile an? Wem sind nicht Neuigkeiten aus dem Bereiche weltlicher Händel erwünschter, als Botschaften aus dem Reiche Gottes? Ja, wem verursacht es viel Besinnens, wo es zwischen den Träbertrögen flüchtiger Ergötzungen dieser Welt, und dem Gnadenmanna, das vom Himmel stammt, zwischen den Fleischtöpfen Ägyptenlandes, und den Trauben aus den Weingärten der göttlichen Offenbarungen zu wählen gilt? O geht nur in euch, und durchsucht euch mit der Laterne unparteiischer Würdigung; und dann bekennt, ob sich's nicht wirklich also verhalte, dass ihr tot seid für den Himmel, und nur für die Erde lebt? Fürwahr! wenn wir nicht anders aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen wären, als wir von Haus aus beschaffen sind, welchen Vorstellungen von dem Wesen Gottes würden wir dann bei uns Raum geben müssen! Wie dürfte es dann noch heißen: „Gott sah an Alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut?“ „Es wären dann ja verkümmerte Kreaturen, ja, missgestaltete Wesen aus seiner Schöpferhand hervorgegangen! O, ferne sei es von uns, das Geschlecht, wie es gegenwärtig ist, mit den Erstlingen, der Menschenschöpfung zu verwechseln! Gott schuf feurige, gen Himmel strebende Geister; aber die Sünde trat dazwischen und verwüstete seine Schöpfung. Wollt ihr in dieser sittlichen Verwüstung verharren, so tut es auf eure Gefahr; nur lasst es euch nicht mehr einfallen, über Dinge des Himmelreichs, von welchen ihr doch so weit verschlagen seid, urteilen und absprechen zu wollen. Ihr verdientet, so oft ihr euch dazu verleiten lasst, eine demütigende Abfertigung, wie sie einst dem falschen Propheten Bileam zuteil ward; und ihr mögt zufrieden sein, wenn, statt einer lastbaren Eselin, nur, wie heute geschehen wird, sein blinder Heide, ein Römer Pilatus, euch zurechtweist.
Luk. 23, 13—16, Pilatus aber rief die Hohenpriester, und die Obersten, und das Volk zusammen; und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht, als der das Volk abwende. Und siehe, ich habe ihn vor euch verhöret, und finde an dem Menschen der Sachen keine, deren ihr ihn beschuldigt; Herodes auch nicht; denn ich habe euch zu ihm gesandt, und siehe, man hat nichts auf ihn gebracht, das des Todes wert sei. Darum will ich ihn züchtigen und los lassen.
Pilatus befindet sich aufs Neue in großem Gedränge, Durch die Verweisung des Prozesses an Herodes hoffte er seiner peinlichen Lage glücklich entronnen zu sein. Aber nun schickt ihm der Galiläerfürst unvermutet den Verklagten wieder zu, und überlässt es ihm, den einmal aufgenommenen Handel auch zum Schluss zu bringen, Der Landpfleger, nicht wenig unwirsch über die fehlgeschlagene Berechnung, wendet sich denn abermals an die Verkläger des Gerechten, und erneuert seinen Versuch, Jesum, und mit Ihm die Ruhe seines eigenen Gewissens, zu retten, Er hält an die Hohenpriester, Obersten und das versammelte Volk eine Ansprache, die zwar etwas, das wir aus seinem Munde noch nicht vernommen hätten, nicht enthält; aber nichtsdestoweniger schon darum einer ernsten Erwägung wert ist, weil Pilatus darin wider Wissen und Willen als unser, der Gläubigen, Anwalt auftritt, Er hilft nämlich von der dreifachen Beschuldigung: aufrührerischer Tendenzen, unsinniger Lehraufstellungen und maßloser Tröstungen uns reinigen,
— „Wie dies?“ Ihr sollt es vernehmen, Möge unsre Betrachtung diejenigen in dieser Versammlung, die noch in Vorurteilen gegen uns befangen sind, von denselben heilen, und ihnen eine Brücke bauen —— die sie in unsre Gemeinschaft führe! —
1.
Pilatus unser Anwalt! — Wie seltsam dies klingt, er ist's. Er nimmt unser Haupt in Schutz, und damit uns. Ihn setzt er rechtskräftig außer Anklage, und in Ihm die Seinen. „Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht,“ beginnt er, „als der das Volk abwende,“ In einem gewissen Sinne mag dem Herrn dergleichen allerdings wohl nachgesagt werden, wie er seinen Gläubigen bezeugt, sie seien „nicht von der Welt,“ so ermahnt er sie auch, sich der Welt nicht gleich zu stellen. Er heißt die Seinen von den Weltkindern ausgehen; denn „der Welt Freundschaft sei Gottes Feindschaft.“ In einem gewissen Maße werden die wahren Christen immer inmitten der Welt Separatisten sein. Gott hat sie so organisiert, dass eher an eine Einigung des Feuers mit dem Wasser, als ihrer mit dem großen Haufen zu denken ist. Ihre Überzeugungen, ihre Grundsätze, ihr Geschmack, ihr Urteil, ihre Anschauung von den Dingen in der Welt, so wie ihr Wünschen, Hoffen und Begehren: es läuft alles schnurstracks gegen der Welt Richtung und Sinnesweise an. Sie sind durch Natur und Art von der unwiedergeborenen Welt geschieden, wenn auch das Herz der Kinder Gottes nimmer von den Kindern der Welt sich scheidet, sondern unablässig in barmherziger und werbender Liebe sich ihnen zuneigt. Diese aber mögen als Solche nicht angesehen sein, die ihre Stellung zu wechseln hätten; und daher der Krieg auf Erden, im Blick auf welchen der Heiland bezeugte: „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen; ich bringe das Schwert!” —
Doch wenn die Führer Israels Jesum der „Abwendung des Volks“ bezichtigten, so wollten sie diese Anklage im politischen Sinne verstanden wissen. Für ein Rebellenhaupt und einen Meuterer erklärten sie Ihn, der die Leute wider Kaiser und Obrigkeit aufzustacheln sich bemühe, und also des Hochverrats und Majestätsverbrechens schuldig sei. Und in der Tat war unser Herr weder der erste noch der letzte Gottesknecht, auf den man solchen Verdacht zu wälzen suchte. Schon Elias hörte sich von Ahab mit den Worten angeschnaubt: „Du bist es, der Israel verwirrt;“ worauf er ruhig erwiderte: „Nicht ich verwirre Israel, sondern du, und deines Vaters Haus, und zwar damit, dass ihr des Herrn Gebote verlassen habt, und hängt den Baalim an!“
- Eben so musste Jeremias von sich zum Könige sagen hören: „Lass diesen Mann töten, denn er macht lax die Hände des ganzen Volks, und sucht nicht, was diesem Volke zum Frieden, sondern was zum Unglück dient!“ Später wurde wider Paulus vor dem Landpfleger Felix die Klage erhoben: „Wir haben diesen Mann gefunden schädlich wie eine Pest, und der Aufruhr erregt unter allen Juden in der ganzen Welt, und einen Vornehmsten der Sekte der Nazarener.“ Und alle nachmaligen Christenverfolgungen im römischen Reich geschahen unter dem Vorwande, dass die Anhänger Jesu staatsgefährliche Subjekte seien, die es auf Lockerung der Untertanenbande, ja auf Umsturz der bestehenden bürgerlichen Ordnungen abgesehen hätten. Dieses Ammenmärchen hat sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortgepflanzt, obwohl schon ein Pilatus gegen solche Verunglimpfungen uns aufs nachdrücklichste in Schutz nahm. Wir hören denselben heute laut vor allem Volke erklären, dass Thron und Staat von diesem Jesu und seinen Jüngern nichts zu befürchten hätten. „Ich habe ihn vor euch verhört,“ spricht er, „und finde an dem Menschen der Sachen keine, deren ihr ihn beschuldigt. Und Herodes auch nicht; denn ich habe euch zu ihm gesandt, und siehe, man hat nichts auf ihn gebracht, das des Todes wert sei!“
- Wie war es auch nur möglich, den empörerischer Gelüste zeihen zu wollen, der den allgemeinen Grundsatz aufstellte: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist;“ der seinem Petrus schon bei einer Zurwehrsetzung gegen einen der untergeordnetsten Diener der weltlichen Obrigkeit die ernst zurechtweisenden Worte zurief: „Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, soll durchs Schwert umkommen;“ der uns sagen lässt: „Seid untertan der Obrigkeit, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott,“ und der nur in Bezug auf Zumutungen, die dem Worte Gottes zuwiderlaufen, die, immer auch nur ein duldendes Verhalten fordernde, Regel uns einschärft: „Man muss Gott mehr gehorchen, denn den Menschen?“
Doch es sind in neuester Zeit Ereignisse eingetreten, welche den Gläubigen rücksichtlich ihrer politischen Gesinnungen jeden Anwalt entbehrlich machen. Die Welt weiß es jetzt, dass die Wogen des Aufruhrs an ihnen wohl einen Felsen finden, an dem sie sich brechen, aber kein offenes Bette, in das sie sich ergießen mögen. Es dürfte kaum je wieder gelingen, sie nach der Seite ihrer Untertanentreue hin den Regierungen zu verdächtigen. Hat sich doch die Umsturzpartei zu dem wiederholten offenen Geständnisse genötigt gesehen, dass ihren Plänen nichts so hindernd im Wege stehe, als das Christentum. Staatsbehörden, die vor wenigen Jahren noch die lebendigen Christen unter ihren Untertanen verfolgten, rufen sie jetzt als Stützen der Throne und Garanten der öffentlichen Ordnung in ihr Land. Laban redet mit Jakob freundlich; Belsazar kleidet den Daniel in Purpur. „Wenn Jemandes Wege dem Herrn wohlgefallen,“ spricht Salomo „,so macht er seine Feinde ihm friedlich gesinnt.“
- Es ist etwas Großes um die plötzliche Entkräftung und Vernichtung einer mehr als tausendjährigen Anklage gegen die Anbeter des Lammes, wie solche Vernichtung in den neuesten Tagen eingetreten ist. Freuen wir uns dieses Umschwungs der öffentlichen Meinung von den Streitern Christi in der Welt als einer, wenn auch noch so leisen, Hindeutung auf die Siegesperiode unsres Kreuzreichs, der wir entgegengehen.
2.
Doch mit der einen Beschuldigung rebellischer Gesinnungen sind noch nicht alle Anklagen von uns hinweggewälzt. Man bezichtigt1) uns weiter des Festhaltens an sinnlosen Lehrsägen, und denkt dabei vorzugsweise an das Dogma der Stellvertretung Christi, das wir allerdings als den Kern des Evangeliums und den Grund aller unserer Hoffnung bekennen. Wenn es nicht wahr ist, dass der Sohn Gottes den großen Tausch mit uns einging, unsere Übertretungen sich göttlich zurechnen ließ, unsere Schuld in seine Rechnung nahm, dem Arm der strafenden Gerechtigkeit sich für uns preisgab, an unserer Statt die Sünde büßte, den Fluch erduldete, die Verdammnis auf sich lud, und als unser Bürge und Vertreter den Kelch der Schrecken bis auf die Hefen leerte, der uns Missetätern zugemessen wurde; wenn, sagen wir, dieses Alles nicht in der Wahrheit gegründet ist, dann lasten unsere Sünden noch auf uns, dann liegen wir noch unter dem Fluche und bleiben ewig darunter liegen, dann wird keine Seele selig; und jede Stelle der h. Schrift, in der einem Sünder zugerufen wird: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ ist eine Lüge; ja eine Lästerung des göttlichen Namens jeder Ausspruch, der Abtrünnigen und Übertretern Gnade zusagt. Was irgend Tröstliches für Gefallene in der Schrift enthalten ist, kann dann nicht göttlichen Ursprungs sein, sondern muss vom Satan stammen; denn es ist unmöglich, dass Gott, der weder von seinem Gesetze, dem Abglanz Seines unveränderlichen Willens, noch von seinen Drohungen, den Ausflüssen Seiner heiligen Natur, jemals lassen kann, willkürlich und ohne Weiteres strafwürdige Sünder segne und beselige. Er würde aufhören, heilig, gerecht und wahr, d. i. Gott zu sein, wenn Er es täte. Seht, dies glauben und bekennen wir. Was aber uns so herrlich, annehmungswürdig und im höchsten Sinne des Worts vernünftig scheint, nennt die Welt einen verjährten Wahn und eine sinnlose, törichte Lehre. Aber da tritt nun, seltsam genug, wieder Pilatus für uns ein, um uns, wenn auch nur indirekt, auch hier in Schutz zu nehmen.
Der Herr Jesus hat alle Verhöre jetzt durchgangen. Eine Prüfung um die andere ist mit Ihm angestellt. Auf jeder Waage ist Er gewogen, an jedem Maßstabe gemessen, ja mit dem Lichte eines dreifachen Gesetzes: des levitischen, des bürgerlichen und des Gesetzes der Sitten beleuchtet worden. Jetzt soll von dem Ergebnis der wider ihn geführten Verhandlungen der Schleier weichen. Der Richter, der zu diesem feierlichen, und, wie er meint, entscheidenden Akte die Hohenpriester und Obersten eigens in seine Nähe beschieden hat, steht, von einer unabsehbaren Volksmenge umwogt, auf seinem hohen Altane, und öffnet, wie Alles erwartungsvoll schweigt, zum letzten Urteilsspruche seinen Mund. Und dieser lautet?
- „Ihr habt,“ erklärt er laut in die Versammlung hinein, „diesen Menschen zu mir gebracht, als der das Volk abwende. Und siehe, (dieses „siehe“ ruft er nicht bloß seiner nächsten Umgebung zu, sondern der Welt,) ich habe ihn vor euch verhört, und finde an dem Menschen der Sachen keine, deren ihr ihn beschuldigt. Herodes hat ihn verhört, und findet auch nichts. Man verhörte ihn, (und wer ist dieses „man“, als der ganze Hohe Rat, die gesamte Zunft der Pharisäer und Schriftgelehrten, und was aus dem Volke sich um ihn bekümmerte,) und siehe, man hat nichts auf ihn gebracht, das des Todes wert sei!“ Er spricht's, und Alles schweigt dazu, weil Alles fühlt, dass Pilatus die Wahrheit spricht.
Obwohl nun aber als Sündenreiner des Todes in keinerlei Weise schuldig, weder des gerichtlichen, noch des natürlichen Todes, welcher letztere ja der „Sold der Sünde“ heißt und ist, stirbt Er dennoch. Es stirbt mithin in ihm ein Mann, der nach dem Rechte wie nach der Verheißung Gottes nicht sterben, sondern leben sollte. Und er stirbt eines Todes, der mit einem Märtyrertode kaum die entfernteste Ähnlichkeit hat. Ja, hätte er durch sein Sterben nur seine Lehre besiegeln wollen, so hätte er seinen Zweck verfehlt, indem wir unmöglich groß von einer Lehre denken könnten, deren Träger vor den Pforten der Ewigkeit zu dem furchtbaren Geständnis fortgerissen wurde, dass Gott ihn verlassen habe. Nun aber sagt ihr uns einmal, warum Jesus starb? Sündern ist „gesetzt, einmal zu sterben, und danach das Gericht“; aber Er war kein Sünder. Auch Begnadigten ist es verordnet, den Weg zum Himmel durch den Tod zu nehmen, weil ihr Fleisch durch die Sünde verderbt ist. Bei der Leiblichkeit Jesu aber trifft dies nicht zu; und dennoch stirbt er, und stirbt so schrecklich. Erklärt mir dies!
Ihr besinnt euch. O, besinnt euch, so lange es euch beliebt; wir sagen's euch bestimmt voraus, dass ihr Vernünftiges, Einleuchtendes und Annehmbares zur Lösung dieses Rätsels nicht beibringen werdet. Hört aber, wie wir die Sache ansehen, und ermesset, ob für irgendeine andere Ansicht Raum bleibt. Der unerhörte Umstand, dass Jesus, der Makellose und Gerechte, seiner Heiligkeit unerachtet dem Urteil des Todes verfällt, würde uns mit Notwendigkeit zu dem Schlusse drängen, es sei die Lehre, dass ein gerechter Gott im Himmel walte, ein Wahn; es regiere auf Erden nur des Menschen Wille, oder das Ungefähr; es existiere eine göttliche Vergeltung auf Erden nicht, sondern dem Gottlosen ergehe es nicht schlimmer, als dem Gerechten; es bestehe keine Ordnung, gemäß welcher der, der das Gesetz vollkommen halte, die Krone des Lebens zu gewärtigen habe; und es lüge die Schrift, indem sie sage, dass der Tod nur die Ausgeburt der Übertretung sei: zu Folgerungen dieser Art, sage ich, wären wir unbedingt genötigt, wenn wir nicht voraussehen dürften, dass der unsträfliche Gottessohn den Tod an unserer Statt erduldet habe. Diese Annahme reicht uns den einzigen Schlüssel zu dem Geheimnis des blutigen Untergangs des Gerechten. Sezen wir aber eine Stellvertretung Jesu für die Sünder, und wir dürfen dies nicht bloß, sondern sind durch das unzweideutige Zeugnis der Heiligen Schrift dazu genötigt, so ist Alles klar, gelöst, entziffert, und in Alles kommt erhabener Sinn und herrlicher Zusammenhang. Im Paradiese droht der Herr: „Welches Tages du von diesem Baume isst, sollst du des Todes sterben!“ Wir aßen von dem Baume, und luden das schauerliche Urteil auf unser Haupt. Aber nun kommt der ewige Sohn, nimmt letzteres von unserem Haupte auf das seine, und wir den leben. Vom Sinai herab hieß es: „Verflucht sei, wer nicht bleibt in Allem, das geschrieben steht im Buche des Gesetzes!“ Wir blieben nicht darin, und unser Schicksal war entschieden. Doch siehe, da erscheint der Bürge, lässt sich von unserm Fluch zerschmettern, und wir sind rechtskräftig erlöst und stehen unantastbar da, — Gott hat beschlossen, uns Sünder zu beseligen — trotz seines Wortes: „Ich will den aus meinem Buche tilgen, der an mir sündigt.“ Wir glauben an unsere Seligkeit; denn er vollzog die uns angedrohte Strafe an uns in Christo.
— Nur den Gehorchenden verhieß Gott die Lebenskrone; aber nachdem Christus stellvertretend in unserm Namen gehorchte, kann Gott auch Sünder krönen, und bleibt doch heilig. So wird jetzt Alles licht und die grellsten Widersprüche gleichen sich harmonisch aus. Und man wagt es, unsre Lehre von der Stellvertretung Jesu sinnlos oder gar albern zu nennen? Seht, selbst ein Pilatus tritt, ohne es zu wissen, dadurch für uns in den Riss, dass er der Wahrheit Zeugnis gibt, Christus sei des Todes nicht schuldig gewesen. Versucht denn ihr einmal in einer genügenden und vernünftigen Weise es anders, als durch die Stellvertretung Christi, zu erklären, wie es zugegangen sei, dass auch Jesus, der heilige und tadellose, den Sold der Sünde entrichtet habe!
3.
Pilatus nimmt sich unserer noch einmal an, Er reinigt uns von einem neuen Vorwurf, Freilich tut er dies wieder nicht direkt; aber er muss Veranlassung geben, dass wir von demselben gereinigt werden. Man wirft uns vor, wir spendeten die biblischen Tröstungen mit zu vollen Händen. Man verübelt's uns, dass wir die Gnade, die Jesus erworben, auch auf die gröbsten Sünder und versunkensten Missetäter ausdehnen wollen. — Man spricht uns dazu die Berechtigung ab und nennt unser Tun gefährlich und sittenverderblich. Aber da begibt sich nun etwas, — unser Evangelium deutet's an, — das jenen kleingeistigen Einwurf völlig entkräftet, und unser Verfahren als ein wahrhaft evangelisches rechtfertigt.
Nachdem Pilatus feierlich erklärt hat, es hafte keinerlei Schuld an dem Verklagten, führt er fort: „Darum“ — Nun, wie weiter? Etwa: „Darum setze ich ihn in Freiheit?” — O nicht doch; sondern: „Darum will ich ihn züchtigen (d. h. mit Ruten streichen) und ihn loslassen!“ Denkt, weiche Ungerechtigkeit! „O Pilatus,“ möchten wir rufen, „wie war es möglich, dass du auf solchen Vorschlag geraten konntest? Den Mann, der mit dem Iautersten Ausdruck der Wahrheit zu dir sagte: „Ich bin ein König und bin dazu geboren, dass ich die Wahrheit bezeugen soll,“ und aus dessen ganzer Erscheinung dir der Glanz nicht allein der makellosesten Heiligkeit, sondern auch einer übermenschlichen Herkunft hell ins Antlitz strahlte, kannst du als einen Missetäter stäupen wollen? O, wohin verleiten dich elende Menschenfurcht, und die erbärmliche Sorge um eine Handvoll eitler Ehre und zeitlichen Behagens!“ - Doch seien wir stille! Die Sprache Pilati: „Ich will ihn züchtigen, und ihn loslassen,“ ist noch immer diejenige unzähliger Kinder dieser Welt. Werden doch sogar Tausende von Predigten gehalten, in denen Christus zuerst an den Pfahl gebunden und gegeißelt, dann aber zur Beschwichtigung des erwachenden Gewissens in irgendeiner Art wieder „losgelassen“ wird. Man züchtigt ihn, indem man ihm die Krone der Gottheit vom Haupte reißt, und ihn stillschweigend zum Lügner und Lästerer stempelt; hebt dann aber an, seine Vorzüge und Tugenden zu preisen, und lässt ihn hiermit, nachdem man ihn zerfleischt, wieder los. Man leugnet, dass er der einige Weg zum Himmel sei, obwohl er sich selbst dafür erklärt hat: so züchtigt man ihn. Dann aber streicht man ihn als den ausgezeichnetsten Lehrer wieder heraus, und lässt ihn damit wieder los. Man züchtigt ihn, indem man seine Glieder auf Erden verunglimpft, und in Schimpf- und Scheltwort wider diejenigen ausbricht, die seine blutigen Verdienste als die einzige Ursache ihrer Seligkeit rühmen; lässt aber dann ihn wieder los, indem man ihm bei der Bundestafel eine äußerliche Verbeugung macht, oder ihm zugesteht, dass er mehr sei, als Sokrates und Solon. Ach, von Natur führen wir Alle eine heimliche Geißel gegen den Herrn Christum bei uns, und unterlassen nicht, bei Gelegenheit in dieser oder jener Weise sie wider ihn zu schwingen. Fragt uns aber, nachdem die Geißelung geschehen, unser Gewissen, warum wir doch diesem Gerechten, der uns nie etwas zu Leide getan, so gram und abhold sein, so pflegen wir, statt Buße zu tun, unsere Nichtswürdigkeit hinter Judasküsse, die wir ihm geben, zu verstecken, und lassen den Misshandelten durch zweideutige Ehrenbezeugungen „wieder los.“
Doch zur Sache! Man pflegte in Israel Verklagte, die im Gange der Untersuchung nur leichter Vergehen überführt worden waren, mit Ruten zu streichen, und nach Vollziehung dieser Besserungsstrafe frei zu geben. Als einen Delinquenten dieser Gattung gedachte Pilatus auch Jesum zu behandeln. Man möchte denken, dass er nach Allem, was vorhergegangen, und wodurch Jesu Unschuld in ein so helles Licht gestellt worden war, mit seinem vermittelnden Vorschlage wohl Anklang werde gefunden haben. Aber nein; Gott hatte es anders beschlossen. Christus sollte leiden als ein Verbrecher der ärgsten Art; ja, das Los eines Mörders, eines Auswurfs der Menschheit sollte ihn treffen, und ihm erst dann die Stunde der Erlösung schlagen. Warum dies? Warum doch anders nach Gottes Rat und Willen, als damit auch Schächern, ja Verbrechern, wie Manasse und Rahab, für den Gedanken Raum verbliebe, es habe der große Bürge auch für sie gelitten. In die Hölle, in die Gottverlassenheit, in das Alleräußerste von Schmach und Schmerzen sollte Jesus hinab, auf dass auch der ärgste der Übertreter an der Gnade nicht zu verzweifeln brauche. Ist diese Lehre gefährlich, warum predigen sie die Apostel von den Dächern? Streitet sie wider Gott, warum hat Gott sie an einem David, an einem Saulus, an einer Magdalene, ja an Schuldbeladeneren, als diese, besiegelt? Ist sie verderblich, warum ragen die, welche ihre Wahrheit an sich selbst erfuhren, an brennendem Hass wider die Sünde und an Eifer für Gott und seine Ehre vor allen Andern hervor? Macht sie lässig und unfruchtbar in guten Werken? Umgekehrt! denn wer an den Verdiensten Christi Teil gewinnt, wird auch durch Christi Geist im Garten Gottes ein edler Baum, der seine Früchte trägt zur rechten Zeit.“ O Heil uns, dass so, wie wir eben gesagt, die Sache sich verhält! Hätte Christus nicht auch das Los der vornehmsten Sünder auf sich genommen und erfüllt, wer überhaupt unter den Erleuchteten könnte Christi sich getrösten, indem der Heilige Geist einen jeglichen derselben mit Paulus bezeugen lehrt: „Christus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.“
Pilatus hat uns seine Dienste getan. Wie er von einer schweren Anklage uns gereinigt hat, so hat er durch sein der Unschuld Christi gegebenes Zeugnis unsere Anschauung von dem Tode des Herrn und dessen Bedeutung gerechtfertigt, und durch seinen fehlgeschlagenen Versuch, den Mittler nur als einen der leichteren und weniger strafbaren Übertreter zu behandeln, dem Richter auf dem Stuhl der Majestät Veranlassung gegeben, eben sein, des Landpflegers, Vorhaben zu vereiteln, und dadurch tatsächlich zu beurkunden, dass Christus nach Seinem, des allmächtigen Gottes, Rat und Willen, den Fluch auch der fluchwürdigsten der Sünder habe erdulden sollen. Namentlich fühlen wir uns dem Römer für die beiden letzten Dienste, die er uns geleistet, zu innigem Dank verpflichtet; denn wir bekennen, dass mit der Stellvertretung und Genugtuung Immanuels unser Friede wie unsere ganze Hoffnung stehe und falle, und sprechen in tiefster Wahrheit unsers Herzens:
Hast Du, was wir verschuldet,
Als Mittler nicht gesühnt,
Hast Du ihm nicht erduldet,
Den Fluch, den wir verdient;
Dann wehe uns! Kein Beten,
Noch Ringen schafft uns Heil;
Denn nur Dein Stellvertreten
Gibt und am Himmel Teil! — Amen.