Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXIII. Christus ein König.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXIII. Christus ein König.

„Es ist noch ein hoher Hüter über den Hohen!“ So der Prediger Salomo Kap. 7, 5. Er spricht in diesen Worten eine mit oder wider Willen von Jedermann anerkannte Wahrheit aus. Kein Machthaber der Erde weiß sich unbedingt souverän. Wie willkürlich er auch sein Zepter führe, so erlaubt er sich doch nicht Alles, weil er sich unverrückt eines „Rechts“ bewusst bleibt, das über seiner Machtvollkommenheit stehend, ihm wieder Gehorsam auferlegt, und welches er ohne Gefahr für die eigene Person nicht verlegen zu können glaubt. Es hat wohl schon ein Despot in seiner Unbändigkeit versucht, die Zügel auch dieses höheren Regiments von sich abzustreifen; aber dann fiel er unsichtbaren Rachegeistern anheim, die ihm das Leben zur Hölle machten, und unter deren Rutenstreichen bei Tage die Lust, bei Nacht der Schlaf von seiner Seite wich. Denn seine Gerichtsdiener, seine Kerker, Halseisen und Folterkammern hat auch der „Hüter über die Hohen,“ und nicht erst jenseits überantwortet er denselben seine Delinquenten.

Jene Reichsordnung über allen andern, auch von den Heiden lebhaft geahnt, stieg in der Führung Israels in deutlicheren Umrissen aus ihrer Nebelregion auf die Erde nieder. Seitdem aber ihre Zügel in den Händen des Menschensohnes ruhen, steht ihr erhabener Organismus vollständig, klar und ausgestaltet vor uns. Geräuschlos aber sichern Ganges, schreitet sie durch alle menschlichen Unternehmungen und Anschläge dem Ziele ihrer Alleinherrschaft zu. „Die Völker toben, und die Gewaltigen der Erde lehnen sich auf; aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer,“ und spricht, die Obergewalt über alle Gewalten sich reservierend: „Ich habe meinen König eingesetzt auf meinem heiligen Berge Zion!“ d. h. „Er sitzt im Regiment, ein unumschränkter Herr; alle Welt sei Ihm untertänig, und diene Ihm!“ - Von diesem Könige und seinem Reich vernehmen wir heute ein Mehreres.

Matth. 27, 11. Mark. 15, 2. Joh. 18, 33-37.

Da ging Pilatus wieder hinein in das Richthaus, und rief Jesu und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Redest du das von dir selbst, oder haben es dir Andere gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet; was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde, aber nun ist mein Reich nicht von dannen. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es; ich bin ein König, ich bin dazu geboren, und bin dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Ein neues Zeugnis Jesu von sich selbst! Man merkt, dass die Verhörsschranken, vor denen er steht, in seinem Gesichtskreise sich zu denen der Welt erweitern. Vor dieser will er die Lehre von seiner Person zu abschließender Entscheidung bringen, und wirft zu dem Ende eine Hülle nach der andern von sich. Auf seinem eigenen Worte, und nicht bloß auf dem der Propheten und Apostel, sollte unser Glaube an Ihn ruhen, und ruht er. Sagen wir Ihm von Herzen Dank für diese fürsorgliche Berücksichtigung der Bedürfnisse unserer zweifelmütigen Natur und der Schwachheit unseres Glaubens!

In unserem heutigen Auftritte erklärt sich der Herr über seine Königswürde. Sehen wir zuerst, wie er hierzu veranlasst wurde; und denken wir dann dem Inhalte seiner Erklärung weiter nach.

Wolle Er selbst unser Wort mit seinem Segen begleiten! Ein Akt erneuerter Huldigung vor seinem Throne sei die Frucht unserer heutigen Betrachtung!

1.

Wir treten zu dem großen Verklagten zurück. Er lässt sich richten, damit er uns, die dem Gericht Verfallenen, einst rechtskräftig und mit Erfolg vertreten könne. Bei jedem Schritte seines Passionsganges ist er der Mann, welcher „bezahlt, was er nicht geraubt hat.“ Er wäre aber dieser Mittler nicht, wenn er nicht in seiner Knechtsgestalt zugleich derjenige wäre, der „höher, denn der Himmel ist.“ Diese seine übermenschliche Glorie bricht, wie die Sonne durch Wolkenschleier, immer wieder durch das Dunkel seiner Erniedrigung siegend durch. Er kann so mit ihr nicht an sich halten, dass sie nicht wenigstens in vereinzelten Schimmern stets in die Erscheinung strahlte. Der Blindeste gewahrt ihren Widerschein, und stutzt. Doch mit anderer Wirkung fallen die Sonnenstrahlen in einen Sumpf; mit anderer auf die schlummernden Keime eines bestellten Ackerlandes.

Zur Bezeichnung der Gemütsbeschaffenheit des Pilatus müsste indes ein Bild gefunden werden, das, wenn auch minder günstig als das letztere, doch auch weniger abschreckend, als das erstere wäre; ein Bild, das zwischen jenen Beiden die Mitte hielte. Begegnen uns doch in dem Herzen des Römers noch Humanität, Empfänglichkeit für Besseres, und mancherlei Anknüpfungspunkte für die Wahrheit. „Der kalte, flache und verlebte Weltmann,“ zu dem ihn Manche haben herunterdrücken wollen, ist er nicht. Richten wird ihn Gott, dies steht fest; aber nicht wird er ihn mit jenen „Lauen,“ vor denen ihn ekelt, nach dem Ausdrucke des Sendschreibens an die Laodicäer, „aus seinem Munde speien.“

Die Anklagen der Priester und Obersten sind verlautet. Da tritt der Landpfleger nachdenklich in das Richthaus zurück, und befiehlt, dass man Jesum aufs Neue vor ihn führe. Schweigend tritt der heilige Dulder in das Gemach seines Richters ein. Man merkt es dem Römer an, dass er sich einer gewissen Ehrfurcht vor dem wunderbaren Manne nicht erwehren kann; und wer kann das überhaupt? Die wildesten Spötter selbst empfinden den Stachel ihrer Ausfälle gegen den Herrn in ihrem eigenen Gewissen. Ja, sie versuchen vermittelst ihres Spottes nur das Gericht zu übertäuben, das ihrer Christusfeindschaft wegen in ihrem Innern über sie ergeht. Es ist dies ein entsetzlicher Zug; aber es beurkundet derselbe auch wieder die höhere Anlage und sittliche Natur des Menschen. Es müssen die Leute sich selbst bekämpfen, um nicht von der Stimme der Wahrheit, die in ihrem Innern sich geltend macht, genötigt zu werden, dem Herrn der Herrlichkeit wider ihr eigen Fleisch und Blut zu huldigen.

Ich gedenke hier des bekannten Briefwechsels eines unserer großen deutschen Dichter mit einer Gräfin, welche, in früheren Jahren die Genossin seines Sinnes, später zu dem Herrn bekehrt ward, und hinfort Alles aufbot, um auch den alten, gut heidnisch gesinnten Freund dem Evangelium des Friedens zu gewinnen. Der Freund spottet und lästert in seinen Briefen freilich nicht. Davor schützt ihn die hohe Bildungsstufe, auf der er steht, und der feine, gesellschaftliche Takt, der ihm eigen ist. Aber er erscheint in jedem seiner Worte befangen und verlegen, und sucht sich, so gut es gehen will, durch allerlei sophistische Künste und Winkelzüge aus seiner peinlichen Lage herauszuwinden. Wohl möchte er sprechen: „Unsere menschliche Bestimmung erstreckt sich über die Grenzen des diesseitigen Lebens nicht hinaus;“ aber ein besseres Gefühl, mächtiger als alle Spekulationen seines Kopfs, untersagt ihm gebieterisch solche Rede. Der ganzen Sache wäre schnell ein Ende gemacht, wenn er entschieden erklärte: „Ich erkenne in Jesu nur einen Phantasten und keinen Gott;“ aber unverkennbar macht ihm ein anderes, vom Glauben freilich noch unterschiedenes, aber nicht zu bewältigendes Bewusstsein solche unumwundene Erklärung zur Unmöglichkeit. Er bekehrt sich nicht, sondern schlägt, wie Saulus einst, nur leider mit besserem Erfolge „wider den Stachel aus;“ aber er fühlt den Stachel ebenso wohl, wie jener, und die Gewaltsamkeit seines Widerstrebens dient nur zum Zeugnis, wie nahe es ihm gelegt sei, dass er sich bekehre. Es kostet ihm Kampf, dem Rufe der befreundeten Evangelistin nicht zu folgen. Aus diesem Umstand aber erhellt, dass sich die Wahrheit dessen, was sie ihm predigt, in kräftiger Weise in ihm geltend macht, und dass das in seinen Gesichtskreis gerückte Christusbild Eindrücke in ihm hervorruft, in denen nur zu deutlich eine Wahlverwandtschaft zwischen ihm und dem Heiden Pilatus sich kundgibt.

Der Landpfleger beginnt sein Verhör mit der Frage: „Bist du der Juden König?“ Mit der weichen Betonung wohlwollender Gesinnung spricht er sie aus, als wollte er sagen: „Legst du es wohl darauf an, ein König der Juden zu sein?“ Er erwartet die Antwort: „Behüte! Wie sollte ich nach so hohen Dingen trachten?“ Viel gäbe er darum, solche Erklärungen aus seinem Munde zu vernehmen, teils, um daran einen Rechtsgrund zu gewinnen, die verhassten Juden mit ihrer Anklage amtlich abzuweisen, teils, um leichten Kaufs und unverletzten Gewissens mit dem Nazarener, dessen Unschuld ihm außer Zweifel steht, wieder auseinander zu kommen. Aber Jesus erzeigt ihm den gewünschten Dienst, die Frage zu verneinen, nicht; sondern bejaht sie vielmehr, nachdem er nur die falschen Anschauungen von seinem Königtum abgewehrt hat. Wie Pilatus, so pflegen übrigens Alle zu fahren, die sich mit Jesu, ohne in Untertänigkeit zu seiner Fahne zu schwören, friedlich auseinandersetzen möchten. Auch sie sprechen zu ihm: „Nicht wahr, für den einigen Seligmacher gibst du dich nicht aus?“ Er aber erwidert: „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“

Sie: „Wenn ich nicht glauben kann, aber doch sittlich lebe, nicht wahr, so darf auch ich ja hoffen, das ewige Leben zu ererben?“ Er: „Wer an den Sohn Gottes nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibet über ihm!“ Sie: „Nicht wahr, mehr als ein menschlicher Sittenlehrer und ein Tugendvorbild willst du nicht sein, und es genügt, dass wir in deinen Vorschriften die untrügliche Richtschnur unseres Wandels ehren?“ Er: „Ehe denn Abraham ward, bin ich; ich bin vom Himmel gekommen, und sie sollen den Sohn ehren, gleich wie sie den Vater ehren!“ Sie: „Aber unser Bruder bist du doch, und begehrst nur, dass wir dir nachfolgen, nicht aber als einem Gott dir leben, und unser Heil von dir erwarten.“ Er: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, und ihr werdet des Menschen Sohn sitzen sehen zur Rechten der Kraft, und wiederkommen in des Himmels Wolken, dass er die Böcke von den Schafen scheide!“

Seht, so gelangt man im Wege einer halben Anerkennung zu einem Abfinden mit Jesu nimmermehr. Alle, die im Bereiche geistiger Anschauungen mit ihm zusammentreffen, werden auch mehr oder minder in ihrem Innern überführt, dass er einen unbedingten Rechtsanspruch an ihre Huldigung und Unterwerfung habe. Entweder geben sie sich ihm hin, und sind dann selig in Seinem Frieden; oder sie versagen ihm Herz und Hand, und nehmen dann einen Bann und Stachel in ihrem Innern mit sich fort, dessen sie sich auch unter dem ärgsten Sündentaumel niemals wieder ganz entledigen werden. Wie Viele ziehen mit solchem stummen Fluch in ihrer Brust dahin! Ihr ganzer Unmut gegen Jesum findet darin seine Erklärung. Was tat ihnen der leutselige Herr, dass es so peinigend auf sie einwirkt, wenn nur irgendwo sein Name mit Liebe und Begeisterung genannt wird? Sagte ihnen nicht ein Gefühl, dass die Ansprüche Jesu auf ihre Untertänigkeit in der Tat gegründet seien, so würden sie ihn ja unangefochten gehen lassen, und sich gleichgültig und indifferent gegen ihn verhalten. Nun aber können sie die Berechtigung seiner an sie gestellten Forderungen nicht schlechthin leugnen, und wollen sich ihnen doch, um ihre Götzen nicht opfern zu müssen, weder beugen noch unterwerfen. Daher ihre Verstimmung gegen den Fürsten des Friedens! Daher ihr versteckter, bitterer Hass wider Alles, was Jesum lieb hat und ihm von Herzen anhängt!

„Bist du der Juden König?“ so Pilatus. Der Herr eröffnet nun seine Erwiderung mit der Gegenfrage: „Redest du das von dir selber, oder haben es dir Andere gesagt?“ In diesen Worten lag für den Landpfleger etwas tief Beschämendes, das ihn an seine Richterpflicht hätte mahnen sollen, auf Verdächtigungen nicht weiter einzugehen, die, gleich der von den Juden vorgebrachten, so offenbar den Stempel des Erlogenen an der Stirne trugen. „Aus dir selbst,“ wollte der Heiland sagen, redest du Solches sicher nicht, indem du, der du ja gleichfalls von meinem Tun Bericht empfangen haben wirst, von der Abgeschmacktheit der jüdischen Anklage sicher hinlänglich überzeugt bist. Wie aber verträgt sich das mit der Würde deines Amts, dass du eine so nichtige Beschuldigung nichtsdestoweniger einer so ernsten Behandlung würdigst?“

- Tiefer gefasst ergeht jedoch in den Worten des Herrn zugleich eine gnadenreiche Weckstimme an des Pilatus Herz, und der Frage ist auch diese Deutung zu geben: „Liegt dir für deine eigene Person daran, - und es sollte dir ja daran gelegen sein, - zu erfahren, ob und in welchem Sinne ich ein König sei; oder gab dir nur ein fremdes Gerede den Anstoß zu deiner Frage?“ Wenn Pilatus das Erstere hätte bejahen können, so würde ihm die Stunde, die eben vorhanden war, zu einer Stunde ewigen Heils geworden sein. Aber seine Antwort war nicht von der Art, dass der Herr sich hätte bewogen finden können, ihn tiefer in die Geheimnisse seines Reiches einzuweihen. Es ergeht übrigens jene Frage des Herrn auch heute noch an Alle. Von der höchsten Bedeutung ist es, ob man nur als Inquisitor durch Anlass von Außen, oder als Kundschafter und Schatzgräber aus Anregung inneren Bedürfnisses, dem Reiche der Wahrheit nahe tritt. Tausende richten an Christus die Frage, wer er sei, nur, weil sie zu wissen begehren, ob diese oder jene Theologie richtig und biblisch von ihm und seiner Sache lehre oder nicht? Leute dieses Schlages können es zu einer gewissen Meisterschaft in der Erkenntnis der göttlichen Dinge bringen; aber nimmer wird ihnen diese Weisheit, wie umfassend sie sei, zu Frieden und Heil gereichen. Diejenigen hingegen, die aus eigener innerer Bewegung, und im Interesse ihrer persönlichen Seelenwohlfahrt, fragend zum Herrn und zu seinem Worte kommen, werden „den König sehen in seiner Schöne,“ und das Geheimnis der Gottseligkeit entsiegelt finden.

Der Landpfleger hat die Worte des Herrn auch in ihrem tieferen Sinne nicht völlig missverstanden, und merkt gar wohl, dass Jesus ihm damit ins Herz greift, und eine Anregung geben will, mit seiner Frage nach dem Königtum, um das sich's handelt, Ernst zu machen. Kaum aber wittert er, dass, ob auch in den leisesten Übergängen erst, um ihn selbst und seine Huldigung geworben wird, so weicht er behände aus, und spricht mit einer Heftigkeit, die deutlich durchschimmern lässt, wie er in der Tat Etwas in sich zu bekämpfen habe, um mit dem geheimnisvollen Manne nicht in tiefere Berührungen zu geraten: „Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. So sprich denn, was hast du getan?“ Man sieht, wie er sich geflissentlich von ihm loszumachen sucht, als besorge er, es könne der Ehrfurcht gebietende Einfluss, den die Erscheinung Jesu auf ihn übt, ein immer stärkerer, ja am Ende gar ein überwältigender für ihn werden. „Bin ich ein Jude?“ fragt er, und will damit sagen: „Kannst du von mir erwarten, dass ich dich darauf ansehe, ob du wirklich der verheißene Messias seist? Was gehen uns, die Reichsbürger Roms, die Hoffnungen der Juden an?“ Bemerkt hier, wie Pilatus der Erfinder jenes bis zur Stunde noch so häufig angewendeten Kunstgriffs der Ungläubigen ist, das Alte, wie das Neue Testament nur als „orientalische Literatur“ zu behandeln, und ihre Entfremdung vom Christentum gleichfalls mit einem „wir sind keine Juden!“ beschönigen zu wollen. Man pflegt zu sagen: „Ein jegliches Volk hat seinen religiösen Ideenkreis; und was der Eigentümlichkeit der einen Nation entspricht, ist darum noch nicht für alle.“ Mit den Propheten, ja mit dem Herrn selbst und dessen Aposteln geht man nicht anders um, als mit den Weisen des griechischen Altertums, oder den Sufis der Perser und den Brahmanen der Inder. Dort „prüft“ man eben so wie hier, mit dem Vorgeben, „das Gute“ behalten zu wollen. Als eine ungehörige Zumutung aber weist mans ab, dass man zur Fahne einer „partikularen Religion,“ wie die Palästinensische sei, unbedingt schwören solle, als sei sie die „universale.“ Die Toren! Ist die Sonne etwa auch ein partikulares Licht, und für den Norden nicht nütze, weil sie im Osten aufgeht?

Der Herr sieht wohl, wie wenig der Prokurator geneigt ist, tieferen Erörterungen sein Ohr zu leihen; und so beschränkt er sich denn darauf, weil der Richter es also fordert, die Anklagen der Juden ins rechte Licht zu stellen. „Mein Reich,“ spricht er, „ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dannen.“ Wie einfach und zugleich wie schlagend sind diese Worte! Wie fällt vor ihnen die rohe Beschuldigung dahin, als habe er es auf eine politische Staatsumwälzung abgesehen gehabt! Lasst aber auch nicht außer Acht, mit welcher Sorgfalt er bei dieser Selbstverteidigung seine Worte wählt, damit er auch nicht anstreifend nur, noch durch eine bloße Auslassung, der Wahrheit zu nahe trete. Er verhehlt es nicht, dass er allerdings zur Gründung eines Reichs erschienen sei, und nennt dieses Reich ausdrücklich „Sein Königreich“; nur weist er die nichtswürdige Verdächtigung von sich ab, als habe er einen Umsturz der bestehenden Regierungsgewalten und die Stiftung eines neuen politischen Staatswesens im Schilde geführt. „Wäre dies meine Absicht,“ spricht er, „meine Diener (so nennt er in klarem Bewusstsein seiner Majestät nicht etwa seine Jünger, sondern die Legionen heiliger Engel,) würden darob kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde.“ Übrigens sagt er nicht, dass sein Reich gar keine Ansprüche darauf mache, auch einmal staatlich zur Weltherrschaft zu gelangen. Hiermit würde er mehr verneint haben, als in der Wahrheit gegründet war. Er bezeugt nur, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, und deutet durch das hervorgehobene „dieser“ unverkennbar an, dass ein andrer Äon, als der gegenwärtige, allerdings Seine Delegaten auf den Regentenstühlen, und Sein Wort und Evangelium als die Magna Charta aller Völker erblicken werde! Besonders zu beachten ist in dem Satze: „Nun ist mein Reich nicht von dannen,“ auch das Wörtlein „nun,“ das offenbar auf eine Periode hinüberzielt, in welcher sein Reich eine ganz andre Stellung auf Erden einnehmen werde, als gegenwärtig.

Mit Verwunderung und steigender Unruhe hört Pilatus der Rede des Herrn zu, und spricht dann, von großartigen Ahnungen über die Person des Verklagten bewegt: „So bist du dennoch ein König?“ Man hätte denken sollen, er werde jetzt gesprochen haben: „Ich sehe wohl, du bist kein König!“ Aber wie es scheint, ist's ihm nicht nur noch fraglich, sondern will's ihm immer noch fraglicher werden, ob dieser Jesus nicht wirklich, wenn auch in einem andern Sinne, als in welchem die Juden ihn für einen Thronprätendenten erklärten, ein König sei. Ähnliches aber, wie unserem Heiden, widerfährt mit der Person Christi auch heute noch gar Manchen. Freilich gibt's unter Vornehmen und Geringen, Gebildeten und Ungebildeten, eine große Menge in so hohem Grade verdumpfter und ins Fleisch verwachsener Seelen, dass für göttlich Hehres und Großes jedes Organ vermisst wird. Diese Menschen ahnen darum auch von dem Göttlichen in Jesu nichts. Ein Kieselstein nimmt keine Lichtbilder an; aber ein zartes Silberpräparat kann sich ihrer nicht erwehren. Ein Holzblock ertönt nicht, wenn ein Lufthauch anwehend ihn berührt, während in demselben Falle die Saiten einer Äolsharfe in harmonischen Schwingungen erzittern. Solche Menschen, die nur irgend noch eines Witterns höherer Natur und einer Geisteserhebung in die Sphären des Übersinnlichen fähig sind, setzen, in Unglauben verharrend, mit der Person Jesu sich nimmer völlig auseinander, mögen sie hundertmal mit erzwungener Bestimmtheit sprechen: „Er war doch nur ein Menschensind!” so braucht doch die evangelische Geschichte nur einmal wieder ihre heilige Bilderhalle vor ihnen zu öffnen, und mit heiler und ungebrochener Zuversicht werden sie jenes Wort nicht mehr auf ihre Lippen bringen können. Eine dunkle Ahnung, die unvertilgbar ihr Inneres durchzieht, legt wieder Einspruch dagegen ein, und in der Tiefe ihres Gemütes verlautet aufs Neue die stutzende Pilatusfrage: „So bist du dennoch ein König?” Und drängen sich nun gar in ihren Gesichtskreis die Wunderwirkungen seines Worts, der Entwicklungsgang seines Reichs, die Geschichte seiner Kirche: wohin wollen sie vollends dann mit ihrem bloßen „Menschen“ Jesus? Immer ungestümer ringt sich aus ihrem Innern die Frage los: „So bist du dennoch ein König?” Und wenn sie demunerachtet die Satansschanze ihres Unglaubens behaupten wollen, so bleibt ihnen nichts weiter übrig, als die Stimme der Wahrheit in ihrem Busen gewaltsam zur Lüge zu stempeln, was denn leider! auch Tausende nicht unterlassen, weil eine Anerkennung jenes Königes die Süßigkeit ihres Welt- und Sündendienstes ihnen kosten würde. Ich gedenke hier eines bekannten sächsischen Philosophen, der, nachdem er sein Leben lang mit allen Waffen sogenannter Wissenschaft gegen Jesum und sein Evangelium zu Felde gelegen hatte, in den Tagen seines Alters sonderlich aus Todesangst bis zu einem gewissen Grade seiner Verstandeskräfte beraubt ward, und nun häufig in eigentümliche religiöse Paroxysmen verfiel. Man sah ihn fast täglich in lauten Gesprächen mit sich selbst begriffen in seinem Zimmer auf- und abgehen, wo an einer der Wände zwischen andern Gemälden auch ein Christusbild hing. Vor diesem pflegte er jeden Augenblick Halt zu machen, und dasselbe mit grauenhaft durchdringender Stimme anzureden. „Du warst doch nur ein Mensch!“ begann er, Dann, nach einer kurzen Pause, fuhr er fort: „Wie, mehr, als ein Mensch, wärst du gewesen? — Anbeten soll ich dich? — Nein, ich bete dich nicht an, denn du bist Rabbi Jesus, Josephs Sohn von Nazareth!” — Er schries, und wandte dem Bilde den Rücken, Aber gleich darauf kehrte er mit der Miene eines tief Erschütterten zu ihm zurück, und rief mit bebender Lippe die Worte: „Was sagst du? — Du seist von Oben? — Wie siehst du mich so schaurig an? — O, du bist furchtbar! — Aber — du bist doch nur ein Mensch!“ — Er stürzte abermals davon; aber dann zurückwankend schrie er aufs Neue: „Wie, du bist in Wahrheit Gottes Sohn?!“ — In dieser Weise ging es fort, und tagtäglich erneuerten sich diese entsetzlichen Szenen, bis der unglückselige Mann einst vom Schlage getroffen tot dahinsank, und wirklich nun vor Dem als seinem Richter stand, der in seinem Bilde schon so durchdringend und zermalmend ihn gerichtet hatte.

— Auch von dem Manne, den wir in unserem heutigen Passionsauftritte mit so eigener Erregtheit fragen hören: „So bist du dennoch ein König?” sagt die Überlieferung, er sei als Verbannter zu Lyon im Wahnsinn gestorben. Sei dem nun, wie ihm wolle; jedenfalls bleibt es wahr, dass man nichts Gefährlicheres unternehmen könne, als dem Geist der Wahrheit, wo er bezeugend, warnend und strafend sein Amt an- und verrichtet, halsstarrig Widerstand zu leisten.

2.

„So bist du dennoch ein König?” fragt Pilatus. Da verlautet die Antwort des Herrn: „Du sagst’s; ich bin ein König! Ich bin dazu geboren; und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll, Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme!“ Also Er ist ein König!

So bezeugt er's unumwunden selbst. Auch nicht einen Augenblick gelang es der Schmach und den Martern, ‚die ihn überfluteten, das Bewusstsein von seiner übermenschlichen Würde und Majestät in ihm gänzlich zu verdunkeln.

— Möchten, ihr Brüder in dem Herrn, ebenso wenig die Schwachheit unseres Fleisches, und die mancherlei Trübsale, die wir zu durchgehen haben, je in unserer Brust das göttliche Kindschaftsbewusstsein völlig zu trüben vermögen!

— Ein König ist Christus. Ihr habt euch also nicht verirrt, die ihr sein Feldzeichen an eure Stirn nahmt, und euer Leben und Geschick seinen Händen anvertrautet. Ihr seid an den rechten Mann gekommen: denn er ist ein König. Vollkommen steht es demnach euch zu, nicht allein von einem Königreiche Christi zu reden, sondern auch dem letzten Zweifel an dessen endlichem Siege und einstiger Herrschaft über die Welt, Valet zu geben, wenn gleich sein Reich nicht „von,“ oder „aus“ der Welt, oder, wie er sich majestätisch wie Einer, der schon aus himmlischer Höhe auf die Erde herniederschaue, ausdrückt, nicht „von dannen“ ist, d. h. keinen weltlichen Ursprung hat. Er ist ein König! Wir sind somit in unserem Rechte, wenn wir, wie in diesen Tagen wieder geschehen wird, unsern Konfirmanden vor ihrer Aufnahme in die Gemeinschaft Seiner Kirche das feierliche Gelübde, ja die eidliche Beteuerung abnehmen, dass sie diesem ihrem rechtmäßigen Haupt und Oberherrn sich untertänig erweisen wollen bis in den Tod. Wir sind hierzu vollkommen befugt; oder sollen wir dies etwa ihrer Wahl und Willkür überlassen? Nimmermehr! Was würde ein Fürst zu dem Verfahren eines Delegaten sagen, der, zur Entgegennahme der Huldigung seiner Untertanen von ihm entsendet, zu den Kindern des Landes etwa sprechen wollte: „Ein Gelübde des Gehorsams nehme ich euch nicht ab, weil ich nicht weiß, ob ihr die Tüchtigkeit besitzen werdet, dasselbe in allen Stücken zu erfüllen?“ Der Fürst würde einen solchen Abgeordneten seines Dienstes entlassen, und dem Volke erklären, wer Anstand nehme, ihm unbedingt Untertänigkeit zu schwören, dem sei hiermit die Pforte seines Reichs geöffnet, und ihm aufgegeben, das Land zu räumen. Unsere Konfirmanden mögen in Erwägung ziehen, was sie verheißen, und nach den Quellen fragen, aus denen die Kraft zur Erfüllung ihres Gelübdes zu schöpfen sei. Aber schwören sollen sie, dass sie die Rechte seiner Gerechtigkeit halten und unwandelbar zu seiner Fahne stehen wollen. Wir fordern dies von ihnen im Namen dessen, der souverän über sie gebietet; wir fordern's mit dem Bewusstsein, dass wir ihnen damit nichts Anderes auferlegen, als was sie zu leisten schuldig und verpflichtet sind.

Christus ist ein König. „Ich bin dazu geboren,“ spricht er, „und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll.“ Also ein zweifaches „dazu“. Das erstere eignet dem Könige, der kein Emporkömmling, sondern als König geboren ist; wie auch die Weisen aus dem Morgenlande das Richtige trafen, als sie ihn als den „neugeborenen König der Juden“ begrüßten. Das zweite „dazu“ bezieht sich auf seinen Zeugenberuf. Mit jenem: „Ich bin geboren“ bezeichnet er seine Menschwerdung. Damit aber weder Pilatus, noch irgend Jemand, zu dem Gedanken sich verleiten lasse, als schließe sich in Jesu menschlicher Geburt sein ganzer Ursprung ab, lässt der Herr die Worte folgen: „Und ich bin in die Welt gekommen,“ und deutet damit auf seine himmlische Herkunft und auf sein Dasein vor seiner Erscheinung im Fleisch, ja, vor aller Schöpfung hin. Solche Zeugnisse seines eigenen Mundes von seiner ewigen, göttlichen Natur mögen wir aber hoch in Ehren halten. Sie steigen im Werte zu einer Zeit, die, wie die unsere, aller Lästerungen so voll ist, und so zuversichtlich keck Christum den Herrn zu einem bloßen Menschen zu stempeln sich erfrecht. Wäre Christus in der Tat nur ein Mensch gewesen, so wäre es allerdings um das Christentum geschehen, und es bliebe uns nur übrig, unsere Kirchen zu schließen, und alle unsere Hoffnungen zu Grabe zu tragen, weil letztere sämtlich auf der Gottheit Jesu Christi als auf ihrem wesentlichsten Fundamente ruhen. Darum, Brüder, ebenso fest gestanden zu diesem Artikel, als derselbe bündig und unzweideutig von der ganzen Heiligen Schrift bezeugt wird; und Fuß bei Mal1) gehalten in einer Zeit, in der, mit Petrus zu reden, „viele falsche Lehrer ihr Wesen treiben, welche nebeneinführen verderbliche Sekten, und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat, und werden über sich selber führen eine schnelle Verdammnis!“

Erquicklich ist es, wahrzunehmen, wie der Herr dem Römer zu Lieb unvermerkt von seinem Königtum auf sein Zeugenamt, und auf die „Wahrheit“ als das Objekt desselben überlenkt. Er hofft damit die Saite in Pilatus zu berühren, die ja vom Hall des Evangeliums noch am ersten wiedertönen werde. Nach Wahrheit fragte auch der verbildete Römer noch, schon weil dieses Fragen mit zu den griechischen Bildungs-Elementen gehörte, welche das sonst nur auf Taten bedachte Volk des Abendlandes sich angeeignet hatte. Ist doch das Fragen nach Wahrheit überhaupt ein Zug des menschlichen Wesens, der am letzten darin zu ersterben pflegt. „An das Verborgenste und Tiefste also,“ bemerkt hier Jemand treffend, mit dem ein Heide der Heilslehre noch empfänglich entgegen kommt, knüpft Jesus an. Er fasst den Pilatus an dem Einzigen, woran er noch so eben zu fassen war.“ Seht, so genau nimmt der leutselige Herr bei Ausübung seines Hirtenamtes die besonderste innere Beschaffenheit der Einzelnen, um deren Rettung er sich bemüht, in Obacht, und so sorgfältig spürt er den Zugängen nach, die an ihnen etwa für sein Heil noch offen stehen.

Christus kam übrigens nicht, den Wahrheit suchenden Geistern auf Erden als ihrer Bundesgenossen einer sich anzuschließen, sondern vielmehr sie zum Ziele zu führen, und dadurch den Sabbat ihnen einzuläuten. Ebenso wenig erschien er, um, wie so Manche sich das denken, die Wahrheit erst vom Himmel herabzubringen; sondern er kam, um, wie er selber sagt, „für die Wahrheit zu zeugen.“ Die Wahrheit war schon da, verwoben in die Geschichte Israels und eingekleidet in die Geistesworte Mosis und der Propheten. Christus gab ihr nur Zeugnis, und drückte ihr in umfassendster Weise das bestätigende Siegel auf, und dies dadurch, dass er in sich selber die Weissagung aufnahm, sie erfüllend, und das Gesetz, ihm nachlebend und zur leibhaftigen Verwirklichung ihm verhelfend. In seiner sittlichen Erscheinung stellt er den göttlichen Ursprung des Gesetzes, in seiner historischen denjenigen der Weissagung der Welt zur Schau. Er zeugte „für die Wahrheit,“ sofern er derselben in seiner Person das geheiligte Organ lieh, vermittelst dessen sie, niederblitzend Alles, was Lüge heißt, vor Himmel, Erd' und Hölle ihre ganze Herrlichkeit entfalten konnte. Wer Jesum ansah, hatte, wenn das Auge seines Geistes nicht schon ganz erblindet war, in einer Summa die tatsächliche Lösung der wesentlichsten Fragen seines Geistes und Gemütes vor sich. Er bedurfte hinfort keiner Meister mehr, welche ihm sagten, was von Gott und der Welt, von Himmel und Erde, von Tugend und Sünde, von der Menschen Be ruf und ihrer Zukunft zu halten, zu denken und zu glauben sei. Er wusste Alles schon, und wusste es mit einer abschließenden Sicherheit und Gewissheit.

Wie brachte aber der Herr, der niemals unharmonisch von einem Gedanken auf den andern übersprang, sein „Zeugen für die Wahrheit“ mit seinem Reich und Königtum zusammen? Wollte er etwa sagen, dass sein Reich nur ein Lehr-Reich, und er insoweit nur ein König sei, als er vermöge seiner Unterweisungen über die Geister herrsche? Keineswegs! Wir haben schon bemerkt, dass er an unserem Orte nicht von ferne daran denkt, seine königliche Macht und Hoheit darein zu setzen, dass er der Wahrheit Zeugnis gebe. Solch Zeugnis gibt er nicht als König, sondern als Prophet. Den Weg aber will er namhaft machen, auf welchem er's zur Aufrichtung seines Reiches bringe; und diese Andeutung gibt er in den Worten: „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Ja, diejenigen, die seine Stimme hören, sind seine Reichsgenossen. Der Ausdruck „aus der Wahrheit sein“ bezeichnet eine innere Vorstufe der Bekehrung, in die jedoch auch schon ohne Einwirkung einer „vorlaufenden Gnade“ Niemand eintritt. „Aus der Wahrheit“ ist von Natur kein Mensch, sondern „alle Menschen sind,“ wie die Schrift sagt „Lügner,“ indem sie die Finsternis mehr lieben, denn das Licht, weil das Licht sie in ihren Sünden straft und in ihrer Ruhe sie stört, und indem sie den Irrtum an ihre Brust drücken, und gegen die Erleuchtung sich sperren, weil letztere ihrem fleischlichen Behagen Gefahr droht, und zu einem Leben der Selbstverleugnung sie nötigt. So halten sie, wie sich Paulus einmal ausdrückt, „die Wahrheit in Ungerechtigkeit auf.“ Sobald aber der Geist, der gleich dem Winde „weht und geistet, wo er will,“ Raum gewinnt, weicht die Liebe zur Lüge dem heißen Begehren, von dieser frei zu werden.

An die Stelle des geflissentlichen Selbstbetrugs tritt die lautere Willigkeit, „Alles zu prüfen, und das Gute zu behalten;“ und vor der ehrlichen, ernsten Frage nach Wahrheit und Frieden zerstieben die Nebelgestalten des Wahns, an welchen bis dahin die arme Seele gekettet war. Gelangte man aber durch Wirkung des Geistes Gottes zu dieser Herzenseinfalt, so ist man denen zugesellt, die aus der Wahrheit sind. Dann rede nur, du Meister aus der Höhe, und wie tönt unsere innerste Wesenheit vom Hall deiner Licht- und Lebensworte wieder! Dann sprich dein „Kommet her, ihr Mühseligen und Beladenen,“ und wie gerne folgt man dem verheißungsvollen Zuruf! Dann entschleiere deine Herrlichkeit und Schöne, und wie fliegt Dir unsere Sehnsucht frohlockend in die Arme! Dann entrolle das Panier deines Kreuzes, und wie drängt man sich herzu, um Hütten zu bauen unter seinem Friedensschatten!

O, meine Brüder, wenn ihr samt und sonders aus der Wahrheit wärt, welch ein köstliches Geschäft wäre es, euch zu predigen, und welch eines Zuwachses würde allsonntäglich das Reich Gottes sich unter uns zu erfreuen haben! Tausenden aber widerfährt, was dem armen Pilatus, in welchem ein Anfang jener göttlichen Akustik gewirkt war, aber dem Heiligen Geiste von dem dareinredenden Fleische nicht Raum gelassen wurde, das schöne Werk zu vollenden. Hören wir denn nicht auf, liebe Freunde, den König der Wahrheit anzurufen, dass er uns Gewalt antue, und uns nicht lasse, bis er unsern Seelen die Saiten aufgezogen, in denen sein Wort einen vollen und bleibenden Wiederhall finde! Erflehen wir vor allem Andern uns ein aufrichtiges, kindlich unbefangenes Herz, und stimmen wir ein in die Worte des fünfundzwanzigsten Psalms :

Herr! behüte mich auf Erden,
Ich bin hilflos, rette mich!
Lass mich nicht zu Schanden werden,
Ich vertrau' allein auf dich.
Gib zur Schutzwehr meiner Seel'
Einfalt und gerades Wesen!
Ach, wann wirst du Israel,
Herr, aus aller Not erlösen? - Amen.

1)
„Fuß bei Mal“ ist eine alte deutsche Redewendung, die bedeutet, dass man fest an einem einmal gefassten Entschluss oder Plan festhalten soll.
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