Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXII. Die Anklagen.
„Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen,“ singt arglos unserer großen Dichter einer, der, wie weit er auch entfernt ist, das Urteil Gottes 1 Mos. 8, 21, in welchem „das Dichten des menschlichen Herzens böse“ heißt von Jugend auf, bestätigen zu wollen, dennoch mit jenem Ausspruch unbewusst, wie es den Kindern der Welt, wenn sie vor der Reflexion die unmittelbaren Eindrücke ihres Innern kund werden lassen, gar manchmal widerfährt, der Wahrheit Zeugnis gibt, und die Welt in ihrer natürlichen Beschaffenheit mit nicht geringerer Schärfe richtet, als es das Wort des lebendigen Gottes selber nur irgendwo getan hat. Jener Mann, sonst sehr geneigt, die menschliche Natur zu idealisieren, ja zu vergöttern, brandmarkt in jener Dichterstrophe sein Geschlecht als eine Horde, welche die Finsternis mehr liebe denn das Licht, indem sie, wo letzteres ihr begegne, den Glanz desselben nicht schnell genug zu dämpfen und mit den Schatten ihrer Verlästerungen zu trüben wisse. Ein entsetzlicher Zug dies in der sittlichen Physiognomie der Menschheit, wenn er ihr wirklich eigen, und nicht etwa nur angedichtet ist. Aber leider! gewährt die Erfahrung des Lebens der letzteren Annahme keine Stütze. Es darf das sittlich Reine und Erhabene sich nur zeigen, um auch alsobald sich angefochten und bemäkelt zu sehen. Das moralisch verkrüppelte Geschlecht der Adamskinder hasst den Spiegel und Maßstab nicht zwar des sogenannten Ideals, dem es seine Stelle in dem Bereiche des Traums und des schlechthin Unerreichbaren anweist; wohl aber der wirklichen heiligen Erscheinung, die ihm die Möglichkeit und die Notwendigkeit, dem Ziele höherer Vervollkommnung wenigstens sich anzunähern, vor Augen rückt, und angesichts derer es ihm nicht so leicht gelingt, über die eigenen Mängel und Gebrechen sich zu beruhigen. Dieser dämonische Widerwille gegen Alles, was als sittliches Musterbild maßgebend und Nachfolge fordernd auftritt, hat sich am großartigsten geoffenbart, als die Heiligkeit selbst in Person auf Erden wandelte. Es werden uns heute hiervon die erschütterndsten Proben begegnen. Mögen sie uns dazu dienen, uns in der Erkenntnis unseres natürlichen Herzens zu fördern!
Matth. 27, 11. Luk. 23, 2.
Jesus stand vor dem Landpfleger; und sie fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Diesen finden wir, dass er das Volk abwendet, und verbietet, dem Kaiser den Schoß1) zu geben, und spricht: Er sei Christus, ein König.“
Nachdem die Juden den ersten Sieg über den Landpfleger davon getragen, - denn als einen Sieg durften sie sich's anrechnen, dass es ihnen gelungen war, das feige Wort ihm abzutrotzen: „Nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach euerem Gesetz;“ - gehen sie mit wachsendem Mute in ihren Operationen weiter, und rücken nun mit Aussagen wider ihren Verhafteten hervor, durch welche sie den Römer vollends zu erschüttern und zu Gunsten ihres mörderischen Projekts gefangen zu nehmen hoffen. Sie kennen die schwachen Seiten des Prokurators: seinen Amtsstolz, seinen Ehrgeiz und namentlich seine Abhängigkeit von der Gnade seines gekrönten Herrn zu Rom; und gegen diese seine Achillesferse richten sie fortan ihre Waffen. Sie hüten sich, an der ungeeigneten Stelle des heidnischen Tribunals Beschuldigungen gegen Jesum zu wiederholen, wie sie sie in ihrem jüdischen Synedrium mit Erfolg gegen ihn erheben konnten. Statt des kirchlichen Prozesses machen sie ihm vor Pilatus den politischen. Sie geben dem Herrn ein dreifaches Verbrechen schuld, das, weil es ihm auch wohl heute noch in einem gewissen Sinne von seinen und seines Reiches Feinden aufgebürdet wird, einer näheren Beleuchtung wert ist. Sie legen ihm zur Last zuerst, dass er das Volk abwende; dann, dass er verbiete, dem Kaiser den Schoß zu zahlen; und endlich, dass er sage: Er sei Christus, ein König. Sehen wir, was es mit diesen Beschuldigungen auf sich habe. Verhelfe uns aber der Herr durch unsere Betrachtung namentlich zu einer klaren Anschauung von dem Verhältnis, in welchem das Christentum zu den obrigkeitlichen Gewalten steht!
1.
„Diesen haben wir gefunden, dass er das Volk abwendet!“ Dies die erste der drei wider ihn erhobenen Beschuldigungen. Sie wollen sagen: „Der Mann erschüttert das Ansehen der Autoritäten!“ Die Nichtswürdigen, die selber von revolutionären Gelüsten strotzten, und unablässig darauf bedacht waren, das Volk gegen die römische Oberhoheit aufzuwiegeln! Doch ohne irgendeinen Schein von Begründung hätten sie eine Beschuldigung, wie die ausgesprochene, gegen Jesum wohl nicht vorzubringen gewagt. Einen Schein dieser Art bot ihnen aber die Stellung, aber auch nur diese, die der Herr zu den Priestern und Schriftgelehrten eingenommen hatte. Denn was zuerst die Priester betrifft, so leitete der Herr seine Jünger allerdings dazu nicht an, auf sie als auf ihren wirklichen Mittler ihr Vertrauen zu setzen, und in ihren Opfern die Ursache ihrer Rechtfertigung vor Gott zu suchen. Wenn er nun hierdurch dem öffentlichen Ansehen der Söhne Aarons Abbruch tat, so tat Er damit nichts mehr, als dass er dieses Ansehen auf das von Gott gewollte richtige Maß zurückführte, und die Verehrung, in der das Volk ihnen huldigte, von den Elementen eines bedenklichen Wahns und Aberglaubens reinigte, die sich hin und wieder im Widerspruch gegen das Wort Gottes an dieselbe angesetzt hatten. Wo aber hätte er je dem Priestertum Israels die Autorität einer göttlichen Stiftung abgesprochen, und wo demselben die Ehrfurcht und Untertänigkeit versagt, oder versagen heißen, die als einer solchen Gottesstiftung ihm gebührten? Seine Stellung zum Priestertume war freilich eine eigentümliche, ja einzigartige. Auf Ihn hatte dasselbe als ein prophetischer Schatten hingedeutet, und in Ihm sollte es als in seinem wesentlichen Ur- und Gegenbilde sein Ziel und seine Endschaft erreichen. Aber nicht vermittelst eines gewaltsamen Umsturzes sollte dies geschehen, sondern in dem ebenen und geheiligten Wege einer allmähligen Entwicklung. Von selbst und vermöge einer inneren Notwendigkeit sollte das Priestertum der alten Hütte dem wahren und wesenhaften weichen, wie der sich entwickelnden Frucht die Blüte, oder wie dem hervorbrechenden Zwiefalter das Raupengespinst, seine Windel, weicht. So lange Er darum nicht sämtlichen Anforderungen seines hohenpriesterlichen Berufs entsprochen hatte, und namentlich das große Sühnopfer am Kreuz noch nicht gebracht war, gab er dem levitischen Priestertume um Gottes und der Verordnungen seines Wortes willen alle Ehre. Nicht allein besuchte er den Tempel als Gottes Haus, und feierte die Feste Israels als göttlich geheiligte mit; sondern unterwarf sich auch gehorsam allen durch Moses gebotenen levitischen Satzungen von der Beschneidung und der Darstellung im Tempel an bis zum Essen des Passahlammes. Und nicht dies allein, sondern er verfehlte auch nicht, Andere zur pünktlichsten Erfüllung dieser ihrer kirchlichen Verpflichtungen anzuhalten; wie er es denn z. B. den durch ihn geheilten Aussätzigen nicht einmal erließ, sich den Priestern darzustellen, und die Gabe zu opfern, die Moses für diesen Fall befohlen hatte. So wenig also traf ihn der Vorwurf, er setze die göttlich verordneten Autoritäten herab, dass dieselben vielmehr an ihm ihre kräftigste Stütze fanden; und so weit war er entfernt, das Band zwischen dem Volk und seinen Oberen zu lockern, dass er vielmehr Allen, die ihm nahe kamen, die unbedingteste Untertänigkeit gegen dieselben, freilich unter Beseitigung der abergläubischen Beimischungen, einzuschärfen pflegte.
Und wie zum Priestertume verhielt sich der Herr zu den Ältesten des Volks, gleichviel, ob sie Pharisäer oder Sadduzäer waren. Freilich strafte er als der Meister Aller ihre Verirrungen und Sünden, und sprach, wie unter anderen aus Mark. 7, 13 erhellt, ihren menschlich ersonnenen „Aufsätzen“ und „Überlieferungen“, durch welche das Wort Gottes nur abgeschwächt, ja aufgehoben werde, jede Berechtigung ab. Nichtsdestoweniger aber erkannte er ihre göttliche Bestallung unweigerlich an, wie ihr euch ja seines Matth. 23, 2-3 sowohl an seine Jünger, als an das ganze Volk gerichteten Worts erinnern werdet: „Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, das ihr halten sollt, das haltet und tut. Nur nach ihren Werken sollt ihr nicht tun!“ Hieß dies das Ansehen der Autoritäten schwächen; oder nicht vielmehr, dasselbe stützen, stärken und befestigen?
Es wird aber heute noch wenigstens dem Christus der evangelischen Kirche, der als der biblische allerdings ein etwas anderer als der Christus der römischen ist, Seitens letzterer wirklich Ähnliches vorgeworfen, wie das, dessen damals die Juden ihn bezichtigten. Die Veranlassung hierzu gibt das von Christo selbst begründete und in unserer Kirche geltend gemachte „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“, kraft dessen diese zu einer unmittelbaren Gemeinschaft mit Christo berufen sind, und vermittelnder Vertreter zwischen sich und Ihm nicht mehr bedürfen. Ein Priesterstand mit mittlerischen Vorrechten findet hier allerdings ebenso wenig mehr Platz, als zur Anrufung verklärter Heiligen um ihre Fürsprache hier noch irgend Anlass und Beweggrund bleibt. Wenn nun eine Abmahnung von dem Wahne, als sei für den sogenannten „Laien“ der Ablass, die Vergebung, ja jegliche Gebetserhörung und Gnade nur durch einen menschlich hierarchischen Dazwischentritt zu erlangen, eine Erschütterung der Autoritäten heißen darf, dann trifft allerdings unseren, d. h. den wahren Christus, der Vorwurf, dass er „das Volk abwende.“ Aber es ist dies eben kein Vorwurf mehr, sondern ein Ruhm; denn er wendet das Volk von Autoritäten ab, die, weil von Gott nicht geordnet und gesetzt, in der Tat diesen Namen nicht verdienen. Hierdurch ist aber nicht ausgeschlossen, dass er für die amtlichen Ordnungen der Kirche, die Er ja selbst gegründet und geheiligt hat, aufs nachdrücklichste, wenn auch im Geiste evangelischer Freiheit, die Unterwerfung der Gläubigen in Anspruch nimmt. Das Hirtenamt mit seinen verschiedenen Berufskreisen ist seine Stiftung. Er spricht zu den Trägern seines Worts: „Wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Er bezeichnet uns dieselben als „die Haushalter über Gottes Geheimnisse,“ und legt seinem Apostel an die Glieder der Gemeinden den Zuruf in den Mund: „Die Ältesten, die wohl vorstehen, sind zwiefacher Ehre wert. Gehorcht eueren Lehrern und folgt ihnen!“ Seht, so stützt der Herr die kirchlichen Gewalten, welche auf göttlichen Einsetzungen beruhen; und nur unberechtigte, dem Worte Gottes widerstreitende Anmaßungen weist er, wie sich's gebührt, mit durchgreifendem Ernst und Nachdruck ab.
2.
Die zweite Anklage, die vor dem Landpfleger wider den Herrn erhoben wird, lautet: „Er verbeut, dem Kaiser den Schoß zu geben.“ Fürwahr, eine ungerechtere Beschuldigung, als diese, hätten sie nicht wider ihn ersinnen können! Es gebricht derselben auch an dem entferntesten Scheine der Wahrheit, und wir müssen glauben, dass sie ihnen nur von dem noch nicht verrauchten Grimme über die beschämende Abfertigung eingegeben worden sei, welche sie einst, als sie dem Herrn eine empörerische Äußerung abzulocken versuchten, seinerseits erfahren hatten. Lukas berichtet uns diesen Vorgang im 20sten Kapitel seines Evangeliums. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten trachteten damals schon, „wie sie die Hände an ihn legten;“ aber ihr böses Gewissen flößte ihnen noch Furcht vor dem Volke ein, in dessen Gunst und Achtung sie selbst allerdings schon bedeutend zu sinken begannen. Da suchten sie denn, was sie im Wege der Gewalt nicht auszuführen wagten, durch List und unter dem Scheine des Rechts zu erzielen, und bewogen einige Nichtswürdige aus ihrer Mitte, in die Larve der Frömmigkeit verhüllt, ja, zu heimlichen Jüngern des Herrn verstellt, es darauf anzulegen, Jesum irgendwie dergestalt in seiner Rede zu fahen, dass sie ihn mit einem ostensibeln2) Grunde dem Arm der weltlichen Gerichtsbarkeit überliefern könnten. Die bestochenen Emissäre treten denn wirklich mit dem Anschein ehrerbietiger Ergebung zu Jesu hin, und sprechen, die unschuldige Miene ratsbedürftiger Schüler affektierend: „Wir wissen, Meister, dass du aufrichtig redest, und lehrst recht, und achtest keines Menschen Ansehen, sondern lehrst den Weg Gottes nach der Wahrheit. Ziemt es uns, dem Kaiser den Schoß zu geben, oder nicht?“ Das Netz war fein gestellt; aber nur, damit es über sie selbst zusammenschlage. Der Herr hat ihren Anschlag sofort durchschaut, und reißt ihnen mit der einfachen Frage: „Was versucht ihr mich?“ die Heuchlermaske ab. Dann fährt er fort: „Zeigt mir einen Groschen!“ Dies geschieht. Da nimmt er den Denar, hält ihnen denselben vor, und fragt: „Wes ist das Bild und die Überschrift?“ Die Antwort lautet: „Des Kaisers!“ Der Herr schließt: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ „Sie aber,“ berichtet die Geschichte, „konnten ihn in keinem Worte fangen vor dem Volk; und sie verwunderten sich seiner Antwort und schwiegen still.“
Jener eine Ausspruch des Herrn reicht vollkommen hin, über sein politisches Prinzip, wenn ich es so nennen darf, uns vollständig ins Klare zu sehen. Ein heidnischer Kaiser herrschte über Judäa, ein Feind Gottes und Seiner Sache; aber er herrschte, er führte das Zepter. Die Münze, die sein Bildnis trug, war des Zeuge. Der Herr hieß dieselbe ihm wieder geben, dessen sie sei. Was bezeugte er hiermit, als was später in seinem Namen Römer 13, 1-3 in ausdeutender Form sein Apostel uns zuruft: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, da ist sie von Gott geordnet. Wer sich nun wider die Obrigkeit setzt, der widerstrebt Gottes Ordnung. Die aber widerstreben, werden sich selbst ein Urteil zuziehen!“
- Christus ist also so wenig ein Aufrührer, dass er vielmehr jeder Auflehnung gegen eine bestehende obrigkeitliche Gewalt, welche diese auch immer sei, als einer Empörung gegen die. Majestät Gottes selber das Gericht droht. Er gebietet uns in seinem Worte, „untertan zu sein mit aller Furcht nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen (d. i. den unbilligen und verkehrten) Herrn.“ Herrscht ein Tyrann über uns, so steht's nach unserer Magna Charta, der Heiligen Schrift, keinen Augenblick in Frage, was uns obliegt. Wir haben in dem Treiber und Despoten eine von der Hand Gottes wider uns geschwungene Zuchtrute zu erkennen, und, unserer Sünden eingedenk, derselben uns still zu beugen. Auch die schreiendsten Ungerechtigkeiten, die Seitens einer rechtmäßigen Obrigkeit uns widerfahren, entbinden uns nicht von der Pflicht des Gehorsams gegen sie. Gebeut uns die Obrigkeit, was unserem Gewissen und dem Worte Gottes zuwider läuft, so ziemt uns allerdings ein leidentlicher Widerstand; aber ein Weiteres ist uns nicht gestattet. Wir versagen in aller Ehrerbietung den Gehorsam; nehmen aber um des Herrn willen die Folgen dieses unseres Schrittes geduldig hin. Diese Grundsäge stehen als christliche unwidersprechlich fest. Der Herr hat sie proklamiert, und durch persönlichen Vorgang ihnen das Siegel aufgedrückt.
3.
Die dritte und letzte Anklage wider Jesum lautet dahin, er habe gesagt er sei „Christus, ein König.“ Sie wollen dies von Pilatus im politischen Sinne verstanden wissen. Wie weit aber der Herr davon entfernt war, eine solche Vorstellung von der Absicht seines Kommens in die Welt zu veranlassen, oder zu nähren, ist euch bewusst. Oft legten es die Juden darauf an, ihn in die Rolle eines weltlichen Königs gewaltsam hineinzutreiben, und würden ihn als einen Befreier seines Volks von dem schmählichen Joche der Fremdherrschaft auf den Händen getragen und mit Huldigungen und Ehrenkränzen überschüttet haben. So oft sich aber eine derartige fleischlich enthusiastische Bewegung unter ihnen bemerkbar machte, wich er ihnen aus, und verbarg sich vor ihnen. Wenn sogar seine Jünger dergleichen sinnliche Begriffe von dem Reiche, das er aufzurichten erschienen sei, kund werden ließen, verfehlte er nicht, sie ernstlich deshalb zu strafen, ihre Irrtümer zu berichtigen, und ihnen immer aufs Neue einzuschärfen, dass sein Reich nicht mit „äußerlichen Gebärden“ komme, sondern „inwendig in ihnen“ sei. Die Juden waren sich's ebenfalls sehr wohl bewusst, wie fern ihm je und je die Absicht gelegen hatte, ein Königtum nach ihrem Sinn zu gründen. Dass er dies nicht gewollt, war's ja eben, was sie vor allem Andern verdrossen, und ihre Feindschaft wider Ihn entzündet hatte. Nichtsdestoweniger geht ihre Frechheit und Verlogenheit so weit, das jetzt als sein eigenes Gelüste ihm anzudichten, was sie, jedoch erfolglos, immer aufs Neue als Versuchung an ihn heranzubringen sich bemüht. Sie eröffnen uns damit einen neuen Blick in die Schliche und Ränke des verderbten Menschenherzens, und erweisen sich als trefflich geschulte und ausgelernte Kinder des Lügenvaters.
Ihr wisst, dass das Bestreben, Christum zu einem weltlichen Könige zu stempeln, mit den jüdischen Schriftgelehrten und Pharisäern auf Erden nicht ausgestorben ist. Es besteht eine Kirche, die bis heute es nicht als eine Anklage, sondern als einen Ruhm dem Herrn nachsagt, dass er ein Reich „von dieser Welt“ habe gründen wollen. Sie lässt Christum beide Schwerter, das geistliche wie das weltliche, dem Petrus, und durch diesen dessen vorgeblichen Nachfolgern, den Päpsten, als den Kirchenhäuptern, übergeben; und so weit Fürsten und Könige in der Welt regieren, führen dieselben das obrigkeitliche Schwert nur aus Übertrag der Kirche, und von der Kirche zu Lehen. Sie bleiben darum der letzteren fronpflichtig und untergeben. Die Kirche ist berechtigt, ihnen, falls sie ihr die beanspruchten Dienste versagen wollten, ihre Macht und Gewalt wieder zu entziehen und die Völker von den denselben geschworenen Eiden zu entbinden. Nicht spricht diese Kirche dem Apostel nach: „Die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich;“ sondern erachtet sich für berufen, vermittelst beider Schwerter ihre Grenzen zu schirmen und zu erweitern. Sie hat für die Ungehorsamen ihrer Kinder Bannstrahlen und Interdikte, für die Ketzer Kerker und Blutgerüste. Sie erklärt in ihren Interessen Kriege und ordnet Kreuzzüge an. Sie hat mehr als einmal den Aufruhr heiliggesprochen, und den Tyrannenmord nicht missbilligt. Zur Feier der Pariser Bluthochzeit ließ sie Gedächtnismünzen schlagen; und von einer Mission durch Feuerschlünde erzählt uns die Geschichte der Insel Otaheity3). Ob es im Sinne des Meisters gelegen habe, dass seine Kirche, diese Braut des Himmels, in solche Gewande sich kleide, darüber benimmt uns nur ein Blick in die Evangelien den letzten Zweifel. Der Herr gibt seinen Boten den Friedensgruß mit auf den Weg, und nicht das Herrscherwort und den Bannspruch. Mit der Sanftmut gürtet er sie, und mit der dienenden Liebe, und nicht mit der Strenge und dem inquisitorischen Rigorismus. Er bezeichnet ihnen ihre Arbeit als einen Samariter-, und nicht als einen Treiber- und Ketzerrichterdienst, und schildert das Evangelium als einen Sauerteig; nicht aber als einen Keil, der mit ehernem Hammer eingetrieben werden müsse. „Feurige Kohlen“ für die Widersacher fordert allerdings auch Er; aber nur solche, die ihnen durch Geduld und unermüdliche Helfertreue auf das Haupt zu sammeln seien. Auch Er will, dass man diejenigen, welche noch draußen sind, „hereinnötige in sein Haus;“ aber Er will sie auf den Gassen und hinter den Zäunen leutselig aufgesucht und mit der Friedensbotschaft: „Kommt, es ist Alles bereit!“ gegrüßt sehen. Auch Er begehrt, dass man Gefallene und Abgewichene dem Irrtume ihres Weges nicht überlasse; aber er verlangt, dass die Zucht an ihnen damit eingeleitet werde, dass man ihnen in Demut die Füße wasche. Überdies fordert Er von den Seinen denen gegenüber, die an ihnen sündigen, ein „slebenmalsiebenzigmaliges Verzeihen,“ und ruft ihnen allen, insonderheit aber den Trägern des Hirtenamtes zu: „Ihr wisst, dass die weltlichen Fürsten herrschen, und die Großen haben Gewalt. So soll es nicht sein unter euch; sondern so Jemand will unter euch groß sein, der sei euer Diener; und wer da will unter euch der Vornehmste sein, der sei euer Knecht!“
So gewiss aber Christus ein Reich im Sinne der Welt nicht zu gründen kam, so gewiss wird sein Reich nichtsdestoweniger einst alle Reiche der Erde in sich aufgehen sehen, und selbst zum Weltreich werden. Dies aber nicht vermittelst gewaltsamer Umwälzungen und fleischlicher Operationen von Außen, sondern im Wege einer freien Entwickelung von Innen heraus durch schöpferische Bewirkung des Heiligen Geistes. Die Machthaber der Erde werden huldigend ihre Zepter und Kronen zu Christi Füßen niederlegen, um sie geweiht und zu Lehen aus Seinen, des Königs aller Könige, Händen zurückzuempfangen. Die Völker, erleuchtet, und zu dem Hirten und Bischof ihrer Seelen bekehrt, werden mit Lust und Liebe einem Regimente sich unterwerfen, in welchem sich ihnen nur die sanften Zügel ihres Friedensfürsten fühlbar machen werden. Die Gesetzgebung wird im Worte des lebendigen Gottes wurzeln, der Staatshaushalt auf Grundlagen des Evangeliums ruhen. Die Opfer, die das Gemeinwohl erfordern wird, werden im Drange freier Liebe dargebracht, und die Schwerter in Pflugscharen, die Spieße in Sicheln verwandelt werden. Auf diese Jubelperiode des Reiches Christi schaut Daniel mit seinem Seherblick hinüber, wenn er frohlockend ausruft: „Aber das Reich, die Gewalt und Hoheit der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volke des Höchsten gegeben werden, des Reich ewig ist; und alle Gewalt wird ihm dienen und gehorchen.“
Ebenso deutet Sacharia auf diese Weltverklärung in Christo hin, wenn er bedeutungsvoll weissagt: „Zu der Zeit wird auf den Schellen der Rosse stehen: Heilig dem Herrn; und werden die Kessel im Hause des Herrn gleich sein, wie die Becken vor dem Altar. Ja, es werden alle Kessel in Jerusalem und Juda dem Herrn Zebaoth heilig sein, also, dass Alle, die da opfern wollen, werden kommen, und dieselbigen nehmen, und darinnen kochen. Und wird kein Kanaaniter mehr im Hause des Herrn sein zu der Zeit.“ Der Lobgesang für diese Tage des Triumphs und der Vollendung liegt im Archiv der göttlichen Offenbarungen schon bereit und lautet: „Nun sind die Reiche dieser Welt unseres Gottes und seines Christus worden!“ Der Herr aber vertröstet uns auf diese Tage, indem er uns täglich in Hoffnung selig beten lehrt „Dein Königreich komme!“
Wir haben uns überzeugt, Geliebte, dass ungegründeter nichts sein könne, als die Anklagen es waren, die vor Pilatus wider den Herrn erhoben wurden. Jede gegen ihn eingeleitete Untersuchung schlug nur zu seiner größeren Verherrlichung und Verklärung aus. Wie freuen wir uns des! Denn wie sehr wir persönlich dabei beteiligt sind, dass er aus jedem Gericht gerechtfertigt hervorgehe, wisst ihr. „Er wird den Schmuck tragen,“ heißt es von ihm bei dem Propheten. Er trug und trägt ihn; aber nicht bloß für sich. Sein Schmuck ist der unsere zum Tage der Offenbarung und des Gerichts. Von ganzem Herzen getrösten wir uns des, und stimmen freudig ein in die Worte des Kirchensängers:
Du, Jesu, giltst vor Gott allein
Mit deinem Tun und Leiden;
Hüllt da der Glaube mich hinein,
Was will von Gott mich scheiden?
Du selbst gibst mir das Ehrenkleid,
Den Brautschmuck der Gerechtigkeit;
Damit werd' ich bestehen! - Amen.