Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXI. Christus vor Pilatus.
Wenn Paulus Apostelgesch. 14, 16 zu den heidnischen Lystrensern sagt: „Gott habe in vergangenen Zeiten alle Heiden ihre Wege wandeln lassen“, so geht seine Meinung keineswegs dahin, es habe Gott sich um die Heiden nicht bekümmert, noch ihrer Führung und Erziehung sich angenommen. Vielmehr fügt der Apostel selbst gleich nachher hinzu, Gott habe sich auch an ihnen nicht unbezeugt gelassen. Sein Gedanke ist vielmehr der, der Allmächtige habe im Interesse eines die Welt umfassenden Heils- und Friedensplanes den Völkern außer Israel für eine Weile Raum zu dem Versuche geben wollen, wie weit sie es aus eigenem Vermögen im Werke sittlicher Vervollkommnung und wahrer Selbstbeglückung bringen könnten. Zur Zeit der Erscheinung Christi hatte die Welt in diesen Versuchen ihre Kraft erschöpft; und nicht zu leugnen ist's, dass in Gewerbsfleiß, gemeinnützigen Erfindungen, gesellschaftlichen Organisationen, so wie in Staatsverfassungen, in Kunst und Wissenschaft Großes genug geleistet war, um in dem Menschen immer noch den gefallenen König, den einstmaligen Beherrscher der Erde zu verraten. Das römische Reich bildete gleichsam den Vereinigungspunkt und Stapelplatz alles Hehren, Glänzenden und Schönen, was die menschliche Schöpferkraft im Laufe der Jahrtausende zu Stand und Wesen brachte.
War aber das römische Weltreich nun ein Gottesreich an Erleuchtung, Sitte und innerer Befriedigung? Fragt die Geschichte, und sie wird euch sagen, dass in dem Momente, da man hätte denken sollen, es müsse jetzt ein solches sein, statt der Wahrheit der folternde Zweifel, statt der Sittlichkeit das raffinierte Laster, und statt des Friedens ein allgemeines inneres Missbehagen die Menschheit beherrschten, und der mit dem Besten und Köstlichsten aller Nationen ausgestattete Riesenstaat gerade auf dem Gipfelpunkte seiner Herrlichkeit alle Symptome einer nahen Auflösung an sich trug, und wirklich unaufhaltsam seinem Untergang entgegenreifte.
Wir werden schon heute, jedoch noch gründlicher im ferneren Verlauf unserer Betrachtungen, die Bekanntschaft eines Mannes machen, der, als geborener Patrizier der Blüte seines Volkes, des römischen, angehörig, und auf der Höhe der Bildung seines Jahrhunderts stehend, das damalige Heidentum nach allen Seiten hin vertritt, und unsere soeben ausgesprochene Behauptung durchaus bestätigt. Dieser Mann ist Pontius Pilatus. Als ein lebendiger Spiegel seines Volkes und seiner Zeit durchschreitet er die Passionsgeschichte; und bedürften wir etwa für unsere Überzeugung von der Notwendigkeit einer Welterlösung, oder der Rechtzeitigkeit der Erscheinung Christi, einer neuen Stärkung und Befestigung, so wird eine nachdenkende Betrachtung jenes Mannes, der den interessantesten und bedeutsamsten Figuren der Leidensgeschichte beigehört, auch diese uns gewähren.
Johannes 18, 28-30.
Da führten sie Jesum von Kaipha in das Richthaus. Und es war früh. Und sie selbst gingen nicht in das Richthaus, auf dass sie nicht unrein würden, sondern Ostern essen möchten. Da ging Pilatus zu ihnen heraus, und sprach: „Was bringt ihr für Klage wider diesen Menschen?“ Sie antworteten und sprachen zu ihm: „Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet.“
Wenn in einer leise bewegten Wasserfläche die Sonne wiederscheint, so tritt uns an einem Punkte dieses Naturspiegels ihr volles Bild entgegen, und fast will uns scheinen, die Königin des Himmels sei von ihrem Wolkenthrone in die Tiefe der blauen Flut herabgestiegen. Zugleich aber strahlt in verjüngterem Maßstabe das majestätische Gestirn uns auch wieder aus jedem kräuselnden Wellchen an, und glanzdurchwoben und sonnendurchwirkt erscheint, so weit das Auge reicht, das ganze Gewässer. In ähnlicher Weise wirft uns die heilige Passionsgeschichte als Ganzes den vollständigen Umriss des göttlichen Erlösungsplanes zurück; jedoch spiegelt sich der Friedensratschluss des Allerhöchsten auch wieder in jedem einzelnen Zuge dieser Geschichte, wie geringfügig und unscheinbar derselbe auch immer sein mag. Wir werden heute Gelegenheit finden, uns aufs Neue hiervon zu überzeugen. Für wenig bedeutend möchte man den historischen Abschnitt halten, vor dem wir mit unserer Betrachtung stehen; und doch ist auch er wieder ganz dazu angetan, uns das Bürgen- und Mittlertum des Herrn mit den hellsten Schlaglichtern zu beleuchten.
Wir richten den betrachtenden Blick zuerst auf die Abführung Jesu zu Pilatus; dann auf den Eintritt desselben in das Richthaus; und endlich auf den Beginn der richterlichen Verhandlungen.
Gebe auch zu der heutigen Passionsstation der Geist der Wahrheit uns das Geleite, und lehre er uns ausbeuten zu unserem Heil, was wir schauen und vernehmen werden!
1.
Der Tag ist eben angebrochen; und ihr wisst, was für einer! Der verhängnisvollste, entscheidendste und folgenreichste Tag der Welt. Mit schauerlichen Insignien begrüßt er unsern Herrn. In blutigem Gewande, den Dornzweig zum Kranz für seine Stirne in der einen, in der anderen Hand die Geißel, den Todesbecher und das Fluchholz, naht er ihm. Über uns aber geht er auf, mit der Friedenspalme, dem göttlichen Freibrief und der himmlischen Lebenskrone. O heil’ger Freitag, Tag der Erbarmungen Gottes, Geburtstag unserer ewigen Erlösung, sei uns gesegnet, sei auf den Knien von uns gegrüßt!
Wir treffen die heilige Stadt in ungewöhnlicher Bewegung. Auf den Straßen wogt's von Menschenmassen. Ein Schauspiel, wie das eben sich entfaltende, erlebte man noch nie. Der ganze hohe Rat hat sich in seiner Gesamtheit aufgemacht, um in feierlicher Prozession einen zum Tode verdammten Delinquenten dem römischen Gerichtshof zuzuführen, und diesem die Bestätigung des Urteils abzutrotzen. Und wer ist der Dahingeschleppte? Derselbe, welcher einst in der nämlichen Stadt unter gleichem Zusammenlauf des Volks mit rauschendem Hosiannaruf empfangen, und wie niemals Einer zuvor erhoben und gefeiert wurde. Jesus von Nazareth ist's, welchen damals der Jubelchor umklang: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ und welchem selbst die Feinde das Zeugnis nicht versagen konnten, dass in ihm ein „großer Prophet“ unter ihnen aufgestanden sei. Jetzt begegnet er uns als ein Fluch- und Fegeopfer desselben Volkes, das ihm einst Palmen gestreut und Kränze gewunden! So hat sichs mit der Gunst der Welt, und so viel Wahrheit ist an dem Sprichwort, dass „die Stimme des Volkes Gottes Stimme“ sei.
Nach dem Palaste des Herodes geht der Zug. Hier nämlich pflegte der Landpfleger zu residieren, wenn ihn sein Amt von Cäsarea am Meere, wo er seinen regelmäßigen Wohnsitz hatte, nach Jerusalem führte. Es ist bekannt, dass die römischen Kaiser die verschiedenen Landesteile ihres weiten Reichs durch Prokonsulen oder Statthalter verwalten ließen. Diesen aber waren für die einzelnen Provinzen ihrer Regierungsbereiche Prokuratoren oder Landpfleger beigegeben, welche die Steuern zu erheben hatten, und in Gerichtshändeln in höchster Instanz entschieden. In kleineren Landschaften vertraten Letztere nicht selten ganz die Stelle jener Gouverneure; wie dies unter anderen auch in Judäa der Fall war, welches man samt Samarien der Provinz Syrien einverleibt hatte. Diesen Männern wurde insgemein nachgesagt, dass sie gewohnt seien, ihre einflussreichen Stellungen im Interesse ihrer Habsucht auszubeuten; und an ihrem Namen haftete darum der Ruf der Ungerechtigkeit und Härte. Wo sie erschienen, begegneten ihnen nur das Misstrauen und die geheime Erbitterung ihrer Untergebenen; und lediglich durch Anwendung militärischer Gewalt gelang es ihnen, ihren Befehlen Nachdruck zu verschaffen, und die immer drohenden Volksaufstände niederzuhalten. Pontius Pilatus war nach Absetzung und Verweisung des Vierfürsten Archelaus (im Jahre 6 nach Christi Geburt) der sechste Landpfleger in Judäa. Aus Lukas 3, 1 erhellt, dass er bereits, als Johannes der Täufer in der Wüste auftrat, sein Amt bekleidete, und somit in Palästina die ganze dreijährige Wirksamkeit des Herrn erlebte. Zehn Jahre hindurch wusste er sich, und zwar unter dem Kaiser Tiberius, auf seinem Posten zu behaupten, was, da es einen schwierigeren wohl im ganzen römischen Reiche nicht gab, seiner Herrscherkunst alle Ehre macht. Denn abgesehen davon, dass er's mit den Juden, der klügsten, aber auch der intrigantesten aller Nationen zu tun hatte, gab es kein anderes Volk auf Erden, dem die Fremdherrschaft in solchem Maße ein Gräuel war, als eben diesem. Wie weit auch das Volk der Juden seine einstmalige Herrlichkeit schon hinter sich hatte, so blieb es trotz aller seiner Verkommenheit sich doch seines Adels als des auserwählten Volkes Gottes nach wie vor bewusst, und glaubte sich, allerdings auf große, jedoch sehr missverstandene Verheißungen gestützt, berufen, dereinst die ganze Welt zu beherrschen. Und sie, diese freigeborenen Kinder Abrahams fanden sich nun in ein fremdes Joch, und noch dazu in ein heidnisches geschmiedet! Was Wunder, dass sie es nur mit verbissenem Ingrimm, wie ein gefangener Löwe sein eisernes Halsband, trugen, und der, der zunächst die Gewalt über sie übte, von vornherein ein Gegenstand ihres bittersten Hasses war! Dass aber auch Pilatus seinerseits keine sonderliche Liebe für dieses Volk empfinden konnte, und demselben, wo Gelegenheit dazu sich bot, gerne seine Oberhoheit fühlbar machte, ist ebenso begreiflich; so wie es auch schwerlich Jemanden befremden wird, dass Pilatus lieber das meist von Heiden bewohnte, und durch seinen Hafen mit der übrigen römischen Welt im lebhaftesten Verkehr stehende Cäsarea zu seinem festen Wohnsitz wählte, als die Metropole der hochmütigen und immer zum Aufruhr geneigten Hebräer. Zu verschiedenen Malen kam es unter seiner Statthalterschaft in Jerusalem zu ernstlichen Volksausläufen, welche nur durch Aufgebot der in der Burg Antonia einkasernierten römischen Besatzung gedämpft werden konnten. Solche erneuerten Überwältigungen aber, denen dann natürlich nur eine umso strengere Handhabung der Regierungszügel Seitens des Landpflegeramtes zu folgen pflegte, erbitterten das Volk nur noch immer mehr. Übrigens gehörte Pilatus noch nicht zu den härtesten und strengsten der Prokuratoren; und wenn er, wie unter Anderm aus Lukas 13, 1 erhellt, zuweilen blutige Justiz geübt, so mag er dazu wohl Anlass genug gefunden haben.
- Könnten wir den Juden, und namentlich ihren Priestern und Ältesten, bei ihrer Prozession zum Prätorium des Römers in die Herzen schauen, so würden wir eine lodernde Hölle von Wut und Ärger darin erblicken. Es war ihnen entsetzlich, zu dieser offenen Kundgebung ihres Unterwürfigkeitsverhältnisses unter die fremde Herrschaft sich gezwungen zu sehen. Aber der Blutdurst, mit welchem sie nach der Vertilgung des verhassten Nazareners lechzten, überwog diesmal selbst ihren maßlosen Ehrgeiz und unbegrenzten Nationalstolz. Schäumend vor Unmut, ja gefesselten Hyänen gleich in ihre Bande stürmend, ziehen sie mit ihrem Schlachtopfer hin, und müssen, ohne es zu wollen, durch diesen ihren Aufzug tatsächlich bezeugen, dass „das Zepter von Juda entwendet“ und mithin die bereits von dem sterbenden Jakob mit Bestimmtheit vorher verkündete Zeit der Erscheinung des „Helden, welchem die Völker anhängen“ würden, nunmehr herbeigekommen sei. Ja, sie müssen ein Mehreres noch beurkunden denn dies, und vermittelst ihrer Bosheit die Notwendigkeit einer Versöhnung außer Frage stellen, wie eben der gebundene Mann, der an ihrer Spitze ging, sie ins Werk zu stellen hinzog.
Gewiss wird ein Jeder hier etwas davon fühlen, dass Gott eine wüste Frevlerrotte, wie wir sie hier vor uns haben, notwendig auf ewig verfluchen musste, wenn nicht ein stellvertretender Bürge den Fluch derselben auf sich nahm, und der göttlichen Gerechtigkeit an ihrer Statt genug tat. Dem Allerhöchsten die Zumutung machen wollen, dass er auch eine solche Belialsbrut ohne Weiteres begnadige, hieße den Umsturz aller sittlichen Weltordnung fordern, und von Gott nichts Geringeres begehren, als dass er mit sich selbst zerfalle, und aufhöre Gott zu sein. An die Möglichkeit eines Seligwerdens für ein Geschlecht, wie das adamitische, ohne dass eine Sühne vorherging, kann die Vernunft nur glauben; und kaum erscheint irgend Etwas in der Welt vernünftiger, als die biblische Lehre von der Erlösung der Sünder durch den vermittelnden Dazwischentritt des Sohnes Gottes. Ich gestehe, dass ich Alles, was in mir ist, in die namenloseste Aufregung und Bestürzung versetzt fühlen würde, wenn ich plötzlich den dreimal heiligen Gott ohne eine Dazwischenkunft, wie die besagte, um den nichtswürdigen Haufen dort zu Jerusalem den Arm der verzeihenden Liebe schlingen sähe. Es würde mir in diesem Falle nichts übrig bleiben, als entweder an Gott, oder an meinen eigenen Augen irre zu werden. Nun ich aber inmitten jener Übeltäter das Lamm erblicke, das der Welt Sünde trägt, dürfte Gott selbst den Versunkensten unter jenem Natterngezüchte die Pforten des Paradieses öffnen, und ich würde darin weder etwas Rätselhaftes erblicken, noch irgend Anstoß daran nehmen. So ist das Lamm gegenwärtig schon die Leuchte im Hause und im Regimente Gottes, und das Kreuz der Schlüssel zu den tiefsten Geheimnissen Seiner Führungen und Wege.
- Dort kommt er her, der hehre Friedensfürst, gebunden und über und über mit Schmach bedeckt. Wer vermöchte in dieses Schauspiel sich zu finden, und ferner noch an das Walten einer göttlichen Gerechtigkeit über der Welt zu glauben, wenn wir in Jesu hier nur den Jesum an und für sich, und nicht zugleich den Mittler und Hohenpriester erschauen dürften. Nun wir aber um seine Bürgenstellung wissen, fühlen wir uns von seiner unendlichen Erniedrigung nach wie vor wohl aufs Tiefste erschüttert und bewegt; aber nicht mehr betroffen noch befremdet. Ja, wir ertragen es sogar, dass man uns sage, die sichtbaren Marter, die ihn überfluten, seien nur die schwachen Wiederspiegelungen ungleich schauerlicherer Foltern, die er im Verborgenen erleide, und die Schar, die mit Schwertern und Spießen ihn umgebe, bilde nur einen Teil der ihn geleitenden Eskorte, indem ein anderer Teil, ein unsichtbarer, hinter den Vorhängen unmittelbar vom Satan selbst befehligt werde. Denn wollte Christus unser Los erfüllen, so wissen wir ja, dass dieses jene Schrecken alle in sich barg. Es traf ihn nichts mehr noch weniger, als was um unserer Sünden willen uns zugemessen war. Wie unaussprechlich Großes besitzen wir also an unserem Marterlamme! Widerführe ihm der Ehre wohl zu viel, wenn unser ganzes Leben eine fortgehende Anbetung Seines Namens würde; und überschritten wir mit unserer Liebe wohl das Maß, wenn uns nichts mehr süß und lieblich klingen wollte, als was mit seinem Jesusnamen durchwoben wäre?
Zu Pilatus, dem Römer, führen sie den Herrn. Gott lässt die Umstände so sich verknüpfen, dass die ganze Welt in ihren Repräsentanten an der Verdammung des Gerechten sich beteiligen muss. Der Christusmord tritt als Gemeinschuld unseres Geschlechts hervor, und Aller Mund wird vor dem richterlichen Gott gestopft. Da unter der Kohorte des Prokurators der Überlieferung nach auch Germanen sich befanden, so hätten also auch wir an dem schrecklichen Prozesse unmittelbaren und gleichsam persönlich tätigen Anteil genommen. Doch haben wir solches auch ohne dies. Und hörten wir etwa gegenwärtig auf, Christum zu kreuzigen?
- Zu Pilatus geleiten sie den Herrn, und so gelangt denn zu buchstäblicher Erfüllung, was er in der Ankündigung seiner Passion Math. 20, 18-19 auf das bestimmteste vorherverkündet hatte. „Siehe,“ sprach er, „wir ziehen hinauf gen Jerusalem, und des Menschen Sohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden, und sie werden ihn verdammen zum Tode, und werden ihn überantworten den Heiden, ihn zu verspotten, zu geißeln und zu kreuzigen.“ Die letztere Überantwortung sehen wir jetzt zur Vollziehung kommen. In ihr macht Israel das Maß seiner Schulden voll. Zum zweiten Mal liefert's, im gesteigerten Gegenbilde, seinen Bruder Joseph an die Unbeschnittenen und Fremden aus. Zugleich versinnbildlicht's in dieser Überweisung sein eigenes Schicksal. Es tritt das Heil der Welt, zunächst ihm zugedacht, im gräulichsten Undank an die Heiden ab, um selbst fortan in Finsternis und Schatten des Todes zu verschmachten!
2.
Der Zug langt vor dem Palaste des Prokurators an. Was begibt sich nun? Sie ergreifen ihren Gebundenen, und stoßen ihn gewaltsam in das geöffnete Portal des Hauses hinein, während sie selber draußen vor der Pforte stehen bleiben. Warum dies? „Auf dass sie,“ meldet die Geschichte, „da sie am Abende dieses Tages das Osterlamm essen wollten, sich nicht verunreinigten.“ Sie glaubten nämlich, nicht in Gemäßheit des richtig verstandenen göttlichen Gesetzes, sondern auf Grund willkürlich erfundener rabbinischer Satzungen einer solchen Verunreinigung dadurch sich auszusetzen, dass sie ein Haus betraten, und obendrein ein heidnisches, in welchem sich Sauerteig finden möchte. Dass ihr Gefangener sich besudle, dagegen haben sie nichts. Ja, sie stürzen ihn geflissentlich in die Verunreinigung hinein, und stoßen ihn damit in einer handgreiflichen Symbolik als einen Zöllner und Sünder aus der Gemeinschaft der Kinder Israels aus. Dies Alles musste sich aber also fügen, damit die Gestalt des Sünderbürgen immer ausgeprägter zu Tage träte, und ein Jeder in ihm den allgemeinen Missetäter erkennt, der kraft eines geheimnisvollen Übertrags Alles auf sich genommen, was uns verdammte. Kein Zug der Passionsgeschichte ist bedeutungsleer. Überall ist Absicht, höherer Plan, göttliche Tiefe. Entsetzlich ist die Szene dieser gewaltsamen Hineindrängung des Heiligen Israels in das Haus des Heiden. Eine Bosheit gibt sich darin kund, die des abgefeimtesten Dämons würdig wäre. Wie würde, wenn sich's hier nicht um die Erlösung der Welt gehandelt hätte, der Himmel dazu haben schweigen, und seine Zornesschalen zurückhalten dürfen? Aber es handelte sich hier eben um die Rettung der Welt, und darum geschieht es, dass das Lamm sich Alles, auch das Unwürdigste und Schmählichste, schweigend gefallen lässt. Man möchte blutige Tränen weinen, wenn man den Mann, der die Liebe selber war, so von den rohen Fäusten der undankbaren Menge hingestoßen sieht. Doch weinen wir nicht über Ihn, sondern über uns und unser Geschlecht, das solcher Scheußlichkeiten und Teufeleien fähig ist. Übersehen wir aber auch das christliche Sinnbild nicht, das auch in diesem geschichtlichen Zuge wieder uns entgegen tritt. Nicht dahin bloß, wo scheinbar nur, sondern auch wo wirkliche und ernstliche Gefahr uns drohte: in die Schauertiefen des Gesetzesfluchs, in den Kerker des Todes, ja, in den Abgrund der Hölle ist Christus allein für uns hineingegangen, um alle die Schrecken, die dort uns bereitet waren, an seiner gebenedeiten Person ihre Macht erschöpfen, und uns nur Frieden, Segen, Heil und Freiheit zurück zu lassen.
Was aber wollen wir zu dem Beginnen der Juden sagen, die, während sie sich kein Gewissen daraus machen, des Sauerteigs aller Gottlosigkeit voll die Meutererhand an den Heiligen Gottes zu legen, zu gewissenhaft sich gebärden, um das Haus eines unreinen Heiden zu betreten, weil sie daselbst mit natürlichem Sauerteige in Berührung kommen könnten? Welch grelles Exempel stellen diese übertünchten Gräber hier uns zu den Worten des Herrn Matth. 23, 23 auf: „Wehe euch, ihr Heuchler, die ihr verzehntet Münze, Dill und Kümmel, und lasst dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben!“ Und welchen erschöpfenden Kommentar liefern sie uns zugleich zu dem darauf folgenden Ausspruch: „Ihr verblendeten Leiter! Mücken seiht ihr, und ihr verschluckt Kamele!“ Doch wollte Gott, diese Elenden wären die Einzigen ihrer Art geblieben! Aber in den mannigfaltigsten Färbungen und Gestalten begegnen sie uns selbst inmitten der Christenheit immer wieder. Wer kennt sie nicht, die Leute, welche zwar auf das ängstlichste von den Sammelplätzen der Welt sich fern halten, und von jeder gesellschaftlichen Berührung mit derselben sich sorglichst hüten; aber darüber mit leichter Mühe hinwegzukommen wissen, dass sie in allen Künsten unlauterer Verstellung, lieblosen Splitterrichtens und gehässigen Afterredens nicht nur wetteifern mit der Welt, sondern die Welt sogar noch überbieten? Wer kennt sie nicht, die, wer weiß, wie schwer sich zu versündigen glauben würden, wenn sie am Sonntage auch nur die geringste Arbeit verrichten, oder bei irgendeiner gottesdienstlichen Feier nicht die ersten sein wollten, während es ihnen nicht in den Sinn kommt, sich den geheimen Mammonsdienst, dem sie ergeben sind, als Sünde anzurechnen? Sie, die um keinen Preis in den Räumen eines Schauspielhauses, oder auf den Brettern eines Ballsaals sich blicken ließen, - woran sie übrigens immerhin wohl tun; - aber unbedenklich sich's vergeben, dass sie für jene Enthaltung durch Teilnahme ihrer Phantasie an allen Genüssen und Freuden der Welt sich reichlichst schadlos halten, und in ihrer Weise nicht minder, als die lustigsten Kinder der Zeit, auf die sie vornehm herabschauen, von Eitelkeit strotzen? Sie, die bei Stiftungen wohltätiger Anstalten und Vereine nimmer fehlen zu dürfen, und ihre Namen in vorderster Reihe den Listen der Beitragenden einzeichnen zu müssen vermeinen, während sie sich aus dem versteckten Lug und Trug, den sie in ihrem Handel und Wandel treiben, oder aus ihrer Ungerechtigkeit und Härte gegen ihre Untergebenen, oder aus ihrem Geizen und Jagen nach vergänglichem Ehrentand durchaus kein Gewissen machen? Eine listige Art, an den sittlichen Anforderungen, die Gott an unser Verhalten stellt, ohne Gewissensbeschwer sich vorbei zu machen, ist die, dass man statt dem göttlichen Joche sich zu beugen, ein anderes, das dem Fleische mehr behagt, sich selber formt und auflegt, und dadurch sich sogar den Schein gibt, als vollbringe man noch mehr, als man nach Gottes Gebot zu tun schuldig sei. In dieser Weise entstanden die Satzungen der talmudistischen Rabbinen, welche, obwohl sie nichts als leicht zu verrichtende Exerzitien sind, denen, die sie üben, den Schein einer ganz besonderen Frömmigkeit, Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue leihen. In diesem Wege entstand ebenfalls die seichte und sentimentale Moral unserer neuesten Aufgeklärten, dieses Gewebe allerdings ansprechender, aber nur von der Oberfläche des sittlichen Bewusstseins abgeschöpfter Lebensregeln, die sich ebenso bequem befolgen lassen, als ihre Befolgung wohlfeilsten Kaufes zum tugendlichsten Anstriche uns verhilft. Aber es irrt, wer da wähnt, durch solche Heiligkeitsurrogate mit dem Allerhöchsten sich auseinandersetzen zu können; und es verunehrt und lästert Ihn, wer Seine heiligen Augen mit „Bechern und Schüsseln“ zu bestechen hofft, die „auswendig“ zwar „rein gehalten“ aber „inwendig voll Raubes und Fraßes sind.“ Der in der Höhe wohnt, begnügt sich ebenso wenig mit bloßen Abschlagssummen auf das Ganze des Gehorsams, das wir ihm schulden, als er an Stelle des gediegenen Goldes der von seinem Gesetze erforderten Gerechtigkeit, die Rechenpfennige unserer selbstbeliebten Werke annimmt. „Des Herrn Augen“ sprach der Prophet Hanani zum Könige Asa, „schauen über alle Lande, dass er zur Seite stehe denen, so von ganzem Herzen an ihm sind.“ „Wer böse ist,“ ruft der Herr, sei immerhin böse; und wer fromm ist, sei immerhin fromm!“ Er will den ganzen Menschen haben, und nicht Bruchteile nur von ihm. Wer sich nicht entschließen kann, ohne irgendeinen Vorbehalt Seinem Dienst sich zu bequemen, der verliert nichts, und büßt nichts ein, wenn er sich ganz wieder zurücknimmt, und der Welt und dem eigenen Gelüste zur Verfügung stellt. Zwischen Glauben und Unglauben existiert kein Mittelding. Man gibt im Glauben sich selber auf an Gott; und wo dies nicht geschieht, da glaubt man auch nicht, wie sehr man auch in Kirchlichkeit und gottesdienstlichen Werken gleiße. Die Bekehrung ist eine neue. Geburt, und nicht ein Flickwerk nur am alten Wesen. Ein harmonischer Organismus ist das Leben der Gottseligkeit, und nicht eine Zusammenstückelung frommer Einzelakte.
3.
Pilatus hat's bald heraus gewittert, warum die Juden ihm ihren Angeklagten allein durch die Pforte schieben; fühlt sich aber dadurch so wenig beleidigt, dass er es ignoriert, und großmütig mit der Frage nach dem Zweck ihres Erscheinens vor sie heraustritt. Er denkt, es seien ja nur befangene und kleingeistige Juden, mit denen er es hier zu tun habe, und erachtet's seiner Bildungsstufe wie seiner Würde angemessen, ihre beschränkten Vorurteile zu tolerieren. Nur weist er mit ihren Vorurteilen zugleich die ewigen Offenbarungen von der Hand, in deren Besitz sich die Juden befanden. Brüder, es fehlt auch unter uns an Leuten nicht, die, freilich nicht ohne große Verschuldung, eine ähnliche Stellung wie die, in der wir den stolzen Römer den Kindern Abrahams gegenüber hier betreffen, zu allen lebendigen Christen eingenommen haben. Nicht zu leugnen ist es, dass es Gläubige gibt, die an einer gewissen Einseitigkeit und geistlosen Beschränktheit im Urteil über Dinge der Wissenschaft, der Kunst, oder des Lebens, kränkeln. Ihr Gereifteren am Geist mögt auf diese Einfältigen und ihren engeren Gesichtskreis immerhin mit einem gewissen Mitleid niederschauen. Wir wollen euch daraus kein Verbrechen machen; denn es ist oft schwer, dieses enge und bornierte Wesen zu tragen. Wenn ihr euch aber überhaupt über jene Leutlein erhaben scheint, und mit ihren Beschränktheiten auch die Wahrheiten, deren Träger sie sind, nur vornehm dulden zu müssen meint, so tut ihr daran im höchsten Grade übel, und werdet euren Dünkel schwer bezahlen müssen. Seid ihr in der Tat über diese „Armen am Geist“ in allen Beziehungen hinaus, so bleibt euch, wenn ihr das höchste Ziel eures Daseins nicht verfehlen wollt, nichts übrig, als in den wesentlichsten dieser Beziehungen von euren stolzen Höhen zu jenen wieder herabzusteigen. Ja, herab müsst ihr zu ihrem Armensünder-Schemel, zu dem Bettelstab des Gnadendurstes, an dem sie gehen, und zu dem Lazaruslager vor des reichen Mannes, d. i. des Herrn Christi, Tür, in welchem ihr sie liegen seht; und müsst erkennen, dass sie in Allem, was einen wahren und bleibenden Wert hat, weit über euch hinaus sind, und ihr gen „Mitternacht“ wandelt, wenn nicht der Glaube, die Liebe und der Himmelssinn jener unscheinbaren Liebhaber des Lammes auch euer Erbteil werden. Es sei euch nicht verwehrt, an Bildung, Weitherzigkeit und Reise des Urteils es ihnen zuvor zu tun, und so weit der Geist von oben euch Spielraum dazu eröffnet, fesselloser und freier euch zu bewegen. Ihr müsst aber mit jenen Geringen aus demselben Kern gezogen sein, und auf derselben Lebenswurzel grünen, oder ihr bleibt auf der Höhe eurer „geistigen Überlegenheit“ und „freieren Umsicht“ Kinder des Todes, während sie aus den dunklen Puppengehäusen ihres Bildungsmangels einst als herrliche Gottesfalter sich gen Himmel schwingen werden. Seht euch darum wohl vor, dass ihr nicht im entsetzlichsten Sinne des Wortes „das Kind mit dem Bade verschüttet.“ In einer Stadt, wo, wie in der unsrigen, die Gefahr so besonders nahe liegt, der weniger ansprechenden Form und Schale halber auch den göttlichen Kern, den dieselbe umschließt, von sich zu werfen, finde ich mich veranlasst und genötigt, mit verdoppeltem Nachdruck euch solche Warnung ans Herz zu legen.
Pilatus, heraustretend vor das Volk, beginnt zu demselben: „Was bringt ihr für Klage wider diesen Menschen?“ Er nimmt den Standpunkt des Unglaubens und des Indifferentismus ein; aber er weiß den Handel vorurteilsfreier zu würdigen, als die Juden, und vermag nach alle dem, was er über den Nazarener bisher vernommen hat, und in diesem Augenblicke ihm persönlich abfühlt, sich's nicht zu denken, dass man demselben irgendetwas Erhebliches werde zur Last legen können. Und wie dem Pilatus, so ergeht es Jedem, der nur einmal sich herzu lässt, unbefangen in die Heilige Schrift hineinzuschauen. Auch er wird sich eines Eindrucks von der Unsträflichkeit Christi nicht erwehren können, den hinfort nichts mehr zu entkräften und zu erschüttern vermögen wird. Dass aber einmal wirklich ein Heiliger im vollen Sinne dieses Worts die Erde betreten hat, muss dies nicht ein großes, erstaunenswürdiges Wunder heißen? Hat diese Tatsache nicht viel anderes Großes zu ihrer notwendigen Voraussetzung? Folgt aus ihr nicht unabweisbar, dass den Aussagen dieses Gerechten weit eher Glauben beizumessen sei, als den Lehren aller Weisen nach dem Fleisch? Nötigt sie uns nicht zugleich die Überzeugung auf, dass dieser Mann, der von solchem Glanz umflossen aus der Reihe aller übrigen Sterblichen heraustritt, von Gott zu ganz besonderen Zwecken verordnet sein müsse? Leitet dann dieser letztere Gedanke nicht notwendig zu dem anderen, dass es mit den Martern, welche wir über diesen Heiligen sich ergießen sehen, eine ganz außergewöhnliche und geheimnisvolle Bewandtnis haben müsse? Und sieht man sich nicht endlich, bevor einem noch eine positive Offenbarung darüber zugegangen, zu dem Schlusse hingedrängt, es müsse dieser Unvergleichliche zum Retter und Heiland der sündigen Welt ersehen sein? Schon im Wege eines vorurteilsfreien und folgerechten Nachdenkens ist es unmöglich, an solchen Betrachtungen vorbei zu kommen. Aber freilich, wo findet sich diese unbefangene und gesunde Reflexion? Des natürlichen Menschen Ungelehrigkeit und Stumpfsinn im Bereiche der übersinnlichen und göttlichen Dinge hat keine Grenzen.
Auf des Landpflegers Frage, wessen man denn Jesum zu beschuldigen habe, erfolgt nun Seitens der Verkläger die wahnsinnig stolze Antwort: „Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet!“ Ihr ganzer Trotz gegen den verhassten Römer tritt in dieser frechen Rede schäumend an den Tag. Es ist der Trotz gefesselter Sklaven, der Ingrimm angeketteter Hunde. Zugleich gibt sich hier wieder in großartigster Weise der rasende Pharisäismus jener Rotte kund; denn sie morden die Unschuld, und vollbringen ein Werk der Hölle, aber weil sie dies tun, so muss es recht getan und sonder Tadel sein. Kann sich der Hochmut weiter versteigen? Übersehen wir indessen nicht, dass sie mit jenem vermessenen Worte zugleich nur die Verlegenheit zu verdecken hoffen, in die sie trotz alles Scheins des Gegenteils sich hinein verwickelt haben. Sie sind sich keines Dings bewusst, woraus sie eine gegründete Anklage gegen ihren Delinquenten formulieren könnten, und meinen nun, dass die Dreistigkeit ihres Auftretens schon ersetzen werde, was ihnen an tatsächlichen Zeugnissen und Beweisen gegen Jesum abgeht.
Leider! verfehlen sie auch ihren Zweck nicht ganz. Pilatus lässt sich in der Tat durch ihre Entschlossenheit imponieren, und setzt den ersten Fuß auf jene abschüssige Bahn nachgebender Schwäche, auf welcher wir ihn wider seinen Willen von Verbrechen zu Verbrechen fortgerissen, und endlich unter dem Hohngelächter, der Hölle in den Abgründen des ewigen Verderbens werden enden sehen. „So nehmet ihr ihn hin,“ ruft er den Verklägern zu, „und richtet ihn nach eurem Gesetz!“ Nichtswürdiges Verfahren eines Richters, der Recht und Gerechtigkeit handhaben soll auf Erden! Wir sehen schon, wie wenig ihm daran gelegen ist, ob Jesus leben bleibe, oder sterbe; nur möchte er nicht gerne eines Menschen Blut auf seine Seele laden, dem sein Gewissen als einem Schuldlosen Recht spricht.
Ruchloser als jener Römer stehen diejenigen unserer Zeitgenossen da, welche zwar darin auch dem Landpfleger gleichen, dass sie nicht gern persönlich die Hand an Jesum legen möchten, weil auch sie eines gewissen Grades von Ehrerbietung gegen Ihn, sich nicht erwehren können; die aber frecheren Buben, als sie selber sind, wenn auch insgeheim und verstohlen nur, in ihrem Innern, wie Pilatus öffentlich, zuraunen: „Nehmt ihr ihn hin, und richtet ihn nach euerem Gesetz;“ und die es dann mit jubelnder Schadenfreude begrüßen, wenn Satansapostel den Heiligen in den Staub herunterziehen, sein Evangelium mit ihren höllischen Lästerungen begeifern, und seinen Gläubigen mit der Narrenkappe oder dem Heuchlerbrandmal lohnen. Ja, ihr mit dem stillen Ergötzen an den antichristischen Unternehmungen und himmelstürmerischen Bewegungen der Zeit, ihr sollt wissen, dass Pilatus, mit euch verglichen, ein Ehrenmann gewesen ist, und ihr eben so zuverlässig eines zwiefachen Fluches vor ihm würdig seid, als ihr das Malzeichen dieses Fluches schon an der Stirne tragt.
„Nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach euerem Gesetze!“ Ja, von Herzen gerne hätte sich der Heide an der Mitschuld der Ermordung dieses Gerechten vorbeigemacht. In dem Gleise aber, das er einschlägt, wird's ihm nicht gelingen. Er muss entweder für oder wider Jesum sich entscheiden. Er ist genötigt, entweder unter Hintansetzung aller Privatrücksichten die Sache des Heiligen zu vertreten, oder zu der grausigsten Bluttat, die die Welt gesehen, mithandelnd auch seine Hand zu bieten.
Ein gleiches Geschick aber, ihr Freunde, waltet auch über uns. Für eine neutrale Stellung in dem großen Handel ist uns eben so wenig, wie jenem, ein Raum gelassen. Auch mit uns kommt der Heilige Israels in eine zu nahe Berührung, als dass wir an ihm vorüberhuschen könnten. Wenn wir ihm nicht huldigen wollen, so sind wir gezwungen, ihn zu kreuzigen. Nein, wir umschiffen die Klippe nicht, ihn verwerfen zu müssen, wollen wir uns nicht entschieden ihm ergeben. Zu laut bezeugt Er unserem Gewissen: „Ich bin der Herr,“ als dass es uns gelingen könnte, durch ein bloßes flüchtiges Kompliment uns friedlich mit ihm abzufinden. Begehren wir uns von ihm zu lösen, so bleibt uns nur übrig, in positiver Widersetzlichkeit zu ihm zu sprechen: „Wir wollen nicht, dass du über uns herrscht. Gehe hinter uns!“ Und wehe, dass ich besorgen muss, es werde bis zu solcher energischen Abfertigung ihres einigen Seligmachers schon mit Manchen unter uns gekommen sein! Gnade Gott diesen armen, beklagenswerten Seelen!
Die Juden schlagen dem Pilatus die Hinterpforte, durch die er der Mitbeteiligung an dem grässlichen Verbrechen des Christusmordes zu entrinnen hofft, vor dem Angesichte wieder zu, indem sie ihm auf sein klug berechnetes: „Richtet ihr ihn nach euerem Gesetz,“ die für ihn so tief beschämende Antwort geben: „Wir dürfen Niemand töten.“ Pilatus wusste, dass sie das nicht durften. Welche bis zur Gedankenverwirrung gesteigerte Verlegenheit verriet er also damit, dass er, der oberste Richter, den Juden selbst die Vollziehung eines Justizaktes anempfehlen konnte, zu dem ihnen nach dem bestehenden Rechte keinerlei Befugnis zustand! Oder ließ sich Pilatus etwa zu seinem törichten Ausspruch verleiten, weil er noch keine Ahnung hatte, dass es Seitens der Verkläger auf eine Hinrichtung Jesu abgesehen sei? Auch dies wäre denkbar. Genug, sein erbärmlicher Ausweichungsversuch scheitert gänzlich, wie er es verdiente.. Einen wahrhaft tragischen Anblick gewährt es, wie die Umstände so sich fugen und verflechten müssen, als solle Pilatus in die Blutschuld mit hinein. Und allerdings soll er, wenn er sich nicht entschließen kann, dem Herrn Jesu huldigend sein Herz zu geben; so wie auch ein Jeder unter euch, der hartnäckig dem Aufruf zur Bekehrung widerstrebt, je länger je mehr in Folge göttlichen Gerichts das Maß seiner Sünden erfüllen muss, und genötigt wird, seine Verderbensreise zu beschleunigen.
„Wir dürfen Niemand töten.“ Sie durften's freilich nicht. Geschah es einmal, dass sie tumultuarisch einen vermeintlichen Ketzer zu Tode steinigten, so wurde dies von der römischen Obrigkeit vielleicht mit Schonung übersehen. Zu einer förmlichen Hinrichtung aber und namentlich zu einem Kreuzigungsakte konnten sie die höhere Genehmigung nicht entbehren. Offen, wenngleich mit verbissenem Ingrimm, gestehen sie dieses ihr Abhängigkeitsverhältnis vor dem römischen Tribunale ein. Ihr Rachedurst gegen den Nazarener überwiegt diesmal selbst ihren Nationalstolz. Gekreuzigt soll er werden, der Mann ihres Hasses, und mit Eklat zu Grunde gehen. Das sind ihre Gedanken. Aber es denkt dabei das Seine auch der Allmächtige in der Höhe. Wie lesen wir in unserem Texte? Der Evangelist bemerkt, es habe der gerichtliche Handel jene Wendung nehmen müssen, auf dass erfüllt würde das Wort Jesu, das er sagte, da er deutete, „welches Todes er sterben würde!“ Johannes meint das Wort, das er Kap. 12, 32 uns aufbewahrte: „Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich sie Alle zu mir ziehen.“ Der Evangelist begleitet dieses Wort an der besagten Stelle mit der erklärenden Bemerkung: „Das sagte er aber zu deuten, welches Todes er sterben würde.“ In dem Tumulte des Richthauses zu Jerusalem erscheint also unversehens über dem Haupte Jesu ein göttliches Zeichen. Der Ratschluss des ewigen Vaters tut sich auf; und auch auf seinem Grunde erscheint, wie auf dem Grunde des Höllenplans, für seinen eingeborenen Sohn - ein Kreuz. Schon um der tiefen Symbolik willen, die es in sich schließt, wurde in dem vorweltlichen Friedensrate das Fluchholz zu des Mittlers Sterbebett ersehen. Das eherne Schlangenbild in der Wüste, so wie die „Webeopfer“ der heiligen Hütte schatteten dasselbe schon frühe dem Volke Gottes ab. Die dort um Gabbatha Versammelten müssen, ohne sich's bewusst zu sein, ihre Hände reichen, um es in die Wirklichkeit einzuführen. Jetzt steht's in der Geschichte, in der Predigt vom Heil, und in der Gedankenwelt der Menschen aufgerichtet, und betätigt seine wunderwirkende Anziehungskraft in steigendem Maße bis zu dieser Stunde.
Wir schließen! Ich hoffe, neu bestärkt in der doppelten Überzeugung, dass unsere Entsündigung unbedingt eine blutige Vermittlung forderte, und dass die ganze Passion des Herrn, nur aus dem Gesichtspunkte einer solchen angeschaut, Licht und Sinn erhält. Billig staunen wir die Weisheit des Allerhöchsten an, der das größte aller Probleme, die Erhebung eines dem Fluche verfallenen Geschlechts zum göttlichen Kindschaftsrechte, ohne dadurch seine Heiligkeit zu verleugnen, so wunderbar zu lösen wusste. Im blutigen Gehorsam Christi wurde diese Lösung gefunden. Beugen wir uns anbetend vor dem Lamme, und stimmen wir dankbar gerührt und freudig ein in des Dichters Worte:
Von Deiner ersten heißen Stunde,
Im blut'gen Angstschweiß durchgewacht,
Bis zu der letzten Todeswunde
Hast Alles Du für uns vollbracht!
Held voll Blut, bis zum Verscheiden,
Lass Deiner heiligen Menschheit Tun,
Ihr Kämpfen, Weinen, Lieben, Leiden
Uns tief im inneren Herzen ruhn! - Amen.