Kögel, Rudolf - Das Vaterunser in elf Predigten ausgelegt - X. - Schluss des Vaterunsers.

Kögel, Rudolf - Das Vaterunser in elf Predigten ausgelegt - X. - Schluss des Vaterunsers.

Trinitatisfest.

Matth. 6, 13:

Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Paulus krönt in der heutigen Sonntagsepistel seine Darlegung der göttlichen Weltregierung und Völkerführung mit dem Ausruf: o welch eine Tiefe des Reichtums beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Dem Strom der den Apostel durchflutenden Gottesgedanken ist diese Anbetung gleichsam die Mündung. Wir fühlen ihm nach, auch in der Offenbarung gibt es Stufen und Steigerungen, überwältigende Durchblicke, hinreißende Mitteilungen.

In einem anderen Briefe Pauli, dem zweiten an die Korinther, der nicht so wie der an die Römer im Tone zusammenhängender Betrachtung, sondern mehr in dem des persönlichen Ringens und Sicherschließens gehalten ist, endet die Schilderung des von den wunderbarsten Gegensätzen bewegten Lebens der Christen mit der liebevollen Versicherung: o ihr Korinther, unser Mund hat sich zu euch aufgetan, unser Herz ist getrost! Auch hier im Drange der Mitteilung findet ein Unterscheiden großer und größerer Gaben statt, wiewohl Pauli Herz niemals gegeizt, des Heiligen Geistes Mund in der Heiligen Schrift sich nirgends versagt hat.

Wir treten mithin dem Ganzen der Heiligen Schrift nicht zu nahe, wenn wir einzelne Teile für Höhepunkte der Offenbarung erklären. Ein Stern übertrifft eben den anderen an Klarheit. So das Vaterunser. Jede einzelne Bitte, der Gang und Zusammenhang aller, ihre Vollständigkeit und Vorbildlichkeit für das Gebetsleben der Gläubigen aller Orten und aller Zeiten lässt uns immer wieder danken: Herr Jesu, im Vaterunser hast du zu uns Unmündigen den Mund aufgetan und unser Herz getrost gemacht!

Unter besonderer Beziehung auf die Bedeutung des heutigen Sonntags mag der Schluss des Vaterunsers: dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit uns nicht sowohl aus dem Gebet des Herrn heraus, als vielmehr aufs Neue in dasselbe hineinführen, wenn wir in dem Inhalt dieses Schlusses erblicken

1) aller Glaubensgeheimnisse Kern,
2) aller Gebete Amen,
3) aller Führungen Licht,
4) aller Hoffnungen Halt.

Herr, wir lassen dich nicht, du segnest uns denn!

Amen.

1.

Aller Glaubensgeheimnisse Kern liegt in dem Schluss des heiligen Vaterunsers.

Dreimal überhaupt wird das Gebet des Herrn von einem heiligen Dreiklang durchzogen. Dass ein Vater über uns wohne, für uns walte, auf uns warte, des Namen wir stammeln lernen, des Sohn ein Reich unter uns aufgerichtet hat und zu uns kommen lässt, indem der vom Vater und Sohn ausgehende Heilige Geist den göttlichen Willen zu dem unseren macht im Gehorsam des Glaubens und in der Heiligung der Liebe; dies der Inhalt der drei ersten Bitten, von der heutigen Trinitatisepistel eingeschlossen in den unzerstörbaren Ring: von Gott, durch Gott, zu Gott sind alle Dinge!

Dass ein Schöpfer unserer aller, ein Geber jeder guten und jeder vollkommenen Gabe, uns mit dem täglichen Brot versorgt heute und so oft wir bittend unsere Hand und Lippe öffnen: dass ein Versöhner unserer Schuld uns abnimmt, die Gesühnten zur Versöhnlichkeit verpflichtend; dass der Heilige Geist uns im Kampf mit dem Übel der Versuchung, im Kampf mit der Versuchung des Übels bis ans Ende beisteht gern und treu: dies der Inhalt der drei letzten Bitten, gleichlaufend mit den drei Artikeln des apostolischen Glaubensbekenntnisses, dem von der Schöpfung und Erhaltung, dem von der Erlösung, dem von der Heiligung!

Zum dritten Mal wird nun im Vaterunser der Dreiklang angeschlagen, wenn es heißt: dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit! Dass ein Vorsatz zu unserer Seligkeit gefasst ist ehe denn der Welt Grund gelegt ward, ein Vorsatz der die göttliche Weltregierung bewegt und treibt; dass der, der Kraft Held heißt, als Menschensohn auf Erden erscheint, vom Vater mit Zeichen beglaubigt, nach der Weise der ehernen Schlange für tödlich Getroffene ein Heiland, dass Niemand die Herrlichkeit Gottes sieht, er werde denn durch Wasser und Geist von neuem geboren: dies liegt in dem Schluss des Vaterunsers, liegt ebenso im Trinitatisevangelium, liegt in dem Segen des Sakraments ausgesprochen, wenn wir auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft und durch die Taufe am Anfange unseres Christenstandes aufgefordert werden, aus der Zeit in die Ewigkeit emporzublicken bei dem Wort: glaubt ihr nicht, wenn ich euch von Dingen sage, die auf Erden geschehen wie die Wiedergeburt, - wie würdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen würde wie von der Geburt des Sohnes aus des Vaters ewigem Schoß! Wie der Vater das Leben hat in sich selbst, so hat er auch dem Sohne gegeben zu haben das Leben in sich selbst! Und der Heilige Geist, wie Johannes ihn beschreibt, geht wie ein Strom des lebendigen Wassers aus von dem Stuhle Gottes und des Lammes! Gott ist die Liebe nicht erst seit Entstehung der Welt, sondern von Ewigkeit; sein Sohn der Gegenstand seiner Liebe von Ewigkeit; der Heilige Geist das Band zwischen Vater und Sohn von Ewigkeit! Mit einem Wort: der Eine Gott ein dreieiniger, ein lebendiger Gott, der seine Gedanken schöpferisch einführt, erlösend durchführt, herrlich in geistleiblicher Schöne hinausführt! Der Gott der Weihnachtsgabe, der Gott der Kreuzes- und Osterglorie, der Gott des Pfingstsegens sei angebetet, gelobt und gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Dies aller Glaubensgeheimnisse Kern!

2.

In des Vaterunsers Schluss liegt das Amen aller Gebete.

Das Gebet, liebe Christen, ist es eine Tat des Menschen in Gott oder ist es eine Tat Gottes im Menschen? Dass der Mensch frei sei, wo wird es ihm seliger klar und gewiss als im Gebet, worin er sich selbst darbringt und opfert! Doch nein, dass der Mensch abhängig sei, wo wird es ihm seliger klar und gewiss als im Gebet, wenn er Hilfe sucht und findet! Sind unsere Gebete nicht dem unteilbaren Vaterunser, nicht dem christlichen Glauben ähnlich, so sind es überhaupt nicht Gebete, weder auf Erden, noch im Himmel haben sie ein Amen. Unser Schluss wird ein Prüfstein für die Echtheit der Gebete. Ach, wohin verirrt sich eine unbewachte, unbewahrte Menschenseele oft unter dem Scheine des Gebets?! Der lungernde Wunsch nach Luxus und Lotteriegewinnen und Vergnügungen im Widerspruch mit der vierten Bitte, das schadenfrohe Verlangen nach Befriedigung der Rachsucht, nach Demütigungen für den Gegner, wodurch der Zusatz der fünften Bitte zur Lüge und zur Selbstverfluchung wird, das Begehren nach Rang, Glanz, Emporklimmen trotz der Warnung der sechsten Bitte, das Freiwerdenwollen vom Übel, nicht aber von der Sünde, die des Übels Wurzel ist, dies und Ähnliches ist wohl Spott aber kein Gebet! Ihr seid begierig, sagt Jakobus, und erlanget es damit nicht; ihr hasset und neidet und gewinnt damit nichts; ihr streitet und krieget; ihr habt nicht, darum dass ihr nicht bittet; ihr bittet und kriegt nicht, darum, dass ihr übel bittet, nämlich dahin dass ihr es mit euren Wollüsten verzehret! Richtet das Vaterunser Schranken auf, eben weil es Gebet ist, - wahrlich es öffnet andere desto weiter, ja der Schluss des Vaterunsers trägt uns über alle Schranken, welche Armut, Not, Ohnmacht, Zeit und Raum den Erdensöhnen ziehen. Ob das Gebet die Genesung eines schwerkranken Kindes oder das Durchkommen eines verwaisten betrifft; ob ein Familienvater um das Wunder Hiskias flehe, dass der Sonnenzeiger des Lebens aus dem Bereich der Todesschatten noch einmal zur Mittagslinie zurück sich wende; ob eine Leiter zu Ehrenplätzen ohne Schwindel des Hochmuts empor- oder was schwerer ist, dieselbe Leiter ohne den Schwindel des Unmuts hinabgestiegen werden soll; ob ein in Lüsten empörerisches Herz niedergebetet oder ein in Schmerz und Tränen schon untergehendes Herz emporgebetet werden muss; ob es sich handele um Vergebung eigener Schuld oder um die Umkehr eines verlorenen Sohnes; ob unserer Fürbitte mit anvertraut sei der Aufbau eines Hauses, die Rettung eines Vaters, die Ausrüstung der Kirche Gottes zu heiligem Krieg und zu heiligem Frieden - - o mit unserer Macht ist nichts getan! Dein, Vater im Himmel, ist das Reich! Und im Bau dieses deines Reiches, wo der von Menschen bewunderte Stein zerschlagen und der von den Bauleuten verworfene zum Eckstein wird, wo das Gold die letzte und der Seufzer des Glaubens die erste Stelle einnimmt, da ist das Gebet selbst ein Baustein! Und dein ist die Kraft, die du in der Erhörung zu unserer Kraft machen willst, so gewiss in dem, der selbst Amen heißt, alle Verheißungen Ja und Amen sind nach der Zusicherung: so ihr etwas bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun! Und dein ist die Herrlichkeit, - vertritt doch dein Heiliger Geist unsere Schwachheit und Unwissenheit aufs Beste mit unaussprechlichen Seufzern und macht den Glauben stark und kühn mitten in der Bitte zu danken als hätte er schon empfangen, wie Jesus vor der Erweckung Lazari getrost sagt: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast!

Wie auf einen Ölberg, zur Himmelfahrt bereit, steigen wir auf die Höhe, die der Schluss des Vaterunsers bildet, und sehen nicht bloß empor, sehen auch zurück - es empfangen von hier

3.

alle Führungen ihr Licht.

Was ich tue, das weißt du nicht, spricht der fußwaschende Herr zu Petro vertröstend, du wirst es aber hernach erfahren. Hernach! Vertröstend spricht er ebenso zu seinem Knechte Mose: wenn ich meine Hand von dir tue, wirst du mir hintennach sehen, aber mein Angesicht kannst du nicht sehen. Hintennach! Wie in die sieben Bitten zurück, so lässt der Schluss des Vaterunsers in die Geschichte des einzelnen Gläubigen mit ihren Tagen und Lagen zurücksetzen.

Eine weithin leuchtende Stunde in deinem Leben: du hattest bis dahin nur an Zahlen und nur an deine Klugheit geglaubt, du lerntest an Segen glauben; mit deinen Plänen, Unternehmungen, Berechnungen hattest du dich auch Gott gegenüber als deinen eigenen Herrn gefühlt, du lerntest an Führung von oben glauben; bei deinen sündigen Irrgängen wähntest du dich unbeobachtet, ein Blitzstrahl, eine Züchtigung kam, eine so sprechende Strafe, deine unerkannte Sünde stand so plötzlich in dem Licht vor Gottes Angesicht, Menschen fuhren über dein Haupt, Simei warf mit Steinen; wo das Beichtkämmerlein vergebens dich gemahnt, darüber klagte Gott in seiner fortschreitenden Kirchenzucht dich öffentlich an, du lerntest an Gottes richtende Vergeltung glauben. Wie anders ein anderes Mal: Menschen ließen dich in Stich, überantwortet schienst du in der Heiden Hände, da stand der Herr dir bei so wunderbar errettend und zu Ehren bringend, dass du dich auf die Knie warfst: hier ist Rat und Plan und Ordnung, hier ist Gottes Finger, hier ist das Reich!

Ich rede von den Anfängen deiner Gemeinschaft mit Gott! Vordem hattest du die traurige Kunst geübt, auf Gottes geraden Linien krumm zu schreiben, Gott wandte die göttliche Kunst an, auf deinen krummen Linien gerade zu schreiben. Mit den Irrgängen deines Halbglaubens hattest du sonst Gottes Wege gekreuzt, Gott trat dir in den Weg um mit dem Kreuz seines Sohnes deine schwere Schuld zu durchkreuzen. Da rangst du. Warst du stärker als Er? Ein Spruch aus Gottes Wort, erst dir ein lästiger Begleiter, ward dir der beste Freund, ward dir Leben und Geist! Du lerntest staunen über die eingehende Treue und aushaltende Geduld in der Seelsorge des guten Hirten. Seine Hand ließ dich nicht, sie wurde dir zu stark und übermochte dich. Sein ist die Kraft!

Wohin haben die Führungen gezielt? Dich heilig zu machen durch die Rechtfertigung, dich herrlich zu machen durch Heiligung! Was innen als Heiligkeit angelegt wird, blüht nach außen als Herrlichkeit. So heißt es von der Gemeinde: Jesus reinigt sie, auf dass sie heilig sei und herrlich! In seiner Fürbitte ruft er den Vater an: lass meine Jünger meine Herrlichkeit sehen! Auf demselben Wege, den er gegangen, durch Trübsal führt er sie zur Herrlichkeit! Also darum im Alter so viel fester gegürtet als in der Jugend, also darum Straßen, an die du nie gedacht, darum Aufgaben, für die du dich zu gut, über die du dich längst hinaus gewähnt! Was du weit wegwünschtest, es kam und es blieb und es war gut so. Was du nicht tragen zu können meintest, nicht nur trugst du es, es trug zuletzt dich, es war gut so, es ward ein Element deines besseren Ichs! Und was du um jeden Preis festhalten wolltest, es schwand unwiederbringlich und es war gut so! Wenn der Sünde Sold seinen Sklaven zuruft: es werde Nacht und es wird Nacht, dir ruft der Herr des Lebens zu mitten in der Finsternis: es werde Licht und es wird Licht! Ich hafte dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sind, die an uns soll offenbart werden. Dein, Vater im Himmel, ist die Herrlichkeit!

4.

Aller Hoffnungen Halt ruht in diesem Gebetsschluss.

Muss ich noch ergänzen: aller christlichen Hoffnungen Halt, jener, die nicht Holz, Heu, Stoppeln, sondern Gold, Silber und Edelsteine sind? Am Schluss von sieben Bitten, die ebenso viele Verheißungen sind, versteht sich mit ihrem göttlichen Ursprung die Untrüglichkeit des Amens von selbst! Sagte jener Mensch der Sehnsucht, ohne Christum zu kennen: das Woher und das Wohin der Dinge versteh' ich nicht, aber ich sehe den Himmel voll Sterne und voll Ahnungen des Menschen Brust wie viel festeren Fuß mit seinen Hoffnungen kann der Beter fassen, der seinem Gott kindlich naht: ich steig' hinauf zu dir im Glauben, steig' du in Lieb' zu mir herab! Der Beter nämlich, der diese in das Fleisch gekommene Liebe kennt und weiß, dass ihr Reich und ihre Kraft und ihre Herrlichkeit in Ewigkeit währt! Jede der sieben Bitten eine Hoffnung, die nicht lügen kann. Wir beten: geheiligt werde dein Name! und wir hoffen auf eine Zeit, wo der Herr Einer sein wird und sein Name nur Einer. Wir beten: dein Reich komme und wir hoffen auf das Siegesgeschrei: nun ist das Heil und die Kraft und das Reich und die Macht unseres Gottes seines Christus geworden! Wir beten: dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden und wir hoffen, alle Dinge werden zusammen unter ein Haupt verfasst in Christo, beides das im Himmel und auf Erden ist und Gott wird sein Alles in Allem. Wir beten: unser täglich Brot gib uns heute und wir hoffen: einst wird uns nicht mehr hungern und dürsten, wird auch nicht auf uns fallen die Sonne oder irgendeine Hitze. Wir beten: vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unseren Schuldigern und wir hoffen auf Palmen vor des Lammes Thron und auf Kleider der Gerechtigkeit, gewaschen und hell gemacht im Blut des Lammes! Wir beten: führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel und wir hoffen: einst wird Gott alle Tränen abwischen von unseren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerzen werden mehr sein, denn das Erste ist vergangen!

Das Vaterunser wird einst verstummen, wenn der Name Gottes all überall geheiligt wird, Gottes Reich gekommen ist, Gottes Wille allerorten geschieht und die Schuld samt der Versuchung und dem Übel getilgt ist. Das Gebet selbst aber, der Psalm und die Danksagung werden drüben nicht verstummen! Freuen wir uns des, dass ein Gebet, welches mit der Sonntagsfeier beginnt: geheiligt werde dein Name! nicht mit dem Sonnabendsseufzer schließt: erlöse uns von dem Übel! sondern mit diesem Laut aus dem Allerheiligsten eines ewigen Sabbats: dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!

Alles was Odem hat, lobe den Herrn. Halleluja! Und alles Volk soll sagen: Amen!

Amen.

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