Kautzsch, Emil - Predigt am Osterfest
Von Professor Dr. Kautzsch in Tübingen.
Ev. Matth. 28, 1-10. (II. Jahrgang.)
Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein von der Türe und setzte sich darauf. Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß als der Schnee. Die Hüter aber erschraken vor Furcht und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel antwortete und sprach zu den Weibern: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, da der Herr gelegen hat. Und geht eilend hin und sagt es seinen Jüngern, dass er auferstanden sei von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen in Galiläa, da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilend zum Grabe hinaus mit Furcht und großer Freude und liefen, dass sie es seinen Jüngern verkündigten. Und da sie gingen, seinen Jüngern zu verkündigen, siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie gehen in Galiläa, daselbst werden sie mich sehen.
In Christo geliebte Gemeinde! Es hat eine Zeit in der christlichen Kirche gegeben, eine lange Zeit, wo der Preis der großen Taten Gottes in den Gemeinden des Abendlandes nur in fremder, lateinischer Zunge gesungen worden ist. Wohl sind es auch feierliche und zum Teil uralte Klänge und Lieder gewesen, die damals, auch in den Kirchen unseres Volkes, zum Lobe Gottes erschallten aber der Mund der Gemeinde selbst war zum Schweigen verurteilt oder konnte doch nur Unverstandenes singen; die Forderung des Apostels: Lehrt und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem Herrn in eurem Herzen diese Forderung war im öffentlichen Gottesdienst fast ganz vergessen. Und doch, einen Tag gab es, wo es niemand hätte verhindern können, dass nicht die christliche Gemeinde in überströmendem Drange ihres Herzens selbst mit einstimmte in den Lobpreis Gottes und zwar in ihrer Sprache, in deutscher Zunge, und dieser Tag war der Ostertag. Da hat sie es lange vor der Reformation gesungen, das herrliche Jubellied: „Christ ist erstanden von der Marter alle, des sollen wir Alle froh sein, Christ will unser Trost sein.“ Dieses Lied errang sich einen Platz mitten unter den lateinischen Liedern der alten Zeit, als ein lebendiges Zeugnis dafür, dass die Gemeinde Christi von keiner höheren und seligeren Botschaft wisse, als von der Osterbotschaft, und sie hat Recht daran getan. Auf diesen Felsen vor allen ist die Gewissheit unseres Glaubens und unserer Christenhoffnung gegründet. Und wenn je eine Zeit käme, wo die christliche Gemeinde nicht mehr singen könnte: „Christ ist erstanden, des sollen wir alle froh sein,“ so hätte sie sich selbst ihr Urteil gesprochen; sie wäre hinweggerückt von dem Eckstein, auf welchen sie von den Aposteln erbauet ist, und es müsste sich an ihr erfüllen, was der größte Zeuge der Auferstehung Jesu Christi den Leugnern der Auferstehung in seiner Zeit zuruft: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“ Darum aber ziemt es uns, auch an diesem Ostermorgen vor allem das Bekenntnis zu erneuern: Ja, Christus ist erstanden aus Grab und Tod, darum dürfen wir froh und gewiss sein, dass er auch unser Trost sein werde über Grab und Tod hinaus. Und nicht minder ziemt es uns, Gott von Herzen dafür zu danken, dass er auch uns diese Osterbotschaft hat verkündigen lassen, dass wir nicht traurig sein dürfen, wie die Andern, die keine Hoffnung haben. Und er wolle Gnade geben, dass diese Botschaft heut und alle Zeit in seiner Gemeinde mit freudigem Glauben verkündigt und mit freudigem Glauben vernommen werde, auf dass sie den Herzen Trost und Frieden bringe! Amen.
Wenn wir dem Osterevangelium in unserem Texte näher nachgehen, so finden wir in demselben eine zweimalige Zusicherung des Ostertrostes an die Frauen, die zum Grabe gekommen waren: die eine in dem Munde des Engels, die andere im Munde des Auferstandenen selbst. Beide aber heben genau mit denselben Worten an, mit der Mahnung: „Fürchtet euch nicht!“ Diese Mahnung soll es denn auch sein, die wir heute zum Gegenstand unserer Osterbetrachtung machen:
Fürchtet euch nicht!
Dabei sehen wir
I. Wie diese Mahnung Osterglauben fordert; und
II. Wie sie Osterfreude wirken will.
I.
„Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen.“ Wir brauchen nicht zu fragen, was diese Frauen zu dem frischen Grabe des Herrn getrieben habe. Wenn wir auch nicht in den anderen Evangelien läsen, dass sie hingingen, um den Leichnam nachträglich zu salben und mit Spezereien zu umgeben, so fehlte es doch auch in unserem Texte nicht an einer Antwort auf jene Frage. „Ich weiß, dass ihr Jesum den Gekreuzigten sucht,“ spricht zu ihnen der Engel. Ja, den Gekreuzigten suchten sie, wenn sie auch meinen, ihn unter den Toten suchen zu müssen. An ihm hatten sie mit der ganzen Kraft ihrer Seele gehangen, mit ihm hatten sie gelitten, sie hatten ihn sterben und ins Grab legen sehen - aber ihr Herz sträubte sich, das alles für Wahrheit zu halten und nicht bloß für einen angstvollen Traum. Und ob sie es auch glauben müssen, so wollen sie sich doch nicht so schnell darein ergeben, dass das Band der Gemeinschaft mit ihm auf immer zerschnitten sein soll. Es ist ihnen, als ob schon der Anblick der Stätte, wo sie ihn hingelegt haben, ihren Schmerz lindern, ihre Sehnsucht stillen müsste. Ach, es ist ja dem armen Menschenherzen bis heute so natürlich, dass es sich mit allen Kräften selbst an den Schein der Gemeinschaft mit geliebten Toten anklammert, dass es immer wieder danach verlangt, nur noch einen letzten Blick zu richten auf das erstorbene Antlitz, nur noch einmal die erstarrte Hand zu drücken, ehe es zur Trennung für immer geht. Diesem Zug des Herzens sind auch jene Frauen gefolgt aber trostlos und hoffnungslos traten sie den Gang zum Grabe an. Dass etwas Außerordentliches geschehen könne, ihre Trauer in Freude zu verwandeln, das kommt ihnen nicht in den Sinn. Wie sollte das Grab den zurückgeben können, der vor ihren Augen eines so martervollen Todes gestorben war. Und als sie nun zum Grabe kommen und die Veränderung wahrnehmen, die an ihm geschehen war, da ist es naturgemäß zuerst Furcht, wovon sie ergriffen werden. Was will es bedeuten, was sie da sehen? Sind es neue Schrecknisse, die ihnen bevorstehen? Müssen sie nicht befürchten, dass das Grab nur darum geöffnet sei, um dem geliebten Toten auch diese letzte Ruhe zu verkümmern? In solcher Furcht und solchem Bangen trifft sie das Wort des Engels: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesum den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ Was hätte ihnen irgend gesagt werden können, um ihre Furcht in Freude zu verwandeln, als dieses eine Wort: „Er ist auferstanden, wie er gesagt hat!“ Dieses Wort ist die Sonne, die plötzlich hineinscheint in die dunklen Wolken der Trauer, die sich über ihre Herzen gelagert hat; vor ihrem Lichte muss die Finsternis weichen ja jetzt wird es zur Wahrheit, was sie sich so gern hätten einreden mögen und doch nicht einreden konnten, dass alles, was sie erlitten hatten, nichts war, als ein böser Traum. Aber so hoch und herrlich auch die Osterbotschaft des Engels lautete, sie konnten sie zunächst doch nur mit dem Glauben ergreifen. Ja Osterglauben, forderte die Mahnung: Fürchtet euch nicht! Ohne diesen Glauben konnte sich die Furcht nimmermehr in Freude verwandeln. Und wenn sie auch der weiteren Mahnung des Engels folgten: „Kommt her und seht die Stätte, da der Herr gelegen hat“ ihn selbst, den Auferstandenen, sahen sie darum noch nicht. Sie mussten es glauben, dass die Stätte darum leer war, weil ihn das Grab nicht behalten konnte, weil durch seine Auferstehung der Tod verschlungen war in den Sieg. Und jene Frauen haben solcher Osterbotschaft geglaubt. Sobald ihnen noch der Auftrag geworden ist: „Geht eilends hin und sagt es seinen Jüngern, dass er auferstanden sei von den Toten,“ da suchen sie nicht länger den Lebendigen bei den Toten, sondern „sie gingen eilends aus dem Grabe heraus“; zwar noch immer mit Furcht wegen des Außerordentlichen, das sie gesehen hatten, aber doch auch mit großer Freude über die selige Botschaft, die sie vernommen und geglaubt hatten. Und diese Freude gab ihnen Flügel, hinzueilen, dass sie es auch seinen Jüngern verkündigten. Aber sie sollten die Stätte nicht verlassen, ohne nun auch noch zu schauen, was sie geglaubt hatten. Der Auferstandene selbst begegnet ihnen und grüßt sie. Und als sie vor ihm niederfallen und seine Füße umfassen, da lautet es abermals als das gewisseste Siegel auf den Trost der Osterbotschaft: „Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie gehen nach Galiläa daselbst werden sie mich sehen!“ Und so erschallt es seitdem fort durch die Jahrhunderte: „Fürchtet euch nicht!“ Und ob auch diese Mahnung nicht mehr aus Engelmund oder gar aus dem Mund des Auferstandenen selbst erschallt, so lautet es doch um nichts weniger tröstlich: „Fürchtet euch nicht. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat!“ Ach, die Menschheit bedurfte solcher Mahnung gar nötig und wir selbst bedürfen ihrer von Jahr zu Jahr aufs Neue. Denn wie könnten wir es leugnen, dass wir uns fürchten nach dem natürlichen Menschen, fürchten vor allem, was mit Tod und Grab zusammenhängt. Alles, was da lebendigen Odem in sich trägt, empfindet ein natürliches Grauen vor dem Tode und sucht sich seiner mit aller Macht zu erwehren. Und ob ihrer Jahraus Jahrein noch so viele sein mögen, die den heiligen Ordnungen Gottes zum Trotz ihre Hand frevelhaft an das eigene Leben legen, so bleiben das doch widernatürliche Ausnahmen von der Regel, der sich die Gesamtheit der lebendigen Geschöpfe unterworfen weiß. Ja, wir fürchten den Tod, wir fürchten schon den Gedanken an einen Zustand des völligen Vergessens von allem, was uns hienieden beschäftigt und erfreut hat, geschweige denn Gedanken an die völlige Vernichtung unserer leiblichen Persönlichkeit, an Zerfall und Verwesung mit allen den Grauen, die sich daran heften. Und solches fürchten wir nicht allein für uns, sondern auch für die, die wir lieben. Denn ob sich auch die Liebe der Menschen unter einander noch so oft trüglich erweisen und in Hass oder Gleichgültigkeit verwandeln mag, so ist darum wahrhafte Liebe und Treue doch nicht ausgestorben und wo sich solche findet, da kann sie den Gedanken nicht ertragen, dass der Gemeinschaft der Herzen mit dem Tode ein Ziel gesetzt sein soll; und wenn sie es nun doch erleben muss, dass der Tod dieses Band der Gemeinschaft vielleicht plötzlich zerreißt, wie sollte sie dann nicht mit Furcht an ihn denken, der die schönsten Hoffnungen vernichtet, die innigsten Bande auflöst, ja mit einem Schlage das Glück ganzer Familien zertrümmert! Und doch sind wir damit noch nicht am Ende! Es ist nicht allein das Grauen vor der Verwesung und Vernichtung, was die Todesfurcht in dem Herzen des natürlichen Menschen nimmer zur Ruhe kommen lässt, sondern es gesellt sich dazu auch das Grauen vor dem, was auch nach dem Tode noch kommen könnte und ob sie es nun begreifen oder nicht, ob sie es anerkennen oder mit Spott und Hohn zurückweisen, es bleibt doch dabei, dass sie Alle eine unauslöschliche Ahnung von der Wahrheit in sich tragen: Der Tod ist der Sünde Sold; ja noch mehr, er ist nur der Anfang des Gerichts, das sich über die Sünde vollzieht, und Niemand kann sagen, welches das Ende sein wird. Und ob auch mancher Mund darüber spottet, diese Ahnung des tiefsten Herzens straft ihn Lügen, und die Geschichte weiß von manch' Einem zu sagen, der von Gotteslästerung überfloss und dann im Angesicht des Todes von Schrecken und Qualen gefoltert wurde, die kein Mund aussagen kann. Ja, der natürliche Mensch fürchtet den Tod und so widerspruchsvoll es auch klingen mag: Er fürchtet ebenso die Vernichtung durch den Tod, wie die Möglichkeit, dass der Tod noch etwas Anderes bringen könne, als die Vernichtung!
Und wer wollte es alles aufzählen, was der natürliche Mensch ersonnen hat, um die Furcht vor dem Tode sei es nun die Furcht vor der Vernichtung oder die Furcht vor dem Gericht nach dem Tode zum Schweigen zu bringen! Er weicht dem Gedanken, der Erinnerung an den Tod nach Möglichkeit aus oder sucht ihn im Strudel irdischer Genüsse zu übertäuben. Aber er mag es anstellen, wie er will, das Gespenst des Todes weiß ihn doch immer wieder zu finden, er kann ihm nicht entrinnen; ja vielleicht kommen für ihn Tage und Wochen, wo er unter Schmerzen dem Tod ins Auge schauen muss, den er gewohnt war von seinen Gedanken fernzuhalten. Wieder Andere haben umgekehrt eine Überwindung der Todesfurcht darin gefunden, dass man sich beständig mit der Möglichkeit und Notwendigkeit des Todes vertraut mache, sie immerdar vor Augen habe, um in keinem Falle von dem Schrecken des Todes überrascht oder erschüttert zu werden. Aber dem liegt nicht die von Gott gewirkte Erkenntnis zu Grunde, die das Sterben-müssen bedenkt, auf dass der ganze Mensch zu wahrhafter Klugheit gelange, sondern der Trotz des natürlichen Menschen, der sich allem gewachsen zeigen will, auch Schmerzen und Tod. Sie ist viel gepriesen worden, jene stolze Weisheit, die der heidnische Dichter in den Worten verkündigt: Wenn auch der Weltkreis zerschmettert dahinsänke, den Unerschrockenen sollen seine Trümmer treffen aber wir wollen nicht fragen, wie oft diese Weisheit nicht Stich gehalten haben mag im Angesicht des Todes wie sie denn auch bei jenem Dichter nicht Stich gehalten hat in einer Stunde der Entscheidung. Und was sollen wir endlich von denen sagen, die in der Erhaltung des toten Leibes, in seiner Bewahrung vor dem Verwesen ein Heilmittel gegen die Todesfurcht erblickt haben. Wohl stehen noch die Riesengräber, in deren Innerem sie ihre Leichen auf ewig gesichert glaubten, aber die Särge sind geplündert, die Gebeine geschändet und verstreut als ein Zeugnis, dass sich Niemand auf die Dauer gegen die Gottesordnung aufzulehnen vermag, die da lautet: Von Erde bist du genommen und zu Erde sollst du wiederum werden!
So sehen wir wohl: Alle die Mittel, durch welche sich die Menschen gleichsam selbst ein „Fürchtet euch nicht!“ zuzurufen trachteten, sie konnten nicht zum Ziele führen. In der Stunde der Entscheidung erwiesen sie sich doch nur als ein zerbrechliches Rohr, nicht als der Stecken und Stab, auf den gestützt ein Mensch getrost einwandern könnte auch in das dunkle Tal des Todes. Aber dazu hilft ihm noch nicht die bloße Mahnung: Fürchte dich nicht! Sondern sie muss gepaart sein mit der Botschaft und gewissen Zusicherung, dass es nicht bloß ein eitler Wahn ist, wenn uns die Ahnung und das Verlangen unseres tiefsten Herzens hinausweist über Tod und Grab, dass es im Tode nicht mit uns aus ist, sondern dass es noch ein höheres und dazu ewiges Leben gibt, in welchem das Glauben dem Schauen, die Ruhelosigkeit dem Frieden weichen soll. Aber nur eine Botschaft gibt es, die solche Zusicherung geben kann, das ist die Osterbotschaft: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ Wer diese Botschaft mit rechtem Osterglauben zu ergreifen vermag, der hat eine zwiefache Gewissheit in ihr. Die eine lautet: Wir haben einen lebendigen Heiland, der nun bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende, und die andere lautet: Er ist auferstanden als der Erstling von Allen, die da schlafen.
Du sprichst: ja, wenn es sich heute wiederholte, dass uns ein Engel oder gar der Mund des Auferstandenen selbst solche Botschaft brächte, dann wäre es uns freilich ein Leichtes, der Osterbotschaft den Osterglauben entgegenzubringen. Aber wir sind in einem anderen Fall, als jene ersten Empfänger der Osterbotschaft; wir sind nur an den Glauben gewiesen und auch von diesem Stück des Glaubens gilt, was der Apostel von dem Glauben überhaupt sagt, dass er nicht Jedermanns Ding sei! Davon gibt schon das Evangelium Zeugnis, dem unser Text entnommen ist, wenn es weiter erzählt, wie die Hüter des Grabes den Hohenpriestern berichteten, was geschehen war, und wie sie von diesen die Weisung erhielten: „Sagt, seine Jünger kamen des Nachts und stahlen ihn, dieweil wir schliefen.“ Und das Evangelium fügt hinzu: Solches ist eine verbreitete Rede geworden bei den Juden bis auf den heutigen Tag. Daraus ersehen wir: obwohl die Versiegelung des Steins und die Bewachung des Grabes vergeblich gewesen war, sind sie dennoch bei ihrem Widerspruch gegen die Osterbotschaft geblieben. Und nach ihnen sind noch unzählige Andere gekommen, die immer neue und nach ihrer Meinung noch weit stärkere Siegel auf den Stein gedrückt haben, der das Grab Jesu deckte, bis sie endlich behaupteten, für alle Vernünftigen sei diese Frage nun abgemacht; was den Stein hinweggewälzt habe von der Tür jenes Grabes, das sei nichts Anderes gewesen, als die fromme Sehnsucht und der Glaube jener Jüngerinnen; ihnen verdanke die christliche Kirche den auferstandenen Heiland.
Wir sahen bereits, dass in dieser Rede ein Körnchen Wahrheit enthalten ist, insofern nämlich, als sich die Osterbotschaft auch bei jenen Frauen fürs erste an den Glauben wandte. Dass sich aber ihr Zeugnis nicht bloß auf ihren Glauben, sondern auch auf das nachfolgende Schauen des Auferstandenen gründete, dafür haben wir nicht bloß das weitere Zeugnis der Evangelien über die Erscheinungen des Auferstandenen im Jüngerkreise, nicht bloß das gewaltige Zeugnis des Apostel Paulus, mit seiner Berufung auf die vielen noch lebenden Zeugen, sondern wir dürfen uns dafür auch auf eine Tatsache berufen, die zu leugnen Niemand in den Sinn kommen kann, das ist die Kirche Jesu Christi selbst. Wohin wir auch blicken in den Urkunden, die uns über die Entstehung dieser Kirche überliefert sind, da finden wir, dass sie auf die Predigt von dem Auferstandenen gegründet ist. Diese Predigt ist ausgegangen von denselben Männern, von denen es in der Nacht des Verrates heißt: Sie verließen ihn aber Alle und flohen! Und wenn wir nun alsbald dieselben Männer als unerschrockene, siegesgewisse und todesmutige Verkündiger des Evangeliums von Jesu Christo auftreten sehen, dann müssen wir zugestehen, dass in der Zwischenzeit etwas Außerordentliches geschehen sein muss, was diese Verwandlung bewirkte. Was dieses Außerordentliche war, darüber lässt uns die älteste Kunde von dem Werk der Apostel nicht einen Augenblick im Zweifel. Der Gipfelpunkt der apostolischen Predigt ist eben immer wieder das Zeugnis von dem Auferstandenen. „Diesen Jesum hat Gott auferweckt, des sind wir alle Zeugen,“ so ruft Petrus in der Pfingstpredigt, so bezeugt er aufs Neue vor allem Volk nach der Heilung des Lahmen im Tempel, und als er eben wegen dieser Heilung mit Johannes vor den hohen Rat der Juden gefordert und hart bedroht wird, nicht mehr zu lehren in dem Namen Jesu, da antwortet er: „Wir können es ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben.“ Und endlich, wo die Apostelgeschichte den Inhalt der apostolischen Verkündigung in ein kurzes Wort zusammenfassen will, da berichtet sie uns: „Mit großer Kraft gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesu.“ Auf diesem Zeugnis ruhet der gesamte Bau der Kirche: in ihm allein liegt das Geheimnis der Kraft, mit der sie fortgeschritten ist von Sieg zu Sieg und eine Welt von Feinden überwunden hat. Wer das leugnet, der macht die Kirche Christi selbst zu einem unverstandenen Wunder, das nicht geringer wäre, als das Wunder der Auferstehung, das er leugnen will.
Und wenn wir nun noch einmal sagen, an den Glauben wendet sich die Mahnung: „Fürchtet euch nicht!“ so dürfen wir dabei doch Eins nicht vergessen. Auch unter denen, die nicht Augenzeugen der Auferstehung gewesen sind, sondern die zunächst mit dem Glauben die Osterbotschaft ergreifen mussten auch unter ihnen hat es doch gegeben und gibt es noch eine große Zahl, bei denen dem Glauben auch ein Schauen gefolgt ist, ein Schauen mit den Augen des Geistes, aber ein solches, das ihnen die felsenfeste Gewissheit gab, dass ihr Osterglaube nimmermehr ein bloßer Wahn sei. Sie haben die beseligende Nähe ihres Herrn lebendig in sich erfahren und aus der Gewissheit, dass er lebt, haben sie die feste Zuversicht gewonnen, dass auch sie leben werden, mit ihm leben werden und dass sie nichts von ihm wird scheiden können. Der Osterglaube ist es gewesen, der ihnen die Kraft dazu gab; alles Drohen ihrer Feinde, alles Bangen des natürlichen Menschen wurde in ihnen übertönt von der Ostermahnung: „Fürchtet euch nicht!“ Wussten sie doch, dass die, welche den Leib töten, nimmermehr die Seele töten können, die der Herr erlöst und zu seiner Nachfolge berufen hat und darum fürchteten sie sich nicht!
II.
Der Osterglaube ist es, der alle Furcht hinwegnimmt, Osterfreude ist es, die an die Stelle der Furcht tritt. Das war das Andere, was wir noch in Kürze zu betrachten haben. Wenn es in unserem Texte heißt, dass die Frauen nach der Botschaft des Engels eilends aus dem Grabe hinausgingen mit Furcht und großer Freude, so wissen wir bereits, dass das eine andere Furcht war, als die, mit welcher sie zum Grabe gekommen waren. Es ist die Furcht, die den frommen Menschen allezeit überkommen muss, wenn er das Wirken der gewaltigen Hand Gottes sichtbar vor Augen sieht; die Furcht, ob er auch würdig sei, Zeuge dieses Wirkens zu werden, die Furcht, dass er der himmlischen Verheißungen durch seine Schuld wieder verlustig gehen könne. Solche Furcht steht uns Allen noch heute wohl an, wenn wir die Osterbotschaft vernehmen, aber sie hindert nimmermehr die volle Osterfreude. Es ist dessen so viel, was die Welt Freude nennt, worin sie einen Grund zur Freude erblickt. Und ferne sei es von uns, dass wir alles verdammen sollten, was der Welt Freude heißt. Haben wir doch einen klaren Maßstab dafür, was auch der Christ mit gutem Gewissen Freude nennen darf, nämlich alles, was er mit aufrichtiger Danksagung gegen Gott empfangen und genießen darf. Wir dürfen uns freuen über die Herrlichkeit Gottes in seiner Natur, denn solche Freude kann verbunden sein mit dem innigen Danke gegen Gott, dass er in jedem Frühling seine Güte wiederum neu werden lässt über seinen Geschöpfen und sie erfüllt mit Speise und Freude. Wir dürfen uns freuen über den Segen, den Gott auf alle ehrliche Arbeit legt, die in seinem Namen getan wird; wir dürfen uns freuen über die Gesundheit und Wohlfahrt der Unsrigen, über das Aufblühen unserer Kinder, mit einem Wort über alles, worin wir die segnende Hand Gottes erkennen. Aber Eins dürfen wir bei alledem nicht vergessen. Das alles sind doch Freuden, die den Keim des Wechsels und der Vergänglichkeit in sich tragen. Wie die Pracht der Blüten draußen durch eine Frostnacht zerstört werden kann, so kann es Gott auch gefallen, mit einem Schlage andere Erdenfreuden zu vernichten und wenn sie noch so rein und berechtigt wären. Daraus lernen wir: Wahre Freude muss anderer Art sein, als alles, was wir da genannt haben, sie muss die Bürgschaft ewiger Gewissheit, ewiger Dauer in sich tragen. Und Gott sei Lob und Dank er hat uns solche Freude nicht versagt, die unabhängig ist von allem Wechsel und aller Trübung. Und wir dürfen wohl sagen: alles, was dahin gehört, das fasst sich zusammen in das Wort „Osterfreude“, wie sie durch die Osterbotschaft gewirkt wird. Wenn du dich recht von Herzen freuest, dass Gott auch für dich seinen Sohn dahin gegeben hat, dass er dich durch sein Leiden und Sterben erlöst und zur Kindschaft berufen hat: die Osterfreude ist es, die dieser seligen Gewissheit das letzte Siegel aufdrückt; denn Ostern ist das Ziel und die Vollendung der Passion und des gesamten Werkes Christi; die Auferweckung Jesu Christi ist das Amen Gottes zu allen Taten der Erlösung. Und wenn du darum weiter froh und selig sein kannst in der Gewissheit, dass dich hinfort nichts mehr scheiden könne von der Liebe Gottes, nicht Alter und Schwachheit, nicht Schmerzen und Tod, so ist das eben Osterfreude, die dir einen Vorschmack gibt der himmlischen Ostern, die du dereinst feiern sollst mit deinem Herrn, wo auch du ihn schauen sollst, wenn anders du Glauben gehalten hast. Und diese Freude, die rechte Osterfreude, sie hält auch Stich unter schwerer Trübsal und bitteren Tränen. Wenn es uns nach der Ordnung Gottes nicht erspart bleiben kann, dass wir das Liebste von unserem Herzen reißen und in tiefer Trauer dem Grab und der Verwesung übergeben müssen, dann ist doch das noch unser Trost und unsere Freude, dass wir uns anklammern dürfen an die Verheißung, die auf der Osterbotschaft ruhet: Was da gesät ist verweslich, soll auferstehen unverweslich.“
Und nun zum Schluss noch Eins. Wir lesen von den Frauen in unserem Text, den ersten Trägerinnen der Osterfreude: „Sie liefen, dass sie es seinen Jüngern verkündigten.“ Und als sie den Auferstandenen geschaut hatten, da wiederholt auch er den Auftrag: Verkündiget es meinen Brüdern!“ Sie liefen, dass sie es seinen Jüngern verkündigten. Die wahre, volle Freude kann ja nicht anders, sie muss sich Luft machen, sie kann nicht ruhen, bis sie Andere zu Mitgenossen der Freude gemacht hat. Nun wohl, auch uns gilt noch die Mahnung: Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern! Wenn anders du Osterglauben hast für die Osterbotschaft, dann musst auch du ein Bote der Osterfreude werden. Wo du Angefochtene und Bekümmerte und Trauernde findest, da rufe es ihnen zu: Seinen Brüdern lässt er solches verkündigen. Darum fürchtet euch nicht! Noch steht sie fest, die selige Botschaft. Christ ist erstanden von der Marter alle; des sollen wir alle, alle froh sein! Christus will unser Trost sein! Amen.