Harnack, Theodosius - Hebt eure Häupter auf, darum dass sich eure Erlösung naht!
Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, und der da war, und der da kommt, von Christo Jesu, unserem Herrn. Amen.
Text: Luk. 21, 25-36.
**Und es werden Zeichen geschehen an Sonne, und Mond, und Sternen; und auf Erden wird den Leuten bange sein, und werden zagen; und das Meer und die Wasserwogen werden brausen. Und die Menschen werden verschmachten vor Furcht, und vor Warten der Dinge, die da kommen sollen auf Erden, denn auch der Himmel Kräfte sich bewegen werden. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in der Wolke, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen; so seht auf, und hebt eure Häupter auf, darum dass sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht an den Feigenbaum und alle Bäume. Wenn sie jetzt ausschlagen; so seht ihr es an ihnen, und merkt, dass jetzt der Sommer nahe ist. Also auch ihr, wenn ihr dies alles seht angehen; so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dass es alles geschehe. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. Aber hütet euch, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen, und mit Sorgen der Nahrung, und komme dieser Tag schnell über euch: Denn wie ein Fallstrick wird er kommen über alle, die auf Erden wohnen. So seid nun wacker allezeit, und betet, dass ihr würdig werden möget, zu entfliehen diesem allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn.
Gemeinde des Herrn! Der heutige Tag ist der Adventssonntag der Hoffnung. Eingedenk der Verheißung: Siehe, ich komme bald, betend, dass er bald komme, bereitet sich die christliche Kirche zur Feier der heiligen Weihnacht und der ganzen Festzeit des Kirchenjahrs vor durch die Predigt von der Wiederkunft ihres Herrn. Denn sie weiß, wie eng sein erstes und sein letztes Kommen zusammenhängen; wie dieses seinen Grund hat in der für uns vollbrachten Versöhnung und Erlösung, und wie sein vollbrachtes Werk sich wiederum in uns und an uns nicht vollenden kann, ohne seine Wiederkunft am Ende der Tage.
Von dieser redet auch der Herr in unserem Texte. Wenn er auch dabei die Zerstörung Jerusalems zunächst im Auge hat, so steht er in ihr doch nur eine bedeutsame Vorläuferin seines letzten Kommens, und eben auf dieses will er die Seinen aller Zeiten mahnend und tröstend vorbereiten, als auf die Vollendung ihrer Erlösung. Hebt eure Häupter auf, ruft er ihnen zu, darum, dass sich eure Erlösung naht. Lasst uns im Lichte dieses Wortes unseren Text, dessen Mittelpunkt es bildet, unter dem Gnadenbeistande des Heiligen Geistes betrachten. Dasselbe schließt besonders ein Doppeltes in sich, wie auch die Zukunft des Herrn zugleich eine freudenreiche und trübsalsvolle sein wird.
Hebt eure Häupter auf, darum dass sich eure Erlösung naht,
das heißt:
1) seid fröhlich in Hoffnung, denn Er ist es, euer Erlöser, der da kommt;
und 2) seid geduldig in Trübsal, denn ob er auch verzieht, er kommt gewiss.
I.
Geliebte in dem Herrn! Hebt eure Häupter auf - denn wir haben eine große Hoffnung, die nicht zu Schanden werden lässt, weil nicht wir sie uns machen, sondern die uns Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, nach seiner großen Barmherzigkeit bereitet hat. Wir haben eine Zukunft - nicht jenes Spiegelbild unserer ohnmächtigen und kurzsichtigen Wünsche, dem wir diesen Namen geben, und dem wir vergeblich Wahrheit und Leben einzuhauchen bestrebt sind sondern eine wirkliche, reiche, selige Zukunft, in welche alle Wege Gottes mit den Einzelnen und den Völkern ausmünden, und in der seine Friedensgedanken über seine Gemeinde der Gläubigen sich verwirklichen werden durch die großen Endtaten Gottes zu ihrer Erlösung und Vollendung. Wir haben ein unvergängliches und unbeflecktes Erbe, uns aufbewahrt im Himmel, das offenbar werden wird durch die Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi. Ja, er wird kommen, wie er es vorhergesagt hat, und eben dieses sein Kommen und Offenbarwerden ist die Zukunft und die Hoffnung der Kirche Christi auf Erden.
Christus der Herr wird wiederkommen mit großer Kraft und Herrlichkeit, und wird sich erweisen als das königliche Haupt seiner Gemeinde, dem alle Dinge im Himmel und auf Erden untertan und unter welches sie Alle zusammengefasst sind.
Dann wird es in das hellste Licht treten, wie die ganze Weltgeschichte und das Leben des Einzelnen in Christo ihren Mittel- und Zielpunkt haben, und wie wunderbar die Geschichte der Menschheit mit dem unsichtbaren Reiche der Geister und dem sichtbaren Reich der gesamten Natur verbunden und verschlungen ist. Denn Himmel und Erde wird er bewegen, wenn er wird erscheinen! Alles wird seine Wiederkunft ankündigen: die Himmel mit ihren Kräften und Geistern, Sonne, Mond und Sterne mit ihren Zeichen, die Luft mit Stürmen, die Wasser mit Brausen, die Erde mit Beben; die Völker mit Kriegen, die Gewissen mit Angst und Verzagen, auch die Hölle, mit ihrem Wüten und Verzweifeln - sie Alle werden laut ausrufen: Er kommt. Und dann wird er erscheinen, zu geben einem Jeglichen nach seinen Werken. Alle werden ihn dann sehen, auch die Augen derer, die ihn gestochen haben; und sie werden im Feuerspiegel seiner Heiligkeit und Majestät ihr Bild erblicken, und werden in dem inneren Selbstgericht verschmachten vor Furcht und Warten, und werden lieber vernichtet, denn gestellt sein wollen vor des Menschen Sohn.
Aber die Wiederkunft des Herrn hat nicht nur eine schreckenerregende, richtende Seite; ihre eigentliche hauptsächliche Bedeutung ist eine trost- und hoffnungsreiche für Alle, die seine Erscheinung lieb haben. Und eben diese besonders will uns auch der Herr in unserem Texte vor die Seele führen. Es weht uns wie Frühlingsluft aus demselben an, wenn er da hinweist auf die ausschlagenden Bäume, die den nahen Sommer ansagen. Es klingt wie Zerbrechen von Riegeln und Ketten, es nimmt schwere Lasten von der Seele, und ruft die lang und bang ersehnte Stunde heiliger Freiheit aus, wenn er auffordert aufzusehen, die Häupter zu erheben darum, dass sich unsere Erlösung naht. Endlich, endlich „Herz, freu' dich, du sollst werden vom Elend dieser Erden und von der Sündenarbeit frei.“ Nun ist es gar aus mit der Herrschaft der Sünde: ihre Schuld - geworfen ins Meer, da es am tiefsten ist und zugedeckt mit dem Blute der Versöhnung, dass ihrer nicht mehr gedacht wird in Ewigkeit; ihre Macht - gebrochen und vernichtet auf immer durch den vollen überschwänglichen Sieg des Geistes Christi in den Gläubigen. Nun ist er ausgekämpft, der harte Kampf zwischen Geist und Fleisch in allen seinen Gestalten, der oft die Seele bis zum Tode ermüdet und ihr die Frage ausgepresst hat: ach, Herr, wie lange! Wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? Zu Ende ist es nun mit allen Schmerzen, Sorgen und Tränen, mit all dem tausendfachen, namenlosen Leid der Erde, denn auch die Zwingherrschaft des Todes wird zerbrochen, der Tod selbst nicht mehr sein; und der Versucher und Verkläger der Seelen, der des Todes Gewalt hat, wird geworfen sein in den Pfuhl auf ewig.
Gott sei gepriesen, nun ist das Alte vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden! Denn nun werden alle himmlischen und heiligen Kräfte Gottes widerstandslos und übermächtig walten und wirken und aus dem untergehenden Alten einen Neubau schaffen, dessen Name ist: stehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen! Alle Saaten, Keime und Knospen des verborgenen inneren Lebens mit Christo in Gott, sie werden nun in uns und um uns aufgehen und allenthalben aufbrechen zu Blüten und Früchten der Ewigkeit. Da werden sie hervorgehen, die in dem Herrn starben, in denen wir unser halbes Leben den Gräbern anvertrauten, neu geschmückt ihrem Herrn mit dem Leibe der Unsterblichkeit. Unser Todesleib, er wird verwandelt werden in das Bild des verklärten Leibes Jesu Christi. Ja, alle Kreatur wird frei werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens, zu welchem die Sünde sie missbraucht hat, und wird würdig werden der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn eben diese Erde, die Stätte, da Christus für uns gelitten und gestorben, der Schauplay unserer Sünde und seiner Gnade, wird auch die Stätte des Sieges und Triumphes sein, den er in der Vollendung seiner Gemeinde der Erlösten feiern wird.
Das ist kein Gebilde menschlicher Phantasie, meine Lieben, das ich Euch etwa zum augenblicklichen Genusse vorhielte! Nein, das sind ernste, gewisse und wahrhaftige Gottes Worte und Taten, die alle in der einen Verheißung Gottes und der einen Hoffnung seiner Kirche beschlossen sind: Christus wird wiederkommen in Herrlichkeit. Könnte ich sie Euch nur recht lebendig und so zu Gemüte führen, dass die Herzen von der Erden ganz zu ihm gezogen werden; so anschaulich und eindringlich, dass die große Adventshoffnung der Kirche mit ihrer Freude sich tief und bleibend wie ein stilles, seliges Geheimnis in Euere Seele senkte, wie ein frischer, nie versiegender Born, der Euch Kraft gebe, trotz der Schwüle einer schweren, gewitterdrohenden Zeit und mitten unter dem Druck der eigenen Sünde und der besonderen Not, wie sie ein Jeder zu erfahren hat, Euere Häupter zu erheben und fröhlich zu sein in dieser Hoffnung. Ja, wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden; dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein!
Zwar werden auch die Gläubigen erschrecken, wenn er wird erscheinen. Denn was in uns und an uns des Fleisches und der Sünde und des Todes ist, das wird erschrecken und muss es, denn es wird zu Grunde gehen. Ist aber in Dir ein Funke, auch nur ein glimmender Funke des wahrhaftigen neuen Lebens aus Gott, so wird doch zuletzt die Freude aus ihm hell aufschlagen und so gewiss über das Erschrecken siegen, als das Leben über den Tod siegt. Aber das freilich ist die Bedingung - das neue Leben im Glauben an Christum. Nur seinen Gläubigen ruft der Herr zu: hebt euere Häupter auf! Die zweite Ankunft Christi wird nur Dem Freude bringen, der an seine erste ins Fleisch glaubt und aus ihr empfangen hat Vergebung der Sünde, Gewissheit seiner Versöhnung mit Gott und Kraft zum neuen Leben in ihm.
Nur dann vermagst du auch gegenwärtig schon wahrhaft fröhlich zu sein in Hoffnung. Wie willst du es auch anders sein, so du es ernst meinst? Denn die Gegenwart ist immer bestimmt von der Vergangenheit und Zukunft, die beide in ihr sich die Hand reichen. Und die Vergangenheit selbst - Du weißt es wohl sie vergisst nichts von deiner Sünde und Schuld; so wenig, wie die Zukunft von selbst ihre drohende Nacht Dir licht und leicht macht. Wie soll es da zur rechten Freude kommen? Oder meinst Du mit leichtsinnigem Vergessen und Hoffen der Hand entrinnen zu können, die endlich ihr: „gewogen und zu leicht befunden“ mit Flammenschrift unauslöschlich auch in Dein Gewissen einbrennen kann? Siehe wohl zu, was Du tust und wagst! Du bist doch zu was ganz anderem von Christo erlöst und berufen? Wirf seine Berufung nicht von Dir; wirf Dich nicht selbst weg an die nichtige und verderbliche Scheinfröhlichkeit der Welt, auf dass Du nicht einst weggeworfen werdest am Tage der Zukunft Deines Herrn. Du kannst nicht wahrhaft fröhlich sein in der Gegenwart, ohne dass Dir die beredte Vergangenheit zum Schweigen und die stumme Zukunft zum Reden gebracht, ohne dass jene Dir zugedeckt und diese ausgedeckt sei; das will sagen: Du musst von Gott Vergebung der Sünden empfangen haben, um hoffen zu dürfen, und Verheißung des ewigen Lebens um hoffen zu können. Beides hat allein der Glaube an Christum. Er allein erfüllt auch das Herz mit einer Freudigkeit und Fröhlichkeit der Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, die darum keiner Täuschung bedarf, um sich zu erhalten; sondern die Macht hat zu bestehen mitten in den Nöten und Trübsalen dieser Welt.
II.
Denn, wenn der Herr die Seinen auffordert, ihre Häupter zu erheben, so weiß er sehr wohl, wie Vieles und wie Schweres sie unablässig anficht und daran arbeitet, ihre Häupter niederzuhalten und sie selbst zu Boden zu drücken. Auch macht uns die Fröhlichkeit der christlichen Hoffnung nicht blind und stumpf gegen das Leid dieser Welt, das allgemeine oder besondere. Weder schützt sie davor, noch entzieht sie sich ihm auf selbstsüchtige, kreuzesflüchtige Weise, noch macht sie uns unempfindlich gegen dasselbe. Vielmehr steigert sie die Empfindung der Trübsal bis zum höchsten Schmerz. Denn teils gehört sie selbst nicht der alten Welt des Todes, sondern der neuen Welt des Lebens an; teils eröffnet ihr jedes Leid einen neuen Blick in die Tiefen der eigenen Sünde und in die Gewalt der Mächte der Bosheit, die in der Welt ihr Wesen treiben dürfen. Dennoch bleibt ihr Haupt erhoben, aber nicht trotzig, nicht sicher und übermütig, sondern geduldig in aller Trübsal. Denn die Wiederkunft Christi lässt alle Trübsal in einem ganz neuen Lichte erscheinen, nimmt sie in ihren Dienst und macht sie dadurch zu einer heilsamen Schule derjenigen Geduld, welcher das Reich verheißen ist.
Wenn dies Alles anfängt zu geschehen, spricht der Herr, und er meint damit alle jene ernsten Vorzeichen seiner Zukunft, dann hebt eure Häupter auf und haltet fest an meinem Wort, denn Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. Der Herr kommt zuverlässig und gewiss, denn er hat es gesagt, aber er kommt allmählich und verzieht in Gnaden mit dem Schlussgericht. Denn er hat Geduld mit uns und will nicht, dass Jemand verloren gehe. Darum lässt er seine Vorboten vorangehen im Völkerleben, wie im Einzelleben. Alle welterschütternden und umwälzenden Ereignisse, von Jerusalems Zerstörung bis auf die Reformation und von da an bis auf unsere Zeit mit ihren ernsten Gerichten und Zeichen; alle Heimsuchungen, die Du in Deinem eigenen Leben erfährst, - sind Vorzeichen und Anzeichen der Ankunft des Herrn, die eben in ihnen sich selbst ankündigt und immer näher und immer gewisser herankommt. Merken wir denn auf diese Zeichen der Zeit und auf die Fingerzeige Gottes in unserm Leben. Sie sind trübsalsreicher Art und können auch nicht anders sein nach der Beschaffenheit der Welt- und unseres Fleisches. Denn die Welt muss vergehen mit ihrer Lust und das Fleisch muss gekreuzigt werden samt seinen Begierden. Anders kann Gottes Reich nicht zu uns und wir nicht in dasselbe kommen.
Wo Du darum in Deinem Leben, in Deinen nächsten Kreisen, Erfahrungen machst äußerer oder innerer Art, die Dir ins Herz greifen und dich bis in den Grund bewegen, dass Du angstvoll und ratlos bist und betrübt bis in den Tod da lasse es Dir eine Mahnung sein, dass der Herr kommt. Oder wo, wie in unseren Tagen, nach einer voraufgegangenen Zeit des Friedens der Strom der Geschichte wieder anschwillt und die bisherigen Dämme überflutet, wo die irdischen Sonnen und Größen zu erbleichen anfangen, wo die Wege dunkel werden und die Herzen erbangen vor Warten der Dinge, die da kommen sollen; wo Gottlosigkeit und Treulosigkeit, Selbstsucht und Lüge die Herrschaft an sich reißen will; wo ihr, weil es ihr zu gelingen scheint, die Welt zuzujauchzen beginnt, aber auf Gottes Wort, auf das Wort von seiner Geduld, nicht hören und achten will da soll es uns eine Mahnung sein, dass der Herr kommt, dass er näher kommt; dass Gott Gewalt übt mit seinem Arm und aufs Neue gebietet allen Menschen an allen Enden Buße zu tun, da er gesetzt hat einen Tag, an welchem er richten will den Erdboden mit Gerechtigkeit durch einen Mann, in welchem er es beschlossen hat, nachdem er ihn hat auferweckt von den Toten.
Aber hebt dennoch Euere Häupter auf, die Ihr seine Erscheinung lieb habet. Denn der Herr lehrt uns alle die trübsalsschweren Ereignisse nicht bloß als Vorzeichen des Gerichts zu bedenken, sondern auch als Vorboten der Erlösung zu begrüßen. Seht den Frühling an, auf den er uns hinweist. Wie dieser nicht kommt, ohne in Sturm und Ungewitter den Winter zu begraben, und wie sich eben darin der herankommende Sommer in seiner Kraft und Nähe erweist, so ist es auch mit dem Kommen des Herrn. Wovon willst Du denn erlöst sein, wenn nicht von der Lust und Last dieser Welt der. Sünde und des Todes, wenn nicht von dem alten Menschen in Dir, der nicht will und tut, was Gottes ist? Und wem anders ist die Trübsal todbringend, als der Welt und Deinem Fleisch? Lernen wir darum segnen die Hand, die so heimsucht und schlägt! Ärgern wir uns nur nicht an der unvermeidlichen Trübsalsgestalt, in der sich unsere Erlösung und die der Gemeinde Christi naht; in der sie sich aber auch still und unmerklich an uns vollzieht. Ob es auch wehe tut, es ist uns dennoch gut! Ob Gott der Herr uns auch gar ernst anfasst, es kann nicht anders sein; das Weizenkorn wird nicht lebendig und fruchtbar, es ersterbe denn. Ob wir auch mitgezüchtigt werden, es geschieht doch nur, auf dass wir nicht auch mitgerichtet werden. Ja, ob auch unter den Trübsalen ein Stück Welt nach dem anderen in Dir und außer Dir zusammenbricht sie ist ohnehin dem Tode verfallen - aber Gottes Reich und Deine Erlösung bricht da auch um ein gut Teil näher herein und das soll nicht von uns genommen werden.
Darum lass die Toten das Tote begraben, Du aber hebe Dein Haupt auf und warte auf den Herrn.
So lehrt uns die Wiederkunft des Herrn die Trübsale dieser Welt betrachten. Für die Welt sind sie wie Herbststürme, die alle ihre Lust und Herrlichkeit begraben und eine Nacht über sie heraufführen, auf welche kein Morgen folgt. Für die Kirche Christi und seine Gläubiger sind sie Frühlingsstürme, ernste und heilsame Boten und Diener des siegenden Lichtes und Lebens. Denn in ihnen kommt der Herr als Erlöser den Seinen immer näher, darum sind sie bestimmt, die Bande immer mehr zu lösen, die uns noch an die Welt knüpfen; aber auch uns immer fester im Glauben und in der Hoffnung mit ihm zu verbinden, indem wir seine Geduld für unsere Seligkeit achten lernen, und aus ihr Gnade und Kraft empfangen, auch geduldig zu sein in Trübsal, bis er wird erscheinen.
Verwechselt nur nicht diese Geduld mit der trägen Schwäche, die das Widerwärtige über sich ergehen lässt und in das Unvermeidliche sich fügt, gleichviel wie, weil es einmal nicht zu ändern ist. O nein, die Geduld der Kirche Christi und ihrer rechten Glieder ist eine starke Tugend; sie erweist sich tatkräftig im Verleugnen, im Leiden, im Beten. Sie achtet vor Allem auf die Mahnung des Herrn und hütet sich, dass das. Herz nicht beschwert werde mit der Lust oder Sorge dieser Welt; sie verleugnet die Welt und bezähmt das Fleisch in seinen groben und seinen feinen Werken, denn sie weiß, dass fleischlich gesinnt sein der Tod ist. Und weiter nimmt sie das Kreuz willig auf und trägt es Christo nach; denn sie weiß, wer es sendet, wen es bringt und wozu es dienen soll, und murrt nicht wider Gott, sondern wider die Sünde, demütigt sich aber unter die gewaltige Hand Gottes. Und endlich begehrt sie nicht die Flucht, sondern die Frucht des Kreuzes, und wartet wachend und betend dem Herrn entgegen: nur Eines fürchtend, dass sie einschlafen und mit der Welt ergriffen werden könnte von dem Verderben; nur Eines begehrend, dass es ihr gegeben werde, auszuharren bis ans Ende und zu stehen vor des Menschen Sohn, wenn er wird erscheinen. Das ist die Geduld der Heiligen, von der geschrieben steht: Selig der Mann, der die Anfechtung erduldet - der sie ausduldet bis ans Ende denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
Ihre Kraft ist das Wort Gottes, ihr Waffe das Gebet, ihr Warten der Herr. Alles zieht sie zu ihm und ihm entgegen: die Gewissheit seines Kommens, die Liebe zu ihm, die Verheißung des zukünftigen Erbes, der Besitz der Erstlinge des Geistes, der Hingang und Vorausgang derer, die schon überwunden haben - Alles lenkt die Geduld der kämpfenden und leidenden Gemeinde Christi auf seine endliche Wiederkunft und treibt sie immer anhaltender zu beten: Herr, dein Reich komme. Und wie sein Herankommen ihr Gebet immer brünstiger hinauszieht, so zieht ihr Gebet ihn und sein Kommen immer näher herab, bis er endlich hervortreten wird in großer Kraft und Herrlichkeit: erwartet und doch unerwartet, ersehnt und doch überraschend, schreckenerregend und doch unaussprechliche Freude bringend.
„Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freude springen,
Sie wacht und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig;
Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Kron,
Herr Jesu, Gottes Sohn;
Hosianna, wir folgen all zum Freudensaal
Und halten mit das Abendmahl!“
Christliche Gemeinde! Bedenke denn in dieser Adventszeit, dass Du ein Volk der Zukunft und der Hoffnung bist. Nimm es wohl zu Herzen, prüfe und richte danach Deinen Sinn und Wandel in der Gegenwart. Habt Ihr lieb den Herrn, dann hebt Euere Häupter auf: seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, denn er kommt, er wird kommen, und ihr werdet ihn sehen, wie er ist. Wenn aber solche Hoffnung Dich noch kalt lässt; oder wenn sie uns mehr Bangen als Freude erregt, oder doch nicht so in uns lebt, wie es sein sollte worin hat dies seinen Grund? Lediglich darin, dass uns der gekommene Christus, der gekreuzigte und auferstandene, noch nicht unser Ein und Alles ist; dass wir unsre Seligkeit noch nicht gründen allein auf ihn und auf die Gerechtigkeit, die dem Glauben zugerechnet wird um seinetwillen.
Ja, alle Hoffnung - gebärde sie sich noch so christlich - ist eine falsche, trügerische und verderbliche, die uns diesen Grund unsres Gnadenstandes irgend verdeckt oder verkümmert. Unser Standort ist und bleibt das Kreuz Christi. Das ist der Grund unsres Glaubens, die Bürgschaft unserer Hoffnung, die Kraft unserer Geduld. Weil wir gerecht worden sind durch den Glauben - schreibt der Apostel Paulus (Röm. 5, 1 ff.) weil wir Frieden haben mit Gott durch Christum und offenen Zugang zu seiner Gnade, so rühmen wir uns auch der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit; und nicht das allein, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale. So sagt es das Wort Gottes, so ist es recht, so sei und bleibe es auch bei uns. Die Erwartung der Wiederkunft Christi gründe uns immer fester auf den Grund unseres Glaubens und schließe uns immer inniger mit der Krippe und mit dem Kreuze Christi zusammen. Nur von hier aus können und wollen wir unsre Häupter erheben und die Stunde der Erlösung wachend und betend erwarten, des gewiss und getrost, dass wir dann entfliehen werden Allem, was geschehen soll, und wohl bereitet sein werden, zu stehen vor des Menschen Sohn. Ihm aber, unserem Herrn und Heilande, der da will und kann uns behüten ohne Fehl und uns stellen vor sein Angesicht unsträflich und mit Freuden, ihm sei Preis und Ehre, Macht und Gewalt nun und in Ewigkeit. Amen.