Harms, Theodor - Der Heilsweg - Am ersten Sonntage nach dem Feste der heiligen Dreieinigkeit 1870.

Harms, Theodor - Der Heilsweg - Am ersten Sonntage nach dem Feste der heiligen Dreieinigkeit 1870.

Die Gnade unsers HErrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Lasst uns beten: Lieber HErr und Heiland Jesu Christe, der Du bist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben, der Du uns arme Sünder so lieb hast, dass Du nicht allein herzlich gern schenken willst, was zu unserm Heil und Frieden dient, sondern es uns auch geben musst nach Deiner Verheißung, wir kommen in getroster Zuversicht zu Dir, unserm lieben HErrn, und bitten um Deinen Heiligen Geist zur Betrachtung Deines teuren Wortes. Wir bitten wohl um ein Großes, aber Du hast verheißen, dass Du den Heiligen Geist geben willst denen, die Dich bitten und weißt auch, dass wir ohne denselben nichts lernen können aus Deinem Worte, noch dasselbe an unserm Herzen erfahren. Wir sind blind, gib uns Licht, dass wir Deine Wege erkennen; wir sind taub, gib uns offene Ohren, dass wir auf Deinen Gottesruf hören; wir sind matt, gib uns Deine Kraft, dass wir den guten Kampf des Glaubens kämpfen; wir sind nackt und bloß, ziehe uns an das Kleid Deiner Gerechtigkeit; öffne unser Herz und ziehe hinein, dass Du in uns bleibst und wir in Dir. Gib uns allen den rechten Gnadenhunger und die rechte Heilsbegier und wehre dem Teufel, dass er uns nicht antaste mit Schläfrigkeit und Zerstreutheit, sondern gib uns ein feines Ohr und ein treues Herz, auf dass wir im rechten Glauben Dir nachfolgen und in treuer Liebe mit Dir verbunden bleiben in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Text: 1. Joh. 4, 16-21.

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Daran ist die Liebe völlig bei uns, auf dass wir eine Freudigkeit haben am Tage des Gerichts; denn gleichwie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe. Lasst uns Ihn lieben, denn Er hat uns erst geliebt. So Jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von Ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Am vergangenen Sonntage, meine Lieben, haben wir gehandelt von dem wunderbaren Gott, dessen Wege unbegreiflich und dessen Gerichte unerforschlich sind und wenn wir mit rechtem Ernst betrachten das wunderbare Wesen des dreieinigen Gottes und halten uns dagegen in unserer Schwachheit und Ohnmacht, so wird uns zu Mute, wie der Prophet Hesekiel sagt von dem großen Wasser, in welches er hineingeführt wurde. Wenn wir betrachten Gott den Vater, so will uns das am Leichtesten einleuchten und es ist uns, als ob uns das Wasser bis an die Knöchel geht. Gehen wir tiefer hinein und betrachten, dass Gott unser Bruder worden ist, so will uns das auch noch wohl in den Sinn, denn wir erkennen, dass wir nicht anders selig werden können und das Wasser geht uns bis an die Knie. Wenn wir dann weiter betrachten den Heiligen Geist, der uns das Heil übergibt und aneignet, dann wird es uns immer krauser und bunter, das Wasser geht uns bis an die Lenden. Betrachten wir aber den dreieinigen Gott, dann schwindet uns der Boden unter den Füßen und es bleibt uns nichts übrig, als im Glauben hindurch zu schwimmen. Wenn wir den dreieinigen Gott betrachten, so will Er uns entweichen in die Ferne. Da kommt uns der Heilige Geist zu Hilfe, und lehrt uns, dass Gott die Liebe ist und da wird uns der wunderbare Gott, dessen Wege unbegreiflich und dessen Gerichte unerforschlich sind, so nahe gerückt, dass wir uns ganz eins wissen mit Ihm im Glauben und in der Liebe. Es ist das ein so kostbares Wort: Gott ist die Liebe, dass wir dem HErrn in Zeit und Ewigkeit nicht genug dafür danken können. Was liegt nicht Alles in dem Worte: Gott ist die Liebe! Das ist ein Wort, worüber sich sogar die Ungläubigen freuen, sie meinen, nun sei das Seligwerden ein leichtes Ding, Gott drücke gern die Augen zu über die Sünden der Menschen; wenn Er nur einigermaßen den guten Willen und das Streben nach dem Guten sähe, dann sei Er schon zufrieden, Er könne es nicht über das Herz bringen, einen Menschen in die Hölle zu werfen, ja Er bekehre auch die Teufel in der Hölle noch und nehme sie in den Himmel, also dass auch die Verdammnis vor der göttlichen Liebe verschwinden müsse. Aber wenn Johannes sagt: Gott ist die Liebe, so meint er damit ganz etwas anders als die Weltkinder. Ist Er die Liebe, so kann Er nur lieben, was eins mit Ihm ist, das Gute; weil Er die Liebe ist, so muss Er hassen, was nicht mit Ihm eins ist, das Böse, denn Er ist die heilige Liebe. Weil Er das ist, darum ist Er den Christen so lieb und wert und kommt ihnen so nahe, dass, wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Also sollen wir in Gott sein und Gott will in uns sein; diese Gemeinschaft ist aber nur durch die Liebe Gottes möglich. So wollen wir denn unsere Epistel betrachten nach dem Vers:

HErr Jesu, sei mein, ich bleibe Dein, die Liebe soll ohne Ende sein.

1. HErr Jesu, sei mein.

Man sollte denken, diese Bitte sei ganz überflüssig, wenn man weiß, was das heißt: Gott ist die Liebe. Aber unser schwaches Herz bedarf immer wieder in seiner Verzagtheit der Aufrichtung. Wer Gott wirklich anfängt zu suchen, der meint, sein Heiland müsse von ihm weichen und wer seine Sünden kennt, der hat auch Ursache zu solcher Furcht. Diese bange Sorge, dieser verstohlene Zweifel, als wolle Gott Seine Gnadenhand abziehen, wird niedergehalten durch das Wort: Gott ist die Liebe. Das ist Gott Seinem Wesen nach, Er ist ganz Liebe. Darum kann Er nichts üben als Liebe, sogar auch gegen die Gottlosen. Wir machen uns gar oft verkehrte Vorstellungen von Gott. Statt Ihn zu halten als ein Lämmlein, halten wir Ihn lieber als einen brüllenden Löwen, der nichts lieber tut als Seine Hand aufzuheben und uns zu schlagen. Aber Er kann nicht anders, so lange wir auf Erden sind als uns lieb haben. Darum sagt der HErr Jesus: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen auf Erden zu richten, sondern selig zu machen was verloren ist. Wir müssen uns freilich sagen, dass wir blutarme Sünder sind und haben nichts anders verdient als Gottes Zorn und Ungnade, den zeitlichen Tod und die ewige Verdammnis und solche Strafe soll uns treffen, wenn wir die Gnadenzeit unbenutzt vorübergehen lassen. Aber so lange wir auf Erden sind, trifft uns Gottes Zorn nie. Wenn ein Christ im Glauben steht, so versteht es sich von selbst, dass Gott ihm nichts als Liebe erweisen kann, denn unsere Untreue hebt Seine Treue nicht auf. Aber wenn der Mensch auch nicht im Glauben steht, erweiset der HErr ihm doch nichts als Liebe. Ist es denn nicht Liebe, wenn Gott dem Menschen eine Gnadenzeit gibt, wenn Er mit Trübsal über ihn kommt, wenn Er den Stab Sanft und Wehe braucht? Es ist lauter Liebe, die Ihn dazu treibt. So schwimmen wir in einem Meer von Liebe und können überzeugt sein, Gott müsse aushören Gott zu sein, wenn Er uns Menschenkindern auf Erden etwas anders erweisen wolle als Liebe und Erbarmen. An Allem kannst du zweifeln, aber daran nicht, dass Gott die Liebe ist. Woher wissen wir das? Wir haben die gewissesten Beweise dafür erstlich in den Liebesbriefen, die uns Gott geschrieben hat. Wo sind die zu finden? Eigentlich ist das ganze teure Gottes Wort ein Liebesbrief unsers Gottes, ein großes seliges Evangelium, worin Er es uns auf jeder Seite sagt, dass Er nicht will den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und selig werde. Aber in diesem Briefe, den der HErr Seinen Kindern mitgegeben hat, kommen noch ganz besondere Liebesbriefe unsers HErrn vor. Einige sind ganz kurz und doch von solcher Kraft und Innigkeit der Liebe, dass, wenn man sie recht bedenkt, es Einem durch Mark und Bein geht und das Wasser in die Augen und in das Herz hinein treiben muss. Ich will einige anführen. Der HErr hat gesagt: Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will Ich doch dein nicht vergessen. Die schönste, treueste und gewaltigste Liebe, die Menschenkinder haben können, ist die Mutterliebe, also dass eine Mutter wohl bereit ist, ihr Leben für ihr Kind zu opfern; aber diese Mutterliebe reicht lange nicht an die Liebe, die Gott zu den Menschenkindern hat; und doch redet Gott hier nicht von Seiner Liebe zu den Bekehrten, sondern zu den Menschen überhaupt. Ich habe dich je und je geliebt, darum habe Ich dich zu Mir gezogen aus lauter Güte, so spricht der HErr an einer andern Stelle. Er sagt: Ich habe dich je und je, also von Ewigkeit her geliebt und was Mich dazu bewogen hat dich zu Mir zu ziehen, das ist lauter Güte! Weiter: Ist nicht Ephraim Mein trauter Sohn und Mein liebes Kind, Mein Herz bricht in Liebe gegen ihn. Kann man sich eine köstlichere, herrlichere Erklärung der Liebe Gottes denken? Er sagt: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber Meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund Meines Friedens soll nicht von dir genommen werden, spricht der HErr dein Erbarmer. Er lässt uns schreiben: Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingebornen Sohn gab, auf dass Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. In unserm Text finden wir das eine kurze Wort, den kurzen Brief: Gott ist die Liebe. Nun, meine Lieben, bei allen diesen Erklärungen unsers HErrn dürfen wir doch nicht zweifeln, dass Seine Liebe unveränderlich und die allertreueste ist; und wenn Er auch nicht in vielen hohen Worten uns Seine Liebe vorführt, so sind dieselben doch umso kostbarer und behaltbarer für uns. Darum müssen sie tief in unserm Herzen geschrieben stehen, auf dass wir sie hervorholen können, wenn der Satan uns anficht. Es sind diese Worte der Liebe gleichsam wie glühende himmlische Kohlen, die gelegt werden um unser kaltes Herz, dass wir erwärmt werden; wir haben sie als Unterpfänder Seiner Liebe. Wir haben aber noch einen andern Beweis für Seine Liebe, das sind zweitens die großen Liebestaten unsers HErrn und Heilandes. Wir wollen die Hauptliebestat vor allen Dingen betrachten, dass der himmlische Vater Seinen eingebornen Sohn in unser Elend hat herabsteigen lassen, dass Er hat annehmen müssen unser Fleisch und Blut und auf sich nehmen unsere Sünde und Missetat. Warum hat Er das getan? Aus lauter Liebe zu uns armen Sündern. Man mag zweifeln, welche Liebe größer sei, die Liebe des Vaters zum Sohne oder Seine Liebe zu uns armen Sündern; denn wenn Er das Liebste hingibt, uns arme Sünder selig zu machen, so muss Seine Liebe gegen uns unausdenkbar groß sein. In dieser Liebe sind Vater, Sohn und Heiliger Geist eins, sie wetteifern in der Liebe, der Vater gibt den Sohn, der Sohn stirbt für uns und der Heilige Geist schämt sich nicht, in unsern Herzen zu wohnen. So haben wir in dem HErrn Jesu das allergrößte Unterpfand der Liebe Gottes. Daher kann es nicht anders sein, hat uns der HErr in Seinem Sohne das Höchste geschenkt, so muss Er uns mit Ihm auch alles Andere schenken, diese Gabe ist ein Beweis, dass Er uns nur Gutes schenken kann. Das sehen wir schon bei den äußerlichen Dingen. Sehen wir hinaus in die schöne Natur und fragen: Warum ist Alles so prächtig in derselben? so lautet wohl zuerst die Antwort: Gott zu Ehren, aber dann weiter heißt's: Um unsertwillen. Er hat die Erde so herrlich geschmückt, dass wir in jedem Grashalm, in jeder Blume die Worte finden können: Siehe, wie lieb habe Ich dich. Wenn wir das teure Gottes Wort lesen, müssen wir uns nicht stets sagen: Das hat Gott uns geoffenbart, nicht den Engeln? Wenn Er in allerlei Kreuz und Trübsal zu uns kommt, dann ist Seine Liebe am spürbarsten. Legt Er uns das Kreuz auf, so fühlen wir Seine treue Hand. Nur Seiner Liebe ist es möglich, unser Herz zu überwinden und zu Seiner Wohnung zu machen. Wäre Er nur der allmächtige Gott, so würde Er unser Herz nicht wandeln und zu Seiner Wohnung machen können; das ist nur Seiner Liebe möglich, die so lange um Einlag in das Herz bittet, bis der Mensch Ihm das Herz öffnet und der HErr einziehen kann. So ist diese Liebestat der wunderbaren Gemeinschaft des HErrn Jesu mit den Seinen, die durch Seine Liebe sich haben erfassen lassen, ein rechter Erfahrungsbeweis, dass Er die Liebe ist. Aber wie ist es mit unsern Sünden, wird der HErr nicht müde sie zu vergeben, da wir es oft so grob machen? Nein, meine Lieben, wenn der HErr sieht, dass wir bei Ihm bleiben, dann müssen unsere Sünden und Missetaten Seine Liebe nur erhöhen, Er beeifert sich uns zu reinigen von unsern Sünden und zu stärken in unserm Glauben. So brauchen wir das am wenigsten zu befürchten, dass wir mit unsern Sünden Jesu Liebe erkälten könnten. Ja es ist die Liebe völlig in uns, auf dass wir eine Freudigkeit haben am Tage des Gerichts; denn gleichwie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe. Es ist der Liebe möglich, dass sie völlig im Herzen wohnt und dann hat sie die Furcht ausgetrieben.

Es gibt vier Arten von Menschen. Die erste und schlechteste Art sind die Menschen, die ohne Furcht und ohne Liebe sind, die weder Gott fürchten noch Ihn lieb haben, die nicht allein den Glauben zerbrechen, sondern auch alle Scham mit Füßen treten, die sich über Gott setzen und in dem Sündenschmutz wälzen wie das Vieh und so ihr Gewissen zu betäuben verstehen, dass der Gedanke an Tod und Ewigkeit sie nicht erschrecken kann. Freilich gelingt das nur bis zur Todesstunde, länger nicht. Es gibt eine zweite Klasse von Menschen, die fürchten Gott wohl, aber sie lieben ihn nicht und mit denen kann Gott ebenfalls keine Gemeinschaft haben, denn nur durch die Liebe hat der Mensch Gemeinschaft mit Gott. Wer Gott fürchtet ohne Ihn zu lieben, der bleibt fern von Gott, der meidet das Nahen Gottes und das dauert bis Gott ihn in die Hölle stürzt. Die dritte Klasse liebt Gott wohl, aber sie fürchtet sich auch noch vor Ihm; in diesen Christen ist die Liebe noch nicht völlig und leider findet man bei den meisten Christen, dass sie bei ihrer Liebe zu Jesu die Furcht vor Tod und Gericht nicht überwinden können. Nun, wenn sie wirklich Jesum lieb haben, so wird der HErr sich über sie erbarmen in der Todesstunde und die Furcht austreiben. Wenn der Leib ins Grab gelegt wird, so geschieht ein Gleiches dem alten Adam und mit dem alten Adam wird auch die Furcht begraben, also dass der Christ Gnade und Erbarmung bei Gott findet. Zu der vierten Klasse gehören die Christen, die den HErrn lieb haben und sich nicht fürchten. Diese Christen haben eine fröhliche Zuversicht ohne Furcht auf den Tag des Gerichts. Das sind aber nur ganz wenige auserlesene Seelen, solche, die so recht fest in dem Herzen Jesu gewurzelt sind durch eine lange Reihe von Erfahrungen Seiner Gnade, durch einen langjährigen Liebesverkehr mit Jesu, die Seine Art und Weise gründlich erkannt haben, bei denen geschieht es, dass die völlige Liebe die Furcht austreibt. So mächtig wirkt die Liebe Gottes auf des Menschen Herz, dass sie ihn nicht allein überwältigt, ihn nicht allein zur Wohnung Gottes macht, sondern auch alle Furcht bei ihm austreibt, dass der Christ sich freuen kann auf einen seligen Abschied aus dieser Welt und auf den lieben letzten Tag. Es liegt nur an uns, dass wir in dem HErrn Jesu bleiben, Er kann nicht anders als in uns bleiben; darum mögen wir Ihn wohl bitten zu dem Ende, dass unser Glaube befestigt werde: HErr Jesu, sei mein und bleibe mein. Dagegen aber müssen wir dem lieben HErrn versprechen

2. Ich bleibe Dein, die Liebe soll ohne Ende sein.

Der Apostel sagt in unserer Epistel: Denn gleichwie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Was will er mit diesen dunklen Worten sagen? Er sagt: Daran ist die Liebe völlig bei uns, auf dass wir eine Freudigkeit haben am Tage des Gerichts; denn gleichwie Er ist, nämlich Christus, so sind auch wir in dieser Welt. Wie ist der HErr Christus in dieser Welt? Nicht mehr als der, der unter der Bürde unserer Sünden auf Erden einhergeht, sondern als der heilige Gott, als derjenige, der die Liebe selber ist, der sich Seiner lieben Kinder annimmt, um sie zu retten. So geht der HErr Jesus in dieser Welt einher und bleibt bei den Seinen, die Er heilig gemacht hat durch Sein Blut. Wie Er heilig ist in der Welt, so sind auch wir heilig in der Welt und wenn wir durch Jesum ohne Sünde sind, wovor sollen wir uns denn fürchten? Vor wem sollte sich ein Christ fürchten, der sich der Vergebung der Sünden bewusst ist? ihn trennt nichts von seinem Gott. Aber das menschliche Herz ist trotzig und verzagt, daher kommt die Furcht; nur in wenigen Christen ist Gottes Liebe völlig. Wir müssen es dem HErrn geloben und versprechen: Ich bleibe bei Dir. Ach ja, wenn es mit dem Versprechen getan wäre, dann wäre es leicht getan; aber alles Geloben und alles Versprechen hat nur in so weit Wert, als der HErr Gnade gibt zum Erfüllen. Wir müssen wenig Gewicht auf unser Versprechen legen,

in den meisten Fällen tun wir wohl, dem HErrn nichts zu versprechen; aber in allen Dingen tun wir gut, dass wir uns dem lieben HErrn ganz und gar übergeben. Dr. Luther sagt: Der Weg zur Hölle ist mit lauter guten Vorsätzen gepflastert. Der Apostel Johannes sagt in unserm Text: Lasst uns Ihn lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt. Nach solcher Aufforderung können wir wohl nicht anders als zu Jesu sagen: HErr Jesu, ich bleibe bei Dir, ich will Dich lieb haben als sonst Niemand in der ganzen Welt. Wenn der HErr Jesus uns in kurzen Worten Seine Liebe erklärt, so sollen wir es auch so machen, es Ihm mit wenigen Worten sagen, dass wir Ihn lieb haben. Wollte der HErr sich verlassen auf die vielen Liebesworte, die Ihm oft die Christen geben, dann würde Er sehr betrogen. Wir müssen klagen, dass wir Ihn so wenig lieb haben; das ist die Hauptklage der meisten Christen, dass ihr Herz so kalt und lau gegen Jesum ist. Aber was sind das für Kennzeichen und Merkmale, daran wir und Andere merken können, ob wir Jesum lieb haben? Wenn der HErr Jesus uns Worte Seiner Liebe sagt, so sind das wahre Worte; aber unsere Worte, die zeugen sollen von unserer Liebe zu Jesu, wie wenig Verlass ist darauf. Es geht im Grunde genommen kein wahres Wort über unsere Lippen; auch dann bleiben wir noch unwahr, wenn wir uns schon bekehrt haben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, die am meisten von ihrer Liebe zu Jesu sprechen, am wenigsten diese Liebe besitzen. Habe ich Jemand wirklich lieb, so mag ich diese Liebe nicht in die Welt hinausposaunen; denn die Liebe ist keusch. Die Liebestaten müssen den Beweis für unsere Liebe liefern. Oftmals scheint ein Mensch recht kalt zu sein, er lässt wenig merken von seiner Liebe und doch ist sein Herz brünstig in der Liebe. Es geht dem Christen oft wie jenem Schiffer mit seiner Braut. Diese beiden hatten sich verlobt und hatten sich dabei herzlich lieb, aber sie drückten selten in Worten und Gebärden ihre Liebe aus. Der Schiffer musste wieder fort auf die See. Beim Abschiede sagten sich Braut und Bräutigam, dass sie sich lieb hätten und sich treu bleiben wollten und - noch ein Händedruck, das war Alles. Ein Jahr nach dem andern verging und der Schiffer kam nicht wieder. Man meinte, er sei tot und Andere warben um die Hand seiner Braut; aber das Mädchen sagte: Ich habe ihm Treue gelobt und will ihm treu bleiben. Nach zehn Jahren kam er wieder, ohne an seine Braut geschrieben zu haben, denn er hatte ebenso gedacht, wie seine Braut. Als er in die Stube trat, gab er seiner Braut die Hand und sagte: Nun bin ich wieder da, das war Alles; von Umarmungen, von einer Flut von Küssen war nichts zu merken. Sie haben sich dann verheiratet und es ist ein musterhafter Ehestand geworden. Uns will es so vorkommen, als ob diese beiden kein rechtes Herz voll Liebe zu einander gehabt hätten und doch war es voll der tiefsten Liebe. Die schönen Worte, zärtliche Umarmungen und Küsse tun es nicht. Und so brünstig muss unsere Liebe sein, dass sie allem Ungemach Trotz bietet.

Welches sind aber die Kennzeichen der wahren Liebe? Unser Text sagt: So Jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von Ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. Aber ehe wir diesen Beweis betrachten, will ich noch einige andere Beweise vorausschicken. Es ist ein untrügliches Kennzeichen der Liebe zu Jesu, wenn der Christ Jesu Wort gern hört. Wohl ist es ihm ein Schmerz, dass er Jesu leibliche Worte nicht mehr hören kann auf Erden; aber desto mehr freut er sich, Jesu Stimme in der Predigt zu hören. Sieht man einen Christen, der seine Lust und Freude daran hat in die Kirche zu gehen, so hat man ein gewisses Zeichen, dass das eine Seele ist, die Jesum lieb hat. Sieht man aber Menschen, denen Gottes Wort in Bibel und Predigt gleichgültig ist, so ist das ein Beweis, dass sie Jesum nicht lieb haben. Solche Menschen, die jeden Vorwand benutzen, um von der Kirche wegbleiben zu können, die haben Jesum nicht lieb. Es gibt unter uns solche Leute, die des Morgens vor dem Abendmahl weglaufen und des Nachmittags gar nicht in die Kirche kommen, ja es gibt auch solche, die man nur selten des Vormittags in der Kirche sieht; dass diese Leute Jesum nicht lieb haben können, das ist leicht einzusehen.

Wenn Mann und Weib sich herzlich lieb haben, so geht das Weib nicht weg, wenn der Mann spricht oder umgekehrt und so können auch die wahren Christen nicht fortgehen, wenn Jesus mit ihnen redet. Die sich wirklich lieb haben, die verlangen nicht bloß danach, dass sie sich setzen, sondern sie wollen gegenseitig ihre Stimme hören. Das weiß der HErr Jesus wohl, Er wird am Jüngsten Tage zu dir sagen, wenn du Sein Wort gern gehört hast: Ich bin jeden Sonntag in der Kirche gewesen und habe gesehen, wie du Mein Wort gehört hast; nun sollst du die Predigt zu meinen Füßen hören und ewig selig sein. Wer Jesum nicht gern hört, der hat Ihn nicht lieb und kann nicht selig werden. Ein anderer Beweis für unsere Liebe zu Jesu ist, dass wir das Kreuz geduldig tragen, denn es ist Seine Liebeshand, die es uns auflegt. Wenn wir aber ungeduldig werden, uns dagegen sperren, darüber klagen, murren und jammern, so liefern wir den Beweis, dass wir den HErrn Jesum nicht lieb haben. Ein anderer Beweis unserer Liebe ist, dass wir dem HErrn gehorsam sind in gewissenhafter Treue, soviel Gott Gnade gibt. Wir wissen alle, dass wir den HErrn betrüben mit unsern Sünden. Wer Jesum lieb hat, der kann wissentlich nicht der Sünde dienen; den schmerzt es schon genug, dass er so oft ohne sein Wissen den HErrn betrübt. Die Christen, die sich über Gottes Wort wegsehen und tun, was sie wollen, die geben den Beweis, dass sie Jesum nicht lieb haben. Den letzten Beweis liefert uns der Apostel Johannes: Wir sollen den Bruder lieben, den wir sehen. Der Person des HErrn Jesu können wir unsere Liebe nicht beweisen, denn wir sehen Ihn nicht mit unsern leiblichen Augen. Als Ersatz dafür hat der HErr die Brüder bestellt und wir sollen Ihm von Herzen dafür danken, dass wir Ihn nun doch sehen können in Seinen Brüdern. In jedem Hungrigen, Durstigen, Nackten, Kranken kommt der HErr Jesus zu uns. Beten wir doch bei Tisch: Komm HErr Jesu, sei unser Gast und segne uns und was Du uns aus Gnaden beschert hast; dieses Gebet erhört der HErr nie, wenn wir nicht die hungrigen Brüder speisen. Da sind die armen Heiden, die auch unsere Brüder sind nach dem Fleische, für die Christus auch gestorben ist. Wie wir den hungrigen Christen das irdische Brot brechen sollen, so müssen wir den Heiden das teure Wort Gottes bringen. Die Christen, die sich die Not der armen Heiden nicht zu Herzen gehen lassen, die zeigen, dass sie Jesum nicht lieb haben. Haben wir Jesum lieb, so müssen wir uns gern und willig für unsere Brüder aufopfern. Seht, meine Lieben, darum wollen wir keinen Kranken, von dem wir hören, unbesucht lassen. Wenn wir von Armut hören, da wollen wir helfen und vor allen Dingen wollen wir der armen Heiden nicht vergessen. Wenn wir uns der armen Heiden erbarmen, so sollen wir wissen, dass der HErr sie lieb hat und uns zuruft, wir sollen nicht müde werden. Da soll uns kein Gebet zu viel, keine Arbeit zu sauer, kein Opfer zu groß werden. Was den Apostel Paulus getrieben hat Jesu zu dienen, das soll uns auch treiben; er spricht es aus in den Worten: Die Liebe Christi dringt mich also. Haben wir Jesum lieb, so verzehren wir uns in Seinem Dienst. Darum muss es endlich wahr werden: Ewig soll unsere Liebe sein. Ein Liebesband darf nicht durchschnitten werden und wir haben es in unserer Hand, ob wir es zerreißen wollen oder nicht. Der HErr Jesus will und kann es nicht zerreißen, der Satan darf es nicht und die Welt ebenso wenig; aber du allein kannst es, wenn du im Unglauben von Jesu abfällst. So lange du Jesum lieb hast, behält Er dich lieb und du bleibst mit Ihm verbunden im Leben und im Sterben. Darauf geht Alles hinaus, dass wir mit Jesu in rechter Liebestreue verbunden bleiben immerdar. Nun, meine Lieben, so möge der HErr Jesus unser Herz entzünden, dass wir in rechter Liebestreue Ihm dienen und anhangen, wie Er in Seiner großen Liebestreue uns anhängt und dient; diese Liebe möge die Triebfeder sein in unserm Herzen, dass wir Ihm Seine große Liebe, die täglich neu ist, ein wenig vergelten. So lasst uns unserm HErrn in dem schönen Verse, den wir so oft singen, danken: Du, Du bist mein, und ich bin Dein, wir sind in Eins verbunden; dies gute Teil hab' ich allein durch Deine heil'gen Wunden. Du bist mein Fels, der mich nicht lässt; auf Dir ruht meine Seele fest.

Wir danken Dir, lieber HErr Jesu, für Dein heiliges teures Wort und bitten Dich, Du wollest uns Deine Liebe zu mächtig werden lassen, dass sie unser Herz bewege und öffne und Du hineinziehen könnest; wollest Deine Liebe völlig werden lassen bei uns, auf dass wir eine Zuversicht haben auf den Tag des Gerichts. Wir danken Dir für Alles, was Du für uns und an uns armen Sündern getan hast; lass es uns recht erkennen, dass wir Dich wieder lieben mögen und in Deiner Liebe selig seien. Können wir doch nicht anders zum Frieden kommen als in Deiner Liebe. Das gib uns, lieber HErr, um Deines Namens willen. Amen.

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