Harms, Theodor - Der Heilsweg - Am Abend vor Pfingsten 1870.

Harms, Theodor - Der Heilsweg - Am Abend vor Pfingsten 1870.

Die Gnade unsers HErrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Lasst uns beten: Lieber HErr und Heiland Jesu Christe, der Du über uns den blauen Himmel gewölbt hast, dass er heute Abend unser Kirchendach sein soll und hast durch Dein heiliges Wort die ganze Erde geheiligt zu Deinem Tempel, dass, wo die Deinen zusammentreten, Dein Kirchlein ist und Du bist da mitten unter ihnen. So wissen wir es gewiss und glauben es fest, da wir mit Deinem Worte hier zusammengetreten sind, Du bist unter uns und willst Deine Segenshand austun, uns reich zu machen an allerlei Himmelsgütern. Mache unsere Seelen fröhlich in Dir und Deiner Gnade und da Du uns unser Ziel wieder so fest und klar vor die Augen stellen willst, so lass unser ganzes Sehnen dahin gehen, dieses vorgesteckte Ziel zu erreichen. Wehre dem Satan, dass der uns keinen Segen Deines Wortes raube. Lass uns treulich hören Dein teures, wertes Wort und Dir die Opfer bringen, die Du forderst, unsere armen, sündigen Herzen, dass Du darinnen wohnst und bleibst bis an unser seliges Ende. Erhöre uns lieber HErr und gib uns einen rechten Pfingstsegen, um Deines Namens und um Deiner Treue willen. Amen.

Text: Hebräer 4, 1-2.

So lasst uns nun fürchten, dass wir die Verheißung, einzukommen zu Seiner Ruhe, nicht versäumen, und unser Keiner dahinten bleibe. Denn es ist uns auch verkündigt, gleichwie Jenen; aber das Wort der Predigt half Jenen nichts, da nicht glaubten die, so es hörten.

Wir sind heute, meine Lieben, nach altem Brauch auf unserm lieben neuen Kirchhof versammelt, um uns da einen Vorsegen zu holen zum lieben Pfingstfest. Der Segen kann groß werden, wenn wir offene Ohren und Herzen mitgebracht haben, denn der HErr will uns nicht allein predigen durch Sein heiliges Wort, Er will uns auch predigen durch diese heilige Stätte und durch die vielen Gräber, in deren Mitte wir hier versammelt sind. Wenn unser liebes Gotteshaus ein heiliger Ort ist, so ist es nicht minder unser lieber Kirchhof, denn sind nicht alle Leichen, die hier begraben liegen, geweiht und gesegnet zum ewigen Leben, sind sie nicht eine Saat, die Gott ausgesät hat, dass sie aufgehen möchten am Jüngsten Tage? Aber wenn wir hier an dieser heiligen Stätte versammelt sind, wo uns nichts als Tod und Grab umgibt, müssen da nicht unsere Seelen traurig werden und passt solche Trauer zu der heiligen Pfingstzeit, die eine rechte Freudenzeit ist? Sollen wir uns doch freuen auf das Pfingstfest, wie sich die Jünger auf die Ausgießung des Heiligen Geistes freuten, sollen wir doch den Heiligen Geist haben, den werten Tröster in aller Not, der in alle Wahrheit leitet, dass wir es aushalten können auf dieser armer sündigen Erde, der unser Fürsprecher sein will bei Gott, unser Leiter und Führer, der uns sättigen will mit der Fülle der Heilsgaben, die Christus erworben, - passt in diese heilige Zeit die Trauer? Nein, meine Lieben, wenn ein Christ den Kirchhof besucht, wie kann er denn traurig sein? Ich meine, es muss ihm ein Freudengang sein, denn wir Christen haben ganz andere Augen bekommen, um Tod und Grab in einem ganz andern Lichte anzusehen, als die Kinder der Welt, die keine Hoffnung des ewigen Lebens haben. Werden wir nicht durch die vielen Gräber über uns gewiesen in den Himmel, da doch hier nur schlummern die Leiber, deren Seelen dort oben selig vollendet sind? Was uns der Kirchhof predigt, wenn wir Kinder Gottes sind, das ist nichts anders als Ruhe und was uns Gottes Wort predigt, das ist in seinem Ziele auch nichts anders als Ruhe und darum wollen wir es uns herzlich gern gefallen lassen, diese Doppelpredigt aufzunehmen und wollen Gott bitten, dass Er uns zur rechten Ruhe verhelfe. Unser Text ist auch ein solcher Ruhetext, ist ein Wort Gottes, das von der Ruhe der Christen handelt, also zum Kirchhof passt. So lasst uns denn betrachten

Die dreifache Ruhe der Christen.

1. Die Ruhe in Gott.

Das ist die Ruhe, zu welcher wir gelangen sollen bei Leibesleben, das ist die wahrhaftige Ruhe, die das Herz des Christen, ja des Menschen überhaupt stillen und zufrieden machen kann. Das Streben nach Ruhe haben alle Menschen, aber die meisten suchen sie auf verkehrtem Wege und finden sie nicht. Wie viele viele Menschen suchen die Ruhe in der Welt und ihren Vergnügungen und Lustbarkeiten und meinen Wunder was sie da gefunden haben. Kann man in der Welt die Ruhe finden, die das Herz zufrieden stellt? Nie und nimmermehr. Der HErr Christus sagt in Seinem Worte: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, Ich habe die Welt überwunden. Wie wäre es da möglich, dass man in der Welt könnte zur Ruhe kommen, da sie den Kindern Gottes nur Angst macht? Man frage die Kinder der Welt auf ihr Gewissen, wenn sie eine Nacht durchsoffen oder durchschwärmt haben, ob sie dadurch Frieden gefunden haben für ihr armes Herz und Gewissen? Sie werden antworten müssen: Wir haben gesündigt, die Unruhe der Seele ist gewachsen; denn keine Weltfreude kann das Menschenherz zur Ruhe bringen.

Das Herz kommt auch nicht zur Ruhe durch die Liebe zur Kreatur. Das meinen nämlich viele Leute, wenn sie einen Menschen gefunden haben, dem sie ihr Herz schenken und offenbaren, dass sie in dieser Liebe zur Kreatur, etwa zu Weib oder Kind oder Freund zur Ruhe kämen. Aber keine Kreaturliebe kann das Herz zur Ruhe bringen, denn diese Liebe, was ist sie anders als Selbstsucht? Aber Selbstsucht regt das Herz nur auf und kann es nie stillen, es kommt von einer Unruhe in die andere. Noch Andere suchen die Ruhe in Geld und Gut; aber wenn sie tausend Taler gewonnen haben, meint ihr, dass sie dadurch zufrieden gestellt sind? Wer tausend Taler hat, der will zehntausend Taler haben, je mehr, desto besser und je mehr man hat, desto unruhiger wird das Herz. So mag man suchen wo und wie man will, in der Welt kommt das Herz nicht zur Ruhe.

Es gibt noch andere Leute, die suchen ihre Ruhe im Wissen, aber je mehr sie lernen, desto mehr sehen sie ein, wie wenig sie wissen und das treibt sie immer mehr zu lernen und haben sie so viel gelernt wie in den Kopf eines Menschen hinein will, so müssen sie sich sagen, dass sie nicht den tausendsten Teil wissen von dem, was es zu wissen gibt und ihr Herz ist unruhiger geworden als es zu Anfang war.

Aber doch ist die Ruhe auf Erden noch zu finden. Wenn du Jesum dein und dich Sein Eigentum nennen kannst, dann bist du zur Ruhe gekommen. So viel will der HErr uns schenken, damit unser Herz gestillt werde: Sich selbst, nicht mehr und nicht weniger. Er weiß, dass die ganze Welt des Menschen Herz nicht stillen kann und darin zeigt sich die ursprüngliche Größe und Herrlichkeit des Menschen. Wenn die ganze Welt unser Herz nicht zufrieden stellen kann, weil es größer ist als die ganze Welt, so sehen wir daraus, wie groß es ursprünglich von Gott angelegt ist. Dieser Abgrund schließt sich nur dann, wenn Christus darin ist, wenn es Jesum ergriffen hat; wohnt Jesus im Herzen, dann haben wir über genug, mehr brauchen wir nicht. Wie glücklich sind wir Christen daran, dass wir so im HErrn zur Ruhe kommen können. Darum ermahnt uns unser Text: So lasst uns nun fürchten, dass wir die Verheißung, einzukommen zu Seiner Ruhe, nicht versäumen und unser Keiner dahinten bleibe. Seht die Pilgerfahrt der Kinder Israel nach dem gelobten Lande ist ein Vorbild von unserer Pilgerfahrt nach dem himmlischen Kanaan. Wohl zogen die Kinder Israel rastlos vorwärts, dennoch blieben ihrer viele dahinten, deren Leiber in der Wüste begraben wurden. Die Christen ziehen auch rastlos durch die Wüste dieser Welt, aber auch hier bleiben viele zurück. Wer sind die? Das sind die geistlich Toten, die die Gnadenzeit unbenutzt haben verstreichen lassen, die es versäumt haben auf Erden, zu der Ruhe in Gott zu kommen, die gehen nicht ein in die ewige Ruhe. Darum sagt die Schrift, weil die Gnadenzeit so kurz ist, die Wanderung so eilig und die Hindernisse so groß: Schafft, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern; trachtet danach, dass unser Keiner dahinten bleibe.

Aber wie gelangen wir zur Ruhe in Gott? Das ist eine einfache und leichte Sache, so einfach und leicht, dass es den kleinen Kindern am leichtesten wird. Was aber den Kindern leicht wird, das muss wohl leicht sein, denn die können noch nichts Schweres tun; und doch ist es so schwer, dass alle eigne Kraft dazu nicht taugt. Wie kommen wir in Gott zur Ruhe? Wenn wir den ganzen Jammer und die große Not unserer Sünden im Herzen erfahren haben, wenn uns das Elend unserer Sünden zu Jesu treibt; ohne diese Not zu fühlen, können wir Jesum nicht finden. Darum ist die wahre Herzensbekehrung die unerlässliche Bedingung für die Ruhe in Gott. Nun steht die Bekehrung in keines Menschen Macht, du kannst nicht sagen: Heute, morgen, über ein Jahr will ich mich bekehren; sondern sie ist lediglich das Gotteswerk des Heiligen Geistes in und an dem Menschen. Ist sie aber das Gotteswerk des Heiligen Geistes, muss Er es allein tun, ist unsere Kraft nicht dazu nütze, wie sollen wir zu diesem Gotteswerk gelangen? Das ist gewiss, es ist Gottes guter gnädiger Wille, dass Alle sich bekehren sollen, denn für Alle ist der Sohn Gottes gestorben, über Alle ist der Heilige Geist ausgegossen, dass Er in Allen dies Gotteswerk wirke. Aber was sollen wir tun, dass der Heilige Geist dieses Werk in uns anfange, fortführe und vollende? Wir haben weiter nichts zu tun als unsern lieben HErrn zu bitten: Bekehre mich, gib mir ein neues Herz. Wenn wir das aufrichtig tun, so fängt der Heilige Geist an in uns zu arbeiten, Er erleuchtet uns, dass wir unsere Sünde erkennen, Er wirkt die Buße in uns, dass wir über unsere Sünde trauern, Er schenkt uns den Glauben an Jesum Christum, dass wir zur Ruhe in Gott kommen. Aber ohne Gebet wird's Keiner erreichen, durchs Gebet kann Jeder zu diesem Ziele gelangen. Am Jüngsten Tage darf Keiner sagen: Ich habe mich auf Erden nicht bekehren können, der Heilige Geist hat nicht an mir gearbeitet. Hast du dich nicht bekehrt in der Gnadenzeit, hast du die Gnadenarbeit des Heiligen Geistes nicht an deinem Herzen erfahren, so ist das deine Schuld; warum hast du den HErrn nicht gebeten um den Heiligen Geist und um ein neues Herz? Bittest du Ihn darum, so muss Er Ihn dir geben, denn Er hat es verheißen; z. B.: Wie viel mehr wird nicht der himmlische Vater euch Seinen Heiligen Geist geben, so ihr Ihn darum bittet. Der Heilige Geist ist nicht fern von uns, auch dann nicht, wenn wir Ihn noch nicht haben. Wir brauchen nicht in den Himmel zu steigen, um Ihn herunter zu holen; wir brauchen den himmlischen Vater nicht zu bitten, dass Er Ihn sichtbar über uns ausgießen wolle, wie einst über Seinen lieben Sohn bei der Taufe am Jordan. Sondern der Heilige Geist ist da in der Kirche und wird mitgeteilt auf unser Gebet durch Wort und Sakrament. Suchst du mit Gebet den Heiligen Geist bei treuem Gebrauch der Gnadenmittel, so wird der Geist Gottes das gute Werk in dir anfangen, fortführen und vollenden; denn was der Heilige Geist angefangen hat, das vollführt Er auch, wenn wir's Ihm nicht hindern. Siehe so macht es dir Gott so leicht als Er es dir machen kann, du brauchst nur zu beten, die Predigt zu hören, Gottes Wort zu lesen und die Sakramente zu gebrauchen. Aber das ist es auch, was die Menschen am allerwenigsten wollen; beten wollen sie nicht, Gottes

Wort wollen sie nicht hören und nicht lesen, Beichte und Abendmahl wollen sie nicht gebrauchen, darum bleiben sie Kinder des Zorns und der Verdammnis und finden nie die Ruhe in Gott. Aber wir sollen nicht allein auf uns sehen. Bist du durch Gottes Gnade soweit gekommen, dass du Frieden gefunden hast, dann möchtest du auch so herzlich gern, dass Alle, die du lieb hast, zu demselben Glück gelangen. Du siehst zu deinem großen Kummer, dass dein Bruder und deine Schwester den Weg des Verderbens gehen, dass dein Vater und deine Mutter Gottes Wort nicht hören wollen; was sollst du da tun? Was du für dich getan hast, das tue auch für sie. Bete für sie, dass Gott sie bekehre, dass Gott ihnen zu mächtig werde durch Seinen Heiligen Geist, dass Er sie überwinde und sie sich überwinden lassen. Wenn du das treulich tust und dein Glaube lässt sich nicht irre machen weder durch ihre Gleichgültigkeit noch durch ihren Spott und Hohn, so erreichst du doch ihre Bekehrung, wenn sie sich nicht ganz und gar verstocken. Darum verlangt der HErr von dir die treue Fürbitte nicht einen Tag, eine Woche, ein Jahr, sondern so lange du beten kannst und der lebt, für den du betest. Und wenn du auch hier keine Spur von dem Leben aus Gott bei ihm findest, du wirst ihn doch einst zur Rechten Gottes finden, während vielleicht Viele fehlen, die wir dort zu finden hofften. Der HErr allein kennt Seine Auserwählten; Er zieht sie zu sich und behält sie in Seiner Gnade, bis sie in die ewige Ruhe eingehen. So hast du weiter nichts zu tun als zu beten für dich und die Deinigen, dabei brauche Gottes Wort und Sakrament und der HErr gibt dir Seinen Heiligen Geist, dass du zu der Ruhe in Gott kommst und bleibst

und dieses Glück kann dir der Satan nicht rauben. Bist du in dieser Ruhe, dann bist du in einer festen Burg, die der Satan nicht stürmen kann. Und wenn noch so viel Trübsal über dich kommt, so ist keine Not im Stande der Seele, die Frieden funden hat, diese Seligkeit zu stören. Ja Kreuz und Trübsal und Alles, was Dein Heiland dir schickt, soll dazu dienen diese Ruhe zu erhöhen und dich zum Dank gegen Gott treiben, dass du sie gefunden hast. Diese Ruhe bewahre dir aber auch mit aller Treue, soviel du kannst. Es ist das Höchste und Schwerste, was es gibt, sich in dieser seligen Ruhe zu erhalten. Mein lieber seliger Bruder sagte einmal: Dahin kann ein Christ leicht kommen, dass er sich vor groben Sünden hütet. Ja er hat Recht, er hat es gekonnt, die meisten Christen bringen das nicht einmal fertig. Wie viele Christen gibt es wohl, die nicht eine Davidssünde begangen haben? Ich muss meinem Bruder Recht geben, dahin kann ein Christ kommen, dass er in keine groben Sünden fällt, wenn er treulich wacht und betet. Aber, fährt er fort, das ist das Schwerste, in der Ruhe bei Gott zu bleiben, sich durch nichts aus dieser stolzen, seligen und doch so demütigen Ruhe herausbringen zu lassen. Nun, meine Lieben, wir wollen herzlich gern zufrieden sein, wenn wir im Fallen und Aufstehen von einem Tage zum andern kommen und doch beim HErrn bleiben. An Ihm liegt es nicht, es liegt an uns ganz allein; so lange wir bei dem HErrn bleiben, bleiben wir in dieser Ruhe. Haben wir so unsern HErrn und Heiland im Herzen und bewahren Ihn darin, dann können wir getrost und freudig unsere Straße weiter ziehen. Wir wissen ja, welch ein Ende uns allen bevorsteht, denn wenn wir eine Zeitlang gepilgert haben, so

kommt für uns der Tod und das Grab. Darum wollen wir weiter betrachten

2. Die Ruhe im Grabe.

Alle Menschen müssen sterben, das wissen wir alle; aber kommen alle Menschen im Grabe zur Ruhe? Keineswegs. Im Grabe ruhen kann nur der, der die Ruhe bei Gott im Leben gefunden und bewahrt hat. Es ist eine gemeine Rede unter uns geworden, dass wir sagen, wenn ein Mensch gestorben ist, nun ist er aller Unruhe enthoben. Das gilt wohl von den bekehrten Christen, aber nicht von den Ungläubigen. Wohl geht die Not der Erde für Alle mit dem Tode zu Ende; aber der Ungläubige vertauscht das geringere Übel mit dem größeren. Das geringere Übel ist die Not der Erde, das größere Übel ist die Qual der Hölle, und die letztere empfängt jeder mit dem Tode, der nicht auf Erden in Jesu zur Ruhe gekommen ist. Wem diese Ruhe fehlt, der ruht auch im Grabe nicht. Nur die Gerechten, die wahren Kinder Gottes kommen im Grabe zur Ruhe; darum freuen sie sich auch auf diese endliche Ruhe und wer ein wahrer Christ ist, der fürchtet sich vor dem Tode und Grabe nicht mehr. Das Grab ist das stille Schlafkämmerlein, worin der Leib des Christen liegt bis zum Jüngsten Tage. Donner und Blitz, Sturm und Unwetter, Krieg und Blutvergießen geht über das Grab hinweg, in diesen stillen Ort dringt keine Unruhe, darum muss es sich da wohl wunderschön ruhen, so still und ungestört, bis der HErr Jesus kommt am Jüngsten Tage und Seine friedliche Hirtenstimme in das Grab ruft, um die Schläfer zu wecken zur Auferstehung der Gerechten. Das Grab ist geheiligt durch die Grablegung unsers HErrn Jesu. Darum ist im Grabe des Gerechten keine Verwesung, sondern die Verklärung. Denn was geschieht mit diesem Leibe? Am Jüngsten Tage geht er hervor aus dem Grabe herrlich und verklärt, ähnlich dem verklärten Leibe Jesu Christi.

Darum kann ein Christ kein Grauen vor dem Grabe haben, denn er kann seinen HErrn Jesum mitnehmen durch das Todestal in den seligen Himmel. Ach wie schön wird das schon bei christlichen Begräbnissen vorgebildet. Wir wollen im Geiste hingehen in ein Trauerhaus und die Leiche abholen. Da steht der schwarze Sarg auf der Diele, wer liegt darin? Wir wollen annehmen, dass es ein Kind Gottes ist. Da liegt es eingehüllt in sein Sterbekleid, in das weiße Sterbelaken. Warum hat man ihm ein weißes Gewand angezogen? Dieses Kleid soll darstellen das Kleid der Gerechtigkeit Christi. Wie der Gestorbene innerlich mit dem rechten Ehrenkleide angetan ist, so ist er auch äußerlich eingehüllt in dies weiße Sterbegewand. Er hat die Hände gefaltet, im Tode noch macht er das Kreuzeszeichen, in diesem Zeichen hat er überwunden, damit will er in das Grab gehen. Auf dem Sarge brennen Lichter. Warum hat man die dahin gestellt? Seht, die Lichter stellen dar das helle leuchtende Gottes Wort, das da leuchtet bis in alle Ewigkeit. Vor diesem Lichte muss schwinden die Finsternis des Grabes, wenn es aus dem Herzen die Finsternis der Sünde verscheucht hat. Um den Sarg liegen Kränze. Warum denn das? Passen die für den Sarg? Ja, meine Lieben, die Kränze sind weiter nichts als ein Sinnbild der Ehrenfrone, die der Sieger in Ewigkeit tragen soll; die werden auf das Grab gelegt zum Sinnbild, dass der Sieger die Ehrenkrone empfängt im Himmel. So setzt sich der Zug unter Gesang und Glockengeläute in Bewegung nach dem Kirchhof. Dann wird gepredigt über das teure Gottes Wort und diese Predigt darf nicht fehlen. Nicht für den, der im Sarge liegt, ist die Predigt, der hört nichts davon, sondern für die Hinterbliebenen, dass sie sich trösten lassen und sich bekehren und bei Gott und im Grabe zur Ruhe kommen. Wenn dann der Sarg dem Grabe übergeben wird, so wird die Leiche eingeweiht als ein heiliges Samenkorn, das bleiben soll in Ewigkeit. Wie wunderschön sind die Worte: Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre deinen Leib im Grabe und deine Seele bei Gott zum ewigen Leben durch Jesum Christum unsern HErrn. Und wenn dann die Erdschollen auf den Sarg geworfen werden, so klingt mir das in die Ohren wie ein fernes Glockengeläute. So muss es sein, es wird die Tür zugeschlossen hinter dem, der im Grabe liegt und wird verschlossen bleiben bis der HErr Jesus sie am Jüngsten Tage öffnet, wo denn der Ruhende Jesu Seligkeit teilen soll auf der neuen Erde unter dem neuen Himmel. Es ist doch etwas Köstliches, wenn man von einem Christenmenschen die fröhliche Hoffnung haben kann, dass er in seinem HErrn entschlafen und zur Ruhe gekommen ist. Es ist gar schön, wenn man an einem Grabe sagen kann: Hier ruht ein rechtschaffener Christ. Aber schrecklich ist es, wenn man sagen muss: Hier liegt Einer als Betrüger, oder als Säufer, oder als Hurer, oder als Sabbatschänder im Grabe; wir haben seine Seele Gott befohlen, aber mit Furcht und Zittern. Und wir könnten es alle so gut haben, könnten auf Erden zur Ruhe in Gott kommen, könnten, wenn der Tod uns abruft aus dieser Welt, die Ruhe des Grabes genießen und könnten nach dem Tode der Ruhe im Himmel teilhaftig werden; aber die meisten wollen nicht, die meisten ziehen die Lust der Welt und Sünde vor und nur die wenigsten kommen zur ewigen Ruhe.

3. Die Ruhe im Himmel.

Diese Ruhe ist die allerschönste. Ach wie ist doch die Todesstunde für den Christen so wunderbar. Alles im Christenleben ist bittersüß. Wer könnte einen Menschen sterben sehen, ohne dass es ihm durch Mark und Bein geht? Sieht man aber einen Christen sterben, der im Glauben an den HErrn Jesum stirbt, so muss das Herz jauchzen, da nun die Seele zur Ruhe kommt in dem seligen Gottes-Himmel. Es gehört das zu dem Gnadenwerk des Heiligen Geistes, welches jeder wahre Christ erfährt, dass der Heilige Geist das Werk, welches Er durch die Bekehrung angefangen hat, auch zur Vollendung bringt. Wenn ein Gerechter stirbt, so brauchen wir am allerwenigsten darüber bekümmert zu sein, wie er durch die Todesstunde hindurch kommen soll. Ich glaube, meine Lieben, dass das Allerleichteste für ein Kind Gottes die Sterbestunde, der Sterbensaugenblick ist; und wenn ihr fragt: Was hast du für Gründe dieses zu behaupten? so ist das mein Grund: Der HErr unser Gott sagt zu dem Apostel Paulus: Lass dir an Meiner Gnade genügen, denn Meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig. Wir machen daraus den Schluss: Je schwächer deine Kraft ist, desto größer ist Gottes Kraft in dir und ist deine Kraft am schwächsten, so ist Gottes Kraft am stärksten. Nun gibt es keine Stunde, in welcher die Kraft des Christen geringer sein kann als in der Todesstunde; folglich muss Gott der HErr in dieser Stunde Seine Kraft im vollsten Maße dem beilegen, der am schwächsten ist. Daher macht Gott für den Christen die Stunde, davor sich der natürliche Mensch am meisten fürchtet, zu der leichtesten. Aber ein Christ muss im lebendigen Glauben stehen, er muss bei Gott zur Ruhe gekommen sein. Wenn dann der letzte Kampf vorüber ist und die Seele scheidet vom Leibe, dann kommen die heiligen Engel, nehmen den Gerechten in ihre Arme und tragen ihn in das himmlische Paradies, in die ewige Ruhe. So haben sie es gemacht mit der Seele des armen Lazarus, so machen sie es mit der Seele aller Gerechten, das ist ihr süßer Dienst, den sie allen Gläubigen erweisen in der Todesstunde. Den Dienst haben sie auch an Elias erwiesen, als der feurige Wagen ihn aufnahm und gen Himmel brachte. Ihr wisst, dass in der Sterbestunde meines seligen Bruders, an dessen Grabe ich jetzt stehe, etwas Ähnliches vorgefallen sein soll und ich will's auch gern glauben, dass in dem Augenblick als seine Seele den Leib verließ, ein wunderbarer Lichtesglanz gen Himmel ausfuhr und die, die es gesehen, den Schluss gemacht haben: Das ist seine Seele gewesen. Warum sollte es auch nicht sein können? Der Sache nach ist es bei allen Christen so. Wir wollen es glauben und darin eine Bestätigung sehen von dem, was die Schrift von Lazarus erzählt und den Schluss für uns daraus machen: Bin ich ein Kind Gottes und kommt es mit mir zum Sterben, so weiß ich, die heiligen Engel kommen und holen meine Seele heim, dass sie vor den Anfechtungen des Satans bewahrt bleibe und dann geht es in die himmlische Ruhe. Das ist nun, meine Lieben, die Heimat und Ruhe, das köstliche Ziel aller Kinder Gottes. Ach dass wir so selten uns freuen auf den Himmel, dass unsere Herzen so sehr kleben an der Erde, dass wir uns immer wieder in der Welt festsetzen wollen und die Freude der ewigen Seligkeit verkennen. Das sollte nicht so sein, wir müssen uns des schämen und mit heißer Sehnsucht warten auf den Augenblick, der uns in die ewige Ruhe bringt. Wir haben auch volle Ursache uns darauf zu freuen wie ein Kind auf Weihnachten, wenn wir bedenken, was die Schrift, die nicht lügt, uns davon sagt. Sie sagt nicht gar viel über den Himmel und das tut sie deshalb nicht, weil wir nicht die rechten Worte haben in unserer Sprache für die himmlischen Dinge. Aber was sie sagt, das reicht vollkommen aus, unser Herz fröhlich zu machen. Da wird Gott selber die Tränen abwischen von unsern Augen, wir werden die Liebeshand unsers Heilandes auf unsern Wangen fühlen. Hier auf Erden hat Er viel mit uns schelten müssen, um uns auf dem rechten Wege zu erhalten; dort schilt Er nicht. Er liebkoset die Seinen und beweiset Seine Liebe und Treue aufs Lieblichste, die uns auf Erden oft hart vorkommen wollte unter dem Kreuz. Dort sollen wir tragen das Kleid der Herrlichkeit Gottes; hier haben wir das Kleid der Gerechtigkeit Christi und das ziehen wir auch im Himmel nicht aus; aber über dies Kleid legt uns Gott den Königsmantel Seiner Herrlichkeit und setzt uns die Ehrenkrone aufs Haupt. Da tut Er uns den Mund auf zur Lobpreisung Seiner Güte und der viel tausendstimmige Chor der heiligen Engel und der vollendeten Gerechten erschallt bis in alle Ewigkeit. Dort dringt unser Auge bis auf den Grund in Allem, was unser HErr auf Erden getan. Jedes Menschenleben, das wir dort durchschauen, ist ein Wunder der göttlichen Gnade. Dort erkennen wir unsern HErrn wie Er ist, der Geist Gottes offenbart es uns. Da schauen wir das Angesicht dessen, den hier unsere Seele geliebt, wir können nicht von Seinen Füßen wegkommen, hören aus Seinem Munde die Liebesworte, damit Er uns so oft getröstet und warten auf den lieben letzten Tag, wo der HErr wieder kommen und alle Welt richten will und wir mit Ihm eingehen sollen auf die neue Erde und Seine ganze Seligkeit und Herrlichkeit mit Ihm teilen sollen. Seht, dann wird anbrechen das ewige Pfingstfest, wo der HErr durch Seinen Geist Alles so herrlich vollendet hat, was Er auf Erden am ersten Pfingstfest angefangen. Muss nicht, meine Lieben, unser Herz gar fröhlich werden auf diesem unsern lieben Kirchhof, wenn uns eine solche Aussicht gestellt wird? Wollen wir uns nicht durch das Beispiel unsers lieben heimgegangenen Vaters und aller derer, die in Gott zur Ruhe gekommen sind, treiben lassen, unserm treuen Heiland uns zu ergeben, Ihm zu leben und zu sterben, auf dass wir in Ihm zur Ruhe kommen. Alle, die uns vorangegangen sind in die selige Ewigkeit, sollen uns ein Sporn sein, dass wir dem HErrn nachfolgen, Ihm gern das Kreuz nachtragen und Ihm treu bleiben bis in den Tod, bis wir zu Ihm gelangen in die ewige Ruhe, in das himmlische Kanaan, wo wir unsern HErrn sehen von Angesicht zu Angesicht.

Lasst uns beten: Wir danken Dir, Du treuer HErr Jesu, für den schönen Gottesdienst, den Du uns hier unter freiem Himmel hast halten lassen auf unserm lieben Kirchhose bei diesem teuren Grabe und in Mitten so vieler teurer Gräber, worin Du so viele treue Herzen hast zur Ruhe gebracht. Ach, lieber HErr, wir danken Dir von Herzen für den schönen Abend mit seinem freundlichen Sonnenschein, für diesen Kirchhof mit seinem Todesernst und mit seinem Frieden, für Dein teures Wort, das Du uns gegeben, für den Heiligen Geist, den Du als Ausleger Deines Wortes gesandt hast. Wohl sind wir Deiner Gnade nicht wert, aber eben darum ist unsere Seele fröhlich, dass wir sollen zur Ruhe kommen in Dir, im Grabe und im Himmel durch Deine Gnade. Wir bitten Dich, dazu bereite uns recht, gib uns die rechte Herzensbekehrung, gib uns den wahren lebendigen Glauben und hilf uns, dass wir hinfort jeden Atemzug Dir weihen, die Lüste des Fleisches kreuzigen und Dir nachfolgen im Leben und im Sterben, auf dass wir durch Deine Gnade wohl bereitet eingehen in die ewige Ruhe. Gib uns ein gesegnetes Pfingstfest, gieße Deinen Heiligen Geist in Wort und Sakrament in Strömen über uns aus und bereite uns recht zu dem lieben Fest durch Deinen Heiligen Geist, dass unser Herz zur Ruhe komme. Ja dann sind wir selige Menschen, wenn wir Dich haben, unsern lieben HErrn, den uns Niemand rauben kann. Erhöre uns, HErr Jesu, um Deines Namens willen. Amen.

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