Harms, Claus - Das Vater Unser in 11 Predigten - Die neunte Predigt.
Sondern erlöse uns von dem Übel.
Gesang 707, 1-7. Gott, du milder Gott.
Oder wie dieser siebente Vers ursprünglich gelautet hat, er möchte so der Andacht noch besser zusagen:
„Lass mich an meinem End'
Auf Christi Tod abscheiden,
Die Seele nimm zu dir,
Hinauf zu deinen Freuden,
Dem Leib ein Räumlein gönn
Bei guter Christen Grab,
Auf dass er seine Ruh'
An ihrer Seiten hab.“1)
Nicht wahr, teure Christen, das lautet wie die Bitte im Vaterunser, welche es heute sein, heute die Predigt sein soll, wie die siebente Bitte: Erlöse uns von dem Übel? das Wort zum Hören ist als vor die Augen gemalt zum Sehen? Es weiset sich wie in dem Gesangverse so in der Bitte Abendrot und Morgenrot, beides, dazwischen wir stehen; die Nacht dieses Lebens währt ja nur ein paar Stunden lang, wir kehren uns bloß, so sehen wir das eine, und kehren uns wieder, so sehen wir das andere. Möchte das unser Stand oft sein und das unser Kehren oft sein! Die siebente Bitte ist die letzte, Luther sagt von ihr, dass wir so bitten als in der Summa. Wäre hiernach wohl zu fragen: Warum hat der Herr nicht diese eine Bitte als ganzes Vaterunser gegeben, da er ja doch wollte kurz beten lehren? Eine Antwort darauf kann das sein: Summieren sollten wir selber, die Aufgabe hat er gestellt. Ja das Vaterunser ist eine Aufgabe, ich meine, wir haben es in unseren Betrachtungen so kennen gelernt; erinnert euch nur, lieben Zuhörer. Ich will bloß aus der Predigt über die erste Bitte erinnern: Geheiligt werde dein Name, eine Bitte, daran sich unsere natürliche Selbstsucht brechen solle, wie Meereswogen an einem Fels im Meere. Und dergleichen, was eine gestellte Aufgabe heißen kann, findet sich in einer jeden Bitte. Wenn wir nun das ganze Vaterunser zu beten bekommen haben, so heißt das nichts anders, als wir haben es zu leben bekommen und zu lösen durch unsere Arbeit im Leben. Die Arbeit aber hat der Herr uns nicht schenken wollen, um des uns zugedachten Lohns willen nicht, auf dass wir den bekommen. Wir haben ihm Arbeit gemacht, dafür er auch mit Preis und Ehren gekrönt ist und mit dem hohen, unser Kniebeugen fordernden Namen, ebenso haben auch wir Arbeit haben sollen und Namen bekommen samt einer Krone gleichfalls; daher lässt er uns, Jesus, nicht ein Stück sondern das ganze Vaterunser beten d. h. das Vaterunser tun, von der ersten bis zu der siebenten Bitte, dies für uns die Summa, eben was für ihn, in seiner Arbeit, das Wort am Kreuze war: Es ist vollbracht.
Nach diesem Worte vorher gesprochen lasst uns denn an die Betrachtung selber gehen nach dem Inhalte, den die letzte Bitte hat. Oder wäre doch eins und noch eins zuvor aus dem Wege zu schaffen? Meine Lieben, die Kirche ist keine Schule, ist kein Auditorium; indes so ganz genau wird es ja nimmer gehalten, ist's auch nicht zu halten mit der Scheidung. Wie fest in einem Verstande die Mauern der Kirche sind, so fügsam, so nachgiebig sind sie in einem anderen Verstande und lassen viel ein. Hat das Vaterunser sieben Bitten oder nur sechs? In der reformirten Kirche werden die beiden letzten Bitten in eine zusammen gezogen, daher diese nur sechs Bitten zählt. Ein ähnliches tut sie mit dem neunten und zehnten Gebot. Wir legen auf die Zahl eben kein Gewicht, zwei Sachen aber sind's doch, wie auch das Wort „sondern“ auf eine andere, zweite Sache führt. Nicht hineinführen und herausführen, völlig herausführen, erlösen, das sind doch zwei verschiedene Sachen. Wir bleiben also bei dem Scheiden und zählen sieben. Ein anderes noch zuvor. Die genannte Kirche spricht, freilich nicht überall: Erlöse uns von dem Bösen, während in unserer wie in der katholischen Kirche gesprochen wird: Erlöse uns von dem Übel. Freilich hat mancher lutherischer Prediger gesprochen und spricht noch mancher: von dem Bösen. Wie sich's verhalte damit? Das Grundwort lässt beide Übersetzungen zu: vom Bösen, und: vom Übel. Das Richtigere ist nach meinem Dafürhalten: von dem Bösen, und zwar von dem Teufel, aus Grund der sechsten Bitte, weil der es ist nach alter Bibellehre, der die Seelen von Gott abzubringen sucht und zu dem Ende sie versucht, er vornehmlich, in aller Sünde und hinter aller Sünde. Doch, Liebe, ist auch nichts im Wege, warum wir nicht mit unsrer Kirche bei dem Übel bleiben könnten, bei dem Widrigen in der Vorstellung und in der Wirklichkeit, als welches ja, kommend von dem Teufel oder kommend von ihm nicht, doch uns schwache Menschen so leicht ihm willfährig macht, dass wir tun, was er gerne uns tun sieht, missgläubig werden, wider Gott murren, zur Selbsthilfe ausgehen und zu schlechten Mitteln greifen, wenn es nur hilft. Des gehört ein geübtes Auge dazu und eine ebenso gewandte als sichere Hand, eine Christenhand, sprech ich, gehört dazu, um Sorg' und Not allerlei Art zu nehmen, dass es eine Förderung werde auf heiliger Bahn und kein Hindernis oder Fallstrick gar. Grund dessen bleiben wir bei dem in unsrer Kirche üblichen Wort, auch predigend darüber, wie jetzt geschehen soll und woran wir durch die Tür eines andächtigen Vaterunsers selber gehen. Wollt aufstehen, Lieben, und stehend mit mir das heilige Gebet sprechen.
Vaterunser.
Mit den Worten haben wir uns vorhin befasst, so gehe ich denn jetzt in die Sachen selbst hinein, die vor meinen Augen in der siebenten Bitte liegen, die von der Hand der Rede jetzt sollen hervorgelangt und euch, lieben Zuhörer, dargeboten werden also:
Die Bitte: Erlöse uns von dem Übel, - ist
1) ein gefällter Spruch über das Leben hier, was davon zu halten sei;
2) eine getane Frage: Wie steht es mit deiner Lust oder Unlust daran, Betender?
3) eine gegebene Erinnerung, welches Wegs wir heraus kommen sollen;
4) ein gesprochener Trost, wenn wir frühe Heimgänge betrauern;
5) ein gesprochener Trost noch einmal, wenn wir selbst streiten müssen, bis unsere Veränderung kommt;
6) ein himmlischer Klang als von den Erlösten drüben zu uns herab; und
7) ein evangelischer Klang von einer hier schon zu findenden Erlösung.
Viel geboten. Aber ich weiß, guten Hörern, d. h. die ihre Seele mit zum Hören hergeben, ist es nicht zu viel, und für solche will ich alle halten, die hier sind.
I.
Was immer auch von dieser Welt, von unserem Leben in ihr gesprochen und geschrieben, gedichtet und gesungen ist, wie wunderschön sie, wie freudenreich das Leben doch in ihr, so kann uns das, richtiger gesagt, so soll uns das nicht irren. Hier im Vaterunser, in der siebenten Bitte ist ein Spruch gefällt worden, der uns mehr als aller Dichter und Weltweisen Urteil gilt und was sich dagegen erhebt, was in uns sich erhebt und will sich geltend machen als ein vom Schöpfer in uns gelegtes Urteil, das muss sich vor der siebenten Bitte legen und stumm liegen. Erlöse uns von dem Übel, „wo ist das Übel denn?“ Ich meine, wo das Vaterunser gebetet wird und gebetet werden soll, d. h. wie weit Menschen auf der Erde wohnen.
Dass sich Gutes finde gleichfalls und was ohne Gefahr mit den Augen gesehen, mit den Ohren gehört, mit den Händen angefasst und mit dem Herzen aufgenommen werden kann, das wird damit nicht geleugnet, allein das Andre, das Übel ist daneben, des Argen, Schlimmeren ist so viel und überall, dass dagegen das Gute zurück tritt und gibt der siebenten Bitte Raum, bei wem überhaupt für etwas Besseres als was die Erde gibt, Raum ist. In unsrer Sache stellet sich Menschenspruch und Gottesspruch einander gegenüber. Die siebente Bitte muss für einen Gottesspruch gelten, den Gott gefällt hat. Sie ist das Wort desjenigen Wortes; welches ist, Joh. 1, 1, von Anfang bei Gott und Gott ist, durch welches alle Dinge gemacht sind und ohne dasselbige nichts, - erschienen in der Welt dazu, 1 Joh. 3, um die Werke des Teufels in ihr zu zerstören, - nach eigenem Wort hiervon Joh. 14: Es kommt der Fürst dieser Welt und hat nichts an mir, - nach eines Apostels Wort wieder, Kol. 1, von Gott verordnet und gesandt, dass er uns von der Obrigkeit der Finsternis errette, uns in sein Reich versetze, sein eigenes Wort abermals Joh. 10, das Leben zu haben bei ihm und volle Genüge. Nun dieser uns beten lehrt: Erlös' uns von dem Übel, so muss das Übel doch wohl ein allgemeines sein und jeden Mann wie die Luft umfangend, darin er atmet. Sonach kann auch die Rede nimmermehr statthaft sein, dass nur Unglückliche eben, Leidtragende, mit Sünd' oder sonst Ringende so sprechen sollten. Täusche keiner sich. Der Glücklichen gibt es keine sonderlich große Zahl, auch in dem Verstande nicht, wie man gewöhnlich dieses Wort nimmt.
Hat der Spruch eines Heiden Wahrheit, dass niemand elend sei als nur in Vergleich, so hat der Spruch eben so viel Wahrheit, dass niemand glücklich ist als nur in Vergleich. Merken wir das. Und weiter, soll etwa die erste. Bitte, die zweite, die dritte auch nur von Einigen gebetet werden? lassen Einige sich ihr Brot aus der Erde wachsen? hat jemand keine Ursache zu bitten: Vergib uns unsere Schuld? oder wäre für Einige durchaus kein Versucher vorhanden? Alle sechs Bitten sind aller Menschen Bitten, wie sollt's denn zugehen, dass Eine, die letzte, unsere siebente in die Krankenstuben, Armenbuden, Zuchthäuser zu weisen wäre, um gebetet zu werden da? Ist gewiss nicht so gemeint. Drum nennen wir diese siebente Bitte einen gefällten Spruch über das Leben hier, was davon zu halten sei, und sagen: Wenn Gott die Welt für ein Jammertal erklärt, so kann die ganze Menschheit sie nicht für ein Paradies ausrufen. Lächle süß oder bitter dazu, wer's anders meint, so muss dieser Gottesspruch gelten, wie er denn auch in der Christenheit, die es war, gegolten hat von Anfang an.
II.
Aber die Bitte will sich nicht so im Allgemeinen nur halten, sondern sie zieht jeden Einzelnen hervor und tut eine Frag' an ihn. Erlös' uns von dem Übel ist eine getane Frage: Wie steht es mit deiner Lust oder Unlust an dem Leben in dieser Welt, Betender? In der fünften Bitte tritt nicht allein eine Frage hervor: Vergibst du auch deinem Schuldiger? O nicht in dieser allein, sondern sieben Bitten sieben Fragen und Anfang und Schluss sind ebenfalls Fragen an die Beter getan. Unsere heutige fragt indes recht stark. Hast du sie nicht gehört, du nicht, zu anderer Zeit manchmal und noch heute? Als ich stand, als wir standen in unserem heutigen Beten und es kam an die letzte siebente, wie war dir dabei in dir? wolltest du nicht etwas wegbeten mit ihren Worten und dich herausbeten aus irgendetwas mit dieser Bitte, welchen Namen es denn hatte bei dir? und bei dir? sprachst du die Worte nicht in irgendwelcher Unlust, in irgendwelchem Übel Leibes oder der Seele, das du fühltest in dem Augenblick? So soll es sein. Denn wie in aller Rede, soll doch ja vornehmlich in unserer Rede vor Gott Wahrheit sein. Wir hören uns denn alle mit der Bitte gefragt: Ach, Lieben, in welcher dem Tod' ähnlichen Unempfindlichkeit liegt derjenige gestreckt, welchem in dieser Welt auch nichts wehe tut? der die Religion verachtet sehen kann, die Redlichkeit verspottet, die Unschuld zu Markt getragen, das Ehebett verunreinigt, die Kinder verwahrlost, die Eltern gekränkt sehen kann, die Gesundheit aufs Spiel gesetzt, des Angesichts Wohlgestalt und nicht selten das Leben auf eine Degenspike gesetzt oder in eine Pistole geladen sehen kann, der Eitelkeit und dem Großtun gebracht, mit Nichtstun die edle Zeit hingebracht, mit Spiel und Soff Haus und Hof durchgebracht, Weib und Kind zu Bettlern gemacht sehen kann, vor Herrendienst nicht an Gottesdienst gedacht, oder hinter dem Vergnügen her täglich auf der Jagd, die angedrohte ewige Höllenpein verlacht sehen kann, die Worte reimen sich nicht allein, sie sind auch richtig und wahr -, wer das sehen kann und ihm tut's nicht weh, ach, Liebe, wer möchte so unempfindlich sein, so geistlich tot, wie es der ist? Oder jemanden träten solche Dinge vor seine Augen gar nicht? Kaum möglich! Sprechen die Besseren und Frommen jetzt; die siebente Bitte ist eine getane Frage: Führt ihr denn, wenn über die Welt nicht, über euch selbst keine Klage? send ihr vollwichtig und nicht zu leicht auf des Richters Waage? von der Sünd' unbeschlichen, aus der rechten Bahn nimmer gewichen, auf schiefen Strichen? müsst ihr nicht eure Seel' tragen als in euren Händen? und habt so oft am Montag verloren, was am Sonntag erarbeitet ist? müsst eure Besserung und Heiligung als einen Stein wälzen, der immer wieder zurück rollt? Noch vorigen Sonntag sangen wir aus 577: Und oft zerstört ein Augenblick den Sieg der Tugend und mein Glück. Erlöse uns von dem Bösen, erlöse uns von dem Übel, die Bitte ist eine Frage: Beter, wie gefällt das Leben dir? und heischt Antwort. Wem es wohl gefällt, in allen Stücken, der muss vor der siebenten Bitte umkehren. Ich setze hinzu: der muss überhaupt vor dem Vaterunser umkehren und darf es nicht beten.
III.
Die siebente Bitte ist für die, welchen es nicht gefällt, und die in irgendeiner Weise heraus zu kommen begehren. Wie? ob aus dem Leben überhaupt heraus? Das eben nicht, aber wohl aus dem Leben, was zuletzt beschrieben wurde, aus dem sündigen Leben, darin wir alle stecken und essen uns die Zähne stumpf an den herben Früchten der Sünde. Die siebente Bitte ist eine gegebene Erinnerung, wie. Freilich nur einen Weg gibt sie an, ob auch andere Wege allerdings sollen betreten werden und müssen, dieser angezeigte darf nicht unbetreten bleiben, oder wir kommen stets weiter hinein als heraus. Und gewisse Wege wollen durchaus gemieden sein. Diese letzteren sind: Zerstreuung, Betäubung der inneren Sinne, oder auch das Herausspringen, über Bord, im Selbstmord. Freilich, wenn die Seele auch könnte ersäuft werden, wie das leibliche Leben. Vergeblich gleichfalls ist alle eigne Arbeit uns zu erlösen, wenn sie nicht mit Gott geschieht. Wir schlagen einen Feind ab, während des findet sich ein andrer wieder; wir unterdrücken eine böse Lust, dagegen schlägt eine andere auf. Wie kommen wir da heraus? Die siebente Bitte lehrt uns: durch Erlösung von fremder Hand. Wenn die eigne Hand mächtig genug wäre, hätte Christus die Sache zu keiner Bitte gemacht. Hört mich, Lieben, hört Christum das zu euch sagen! Wirklich, er sagt's euch, und ob ihr auch nicht zu arbeiten aufhören sollt noch in euren Kämpfen ablassen, so denkt doch nicht, ihr sollt es selbst und allein tun. Wir werden an eine fremde Hand erinnert, dass die es tun werde, und zwar an Gottes Hand, zu dem die Bitte gekehrt ist und das ganze Gebet. Wird er? Die Frage ist ein Zwiespälter: Kann er? Will er? Wegen des Könnens gibt des Vaterunsers Schluss eine Antwort: Dein ist das Reich und die Kraft. Wegen des Wollens haben wir eine Antwort im Vaterunsers Anfang: Vater unser, der du bist im Himmel. Er wird sich ja nicht vor seinen Kindern verleugnen, hat er selbst uns doch mit diesem sich gegebenen Namen locken lassen, dass wir sollen getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten, wie die lieben Kinder, sagt Luther, ihren lieben Vater bitten. Kennt ihr wohl das innige Verhältnis, in das uns Jesus zu Gott stellt, da er auch selber zurück tritt und will unser Fürbitter nicht sein? Ich denke, das Wort geht keineswegs auf Christi Jünger allein. Es steht Joh. 16 V. 36. 37: Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will, denn er selbst, der Vater hat euch lieb. Teures Wort! Freilich den Grund des Liebhabens darf ich auch nicht vor euch schweigen: „darum, dass ihr mich liebt und glaubet, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ Christen, nehmt eure ganze Christusliebe denn zusammen und mit ihr im Herzen steigt die sechs Stufen des Vaterunsers hinan, auf die letzte siebente und betet: Vater unser, erlös uns von dem Übel! ich mag es nicht, ich kann es nicht, ich halte darunter nicht aus, sieh' meinen Schmerz an, dies leidende Herz, und erlöse mich, nimm die Welt und ihren Druck von mir, nimm mich selbst von mir, reiß mein Herz, das gute, dies zu dir betende, aus meinem Herzen, dem schlechten, das nicht mitbeten will, kann, und lass' mich eine Probe sehen, dass du mich nicht aus deinem Vaterherzen gewiesen hast! So getan, lieben Freunde, anhaltend, das muss helfen und muss, wie heißt unser Wort? erlösen. Wie wir hinein kamen ins Elend, davon ließe sich viel sagen, aber so kommen wir aus allem Elend heraus.
IV.
Elend. Unsere deutsche Sprache hat eine Zeit gehabt, da hieß das Ausland Elend. Das lässt sich auch immer noch hören in dem Gesang, den wir den Glauben nennen, Nr. 110, in der Zeile: Nach diesem Elend ist bereit uns ein Leben in Ewigkeit. Der Aufenthalt hier ist ein Leben in der Fremde, der Übergang dahin ist Eingang in die Heimat. Wer die erreicht hat, ist erlöst. Die siebente Bitte ist ein gesprochener Trost, wenn wir frühe Heimgänge betrauern. Das tut wohl Mancher hier, nicht wahr? Links auf unserem Gottesacker sind viele Klein - Kindergräber, aber weiter hinauf sind ebenfalls rechts und links begraben, deren Heimgang ihre Hinterlassenen einen frühen nennen, einen zu frühen Heimgang. Lasst sie gegangen sein! trauert nicht um sie! Wenn ihr nur von ihnen das wisst, dass sie fromm in dem Herrn gestorben sind, so sind sie selig Gestorbene und in den Himmel Gekommene, d. h. von allem Übel Erlöste. Ihre Seele hat Gott gefallen, darum hat er mit ihnen geeilt aus dem bösen Leben, Buch der Weisheit 4, sie sind hingerückt, dass Bosheit den Verstand nicht verkehre, noch falsche Lehre das Herz betrüge, sind in Gottes Hand, Kap. 3, wo sie keine Qual rührt. Daran denkt, Trauernde, wenn ihr das Vaterunser betet und hört in der siebenten Bitte einen gesprochenen Trost wegen der frühen Heimgänge. Wieviel vom Vaterunser ihnen auch zu beten bleibt in der anderen Welt, vier Bitten brauchen sie dort nicht, die vierte nicht, die fünfte und sechste nicht und diese siebente nicht, sondern die drei ersten nur samt Anfang und Schluss, die werden gebetet in Ewigkeit. Bis die Ewigkeit von uns wird erreicht, betreten sein, haben wir noch manches Vaterunser zu beten, und mit der siebenten Bitte aus manchem Übel uns noch heraus zu beten. Gottlob, dass wir, so lang' wir noch hienieden wallen, diesen Trost bei uns haben!
V.
Ja es ist ein Trost für uns ebenfalls, auch ein gesprochener Trost noch einmal die letzte Bitte, wenn wir selbst einem Tagelöhner gleich wider Welt und Sünd' in ihr, wider das Leben in ihr, welches immer eins mit ihr zu werden strebt, arbeiten müssen. Vorhin wies ich, dass die Bitte eine Erinnerung sei, welches Wegs wir aus dem Übel herauskommen, durch Erlösung; jetzt, dass sie ein gesprochener Trost sei: Ihr kommt auch heraus. Jeder einzelnen Bitte wäre eine besondere Stelle nachzuweisen im Gemüt, von daher sie kommen müsse als von ihrer rechten Stelle, aufspringen daselbst wie ein Born, durchsickern daselbst wie durch einen Tropfstein; jeder einzelnen Bitte abermals wäre wohl eine Tugend nachzuweisen, als welcher Tugend Hervortrieb sie gleichwie die Blum' am Stängel erschiene; für jede einzelne Bitte wäre wohl ein besonderer Ton der Stimme anzugeben, in welchem sie gesprochen wird, gesprochen werden soll, wenn richtig gesprochen. Der Ton der siebenten Bitte ist der Seufzer matt, die Tugend der siebenten Bitte, ist das Gottvertrau'n noch nicht ausgegangen, ihre rechte Stelle ist die Wunde von Kraut. und Pflaster ungeheilt. Buch der Weisheit 16. Daher, da heraus soll die siebente Bitte kommen. Beter, seht zu, hört zu bei dem jedesmaligen Sprechen. Das Wort selbst hat Hiob nicht gehabt, allein im Ton der siebenten Bitte hat er gesprochen Kap. 7: Wie ein Knecht sich sehnt nach dem Schatten, und ein Tagelöhner, dass eine Arbeit aus sei, also habe ich wohl ganze Monden vergeblich gearbeitet, und elender Nächte sind mir viel worden. Desgleichen in Kap. 14, wie in unsrer Übersetzung es heißt: Ich harre täglich, dieweil ich streite, bis dass meine Veränderung komme. Das ist der Ton für die Worte: Erlös' uns von dem Übel. Der uns aber die Bitte gegeben hat, der hat mit derselben auch einen Trost gegeben. Welchen? Den Trost: Gott hört! den Trost: Gott sieht! den Trost: Gott wird helfen zu seiner Zeit! welche ist deine Zeit, Beter, nämlich die Zeit, welche für dich die rechte, dir die heilsame ist. Du betest doch mit der Tugend des Gottvertrauens, das noch nicht bei dir ausgegangen? und begehrest doch nicht sofort Hilfe und danach nie wieder ein Kreuz? Das hieße nicht anders als dein Heil wegbeten. Nicht also, sondern wie der fromme Schmolke: „Ums Kreuze darf ich wohl nicht bitten, Dass es mich gar verschonen soll; Hat doch mein Heiland auch gelitten, Und darum leid' ich billig wohl. Doch wird Geduld auch nötig sein, Die wollest du mir, Herr, verleihn.“ So ist's recht. Der aber getröstet wird, dessen Geduld im Leiden wird wie eine Blume begossen, wie Gras befeuchtet, und kann wieder einige Tage Hitze überstehen. Die siebente Bitte ist ein solcher gesprochener Trost. O, Lieben, wenn wir doch allezeit die zweite Rede in unserem Gebet hörten! Des einen Rede ist des Menschen, des anderen Rede ist Gottes, zumal im Gottgegebenen Vaterunser. Darin ist Gottes Rede dies: Ja, ja, es soll geschehen, ich will dich erlösen von allem Übel.
VI.
Von allem! In Luthers Erklärung heißt es und zwar als im Ton der Bitte selbst: und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, uns ein seliges Ende beschere und aus Gnaden aus diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel. Freilich, etwas von dem Ton einer schon erhörten Bitte hat diese Erklärung angenommen. Umso eher geschieht dieses auch, meine Lieben, da wir ja von diesem Gebet der Gemeinschaft wissen, dass es gebetet worden ist von denen gleichfalls, die nun von allem Übel erlöst schon sind, denen das selige Ende beschert ist und die Gott aus diesem Jammertal zu sich in den Himmel genommen schon hat. Wahr ist's, Jesus hat uns die siebente Bitte gegeben, aber ihr weiset das Wort nicht ab, wenn ich sage, dass sie uns auch von denen, die im Himmel sind, gegeben werde, genommen aber von diesen sei ein himmlischer Klang darin. Wir blicken hinauf, Kummer im Herzen, Tränen in den Augen; die dort sind, weinen nicht, die dort sind, leiden nicht, aber sie blicken herab mit ihren hellen Augen und freien Herzen und möchten uns zurufen: Haltet an am Gebet, denn Gott errettet in einer Kürze, erlöst im leicht getanen Werk, eure Veränderung wird kommen, wie unsere gekommen ist, und wird nicht ausbleiben, wie unsere ja nicht ausgeblieben ist, der Strick wird zerrissen, der Vogel ist frei, so werdet ihr auch herüberschweben, ihr noch Gebundenen, in dies Leben der völligen Erlösung hier; wir hatten ja auf Erden auch unser Vaterunser, das wir beteten, und die siebente Bitte, die wir seufzten, und sind erhört; - ihr, Kinder desselben Vaters, die wir, und die dasselbe beten, was wir im Erdentale, Gatten, die durch den Tod getrennt, spricht's, der im Himmel ist, dem auf Erden zu; Eltern, die in der Freude der Seligen sind, rufen ihren Kindern im Erdenmühsale zu, und wo immer ein Seelenband zwischen einem Erdenwaller ist und einem zu Gottes Ruh Gekommenen, da ist auch Rede herab von den Erlösten drüben, droben, die uns sagt: Ihr werdet auch jedem Leid enthoben, und wie wir tun, flehen nicht mehr, keine siebente Bitte mehr, sondern mit: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“ den Vaterunser loben. Ich sage nicht, allemal horcht danach, indes zuweilen horcht danach, wenn euch die siebente Bitte zugesprochen wird, dass ihr sie nachsprechen sollt, so geht's bei allem rechten Gebet zu, es wird immer vorgebetet, ob ihr nicht einen himmlischen Klang darin hört, als von den Erlösten dort herab.
VII.
Dort, hier; Himmel, Erde; Lust, Leid: ob's denn so geschieden sei, und die Namen sich nur paaren? ob denn niemals das Dort auf das Hier zugehe? ob denn niemals der Himmel die Erde grüße? ob denn niemals Lust und Leid sich kund geben als Schwestern, dass Lust mit Leid traurig ist und Leid mit Lust fröhlich ist? O wohl, gewiss. Eine Erlösung von allem Übel tritt auch schon auf dieser Erde ein. Ursach' dessen sagen wir, dass in der siebenten Bitte nicht allein ein himmlischer Klang sei sondern ein evangelischer auch von einer hier schon zu findenden, gefundenen Erlösung. Ich meine nicht den Klang des Wortes sowohl, dass nämlich im Neuen Testamente auf so manchem Blatt Erlösung, erlösen, Erlöser steht und es fast stehender Name Christi ist: Erlöser, nein, Freunde, ich meine die Sache selbst, aus ihr heraus hör' ich in der siebenten Bitte den evangelischen Klang. Erlöse uns von dem Übel, so hat der zu bitten gelehrt, welcher der Erlöser selbst ist. Mein Goel den Namen kennen nur wenige, die Andacht der vorigen Jahrhunderte brauchte ihn zuweilen von Christo, mein Goel2) ist mir nicht ferne und ist mir völlig so nah', als mir nah' der Anfechter ist, und der meine Missetat an mir zu rächen, meint er, das Recht und die Macht hat. Christus hat Macht und Recht, und er rächt mich an dem, der durch Sünden meine Seel' getötet hatte, reißt aus dessen Händen mich und führt mich an seiner Hand, wohin jener nicht nachkommt. Geschlagen, erschlagen steh' ich wieder auf, werde von meinen Wunden geheilt, von dem Schmutz an mir gereinigt, mit dem Feierkleide der Entsündigung und Gerechtigkeit angetan. Das ist Erlösung hier schon, in der vorgeschriebenen Bitte verheißen und sich in immer vollerem Umfang bewährend, wer sich nur mit der Bitte um Erlösung reuig und redlich in die Erlösung hinein betet. O ist das Böse nur erst weg, so ist das Übel auch bald weg; was noch bleibt, wird leicht getragen und ist kaum eines mehr. Bin ich krank, so ist Christus meine Gesundheit, bin ich arm, so ist er mein Reichtum, werd' ich geschmäht, ist er meine Ehre, arbeite ich vergeblich, so freu' ich mich an seinem Werk, das doch ihm ja gelungen, und wenn mir meines missrät, seines an mir wie an vielen ist herrlich ausgefallen; wenn ja eine sündliche Neigung wieder in mir aufkommt, neues Unheil mir zu bereiten, den Schlangentreter hab' ich nie im Weiten, so schnell der Gedanke geht bin ich. bei ihm, und seine Liebe, die nicht langsameren Laufs ist, die auch mit ihren nie von meiner Seele gewendeten Augen meine Gefahr schon hat kommen sehen, hat ihn sich stellen lassen zwischen den Versucher und mich, des' Weg über ihn gehen muss, eh' mir ein Leid widerfahren kann. Das ist meine Erlösung, jedes Christen Erlösung, für welche er dankt zugleich, wenn er um sie bittet, gleichwie er für vergebene Schuld dankt, wenn er um sie bittet, und für das tägliche Brot danken wir hier alle zugleich, danken, wenn wir um dasselbe bitten, und brauchen ja das ganze Vaterunser sowohl als Dankgebet wie als Bittgebet. So ist's recht. So wird die siebente Bitte recht gebetet. Möchte so auch recht über sie gepredigt sein! Das gebe Gott. Amen.