Härter, Franz Heinrich - Das gesegnete Jahr
Text: Joel 2, 12. 13. 21-24. 26.
So spricht nun der Herr: Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen. Zerreißt eure Herzen, und nicht eure Kleider; und bekehrt euch zu dem Herrn, euerm Gott: Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und reut ihn bald der Strafe.
Fürchte dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost; denn der Herr kann auch große Dinge tun. Fürchtet euch nicht, ihr Tiere auf dem Felde, denn die Wohnungen in der Wüste sollen grünen, und die Bäume sollen ihre Früchte bringen und die Feigenbäume und Weinstöcke sollen wohl tragen. Und ihr Kinder Zions, freut euch, und seid fröhlich im Herrn, euerm Gott, der euch Lehrer zur Gerechtigkeit gibt, und euch herabsendet Frühregen und Spätregen, wie vorhin, dass die Tennen voll Korn, und die Keltern Überfluss von Most und Öl haben sollen. Dass ihr zu essen genug haben sollt, und den Namen des Herrn, eures Gottes, preisen, der Wunder unter euch getan hat; und mein Volk soll nicht mehr zu Schanden werden.
Anm. Der erste Abschnitt, Vers 12 und 13, gehört eigentlich nicht zum vorgeschriebenen Ernte- und Herbst-Text.
Das gesegnete Jahr.
Eine Predigt am Ernte- und Herbst-Feste 1857.
Mit dankendem Herzen feiern wir diesmal unser Ernte- und Herbstfest an dem Schlusse des Kirchenjahres, indem wir im Gefühle tiefster Beugung sagen: Herr, wir sind nicht wert aller Gnade und Barmherzigkeit, die du an Uns getan hast! Denn der Allgütige hat eine solche Fülle von Wohltaten über uns ausgeschüttet, dass wir kaum Worte finden, um das göttliche Erbarmen zu preisen. Deswegen haben die Vorsteher unserer Kirchengemeinschaft einen Abschnitt der Heiligen Schrift gewählt, der lauter Segen und Freude atmet, um bei dessen Betrachtung die Empfindungen in uns zu erwecken, die den Christen gebühren, wenn sie die unverdienten Gaben erwägen, womit ihnen der Geber alles Guten entgegen kommt.
Als der Prophet Joel unsere Textesworte aufzeichnete, war das Land Kanaan im Zustande trauriger Verödung; Heuschrecken und andere schädliche Insekten hatten Felder und Bäume verwüstet und die Herzen des Volkes waren mit banger Besorgnis erfüllt. Da trat der Bote Gottes auf mit großem Ernst und predigte den Einwohnern des Landes nachdrücklich Buße: „So spricht nun der Herr: „Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen. Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider; und bekehrt euch zu dem Herrn, euerm Gott: denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und reut ihn bald der Strafe.“„
Das Volk gehorchte dem Worte. Da kamen die herrlichen Verheißungen, welche den Inhalt unsers diesmaligen Ernte- und Herbstspruches bilden1) : „Fürchte dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost; denn der Herr kann auch große Dinge tun. Fürchtet euch nicht, ihr Tiere auf dem Felde; denn die Wohnungen in der Wüste sollen grünen, und die Bäume ihre Früchte bringen, und die Feigenbäume und Weinstöcke sollen wohl tragen. Und ihr Kinder Zions, freut euch und seid fröhlich im Herrn, eurem Gott, der euch Lehrer zur Gerechtigkeit gibt, und euch herab sendet Frühregen und Spätregen, wie vorhin, dass die Tennen voll Korn und die Keltern Überfluss von Most und Öl haben sollen. Dass ihr zu essen genug haben sollt, und den Namen des Herrn eures Gottes preisen, der Wunder unter euch getan hat; und mein Volk soll nicht mehr zu Schanden werden.“
Wir dürfen nicht sagen, dass wir durch besonders merkliche Sinnesänderung diesen uns zu Teil gewordenen Feldersegen errungen haben; einzelne Gläubige sind wohl demütig vor Gott in den Staub gesunken, Gnade und Erbarmung von ihm zu erflehen; aber im Ganzen blieb doch die Masse der Christenheit bei ihrer Gottentfremdung und ihrem lauen selbstischen Wesen. Der Herr selber ist uns entgegen getreten in seiner Barmherzigkeit, um uns durch seine Güte zur Buße zu leiten.
O blickt auf das gesegnete Land, das uns zur heiligen Freude auffordert; blickt auf die Tiere des Feldes, die bewusstlos die Gaben des Allerhöchsten genießen; seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Ihr Gnadenkinder erkennt in den reichen Geschenken die Liebe des Gebers und bedenkt es, dass nur eure Gegenliebe seine Gaben heiligt und köstlich macht. Der Lehrer zur Gerechtigkeit, der Heilige Geist, will nun zu uns sprechen und durch sein Wort in unsere Herzen die Liebe Gottes ausgießen; lasst uns ihm unser Innerstes eröffnen und mit dankenden Seelen vernehmen, wozu er uns auffordert, durch die Hinweisung auf
Das gesegnete Jahr.
Er ruft uns zu:
1. Bekehrt euch zum Herrn.
2. Freut euch im Herrn.
3. Preist den Namen des Herrn.
Herr, versiegle diesen Ruf des Geistes in unseren Herzen, durch dein hochpriesterliches Amen!
1. Bekehrt euch zum Herrn!
Der erste Zuruf ist uns zwar nicht in dem vorgeschriebenen Abschnitt Joels angedeutet, aber das ganze prophetische Buch treibt darauf hin, weil es uns den Tag des Herrn verkündigt und seine Gerichte uns warnend vorstellt. Ein unbekehrtes Herz kann sich gar nicht wahrhaft des gesegneten Jahres erfreuen, denn es versteht nicht den Lehrer, der durch dasselbe zu uns redet; der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes2).
Mit banger Besorgnis schauten Viele am Anfang dieses Jahres auf die Gefilde; es schien als müssten abermals schädliche Einflüsse aller Art die Hoffnungen im Keime zerstören. Es war eben seit acht Jahren eine bedeutende Umwandlung im ganzen Laufe der Witterung eingetreten. Als im Jahr 1848 eine furchtbare Gärung in den Volksmassen sich regte und die Gräuel der Verwüstung drohten über die ganze europäische Staatenwelt loszubrechen, da hörte man ein frevelhaftes Lied singen, in welchem das Vaterland, die Obrigkeit und Gott selber schauerlich verflucht wurden. Allein der unsinnige Fluch fiel auf die Häupter der Gottlosen zurück und schwere Gerichte ergingen über die Länder. Zuerst zog die Cholerapest als ein Würgengel einher und schlug Tausende nieder; dann ward die Pflanze von dem Fluch getroffen, auf die der Übermut rechnete, als ob nun keine Hungersnot mehr möglich wäre, und auch das Gewächs des Weinstockes erkrankte an vielen Orten, so dass Schrecken und Staunen die Menge ergriff; man wollte erklären, woher diese Übel kämen; die Eisenbahnen wurden angeklagt und der Grund in den schädlichen Dämpfen gesucht, die den Rauchfängen der Maschinen entsteigen.
Ach! es war ein anderer Dampf, der gen Himmel stieg: die Sünden der Menschen schrien empor, denn der Christennamen war Vielen ein Spott geworden; undankbar vergaßen sie ihres Gottes und Heilandes und traten seine Wahrheit mit Füßen. - Sieben Jahre dauerte die Gerichtszeit. Voriges Jahr hörten großenteils die außerordentlichen Krankheiten an Menschen und Pflanzen auf, und nun kam mit dem zurückgelegten Jahre eine wunderbare Fruchtbarkeit.
Was sollen wir dazu sagen? War es der Ernst der Buße des Volkes, der Gott bewog uns mit Erbarmen anzusehen? - Manche stille Seelen haben zwar gewiss den Allmächtigen in Jesu Christi Namen um Gnade angefleht; der Herr mag auch wohl ihre Bitten erhört und um der wenigen Gerechten willen den Lauf seiner Gerichte unterbrochen haben. Allein der Übermut, der Weltsinn und die Sittenlosigkeit fahren noch immer fort, die Mehrzahl der Menschen taub und blind zu machen gegen alles, was ihnen Gottes Geist sagt und vor Augen stellt.
O ihr Christen, die ihr ein Gefühl für das Göttliche habt und noch nicht ganz verschlossen seid gegen die Belehrung der himmlischen Freundlichkeit Dessen, der das gesegnete Jahr uns gegeben, tut eure Herzen auf dem dringenden Ruf der Gnade: Bekehrt euch zum Herrn! Tut es aber wie der Prophet Joel uns lehrt, nicht zum Schein und nicht zum Teil, sondern von ganzem Herzen.
Den Herrn können wir nicht täuschen; die Halbherzigkeit ist ein Selbstbetrug, dessen Schaden auf uns zu rückfällt. Es ist allerdings in den letzten Tagen manche Seele angeregt worden und aus der alten Sicherheit erwacht. So kann es nicht mehr fortgehen! hieß es im Gewissen; wir sehen deutlich, wie alles Irdische wankt und kein Gut dieser Welt uns Frieden gibt; der Mensch muss etwas Ewiges haben, um daran sich zu halten in dem Sturme der Vergänglichkeit.
Solche Überzeugungen haben wohl in euch Allen schon öfters laut und mächtig gesprochen. Aber warum ist es bei so Wenigen zu einer durchgreifenden Entscheidung gekommen? Es ist mir unmöglich, die Ursachen alle anzudeuten, die den Menschen an der aufrichtigen Bekehrung verhindern: Reichtum, Armut; Gesundheit, Krankheit; Gelehrsamkeit, Unwissenheit; Geschäftigkeit, Bequemlichkeit; Umgang mit Andern, vereinzelte Tage, überall liegen Bande, welche die Seelen an die Welt binden, und durch Fleischeslust und Augenlust, durch Hoffart oder Verzagtheit, sie verhindern an einer gründlichen Herzensbekehrung. Unter allen Ursachen der Gebundenheit, die genannt werden mögen, liegt ein Übel verborgen, welches wie ein höllischer Zauber die Erweckten wieder einschläfert und ihre Befreiung aus den Fesseln der Sünde unmöglich macht, so lange es nicht gehoben ist; dies Übel heißt: der Herzensunglaube.
Man kann wohl sagen, der Herzensunglaube ist das Geheimnis unserer gefallenen Menschennatur. Tief in ihrem Innersten liegt dieses Misstrauen gegen Gott und durchdringt mit seinem Gift alle Seelenkräfte; der Verstand wird mit Zweifeln erfüllt; im Gefühl entsteht Unlust am Worte Gottes, und der Wille widerstrebt den göttlichen Führungen. Vergebens klopft der Herr am Herzen an; es bleibt verschlossen und lässt die Gnadenstunde ungenützt vorübergehen. - Wie kann da geholfen werden?
Kein Mensch vermags, das Mittel auszudenken, wie unser Geschlecht aus der tödlichen Gottentfremdung zum Licht des Lebens gebracht wird, und alle Weisen dieser Welt sind darüber zu Schanden geworden. - Das Mittel unserer Heilung ist ein Geheimnis, das offenbar geworden, und nun von allen Dächern verkündigt wird: Denn wie dort Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also ist des Menschensohn erhöht worden, auf dass Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben3).
In Christo Jesu hat der Glaube seinen wahren Gegenstand gefunden, und wer sich zu Ihm, dem Heiland der Sünderwelt, wendet, der bekehrt sich zum Herrn. Denn der Geist Gottes, von welchem Joel ausdrücklich weissagt4), wird Jedem zu Teil, der Jesum von Herzen als seinen Herrn anerkennt; und wenn der Heilige Geist kommt, so gießt er die Liebe Gottes ins Herz aus5), und macht aus dem Menschen in Christo eine neue Kreatur6), ein Zionskind, nicht bloß vorbildlich, wie im alten Bunde, sondern neutestamentlich, wesentlich!
Für solche bekommt dann erst unser schöner Ernte- und Herbsttext seine ganze gründliche ewige Bedeutung, wenn er uns zuruft: Ihr Kinder Zions, freut euch!
Wir können uns nun nicht weiter mit denen befassen, die in dem Jahre, das uns Gott gegeben hat, nur einen irdischen Segen sehen. - Esst und trinkt, genießt mit vorübergehendem Vergnügen die Frucht der Bäume und den Saft der Reben; die Tiere auf dem Felde tun es auch, und wir gönnen es ihnen von Herzen; aber den Christen, die sich zu Jesu Christo bekehrt haben, denen ist erst das Los aufs Lieblichste gefallen, sie sind zu einer Wonne berechtigt, die niemals vergeht, und durch das gesegnete Jahr ruft der Heilige Geist ihnen zu:
2. Freut euch in dem Herrn.
„Ihr Kinder Zions freut euch und seid fröhlich in dem Herrn, eurem Gott.“ Wer außer dem Herrn ist, kann sich nicht in dem Herrn freuen; außer dem Herrn ist aber die ganze gefallene Erdenwelt; sie liegt im Argen7). Zwar sucht sich das verblendete Geschlecht der Ungläubigen, durch seine Weisheit irre geleitet, zu überreden, die Menschen seien Kinder Gottes von Natur, und Gott sei im All, in den Pflanzen und in den Tieren und auch in den Menschen. Trügender Wahn, der die Naturkräfte und den Geist Gottes mit einander verwechselt! O ihr Kinder des Zornes von Natur8), wie seid ihr so ferne von Gott9); wie gottlos ist eure Freude!
Die wahrhaftigen Kinder Zions, nämlich die durch den Glauben an Christum Wiedergeborenen, freuen sich und sind fröhlich in dem Herrn ihrem Gott, der ihnen Lehrer zur Gerechtigkeit gibt und ihnen herab sendet Frühregen und Spätregen, wie vorhin.
Hier ist nun vor allen Dingen eine sprachliche Bemerkung unerlässlich. In der Grundsprache des Alten Testamentes gibt es nur Ein Wort, um Lehrer und Regen auszudrücken, daher die französische Übersetzung diesen Vers also gibt: „Freut euch in dem Herrn euerm Gott, denn er gibt euch den Regen nach seiner Gerechtigkeit, ja er wird auf euch den Früh- und Spätregen herabsenden, wie vorhin.“ Doktor Luther fühlte tief, dass hier nicht bloß von dem irdischen Regen konnte die Rede sein, und setzte darum zuerst das Wort Lehrer, dann in dem Folgenden das Wort Regen. Wir sind überzeugt, dass er die beste Übersetzung gegeben hat, denn mit dem zeitlichen Segen kommt über die Kinder Zions allemal auch der geistliche Regen, das ist die Kraft aus der Höhe, wodurch die Saat des Wortes Gottes lebendig wird und wächst und reift zur Himmelsernte. Es ist aber nicht von menschlichen Lehrern in unserer Stelle die Rede (wie Etliche meinen könnten), sondern von Christo, dem großen Lehrer der Gerechtigkeit, und von dem Heiligen Geiste, der die Gläubigen in alle Wahrheit leitet. Nur da, wo diese Lehrer auf die Herzen wirken, kann auch die Freude in dem Herrn sich entfalten.
Die Freude in dem Herrn ist eine zweifache, eine Freude an den Gaben und eine Freude an dem Geber.
Die Gaben, deren wir uns freuen sollen, an dem heutigen Jahresfeste, sind nun vorerst die irdischen Güter, womit uns die wieder aufgeschlossene Gotteshand gesegnet hat. Wie ist der Früh- und Spätregen so merkwürdig auf die Gefilde geflossen, dass die Tennen mit Korn sich füllten und die Keltern von Most und Öl überflossen. - Schmeckt und seht wie freundlich der Herr ist, wohl dem, der auf ihn traut!10)
Ja, auch die irdischen Gaben schreiben wir Dir zu, unser gnadenreicher Heiland, denn um deinetwillen, o Jesu, hat uns der himmlische Vater gnädig angesehen und nicht mit uns gehandelt nach unseren Sünden. Wir sind weit entfernt, dem Spiele der wechselnden Naturkräfte den Misswachs früherer Zeiten und das Gedeihen in diesem Jahre zuzuschreiben. Du allmächtiger Sohn Gottes, der du alle Dinge trägst mit deinem kräftigen Worte11), hast uns diese Fülle zugewendet, um uns durch deine Güte zur Buße zu leiten. Darum sehen wir in allem, was uns erfreut, deine Heilandstreue, und die Liebesgaben freuen uns doppelt, weil sie die göttliche Vaterhuld durch dich uns gegeben.
Aber viel herrlicher als die Fülle des zeitlichen Segens erscheint uns der Reichtum deiner geistigen Güter, womit du im vergangenen Kirchenjahre uns überschwänglich begnadigt hast! - In unseren Familien hat der Früh- und Spätregen, der Morgen- und Abendsegen niemals gefehlt. Um dein Wort versammelt, haben wir täglich das himmlische Manna betend empfangen, und an den Ruhetagen, wenn wir in der Sabbatstille an heiliger Stätte uns versammeln durften, hast du oft in deinem Evangelio das Lebensbrot uns dargereicht, uns mit deinem Leib und Blute genährt und mit dem Freudenöle uns gesalbt, dass wir neugestärkt und geweiht von dannen gingen, unseren Pilgerweg durch die Erdenwüste fortzusetzen.
Ja, wir sind die Gesegneten des Herrn im verflossenen Jahre gewesen, und müssen mit Beschämung bekennen, dass wir noch viel zu wenig den großen Wert deiner Gaben verstehen, der Zeit und Ewigkeit umfasst. O hilf, dass unsere Herzen immer mehr in den seligen Gedanken sich versenken lernen, dass du gekommen bist als guter Hirte den Deinen die volle Genüge zu bringen. Jede unzufriedene Klage ist eine Sünde wider dich, du Seelenfreund und höchstes Gut! Geber alles Guten, du selbst die höchste Gabe, kannst allein unsere Seelen völlig erfreuen!
Ja, ihr Kinder Zions, freut euch und seid fröhlich im Herrn eurem Gott! dieser Zuruf eröffnet uns eine Aussicht in die selige Ewigkeit, wo wir daheim werden sein bei Ihm. Was das für eine Freude sein wird, kann eine Seele wohl ahnen, wenn sie den Herrn Jesum über Alles liebt, und sich, wie Paulus, sehnt abzuscheiden, um bei Christo zu sein; doch auszudrücken vermögen wir's nicht mit sterblichem Munde, was in den Worten liegt: Jesu meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu meine Zier!
Wir wollen's auch gar nicht versuchen, so lange wir noch diesseits wandeln; aber das müssen wir sagen, dass uns hienieden schon eine doppelte Freudenquelle aufgeschlossen wird, wenn wir lernen dem Geber alles Guten kindlich vertrauen und willig gehorchen.
Wie leicht verzagt unser Herz in den Zeiten, wo die Erdennot uns niederzieht und wo es scheint, als wäre keine Rettung vorhanden. Unser Blick in die Zukunft der Kampfeszeit ist verhüllt, und was noch geschehen mag, wissen wir nicht; aber der reiche Gott hat Rat und Mittel; es kostet ihn nur einen Wink, und die trübe Aussicht wird helle, Mangel und Elend weichen, die Wüste wird zum Gottesgarten und der müde Wanderer pilgert wieder erquickt und freudig seine Straße. - Doch die Tage des Überflusses sind mehr hindernd als förderlich fürs innere Leben; darum muss er uns hinwegnehmen, was uns schwerfällig und träge machen könnte; und nun kommt es darauf an, ob wir willig werden, ihm zu gehorchen, wenn er uns befiehlt, wie jenem reichen Jünglinge, hinzugeben was wir haben, um ihm nachzufolgen. Fehlt dazu die Willigkeit, so schwindet auch die Freude, und das arme Herz geht oft durch lange Traurigkeit, wenn es einsieht, dass es sich dennoch zur Entsagung entschließen muss. Das dauert so lange, bis wir durch den Lehrer zur Gerechtigkeit innerlich das große Geheimnis des Gehorsams gelernt haben; aber dann verwandelt sich plötzlich das Tränenwasser in Freudenwein. Reich in Gott geworden strömt das Herz von Wonne über, und lernt voll Glaubens sagen: Herr, wenn ich nur dich habe!
Dies ist die vollkommene Freude in dem Herrn, welche die Kinder Zions kennen lernen, während sie sich aufrichtig von der Welt zu Gott bekehren. Am Ende müssen sie einsehen, wie sie eigentlich niemals Mangel hatten, und ihre ganze Not nur von ihnen selber herkam: Wann einmal das Jubeljahr ihrer Begnadigung erschienen ist, wird alles erstattet, was sie in den früheren Zeiten entbehren mussten, und sie sehen an ihnen deutlich die prophetischen Worte Joels erfüllt: „Dass ihr genug zu essen haben sollt und den Namen des Herrn eures Gottes preisen, der Wunder unter euch getan hat; und mein Volk soll nicht mehr zu Schanden werden.“
Ob wir aber solche Kinder Zions sind? ja, ob wir nur in uns den Zug dazu haben, es zu werden? das ist nun die Frage. Wir können es leicht erkennen an der Art, wie wir den dritten Zuruf des Geistes in unserm gesegneten Jahre aufnehmen und erwidern.
3. Preist den Namen des Herrn.
Der Name des Herrn unsers Gottes ist nicht ein bloßes Lippenwort, das in den Lüften verhallt, sondern mit dem Namen steht bei allen Kindern Zions das Wesen und Wirken Gottes in genauester Verbindung. Dies müssen wir vor allen Dingen recht erwägen und uns danach prüfen : Was ist Gott für mich? und was wirkt Er durch mich? Daraus geht dann erst für uns die Überzeugung hervor, dass wir seinen Namen würdig preisen, durch treues Bekenntnis und durch treuen Dienst.
Bin ich ein Zionskind, so ist es für mich dringendes Bedürfnis und hohe Seligkeit, meinen Herrn vor aller Welt zu bekennen. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über; wie könnte ich schweigen, wenn die Wunder der Allmacht meines Schöpfers und die Wunder der Gnade meines Erlösers, mich mit staunendem Danke erfüllen? Nein, ich muss sagen: Der Herr kann große Dinge tun, und er hat Großes an uns getan!
Davon zeugt vor Allem das Werk der Schöpfung auch in diesem Jahre. Feindliche Kräfte verwüsteten unsere Felder und drohten den Ertrag der Ernte und des Herbstes zu vernichten. - Da winkte der Allmächtige, und eine unerhörte Fruchtbarkeit ergoss sich über die Gewächse der Erde, dass seit Menschengedenken kein solcher Segen gekommen war. - Das hat unser Herr und Gott getan; Ihm, nur Ihm allein die Ehre, unserm Vater in Christo Jesu!
Mit großem Nachdruck erklären wir dies, denn wir wissen sehr gut, dass es nicht die sogenannte Natur ist, die uns versorgt, nach dem Laufe ihrer Gesetze, welche, um der Sünden der Menschen willen, die stets aufs Neue die Gerichte Gottes über uns herausfordern, so vielen Störungen unterworfen sind. Die Natur ist der Inbegriff der Kräfte, welche in dem Gebiete unserer gefallenen Welt sich bewegen; aber wir kennen den Einen, der über den Himmeln thront und dem untertan sind alle Engel und Gewaltigen und Kräfte12); Er ist der Sohn Gottes, der alle Gewalt hat im Himmel und auf Erden; um seinetwillen hat uns der Vater gnädig angesehen; er hat das Flehen in seinem Namen erhört, in welchem allein Heil für Alle ist. Diesen Namen preisen und bekennen wir nun mit Freimütigkeit vor Jedermann, vor Gläubigen und Ungläubigen, vor Verehrern und Verächter, und bitten in seinem Namen: lasst euch versöhnen mit Gott, der uns durch Jesum Christum geschaffen, und durch Ihn erlöst hat!
Ja er hat es schon vollbracht, und es hängt nur von uns ab, an der großen allgemeinen Erlösung Teil zu nehmen; sie ist uns allen angeboten durch das ewige Evangelium, welches nun gepredigt wird in der ganzen Erdenwelt, unter allen Völkern.
Ihr Christen, ihr Kinder Zions, lernt euren großen Vorzug in seiner hohen Wichtigkeit verstehen; euch ist es gegeben von Jugend auf des unerschöpflichen Gnadenschatzes und der köstlichen Glaubensperle froh zu sein; denn ihr seid dazu berechtigt durch Wort und Sakrament.
Wie ist es nur gekommen, dass unter euch so wenige sind, die ihres Christentums sich wahrhaft freuen mögen? Beraubt durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschenlehre und nach der Welt Satzungen, stehen so manche arme Seelen entblößt da, haben Christum verloren, wollen durch die Werke selig werden und lassen sich in ein falsches Evangelium, in eine hochmütige Selbstgerechtigkeit verleiten, dass sie innerlich austrocknen, wie Pflanzen ohne Früh- und Spätregen. Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauft und esst; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides Wein und Milch13).
Ach wie freundlich bietet es euch der Heiland an, was eure Seelen stärken und erquicken mag! Seht, Derselbe, der mit solcher Fülle die Fluren segnet zur leiblichen Ernährung, gibt euch auch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die da bleibt ins ewige Leben14). Er hat sie schon so Vielen dargereicht, und wir bekennen, dass wir aus seiner Fülle Leben und volle Genüge empfangen haben. Kommt denn und nehmt aus dieser Gottesfülle Gnade um Gnade, dass Er in uns verherrlicht werde; denn er hat Friedensgedanken mit uns, wie er uns ja durch dies gesegnete Jahr so deutlich bewiesen hat.
Wie tröstlich wird es werden, wenn die Gemeinden der evangelischen Christen sich mehr und mehr zum Preise ihres Erlösers verbinden und es durch die Tat beweisen, dass sie für den unverdienten überschwänglichen Gottessegen sich auch gedrungen fühlen, die Aufforderung des Propheten Joel zu erfüllen: „Weil ihr denn zu essen genug habt, und zwar im Leiblichen wie im Geistlichen, so preist den Namen des Herrn eures Gottes, der Wunder unter euch getan hat, dass sein Volk nicht mehr zu Schanden wird.“
Lange und schwer hat die Christenheit an ihrem Gott und Herrn sich versündigt, durch Missbrauch und Nichtachtung seiner herrlichsten Gaben. Aber es scheint nun (o möge unsere Hoffnung nicht täuschen), dass eine neue Gnadenperiode anbrechen will. Eine bedeutende Anzahl unter den Christen, durch die Gottesgerichte erschüttert, fangen an aufzuwachen und einzusehen, dass sie Den, der solche Wunder an uns getan, allzu lange vergessen und versäumt hatten. Ein Verlangen erwacht in so manchen, das wahre Christentum durch Werke der barmherzigen Liebe zu beweisen. Ja, das ist es, was ihm wohlgefällt, das ist es, was den Namen des Gnadenreichen vor aller Welt verklären wird, wenn wir hingehen und in seinem Namen der leidenden Menschheit zu Hilfe kommen.
Die Glaubenswerke unserer evangelischen Kirche, die bereits beginnen aufzublühen, wiewohl meistens noch in schwachen Anfängen, geben uns reichen Stoff, die Liebe zu üben, welche die Frucht des wahren Glaubens ist. Wohlan denn, evangelische Gemeinde, mache dich auf, schau umher und frage: Was kann ich tun, um den Namen des Herrn, meines Gottes, zu preisen?
Bald wird er denen, die offene Augen, Ohren und Herzen haben, durch seinen Heiligen Geist kundgeben, wie wenig noch geleistet ist, und wie Großes auszuführen wäre, mit vereinter Kraft und liebender Selbstverleugnung. Oft, sehr oft, ist bisher das Volk unserer Gemeinschaft zu Schanden geworden, durch seine Zwietracht und Kargheit, und die Schmach fiel dann auf unseren Glauben zurück; so soll es nicht mehr sein!
Vereinigt euch um Den und für Den, der das Haupt der Gemeinde und der König seines Volkes ist, Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit; weihet Ihm mit vereinten Kräften Herz und Hand und lasst ferne bleiben das selbstsüchtige Wesen und die eitle Prachtliebe; gebt für Ihn, was ihr erübrigen könnt, gebt euch selbst Ihm hin zum Dankesopfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist15); fördert das Werk der Welterlösung innerhalb und außerhalb der Christenheit, und verkündigt es der ganzen Menschheit, jenes große Wort: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben16).
So wie dieser Sinn unter uns lebendig erwacht und allgemeiner wird, kommt auch immer größerer Segen auf uns aus des Himmels Höhe, und zu seines Sohnes Preise gießt der barmherzige Vater Jesu Christi in unserer letzten Zeit gewiss noch einen geistlichen Spätregen auf die Menschheit aus, damit das große Gnadenjahr der ganzen Welt beginne, wo die Schmach von der Christenheit hinweg genommen ist, und alle Völker ihre Kniee beugen vor dem wahrhaftigen Gott, der zu Zion thront, und alle Zungen es bekennen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters! Amen.