Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Zweite Andacht. - Das Ebenbild Gottes.
1. Mose 1, 27: „Und Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf Er ihn. Und Er schuf sie ein Männlein und ein Fräulein.“
„Wo warst du, da Ich die Erde gründete? Sage Mirs, bist du so klug? da Mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Kinder Gottes“ (Hiob 38, 4-7). Ach Herr, ich habe mich unterwunden, vor Dir zu reden und mit Dir zu reden von Deinem Worte, wiewohl ich Erde und Asche bin. Lass mich lernen zu Deinen Füßen als Dein Kind. Der Mensch hat ja nichts, es werde ihm denn von oben gegeben. Aber Du unterweisest mich ja, Du breitest Dein Wort vor mir aus, dass ich in Deinem Lichte das Licht sehe, angeleuchtet von Deiner Herrlichkeit. Die Engel jauchzten, die Heerscharen verkündeten Dein Lob am Morgen Deiner Schöpfung; und da stehe ich im Geist, bete an mit dem himmlischen Heer. Nichts waren wir Menschen, und Du riefst dem, das nicht ist, dass es sei. Dein ewiger Rat vollzog sich, dreieiniger Gott, und so gütig warst Du, so hoch wolltest Du uns ehren, zu Deinem Bilde schufst Du uns. O Abgrund der Güte, welch eine Huld leuchtet mich an aus diesem Worte! Die Engel sahen es, staunend, anbetend, lobpreisend begleiteten sie Dein Schöpfungswerk von Stufe zu Stufe, wie Du aus der tiefen Nacht der Finsternis und der Wasser diese herrliche Wohnstätte heraufführtest. Aber wie bricht ihr Entzücken aus, als Du das Werk kröntest mit Deinem Bilde, mit dem Menschen, nach Deinem Bilde geschaffen! Wo die Himmel jauchzen, da könnte ich schweigen? Lass mich überströmen in Dank und Preis, in Ehre und Lobgesang, Du wunderbarer Gott, Du Abgrund aller Gütigkeit! Wie hoch hast Du den Menschen begnadet, wie tief ihn angelegt, nach Deinem Bilde geschaffen! Und Mann und Weib schufst Du sie, so anders, als die Engelwelt. Darf ich bewundern die Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Güte Gottes, die mich aus diesen Worten anleuchtet? Du sahst das Elend, das kommen konnte; Du sahst es, dass es kommen würde, ach, darum hat Deine Weisheit und Güte uns so geschaffen zum Unterschiede der Geschlechter, dass unser Fall nicht unwiederbringlich würde, dass Du könntest hineingeboren werden in dies Geschlecht, wenn es fiel, dass Du mit Deinem Leben unsern Tod verschlingen könntest! Wie wunderbar ist Deine Güte, wie tief Deine Weisheit, wie groß Deine Huld! Zur Rettung war's, dass Du sie schufst Mann und Weib, eine Stätte hast Du Dir ersehen in diesem Geschlecht der Menschenkinder. Und darum auch hast Du sie so hoch und tief angelegt, dass Du Wohnung unter ihnen machen konntest; hast sie geschaffen nach Deinem Bilde, dass Du in Dein „Eigentum“ kämst, nicht in ein „Fremdes“, wenn Du Wohnung unter uns machst. Jauchzt, ihr Himmel, und du, Erde, frohlocke, Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf Er ihn! Ach, die ganze Zukunft Deiner Erbarmung leuchtet uns an aus diesem Worte! Ja, mehr als Himmelsglanz strahlt in demselben, es leuchtet aus demselben der ewige, vorweltliche Rat, das ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt. Deine Schöpferweisheit und Schöpfergüte, o mein Gott, ist verkläret von Erlösergüte, und Dein Erbarmen strahlt mich an eben aus diesem Worte. Darum auch liegt der Hauch der Poesie auf diesem Worte, in dichterischer Form ist das Wort geredet, das Ebenmaß der drei Satzglieder tönt uns wie ein Lied aus Himmelssphären entgegen. ich will die Blätter dieser Himmelsblume nicht zerpflücken, will die einzelnen Züge dieser Gottesgabe jetzt nicht zerlegen, will nur den Duft des Ganzen atmen, will nur die Herrlichkeit der großen Tatsache anbetend bewundern: „Zum Bilde Gottes schuf Er ihn!“ Jauchzt ihr Himmel, und du, Erde, frohlocke; alles, was Odem hat, bete an; und meine Seele preise den Namen des dreimalheiligen Gottes, der so herrlich ist, so gütig, so herablassend und wunderbar in all Seinem Tun! Welch ein Inhalt in diesem Worte! Welch eine Zukunft diesem Geschlechte! Welch eine Huld dieser Kreatur! Welch eine Herablassung zu diesem Gebilde Deiner Hand! Zum Bilde Gottes schufst Du sie, und nun sollen sie selbst wieder ein Bild sein und das Herrlichste darstellen das Geheimnis der Ewigkeit, Christus und die Gemeinde! Mann und Weib schufst Du sie! Das alles hat Dein Rat ersehen, ehe der Welt Grund gelegt ward, das alles setztest Du ins Werk in dieser Anlage: „Zum Bilde Gottes schuf Er ihn; und Er schuf sie Mann und Weib.“ So hast Du gemacht, dass von einem Blut aller Menschen Geschlecht auf dem ganzen Erdboden wohnt, hast sie zu so tiefer Wesenseinheit bereitet. Die Herrlichkeit des Einen ist Aller Herrlichkeit, aber ach - auch der Jammer des Einen wird Aller Jammer! Was aber wird es nun werden, wenn Du, o Herr voll ewiger Gnade, nun herniedersteigst in diese nach Deinem Bilde geschaffene Menschheit, auch in ihren Jammer Dich erniedrigst, dass sie nun wieder werden, wie Du bist, mit Deinem Geiste erfüllt, Fleisch von Deinem Fleisch und Gebein von Deinem Gebein, nach Leib und Seele Dein Bild tragend!
„Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“ Ja, Herr, ich will kommen, will Deine Herrlichkeit aufgehen sehen über uns in Deinem hochheiligen Sakramente. Da kommt zum Ausbruch die Fülle verborgener Herrlichkeit und Gnaden, die in jenem Worte liegt, dass wir nach Deinem Bilde geschaffen sind. Nun gibt es nach vollbrachter Erlösung solch eine tiefe Herablassung zu der erlösten Menschheit, dass Du so tief mit uns Dich einigen willst, dass Du dieser zur tiefsten Einheit verbundenen Gemeinde zurufst: „Ich will Mich mit dir verloben in Ewigkeit; Ich will Mich mit dir vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ja, im Glauben will Ich Mich mit dir verloben, und u wirst den Herrn erkennen“ (Hosea 2, 19-20). Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so verlanget meine Seele nach Dir. In Deinem Sakramente neigst Du Dich zu jener Tiefe zu uns herab, um uns zu Dir zu erheben und uns
zu vollenden zu jener Klarheit, mit welcher Dein vollendetes Bild aus uns strahlen soll; uns zu vollenden zu jener einen, großen, selig geeinten Gemeinde, die mit Dir ewig triumphieren soll, Deine Herrlichkeit wiederstrahlend an Leib und Seele. „Ach wie hungert mein Gemüte, Menschenfreund, nach Deiner Güte!“ Amen.