Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Zehnte Andacht. Das ewige Evangelium.

Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Zehnte Andacht. Das ewige Evangelium.

1. Mose 3, 15: „Und Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

Anbetend vernehme ich das große Wort. Mein Gott, wie soll ich danken vor diesem aufgedeckten Geheimnis der Ewigkeit, vor dieser Offenbarung Deines ewigen Ratschlusses, den Du gefasst, ehe der Welt Grund gelegt! Welche Wendung in der Sprache Deines Gerichts! Du hebst an, den Fluch zu verkündigen; und das zermalmende Gericht, welches Du über den Verführer verkündigst, muss zugleich das wunderbar-herrliche Evangelium offenbaren, die Gnadenbotschaft für die gefallene Menschheit. Mein Gott, wie soll ich danken, wie soll meine Seele Worte finden, den Eindruck wiederzugeben, das anbetende, selige, tiefbewegte Staunen auszudrücken, welches diese frohe Botschaft des Urevangeliums in mir weckt! Ihr Augen weint! Freude löset die bange Spannung der Seelen, die Freude der wie vom Blitz Deiner Gnade durchzuckten Seele kann die innere Bewegung nicht hemmen, sie sucht Luft nach außen, das Schluchzen der vom Hauche Deiner allmächtigen Gnade berührten Seele muss laut werden, ich sinke nieder zum Staube und netze mit den Tränen des Dankes und der Freude Deine Füße. Hier lass mich ruhen, hier lass mich danken und anbetend bewundern diese Wendung, diese Überraschung, diese Huld, diese Herrlichkeit, Diese Ehre Deines Namens, diesen großen, ewigen Inhalt in dem einen Worte, das selbst ein Geheimnis ist, weil es trieft von dem Geheimnis der Ewigkeit; das selbst ein Rätsel ist, weil es das Rätsel des Weltalls löset. Lass mich anbetend im Geiste erleben den großen Augenblick, in welchem das Wunder Deiner Gnade den Himmel durchzuckt und den Abgrund erschüttert; lass mich im Geiste diesen Augenblick erleben, dessen Andenken die Ewigkeit mit unerschöpflicher Anbetung und seligem Staunen erfüllt.

Die Himmel trauern, das Meisterstück Deiner Schöpfung liegt in Trümmern, das Ebenbild Gottes ist von der Höhe zum Elende herabgesunken, das Zepter entfiel der Hand, die berufen war, die Weltvollendung unter Deinen Flügeln emporzuführen, der Abgrund lästert, die Feinde triumphieren, der Hohn der Hölle wälzt sich wie eine Sturmflut über die Erde, auf immer auszulöschen das Gedächtnis Deiner Ehre, davon die Erde voll ist, die Wogen des Elends brechen über die Erden- und Menschenwelt daher, die Nacht des ewigen Todes gießt ihre düsteren Schatten über diesen Schauplatz der Schöpfergüte, deren Glanz auf Erden offenbar geworden, heiliger Zorn durchbebt die Reihen der Seraphim und Cherubim und Erzengel und Engel allzumal, und ihre mitleidige Teilnahme wendet sich den gefallenen Menschen zu, die selbst wohl ihren Jammer fühlen, ihr Elend schmecken, ihre Wehe kosten, aber im entferntesten noch nicht überschauen den unaussprechlich tiefen Inhalt des Fluches, den sie über sich gebracht, von ferne noch nicht bis auf den Grund die Zukunft durchschauen, welcher sie verfallen sind. Und mit anbetender Ehrfurcht stehen die Himmel vor der Eröffnung Deines Gerichtes, der Abgrund verstummt, zerbrochen und geknickt stehen die gefallenen Menschen stille ist es vor Deiner ewigen Majestät, stille vor Dir alle Welt, wenn Du Dich aufmachst aus Deiner heiligen Wohnung! Und in diese tiefe, bange Stille redet Deine wunderbar-hohe, mit keinem Menschenwort auszudrückende Majestät das Wort des Gerichts. Mit ehrfürchtigem Schweigen begleiten die Himmel jedes Deiner inhaltschweren Worte. Es kann ja nicht anders sein, der Fluch trieft hernieder über den Frevel, der geschehen; eine Kreatur nach der andern soll zermalmt werden von der Wucht Deiner Worte, und jedes Wort Deines Gerichts hallet wieder im Herzen der heiligen Gotteskinder mit anbetendem Wohlgefallen. Es muss wie Erlösung den Heiligen klingen, wenn der Fluch Deines Gerichtes niedertrieft und dem Unmut, dem heiligen Zorn Genugtuung gibt, der ihr Inneres durchbebt, wo der Frevel gegen Gottes Ehre zum Himmel schreit. Es kann nicht anders sein das Wetter des Gerichtes bricht los, und der Fluch trifft zuerst das geschändete Gefäß der Kreatur, das durch solchen Missbrauch auf immer gebrandmarkt ist und mit unauslöschlichem Abscheu wird angesehen werden müssen. Aber der Fluch muss weiter herniederfahren und das zermalmende Gericht verkündigen dem Argen, und dieser Fluch durchzuckt ihn und seine Schlangenbrut. Er soll zermalmt werden - aber, o wunderbare Wendung! zermalmt eben von dieser gefallenen Menschheit aus, zermalmt durch diese zum Spott der Hölle gewordene Menschheit. Dem Argen mit seiner Sünden- und Todesmacht tritt eine Macht entgegen, nicht ohne weiteres ist diese Erden- und Menschenwelt ihm preisgegeben, die Macht der Welterhaltung und Weltregierung tritt dazwischen, es soll geboren werden auf Erden, es soll Leben hier aufblühen und wachsen, es sollen Geschlechter um Geschlechter über den Erdkreis gehen, es soll ein Weltkampf beginnen, das Otterngezücht soll Widerstand finden, die Himmel sollen in den Dienst der Welterhaltung und Weltregierung treten, dem Feinde tritt ein Widerstand entgegen, und dieser große Weltkampf wird im Menschengeschlecht entschieden. Aus der Mitte der Menschheit wird Einer sich erheben, der Eine tut's, nicht die Vielen, der Eine wird den Kampf zum Siege führen, Er wird der Schlange den Kopf zertreten. Blut und Wunden wird der Kampf auch diesem Kämpfer bringen; es soll so sein, es muss so sein; aber „des Weibes Same“ steht als der Sieger da, mit völliger Vernichtung des Argen und seiner Schlangenbrut endet der große Weltkampf. Mit knapperen Worten ist nie so viel, so Großes je gesagt; mit tieferem Inhalt war nie ein einfaches Wort erfüllt, als dieses Wort, welches, der Hoheit des Augenblicks und dem Ernste der großen Sache entsprechend, so ehrfurchtgebietend, so geheimnisvoll und doch so klar die Tiefen eines Ratschlusses enthüllt, der vor der Welt in Dir, o Gott, beweget ward, ein Geheimnis aller Kreatur auch in den Himmeln bis auf jenen großen Augenblick. Die heiligen Heerscharen vernehmen es, die staunende Anbetung wird von Himmelsfreude durchzuckt: das ganze, furchtbare Gericht über den Lästerer, der ganze Fluch über die Schlangenbrut und Rettung für den Menschen, Rettung durch ein Geheimnis der Gnade Gottes, welches sich weiter enthüllen wird. Es ist genug; sie haben es begriffen, dass es sein wird, wenn auch immer noch Geheimnis ist, wie es sein wird. Sie haben es begriffen, die Niederlage des Abgrundes wird nicht nur eine völlige sein, sondern auch die schmachvollste; von der nun unter die Füße getretenen Menschheit aus soll die Zertretung kommen, und den Menschen soll Rettung werden durch Gottes Willen und Gnadenmacht. Und auch die gefallenen Menschen haben es begriffen, das bange Herz ist berührt vom Strahl dieser Gnade. Rettung, Rettung! klingt es in ihrer Seele; Hilfe wider das Elend, Erlösung aus diesem Jammer und Sieg im heißen Kampfe! Alle haben es begriffen und der Abgrund ahnt das Furchtbare, das über ihn kommt. O, der große Augenblick, in welchem in solcher Wendung das Geheimnis Gottes leise entschleiert wird! Es ist genug. Die Himmel jauchzen, der Abgrund zittert, die Sünder sinken überwältigt zum Staube, Gnade und Recht verbreiten ihren majestätischen Freudenschein über Gottes Schöpfung, und von Gnade und Recht singen von da an bis in Ewigkeit Himmel und Erde. Ich danke Dir, mein Gott, dass Du mich in diese Stunde geführt, das in Deinem Worte enthüllte Geheimnis Deines vorweltlichen Rates hast erleben lassen hier vor Deinem Angesichte. Ich kann nicht anders, ich liege anbetend vor Dir, nur das eine, große Rätselwort des Urevangeliums im Herzen bewegend. Welche Fülle in so knapper Form, welche unendliche Tiefe in solcher Einfalt! Und das Zeichen aller wahren Weissagung weht als ein Duft aus der Höhe mich an; der duftige Schleier des Geheimnisses liegt darüber ausgebreitet, ein Schleier, den nur die Erfüllung heben kann. Und ich darf es nun sehen und betrachten in der Klarheit des Neuen Bundes, die Erfüllung hat den Schleier gehoben. Du bist es, mein Heiland, Du, unser Retter, vom Weibe geboren, ganz geboren wie wir, ganz zu uns gehörend, Du hast das Werk vollbracht! Geblutet hast Du am Kreuze, Hände und Füße sind Dir durchbohrt, der Fersenstich der alten Schlange hat Dich getroffen. So hat der Mörder sich gefangen in seinem eigenen Strick; so hat er müssen dienen, uns das Heil zu schaffen; so hat er selbst müssen die Pforten des Totenreiches dem Sieger öffnen, selbst den Fluch über sich ziehen, dass Du als Sieger mit der ganzen Allgewalt Deiner Herrlichkeit bist über ihn gekommen, der Stärkere über den Starken, hast das Gefängnis gefangen geführt, hast sie zur Schau geführt öffentlich und der Schlange den Kopf zertreten und den Argen aller Macht entkleidet. Und Du bist als Siegesfürst zur Erde zurückgekehrt, Dein gerettetes Volk zu sammeln, dass alle, die auf Deine Seite treten, zu Dir flüchten, und sich nicht zu dem Otterngezücht der Frevler schlagen, in Dir und mit Dir und durch Dich siegen. Meine Seele verlanget nach Dir, nach der völligen Vereinigung mit Dir, alle Deine Hilfe anzuziehen, damit ich streiten kann an meinem Teile und den guten Kampf kämpfen möge, der mir verordnet ist. Ich eile zu deinem heiligen Mahle. dass ich durch diese sakramentliche Vereinigung mit Dir ganz ausgerüstet werde mit der Kraft Deiner Gnade, Dich ganz habe mit allem, was Du mir bist, ganz ein Gefäß Deiner Ehre werde, dass Du auch durch mich schwachen, elenden, armen, in Sünde und Tod gefangenen, durch Dich aber an Leib und Seele aufgerichteten und geretteten Menschen siegst, und ich das priesterliche Königtum bewähre, zu welchem Du uns gesetzt hast. Du Gott des Friedens, zertritt den Satan unter unsere Füße in kurzem! Deine Gnade, o Jesu, sei mit uns (Röm. 16, 20)! Amen.

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