Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 110.
(1) Ein Psalm Davids. Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. (2) Der Herr wird das Zepter deines Reichs senden aus Zion. Herrsche unter deinen Feinden. (3) Nach deinem Sieg wird dir dein Volk willig opfern in heiligem Schmuck. Deine Kinder werden dir geboren, wie der Tau aus der Morgenröte. (4) Der Herr hat geschworen, und wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester ewig, nach der Weise Melchisedeks. (5) Der Herr zu deiner Rechten wird zerschmeißen die Könige zur Zeit seines Zorns. (6) Er wird richten unter den Heiden, er wird große Schlacht tun; er wird zerschmeißen das Haupt über große Lande. (7) Er wird trinken vom Bach auf dem Wege; darum wird er das Haupt emporheben.
Ein messianischer Psalm! Und zwar der herrlichste und königlichste von allen. Keinem Psalm wohl ist in der Schrift selbst und in der christlichen Kirche soviel Ehre angetan worden, wie diesem. Zehnmal wird er im Neuen Testament angeführt vom Herrn selbst und seinen Aposteln. In der alten christlichen Kirche wurde er auf alle hohen Feste: Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten in der Gemeinde gesungen. Die Kirchenlehrer aller Zeiten haben ihn überaus hoch gestellt. Kassiodorus nennt ihn die Sonne unseres Glaubens, einen Spiegel des himmlischen Geheimnisses, eine Rüstkammer der Heiligen Schrift, die Summa des Alten und Neuen Testaments. Chrysostomus sagt: Man sollte mehr als nur zwei Augen haben, um ihn recht zu lesen und zu verstehen. Luther schreibt, es sei der rechte Hauptpsalm, und jeder Buchstabe in diesen Versen sei größer und herrlicher als der Turm zu Babel.
„Christus, der ewige König und Hohepriester“ ist's, den David hier schildert mit einer Glut prophetischer Begeisterung, in einem Glanz überirdischer Herrlichkeit, wie sonst nirgends im ganzen Alten Testament. Und man wird sagen dürfen: Wenn der Stand der Erniedrigung Christi nirgends im Alten Testament so rührend und ergreifend geschildert ist wie im 53. Kapitel des Jesaja: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“ so ist der Stand der Erhöhung des Herrn nirgends im Alten Testament so herrlich beschrieben, wie hier in unserem 110. Psalm, diesem erhabenen Königspsalm. Also vorgestellt wird uns hier:
„Christus, der ewige König und Hohepriester“. Wir hören:
1) Von seiner herrlichen Thronbesteigung, V. 1.
2) Von dem göttlichen Manifest, das dabei ausgeht, V. 2.
3) Von seinem großen Volk, V. 3.
4) Von seinem priesterlichen Regiment nach innen, V. 4.
5) Von seinem herrlichen Sieg nach außen, V. 5-7.
1) Von seiner herrlichen Thronbesteigung
V. 1: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis dass ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.“ Das ist jener gewaltige Spruch, mit welchem Christus selbst im Tempel zu Jerusalem seine göttliche Würde gegen die Pharisäer bewiesen, mit welchem Petrus in seiner Pfingstpredigt dem horchenden Volke bezeugt hat, dass Christus der Herr sei. Der Herr, sagt David, der ewige Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, sprach zu meinem Herrn, zu dem Messias, der wohl Davids Sohn nach dem Fleisch, dennoch nach dem Geist, nach seiner göttlichen Natur Davids Herr und unser aller Herr und König ist: Setze dich zu meiner Rechten; das heißt: nimm teil an meiner göttlichen Macht, Majestät und Weltregierung. Ein erhabeneres Zwiegespräch hat kein Prophet jemals vernommen, kein Dichter jemals ersonnen, als dieses Zwiegespräch zwischen dem ewigen Gott, dem König aller Könige, und seinem großen Sohn, dem Abglanz seiner Herrlichkeit. Da hat, wie ein alter Ausleger sagt, der Heilige Geist dem königlichen Propheten gleichsam das geheime Kabinett der göttlichen Majestät aufgetan, dass er in erhabener Entzückung hören durfte, was da zwischen den allerhöchsten Personen verabredet worden ist in der Ewigkeit und ausgeführt in Vollendung der Zeiten. Dort auf dem Ölberg bei Bethanien, als die Wolke den Menschensohn wegnahm vor den staunenden Augen seiner Jünger, als die Pforten der unsichtbaren Welt donnernd sich ihm eröffneten, als die Lobgesänge der himmlischen Legionen den heimkehrenden Sohn nach siegreich vollbrachtem Werk empfingen, da feierte der Gottessohn seine Thronbesteigung, da ward es erfüllt, was von Ewigkeit her im Rate des Allmächtigen beschlossen war: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.“ Und:
2) Das königliche Manifest,
V. 2: „Der Herr wird das Zepter deines Reiches senden aus Zion. Herrsche unter deinen Feinden.“ Das ist:
Das königliche Manifest, das der allmächtige Gott ausgehen ließ bei der Thronbesteigung seines Sohnes, ihm zur Ehre, der Welt zur Nachachtung. Alle seine Feinde sollen zum Schemel seiner Füße gelegt, sollen ihm unterworfen werden. Als einst fünf Könige der Amoriter aus der Höhle, in die sie sich geflüchtet, gefangen zu Josua gebracht waren, rief Josua dem ganzen Israel und sprach zu den Obersten des Kriegsvolkes, die mit ihm zogen: Kommt herzu und tretet diesen Königen mit Füßen auf die Hälse - zum Zeichen ihrer Unterwerfung. So sollen auch alle Feinde und Widersacher Christi, und seien's Könige und Kaiser, Fürsten und Gewaltige, Weltweise und Hochgelehrte, Menschenkinder oder Teufelsgeister sie sollen ihm noch zu Füßen gelegt werden, sollen sehen, in welchen sie gestochen haben, ihm sollen sich beugen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen, dass Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Fürwahr ein majestätisches Ziel der Weltgeschichte, ein herrlicher Sieg des Reichs Gottes, wenn endlich nach soviel Kampf und Streit, nach soviel Schmach und Kreuz, nach soviel Blut und Tränen, nach soviel Jahrhunderten und Jahrtausenden alle Feinde werden bezwungen, auch der letzte Feind, der Tod, wird aufgehoben sein und das ewige Friedensreich anbrechen und das große Weltversöhnungsfest gefeiert werden wird, von dem Paulus so großartig weissagt, 1. Kor. 15, 28: Wenn aber alles ihm untertan sein wird, alsdann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles untergetan hat, auf dass Gott sei alles in allem. Noch sieht es in der Welt nicht danach aus, noch meint es der alt böse Feind mit Ernst. Aber Gottes ewige Zusage besteht. Und V. 2: Das Zepter seines Reiches geht von Zion aus jetzt schon in alle Welt. Seit die ersten Apostel ausgegangen sind von Jerusalem, um das Evangelium zu predigen aller Kreatur, geht das Zepter Christi, sein lebendiges und kräftiges Wort; dadurch er die Herzen weidet und die Geister bezwingt, von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert weiter aus in die Welt, und mitten unter seinen Feinden fängt er schon an zu herrschen, und weiter und weiter gewinnt sein Friedensreich Raum mitten in dieser ungöttlichen und feindseligen Welt, und mitten aus dem Heer seiner Feinde heraus sammelt er sich ein Volk des Eigentums.
3) Von diesem seinem großen Volk handelt
V. 3: „Nach deinem Sieg wird dir dein Volk willig opfern im heiligen Schmuck. Deine Kinder werden dir geboren wie der Tau in der Morgenröte.“ Oder eigentlich nach dem Wort übersetzt: „Von Herzen bereit steht dein Volk am Tage, wo du dein Heer ins Feld führst, zahlreicher als der Tau der Morgenröte.“ Ein großes Volk, ein williges Volk, ein schmuckes Volk, das um diesen herrlichen König sich schart!
Ein großes Volk! Wohl nennt er die Seinen, da er auf Erden wandelt, eine kleine Herde; wohl war's ein geringes Häuflein von Jüngern und Jüngerinnen, das er auf Erden hinterließ, als er seinen himmlischen Thron bestieg. Aber welche Menge hat ihm Gott inzwischen zur Beute gegeben, wie sind ihm Kinder geboren worden, zahlreich und immer frisch, gleich dem Tau aus der Morgenröte! Seit jene dreitausend Seelen am Pfingstfest hinzugetan wurden zur Gemeinde wieviel tausend Seelen haben inzwischen seinen Zepter geküsst in Glauben, Liebe und Gehorsam! Welche große Schar wird es einst droben sein, deren Stimme wie die Stimme großer Wasser, wie die Stimme starker Donner sprechen wird vor Gottes Thron: Halleluja, der allmächtige Gott hat das Reich eingenommen!“ (Offb. 19, 6.) Ja wie die Millionen Tautropfen im Morgensonnenschein auf der Wiese funkeln, jedes Tröpflein in einer andern Farbe, bald in blauem Feuer, bald in grünem Glanz, bald in goldenem Licht, bald in purpurner Glut, bald in violettem Schein, bald in diamanthellem Wasser schimmernd, werden auf den seligen Gefilden der Ewigkeit Gottes Kinder leuchten, jedes in eigener Farbe, jedes in seiner Art wiederstrahlend die Sonne der Geister, das Licht der Welt, Jesum, den ewigen König. O möchten auch wir nicht fehlen in dieser seligen Schar!
Und dieses sein großes Volk ist auch ein williges Volk. Willig wird ihm sein Volk opfern. Willig haben einst seine ersten Jünger dem Rufe gehorcht: Folge mir nach! Willig sind sie hinausgegangen in alle Welt, sein Evangelium zu predigen aller Kreatur. Mit Freuden haben sie Schmach gelitten um seines Namens willen. Mit Freuden haben sie Zeit und Kraft, Blut und Leben geopfert in seinem Dienst. Willig soll auch heute sein Volk um ihn sich sammeln und ihm folgen, wohin er es führt. O dass auch wir seinen Willen täten wie die Engel im Himmel, willig, hurtig und mit Freuden! O dass es auch unser Wahlspruch je mehr und mehr würde: Herr, wie du willst, so schick's mit mir im Leben und im Sterben! Dann würden wir auch ein schmuckes, ein heiliggeschmücktes Volk des Herrn! Im heiligen Schmuck wird sein Volk ihm dienen. „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Die Tugenden unseres königlichen Herrn und Meisters, die sollen wir verkünden durch unsern Wandel, die sollen wir anziehen als heiligen Seelenschmuck. In die reine Seide seiner Unschuld und Gerechtigkeit sollen auch wir uns kleiden; die Tugenden, mit denen er uns vorangeleuchtet auf seiner Wallfahrt über die Erde, Demut, Sanftmut, Geduld, Glaube, Liebe, Hoffnung, Mäßigkeit, Keuschheit die sollen wir anlegen und von ihm uns anlegen lassen wie eine kostbare Schnur edler Perlen, und so oft wir unsern Leib schmücken zum Gang in Gottes Haus, so oft wir uns ankleiden beim Aufstehen am Morgen, sei das unser Gebet:
Herr Jesu, schmücke mich mit Weisheit und mit Liebe,
Mit Keuschheit, mit Geduld durch deines Geistes Triebe;
Kleid' mit der Demut mich und mit der Sanftmut an,
So bin ich wohlgeschmückt und köstlich angetan!
So nur sind wir würdig unseres himmlischen Königs und ewigen Hohepriesters. Hört weiter:
4) Von seinem priesterlichen Regiment nach innen.
V. 4: „Der Herr hat geschworen und wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester ewig, nach der Weise Melchisedek.“ Jene ehrwürdige, geheimnisvolle Gestalt aus der heiligen Vorzeit, jener priesterliche König Melchisedek, vor dem selbst Abraham, der Patriarch der Gläubigen, sich in Demut beugte, ist, wie dies namentlich der Hebräerbrief weiter ausführt, das Vorbild und Schattenbild unseres ewigen Königs Jesu Christi, der auch mit seinem königlichen Amt die hohepriesterliche Würde vereinigt, und während sein königliches Haupt mit Majestät und Ehre geschmückt ist, zugleich ein barmherziges Hohepriesterherz für alle die Seinigen trägt. Als ein ewiger Hohepriester hat er sich selbst am Kreuzesstamm geopfert zur Versöhnung für die Sünderwelt; als ein mitleidiger Hohepriester hat er schon in den Tagen seines Fleisches Gebet mit starkem Geschrei und Tränen geopfert für die Seinen und vertritt uns auch droben im Allerheiligsten durch seine Fürbitte beim Vater. Als ein großer Hohepriester segnet er uns von oben herab täglich mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern. Einen solchen Hohepriester, Geliebte, sollten wir haben; gottlob, dass wir ihn haben. Einen solchen Hohepriester aber sollten wir auch lieben und ehren und anbeten und sprechen:
Hohepriester ohne Tadel! Lebensfürst von großem Adel!
Licht und Herrlichkeit entfalten, Segnen heißt dein hohes Walten! Segnend trittst du mir entgegen, und so wünsch ich einen Segen, Einen Ruhm an meinem Grabe: Dass ich dich geliebt habe! Segnend tritt er den Seinen entgegen, aber siegend seinen Feinden. Wir hören noch:
5) Von seinem herrlichen Sieg nach außen,
V. 5-7.
V. 5: Der Herr zu deiner Rechten wird zerschmeißen die Könige zur Zeit seines Zorns.“ Ja, wie jener abtrünnige Kaiser Julianus, der im vierten Jahrhundert nach Christus, nachdem seine Vorfahren bereits das Christentum angenommen, wieder davon abgefallen war und es lebenslang verspottet und verfolgt hatte, wie der nach einer unglücklichen Regierung sterbend in der Schlacht vom Boden, an dem er blutend lag, gen Himmel hinaufrief: „Du hast's doch gewonnen, Galiläer! du hast doch gesiegt, Jesu von Nazareth!“ so müssen alle Throne und Gewalten, alle Könige und Fürsten, auch der Schreckenskönig Tod und der Fürst der Finsternis sich von ihm in den Staub werfen lassen. Und mit ihnen ihre ganze Macht in allen Landen, V. 6. Er aber geht seinen Siegeslauf unaufhaltsam weiter, V. 7. Auf der Verfolgung des Feindes begriffen, nimmt er sich keine Zeit zur Ruhe und Erquickung, sondern schöpft nur aus dem nächsten besten Bach am Weg Wasser mit dem Helm, um seinen Durst zu löschen, und dann geht's unverweilt weiter auf der Siegesbahn. Sieh also, o Welt, vor ihm ist kein Entrinnen. Aber selig, wer sich ihm ergibt in Glaube, Liebe und Gehorsam.
Herrsch auch, Herr, in meinem Herzen
Über Lüste, Furcht und Schmerzen!
Lass dein Leben in mich fließen,
Lass mich dich im Geist genießen,
Ehren, fürchten, loben, lieben,
Und mich im Gehorsam üben,
Siegen hier mit dir im Streite,
Dort mitherrschen dir zur Seite!
Amen.