Geiler von Kaysersberg - Sieben Schwerter und sieben Scheiden - Zweiter Teil. Von den sieben Scheiden. (Die Scheintugenden)
Als Joab dem Amasa1) nach dem Leben trachtete, trug er sein Schwert nicht offen, sondern er verbarg es unter dem Rock in einer Scheide, und während er ihn als Freund begrüßte und küsste, zog er heimlich das Schwert und erstach ihn. Hätte Amasa das Schwert gesehen, so wäre er dem Mörder entflohen. Ebenso verbirgt auch der böse Feind seine sieben Schwerter in Scheiden; er verhüllt die sieben Haupt- und Todsünden, durch welche er die Seelen tötet, unter der Gestalt von Tugenden. Wenn nun ein Mensch wähnt, er übe Tugenden aus, so sind es Laster, die ihn ins Verderben stürzen. Ja, so kurzsichtig und verblendet ist unser Verstand, dass er sich so schrecklich täuschen und um seine Seligkeit betrügen lässt. Der Versucher geht uns nach, wie Wegelagerer tun, wenn sie des Nachts ihrem Feinde auflauern. Da tragen sie auch das Schwert nicht offen, sondern sie verbergen es in einer papierenen Scheide von dunkler Farbe und erschlagen dann damit ihren Gegner. Trügen sie es offen oder in einer weißen Scheide, so würde man es selbst in der Dunkelheit leuchten sehen und ihm ausweichen; so aber kann sich niemand vor ihnen schützen.
I. Hoffart.
Das erste Schwert des Feindes ist die Hoffart. Dieses Laster verbirgt sich unter dem Scheine von drei Tugenden als ebenso vielen Scheiden: unter dem Scheine gerechten Eifers, geistlichen Nutzens und besonderer Demut. Betrachten wir diese drei Scheiden nach einander.
1) Gerechter Eifer
Erstens verbirgt sich die Hoffart unter dem Scheine gerechten Eifers. Das widerfährt leicht denjenigen, welche sich einbilden, das Reden und Tun anderer nur aus Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit zu verurteilen, während sie es in der Tat nur aus Hoffart, aus Selbstüberschätzung, aus Groll und Bosheit tun, wie jener Pharisäer im Tempel. „Was soll ich aber beginnen, um solches freventliche Urteilen und hoffärtige Strafen zu vermeiden?“ Frage dich in jedem Falle, ob eine Verpflichtung für dich vorliege, den Nächsten zu tadeln oder zurechtzuweisen, ob dein Amt oder die Notwendigkeit dich dazu ausfordere. Ist das nicht der Fall, so lass dir gesagt sein, was der Herr zu Petrus sprach: „Was geht das dich an? Folge du mir nach.“2) Die brüderliche Zurechtweisung steht dir zu, aber hüte dich, wie ein Vorgesetzter aufzutreten, wenn du es nicht bist. Überlege ferner, ob dich Liebe dazu antreibe, oder Rache, Schwatzhaftigkeit, Tadelsucht und die Gewohnheit, an jedem Menschen etwas auszusetzen. Das alles stammt aus dem Hochmut, wenn auch niemand es eingestehen will. Bedenke weiter, ob die Zurechtweisung nicht vielleicht dir oder ihm großen Schaden bringen werde. Sollte sie den Fehlenden nicht bessern und dich nur seiner Rache aussetzen, so stehe davon ab. Glaubst du aber wirklich, dass es deine Pflicht sei, und dass dich brüderliche Liebe dazu antreibe, und dass es auch Nutzen bringen werde, so sieh zu, dass du den Verweis im rechten Maße erteilst und die Weise nicht vergisst, welche der Herr vorschreibt: „Hat dein Bruder wider dich gesündigt, so verweise es ihm zwischen dir und ihm.“ Gebrauche sanfte, gute Worte, bleibe in dir selbst ruhig und heiter, und tobe nicht. Endlich kann man nie wissen, ob der Fehlende sich nicht schon dem Willen nach bekehrt hat, Gottes Freund geworden, und darum durch seine Reue und Demut besser ist, als derjenige, welcher ihn straft. Diese Erwägung sollte jeden Menschen bestimmen, nicht allzu hart und unbarmherzig zu strafen.
2) Der geistliche Nutzen
Zum zweiten verbirgt sich die Hoffart unter dem Scheine des geistlichen Nutzens für den Nächsten. Dieser Deckmantel der Hoffart ist besonders denen gefährlich, welche in der Seelsorge zu arbeiten haben, und deren Leistungen von den Leuten als nützlich und heilsam gepriesen werden. „Was soll ich aber tun,“ sprichst du, „dass ich in meiner Arbeit für das Wohl anderer mich nicht selbst betrüge, sondern dieses Schwert der Selbstüberhebung meide?“ Ich antworte: Wirst du belobt wegen deiner nützlichen Tätigkeit, so magst du dich freuen, aber freue dich nicht deinetwegen und wegen des Lobes, das dir zuteilwird, sondern nur wegen des Nutzens, der aus deiner Arbeit für den Nächsten entspringt. Frage dich ferner, wenn dir das Lob gefällt, ob du dich ebenso sehr oder noch mehr freuen würdest, wenn ein anderer noch größeres Lob für noch bessere und nützlichere Leistungen ernten würde. Aber auch so darfst du dir noch nicht trauen, dass du alle Selbstgefälligkeit vollkommen überwunden hast. Du musst dich also noch weiter prüfen, ob du dich, wenn jemand deine guten Werke tadelt, und wenn du dich deshalb betrübst, weil er Sünde tut, noch weit mehr betrüben würdest, wenn ein anderer mit noch größerem Unrecht für noch bessere Werke gescholten würde. Wenn du das in dir wahrnimmst, so darfst du es für wahrscheinlich halten, dass du dieses Laster in dir überwunden hast. Weiterhin gibt es keine heilsamere Bußübung, als über empfangenes Lob im Herzen zu seufzen und darüber Missfallen zu erwecken und nach Kräften dem Lobe der Menschen auszuweichen. Endlich soll man alles Lob und jede Handlung, welche belobt wird, Gott dem Herrn allein zuwenden, denn von ihm haben wir ja all unser Vermögen, und ihm allein gebührt Ehre und Herrlichkeit. „Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre.“3)
3) Demut
Drittens verbirgt sich die Hoffart unter dem Scheine der Demut und besonderer Heiligkeit. Das begegnet, nach dem heiligen Augustin, am ersten denjenigen, welche auf alle Ehre und Herrlichkeit der Welt verzichtet und das Kleid der Armut angelegt haben, um ein Leben beständiger Abtötung und Übung guter Werke zu führen. Ihnen liegt die Versuchung nahe, gerade auf ihre Demut und Heiligkeit stolz zu werden. Diese Selbstgefälligkeit nehmen sie nicht einmal wahr, wenn Gott nicht das Licht seiner Gnade in ihnen leuchten und sie ihre ganze Armseligkeit erkennen lässt. Erst beim Glanze dieses Lichtes sieht der Mensch, in welcher Blindheit er bis dahin gelebt, in welchem Nebel er gestanden hat, und nun erst verachtet er sich selbst im Grunde seines Herzens und schätzt jeden anderen höher, als sich selbst und weiß nichts mehr von der Überhebung des Pharisäers im Tempel.
„Wie mache ich mich aber von dieser geistigen Hoffart los?“ sprichst du. Beherzige, dass alles, was du hast, dir von Gott gegeben ist, nichts ausgenommen, und dass du ohne Gott und aus dir selbst nichts Gutes hast, noch vermagst. Ist das wahr? Ja. Wie darfst du dich dann dessen rühmen? „Was hast du“, sagt der heilige Paulus, „dass du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“4) Bedenke ferner, dass du, soviel Gutes du auch tust, doch nicht den tausendsten Teil von dem tust, was du solltest, ja dass du nicht einmal den tausendsten Teil von dem weißt, was du schuldig bist. „Wenn ihr alles getan habt“, sagt Christus der Herr, so sollt ihr sprechen: Wir sind unnütze Knechte.“5) Auch vergiss nicht, dass du von dir selbst nichts hast, als die Sünde, und ihrer darfst du dich nicht rühmen, und dass die guten Werke, die wir für gut halten, noch sehr unvollkommen oder gar sündhaft sind. Weiterhin hast du alle Ursache zu fürchten, es möchte dir noch etwas abgehen, was dir zur Seligkeit notwendig ist, oder was dir doch zur Erhöhung deiner Seligkeit dienen könnte. Davon kann gewiss kein Mensch sich frei sprechen. Endlich sieh Christum, unsern Herrn, an, wie er sich, um uns von dem ewigen Tode zu erretten, aufs tiefste erniedrigt hat, wie der unsterbliche Gott sterblich geworden ist und von uns sterblichen Menschen den Tod erlitten hat. Ja, er konnte sagen: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“6) So lerne denn von ihm, dich demütigen und dich verachten. Ebenso schaue auf die lieben Heiligen hin, welche Tugenden sie geübt, welche Leiden sie erduldet haben, ohne sich selbst, ihre Ruhe, ihren Willen, ihre Ehre zu suchen, in vollkommenster Verachtung ihrer selbst und in glühendem Eifer für die Ehre und Verherrlichung Gottes. Sehen wir bei unserem Leben im Vergleich zu ihnen nicht fast wie Heiden aus? Betrachte dich schließlich selbst, was du bist: Staub, der wieder zum Staube zurückkehrt, ein unreines, selbstsüchtiges, hoffärtiges Wesen. Denke an all den Unrat, der sich durch die Hoffart in dir anhäuft, an die Menge deiner Sünden, dann wirst du wohl zu dir selbst kommen und dich so erkennen, wie du bist, und wie du dich zuvor nie erkannt hast, und wirst dich verachten und Gott allein die Ehre geben.
II. Neid.
Das zweite Schwert, womit der böse Feind sich umgürtet, ist der Neid. Er verbirgt aber dieses Schwert in der Scheide scheinbarer Aufrichtigkeit, brüderlicher Liebe und heiligen Eifers für das Seelenheil des Nächsten.
1) Aufrichtigkeit
Erstens also scheinbare Aufrichtigkeit. „Nein“, sagst du. „ich beneide den Menschen nicht, ich hasse nur seine Sünde und Bosheit.“ Sieh zu, dass du dich nicht selbst betrügst. Vielleicht hat der Fehlende dir einmal auf den Fuß getreten, sein Reden und Tun ist dir zuwider; also ist zu befürchten, dass die Abneigung und der Groll aus dir redet, nicht der Hass gegen die Sünde. Frage dein Herz, ob du, während du ihn zurechtweist und bestrafst, dich gegen ihn aufgeregt fühlst, oder ob du Liebe und Erbarmen und herzliches Wohlwollen in dir trägst; nur in letzterem Falle hast du den Neid in dir erstickt. Dieses aufrichtige Wohlwollen ist wie der lautere klare Wein, den man aus dem Fasse auslässt; fängt er an, trübe zu laufen, so ist es Zeit, dass man aufhört, denn das Übrige ist der Bodensatz der Eigenliebe, des Neides, der Bosheit. Willst du dich alles Neides erwehren, so bedenke, dass die Güter deines Nebenmenschen nicht ihm, sondern Gott gehören, der sie ihm gegeben hat, und dass dein Glück durch das seinige in keiner Weise geschmälert wird. Gönne ihm also, was Gott ihm gönnt. Bedenke dann, dass wir alle Glieder eines Leibes sind unter dem einen Haupte, Jesus Christus. Wie also ein Glied das andere nicht deswegen beneidet, weil es reicher begabt oder mehr geehrt ist, so sollst du auch deinem Nächsten das Gute, was er an sich hat, von Herzen gönnen und dich dessen wahrhaft freuen. Wollte der Fuß das Auge deswegen hassen, weil es sieht, und die Hand das Hirn beneiden, weil es der Sitz des Verstandes ist, so wäre das eine große Torheit. So sieh denn zu, dass du deine Gaben und Gnaden gut anwendest, und lass jedem anderen das Seine.
2) Brüderliche Liebe
Zweitens ist es scheinbare brüderliche Liebe, in deren Falten sich der Neid verbirgt. Es gibt Leute, welche eine solche Vorliebe für einzelne Personen oder ganze Orden, Klöster, Stifter, Kongregationen fassen, dass sie, wenn sie hören, dass andere Personen oder Genossenschaften, denen sie nicht so zugetan sind, von anderen geliebt und erhoben werden, dieselben beneiden und herabsehen aus Furcht, dass ihren Günstlingen durch sie Nutzen oder Ehre abgehen möge. Es ist falsche Liebe, wenn du jemand so gern hast, dass es dich verdrießt, wenn andere Menschen ebenso oder noch mehr geliebt werden. Diese besondere Liebe zu einzelnen Menschen mit Ausschluss der anderen ist eine sehr unchristliche und höchst verderbliche Liebe. Haben wir doch nur einen Vater im Himmel, zu dem wir rufen: Vater unser. Ist er nun unser aller Vater, so sind wir alle unter einander Geschwister und sollen einander lieben. Und wohin führt die besondere Liebe zu einzelnen Personen? Mögen sie noch so fromm und gut sein, man fängt im Geiste an und hört im Fleische auf. Und sei es auch keine Person, sondern irgendein geringfügiger Gegenstand, woran man sein Herz hängt, so sage nicht: „Was ist daran gelegen? es ist ja nur ein kleines Ding.“ Ich antworte: Ja, es ist ein kleines Ding, aber dein Herz hängt daran mit großer Liebe und Begierde. Wenn du an Gott, den höchsten Herrn Himmels und der Erde, denken solltest, der dich und alle Kreaturen aus nichts erschaffen und seinen eingeborenen Sohn um deinetwillen auf die Erde gesandt hat, wie derselbe Sohn Gottes um deinetwillen Mensch geworden ist, für dich gelitten hat und eines so schmachvollen Todes gestorben ist, und dass dieser in deiner Todesstunde als dein strenger Richter zu dir kommen wird, und dass du ihn nach deinem letzten Seufzer schauen wirst; wenn du an diese und andere Stücke des Glaubens denken und sie betrachten solltest, so befasst du dich statt dessen mit diesen nichtigen Gegenständen deiner Neigung. Auch kannst du es nicht ertragen, dass man dir diese wegnehme: ein sicheres Zeichen, dass du mit ganzem Herzen daran hängst. Sei es auch eine noch so kleine Sache; aber ein großes Herz, das Gott geweiht ist, hängt daran mit all seiner Freude, Liebe und Begierde. Sieh doch, du hast die Welt und ihre Ehre, ihre Lust und ihre Reichtümer verlassen, um dich Gott zu ergeben; ist es denn nicht ein Jammer, dass du nun an einem so kleinen Dinge klebst? Es bleibt sich ja gleich, ob du dich an einem kleinen oder großen Stricke erwürgst. Bedenke also doch, was du durch solche Anhänglichkeiten Gutes verabsäumst, und mache dein Herz frei von allen solchen Neigungen, und wende es in heiligen Betrachtungen Gott, dem höchsten Gute zu. So wirst du im Glauben wachsen und in der Freiheit der Kinder Gottes wandeln lernen.
3) Heiliger Eifer
Drittens verbirgt sich der Neid in den Falten eines falschen Eifers für das Heil der Seelen. Du sagst: „Ich bin dieser Person nicht abhold; ich gönne ihr alles Glück, aber ich fürchte, dass ihr diese Gaben und Güter nicht zum ewigen Heile seien.“ Im Grunde ist es wieder nur der Neid, der aus dir spricht. Der Schalk sitzt dir im Herzen; er verblendet dich, dass du selbst nicht einsiehst, was in dir vorgeht. Willst du ihn erkennen, so frage dich, ob dir diese Gaben und Güter, wenn du sie selbst besäßest, auch so gefahrvoll für dein Seelenheil erscheinen würden. Musst du das verneinen, dann glaube es auch nicht von deinem Nächsten, und gönne ihm, was du Dir selbst gönnst.
So hüte dich denn vor diesem verderblichen Laster des Neides und bekämpfe denselben bei Zeiten, ehe er sich in dir festsetzt. Er ist es, der den Kain zum Brudermorde trieb, der den Saul gegen David aufstachelte; er brachte Christum Jesum, unsern Herrn, ans Kreuz. Durch den Neid des Teufels ist die Sünde und der Tod in die Welt gekommen. Der Neid vergeht nicht wie andere Laster mit der Jugend; er ist ein verzehrendes Feuer, welches sich nicht auslöschen lässt, als mit andauernder größter Anstrengung und mit vielem Gebete. So sieh denn zu, dass du mit Gottes Gnade endlich darüber Herr werdest.
III. Zorn.
Das dritte Schwert des bösen Feindes ist der Zorn. Dieses Schwert verbirgt er oft in der Scheide dreier scheinbarer Tugenden, nämlich der Gerechtigkeit, der Sorge für das Wohl des Nächsten und der Sanftmut und Geduld.
1) Gerechtigkeit
Oft herrscht im Herzen nur Abneigung und Groll und nur das Verlangen nach Rache, wir reden uns aber ein, dass wir nur das Unrecht hassen und nur den Fehlenden bessern wollen. Hüte dich deshalb, einen Fehlenden zu strafen, so lange dein Gemüt erregt ist, dein Herz klopft, dein Blut wallt. Warte, bis dein Gemüt ruhig und heiter geworden ist, bis die Vernunft in dir die Oberhand gewonnen hat; dann darfst du zürnen und strafen und sündigst damit nicht, tust vielmehr ein verdienstliches Werk, welches wie ein heller, klarer Wasserstrahl aus reiner Quelle hervorgeht. Reicht dann eine brüderliche Zurechtweisung hin, so begnüge du dich mit dieser. Scheint dir aber bei ruhiger Überlegung, dass eine ernste Strafe notwendig sei, so magst du sie eintreten lassen, aber im rechten Maße, in der rechten Weise, zur rechten Zeit und am rechten Orte; alles andere ist Selbsttäuschung, die Gerechtigkeit nur ein Deckmantel des Zornes.
2) Sorge für das Wohl des Nächsten
Der zweite Deckmantel ist die Sorge für das Wohl des Nächsten. Man redet sich ein, man wolle nur den Fehlenden bessern; in der Tat will man nur seinen Unmut an ihm auslassen. Soll dir das nicht widerfahren, so beobachte dich selbst und fälle kein freventliches Urteil über den Nächsten. Denke also nach, wie strafwürdig du selbst bist, wie viele Untugenden und Gebrechen du an dir hast; dann wirst du zur Einsicht kommen, wieviel noch an dir zu strafen und zu bessern ist, und du wirst gerne von allen anderen absehen. Hüte dich ferner, ohne zureichende Beweise über andere abzuurteilen. Das wäre eine Lieblosigkeit gegen den Nächsten und ein Eingriff in die Gerechtsame Gottes, dem es allein zusteht, über das Verborgene der Herzen zu richten. Sprich zu dir selbst: „Wer bist du?“ und urteile über niemand. Das Feuer macht zuerst den Ofen heiß, und dann die Stube. So richte und bessere auch du zuerst dich selbst, dann kommt erst die Reihe an den fehlenden Bruder. Wenn du an dir wahrnimmst, dass du das geredet, jenes getan, diese Gedanken in dir hast aufkommen lassen, wenn du so das Auge unverwandt auf dich selbst richtest, dann hast du Frieden mit jedermann und kümmerst dich nicht um fremde Angelegenheiten. Das ist auch der Sinn der Worte Jesu: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge merkst du nicht? Du Heuchler, ziehe vorerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du sehen, dass du auch den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“7) Bessere also zuerst dich selbst; dann. magst du auch mit Überlegung, in aller Seelenruhe und mit sanften guten Worten es versuchen, andere zu bessern. Lösche zuerst den Brand in deinem eigenen Hause, dann darfst du auch deinem Nachbarn zu Hilfe kommen.
3) Sanftmut und Geduld
Der dritte Deckmantel des Zornes ist die Sanftmut und Geduld. Gewiss ist es gut und überaus löblich, bei Beleidigungen sich Schweigen aufzuerlegen, um den Zorn in sich zu unterdrücken, so wie man das Feuer im Ofen auslöscht, indem man die Ofentüre schließt. Aber es gibt auch Menschen, die schweigen, um ihren Gegner desto mehr zum Zorne zu reizen, oder um ihm eine nützliche und heilsame Wahrheit vorzuenthalten, oder um ihm dadurch noch größeren Schaden zu verursachen. Das ist ein sehr sündhaftes Schweigen, dem Anscheine nach Sanftmut und Geduld, diese aber aus Bosheit geübt. Du aber sollst schweigen, wo Reden unnütz ist und nur das Feuer des Zornes anfacht, sollst aber reden, wenn du glaubst, durch herzliche Worte die Zürnenden begütigen zu können, oder notwendige Wahrheiten des Glaubens und des christlichen Lebens ihnen vorhalten zu müssen.
Wer aber seinen Zorn recht beherrschen lernen will, der betrachte Jesus, unsern Heiland und Erlöser, in seinem Leiden. „Er hat für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, auf dass ihr seinen Fußstapfen nachfolgt, er, der keine Sünde getan, und in dessen Munde kein Trug erfunden worden ist, der, da er gescholten ward, nicht wieder schalt, da er litt, nicht drohte, sondern sich dem überließ, der ihn ungerecht verurteilte.“8) Auch sehe er die lieben Heiligen an, die Menschen wie wir waren, wie sie so geduldig gelitten, ohne Zorn die größten Widerwärtigkeiten ertragen haben und uns deswegen als Vorbilder und Spiegel vorgestellt werden. Er betrachte weiter alles Unheil, welches der Zorn anrichtet, wie wir oben gesehen haben. Endlich betrachte er aber sich selbst in seinen Fehlern und Gebrechen, die so groß sind, dass unser Nächster alle Ursache hätte, uns deswegen zu zürnen. Wie das Wasser das aufflackernde Feuer auslöscht, so löscht den Zorn das Andenken an unsere Sünden. Verzeihe also dem Nächsten, damit auch du Verzeihung von Gott erlangst.
IV. Die Trägheit.
Das vierte Schwert, mit welchem der Teufel die Seelen zu töten sucht, ist die Trägheit im Dienste Gottes. Dieses Laster verbirgt sich bald unter dem Scheine der klugen Mäßigung, bald unter dem der Demut, bald unter dem der inbrünstigen Andacht oder des beschaulichen Lebens. Das sind die Scheiden, mit welchen das tödliche Schwert verhüllt ist.
1)Kluge Mäßigung
Wenn der Eifer im Gebet und im Fasten, wenn die Liebe zur Arbeit erkaltet ist, wenn die Ordensregel in wichtigen Stücken nicht mehr gehalten wird, und große Lauigkeit in allen frommen Übungen eingerissen ist, dann heißt es: „Ich möchte gern fasten und mir Abbruch tun und mich in allen Tugenden üben, aber ich würde unter solchen Anstrengungen erliegen; wir sind nicht mehr so stark, wie die Alten waren, wir müssen also mit unsern geringen Kräften maßhalten; das fordert die Klugheit. Auch David konnte nicht die Waffenrüstung des Königs Saul tragen; er beschränkte sich deshalb wohlweislich auf seine Schleuder und Kieselsteine. So passen auch die Strengheiten eines heiligen Antonius und Onophrius9) nicht für uns; wir sollen sie mehr bewundern als nachahmen. Nein, es ist nicht Trägheit; beim heiligen Kreuze, nein, das kommt mir nicht in den Sinn, sondern einzig und allein aus Besonnenheit und Mäßigung unterlasse ich dieses und jenes, um mich nicht aufzureiben.“ Das ist der Schalk unter der Maske der Tugend. Gewiss soll man in allen Dingen maßhalten und Vorsicht üben, und diese Tugend ist der Fuhrmann, der allen anderen Tugenden den rechten Weg zeigt, und ohne den so Wagen wie Pferde zu Grunde gehen. Aber wenn dich dein Gewissen und der Heilige Geist innerlich antreiben, ein gutes Werk zu vollbringen, gegen welches sich deine Trägheit unter dem Vorgeben sträubt, du seist dafür allzu schwach, so bedenke doch, dass andere, welche nicht zur Hälfte deine Stärke besitzen, mit Hilfe der Gnade dasselbe Werk ausführen. Hoffe deshalb fest auf die göttliche Hilfe und sprich in großem Vertrauen mit dem heiligen Paulus: „Ich vermag alles in dem, der mich stärkt.“10) Sieh doch, wie andere, die ebenso schwächlich, eben so zart erzogen sind, wie du, es mutig angreifen und frisch wagen, Gott zu dienen, und Gott stärkt sie mit seiner Gnade, weil sie sich ihm rückhaltlos hingeben, sich selbst misstrauen, aber auf Gott vertrauen, dass er zu dem Wollen auch das Vollbringen geben werde. „Die auf den Herrn hoffen, erneuern ihre Kraft, befiedern sich wie Adler, laufen und werden nicht müde, gehen und ermatten nicht.“11)
2) Demut
Die Trägheit im Dienste Gottes verbirgt sich zweitens unter dem Scheine der Demut. „Ach,“ sprechen sie, „ich wollte gerne inbrünstiger beten, strenger fasten, reichlicher Almosen geben und andere Tugenden üben, müsste ich nicht fürchten, von anderen gelobt zu werden, oder durch Selbstgefälligkeit zu sündigen und alle Demut zu verlieren.“ Was ist da zu tun? Ich unterscheide zwischen den guten Werken, zu welchen du durch ein Gebot strenge verpflichtet bist, und zwischen denen, welche nur angeraten sind. Die ersteren musst du unter allen Umständen tun, wie immer du auch dabei zum Stolze versucht wirst. Kämpfe gegen das Lob der Menschen und tue deine Schuldigkeit; widersage der Selbstgefälligkeit und sprich zu dem Versucher: „Ich habe das Werk nicht um deinetwillen angefangen, ich will es auch nicht um deinetwillen aufgeben.“ So musst du als Reicher Almosen geben, wenn dein Nächster in Not ist, musst als Prediger zur rechten Zeit und in der rechten Weise die Wahrheit verkündigen, ohne auf das Lob der Menschen zu achten. Bist du aber durch kein Gebot zu einem guten Werke verpflichtet, dann rate ich dir, tue es vorerst und so lange im Verborgenen, bis du die Tugend um ihrer selbst und um Gottes willen lieb gewonnen hast, und weder dir selbst noch der Welt mehr damit gefallen willst. Das gilt besonders von den Oberen und Regenten, welche ihren Untergebenen mit einem guten Beispiel vorzugehen verpflichtet sind, ohne dass sie sich um Lob oder Tadel kümmern. Darum spricht Jesus, unser lieber Herr, zu ihnen: „Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist.“12) Den Untergebenen. und Schwachen dagegen gilt das andere Wort des Herrn: „Hütet euch, dass ihr eure Werke nicht vor den Menschen tut, um von ihnen gesehen zu werden, sonst werdet ihr keinen Lohn haben bei eurem Vater, der im Himmel ist.“13) Wenn dir also ein Werk obliegt, so suche in demselben die Ehre und den Willen Gottes und die Erbauung des Nächsten. Lerne es, in aller Aufrichtigkeit vor Gott zu wandeln und deinem Gewissen zu genügen, aber kein Lob zu suchen. Jetzt aber verwenden wir alle unsere Sorge und den größten Fleiß nur darauf, dass wir vor den Menschen glänzen und ihr Lob erlangen, wogegen es uns wenig oder gar nicht darum zu tun ist, dass wir wahrhaft gut leben und vollkommene Tugenden üben.
3)Inbrünstige Andacht
Drittens verbirgt sich die Trägheit unter dem Scheine der inbrünstigen Andacht und des beschaulichen Lebens. Da sagen manche, sie unterließen gewisse Tugendübungen, weil diese äußeren Beschäftigungen sie in ihrer Andacht und im beschaulichen Leben störten; sie wollten statt dessen lieber in sich selbst einkehren und Gottes Stimme in ihrem Innern hören. Und so unterlassen sie, was ihre Schuldigkeit wäre, und sind in Wahrheit dem Laster der Trägheit verfallen. Damit dir das nicht widerfahre, so bedenke, dass jede Zeit ihre besondere Aufgabe hat. Es ist eine Zeit zum Betrachten und eine Zeit zum Arbeiten, eine Zeit zum Ruhen und eine Zeit zum Essen, eine Zeit, wo du in den Chor gehen, beten, singen, lesen sollst, und eine Zeit, wo dir befohlen ist, andere Verrichtungen vorzunehmen. Es ist eine schöne Sache in einem Kloster, wo die Regel gut beobachtet wird, dass man zu jeder Zeit weiß, was den Einzelnen obliegt. Daran soll man mit aller Strenge festhalten und keine Unordnung einreißen lassen. Geben die Oberen im Kleinen nach, so gibt es bald Störungen im Großen, und es unterbleiben die wichtigsten Dinge zum Ruine aller Ordensdisziplin. Lässt man die Ratten das Stopftuch aus dem Fasse ziehen und die Bänder an den Reifen zernagen, so sind das auch an sich kleine Dinge, aber die Folge ist, dass die Reifen aufgehen, die Dauben auseinander fallen und der Wein ausläuft. So soll denn im Kloster alles pünktlich zur vorgeschriebenen Zeit geschehen. Bist du aber nicht im Kloster, so mache dir am Morgen eine bestimmte Tagesordnung für jede Stunde. Um diese Zeit will ich die Kirche besuchen, um diese meine Lesung halten, um diese essen, und so sollst du jeder Zeit ihre Arbeit zuweisen. Bist du im Kloster, so befolge in aller Einfalt die Vorschriften der Regel und Statuten und suche nichts Besonderes für dich. Es gilt ja gleich, ob du im Chore singst, oder ob du in der Küche stehst, um die Schüsseln zu spülen, Feuer zu machen und zu kochen.
Es kommt nicht auf die Arbeit an, welche du verrichtest, sondern auf die Liebe, mit welcher du sie verrichtest, und deine Ehre und dein Lohn wird umso größer sein, je mehr du dich beeiferst, in allem deinem Tun Gott zu gefallen und seine Ehre zu fördern, je mehr du dich bemühst, gerecht, fromm, barmherzig, keusch, demütig, freigebig, mild, geduldig und sanftmütig zu werden. Trachte also aus allen Kräften danach, im Grunde deines Herzens die Laster auszurotten, die Tugenden einzupflanzen und getreulich das zu tun, was dir befohlen ist, und unterlasse dieses um keinerlei eigener Übung willen. Das beschauliche Leben ist nur angeraten, Gehorsam zu üben ist aber geboten, und dem Gebote darfst du dich um keiner Andacht willen entziehen, magst du auch noch so sehr dazu geneigt sein.
O, so flieht denn die Schlaffheit und Trägheit im geistlichen Leben, diese Ursache so zahlloser und heilloser Verirrungen. Seid deshalb stets eingedenk aller Mühe, Arbeit und Schmerzen, die unser Herr Jesus Christus dreiunddreißig Jahre lang übernommen hat, um unsere Seele zu erretten. Schaut hin auf die lieben Heiligen, diese Freunde Gottes, welche vor uns gewesen sind und noch heute unter uns sind, wie sie kämpfen und arbeiten und leiden, um Gott zu gefallen und den Himmel zu gewinnen. Vergesset doch nie, wie kurz die Zeit ist, in der wir auf Erden zu arbeiten haben, und wie lange die Ewigkeit währt, die ewige Freude, aber auch die ewige Pein.
V. Der Geiz.
Das fünfte Schwert, mit welchem sich der böse Geist umgürtet, um die Seelen zu verderben, ist der Geiz. Dieses Laster verbirgt er unter der Hülle von drei scheinbaren Tugenden: der Sparsamkeit, der Barmherzigkeit und der Mäßigkeit.
1)Sparsamkeit
Der Geizige redet sich erstens ein, er müsse sich vorsehen für das Alter und für die Zeit der Not. Er beruft sich dabei auf die Mahnung des Weisen: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, und betrachte ihre Wege und lerne von ihr Weisheit. Sie bereitet im Sommer ihre Speise und sammelt in der Ernte ihren Vorrat.“14) So sammelt und häuft er denn ohne Aufhören und meint, nicht geizig, sondern nur sparsam und vorsichtig zu sein. Unselige Verblendung!
„Wie kann ich mich aber derselben erwehren?“ Beschränke dich auf das Notwendige. Die Natur bedarf zu ihrer Erhaltung erstaunlich wenig, und je mehr sich der Mensch von allem losschält, was nicht zur Erhaltung des Lebens und der Kräfte für den Dienst Gottes und zur Erfüllung der Berufspflichten notwendig ist, desto naturgemäßer und vollkommener ist seine Lebensweise. Nun aber müssen wir auf diesen Tag gerade dieses Kleid tragen, den Gästen jene Speisen vorsehen, und da weiß die arme Dienstmagd an Sonn- und Feiertagen nicht die Zeit aufzubringen, um in den Gottesdienst zukommen. Dir ist dabei sehr darum zu tun, dass du nicht hinter anderen Leuten zurückstehst. Was soll aber all der unnütze Hausrat, so viele Betten, so viele Kleider, so viel Küchengeschirr? Du hättest mit zwei Röcken für den Sommer und für den Winter genug; du musst aber für jeden Feiertag ein besonderes Kleid haben, verlierst die edle Zeit, die du Gott schenken solltest, und versäumst das Heil deiner Seele mit tausend unnötigen Arbeiten, mit dem Putzen des Zinns, mit dem Schütteln der Federbetten und mit dergleichen Gaukelwerk.
2) Barmherzigkeit
Das Laster des Geizes verbirgt sich zweitens unter dem Scheine der Barmherzigkeit. Du sagst: Ich sammle nur deswegen zeitliches Gut, um den Notleidenden und meinen dürftigen Angehörigen und den armen Klöstern um Gottes willen zu Hilfe zu kommen; an meinen Nutzen denke ich dabei nicht.“ Aber was geschieht? Die Armen werden vergessen, den Klöstern wird damit für das geistliche Leben nichts genützt, und schließlich sorgt man doch nur für sich selbst. Jeder fürchtet, er habe einmal Mangel zu leiden, und sitzt nun auf seinem Überfluss wie der Hund auf dem Heuhaufen; dieser frisst selbst nichts davon und lässt auch keinen anderen an den Haufen kommen.
„Woran soll ich aber erkennen, ob ich aus Geiz oder aus Barmherzigkeit spare?“ Habe darauf acht, ob du schon früher, bevor du Schätze sammeltest, die Armen, die Verwandten und die Klöster aus dem Deinigen gerne unterstützt hast, oder nicht. Hast du es früher nicht getan, so sei fest überzeugt, du wirst es noch weniger tun, wenn du einmal zu Vermögen gekommen bist. Selbst die, welche in dürftigen Verhältnissen wohltätig gewesen sind, werden, wenn sie zu Vermögen gelangen, leicht hart und habgierig. Es ergeht ihnen wie dem Huhn, das noch kein Nestei hat; es legt nicht gerne Eier auf dieselbe Stelle; lässt man ihm aber ein Nestei liegen, so bringt es alle seine Eier dahin.
3) Mäßigkeit
Der Geiz verbirgt sich drittens unter dem Scheine der Mäßigkeit, Freigebigkeit und heiligen Armut. Du findest Menschen, die im Essen mäßig, in der Kleidung sparsam sind und in allen Dingen kärglich leben, und sie geben vor, das aus Mäßigkeit zu tun, und predigen überall, man solle mäßig und nüchtern sein, aber ihr Herz denkt nur daran, den Beutel zu füllen. Andere spenden auch gelegentlich Gaben, aber der Schein der Freigebigkeit verhüllt nur ihre Habgier; sie geben Kleines, um dafür Großes zu empfangen, werfen eine Wurst nach einer Speckseite, geben ein Heiligenbildchen für einen warmen Pelz. Auch die heilige Armut selbst muss oft den Deckmantel für den Geiz abgeben. Leute, die in der Welt ihr tägliches Brot nicht haben, drängen sich ohne Beruf in die Klöster und geloben Armut, damit ihnen ja nichts mehr abgehe. „Und was soll ich tun, um mich ja nicht so schrecklich zu täuschen?“ Gib dein Almosen aus Liebe zu Gott, ohne Hoffnung auf Vergeltung; gib reichlich und aus gutem Herzen; mache kein einträgliches Geschäft aus der Barmherzigkeit, angle nicht mit den Würmlein deiner Gaben nach großen Fischen. Willst du aber in ein Kloster gehen und Armut geloben, so werde von Herzen arm, tue es im Namen Gottes und aus Liebe zu Gott; tue es, um Gott zu gefallen und dein Heil sicher zu stellen, nicht aber um reich zu werden: das wäre hässlicher Geiz.
VI. Fraß und Völlerei.
Das sechste Schwert, mit welchem der böse Geist die Seelen zu töten trachtet, ist Fraß und Völlerei. Auch dieses Laster verbirgt er gleich den übrigen in seiner Scheide, nämlich unter dem Deckmantel der göttlichen Freigebigkeit, der Notdurft und des Fastens.
1) Göttliche Freigebigkeit
Man sagt: „Gott hat alle Dinge um des Menschen willen geschaffen und dem Menschen unterworfen, die Fische des Meeres, die Tiere des Waldes und die Vögel des Himmels; was sollten diese sonst, wenn man sie nicht essen dürfte?“ Diese Torheit kommt von der Blindheit unseres Verstandes. Gott hat uns zwar alle erschaffenen Dinge gegeben, aber damit wir sie gebrauchen, nicht damit wir sie missbrauchen. Auch genießen dürfen wir sie, um damit unser Leben zu fristen, um Gott dienen zu können und selig zu werden; aber Gott hat nicht alles für den Bauch des Menschen gemacht. „Wozu sollen sie uns aber sonst dienen?“ Sie sollen uns sichtbare Zeichen der Größe und Weisheit Gottes sein, Merkzeichen seiner Liebe, Wegweiser zum Himmel. Betrachte den Distelfinken: diesen schönen Vogel hat Gott so zierlich gestaltet und mit bunten Farben geschmückt, nicht damit er deine Speise werde, sondern damit Gottes Allmacht, Weisheit und Güte an ihm offenbar werde. Machen wir uns doch nicht dem Lasttiere gleich, welches meint, alles verzehren zu müssen, was ihm vor die Augen kommt, sondern gebrauchen wir die geschaffenen Dinge als Wegweiser zu Gott und zum ewigen Leben.
2) Notdurft
Zweitens verbirgt sich dieses Laster unter dem Scheine der Notdurft. Da sagst du: „Lieber Gott, man muss ja essen, wenigstens einmal am Tage muss gegessen sein; die Not zwingt mich dazu.“ Allerdings ist das notwendig, und so lange die Not vorhanden ist, welche dich zu essen zwingt, kann von keiner Essgier Rede sein. Du sagst: „Der Mensch muss doch Lust zum Essen haben.“ Gewiss, aber es ist etwas ganz anderes mit Lust essen, als aus Lust essen. Mit Lust isst, wem die Speise gut schmeckt, den aber nicht der Wohlgeschmack, sondern das Bedürfnis zum Essen antreibt. Aus Lust isst aber, wen nicht das Bedürfnis, sondern die Gaumenlust dazu antreibt. Mit Lust essen ist kein Unrecht; aber allein aus Lust, des Wohlgeschmacks wegen essen, das ist keine Notdurft, sondern Sünde, wenn auch nicht immer eine Todsünde. Denke daran, wenn du eben anfängst, aus Bedürfnis zu essen; das ist der rechte Zeitpunkt. Da sagt dir die Vernunft, du sollest essen, damit du den Willen Gottes vollbringen kannst. Aber was geschieht? Kaum hat die Vernunft gesprochen: Das und so viel hast du nötig, so bricht auch schon die Sinnlichkeit hervor und läuft der Vernunft voraus, und es dauert kein Ave Maria lang, so fällt die Begierlichkeit schon unvernünftig über die Speise her. Die Vernunft hat kaum eine halbe Elle lang gewoben, so webt das Gelüsten während der ganzen Mahlzeit weiter; du isst von allem, was dir vorgestellt wird, ohne Notdurft, einzig und allein aus Lust. Sieh da, wie die Gaumenlust sich unter dem Scheine der Notdurft verbirgt.
Willst du dich aber wirklich vor dieser Scheide des bösen Feindes im Essen bewahren, so halte dich an den Grundsatz der Philosophen: Die Natur hat mit wenigem genug. Die böse Gewohnheit hat zu diesem Wenigen vieles hinzugefügt und daraus eine Notwendigkeit für uns gemacht. Ein Kind, das noch kaum kriechen kann, verlangt schon kleine Leckereien, und diese Leckerhaftigkeit wächst dann mit ihm auf und wird groß und stark. Die weichliche Erziehung bringt dem Menschen böse Gewohnheiten bei; wenn sie dann rechte tapfere Streiter werden sollen, so ist niemand daheim; sie können nicht mehr ohne Leckerei und Weichlichkeit leben. Stark wird, wie Plato sagt, nur, wer die zwei Glieder, den Kopf und die Füße, abhärtet und sie nicht verweichlicht. Die aber in der Jugend die Füße mit weichen Schuhen und Sohlen verzärteln und sich an schöne Schleier gewöhnen, die können diese Gaukeleien später nie mehr entbehren: im Winter meinen sie zu erfrieren, im Sommer können sie nicht mehr ohne weiche Sohlen gehen, und um den Kopf bauen sie ein Bollwerk, als wollten sie in das Eisland fahren. So begnüge dich denn mit dem Notwendigen.
3) Fasten
Drittens verbirgt sich dieses Laster unter dem Scheine des Fastens. Du sitzt am Tische und willst von dem ersten Gange nichts nehmen. Du fastest; aber warum? Weil du hoffst, es werde noch eine bessere Schüssel kommen, an welcher du dir gütlich tun willst, oder weil du weißt, dass in der Küche noch ein Leckerbissen für dich ist; auf den willst du warten. Oder du fastest einen ganzen Tag, um dich am nächsten Tage recht füllen zu können. Man kann sogar kostbare Speisen verschmähen und sich doch mit ganz gemeiner Speise gleichsehr versündigen; die Essgier zeigt sich dort wie hier. Das Sündhafte liegt nicht an der Speise, sondern an der Begierde. Man kann seine Füße so gut an einem Kieselstein wie an einem Rubin zerstoßen. Du kannst mit größerer Lust über ein Stück Brot herfallen, als ein an derer über einen Hasen. Esau verkaufte seine Erstgeburt um ein Linsenmus und versündigte sich damit schwer; Elias wurde durch einen Raben mit Fleisch gespeist und sündigte damit nicht. Der böse Geist versuchte und betörte Adam und Eva nicht mit einem Rebhuhn, sondern mit einem Apfel und brachte dadurch sie und uns in Jammer und Elend. Die Laster liegen eben nicht in den Geschöpfen Gottes, sondern in dem Herzen der Menschen. Bedenke deshalb, wie tierisch diese Essbegierde ist, ja wie sie den Menschen unter das Tier herabzieht. Ein Tier nimmt nicht mehr Nahrung zu sich, als seiner Natur und seinem Instinkte zusagt; so schütte denn auch deinem Tiere, das deine Seele trägt, nicht mehr und nicht minder Speise vor, als es nach dem Urteile deiner Vernunft zu seiner Stärkung bedarf, um dich ins ewige Leben zu tragen. Viele Elefanten haben mit einem Walde genug, worin sie weiden, aber ein gefräßiger Mensch hat zu seiner Weide kaum genug mit Luft, Erde und Meer. Er will alle Fische im Wasser, alles Wild in Feld und Wald, alle edlen Vögel in der Luft, alles, was in den Höhlen der Berge steckt, und alle Früchte der Erde zu seiner Speise haben.
Das sind die Götzendiener, von denen der Apostel sagt, dass der Bauch ihr Gott sei. Man pflegt den Abgöttern Tempel zu bauen, ihnen Diener zuzuordnen, Opfertiere zu schlachten und Weihrauch zu spenden. Der Tempel dieses Bauchgottes ist die Küche, sein Altar ist der Tisch, seine Leviten sind die Köche, das Opfer sind die Gänse, Hühner und Kapaunen, Fisch und Fleisch, gebraten und gesotten, die Kelche sind das Tafelgeschirr, der Weihrauch ist der Duft der Speisen. Diesen Abgott muss jeder vor Augen haben und ihm dienen, nach ihm muss sich alles richten. Je nachdem er gebietet, muss man früh zur Messe läuten, die Präfation abbrechen, damit man frühzeitig zum Essen komme, die Predigt auf Kirchweih nicht allzu lange dauern lassen, damit der Braten in der Küche nicht anbrenne. Ist der Koch fertig, so muss alles fertig sein, und alle Menschen müssen dem Abgott Bauch Gehorsam leisten. lass dir doch den Bauch nicht so lieb sein, dass du um seinetwillen deine Seele so ganz verwahrlost.
Sei dann aber auch der schweren Rechenschaft eingedenk, die du von deinem Überfluss und deinen Gelagen wirst geben müssen. Sieh den reichen Prasser an, der um seiner Schwelgerei willen in der Hölle begraben ist und viele hundert Jahre lang um einen Tropfen Wassers für seine Zunge gebeten, diesen Trost aber bis heute noch nicht empfangen hat und ihn ewig wird entbehren müssen. Deshalb soll ein vernünftiger Mensch sich vor diesem Laster hüten, stets Maß halten und seine Seele für den Tisch des himmlischen Mahles bewahren.
VII. Unkeuschheit.
Das siebente und letzte Laster ist die Unkeuschheit. Dieses Schwert verbirgt der böse Feind in drei Scheiden, nämlich unter dem Scheine der Artigkeit, der Nächstenliebe und der Heiligkeit.
1) Artigkeit
Die Artigkeit, Höflichkeit ist eine wirkliche Tugend, wenn dabei die rechte Meinung, das rechte Maß und die rechte Weise eingehalten wird. Gar oft ist sie aber nur der Deckmantel der Unlauterkeit. Da begrüßen sie sich mit vielsagenden Blicken und Worten; da stehen sie zusammen und begaffen sich und führen vertrauliche Unterhaltungen, und wenn sie jemand deshalb zurechtweisen will, so wollen sie kein Unrecht darin sehen, und doch steckt ihnen der Schalk im Herzen. „Wie soll ich mich denn in dieser Beziehung verhalten?“ Du sollst dich prüfen, ob du bei solchen Artigkeiten eine besondere Zuneigung zu der Person in dir empfindest, und wenn du das an dir wahrnimmst, so sollst du davon ablassen. Besser, du giltst für einen Tölpel, der keine Lebensart kennt, als dass du an deiner Seele Schaden nimmst. Nimm einen gewissen heiligen Stolz an, lass dir deine Seele viel zu groß und gut sein, als dass du ihr irgendetwas nahe kommen ließest, was ihren Adel beflecken, den Glanz ihrer Reinheit trüben könnte. Es ist dir besser und heilsamer, du tauchst in der Welt unter, als dass du dich und andere mit dir ins Verderben ziehst.
2) Nächstenliebe
Zweitens verbirgt sich dieses Laster unter dem Scheine der Nächstenliebe. Du bildest dir ein, es sei dir um das Seelenheil oder um das zeitliche Wohl einer Person zu tun, und nur deshalb hältst du ihr zu; es ist aber Unlauterkeit. „Nein, das will ich nicht. Was soll ich also da tun?“ Gleich zu Anfang, wenn du an dir oder an einer anderen Person merkst, dass sich eine starke und heftige Zuneigung bilden will, so dass du ohne Unterlass an sie denken musst und dich beständig zu ihr hingezogen fühlst, so sollst du diese Freundschaft ganz im Stillen aber entschlossen und gänzlich abbrechen und dich mit ganzem Herzen von ihr abwenden. Tust du das nicht bei Zeiten, so schadest du der Seele, dass sie, die früher gern und oft an Gott dachte, nunmehr Gott vergisst und nur mehr des Geschöpfes gedenkt.
Von der christlichen Liebe unterscheidet sich diese Zuneigung in zwei Stücken. Die christliche Liebe wendet sich den Menschen nur wegen Gott zu, sie liebt Gott in den Menschen, weil sie Gott ähnlich sind, Gott verwandt sind, Gottes Kinder sind, und zu Gott kommen sollen, und je mehr sie Gottes Bild in ihnen durch Tugenden in Gnaden erglänzen sieht, desto lieber sind sie ihr. Das tut aber die törichte Liebe zu den Geschöpfen nicht; sie wendet sich diesen nicht um Gottes willen, sondern um ihrer selbst willen zu. Das andere Zeichen, woran man sie erkennen kann, ist ihre Ausschließlichkeit: sie kann es nicht ertragen, dass du auch mit einer anderen Person vertraut seist, dass eine andere zu dir besondere Liebe trage. Ich sage dir, lass eine solche Leidenschaft nicht in dir aufkommen, lass sie nicht wachsen und stark werden; sie treibt sonst ihre Wurzeln zu tief ins Herz hinein, und es ist dir dann kaum mehr möglich, sie auszurotten. Speie das Gift aus, ehe es zu spät ist. Du bist krank; wehre bei Zeiten dem Übel, bevor es überhandgenommen hat, sonst kommt der Arzt zu spät.
3) Heiligkeit
Drittens verbirgt sich dieses Laster unter dem Scheine der Heiligkeit. „Ach, sagst du, wie fromm und gottselig ist dieser Mensch; könnte ich mit ihm näher bekannt sein, so würde ich von ihm viel für mein Seelenheil gewinnen können.“ Ja, aber er ist auch von schöner Gestalt und von anmutiger Rede, und das ist es, was dich zu ihm hinzieht. Hüte dich, wenn dir deine Seele lieb ist, vor aller Vertraulichkeit mit frommen Personen des anderen Geschlechtes. Je heiliger sie sind, desto leichter verbirgt sich die Sinnenlust unter der frommen Zuneigung. Diese falsche Liebe fängt im Geiste an und hört im Fleische auf. Was sollst du also tun? Siehst du eine heilige Person, so liebe sie von Herzen, aber in Gott, als ein Bild Gottes, als deine Schwester, aber fliehe ihre Person und ihre Gegenwart, wie du vor einer Schlange fliehst. Seid ihr beide noch so gutgesinnt und ohne alle sündhafte Neigung, ja kalt wie Stein, haltet euch nicht für sicher. Stahl und Kieselstein sind auch beide kalt und hart, und doch entspringt ihnen, wenn sie einander zu nahe kommen, ein feuriger Funke. Bist du aber genötigt, mit solchen Personen zusammenzutreffen, so brich kurz ab. Selbst über Gewissensangelegenheiten unterhalte dich mit ihnen nicht länger, als durchaus nötig ist. Wache über deine Gedanken, zügle deine Phantasie, damit solche Neigungen nicht aufkommen, verstopfe deine Ohren, wenn von gefährlichen Dingen Rede ist, verschließe deine Augen und alle Sinne, durch welche sich so leicht die Sünde in das Herz einschleicht. Scheue endlich auch nicht die Mühe und Arbeit, welche diese beständige Vorsicht und Abtötung erheischt. Ich gestehe zu, sie tut anfänglich wehe, aber ihre Frucht ist die vollkommenste Keuschheit, und diese bringt dir dreißigfältigen Lohn ein und am Ende das ewige selige Leben.
Da habt ihr denn alle die Scheintugenden, unter welchen sich die sieben Hauptlaster verbergen. Widersteht diesen aus allem Ernste, damit eure Seele eine Wohnung Gottes werde, in welcher der Herr mit seinen Gnaden nach seinem Wohlgefallen regiert. So werden wir in unzertrennlicher Liebe mit ihm vereint sein und in ihm die ewige Freude erlangen, die er allen seinen Auserwählten gewährt. Das verleihe euch und mir Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Amen.