Geibel, Johannes - Des Glaubens weltüberwindende Kraft

Geibel, Johannes - Des Glaubens weltüberwindende Kraft

Vorwort

Der Wunsch mehrerer meiner Freunde und Zuhörer ist die Veranlassung des Druckes dieser Predigt. Ihrem Wunsche, eine Sammlung meiner Predigten zu veranstalten, kann ich nicht genug tun, weil ich zu dem Zwecke meine Arbeiten zu unbedeutend finde. Vielleicht geschieht es in der Folge. Das indes erkläre ich, dass ich von Zeit zu Zeit eine einzelne Predigt, von welcher ich glaube, sie werde auch gedruckt nicht ohne Nutzen sein für des Herrn Reich, und darum von ihnen mit Liebe aufgenommen werden, ihnen mitzuteilen gesonnen bin.


Des Glaubens weltüberwindende Kraft

1 Joh. 5, 4-5.

Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Wer aber ist, der die Welt überwindet, ohne der da glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?

Wenn wir zum klaren Bewusstsein unserer selbst kommen, stellt sich uns auch die Überzeugung dar, dass wir nicht mehr sind, was wir sein sollen. Wir erwachen mit einem Schrecken über uns selbst. In eine eingesunkene Welt, in ein verlorenes Paradies schauen wir zurück. Da war alles, was uns umgab, im Einklange mit unserer Natur, alles war uns freundlich und befreundet. Leicht bewegte der Dinge Mannigfaltigkeit sich an uns vorüber, und gab dem regsamen Geiste vielfältige Beschäftigung und reichen Genuss. Wir wandelten im Lichte; denn in uns war noch das Leben, das der Menschen Licht ist, und das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.1) Wir waren mit Gott noch vereint; an ihm haftete der Geist, aus ihm geboren; Liebe zu ihm, und zu allem, so aus ihm geboren, war unseres Lebens Seele; Kinder Gottes waren wir. Doch erwachend zum Selbstbewusstsein finden wir verdunkelt das Licht im Innern, aufgehoben die Einigung mit Gott und der Natur. Es hat die Liebe zu Ihm sich verwandelt in törichte Selbstliebe; der Geist, der Ihm anhangend, nur wahrhaft ist, in Ihm seinen Mittelpunkt hat, in Ihm nur seine Freiheit und Persönlichkeit behauptet und seiner ewigen Dauer inne wird, hat von Ihm sich getrennt, um sich selbst zum Mittelpunkte von Allem zu machen. Da ist nun verloren die Freiheit der Kinder Gottes. Feindlich steht die Natur ihm entgegen, und die Mächte einer fremden Welt reißen ihn gewaltsam mit sich dahin. Als einen Gefallenen erkennt sich der Mensch, als einen Gefallenen durch seine Schuld. Wie er fallen konnte, wie er sich loszureißen vermöchte von dem Leben des Lebens, von der ewigen, allein ihn befriedigenden, Liebe, wie er, seiner Liebe vergessend, folgen konnte der Begierde wer mag das begreifen? - Unbegreiflich ist es, aber, leider! es ist also! Es zeigen sich ja in unserem Innern die widersprechenden Gewalten, wir erfahren ja, wie wir fortgezogen werden von brennenden Begierden, uns gleich das Gesetz im Innern gebeut sie zu unterdrücken; es ist ja das Auge uns geöffnet zu unterscheiden Göttliches und Ungöttliches, Gutes und Böses, das Leben aus Gott und die Sünde, das Heilige und die Welt; es ist ja dieses unser entzweites, zerrüttetes Dasein so elend!

Wird nun nicht von neuem angefacht die erloschene Liebe zu Gott, so wird immer elender, nichtiger unser Dasein, die innere Entzweiung geht in Versunkenheit über. Es wird das Vermögen Gutes und Böses zu unterscheiden stets vermindert; das Bewusstsein unseres wesentlichen Daseins verdunkelt sich immer mehr; wir verlieren Gott aus den Augen, und kommen immer weiter in die Fremde, immer tiefer ins Nichts. Sklaven der Dinge werden wir, und sind dann, um mit der Heiligen Schrift zu reden, von der Welt, Kinder der Welt. Abgewandt von dem Wahren und Wesentlichen suchen wir den Schein, der uns doch nimmer genügt; wir wollen, selbst wandelbar, das Wandelbare befestigen, das uns nie gelingt; unglücklich uns fühlend eilen wir stets dem Glück nach, aber wir ereilen es nicht; nur eine Truggestalt ergreifen wir zuweilen, mit welcher wir uns und andere eine Zeit lang täuschen können, und drückender wird nachher unseres Elends Gefühl. Was anderes kann auch unser Los sein ohne Gott, als namenloses Elend? - Aus Gott geboren, in ihm lebend und ihn liebend, leben wir nur; wer nicht in ihm lebt, nicht ihn liebt, sondern nur an sich und der Welt hängt, der ist tot, der hat nur ein Scheinleben!

Wenn aber auch der Mensch von Gott sich entfernt, und durch seine Schuld verloren hat den lebendigen Geist, so verlässt doch Gott nimmer den Menschen. Er ist die Liebe, und erbarmt sich der Elenden. Er der im Worte, der in seinem Sohne von Ewigkeit sich offenbart,2) er lässt die Toten hören die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, werden lebendig.3) Gleichwie Abraham einst in dem abgöttischen Chaldäa von Gott den Ruf erhielt: „gehe aus deinem Lande und aus deiner Heimat und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde:“4) gleich so erhält jeder Mensch von Gott den Beruf frei zu werden von der Welt, zu verlassen des Todes Gebiet, und zu ziehen in das Land des Lebens, der Freiheit, der Liebe und des Friedens. Jedem, auch dem im Weltgewühle ganz verlorenen, kommt die Stunde, da er im Innersten Gottes auffordernde Stimme vernimmt, und zugleich die hellste Gewissheit hat, dass es der Herr sei, der mit ihm redet. Folgt er nun dieser Stimme, glaubt er, so wird ihm sein Glaube Siegeskraft zu überwinden die Welt.

Was ist nun der Glaube? was besonders ist unser Glaube?

Wer sich dem Zeugnis eines anderen unbedingt unterwirft, der Versicherung desselben mit ungeteilter Seele vertraut, und zwar nicht, weil dieser ihm Grunde anführt, oder weil das Zeugnis, die Versicherung ihm mit dem Zusammenhange der Dinge übereinstimmend erscheint - wahrscheinlich ist; sondern bloß um des unwiderstehlichen Ansehens willen des anderen, bloß um seines Wortes willen, der glaubt. „Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht.“5) und an Gott glaubt der, der in ihm das höchste Gut erkennt, und darum ganz unbedingt sich ihm hingibt, seinem erkannten Willen zweifellos gehorcht, auf seine Verheißungen fest sich verlässt, und seinen Führungen in kindlicher Demut folgt, wenn auch die sinnliche Natur erschauerte, und das Äußere mit dem göttlichen Worte im Widerspruch erschiene. So folgte Abraham, ob er gleich nicht wusste, wohin sein Weg gehe, ohne Säumnis, ohne zu klügeln und zu grübeln, dem Rufe seines Gottes; so vertraute er fest, dass er werde Stammvater eines großen Volkes werden, obgleich sein hohes Alter keine Hoffnung dazu wollte aufkommen lassen. So ging Paulus, als es Gott gefiel seinen Sohn in ihm zu offenbaren, rasch ans Werk der Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden, und besprach sich nicht darüber mit Fleisch und Blut.6) Wer an Gott wahrhaft glaubt, dem ist alles Nichts außer Gott. Wenn alles wankte, an ihm sich haltend, steht er fest; wenn ihm alles entrissen würde, sein Gott bleibt ihm. In ihm besitzt er alles; von ihm empfängt er, was er bedarf; von ihm hofft er alles; denn bei ihm ist kein Ding unmöglich! Immer ertönt es in seinem Innern: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Gott ist mein Hort, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde. Bei Gott ist mein Heil, meine Ehre; der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist Gott! Wie der Hirsch lechzt nach Wasserquellen, also sehnt sich mein Herz, o Gott, nach dir. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und nach Erde, und wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch Gott allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Bei dir ist die lebendige Quelle, und in Deinem Lichte sehen wir das Licht. Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten. Mein Mund soll des Herrn Lob verkündigen, und alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen!“7)

Wenn nun in unserem Texte besonders von unserem Glauben gesagt wird, er sei Siegeskraft über die Welt, so ist dies wesentlich kein anderer Glaube, als Der Glaube Abrahams und aller Frommen des alten Bundes. Es ist derselbe Glaube, nur in seiner schönsten Verklärung, in seiner höchsten Vollendung und Kraft. Es ist der Glaube des Christen. Der gläubige Christ sieht in Erfüllung das, worauf die Väter geharrt, was die Propheten verkündigt. In Jesu Christo wird ihm die befriedigendste Vorstellung von Gott zu Teil, erkennt er Gott in seiner nächsten, innigsten und lebendigsten Beziehung zur Menschennatur. Ihm ist es gewiss, dass der ewige Sohn Gottes, durch welchen alles geschaffen ist, der alles erhält, in welchem Gott sich immer den Menschen offenbart hat, in Jesu Christo selbst Mensch geworden sei, dass er, um die gefallenen, mit ihrem wahren Wesen eben so sehr, wie mit dem göttlichen, unbekannten Menschen wieder aufzurichten, erbarmend und liebend unter ihnen erschienen sei als ihr Bruder, darzustellen Menschennatur, aus Gott geboren, ausgerüstet mit Kräften, die jede Gewalt der Welt, des Bösen und des Übels überwinden, in ihrer ursprünglichen Hoheit und Reinheit beharrend, auch unter den größten Versuchungen, Widerwärtigkeiten und Leiden, menschliche Gottheit, und göttliche Menschheit! Er ist überzeugt, dass der Sohn Gottes, um die Menschen in ihrem Innersten zu erschüttern, für etwas Höheres zu erregen, mit Gott in Verbindung zu bringen, mit Gott zu versöhnen, aus überschwänglicher Liebe in den Tod gegangen sei, und den ununterbrochensten Gehorsam, die treueste Liebe, die unbefleckte Reinheit der Menschennatur bis ans Ende behauptend, sich selbst dargebracht habe zum ewig gültigen Opfer für die Sünden der Welt; dass er, gekreuzigt in Schwachheit, auferstanden in Gotteskraft, und in den Himmel erhöht, den Seinen gesendet habe seinen Geist, der sie in alle Wahrheit leitete, und sie tüchtig machte zu stiften auf Erden sein Reich, nicht durch Gewalt, sondern durch das begeisterte Wort, durch Liebe, Demut und Sanftmut. Er lebt in der freudigen Zuversicht, dass dieser Jesus Christus auch sein Herr und Heiland sei; dass er, der König des Gottesreiches, der unter uns aufgerichtet hat das Wort von der Versöhnung und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt8), nimmer uns werde als Waisen lassen9), sondern mit allen seinen Gläubigen in der innigsten Verbindung stehen und bei ihnen sein alle Tage bis an der Welt Ende10); dass er ihnen allen seinen Geist senden, die Wahrheit mitteilen und erhalten, und Kraft, Schutz, Trost und Hilfe verleihen werde, wo sie ihrer bedürfen; dass er einst wiederkommen werde zu richten die Lebendigen und die Toten. -

Wer diese Überzeugung hat, der glaubt an Jesum Christum, an Gott in Christo; der hat unseren Glauben; und wem diese Überzeugung zum Mittelpunkte seines Lebens geworden, wem aus ihr all sein Denken und Tun hervorquillt, der hat den wahren, den lebendigen Glauben, und in ihm die Kraft, die die Welt überwunden hat und überwindet.

Aber woher diese Überzeugung? Können wir selbst uns geben diese innere Gewissheit? Wie entsteht in uns der Glaube? wo finden wir ihn?

Kennt ihr den Ort, wo das Leben beginnt? wo des Verstandes und der Weisheit Quell ist? wo die Kräfte, die tausendfältigen, geboren werden, welche sich suchend und fliehend, das All durchdringen und erhalten? - Da ist auch des Glaubens Geburtsort! da des innigen Vertrauens dunkel: herrliche Urstätte! Ein Wunder rief aus dem Nichts Himmel und Erde Hervor; ein Wunder führet den Menschen in das Leben ein; wunderbar wirken und gegenwirken der Natur tiefverhüllte Gewalten; geheimnisvoll beweget der Menschengeist seine Schwingen, um das zu erlangen, was ihn erhält, erhebt und erfreut. Wie einst Gott sprach: Es werde! als der Mensch ward, so spricht er wieder sein Werde aus, wenn der Glaube entstehen soll in des irdischen Menschen Brust. Eine zweite Schöpfung ist des Glaubens Erweckung, eine neue Geburt, eine Wiederbelebung des toten Menschen. Nicht kann das Tote belebt werden durch sich selber. Er allein, der das Leben hat in sich selber, kann rufen dem, das nicht ist, dass es sei; kann die Toten erwecken, und dem gefesselten Geiste die Kraft geben sich zu befreien und die Welt zu überwinden. Vom Himmel herab fällt des Glaubens Senfkorn in des Menschen Innerstes, vom Himmel herab kommt ihm das Gedeihen, und es entwickelt sich, und wird ein herrlicher Baum, der seine kraftvollen Äste erhebt über die Wolken der Erde, und alle seine Zweige taucht in das Lichtmeer Gottes, und genährt wird von dem Lichte Gottes zum ewigen Leben. Ein neuer Mensch steht er da, der Gläubige, aus Gott geboren! Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden! Jetzt ist er wieder Er selbst, nicht mehr ein Knecht der Dinge. Das Irdische, das Sichtbare beschränket nicht mehr seinen Blick, sondern das Himmlische, das Unsichtbare ist ihm so gewiss, als ob er es sähe. Nicht mehr will er sich zum Mittelpunkte der Dinge machen, nicht mehr hängt er an der Welt; denn er hat gefunden das Wesen aller Wesen, Gott, in welchem nur sein Leben besteht, und es ist ihm offenbar worden in demselben das Wesen aller Dinge. Nicht mehr treibt die Begierde ihn fort, denn es glüht in ihm eine heilige Liebe, eine Liebe, die nichts anders ist, als eine Eingebung Gottes, eine Weissagung, die Gott selbst ausgesprochen hat in uns, um uns ein Pfand zu geben von der höchsten Liebe, die in ihm ist.

Wähnt nicht, weil so wunderbar des Glaubens Natur ist, er sei darum fremd dem menschlichen Leben und unverträglich mit demselben. Nein, das ist er nicht. Er ist vielmehr uns so natürlich, wie das Atmen; er ist das Atmen des Geistes. Wir werden alle im Glauben geboren, und sind genötigt überall dem Sichtbaren ein Unsichtbares vorauszusetzen, und sind dessen so gewiss, als ob wir es sähen. Nicht einen Tag können wir leben ohne zu glauben; wir können nichts lernen, nichts erfahren, nichts unternehmen, nichts tun ohne Glauben. Auf Zeugnis anderer Menschen nehmen wir das Meiste an, weil ihr Inneres, ihre Wahrhaftigkeit, sich uns unmittelbar kund tut, und wenn wir nur das für wahr halten wollten, was wir einsehen, verstehen, begreifen, auseinander und zusammen legen könnten, so würde unseres Fürwahrhaltens Kreis nicht nur sehr klein, sondern unsere Erkenntnis wurde auch durchaus leer sein. Wir würden nur Verhältnisse erkennen, und nie die Dinge, welche sich verhalten, denn diese werden nicht begriffen, sondern nur vernommen und geglaubt. Alle Einsicht, alles Wissen fängt mit dem Glauben an; der Glaube ist unmittelbare, erste, ursprüngliche Gewissheit, wunderbares Innewerden eines Andern, von uns Verschiedenen. Seht, im Glauben tritt der Mensch in das Leben. Hilfsbedürftig schließt sich der Neugeborene an der Mutter Brust, und erwartet zuversichtsvoll Nahrung und Hilfe. Noch kennt er ja die Mutter nicht, weiß nichts von ihrer Liebe, hat von Nahrung keinen Begriff; aber das Herz in ihm, das menschliche, heißt ihn voraussetzen Mutterliebe, Muttersorgfalt; das Herz heißt ihn glauben an das, was sein Bedürfen stillt! Alles Hohe, alles Herrliche im Leben - nur durch den Glauben wird es unser. Freundschaft, Liebe - ihr Element ist der Glaube! Wer begreift die geheime Gewalt, die zum Herzen zieht das Herz? Wer mag erklären, wie Menschen Eins werden im Geiste, wie der Eine im Andern sich vergisst, im Andern sich besser und glücklicher findet? Im Glauben hält fest der Freund des Freundes Seele, im Glauben ist er seines innersten Lebens gewiss. Nicht will er darum wissen, wie der Freund für ihn lebt, was er alles von ihm denkt; nicht hält er genaue Rechnung über seine Begehungen und Unterlassungen, und will nicht beschränken sein freies Tun. Er hat ja im Geiste geschaut sein Wesen; die Seele hat sich ihm wunderbar geöffnet; was braucht er zu wissen, wie durch des äußeren Lebens Armseligkeit gebrochen wird jeder Strahl, der aus seinem Inneren kommt? Er vertraut, auch wo er äußerlich nicht sieht; glaubt, auch wo das Äußere selbst vom Gegenteile zeugte; und hat die feste Zuversicht, es werde alles Widersprechende sich endlich auflösen in Einklang. Wo kein Glaube war, ist nie die Freundschaft erschienen! Nirgends beim Mangel des Glaubens blühte das Glück, denn nirgends ist Glück ohne Freundschaft und Liebe!

Wie der Glaube überhaupt dem Manschen natürlich ist, so auch der Glaube an Gott. Aus Gott geboren ist unsere Natur, und was aus Gott geboren ist, kann nie untergehen. Unterdrückt ward sie, gebunden, zerrüttet, aber nicht vernichtet. Seht die Sehnsucht des Menschen, auch in dem gewöhnlichen irdischen Leben, was ist sie anders, als gebundener Glaube, als geheime Regung des unterdruckten ursprünglichen Lebens, des Lebens aus Gott? Kann es aushalten der Mensch, verfolgt von der Begierden Gewalt? Lasst ihm alle Freuden der Erde, werden ihm nicht zuletzt zum Ekel diese Freuden? Seufzt nicht auch der Geist, wenn er fühlt, wie seine Flügel gebunden, zerschnitten werden von der Leidenschaften Tyrannei? O wie elend, wie trostlos steht der Mensch da, der, sich selbst ein Fremder geworden, sich selbst nicht versteht, und des himmlischen Vaters Rede nicht mehr hört; dem die Natur sich in ein totes Uhrwerk verwandelt hat, ohne Geist und Bedeutung, bloß dazu da, um ihm die Stunde zu zeigen, da er säen und ernten, arbeiten und essen soll; und dem alle Dinge nichts sind, als Mittel zu diesem Zwecke! -

Nein, der Mensch kann es nicht aushalten in dem gewöhnlichen irdischen Leben ohne Sehnsucht zu empfinden nach einem höheren und besseren! Wie es des Tieres Naturtrieb ist, die ihm dienliche Nahrung zu suchen, und wie es, folgend diesem Triebe, findet, was es sucht, ohne es vorher gekannt zu haben: so auch ist es des Menschen Naturtrieb Gott zu suchen, als den, der allein seinem Geiste Nahrung, Gesundheit und Leben geben könne, und er folgt diesem Triebe mit zweifelloser Zuversicht; er glaubt der Weissagung, die in ihm liegt, und die ihm so klar, deren Erfüllung ihm so sicher ist, wie sein Leben. Dieser Glaube nun ist nicht ein blinder Glaube, er ist vielmehr das wahrhaft sehende in dem Menschen, das, was ihn erkennen lässt das Wesen der Wesen, ohne Anweisung und Belehrung von außen, ohne allen Beweis, unmittelbar. Was in der Erde die Kraft ist, so sie an die Sonne bindet, nämlich mitgeteilte Sonnenkraft, das ist in dem Menschen der Glaube an Gott, mitgeteilte Gotteskraft, Licht aus Gott, welches ihm seinen Quell offenbar macht. Darum muss an Gott haften des Menschen Geist; darum sehnt nach ihm sich immer das Herz; darum ist elend und trostlos das Leben, so ihn verlor; darum lässt er sich finden, von jedem, der ihn ernstlich sucht. Wahrlich, wenn du im Gefühle der Leerheit und des Elendes des äußeren Lebens empor rufst zu dem dir unbekannten Gott, wenn dein Herz, seiner bedürfend, recht innig nach ihm verlangt: so nennt er dir im Innersten seinen heiligen Namen, er lässt dich ahnen seine Herrlichkeit und Seligkeit, du wirst seines Lebens inne! Zu hören das rufende Kind, zu helfen dem elenden, dem verirrten Kinde, das ist des Vaters Natur! Und wenn du recht glühend nach ihm verlangst, wenn du, hinblickend auf dein voriges ungöttliches Leben, gedrückt von deinen vielfachen Sünden, und um deine Seligkeit verlegen; zu ihm emporschaust, wenn du mit deinem ganzen Dasein ihn fühlen und finden möchtest, wenn du dich ihm ganz hinzugeben, dich ganz in ihn zu verlieren dich sehnst: siehe, so durchblitzt dich herrlicher sein Licht, huldreich lässt er zu dir sich herab, öffnet deines Geistes Auge, dass du schauen könnest alles, was er für die Menschen überhaupt, und auch für dich getan und gelitten in Christo Jesu. Es zieht der Vater dich zum Sohne, weil er im Sohne uns am nächsten, am zugänglichsten, am vertraulichsten, am fasslichsten und beseligendsten erscheint. Er schenkt dir unseren Glauben, den Glauben an Jesum Christum, und mit ihm alles, was du bedarfst, Vergebung der Sünden, Kraft, die Welt zu überwinden, und ewige Seligkeit. Verhehle dir also nicht dein Elend, deine Hilflosigkeit, sondern im Gefühle derselben bete um Kraft, (das ist das Einzige, was du zur Erlangung des Glaubens tun kannst!) und der Glaube wird dir gegeben, und aus deinem Glauben wird sich immer Höherer, stärkerer Glaube entwickeln!

Der Glaube ist die Muttersprache des inwendigen Menschen, das Gebet ist Übung in der Muttersprache. Je mehr du diese Sprache zu reden verstehst, desto mehr kannst du mit Gott dich unterhalten, und von ihm Weisheit empfangen und Kraft.

Dass nun dieser unser Glaube, den wir uns selbst nicht geben können, sondern der ein Gnadengeschenk Gottes ist an die geistlich Armen, an die Verlangenden und Bedürftigen, der Sieg, oder die Siegeskraft sei, so die Welt überwindet, ja so sie schon überwunden hat, folgt notwendig aus der Natur desselben, wie aus der Natur der Welt. Unter Welt wird in unserem Texte verstanden alles Ungöttliche, alles, was sich in uns und außer uns dem göttlichen Leben in unserem Innersten entgegenstellt, was uns erhalten will in der Trennung von Gott, was unser Vertrauen zu ihm lähmt, unseren Mut unterdrückt, unsere Überzeugung von seiner unendlichen Liebe, seiner Erbarmung in Christo Jesu schwächen will. Seien dies nun unsere Begierden und Leidenschaften, oder die Leiden der Zeit; seien es unsere Schwächen und Torheiten, oder unsere vermeinten Tugenden und hohen Erkenntnisse; sei es irdischer Güter Gewinn, oder Verlust; seien es sogenannte Freunde oder Feinde - das alles ist Welt; das alles will uns von Gott bald wegspotten, bald wegvernünfteln, bald weglocken, bald wegschrecken. Aber das alles wird überwunden durch unseren Glauben! Wer mag dies leugnen, wenn er des wahren Glaubens Wesen erkennt! Es ist ja der Glaube nicht ein Meinen, nicht ein totes Fürwahrhalten, Beifallgeben und Wissen, sondern er ist Leben aus Gott, Kraft aus Gott geboren. Und was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; denn was kann der Kraft Gottes widerstehen? Ja, sobald nur unser Glaube da ist, wahrhaft, lebendig, kräftig, so ist die Welt schon überwunden. Kann er doch gar nicht entstehen ohne dass man sich abwendet von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren, ohne dass man im Verlangen nach Gott sich erhebt über die Welt. Dieses Losreißen vom Sichtbaren, diese Erhebung über die Welt ist aber nichts anders als Anwendung unserer Freiheit, und sofern der Mensch frei ist, hat er schon die Welt überwunden. Wo also nur ein Funke des Glaubens ist, da ist auch schon Sieg über die Welt. Je größer der Glaube, desto größer der Sieg! Glauben und wiedergeboren sein ist, wie wir oben gesehen haben, völlig dasselbe. Wer aber wiedergeboren, von Gott neubelebt, geistig erwacht ist, der gehört nicht mehr der Welt an, er ist ihr gestorben, so wie er vorher in ihr tot war für alles Göttliche. Ist der Mensch der Welt gestorben, so lebet er in Gott, er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. „Sein Glaube, sein Leben ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ „Ist jemand in Gott, in Christo, so ist er eine neue Kreatur.“11) Kann man aber in Gott leben, ohne dass man Teil bekäme an seinem herrlichen Wesen? Ist ein lebendiger Glaube an ihn nur gedenkbar, ohne dass seine Weisheit, seine Liebe, seine Kraft auf uns überginge? Können wir umgehen mit unserem Herrn und Heilande, mit unserem unsichtbaren Freunde, ohne dass er Gestalt gewinne in unserem Inneren, ohne dass er uns verkläre in sein Bild? Warlich wir müssen, fortwandelnd auf dem Wege des Glaubens, mit Paulus sagen: „ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir; denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat, und sich selbst für mich dahingegeben.“ 12) Sind wir aber im Stande das zu sagen, so können wir auch seine Kräfte gebrauchen, er wirkt dann in uns und durch uns, er, der Sieger über alles, ist mächtig in uns, den Schwachen, er verschafft uns den Besitz und den Genuss aller seiner Güter, und wir dürfen gleichfalls mit Paulus ausrufen: „In allem überwinden wir weit, um deswillen, der uns geliebt hat“!13)

Stehen wir im Glauben, so vermag die Welt, das Ungöttliche nicht das Geringste über uns. Unser Leben ist dann ganz getrennt von der Welt. In Gott sind wir in einer festen Burg, dahin nichts Irdisches zu dringen vermag. Die Sünde kann uns nicht nahen. „Wer in Gott bleibt, der sündigt nicht.“14) Kein äußerer Verlust kann uns wehe tun, kein Gewinn uns versuchen. „Wir achten es alles für Schaden gegen der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, unsers Herrn.“15) Kein Unglück, keine Not kann uns schrecken. „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal? oder Angst? oder Verfolgung? oder Hunger? oder Blöße? oder Fährlichkeit? oder Schwert? Nichts mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.“16)

Leider aber ist unser Glaube nicht immer in gleicher Stärke, Klarheit und Lebendigkeit in uns; das Licht Gottes in unserem Geiste verdunkelt sich zuweilen, weil wir seiner nicht achten, und nicht unablässig wachen und beten. Da tritt die Welt wieder lockend oder drohend vor uns hin, und sucht uns in ihre Fesseln zu schlagen. Wehe dem, der seine Besonnenheit verliert! Ein unbewachter Augenblick ist oft die Quelle unsäglicher Leiden; ein weichliches Einschlummern in Leichtsinn- und Gedankenlosigkeit lässt uns in Kurzem oft mehr verlieren, als wir in Jahren erkämpft haben. Da naht bald der Unglaube sich uns, die irdische Vernunft, und will, in die Hülle hoher Weisheit sich bergend, uns bereden, es sei Wahn der Glaube, und Torheit ein Leben in ihm. Da schmeichelt bald die sinnliche Lust sich ein, zeigt sich uns in zarter Menschlichkeit Gestalt, will wandeln in Weichlichkeit unseren Mut, und uns vergessen machen des hohen Rufes, des herrlichen Zieles. Geben wir nach, lassen wir uns betören, so folgt der Schuld unausbleiblich das Unglück. Furchtbares Unglück! denn wir fühlen aus des Paradieses Freuden uns wieder versetzt in das leere Dasein, das keinen Tropfen Erquickung hat für den brennendsten Durst. Heilsames Unglück! denn es erschüttert die verwirrten Sinne, es erweckt den schlummernden Geist, es fordert auf zur Besonnenheit, zum neuen Kampfe mit dem Eigendunkel, mit der Weichlichkeit und Selbstgefälligkeit, mit der Welt. Es erregt wieder die Sehnsucht, die Glaubensfähigkeit, den Glauben selbst; denn wo nur die Fähigkeit ist für die göttliche Gabe, da bleibt sie selber nie aus, ist doch gnädig und huldvoll der Herr! Dieser aus dem irdischen Wolkendunkel wieder hervorgetretene Glaube wird uns zum rettenden Stern in der finstern Nacht. Zur Rückkehr ins verlorene Paradies bedürfen wir nichts, als des Glaubens. Der Glaube ist unsere Waffe zum Sieg über die Welt; er ist uns Helm und Schwert, der Sieg selber. Es gibt gar keinen Sieg, als mit dem Glauben und in dem Glauben. * Denn wir, getrennt von Gott, gehören zur Welt; wie mag aber das, was von der Welt ist, die Welt überwinden?

Was da immer gesprochen werden mag von Besserung, von Veredlung, von Tugend ohne Gott - leere Worte sind es. Nur was aus Gott kommt, ist gut; nur was aus einem gottlieben den Gemüte hervorquillt, taugt etwas. Alle Veredelung, die nicht Blute des Glaubens ist, ist bloße Verfeinerung, Änderung der Gestalt, Wollen und Tun des Gemeinen auf ungemeine Weise, Selbstsucht in der Larve der Liebe. Wird der Mensch nicht wiedergeboren; nicht versetzt aus dem Leben der Begierde, der Selbstsucht, in das Leben reiner Liebe; wird er nicht mit Gott verbunden: so ist das Glänzendste, was er haben und tun mag, nur trügender Schimmer, nur glänzendes Elend. Welt bleibt Welt, und kann nicht über sich selbst hinaus. „ Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, sagt unser Heiland, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen!“17) das ist die Hauptsache! Glauben, und nur glauben, Das ist alles, was wir zu tun haben, um uns der Welt zu entreißen, um die Welt zu überwinden!

Mit der gläubigen Seele vermählt sich des Herrn Kraft. Er der gesagt hat: „Ohne mich könnt ihr nichts tun,“ Wiedergeboren sein wohnt dann in uns und wirkt alles. Durch den Glauben an ihn wird er selbst unser eigen, seine Unschuld, seine Gerechtigkeit, seine Liebe, sein Opfer wird uns zugerechnet, wir werden ganz in ihn versetzt, sind mit ihm vereint wie die Glieder mit dem Haupte, und es regiert uns sein Lebensgeist, also dass wir sind in der Welt, wie auch er war, tüchtig in seinem Geiste zu handeln, und unverführt durch Lust und Schmerz Gottes Willen zu tun. Wie in des Frühlings Milde zwanglos die Erde grünt, so in des Glaubens Strahl keimt frei und freudig aus unserem Inneren alles Gute hervor. Nie ist ohne Werke der Glaube. Wer an Christum glaubt, der wird sein Werkzeug. Er überwindet in uns die Welt, er kann, er wird alles tun! -

Nicht also hadere der Mensch lange mit sich selbst, wenn er bei dem Bewusstsein der inneren Erneuerung, bei dem Glauben an Christum, noch spürt, dass die Welt nicht alle Gewalt über ihn verloren habe; nicht werde er ängstlich und quäle mit bitteren Vorwürfen sein Herz. Das macht nicht rein und stark, das lähmt den Mut nur. Nein, er vergesse die Welt, setze hintan alles Eigenwirken, schwinge sich auf zu dem Herrn, schließe fester an ihn sich an, wolle alles von ihm empfangen, versenke sich betend in seine Liebe, und der Herr wird ihm helfen, und den Sieg ihm verleihen! Zum Wollen gibt er das Vollbringen, zum Tun die Kraft. So ihr in mir bleibt, spricht er, und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren!“18) Also, Christen, wird durch den Glauben stark der schwache Mensch, also vermag er das unmöglich scheinende mit dem Herrn. „Der, der in uns ist, ist größer, denn der in der Welt ist.“19) Also wirkt Christus in uns alles, was Gott gefällt, und beweist sich an uns als der, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.20) Was wir dann wollen und tun, das ist nicht unser Verdienst, es ist seine Gnade. Wir sind nur herrlich in ihm. „Ich bin herrlich vor dem Herrn, sagt daher Jesaias, und mein Gott ist meine Stärke.“21) Sein ist die Ehre, nicht unser, sein die Kraft und die Herrlichkeit! Darum ist der Glaube nicht bloß eine so siegreiche und mächtige Sache, sondern er ist auch die reinste Tugend, das höchste Glück. Was ist Tugend, wenn nicht das Leben und Wirken in Gott? wenn nicht das Vergessen seiner selbst im Herrlichsten, die reinste Liebe der höchsten Liebe? Was ist Glück, wenn nicht das Gefühl der Liebe Gottes, das Leben von seiner Gnade, die Ahnung und Empfindung seiner Seligkeit?

Christen, lasst uns beten um Glauben, lasst zu dem Herrn uns gehen, und nicht müde werden zu rufen: Herr, stärke uns den Glauben! Wir glauben, Hilf unserem Unglauben! Wer da bittet der empfängt, wer sucht, dem wird gegeben! Wer um Glauben bittet, bittet um das Höchste. Der Glaube ist das ewige Leben, ist des Menschen höchste Kraft. „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben,“22) der erhält es nicht erst einst, der hat es schon jetzt. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“23) „So ihr Glauben habt als ein Senfkorn, (anfänglich klein, doch immer wachsend,) so mögt ihr sagen zu diesem Berge: hebe dich weg, so wird er sich heben, und euch wird nichts unmöglich sein!“24) „Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und größere denn diese tun!“25) spricht der Mund der Wahrheit, der, der die Welt überwunden hat!

So lasst seinem Worte fest uns vertrauen. Er selbst hat es ja bewiesen, dass er die Wahrheit sprach. An unzähligen Beispielen zeigt sich uns des Glaubens weltüberwindende Kraft. Wo ist der, der die Welt überwindet, ohne der da glaubt, dass Gott mit dem Menschen ist? dass Jesus Gottes Sohn ist? - Der Glaube war es, der die Helden und Taten hervorrief, so zusammengestellt sind im elften Kapitel des Briefes an die Hebräer; der Glaube war es, der in den Aposteln und allen Jüngern des Herrn mächtig war, das unglaubliche zu wirken. Die Geschichte unserer heiligen Religion, lehrt sie nicht unwidersprechlich, dass unser Glaube der Sieg sei, der die Welt überwunden hat? Auf Verheißung und Geschichte gestützt, lasse darum keiner sinken den Mut! Lasst uns Glauben behalten bis ans Ende! der Glaube überwindet die Welt, und ist unüberwindlich. Es meint zwar oft die Welt, ihn besiegen zu können, aber das äußere Leben kann sie nur nehmen, den Glauben nicht. Dem verfolgten Zeugen der Wahrheit wird sein Glaube zum Sieg über den Tod, und des Gläubigen Tod schreckt nicht, sondern er weckt immer neue Zeugen. Des Herrn Werk in unserem Geschlechte ist der Glaube, und was mag des Herrn Werk hemmen, oder vernichten? - Lasst uns Glauben behalten! Des Geistes Macht weicht endlich jede Gewalt der Zeit. Der Geist gestaltet die Welt, so wie er selbst gestaltet wird durch den Glauben. Ist ihm untergegangen das höhere Leben, wird er nicht mehr erleuchtet und erwärmt von der Flamme des Himmels, von dem Geiste des Herrn, ist er ungläubig zum Sklaven der irdischen Verhältnisse geworden, so kann er Vergängliches nur dahin stellen, so trägt sein Werk in sich den Keim der Vernichtung. Und Vergängliches, wie fest es auch erscheine, vermag das zu widerstehen des Ewigen Gewalt in uns, des Glaubens Kraft? - Die Not der Zeit, der Verhältnisse Druck, muss sich ändern, sobald wir anders werden. Unser Unglaube ist unseres Elendes Quell. Verkauft an sinnliche Genüsse, gefesselt von irdischen Gütern, fürchten wir nur äußeren Verlust, denken wir an uns selbst nur. Da erlischt aller Gemeingeist, Sorge und Angst verzehrt den rüstigen und fröhlichen Mut, und jegliche Kraft erlahmt und veraltet. Zum Glauben muss unser Geschlecht zurück. In ihm verjüngt sich unser Leben, in ihm sind wir im Besitz unverlierbarer, himmlischer Güter, Gotteskraft durchdringt und erfüllt uns mit Mut, alles für das Höchste zu opfern, wird uns Kraft zu überwinden die Welt. Zum Glauben müssen wir zurück; nicht zum blinden und dumpfen, zum erstorbenen in Worten, sondern zum lebendigen, der da ist das ewige Wort Gottes in dem Herzen, welches das Leben und das Licht ist der Menschen; nicht zur lichtlosen Glut, zur geistbeugenden Möncherei, zur am Leben verzweifelnden Vergötterung des Buchstabens und der Form, zur alles verflüchtigenden Schwärmerei, die Einbildungen wie Wirklichkeit und die Wirklichkeit wie eine Einbildung behandelt, sondern zum Glauben, der heitere Besonnenheit ist, innere Erfahrung, in jeglicher Prüfung bestehend, der, nicht in Worten befangen, die Worte anderer durchschaut, und wenn sie auch entgegengesetzt wären den seinigen, doch den innersten Geist derselben vernimmt, der durch Liebe beweist, dass er ein Strahl sei der ewigen Liebe.

„Hell nur dienet man Gott. Der höchste Geist, der ein Licht ist, Liebt hellen Verstand, liebt ein verständiges Herz.“26)

Das Reich Jesu Christi muss kommen, das ein Reich ist der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Liebe! O es wird kommen, dieses herrliche Reich, denn der Herr hat es verheißen, und er hält was er verspricht. Er wird anfachen den glimmenden Funken des Glaubens, dass er zur Flamme werde, so die erkalteten Herzen entzündet, so die in Selbstdünkel, in Alt- und Weltklugheit erstorbenen Geister wieder belebt. Wer da glaubt, der bewahre treu das heilige Feuer, der halte fest, was er hat, damit Niemand seine Krone ihm raube! Er bekenne frei und freudig durch Wort und Tat, was in seinem Innersten lebt, und sei gewiss, dass er wirksam sei zur Ankunft des himmlischen Reiches! Im Glauben arbeiten wir, und selig sind, die da äußerlich nicht sehen, und doch glauben! Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt, und heilet alle deine Gebrechen. Der dein Leben vom Verderben errettet; der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit!“27)

O Heil mir, dass ich dich, o Gott, gefunden,
Dass ich in dir den Quell des Lebens sah!
Wie angstvoll waren vormals meine Stunden,
Wie stand ich trostlos in der Fremde da!
Bedeutungsleer war alles hingeschwunden,
Mir fürchtenden war stets Vernichtung nah.

Laut rief ich, bald im Schmerz und bald im Grimme;
Doch alles schwieg - nur hört' ich meine Stimme.
Das Herz in mir, es dürstete zu lieben;
Doch was es fand - ein Schatten eilt's dahin.
Vom Geiste ward zur Wahrheit ich getrieben,
Ein kernlos Wissen, das war mein Gewinn.

Der Tatendurst ist ungestillt geblieben,
Und unbefriedigt vom Genuss der Sinn.
Da wollte mir des Lebens Lust ermatten;
Nichts war das All, ich - eines Schattens Schatten.
Und so von mir, von allem ganz verlassen,
Sank ich verwaiset, kraftlos in die Knie.

Soll ich nur, rief ich, mich und alles hassen?
Und wird dem Herzen ew'ger Friede nie?
Soll ich nur aufblüh'n, jammern, und erblassen?
Und ist ein leeres Spiel das ganze Leben hie?
O wenn du bist, du Wesen, lass dich kennen!
Du musst mich retten, deinen Namen nennen!

Und plötzlich drangen Töne durch die Lüfte,
Und rührten wundersam mein lauschend Ohr;
Die Erde raucht', es stiegen Opferdüfte,
So weit ich sah, zum Himmel hell empor.
Der Tod entwich, es brachen auf die Grüfte,
Und herrlich blüht' des Lebens Reich hervor.

Und tief im innern Herzen rief's: Er lebet,
Der liebend dich zum Vaterherzen hebet!
Von Gotteskraft war nun der Geist durchdrungen,
Das Aug' erglänzt im milden Andachtsstrahl.
Es hat das Herz sich betend aufgeschwungen
Und ahndet Himmelswonnen ohne Zahl.

Und jeder Laut der Klage ist verklungen,
Verstummt des Daseins schwere Qual.
Nur regte sich ein inniges Verlangen,
Den Geist der Geister liebend zu umfangen.
Doch wer vermag zum Ewigen zu dringen?
Zu fassen den, den kein Gedanke misst?

Der Mensch, der Staub, will der zu Gott sich schwingen?
Und lieben den, der ihm nicht ähnlich ist?
So denkend neue Schmerzen mich umfingen,
Mich, den so eng die Endlichkeit umschließt.
O wenn Er nicht zu uns herab sich neiget,
Wer ists, der auf zu ihm, dem Ew'gen, steiget?

Da blickt ich auf, und sich', in hoher Milde
Trat, reich an Kraft, der Menschensohn zu mir.
Hier sah ich Gott im treuen Ebenbilde,
So göttlich groß, so nah dem Menschen hier.
„Zu dir komm' ich vom himmlischen Gefilde, „
Sprach er, „und bringe ew'ges Leben dir. „

„Wirst du von ganzer Seele mir vertrauen,
„So wirst du leben, und den Tod nicht schauen!
„Es hat zu dir die Liebe mich bewogen, „
„Dass ich verließ des Vaters Herrlichkeit;
„Die Menschenhülle hab' ich angezogen,
„Zu überwinden in dem ernsten Streit
„Die Sünde, so dich um dein Heil betrogen.
„Aus Liebe hab' ich mich dem Tod geweiht.
„Wirst du im Glauben dich mit mir verbinden,
„So wird die Welt dein Glaube überwinden!“

Ich hörte still, und fühlt' erneut mein Leben
Durch seine Weisheit, seine Lieb und Macht.
Heil, es wird des Geistes reges Streben
Gewiss durch ihn zum Ziele nun gebracht!
Zu Gott darf liebend sich mein Herz erheben,
Es hat die Lieb' ihn ähnlich mir gemacht.
Im Sohne gab er mir sich zu erkennen,
Ich lebe ewig, darf ihn Vater nennen!

Ich glaube, Herr, o stärke meinen Glauben,
Und schenke Zuversicht dem blöden Geist!
Das dürre Reis - dein Wort kann es belauben;
Vom Tod ersteht, wen du erstehen heißt!
Ich hoff auf dich. Wer könnte dir mich rauben?
Wer ists, der das, was dein ist, dir entreißt?
Es hat die Welt der Glaube überwunden!
In dir hab' ich die Siegeskraft gefunden!

Amen.

1)
Joh. 1,49.
2)
Joh. 1; 1.
3)
Joh. 5; 25.
4)
1 Mos. 12; 1.
5)
Hebr. 11; 1.
6)
Gal. 1; 16.
7)
Psalm 103; 2. 62; 7, 8. 42; 2. 73;25, 26, 36; 10. 103; 13. 145; 21.
8)
2 Kor. 5; 19, 18.
9)
Joh. 14; 18.
10)
Matth. 28; 20.
11)
2 Kor. 5; 14.
12)
Gal. 2; 20.
13)
Röm. 8; 37.
14)
Joh. 3; 6.
15)
Phil. 3; 8.
16)
Röm. 8; 35/39
17)
Joh. 3; 3.
18)
Joh. 15; 7.
19)
1 Joh. 4; 4
20)
1 Kor. 1; 20.
21)
Jes. 49; 5.
22)
Joh. 3; 36.
23)
Mark. 9; 23.
24)
Matth. 17; 20.
25)
Joh. 14; 12.
26)
Herder
27)
Ps. 103; 2. 4.
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