Frommel, Max - Des Christen Hemmung - lauter Förderung
Ein Pilgerwort über die drei Gefängnisse Pauli
Den Fremdlingen und Pilgrimen hin und her den Gruß des Friedens von Christo, unserm Herrn.
Text: Phil. 1, 12:
Ich lasse euch aber wissen, lieben Brüder, dass, wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangelii geraten.
Es ist ein kleines unscheinbares Wort aus des Apostels Mund, aber so voll und tief, dass uns eine ganze Lebensauffassung daraus anschaut. Es sind Worte, die uns das Geheimnis verraten, mit welch' geistgeöffneten Augen ein Paulus ins Leben, vor allem in sein eigenes Leben und Leiden hineinblickt, Worte, die uns ahnen lassen, aus welcher Quelle der Apostel seine bewunderungswürdige Freudigkeit schöpfte in seiner unermesslichen Arbeit, in den unbegreiflichen Schwierigkeiten, in den immer neuen Hemmungen, die sich gegen ihn auftürmten. Paulus schreibt aber diese Worte aus einer ganz bestimmten Hinderung heraus, er schreibt aus dem Gefängnis, und aus den Ketten will sein Wort verstanden sein. Gott kläre unser Auge, das so oft an Kurzsichtigkeit leidet oder durch Tränen umschleiert wird, und gebe uns hellen Blick nach vorwärts. Denn aus dem Blick des Auges kommt die Stellung des Herzens, und aus der richtigen Stellung des Herzens kommt die fröhliche Arbeit. Was Paulus aber uns lehren will, das fasst sich zusammen in den Satz: Alles, was wie Hemmung aussieht, muss einem Christen zu lauter Förderung geraten.
Das sehen wir an Paulus im Gefängnisse und zwar zu Philippi, am lobsingenden Paulus, zu Cäsarien, am stillhaltenden Paulus, zu Rom, am fröhlich zeugenden Paulus.
I.
Auf die flehentliche Bitte jenes Makedoniers im Traumgesicht: „Komm herüber und hilf uns“ hatte sich Paulus aufgemacht und den Boden Europas betreten. Die erste Stadt, in welcher er die Predigt des Evangeliums anhob, war Philippi, eben die Stadt, an deren Christengemeinde unsere Epistel gerichtet ist. In der freudigen Gewissheit, dass der Herr ihn dahin berufen hatte, ging er fröhlich ans Werk. Schon war Lydia, die Purpurkrämerin, welcher der Herr das Herz auftat, gewonnen und sie zur ersten Christin und ihr Haus zum ersten Christenhaus und Christengemeinde in Europa geworden, als Paulus gerade an der Schwelle seiner Wirksamkeit ins Gefängnis geworfen wurde. Da lag der Apostel umgeben von dicken Kerkermauern, gefesselt mit Ketten an den Händen, die Füße aber im schmerzhaft klemmenden Block, in der Gesellschaft der gemeinsten Verbrecher, in tiefer dunkler Mitternacht. Wahrlich eine ziemlich unbequeme Stellung und unangenehme Verhältnisse und namentlich ein sehr sonderbarer Anfang seiner europäischen Wirksamkeit!
Was tat nun Paulus? Hing er den Kopf und bedauerte er sich selber, dass, da er es doch so gut gemeint hatte mit den Menschen, es ihm nun so übel vergolten wurde? Weinte er, weil ihm nun seine Freiheit genommen, sein edles Streben ihm vereitelt war? Nichts von all' dem. Es heißt: „Um die Mitternacht aber beteten Paulus und Silas.“ Dunkel war's, aber in ihren Herzen brannte göttliches Licht, die Ketten rasseln, aber die gefesselten Hände hoben sie zum Durchbrecher aller Bande, ihre Füße im Block, aber ihre Seele steigt auf Adlersschwingen empor in der Freiheit der Kinder Gottes. Sie beten. Aber was beten sie? „Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir?“ Nein, es heißt von ihnen: „Sie lobten Gott.“ Wie? hören wir recht? In Ketten und Banden, im Kerker und um Mitternacht, in dieser verzweifelten Lage ein Lobgesang aus ihrem Munde? Ja, wes ihr Herz voll ist, des geht ihr Mund über; im tiefergreifenden Wechselgang, mit steigendem Wohlklang friedvoller Stimmen, mit überwältigender Harmonie des seligen Gottesfriedens, mitten in all' dem Missklang hienieden schallt es weithin durch die Gefängnishallen: Herr Gott, dich loben wir, Herr Gott, dir danken wir. Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währt ewig. Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen traut, der spricht zu Gott: Meine Zuversicht, meine Burg, mein Hort, auf den ich traue.
Trotz dem alten Drachen,
Trotz dem Todesrachen
Und der Furcht dazu!
Tobe Welt und springe,
Ich steh' hier und singe,
In gar sichrer Ruh'.
Gottes Macht hält mich in acht,
Erd' und Abgrund muss verstummen,
Ob sie noch so brummen.
Siehe das ist der Triumph des Glaubens, der auch im Stock und Block noch lobsingen kann: „Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich.“ Aber wie kommen Paulus und Silas dazu, Gott im Gefängnis zu loben? Frage die Sterne, warum sie so helle glänzen in der dunkeln Nacht, und sie werden dir sagen: Die Sonne hat's uns angetan, dass wir nicht anders können, als ihren hellen Glanz widerstrahlen. Der Lobgesang aus Pauli Mund ist nichts anderes, als der Glanz auf den Angesichtern jener Apostel, von denen es heißt: „Sie gingen fröhlich von des Rats Angesicht, dass sie würdig gewesen waren, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden,“ derselbe Glanz, wie ihn Paulus in unserem Textkapitel an seinen Philippern sieht: „Euch ist gegeben um Christi willen zu tun, dass ihr nicht allein an ihn glaubt, sondern auch um seinetwillen leidet.“ Pauli Lied in den Ketten und seine Gefängniskantate ist aber geboren aus dem Blick seines göttlich erleuchteten Auges: wo eine Hinderung ihm in den Weg tritt, da wittert er eine Förderung des Reiches Gottes. Er ist auch in Philippi nicht zu Schanden geworden.
Denn, so wird uns erzählt, es hörten sie alle Gefangenen. Einer um den andern erwacht und richtet sich auf seinem Lager auf über dem wunderbaren Gesang an der Stätte, wo sonst nur Flüche und Klagelieder ertönten. Pauli Lobgesang im tiefen Leiden ist zur mächtigen Predigt geworden von der überschwänglichen Gnade Gottes. Auf die Predigt hat Gott sein Amen gesprochen im erschütternden Erdbeben. Aber die Frucht, die selige, köstliche Frucht dieser ganzen Hemmung und Hinderung war die Bekehrung des Kerkermeisters. Wenige Stunden später - und der Lobgesang Pauli hatte sein Responsorium gefunden im Lobgesang des Kerkermeisters, als er zu den Füßen Pauli kniete und ihm die Striemen abwusch, als sein Haus getauft und er aus einem Gefangenen des Satans ein freies Kind Gottes geworden, und der Lobgesang setzte sich fort im Hause der Lydia, als Paulus mit dem Kerkermeister dahin kam, um Abschied zu nehmen. Da saß der Heidenapostel zwischen der ersten Christin und dem ersten Christen in Europa, und es wird wieder geheißen haben: Sie aber lobten Gott. Denn was wie lauter Hinderung ausgesehen, war zu lauter Förderung geraten.
Nun geh einmal mit diesem Text hinab in dein Haus. Ein Christenhaus soll ein Bethaus und ein Haus des Lobgesanges sein. Es kommen aber Zeiten, da will dir's aussehen wie ein Gefängnis wenn die Krankheit kommt und dich ans Lager fesselt und deine Füße in den Block legt. Es gibt Lagen und Verhältnisse, in die du eintreten sollst, und die Türe des Eintritts erscheint dir wie eine Gefängnistüre, hinter welcher sich alle Freude und Sonnenschein des Lebens abschließt. Wohlan, wenn dein Zimmer dir als eine Gefängniszelle vorkommen will, dann höre, wie derselbe Paulus dir zuruft: Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: freut euch. Dein Haus soll ein Haus der Freude sein. Denn Gott will wohnen unter dem Lobe Israels. Und ob es an Fastenzeiten im inneren Leben nicht fehlen sollte, „salbe dein Haupt, wenn du fastest“, spricht der Herr. Und ob du Bande und Block fühltest, auch mit gefesselten Händen lobsinge deinem Gott. Der Herr hat des Tages verheißen seine Güte und des Nachts singe ich ihm, dem Gott meines Lebens. Denn alles, was wie Hinderung aussieht, soll dir zu lauter Förderung geraten.
II.
Denselben großen Grundsatz zeigt uns Pauli zweites Gefängnis zu Cäsarien. Jahre liegen dazwischen, in denen Paulus unermüdlich das Evangelium predigte und Gemeinden gründete. Da plötzlich, als Paulus gen Jerusalem reist, wird ihm Halt geboten in seinem angestrengten Lauf. Er hatte selbst davon eine Ahnung, aber der helle Blick seines Auges ließ ihn nicht weich werden, auch nicht durch die Tränen der Jünger, geschweige denn durch Stimmen des eigenen leidensscheuen Fleisches. So sagt er mit Nachdruck in seiner Abschiedsrede zu Milet (Apg. 20, 22-24): „Und nun siehe, ich, im Geiste gebunden, fahre hin gen Jerusalem, weiß nicht, was mir daselbst begegnen wird, ohne dass der Heilige Geist in allen Städten bezeugt und spricht: Bande und Trübsale warten meiner daselbst. Aber ich achte deren keins, ich halte mein Leben auch nicht selbst teuer, auf dass ich vollende meinen Lauf mit Freuden und das Amt, das ich empfangen habe von dem Herrn Jesu, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes.“ Unterwegs mehren sich die Stimmen; in Tyrus sagen ihm die Jünger, er sollte nicht hinausziehen gen Jerusalem (Kap. 21,4). Ja in Cäsarien, gerade in der Stadt, wo er hernach gefangen lag, begab es sich, dass Agabus der Prophet zu ihm trat, der nahm den Gürtel des Paulus und band seine Hände und Füße und sprach: „Das sagt der Heilige Geist: Den Mann, des der Gürtel ist, werden die Juden also binden zu Jerusalem und überantworten in der Heiden Hände.“ Als wir aber solches hörten, baten wir ihn und die desselben Orts waren, dass er nicht hinauf gen Jerusalem zöge. Paulus aber antwortete: Was macht ihr, dass ihr weint und brecht mir mein Herz? Denn ich bin bereit, mich nicht allein binden zu lassen, sondern auch zu sterben zu Jerusalem um des Namens willen des Herrn Jesu. Da er aber sich nicht überreden ließ, schwiegen wir und sprachen: „Des Herrn Wille geschehe“ (Apg. 21, 11-14). Paulus reiste getrost, und es geschah, wie seine Ahnung ihm gesagt, und die Jünger ihm geweissagt hatten; in dem großen Aufstand, der sich gegen ihn erhob, entging er nur mit knapper Not dem Tode dadurch, dass der Landpfleger Felix ihn durch bewaffnete Macht nach Cäsarien ins Gefängnis führen ließ.
Zwei volle Jahre hat Paulus da gelegen in Banden, ohne zu wissen, was nun werden sollte, ohne die geringste menschliche Hoffnung auf Erlösung. Was mag das für eine Zeit für Paulus gewesen sein! Zwar war die Gefangenschaft viel leichter, als die zu Philippi. Denn Felix hatte befohlen, dass man Paulus sollte „Ruhe haben lassen und niemand von den Seinen wehren, ihm zu dienen oder zu ihm zu kommen“ (24, 23). Das waren seine Stunden der Erquickung, wenn die Christen zu ihm kamen und um den gefesselten Apostel saßen, und sie nun sangen Psalmen und geistliche liebliche Lieder, und Paulus ihnen predigte vom Reich Gottes. Weil es ausdrücklich heißt: Sie kamen, ihm zu dienen, so werden sie nichts unterlassen haben, ihm seine schwere Lage zu erleichtern, haben ihn erquickt mit Speise und Trank, und in mancher Christenhaushaltung in Cäsarien wird es geheißen haben: O, das wollen wir dem lieben Apostel Paulus bringen. Aber was ihn mehr erquickte und wonach er mehr verlangte, das waren die Nachrichten über den Lauf des Evangeliums, die Kunde, dass das Wort Gottes ungebunden sei, und dass die Christen blieben im Glauben und in der Liebe. Aber trotz alledem, welch' schwere Zeit für einen Mann wie Paulus! In Philippi war's nur eine Nacht, hier in Cäsarien aber zwei volle Jahre. Vergesst nicht, welch' stürmisches Temperament, welch' energievoller Charakter, welch' ein Feuergeist in diesem Paulus lebte. Er, der nichts sehnlicher wünschte als das ganze römische Reich für seinen König Christus zu erobern, er, der schon im vorgerückteren Alter stand und keine Zeit mehr zu verlieren hatte, wenn er die Aufgabe seines Lebens ausrichten wollte, er, der sich im Dienste dessen wusste, der gesagt hat: Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, und was wollte ich lieber, denn es brannte schon - er muss hier liegen gefesselt, untätig, unbrauchbar.
Wo lag denn aber nun der göttliche Zweck in dieser Lebensführung des Apostels Paulus, die ihm menschlich geredet, so unendlich schmerzlich sein musste? Auch hier gibt der große göttliche Grundsatz die Antwort: Was lauter Hinderung schien, musste zu lauter Förderung ausschlagen. Blicken wir in den Zusammenhang. Der große Weg, den das Evangelium nehmen sollte in der Welt, war in der apostolischen Zeit durch zwei Stationen bezeichnet: von Jerusalem nach Rom. Die Apostelgeschichte des Lukas, als der erhabenste Heldengesang des Kampfes des Christentums mit dem Judentum und Heidentum beginnt mit der Gemeinde in Jerusalem und schließt mit der Ankunft Pauli in Rom. Wohlan, der Weg Pauli von Jerusalem nach Rom ging nur über die Gefängnisstation zu Cäsarien. Vierzig Juden hatten sich verschworen, nichts zu essen und zu trinken, bis sie Paulum getötet hätten, nur die Gefangenschaft durch die Kriegsmacht des Landpflegers rettete ihn vor diesem gewissen Tode. Verklagt vor dem neuen Landpfleger Festus, berief sich Paulus auf den Kaiser, und Festus antwortete: Auf den Kaiser hast du dich berufen, zum Kaiser sollst du ziehen. Damit waren die Würfel gefallen, so dass auch der milde und von der Predigt Pauli tief bewegte König Agrippa nichts daran ändern konnte, indem er sagt: Dieser Mensch hätte können losgegeben werden, wenn er sich nicht auf den Kaiser berufen hätte. So ist die scheinbare Hemmung durch die Bande in Cäsarien zu lauter Förderung des Reiches Gottes, zur Beförderung des Apostels nach Rom, der Welthauptstadt, ausgeschlagen.
Aber wir glauben nicht fehl zu greifen, wenn wir auch für das innere Leben Pauli eine Förderung durch die Gefangenschaft annehmen. Nach so rastloser Tätigkeit 2 Jahre tiefer Stille, nach jahrelanger unausgesetzter Fahrt, zum Teil unter Sturm und hohen Wogen, hier nun das Schifflein vor Anker, wartend, bis der Herr sie wieder lichtet, nach ununterbrochenen Ausgaben hier eine Pilgerstation zum inneren Einnehmen. Liegt es nicht nahe zu denken, dass die Pause, die für Paulus eintrat, ihm gedient hat zur Förderung in der Erkenntnis, zum Reifen aller der Gottesgedanken, wie sie uns in seinen späteren Briefen vorliegen, und für die ganze, riesige Gedankenarbeit, die sie voraussetzen? So gefasst hatte das Gefängnis in Cäsarien die Gestalt einer Studierstube, einer Sakristei und eines Gebetkämmerleins, darin der Apostel sich versenkte in die Tiefe der Geheimnisse Gottes, deren Haushalter er geworden. Es ist nichts Seltenes, dass Gott seine Kinder und seine Knechte beiseite nimmt und in die Stille führt. Hat nicht Johannes sein Patmos gehabt, wo er gefangen lag, getrennt von seinen geliebten Gemeinen in Kleinasien, und hat nicht Gott ihm sein Patmos gesegnet durch die Offenbarungen und Gesichte, welche ein Schatz für die ganze Kirche geworden sind? Hat nicht Luther sein Patmos auf der Wartburg gehabt, auch eine Gefangenschaft für diesen Feuergeist nach den großen Tagen zu Worms und doch zur Klärung seiner selbst und zum Segen für die ganze Reformation? Denn die Wartburg hat uns die deutsche Bibel gebracht. Hab' ich nicht recht zu sagen: Alles, was wie Hinderung aussah, ist nur zur Förderung geraten?
Man erzählt vom seligen Hiller, dass er bald nach Antritt seines Pfarramts seine Stimme dergestalt verlor, dass er nur noch Krankenbesuche machen und über das Ohr der Kranken gebeugt den Trost des Evangeliums ihnen flüstern konnte. Wie schwer mag jenem treuen Knechte Gottes diese Hemmung geworden sein! Und doch ist auch sie zu lauter Förderung ausgeschlagen. Denn da Hiller nicht mehr predigen konnte, so fing er an zu singen und verfasste für seine Kranken und seine Gemeinde jenes „Schatzkästlein“, das in Tausenden und aber Tausenden von Exemplaren verbreitet ist, das ein wahrer Schatz in vielen, vielen Häusern geworden, so dass Hiller nach 100 Jahren noch zeugt bis auf den heutigen Tag. Ja, ich sage getrost: Der heisere Hiller hat lauter gepredigt, als wenn er die gewaltigste Stimme gehabt hätte.
So lasst mich denn die Nutzanwendung für uns alle daraus ziehen: Bist du in einer Lage, die dir noch so unbequem und widerwärtig, noch so hemmend und hindernd vorkommt, sei gewiss, es ist eine Förderung darunter verborgen, sei's für dich oder für andere. Bist du in Verhältnissen, wo du dich kaum regen kannst, halt aus, wenn deine Füße im Blocke liegen, und warte still, wenn deine Stellung dich ein Cäsarien dünkt. Wohnst du auf der Wartburg, erscheint dein Leben dir trüb und die Sonne deiner Freude untergegangen, wird es Nacht um dich her - o vergiss es nicht: Um die Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Israel hat dennoch Gott zum Trost, wer nur reines Herzens ist. Aber den Blick lass dir schärfen, dass du in jeder Hemmung durch den Glauben auf eine sichere Förderung hoffen kannst.
III.
Dies soll uns endlich Paulus in seinem dritten Gefängnis in Rom zeigen (Apg. 28, 16): „Da wir aber gen Rom kamen, überantwortete der Unterhauptmann die Gefangenen dem obersten Hauptmann. Aber Paulo ward erlaubt zu bleiben, wo er wollte, mit einem Kriegsknechte, der seiner hütete.“ Nach römischem Brauch trug Paulus eine Kette, welche wieder angeschlossen war an den Arm eines Kriegsknechts, so dass wo Paulus hinging, auch der Soldat mitgehen musste und umgekehrt. Der Kriegsknecht wurde täglich abgelöst, aber der Apostel blieb gefesselt. Darum nennt er sich einen „Gebundenen in dem Herrn“ und „einen Boten des Evangeliums in der Kette,“ das war eine neue Art der Gefangenschaft. Aber die Schrift erzählt ausdrücklich, dass er „predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesu mit aller Freudigkeit, unverboten“ (Apg. 28, 31). Von diesem Gefangensein gerade schreibt Paulus unseren Text an die Philipper: „Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder, dass, wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangelii geraten.“
Wunderbares Apostelauge, das in den Ketten lauter Flügel und in dem begleitenden Kriegsknecht einen Engel Gottes sieht! Ist das Schwärmerei und Übertreibung? Weit entfernt und wir wollen uns anschicken, den Beweis dafür zu liefern.
Da unter den Kriegsknechten täglich Ablösung war, jeder Kriegsknecht aber den Apostel überallhin begleiten musste, so musste auch jeder täglich eine Predigt Pauli hören. Sie kamen heim ins Prätorium und erzählten, was sie von dem seltsamen Gefangenen vernommen. Einer sagte es dem andern, und bald war Paulus als Garnisonsprediger in der ganzen Kaserne bekannt. Mancher Kriegsknecht hat sich auf den Tag gefreut, wo die Reihe wieder an ihn kam, dass er Pauli Ehrenwache bilden und so zugleich in Gottes Hand ein Engel sein durfte, der den Apostel schützte vor den Händen der heimlichen Feinde. Das hat Paulus selbst empfunden, denn er schreibt gerade in unserem Text voll Freude an seine Philipper: „Dass seine Bande in Christo offenbar geworden sind dem ganzen Richthause,“ d. h. Kaserne. So war, was ein großes Hindernis schien, zu einer großen Förderung ausgeschlagen. Ja mehr als dies. An Pauli Freudigkeit, die er in der Kette bewies, stärkten sich die Brüder alle, so dass er fortfährt zu schreiben: „Viele Brüder in dem Herrn haben aus meinen Banden Zuversicht gewonnen und sind desto kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.“ Der Blick auf den freudig gebundenen Paulus war eine Predigt für alle Christen. - Wohlan meine Lieben, führt nicht mancher Knecht und manche Magd Gottes ihr Amt, mit fester Kette an irgendeine Trübsal angeschlossen, trägt das Weh und Leid überall mit sich und empfindet es als ein scheinbares Hindernis? Beim einen ist's eine Krankheit, ein Pfahl ins Fleisch, womit er gefesselt ist, beim andern ein verborgenes Weh, das ihn überallhin begleitet, beim dritten ist es ein Mensch, an den er angekettet ist, dass er ihn nicht los werden kann. Wie mancher Mann, wie manche Frau ist in solchen Banden, und ich habe in meinem Amte manchmal die Ketten rasseln hören, an denen Eheleute gezerrt haben. O, blick auf - in jedem Leiden erkenne eine himmlische Leibwache, die dich vor Überhebung bewahren soll, in jedem Menschen, der dir noch so schwer werden will, erblicke einen Engel Gottes, der dir dienen soll. hebe deine Augen auf, bist du nur treu in deiner Kette, in deinem Schmerz oder Trübsal, du sollst ein Zeuge oder Zeugin der Kraft des Glaubens für andre werden, die an deiner Geduld und inneren Freude eine laute Predigt haben. Haben nicht alle christlichen Gefangenen aller Zeiten sich der Bande Pauli getröstet? Ja endlich die ganze Kirche hat einen Segen gehabt von dieser römischen Gefangenschaft Pauli. Denn da er nicht mehr reisen konnte, so hat er sich ans Schreiben gemacht, und mit den gefesselten Händen hat er jene herrlichen Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser geschrieben, die ein Segen durch die Jahrhunderte für die ganze Kirche geworden sind.
Darum predigen uns die Gefängnisse Pauli so eindringlich die Wahrheit unsres Textes: „Was wie eine Hinderung aussah, ist nur mehr zur Förderung geraten.“ Oder, wie es derselbe Paulus an einem andern Ort ausspricht: „Denen die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.“
Es ist ein großer Reichsgrundsatz Gottes, der uns heute im kleinen Philippervers vor die Augen getreten ist. Vergessen wir's nur nie: Christi Kreuz und Tod auf Golgatha schien die größtmögliche Hemmung, und selbst die Apostel weinten und die Feinde hohnlachten, aber siehe, es ist zur größtmöglichen Förderung, zum ewigen Heil ausgeschlagen. Der Weltuntergang in den Schrecken des jüngsten Tages wird als die größte Hemmung erscheinen, und doch wird er die größte, seligste Förderung eines neuen Himmels und einer neuen Erde sein. Was so als Reichsgrundsatz in der Fülle der Zeiten und am Ende der Zeit erscheint, das bleibt auch Reichsgrundsatz bis hinein ins kleinste Christenleben. Denn im Reich Gottes geht's durch Hemmung zur Förderung, durch Sterben zum Leben, durch Leiden zur Herrlichkeit. Gott kläre unser Auge und stille unser Herz und stärke unsere müden Füße und Hände, dass wir lernen sofort, wenn uns etwas Schwierigkeiten bietet, bei uns selbst sprechen: Hier hat Gott gewiss für mich eine Aufgabe hingelegt. Er gebe uns die Weisheit, jede Hemmung in eine Förderung zu wandeln, und wär's nur für unseren eigenen inwendigen Menschen. Er verleihe uns seinen Geist, der allein lehrt in allem weit zu überwinden um des willen, der uns geliebt hat. Amen.