Förster, Franz Theodor - Predigt am ersten Advent

Förster, Franz Theodor - Predigt am ersten Advent

Luk. 1, 68-79.
Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk. Und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Hause seines Dieners David, als er vor Zeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten; dass er uns errettete von unsern Feinden, und von der Hand aller, die uns hassen; und die Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern, und gedachte an seinen heiligen Bund, und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben; dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang, in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist. Und du Kindlein wirst ein Prophet des Höchsten heißen; du wirst vor dem Herrn hergehen, dass du seinen Weg bereitest, und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk, die da ist in Vergebung ihrer Sünden; durch die herzliche Barmherzigkeit unsers Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, auf dass er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Ein neues Kirchenjahr hebt an, und dankbar vernehmen wir heute seinen Gottesgruß: „Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb' in Ewigkeit.“ Am letzten Sonntag des Kirchenjahrs wanderten wir zu den Gräbern und standen unter den schmerzlichen Eindrücken des Todes und der Vergänglichkeit, heute blicken wir hoffend hinauf zu dem Gott aller Gnade, der uns in der Adventsbotschaft seinen väterlichen Liebesratschluss offenbar macht; dort die dunkeln Schatten des Todes, hier der Morgenglanz der Erlösung; dort die Klage: „Ach, wie nichtig, ach wie flüchtig“, - hier die Friedensbotschaft: „Seid unverzagt, ihr habt den Helfer vor der Tür.“ Es will empfunden sein und lässt sich nicht im Begriffe fassen, was das christliche Gemüt in der Adventzeit bewegt, und wie man die Schönheit eines Frühlingstage oder einer Mondlandschaft nicht erklärt, sondern fühlt, so fühlt man es in dieser Zeit: es kommt die Frühlingszeit des Kirchenjahrs, und wenn die Natur in ihrem Todesschlummer liegt, geht uns auf die Sonne der Gerechtigkeit und Gnade. Solcher Gottesgnade gegenüber ziemet uns aber nur eins, der Kindessinn, welcher froh und dankbar dem milden Sonnenstrahl der Gnade sich erschließt, demütig und willig annimmt, was die frohe Botschaft verheißt. Und wenn ein dunkler Strom der Not und Klage, der Schuld und Sünde durch unsre Zeit hindurchgeht und wir oft mutlos ihn dahin fluten sehen, wie er das Glück und den Frieden unsres Volks hinfortzureißen droht, wenn wir ohnmächtig sind, ihm ein „Bis hierher und nicht weiter“ zuzurufen, wenn wir trüben Auges in die Zukunft blicken, die so dunkel und hoffnungslos vor uns zu liegen scheint, dass wir an ihr irre werden möchten, dann soll es die große Botschaft des Heils sein, das in der Adventszeit uns verkündet wird, welche unsre Herzen stark, unsern Blick klar, unsern Gang gewiss macht, und uns in der Überzeugung bestärkt, dass das alte Evangelium von Christo Kräfte der Rettung und Genesung in sich schließt, die unverwüstlich und unfehlbar sind für jede Zeit und jedes Geschlecht.

Der Lobgesang des Zacharias, den wir gehört haben, weckt in uns diese doppelte Gedankenreihe, mahnt uns an tiefe nächtliche Schatten, redet aber auch von einem Sonnenaufgang, der auch die dunkelste Nacht durchleuchten soll. Der greise Priester, der hier den verheißenen Sohn auf den Armen hält, erblickt in ihm das Pfand der Erlösung und wird zum Propheten, der den Anbruch der neuen Zeit verkündigt. Er soll uns nicht beschämen durch seine Hoffnungsfreudigkeit und seine Adventsfreude, wir stimmen ein in seinen Psalm und fassen die Grundgedanken seines Preises in das Wort:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.

Wir blicken

I. auf die Nacht, die dahinten liegt,
II. auf die Morgenröte des neuen Tags,
III. auf den Aufgang aus der Höhe.

I.

Erst im Lichte des Tages empfindet man ganz die Dunkelheit der nächtlichen Schatten, welche dahinten liegen, erst im Sonnenglanz der Gnade gewinnt man den vollen Eindruck von der Nacht jener Not, welche einst über den Menschen dicht und unheimlich lagerte. Nicht das Drohen des alttestamentlichen Gebotes, nicht der Zorn des heiligen Gottes kann die sündige Welt so tief von jener Schuld überzeugen, als die in Christo erschienene Gnade: auf diesem leuchtenden Hintergrund hebt sich das nächtliche Dunkel der unerlösten Menschenwelt wohl recht augenscheinlich ab, und man kann keinen Advent begehen, ohne seiner Vorgeschichte zu gedenken, ohne die Todesschatten und die schwermutsvolle Trauer, unter der die Seelen seufzten, in das Gedächtnis zurückzurufen. Wenn Zacharias hier redet von Nacht und Todesschatten, in der die Menschen dahingingen, so ist das keine Redensart, keine kühne, oder übertriebene Ausmalung, sondern geschichtliche Wahrheit. Denn all der Zauber der alten Welt, die Blüte Griechenlands, jene heitere Welt der Schönheit, die Macht Roms und alle seine reichen Bildungsmittel, die Fülle der Kunst und Weisheit, welche aus den Denkmalen und Schriften der Alten spricht, und aus welcher wir noch heute bewundernd lernen, das alles war nicht imstande, jene Dunkelheit zu erhellen, die über den Völkern lag, den Abgrund zu verdecken, der ihr Leben durchzog, den Abgrund des sittlichen Bankrotts, der immer zunehmenden sittlichen Entartung, woran sie krankten. Alle Blüten des Geisteslebens können über die sittliche Fäulnis nicht hinwegtäuschen, wogegen sie ein Heilmittel nicht kannten.

Was menschliche Weisheit und Kunst vermag, haben die Völker der alten Zeit bewiesen, aber auch was sie ohne Gott und sein Licht nicht vermag. Sie hatten, wie der verlorene Sohn, sich getrennt vom Vaterhaus und eine Zeit lang herrlich und in Freuden gelebt, aber bald hatten sie abgewirtschaftet und die väterliche Mitgabe vergeudet, und tief hinab zur Sünde und Schande mussten sie sinken. Die Sünde hatte ihre letzten Folgerungen gezogen, hatte sich als feinere oder gröbere Selbstsucht offenbart, und das was sie noch von Religion, von Gottesahnung und Gewissen hatten, war nicht stark genug, dieser zersetzenden Macht der Sünde zu wehren. An dieser Unfähigkeit ist das Heidentum zu Grunde gegangen, und die edelsten Geister haben dieses Verhängnis gefühlt und haben geklagt über des Lebens Not und Hoffnungslosigkeit, über das schwere Todesjoch, das alle tragen und die Friedensarmut der Seelen, die kein Ziel vor Augen haben als das unabwendbare Geschick, aber sie haben es nicht ändern können und finden keine höhere Weisheit als diese: Es wäre besser, nicht geboren sein! Und was half dem Volk Israel das heilige Licht des Gesetzes, wenn es doch nur den Widerspruch aufzeigen konnte, in welchem sich der Wille des Menschen zu Gottes Willen befand, wenn das unerbittliche „Du sollst“ des Gebotes das Bewusstsein jenes Zwiespalts und das Gefühl der Ohnmacht weckte, aber die Kraft zum Guten nicht mitteilen konnte. Haben auch einzelne Fromme des Alten Bundes auf den Höhepunkten ihres Lebens sich durchgerungen zum Gefühl des Friedens mit Gott, so kann das nichts abtun von der Wahrheit, dass auch auf dem Boden des alttestamentlichen Gottesvolks noch Sünde und Tod ungebrochen herrschten, und dass auf den Tafeln seines Gesetzes noch nicht zu lesen war das Wort der Versöhnung und des Friedens. Ja, der ehrwürdige Zacharias hat recht mit seiner Schilderung: „Sie saßen in Finsternis und Schatten des Todes.“

Uns ziemt es, diese Lehre der Geschichte zu beherzigen und es als ein großes Gesetz zu erkennen, dass Finsternis und Schatten des Todes ein Erbteil des natürlichen Menschen sind, so lange er fern ist vom Lichte der Erlösung. Man sage nicht, wir leben ja im Jahrhundert des Lichtes und der Bildung und erfreuen uns einer immer mächtiger fortschreitenden Erkenntnis.

Gewiss, wir stimmen gern ein in das Lob dieser Zeit, die es so weit gebracht hat und freuen uns der siegreichen Fortschritte, welche die Geisteshelden unsres Geschlechts, Entdecker und Bahnbrecher, Dichter und Denker, Forscher und Gelehrte zu verzeichnen haben. Aber nur sittliche Größe ist wahre Größe, und wenn der Fortschritt in sittlicher Tüchtigkeit, und Veredlung des Herzens, und Heiligung des Willens nicht mit jenem Fortschritt in der Erkenntnis Schritt hält, muss uns doch vor der Zukunft bange werden. Das ist eine Wahrheit, welche recht hineingehört in die Adventszeit, denn Advent mahnt zur Buße, und die Adventspredigt soll nicht nur von dem Trost der Gnade Zeugnis geben, sondern auch an das erinnern, was nächtlich und dunkel ist und abgetan werden muss, was mit dem hellen Tageslicht der Gnade sich nicht verträgt. Rust der erste Advent uns frohlockend zu: „Die Nacht ist vergangen, der Tag herbeigekommen,“ so gilt es auch zu beherzigen: „Lasst uns abtun die Werke der Finsternis!“ Solche Werke, aus sittlicher Nacht geboren, kennen wir auch; ach, auch wir wissen von Abgründen sittlicher Verwilderung zu reden, von Todesschatten, die über weiten Gebieten, nicht bloß der Heiden, sondern auch der Christenheit lagern, von jener Gottentfremdung und Weltseligkeit, die keine Ewigkeit, kein Vaterhaus, keinen Frieden in Gott mehr kennt, von jenem verwüstenden Geist des Materialismus, der unsres Volkes Glieder in Grund und Boden zu verderben droht, weil er nichts übrig lässt, was einen Menschen adelt und im Leben gut und edel machen kann. Wir kennen jenen Fleischessinn, welcher sich wohl mit äußerer Bildung und mit den Fortschritten des Wissens verträgt, aber doch den Menschen in tiefstem Wesen verdirbt, sein Gewissen zerbröckelt, seinen Willen untüchtig macht, und es zu den wahren Bedingungen des Heils, zu Buße und Glauben nicht kommen lässt. Den Zwiespalt der Seele mit Gott heilen, das Herz mit Kräften des Heils, das Gewissen mit Frieden, den Geist mit Freude und Trost erfüllen, die Sklavenketten brechen, mit denen der sündige Mensch gefesselt ist, mit einem Worte: neue Menschen schaffen, - das kann alle menschliche Weisheit nicht, und so lange jenes große Erlebnis im Menschenleben fehlt, wodurch der Sünder ein Gotteskind wird, das in Gehorsam und Heiligung vor seinem himmlischen Vater wandelt, gilt die alte Wahrheit noch immer: „Sie sitzen in Finsternis und Schatten des Todes!“

II.

Tröstlich und verheißungsvoll fielen in die Nacht der vorchristlichen Zeiten einzelne Morgenrotstrahlen als Zeugnisse der göttlichen Barmherzigkeit, welche die Völker zwar ihre eigenen Wege gehen lässt, aber sie nicht vergisst, als Veranstaltungen einer göttlichen Erziehung des Menschengeschlechts für die Fülle der Zeit. Auf ihren eigenen, selbsterwählten Wegen war die Menschheit um ihr Glück und ihren Frieden gekommen, und gerade die Edelsten und Erleuchtetsten unter den Heiden hatten für diese Friedlosigkeit und Unseligkeit das tiefste Verständnis; sie fühlten, dass ohne eine Gottestat keiner sein Ziel erreichen, dass alle Schätze der Welt, alle Errungenschaften des Menschengeistes nicht ausreichen, die Seele zu befreien und zu retten, dass die bloße Diesseitigkeit den Menschen arm und traurig lässt. An dieses Armutsgefühl, an dieses Verlangen der Menschenseele nach vollkommenen Gütern, an diese Unruhe des Gewissens knüpft der himmlische Vater bei den verirrten Kindern an. Und wie so manches verlorene Kind die Erinnerung an eine glückliche Jugend, an ein schönes Vaterhaus mitnimmt, und wie solche Erinnerung in stillen Stunden das Heimweh weckt, welches zum Entschluss treibt: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen,“ so haben auch die Völker in aller Entartung und Gottentfremdung dieses Heimwehgefühl, das Bewusstsein eines tiefen Mangels, die Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies nie ganz verlernt; das ist das Morgenrot einer besseren Zeit, an dieses Bedürfnis hat der allmächtige Gott immer wieder erinnert und sein heiliges Licht auch unter den Heiden nicht ganz untergehen lassen. Einzelne goldene Lichtstrahlen, verborgene leise Züge der göttlichen Liebe, die sich um die Verlorenen kümmert, sehen wir auch dort, wo die dichte Nacht auf den Völkern lagerte.

Und wie wunderbar und verheißungsvoll strahlt dieser Morgenglanz der neueren Zeit in dem Bereich des Volks, das Gott zum besonderen Schauplatz seiner Offenbarung gemacht hatte. Was Zacharias hier frohlockend verkündet: „Er hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Hause seines Dieners David, als er vor Zeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten dass er gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham“… Dies war der Gegenstand der Hoffnung aller rechten Israeliten. Mochte die Mehrzahl dieses Volkes im Laufe der Jahrhunderte aufgehört haben zu hoffen und weltselig sein edelstes Vermächtnis preisgeben, eine stille, kleine Gemeinde hoffender Seelen, von Geschlecht zu Geschlecht die heilige Zuversicht weitergebend, war geblieben; sie hielt fest daran, dass, was Gott verheißen, wird er auch vollführen, und wartete unverdrossen. Und wenn die Wächter Jerusalems auf hoher Warte, die Propheten, die Zeichen der Zeit prüften, und wenn die Hoffenden in das Dunkel der Nacht fragend riefen: „Ist die Nacht schier hin?“ so war es ein süßer Trost, die ersten Boten des kommenden Tages zu schauen, die Streifen des Lichtes, mit denen der Osten sich rötete, und zu wissen, ob die Nacht noch so lange währt, der Tag kommt gewiss. Mochten viele die Hoffnung Israels ihres edelsten Gehaltes berauben, die göttliche Verheißung in die engen Schranken ihrer sinnlichen und irdischen Vorstellungen fassen, den Messias nur als Nationalhelden und irdischen König träumen, - gerade jener Kreis der Stillen im Lande, dem auch Zacharias zugehörte, fasste die Hoffnung Israels tiefer, sah im Geist den demütigen Knecht Gottes, der sanftmütig die Elenden und Beladenen erquickt und ein Horn des Heils, eine Erlösung von der schwersten Not des Lebens, von Sünde und Tod, aufrichten wird.

Es sind ehrwürdige Gestalten, diese Männer der Sehnsucht, und sie beschauen ein Geschlecht, das so hoffnungsarm und erdenselig, so zweifelsüchtig und innerlich kalt ist, das mit unerschütterlicher Seelenruhe alle Gottesoffenbarungen in Güte und Ernst an sich vorübergehen lässt. Wie wenig gilt den Kindern dieser Zeit Trost und Verheißung der Heiligen Schrift, da sie des Trostes und der Verheißung nicht bedürfen, und da die großen Fragen nach der Hoffnung des Christenmenschen, die für jeden die gewaltigsten und wichtigsten sein sollten, ihnen wenig Unruhe bereiten. Und doch kann das Heil der Welt, von welchem die Adventszeit Kunde gibt, nie recht verstanden und zum Segen werden, wenn nicht als Vorbedingung jenes heilige Verlangen, jene Unruhe des Gewissens, jene herzliche Sehnsucht vorhanden ist, das wie ein Morgenrotschein die Sonne ankündigt. Gewiss, wir stehen nicht mehr im Morgengrauen der Erwartung, sondern im vollen Glanz der offenbarten Gnade, aber wenn wir nicht die schmerzliche Erkenntnis unsres Mangels, ein aufrichtiges Gefühl unserer Untüchtigkeit, das Heilsverlangen nach der Gottestat der Erlösung haben, wie kann die Gnade uns retten? Und wer so selbstzufrieden und satt ist, dass ein tieferes Verlangen nach ewigen Gütern nicht aufkommt, und in der Diesseitigkeit verloren, am Glauben und Hoffen überhaupt Schiffbruch erlitten hat, wie soll er das Licht der Erlösung schauen können? Möchten wir uns in diesen Adventstagen mit allem Ernst unter Gottes heiliges Gesetz stellen, die ganze Größe seiner sittlichen Forderung, die jeden von uns verpflichtet, fühlen, und unter dem niederschmetternden Eindruck unserer Nichtigkeit und Sünde dem Zug des Herzens folgen, das sich in keinem ganz verleugnen lässt, dem Zug unserer gottebenbildlichen Seele nach Heil und Frieden; möchten wir dem verborgenen Rufen des innersten Gemüts aus der Tiefe zu Gott Gehör geben, - dann würden wir auch das rechte Auge haben für Jesum und sein Licht, und wie jene Frommen des Alten Bundes frohlockend begrüßen:

III.

den Aufgang aus der Höhe. „Durch die herzliche Barmherzigkeit Gottes hat uns besucht der Aufgang aus der Höhe“ - in dies Wort schließt Zacharias ein die Freude seines Herzens und die Freude aller Hoffenden und Wartenden zu jener Zeit. Der Tag ist angebrochen, die Sonne ist ausgegangen, und wenn es noch wenig war, was sie von der Erfüllung schauen konnten, sie wissen es doch nun, dass das, worauf die Völker hofften, was die Väter ersehnten, in der Geburt des Heilands geboten wird, und dass eine neue Zeit des Heils und der Gnade anbricht. In dem Sohne, welchen der beglückte Vater hier auf seinen Armen hält, sieht er mit dem Auge des Glaubens die Bürgschaft für die Erfüllung der göttlichen Verheißung, und es ist ihm zu Mute, wie dem Wanderer, der nach langer, nächtlicher Irrfahrt das Licht des Tages erblickt, wie dem Gefangenen, der nach trauriger Kerkerhaft die Sonne der Freiheit leuchten sieht. Der Aufgang aus der Höhe! Vom Himmel hoch musste die Rettung kommen, das wussten sie wohl, die sich gemüht hatten unter dem Gesetz, und die Last ihrer Sünde, die Bangigkeit des Gewissens, die Ohnmacht der Menschenkraft erfuhren. Was der Mensch vermag mit den Mitteln seiner Weisheit und Tüchtigkeit, das hatte die alte Zeit gelehrt, aber auch dies, dass er sich selbst nicht helfen konnte, dass es einer Tat der rettenden Liebe bedurfte, dass Gott selbst helfend eingreifen musste, sollte der Welt geholfen werden, und dass gegen die gewaltigen Mächte der Sünde und des Todes auch nur die größte Tatsache der göttlichen Liebe, die Hingabe seines Sohnes an die sündige, dem Tode verfallene Welt helfen konnte. Christus ist der Mittelpunkt der Weltgeschichte, mit dem eine neue Weltordnung beginnt, die Zentralsonne, mit der ein neuer Tag anhebt; er bringt in die Welt der Sünde Kräfte der Heiligung, in die todkranke Menschheit Kräfte der Genesung, in die friedlosen Seelen Kräfte der Versöhnung und des Friedens, und das kann er, weil er nicht bloß der Erde entstammt und uns gleich geworden ist als unser Bruder, sondern weil er vom Himmel hoch, aus Gottes Herrlichkeit zu uns kam und wir in ihm die menschgewordene Liebe, das vollkommene Ebenbild Gottes, den Abglanz seines Wesens, den eingeborenen Sohn des Vaters schauen.

Ist es nicht schmerzlich, dass dieser Sonnenaufgang in der Weltgeschichte vielen verborgen geblieben ist, und dass so viele sich des Segens berauben, den sie alle von Christo haben sollten, dass selbst in diesen Adventstagen viele kaum eine Ahnung haben, dass auch ihnen die alte Botschaft vom Aufgang aus der Höhe gilt? Wir wissen wohl, wie viele Zweifel durch unsre Gemeinden gehen und den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes und seine sündenvergebende Liebe in dem Heiland zerbröckelt, wie groß der Mangel ist an Erkenntnis des eigenen Bedürfnisses und darum auch in Bedürfnis nach Erlösung, wie wenige sich den kindlichen Glauben in dem Kampf und der Mühsal des Lebens unverletzt erhalten. Aber wir wissen auch, dass ein Mensch ohne diesen Kindesglauben im Grunde arm und unglücklich ist. Und wer von uns nicht allen Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit verloren hat, wer noch glaubt an eine göttliche Liebe und eine sittliche Weltordnung, an ein Walten des heiligen Gottes über den Menschenkindern, wer jemals in seiner Not und Anfechtung, in Lebenskummer und Enttäuschung, in Abschiedsweh und Herzeleid auf ihn geschaut hat, der so groß und majestätisch, und doch auch so sanftmütig und von Herzen demütig vor uns steht, der den Stolzesten im Gefühl seiner Armut beschämt, und doch auch den Elendesten seiner Liebe wert hält, der dem Gerechtesten nur einen Weg zeigen kann, den Weg der Gnade, und doch auch die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, und an dem Elendesten nicht verzweifelt, der muss bekennen: Er ist es, den ich brauche, dem ich verpflichtet bin für mein ganzes Leben, der mein tiefstes Verlangen befriedigt, meinem Gewissen Trost und meinem Herzen Frieden gibt, er ist der Heiland der Menschen und hat auf alle ein Recht sich erworben. Wenn schon jene Frommen des alten Bundes dies denkbar fühlten, die doch kaum die ersten Strahlen des neuen Tages schauten, wie leicht ist es uns gemacht, an den Ausgang aus der Höhe zu glauben und Christum als unsern Herrn zu bekennen, dessen Segnungen seit bald zwei Jahrtausenden die Welt erfüllen, und dessen Barmherzigkeit jeder inne werden kann, welcher vertrauend sich zu ihm wendet.

Aber es ist die Sonne der Gerechtigkeit, die über uns aufgeht, und der Herr wird in der Adventszeit gepredigt, der uns voranleuchtet und der will, dass wir nicht im Finstern schweben. Der Sonnenaufgang will seine erleuchtenden, heiligenden Kräfte wirksam machen in unserm Leben; „dass wir erlöst aus der Hand unserer Feinde ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist, und dass er unsre Füße richte auf den Weg des Friedens“. Die Adventsbotschaft ist eine Botschaft der Gerechtigkeit und des Friedens. Ohne den Geist der Furcht, ohne knechtischen Zwang, in herzlicher Dankbarkeit gegen den, welcher uns in den Stand der Kindschaft versetzt hat, übt sich ein erlöster Mensch in willigem Gehorsam, und dient seinem Herrn in der Heiligung seines Willens, in Zucht und Ehrbarkeit. Und wenn die Wege der unerlösten Menschen Gesetzlosigkeit, Verwilderung, Friedlosigkeit sind, so sind die Christenwege Friedenswege; denn weil die Weihnachtsbotschaft der Engel „Friede auf Erden“ verheißt, und alle, die sie annehmen, sich mit Gott in den Friedensstand gesetzt wissen, so möchten sie auch den Friedensgeist um sich verbreiten und Häuser und Gemeinden zu Stätten der Liebe, der Gerechtigkeit, des Friedens machen.

Daran soll, liebe Mitchristen, unser Adventssegen zur Erscheinung kommen. Lass dich erleuchten, meine Seele! Der Aufgang aus der Höhe soll unsern Wandel erneuern und unser Leben der Gerechtigkeit und des Friedens voll machen. Erreicht die Sonne des Heils diese Segenswirkung an uns nicht, dann müssten wir fürchten, dass sie uns würde zur Flamme des Gerichts, denn wem Christus nicht zum Heil kommt, dem kommt er zum Fluch. Gott helfe uns, dass er uns allen mit Gnade und süßem Lichte erscheine, dass er unsre Füße richte auf den Weg des Friedens, und dass wir in unsrem Herzen wahrhaftig erfahren: die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen, die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Amen.

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