Erichson, Alfred - Eine Elsässische Landpfarrei - Vorwort.

Liebe Freunde!

Ein jeglicher von euch hat seine Geschichte, von seiner Geburt bis auf den Augenblick, da er dieses liest. Um wie viel mehr eine jegliche Gemeinde, eine jede bürgerliche, wie viel mehr eine jegliche christliche Gemeinde und Genossenschaft. Aber um die Geschichte zu schreiben, muss man Dokumente, Anhaltspunkte, Quellen haben, wenn man nicht aus dem eigenen Gedächtnis, d. h. Denkwürdigkeiten, Erlebnisse schreibt. Solche Geschichtsdenkmale eueres Lebens habt ihr alle geliefert, namentlich in der letzten tief bewegten Zeit, in euren Briefen an euere Verwandten und Freunde. Bei den Familien wo man weniger schreibfertig ist, vertritt eine Großmutter, eine Tante mit ihrem guten Gedächtnis die geschriebene Chronik. Für die Gemeinden liegen die Anhaltspunkte und die Dokumente, die einzelnen Züge zum Geschichtsbild der Vergangenheit in den Kirchenbüchern, da wo sie regelmäßig geführt und wo sie erhalten worden sind. Jede Notiz kann hier wichtig, interessant, lehrreich, erbaulich werden. Dein Vorgänger in demselben wichtigen Amte redet hier zu dir, zu der Nachwelt durch dich, wenn du das Beispiel nachahmst, das der Verfasser dieser anspruchslosen und doch so interessanten Geschichte einer der kleineren Dorfgemeinden gegeben hat. Findest du wenig, so gibst du wenig; findest du viel, so gibst du viel mit glücklicher Auswahl. Es gibt keine Gemeinde, die nicht einer Geschichte wert sei: Du hast immer ein dankbares Publikum, und wäre es auch nur unter deinen eigenen Pflegbefohlenen. Wie es ehemals gewesen: das ist für jedermann angenehm und interessant zu hören und trägt zur Belehrung und zum Frieden und schließlich zur dankbaren Stimmung der Gemüter bei: gegen Denjenigen und seine Fügungen, der nur Gedanken des Friedens über uns hat, dessen Rat wunderbar ist, der aber am Ende Alles herrlich hinausführt, der wohl schlägt aber auch wieder heilet, der wohl sinken aber nie ertrinken lässt. Alles dieses leuchtet aufs Klarste auch aus der kleinsten Dorfgeschichte heraus, wenn dieselbe einfach und ansprechend geschrieben ist, wie gegenwärtige.

Nur eine wo möglich vollständige Anzahl solcher einzelner Spezialgeschichten würde eine vollständige gründliche Gesamtgeschichte der elsässisch-protestantischen Kirche möglich machen. Ebenso viele kostbaren Bausteine zum großen allgemeinen Bau an dem, wie an unserem Münster, ein jeglicher Stein sein der Dankbarkeit schuldiges Zeichen des einzelnen Steinhauermeisters hätte. Das wäre nicht allein ein schon oben berührter Segen für die Gemeinde, sondern auch ein reicher Segen für den Geistlichen: eine Vertiefung in das Leben der Gemeinde als solche, in den Ursprung, die Vergangenheit, die Gegenwart und sogar in die Zukunft derselben, in die Natur und das Wesen der Bevölkerung, ihre Sitten und Gebräuche, Denkungs- und Gefühlsweise. Wenn er sie schon lieb hat als Prediger und Seelsorger, so wird er sie als ihr Geschichtsschreiber noch immer besser verstehen lernen und noch lieber gewinnen. Es ist überhaupt etwas Heimliches und Gemütliches, ja sogar etwas Notwendiges um so einen stillen Studierwinkel. Dorthin zieht er sich zurück, so oft ihm die äußerliche Amtstätigkeit eine oder ein paar Mußestunden übrig lässt: dort feiert er seine geistlichen Erquickstunden, dort macht er von Zeit zu Zeit sein inneres geistiges Inventarium: bedenkend, dass wenn man immer ausgeben soll und nur kärglich oder nur dürftig einnimmt, zuletzt von der Hand in den Mund lebt, man in Armut versinkt, und ehe man sich's versieht bankrott wird. Dort wird er inne, dass ihm die Feder, mit Ausnahme seines Predigtplans, der Tauf-, Trauungs- und Sterberegister, fremd und unbequem geworden ist und erinnert sich des Wortes der großen alten Meister: nulla dies sine linea. Schreibe alle Tage etwas Ernstes, Nützliches, damit du nicht aus der Gewohnheit kommst! Du hast dein Kirchenarchiv geordnet, die einzelnen Notizen und Tatsachen sorgfältig ausgezogen, und so deine Gedanken dabei gehabt und sie zum Anbringen bei Zeit und Gelegenheit, an den Rand geschrieben: du willst deinen Pfarrkindern und Gemeindegliedern zeigen, wie der jetzige Zustand der Pfarrei so geworden ist, wie er jetzt sich darstellt. Nun, frisch dran! „Es trägt Verstand und grader Sinn, ohn' viele Kunst sich selber vor.“ Du denkst dann an und sinnst über Etwas das dich so nahe angeht, wie wenns dein eigen Fleisch und Blut wäre. Du bist veranlasst über das und jenes darauf Bezügliche nachzufragen, bei den benachbarten Freunden und Kollegen, du gräbst und bohrst und grübelst, bis du dann vielleicht unerwartet auf neue Aufschlüsse, auf anderweitige Quellen kommst. Das liefert geistigen Stoff, wissenschaftlicher und praktischer Natur zugleich. Du hast ein Kapitel fertig, es scheint dir gelungen, du teilst es mit, du feilst dann mit Freuden an Form und Inhalt; kurz, du regst dich und andere an. Du hast immer etwas auf dem Webstuhl. - Anfangs dachtest du vielleicht: ein Paar Brote und zwei Fische! Was aber ist das unter so Viele! was kann man damit machen? - Du hast aber diese zerstreuten Brocken getreulich und mit Interesse und Liebe gesammelt und zuletzt aufgehoben zu deinem eigenen Erstaunen, mehr als sieben Körbe voll. Der wackere Verfasser dieser Geschichte von Hürtigheim hat allen elsässischen Kollegen ein Beispiel gelassen, nachzufolgen in seinen Fußtapfen. Ihm hat der Dichter schon frühe zugerufen und er hat es gehört:

Wer gern etwas Tüchtiges leisten wollt',
Hätt' gern etwas Gutes geboren,
Der sammle still und unerschlafft
Im kleinsten Punkte die höchste Kraft. 1)

Auf diesem Wege könnten wir mit der Zeit und nicht allzu langer Frist zu einem Halbhundert solcher Spezialgeschichten aus dem protestantischen Elsass und Lothringen gelangen. Das walte Gott!

Im August 1872.

Professor Baum.

1)
Friedrich Schiller
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