Erichson, Alfred - Eine Elsässische Landpfarrei - Hürtigheim

Drei Stunden von Straßburg, an der alten Römerstraße die nach Zabern (Tabernä) und dann weiter über Metz nach Belgien führte, liegt das Dorf Hürtigheim; mitten in dem mit so viel Fleiß und Geschick angebauten und von Gott gesegneten „Ackerland“, der Fruchtkammer des Elsasses. Sein Ursprung verliert sich in den Zeiten vor Karl dem Großen. Schon 778 wird sein Name „Hirtunghaim“ genannt, im Jahr als dieser Kaiser mit Ritter Roland nach Spanien zog und es eroberte. Auf der kleinen Anhöhe stand vor Zeiten ein altes Kirchlein, angelehnt an einen mächtigen Turm, einen ehemaligen Wartturm oder Wachtturm an der vorbeigehenden Militärstraße, der von weither sichtbar ist, und als „Lug ins Land“ ein Zeuge grauer Vorzeit, ernst und heimatlich zugleich ins wohlbekannte Land hineinschaut. Turm und Kirche waren bis ans Dach an mit grünem dickbuschigem Efeu bedeckt. In dieses Kirchlein möchte ich den geneigten Leser führen. Auf drei Stufen steigen wir in den mit Backsteinen belegten feuchten Gang hinab: denn so bedeutend hatte sich im Lauf der Jahrhunderte der Boden selbst auf dem Hügel erhöht; es weht uns der solchen Gebäuden eigene kellerartige Geruch nicht gerade einladend entgegen. Vor dem Eingang des Chors steht ein großer in Stein aufgemauerter und mit roter Farbe angestrichener Altar; in der Nähe der altertümliche Pfarrstuhl, mit der Jahrzahl 1650, und gegenüber der Stuhl des Vorsängers. An der linken Chorecke erhebt sich, auf solidem steinernem Postament ruhend, die Kanzel; den Schalldeckel krönt ein in Holz gearbeiteter Pelikan, der sich die Brust aufreißt, seine Jungen mit dem herausspritzenden Blute zu nähren, ein ehemals beliebtes Sinnbild der Liebe Christi für die Seinen. Ein wohlgemeintes Kunstwerk, nicht eben ersten Ranges, das jetzt mit Pietät im Pfarrhause aufbewahrt wird. In die Sitzbänke, die kaum 150 Personen fassen, gelangt man nur über einen hohen, nicht gerade bequem quer davor liegenden Balken. Das Ganze wird durch eine große Emporbühne oder sogenannten „Lettner“ (Lectorium?) geheimnisvoll oder, wie Andere meinten, unbequem verfinstert. Dort hinauf führt eine steile, nur durch lange Gewohnheit ungefährlich gewordene Treppe. Fenster und Fensterscheiben sind aus allen Zeiten und von allen Glasarten und Formen; das Fenstergemäuer ist grellrot eingerändert oder „eingebändelt“. Die Wände sind bis oben an mit Kronen aus Papier und Flittergold, zum Andenken an die Verstorbenen behängt, und an der himmelblauen Decke glänzen, in etwas verblichenem Schimmer, Sonne, Mond und Sterne.

Diese teils unbequem, teils unwohnlich, in mehr als einfacher Ursprünglichkeit und Einfachheit, ausmöblierten, beim ersten Anblick sogar unheimlichen und nichts weniger als „lichtfreundlich“ aussehenden Räume sind durch die lange Gewohnheit geheiligt, wie ein altes Wohnhaus der Ur- und Urureltern, einem Christenhäuflein heimlich und gar vielen teuer geworden. Durch die Herzen alle die hier in Andacht oder in bangen Bekümmernissen schlugen, durch die Tränen alle die hier geweint wurden, durch den Trost und die Stärkung die hier gespendet und empfunden worden, durch die Reue die hier bewirkt, durch die Versöhnung und Vergebung die hier verkündigt worden: ein vielleicht unschönes, das Auge des Fremdlings beleidigendes Heiligtum, - aber dennoch, auch in unschönster Gestalt - ein Heiligtum. Wie viele Geschlechter sahen diese Räume vorbeiziehen, das eine nach dem andern, deren Gebeine nun ganz nahe, draußen auf dem sie umgebenden Kirchhof ruhen! Der Weg über denselben führt die jetzt Lebenden zur Kirche.

Wo aber einst das alte Kirchlein stand, erhebt sich, seit 1864, ein neues geräumiges, lichtvolles Gotteshaus, erbaut zur Ehre Gottes und zur Ehre der Gemeinde. Das Alte ist vergangen, und siehe, es ist alles neu geworden; es verändert sich die Gestalt der Erde, wie ein Gewand, aber „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.“ Ein lebendiger Beweis dafür ist jede neu erbaute, evangelische Kirche.

Doch beim Anblick des Neuen steigt die Erinnerung an das vorher da Gewesene, wie von selber, in uns auf. Manche lassen sich wohl gerne erzählen, wie das alles denn auch früher gewesen ist. In diesen bewegten Zeiten, wo überall so viel Neues an den Platz des Alten sich drängt, ist es auch für Viele ein natürliches Bedürfnis, in die Vergangenheit sich zu versehen und wahrheitsgetreue Bilder aus derselben zur Erbauung und Belehrung und zur richtigen Schätzung der Gegenwart in den Gemütern hervorzurufen.

Darum biete ich meinen lieben elsässischen Landsleuten diese Mitteilungen über die Landpfarrei Hürtigheim, wie die noch vorhandenen Aktenbücher in einigen zerstreuten Notizen deren Geschichte der Nachwelt vielmehr andeuten als erzählen. Es wurde zu dieser Arbeit zu Rat gezogen, was in Straßburger Kirchenarchiven darüber konnte aufgefunden werden. Dankend benützte ich endlich was mein Vorgänger, der selige Pfarrer Schneider, mit vielem Fleiß, hauptsächlich über die jüngste Zeit, aufgezeichnet hat.

Es befindet sich wohl in diesen Mitteilungen manches für den unbeteiligten Leser Unwichtige und scheinbar Unbedeutende: doch es gehört zum Ganzen und soll nur dazu dienen, wie ich hoffe, ein anschauliches und der Wahrheit entsprechendes Bild von einer elsässischen Landpfarrei in früheren Jahrhunderten zu geben. Manches in dieser Lokalgeschichte dürfte sogar für den vaterländischen elsässischen Geschichtsschreiber von allgemeinem Interesse sein.

I. Die St. Veltenskapelle und der Wallfahrtsort.

Es ist wohl nicht genauer zu bestimmen, in welcher Zeit die eben beschriebene Kirche erbaut wurde. Aber es lässt sich doch aus Allem auf ein hohes Alter derselben schließen; sie könnte wohl bis in das 14. Jahrhundert, in die Zeit hinaufreichen, da Tauler in Straßburg predigte, Königshofen seine elsässische Chronik deutsch geschrieben und Wiclif, erster Vorläufer Luthers, in England die Reform predigte.

Ursprünglich war sie eine dem St. Valentin, dem ersten christlichen Missionar in Tirol (St. Velten), dem Patron des Dorfes, geweihte, von vielen Wallfahrern aus der Nähe und aus der Ferne besuchte Kapelle. Das kleine viereckige, fast einem Taubenschlage ähnliche Häuschen über dem Dach des alten Turmes, welcher beim Neubau der Kirche beibehalten wurde, und seltsamer Weise von derselben getrennt, in etwas erfrischter Gestalt noch dasteht, soll das gewöhnliche Wahrzeichen der ehemaligen Wallfahrtsorte gewesen sein, wie z. B. auch noch in Fürdenheim. Man wandte sich an den eben genannten Heiligen mit Gebeten und Opfern, wenn Kinder in den Gichtern lagen oder mit der fallenden Sucht (Valentinskrankheit, die unwissenden Priester nämlich leiteten ihren lateinischen Namen vom deutschen: „fallen“ her und machten einen Heiligen für die „Fallenden „ daraus) behaftet waren; der Volksglaube schrieb ihm die Kraft zu, von diesen Übeln heilen zu können. Um ihn sich geneigter zu machen, brachte man ihm gewöhnlich ein schwarzes lebendiges Huhn, das in ein vergittertes Wandkästlein in der Kirche eingesperrt wurde. Oft legte man auch Geldstücke, Eier und Zwiebeln auf den Altar. Das Geld kam in das Almosen, die andern Gaben nahm der Sakristan oder der Schullehrer in Empfang. Das Opfertier verschenkte oder verzehrte er. Als die Kirche abgebrochen wurde, fand man im Schutt ein Ex-voto oder Gelübdegeschenk, eine eiserne, grob und roh gearbeitete Kinderhand.

Merkwürdiger Weise hörten diese Wallfahrten und Opfer nicht auf, als das Dorf evangelisch wurde. Noch immer strömten gläubige Pilger von außen herzu und richteten ihre Bitten an den „heiligen Velten“ und an dessen hölzernes Bild, das in einer Nische im Chor stehen geblieben war. Ja sie kamen sogar noch, nachdem das Bild in der Revolutionszeit zerschlagen und im Pfarrgarten begraben worden war. Die Verehrer des Heiligen, welche an die Zerstörung seines Bildes nicht glauben wollten, trösteten sich indessen mit der ihnen mitgeteilten Erklärung, dass die Österreicher (Anno 1814 oder 1815) es mitgenommen hätten. Alle Vorstellungen der Pfarrer bei der Ortsobrigkeit, in früheren Zeiten, halfen nichts, da der Bischof von Straßburg Anteil am Dorf hatte. Übrigens hat man ähnliche Beispiele von der zähen Hartnäckigkeit des religiösen Aberglaubens, der sich auch durch die Verschließung der Kirchtüren nicht abhalten lässt: in Hoerdt, z. B., wo die früher im Feld gelegene protestantische Kirche ebenfalls ein Wallfahrtsort war. Der Eintritt in dieselbe war den Katholiken nicht gestattet. Da kamen und warfen sie die zum Opfer bestimmten Geldstücke durch die Fenster in den inneren Raum. Denn nur da wirkt es.

Dieser Unfug, der auch die Kirche zu Hürtigheim gewissermaßen zu einem Götzentempel herabwürdigte, fand noch zweimal im neuen Gotteshaus statt. Vor einigen Jahren kam ein Weib aus dem benachbarten Kochersberg und bat um die Erlaubnis sich in der Kirche eines Gelübdes zu entledigen, was auch aus protestantischer Weitherzigkeit gewährt wurde. Nach verrichtetem Gebet, setzte die Pilgerin die traditionelle schwarze Henne mit gebundenen Füßen vor den Altar und entfernte sich.

Dies geschah am 9. Juni 1866, aber seitdem nicht mehr.

II. Das Reformationszeitalter und die „Reitpfarre“.

Unter welchen Umständen die Reformation in das Dorf drang und die alte St. Veltens-Kapelle in eine evangelische Kirche umwandelte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Das Dorf hatte damals zwei Herrschaften: die reiche und angesehene uralte Straßburger Adelsfamilie Zorn, deren beide Hauptzweige, die von Plobsheim und die von Bulach, das Lehen gemeinschaftlich besaßen, samt dem Bischof von Straßburg. Im 17ten Jahrhundert erhielt die Familie Mackau noch Anteil an dem Dorfe; darum nannte sich Franz Joseph Mackau, der 325te Stettmeister von Straßburg: Baron von Hürtigheim und wurde daselbst, 1724, begraben.

So viel ist gewiss, dass die Herren von Zorn, die in jener Zeit eifrige Freunde der Reformation waren, einen evangelischen Prediger nach Hürtigheim schickten, und die Herrn vom Domkapitel, bischöfliche Untergebene, es nicht verhindern konnten. Die Gemüter auf dem Lande, wie in den Städten, waren ja von vornherein für eine Kirchenverbesserung gewonnen. Auch versäumten die Straßburger es nicht, die Landleute die öfters in ihre Stadt kamen, namentlich zum Wochenmarkt, in Kenntnis dessen zu setzen was bei ihnen, in Straßburg, vorging. Seit bald 20 Jahren wurde im Münster das „lautere Evangelium“ durch den wackeren und frommen Matthäus (Mathis) Zell von Kaysersberg gepredigt. Die in der ganzen Gelehrtenwelt gepriesene Namen der Straßburger Doktoren der Heiligen Schrift, eines Buzer, Capito, Hedio, waren gewiss für unsere Landleute keine unbekannte Namen. Mit Freuden begrüßten sie gewiss den Tag, wo auch in ihrer Kirche der evangelische Gottesdienst und die evangelische Predigt vom Worte Gottes an die Stelle des alten Messe- und Zeremoniendienstes trat.

Ihr erster Pfarrer war Hr. Christoffel, der „Blatterarzt“, der auch das nahe Handschuhheim versah und in Straßburg wohnte. Derselbe wird erwähnt im Bericht über die Kirchenvisitation welche 1541 in sämtlichen Landgemeinden um Straßburg her vorgenommen wurde. Es klagten nämlich die Bürger von Handschuhheim, dass „Hr. Christoffel, ihr Pfarrer, wöchentlich nur einmal, etwan früh, etwan spät zu ihnen komme zu predigen, da er allwegen zuvor die Kirche zu Hürtigheim auch versehen muss.“

Wir dürfen uns nicht wundern, dass dieser Diener des göttlichen Wortes zugleich Arzt war im Blatterhause zu Straßburg. Dies war nichts Auffallendes in einer Zeit, wo der Mangel an fähigen Lehrern groß war, in Städten sowohl als besonders auf dem Lande, da die aus den Klöstern ausgetretenen Mönche nur selten zum evangelischen Predigtamte zu brauchen waren. In gar manchen Dörfern finden wir, namentlich Anfangs, Leute als Prediger angestellt, die zu diesem Amte keine besonderen Vorstudien gemacht hatten, die „vom Geiste getrieben und von natürlichem Talent unterstützt, aussprachen was das Lesen der Bibel, das eigene Nachdenken und die Lebenserfahrung in ihnen zur Reife gebracht hatten.“ Reformation, Abstellung der Missbräuche, reines Evangelium, Wort Gottes, das waren Dinge, welche alle Menschen, für oder wider, in allen Ständen beschäftigten und in allen Köpfen rumorten. So predigte in Ittenheim ein Buchdrucker, in Illkirch ein Schuster, in der Ruprechtsau ein Gärtner, und in Breuschwickersheim war es ein Bauer von Ittenheim, der zum ersten Male die Messe dort in deutscher Sprache las und das heilige Abendmahl unter beiden Gestalten austeilte.

Christoffel der Blatterarzt, dessen schöner Beruf es war der leidenden Menschheit nicht allein bei körperlichen Übeln zu Hilfe zu kommen, sondern auch geistige Gebrechen, Blindheit und Irrtum zu heilen, versah seinen Dienst in der Gemeinde von Hürtigheim bis zum Jahre 1548, wo er durch den nachherigen Pfarrer von Ittenheim, Ägidius Arnold, ersetzt wurde. Letzterer machte bald einem anderen wieder Platz, denn früher schon trat hier ein häufiger Wechsel in der Besetzung der Pfarrstelle ein.

Die kleine Gemeinde wurde von Straßburg aus durch Kandidaten der Theologie bedient, welche später „Seminaristen“ genannt wurden und meistens im Hause des Präsidenten des Kirchenconvents wohnten, unter dessen Aufsicht sie standen. Sie wurden nicht einmal zu jeder Amtsverrichtung abgeholt oder wieder zurückgeführt, sondern mussten oft den weiten Weg zu Fuß zurücklegen.

Ihre Besoldung war anfänglich, selbst für jene wohlfeile Zeit, eine sehr geringe: erhielt doch ein Stadtpfarrer in Straßburg nur 150 Gulden, und der von Dossenheim in Allem 18 Livres für das Jahr. Im Jahr 1554 klagt der Pfarrer von Hürtigheim und Handschuhheim, dass seine Besoldung kaum hinreiche „in Straßburg sein Kostgeld und auf den Dörfern den Wirt zu bezahlen, und ihm nie erlaube ein Kleid oder ein Buch zu kaufen.“ Er bekam eben nur einen halben Gulden wöchentlich von jeder Gemeinde. Eine Vergütung für den Helfer, der dem Pfarrer beim heiligen Abendmahl beistand, war bewilligt, nebst freier Kost für Beide, alle Vierteljahr, von 1682 an. Vor hundert Jahren belief sich die Besoldung auf nur 60 Viertel Frucht zu 60 Gulden angeschlagen, obgleich alles, auch damals schon, bedeutend im Preise gestiegen war. Taufen wurden mit 6 Batzen oder 24 Sols bezahlt, Kopulationen1) und Beerdigungen mit 3 Livres. Da ward dem Pfarrer, der sich einmal beklagte, die spottende Antwort erteilt: Er solle sich vom Evangelium ernähren!

Im 16ten und 17ten Jahrhundert war Hürtigheim mit dem nahen Handschuhheim verbunden. Doch war das letztere Dorf mit dieser Einrichtung nicht zufrieden. Unter Anderem klagten die Bürger desselben wieder bei der Kirchenvisitation von 1600, wie schon früher: sie wünschten stets, in kirchlichen Dingen, ihren Anschluss an Ittenheim, was auch gewährt wurde, Anno 1702, wo Hürtigheim zu Oberhausbergen kam. In letzterem Orte wohnte nun der Pfarrer, den ein Bürger, um 7 Viertel Frucht fürs Jahr, jeden Sonntag abholen musste. Im Winter kam er schon am Samstag, und erteilte notdürftig den Religionsunterricht. Es war eine sogenannte „Reitpfarre“. Darum wundern wir uns nicht im Kirchenbuch, bei Ankauf eines Sattels, Anno 1714, diesen wohlgemeinten frommen Wunsch zu finden: „Gott gebe dass ihn die Herren Nachfolger allezeit in guter Gesundheit gebrauchen, und wie er bei angefangenem Frieden erkauft, also auch in künftigen Zeiten bei gutem Frieden möge erhalten werden!“

Von der Vereinigung mit Oberhausbergen an versahen die Geistlichen die Gemeinde eine längere Zeit; früher aber blieben sie in der Regel nur 2 Jahre hier, so dass 20 unter ihnen kaum so viel Dienstjahre zusammenbrachten, als mein schon genannter Vorgänger im Amte war. Schreiber dieses ist deswegen schon der 73te auf der Pfarrliste.

Auf diesem langen Verzeichnis ist meines Wissens nur der Name von Oseas Schadäus (Schade) hervorzuheben, der nachher Pfarrer in dem, später zum Katholizismus zurückgekehrten Düttlenheim, Diakon zu Alt St. Peter und Pfarrer zu St. Nicolai in Straßburg wurde. Er war ein sehr fleißiger und gelehrter Mann, ein fruchtbarer Schriftsteller und Geschichtsschreiber, der sich durch seine gegen die katholische Kirche gerichteten Kontroversschriften auszeichnete. Er ist, unter andern Broschüren, der Verfasser vom „Straßburgischen Fassnachtsküchlein“, worin er, nach damaliger Redeweise und Schriftauslegung, die Jesuiten „den Schwanz des apokalyptischen Tiers“ nennt. Er kam nach Hürtigheim, nur während 2 Jahren, 1607 und 1608, kurz vor dem dreißigjährigen Krieg.

Wie beschwerlich war doch damals der Pfarrdienst, zumal bei der schlechten Beschaffenheit der Straßen, und wie viel größer noch waren die Übelstände für die Gemeinde selbst! Keinem Prediger, weil er nicht im Dorf wohnhaft war, und wegen der Kürze seiner Amtsführung, war es möglich, nachhaltigen Einfluss auf die Gemeinde zu gewinnen oder sie nur hinreichend kennen zu lernen.

Es hieß eben damals auch: Wenn man nicht machen kann wie man will, so macht man wie man kann.

Und doch war dieses Dorf vor vielen anderen begünstigt, die den sonntäglichen Gottesdienst noch immer entbehren mussten, oder in den Stürmen der Zeit das was sie einst besaßen wieder verloren.

Denn es sollte den evangelischen Gemeinden des Elsasses nicht fehlen an Drangsalen jeder Art. Kaum waren dieselben in eine ruhige Entwicklungszeit eingetreten, so brach der dreißigjährige Krieg aus, der lang genug auch unser schönes Elsass zum Schauplatz hatte und dasselbe schwer heimsuchte.

III. Die Zeit des dreißigjährigen Kriegs.

In diesem langen Kriegsjammer, als die verschiedensten Kriegsvölker, Horden von Polen, Österreichern, Deutschen, Kroaten, Spaniern, Dänen, Schweden und Franzosen hin und her zogen, wurde auch das Elsass mehrere Male von denselben überschwemmt, so dass unsere Urgroßväter noch von der Schwedenzeit zu erzählen wussten. Alle Burgruinen, Schanzen und Kriegswerke führten sie auf dieselbe als auf das älteste fürchterliche Gedenken der Väter zurück. „Der Schwed' kommt!“ war lange Jahrzehnte das Schreckenswort womit man die Kinder in Furcht und Angst versetzte.

Die allgemeine Not wurde aber erst recht groß seit Anno 1621. Damals brach Graf Ernst von Mansfeld, ein Parteigänger des Churfürsten Friedrich von der Pfalz, mit seinen unbändigen Heerscharen in das Elsass, und führte den Krieg nach dem in jenen Zeiten aufgekommenen und seitdem noch oft befolgten, in seinen Anwendungen besonders für den Landmann empfindlichen Sprich- und Stichwort: der Krieg ernährt den Krieg.

Es ist aber von jeher ein nicht allein dem elsässischen, sondern dem Landvolk überhaupt eigentümlicher Zug, ja wie ein Naturtrieb gewesen, sich bei herannahender Kriegsgefahr wo möglich hinter die Mauern der Festungen zu flüchten. Dies haben wir Anno 1870 erlebt, wie unsere Großväter bei den Blockaden von 1814 und 1815. Denn das nie eroberte Straßburg galt als ein sicherer Zufluchtsort. Diesem Naturtrieb folgend, flohen auch im dreißigjährigen Kriege viele Einwohner von Hürtigheim und der ganzen Umgegend nach Straßburg, jedes Mal wenn die feindlichen Heere näher kamen. Feindlich aber waren sie alle. Auch als zehn Jahre nach Mansfeld, 1631, die schwedischen Truppen einrückten, so machten sie keinen Unterschied zwischen evangelischen und katholischen Bevölkerungen, obgleich sie für die protestantischen Reichsstände gegen die katholische kaiserliche Macht kämpften. Besonders gefürchtet aber waren die Räuber- und Plündererbanden, die den Armeen nachzogen und welchen die Landgemeinden preisgegeben waren.

Diese Zustände schildert Moscherosch, ein Zeitgenosse (gest. 1669), mit diesen Worten: „Ich muss jetzt mein Brot selber suchen, hinter dem Pflug und ängstlich muss ich mir die dazu gelegene Zeit ausspähen unter den Geschossen der Feinde, den Gefahren eines täglich bedrohten Lebens und der steten Sorge, dass man mir meine Ackerpferde und mein Zugvieh raube. Eine Muskete auf dem Rücken, eine Handbüchse in der Rechten, eine Pistole im Gürtel und eine kleine Schusswaffe in der Tasche, so gehe ich hinter den arbeitenden Tieren her, und um schwarze Gedanken zu verscheuchen, sinne ich auf irgendein Gedicht.“

- Viel schlimmer daran waren die allermeisten Landleute. Ein gemeiner Mann war größtenteils in den Dörfern und auf dem flachen Lande noch ein an die Scholle gebundener Leibeigener. In Friedenszeiten schon war er beinahe ohne alles Recht, geschweige denn im Kriege; da stand er ohne allen Schutz und ohne Wehr.

Es traf ein was der Seher (Offenbarung Johannis, Kapitel 6) unter der Gestalt der vier grauenvollen Reiter mit dem Auge des Geistes erblickt hat: auf den Krieg folgte die Hungersnot, und auf die Hungersnot die Pest, und der große Sensenmann, der Tod, hielt eine nur allzureiche fürchterliche Ernte. In Zehenacker blieben nur drei geschundene Bauern und einige arme Taglöhner übrig; in Hohakenheim, am Kochersberg, waren nur noch zwei Bürger, und aus einem oberelsässischen Ratsprotokoll entnehmen wir, dass die Menschen, durch den Hunger getrieben, Leichen raubten und verzehrten! Es war für das Elsass eine Zeit des allertiefsten Elends - Jahrzehnte lang.

Wie sehr Not und Jammer auch das Dorf Hürtigheim trafen, welche Verheerungen Krieg und Pest daselbst angerichtet, beweisen die Eingangsworte eines noch vorhandenen Aktenstücks: Renovatio Hürtigheimischen Kirchenguets, uffgericht 1660: „Demnach durch vorigen langgewährten Krieg, wie aller andern Orten, also auch zu Hürttigheimb, meistenteils Bürger vertrieben, verjagt, gestorben und verdorben, dass wegen solchen großen Abgangs der Menschen, auch fast miteinander alle zum Bann Hyrcken (Hürtigheim) gehörige Güter, in allerhöchsten Abgang und Missbau geraten, und lange Zeit dergestalten verödet zu Egerdten (brach) gelegen: welche Gueter, obwohlen selbige hernach, auf den von Gott wiedererlangten höchst erfreulichen Frieden, je nach und nach umgebrochen, erfrischt und soviel möglich gewesen, in bau gebracht, sind jedoch meistenteils Gültgüter, voneinander zerstücket, zertrennt, verteilt, vertauscht und in andere Wege verändert worden…“ So jammert der von Straßburg herbeigerufene Notarius, der mit Hilfe von sieben beeidigten Bürgern die Grenzen der Grundstücke wieder feststellen musste, und es ist anzunehmen dass allenthalben Ursache zu ähnlichen Klagen vorhanden gewesen. Das war zwölf Jahre nach dem Anno 1648 in Westfalen geschlossenen Frieden.

Es blieben in dem armen Dorfe nur 27 Haushaltungen. Die Lücken in den Kirchenbüchern, welche in jenen Zeiten darin vorkommen, zeigen die gänzliche Zerrüttung der Gemeinde. Die in Straßburg unter den Geflüchteten geschehenen Taufen, Ehen und Beerdigungen wurden hier nicht eingeschrieben; man hatte vor der Hand anderes zu tun: das nackte Leben davonzubringen! Das erklärt uns auch warum die Fenster und das Gestühle in der Kirche, nebst der Bretterwand um den Kirchhof, welche die Soldaten im Krieg zertrümmert hatten, erst Anno 1680 und 1682 wieder ausgebessert wurden.

An vielen Orten gingen die Kirchenbücher ganz verloren; jedoch hier blieben sie erhalten und führen ausnahmsweise bis auf das Jahr 1606 zurück.

Aber nicht allein die Bauern, auch ihre Pfarrer waren in diesen Jammer- und Sturmeszeiten allerlei Nöten und Gefahren ausgesetzt. Manche wurden durch die Soldaten gefangen genommen, mitgeschleppt, und konnten nur mit schwerem Geld wieder ausgelöst werden. Beim Einschreiben einer Leiche, im Jahr 1633, merkt der Pfarrer Brunn in dem Sterberegister an, dass sein Amtsbruder von Ittenheim dieselbe gehalten, weil er selbst „wegen der Dachsteinischen, so die Leute aufgefangen, nit hinaus konnt.“ Es war eine wahre Schreckenszeit. Noch Anno 1676, ein Jahr nach Turennes Sieg bei Türkheim, im Münstertal, wurde ein bloß zinnerner Abendmahlskelch mit Patene gekauft, „weil man wegen der streiffenden französischen Partheien den silbern Kelch aufs Land nicht getrauete mit sich hinauszunehmen.“ Wenn der Gottesdienst selbst unterbrochen wurde, so war es doch nur auf kurze Zeit, denn wir finden keine Lücken in dem Verzeichnis der Pfarrer. Diese konnten ja bei jeder größeren Kriegsgefahr in dem festen und starken Straßburg verbleiben und den günstigen Augenblick abwarten, um hinaus aufs Land zu gehen, während die Geistlichen, die in den Dörfern selbst wohnten, vertrieben worden, oder ihnen die nötigsten Mittel zu ihrer Unterhaltung ausgingen. War doch oft nur ein Pfarrer für 15, ja für 30 Gemeinden da, und wurde an andern Orten, z. B. in Mariakirch und Buchsweiler, zehn ganzer Jahre lang keine Predigt gehalten.

Dasselbe Los traf während des dreißigjährigen Krieges und nach demselben viele katholische Gemeinden, die dann, weil sie keinen eigenen Geistlichen mehr unterhalten konnten, sich an den nächsten protestantischen Pfarrer für gewisse unentbehrliche Amtsverrichtungen, namentlich für die Taufen wandten. Die Kirchenbücher von Hürtigheim, so wie die von Quakenheim erwähnen mehrere Taufen von katholischen Kindern. Dasselbe taten auch die Protestanten in ähnlicher Lage, ohne dass deswegen ein Übertritt in die andere Kirche stattgefunden hätte.

Gemeinsames Unglück bringt oft die Menschen zusammen und kann alte Gegner für eine Zeit mit einander versöhnen. Übrigens war das Verhältnis, in dem katholische und evangelische Christen zu einander standen, damals noch kein so schroffes und gehässiges, wie später, als die Jesuiten durch Ludwig XIV. auch im Elsass zur Herrschaft gelangt waren. Durch die Jesuiten wurde der Hass gegen die sogenannten Ketzer in dem armen, heimgesuchten Lande erst recht angefacht und geschürt. In jener Zeit, wie heute noch, stellten sie sich zu ihrer Hauptaufgabe: den Protestantismus auszurotten. Daraus kannst du leicht und sicher auf die Wirkungen schließen, welche die neuerdings katholischerseits gewünschte Wiedereinführung des Jesuitenordens im Elsass haben würde.

Was die Jesuiten bei den Vornehmeren und die Kapuziner bei dem gemeinen Volk bewirkten, lehrt leider die Geschichte so mancher evangelischen Gemeinde, die am Ende des 17. Jahrhunderts unter damaliger französischer Herrschaft mit List oder Gewalt zu der katholischen Kirche zurückgeführt und zurückgezwungen wurde. Nach der Vereinigung des Elsasses mit Frankreich, 1648, fand die katholische Partei eine mächtige Stütze in der neuen Regierung. Namentlich seit der Widerrufung des Edikts von Nantes, 1685, wurden alle Mittel angewandt, um der protestantischen Kirche den Boden unter den Füßen wegzunehmen; Einschüchterung, Drohung, Versprechungen und Gewalt. Alle Schultheiße und Vögte mussten katholisch sein: diese Verordnung wurde aber von den evangelischen Herrschaften, so viel als möglich war, umgangen, indem sie statt eines Schultheißen einen „Stabhalter“ in den Dörfern, die gleichen Bekenntnisses waren, wie sie, also auch in Hürtigheim, einsetzten. Daher in den protestantischen Teilen des Unter-Elsasses der so häufig vorkommende Hofname „Stabhalter“. Denjenigen Bürgern, welche zur römischen Kirche übertraten, wurden die Abgaben und das Fronen erlassen. So klagte, 1707, der Pfarrer von Ittenheim bei den Straßburger Kirchenvisitatoren, dass einige Bürger, „wegen des Frohnens“, Willens seien, katholisch zu werden. Ähnliches wurde in unserer Gemeinde versucht, jedoch ohne Erfolg. Wo sieben katholische Familien sich fanden, musste das Chor der Kirche ihnen eingeräumt werden: man fand sie hier nicht. Das Dorf blieb ganz evangelisch und ist es bis auf den heutigen Tag.

Der evangelische Reformations-Same war eben im sogenannten „Ackerland“, auf ein „gut Land“ (Matth. 13, 8) gefallen und hatte tiefe Wurzeln geschlagen, sogar bei einzelnen Bürgern in ganz katholischen Dörfern. Das hiesige Kirchenbuch nennt mehrere protestantische Familien, die noch im Jahr 1658 in Stützheim wohnten und die nach Hürtigheim zum heiligen Abendmahl gingen.

IV. Innere Zustände: Kirche und Schule.

Lasst uns jetzt, nachdem wir mehr die äußeren Verhältnisse und Schicksale dieser Landgemeinde betrachtet haben, auch einen Blick werfen in das innere Leben, die Sitten und Gewohnheiten derselben.

Auch hier begegnen wir, wie natürlich, Zuständen, welche diese Pfarrei mit vielen andern gemein hat, die aber doch ihr eigentümliches Gepräge tragen, und nicht ohne besonderes Interesse sind, namentlich im Vergleich mit unsrer Zeit.

Ein großer Unterschied zwischen Sonst und Jetzt besteht schon in der damals streng gehandhabten und heute fast ganz vergessenen Kirchenzucht und dem geistlichen Regiment.

Das Leben im allgemeinen war hart, rau und mitunter auch roh; die Kirche hatte strenge Maßregeln und Strafen zunächst gegen die Unzucht aufgestellt. Personen, welche in unerlaubtem Umgang miteinander gelebt hatten, wurden in den Turm oder in das „Häusel“ gesperrt, oft auf drei Tage lang. Erst nach dieser Gefängnisstrafe und nachdem beide, zum Schluss des öffentlichen Gottesdienstes vor dem Altar, in Gegenwart der Gemeinde eine strenge Predigt hatten anhören müssen, fand die kirchliche Kopulation statt. Ein Pfarrer, der Anno 1615 ein solches Paar vor sich hatte, erzählt im Aktenbuch: „Er habe die Kirchenordnung (die ihm zu mild vorkam) umb ein gutts gebessert, und zuletzt nach einem Text aus dem dritten Buch Mosis, die Leviten ihnen gelesen, dass es ein Namen gehabt.“

Die Übertretung der Kindespflichten wurde ebenfalls hart bestraft. Erwachsene Söhne, die sich Ungehorsam gegen die Eltern oder gar grobe Misshandlung derselben hatten zu Schulden kommen lassen, wurden mit einer Geldstrafe belegt und in die Geig gespannt und also vor die Kirchtüre gestellt „andern zum Exempel“, heißt es im Pfarrbuch. Die Geig (oder Gyg) war nämlich ein Strafwerkzeug von Holz, das mit einer Halskette dem Schuldigen angehängt wurde, während die Hände ihm auf den Rücken gebunden waren. Dies war schon eine Strafe bei den alten Römern (Tabula) und erinnert an den Klapperstein von Mülhausen, den die Verleumder und losen Schwätzer durch die Stadt herumtragen mussten.

Es galten die Strafen der Kirche auch dem Fluchen, Schwören und der Gotteslästerung. Der Schuldige wurde vor dem Altar und vor der ganzen versammelten Gemeinde zur Buße ermahnt. Öffentlich musste er versprechen sich zu bessern. „Gott stehe ihm bei durch seinen Heiligen Geist“, ruft der Pfarrer einmal nach kräftig geübter Kirchenzucht aus.

Auf Antrag des Geistlichen erschien im Jahr 1699 ein Dekret gegen das Spielen als „den Ursprung vieler andern Sünden“, wie mit vollkommenem Recht bemerkt wird. „So wohl die Wirte als die Gäste, heißt es wörtlich, sollen an die im Dekreto stehenden scharfen unablässigen (nicht zu erlassenden) Strafen, neben der unausbleiblichen göttlichen Strafe, ernstlich erinnert werden.“

Hierher scheint uns endlich auch zu gehören eine Verordnung von 1685, die von der Kanzel herab bekannt gemacht wurde und also lautete: „Herr Schultheiß hat angezeigt dass weit über 50 Jahre kein Messtag (Messti) gehalten worden und wegen des gottlosen fluchens, sauffens und händels so dabei vorgehen, jetzo und ins künftig niemand um einen Messtag anhalten soll, bey straff von 6 livres „ Den Vorstehern der Gemeinde hat deutlich vorgeschwebt, was der alte Prediger Geiler von Kaisersberg mit folgenden, leider auch heute noch allzu wahren Worten ausdrückt: „Es ist kein kirchweih noch jahrmarkt, der teuffel rüstet sein kirchweih auch daneben uff, und richtet seinen schragen und krom zu markt.“

Eine jedes Jahr wiederkehrende und unsrer Gemeinde besonders angehörige Belustigung war der „Lundiboll“. Am Himmelfahrtstag wurde ein schon erwachsener Knabe ganz in Laub gehüllt und mit Blumen bedeckt, durch das ganze Dorf hindurch halb getragen, halb geführt, während die sämtliche Dorfjugend, mit geschmückten Weidenstangen bewaffnet, nachzog, und unter Singen und Pfeifen und anderem Lärm „Boll, Boll, Lundiboll“ rief; ein Ausruf, der an ein keltisches Wort, den Bel, den gallischen Sonnengott (Belchen, Bollenberg, Bollwiller) erinnert und vielleicht auf einen heidnischen Ursprung des ganzen Aufzugs schließen lässt. Es dürfte vielleicht als ein Rest eines Sonnenfestes angesehen werden, und der eingehüllte Knabe eine versinnlichte Darstellung sein des herangekommenen Sommers. Den Todesstoß erhielt vor etwa zwanzig Jahren diese Dorfsitte durch das polizeiliche Verbot, keine Weidenstangen mehr abzuhauen.

Nun besteht noch ein weniger geräuschvolles Pfingstfest, an dem nur die kleineren Schulkinder Anteil nehmen. Dieselben tragen einen „Maien“, einen mit Blumen und Bändern geschmückten Baumast, singend und jauchzend von Hof zu Hof, und sammeln dabei Wein, Eier, Speck und Pfingstkuchen. Die empfangenen Gaben werden dann gemeinschaftlich verzehrt.

Doch lasst uns zu unserer Dorfkirche zurückkehren, deren unschöne aber doch heimliche Räume uns schon bekannt sind.

Der sonntägliche Gottesdienst fand gewöhnlich nach den Straßburger Kirchenordnungen statt. Im Jahre 1651 fing man an nach dem Eingangsgebet, ein Kapitel aus der Heiligen Schrift vorzulesen, wie dies auch in vielen Gemeinden beibehalten oder wieder neu eingeführt worden ist.

Mancher unserer Leser wünscht vielleicht sich von der damals üblichen Predigtweise einen Begriff machen zu können: so suche man sich einige Reden zu verschaffen, die in früherer Zeit in Straßburg gehalten und gedruckt worden sind. In den Kirchenbüchern wird einmal ein sehr passender Text für eine Abschiedspredigt angeführt, Römer 12, 16, wie auch der Text zu einer Leichenrede für einen 92jährigen Mann, Sprüche 16, 31.

Es ist aber anzunehmen, dass die Predigtweise der Straßburger Pfarrer und Professoren einen Wiederhall auf den Kanzeln der Landkirchen fand. Falls dass die Prediger, die nach Hürtigheim kamen, sich nicht von der in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts zu Straßburg vorherrschend gewordenen streng lutherischen Denk- und Predigtart frei hielten, so müssen wir unsere schlichten Dorfleute bedauern, dass sie statt der so einfachen Lehre des Evangeliums, so viel gelehrte lateinische Brocken aus der Dogmatik und Theologie jener Zeit in ihrem Kirchlein hören mussten.

Für die Schläfer diente „das Kirchensäckel“, auch Klingelbeutel genannt, und nicht, wie man hätte glauben sollen, zum Almosen einsammeln allein. Darum wurde es im Jahre 1676 mit einer „Cymbale“, einem Glöcklein versehen, das an jedem Schlafenden beim Herumtragen in Bewegung gesetzt wurde. Das mahnende Glöcklein haben wir alle noch vor einigen Jahren gehört, obgleich dasselbe, wie das Kirchensäcklein selbst, durch ein Sendschreiben des Direktoriums (1843) verboten wurde. Was aber die besonders auf dem Land vorkommende Gewohnheit des auch die Andacht der Andern so sehr störenden Kirchenschlafs betrifft, so lesen wir im Quatzenheimer Pfarrbuch folgende Verordnung von 1673: „wegen des schändlichen Schlafens während der Predigt soll hinfüro allezeit, wenn der Pfarrer von der Kanzel herabgeht, das Examen aus der Predigt, sowohl mit den Alten als mit den Jungen vorgenommen werden, um die Leute damit zu mehrerer Aufmerksamkeit aufzumuntern.“ Ob diese Maßregel streng durchgeführt oder sonstwo noch angewandt wurde, wissen wir nicht.

Ein die Seele erhebender Anblick war es gewiss, wenn die Gemeindeglieder an Sonn- und Festtagen, in dicht gedrängten Reihen versammelt waren. Gern versehen wir uns in das Kirchlein, wenn das heilige Abendmahl gefeiert wurde und Alle sich in ernster Stimmung dem Altare nahten. Nach den noch vorhandenen Verzeichnissen, kommunizierten in früheren Zeiten regelmäßig sämtliche Erwachsene jedes Vierteljahr.

Seht, es naht ein Hochzeitszug, den wiederholtes Büchsenknallen angekündigt hat, woran wir schon erkennen, dass es ein vornehmer Zug ist. Unmittelbar hinter den aufspielenden Musikanten schreitet in voller Amtstracht der würdige Herr Pastor, der die Hochzeit hat abholen und bis zur Kirche begleiten müssen, wie es früher allgemein und noch in den letzten Jahren, bis zum Direktorialverbot, an manchen Orten im Elsass die Sitte war. Das war ein Schmuck und Ehrenzug. Der Bräutigam trägt einen langen Rosmarinstängel in der Hand, und auf dem schmucken dreieckigen Hut einen mächtigen, schweren Blumenstrauß. Die Braut trägt auf dem Haupte eine hervorragende Krone von Papier und Flittergold, an welcher, mit feinen metallenen Fädchen befestigt, Sonne, Mond und Sterne von gleichem Stoff prangen. Die Brautjungfern haben an diesem Tag ebenfalls Kronen, nur von geringerem Umfang, statt der gewöhnlichen mit breiten flügelartigen Bändern und mit Metallstickerei bedeckten Haube. Die jungen Ehrenbursche haben ihren Hut ebenfalls mit einem Strauß geschmückt. Nachdem die Neuvermählten den Segen der Kirche empfangen haben, im Augenblick wo der Geistliche das Amen spricht, knallen draußen die stärksten Flinten- und Büchsenschüsse los, so dass die alten Fensterscheiben erzittern und erklingen. Eine alte, nicht immer gefahrlose Sitte oder Unsitte, welche hie und da auch noch vorkommt.

Bei dieser Gelegenheit dürfen wir nicht vergessen, dass die Herren Kirchenvisitatoren, auch in dieser Gemeinde, schon Anno 1660 gegen die „allzu kostbarlichen Brautsuppen und Festgelage, sowohl bei der Hochzeit selbst, als bei dem vorangehenden „Bartwein“, oder Verschreibungsakt“, Klage erheben. - Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Wenn wir vor dem Jahre 1656 einer Kindtaufe in unserm Kirchlein beigewohnt hätten, so hätten wir zunächst vor dem Altare eine Wiege, „Waagbettlein“ genannt, auf einem kleinen „Schragen“ ruhend, erblickt, und gesehen wie der Pastor sich über das darin liegende Kind neigt und ohne es herauszunehmen an dem wohlverwahrten und sanft gebetteten Säugling die heilige Handlung vollzog, was namentlich in strenger Winterszeit eine kluge und vorsichtige Gewohnheit war. Ich sage, vor dem Jahre 1656, denn „in demselben Jahre, wie das Pfarrbuch berichtet, wurde der Ritus, in der Wiege zu taufen, auf Befehl einer gestrengen Straßburger Obrigkeit abgeschafft und man fing an auf dem Altar und auf den Armen zu taufen.“ Der vernünftige und für alle Teile bequeme und sichere Gebrauch das Kind in der Wiege liegen zu lassen, welcher in einigen Gemeinden heute noch fortbesteht, war dem zu jener Zeit in allen Stücken sehr strengen Straßburger Kirchenkonvent unschicklich, unpriesterlich, unlutherisch vorgekommen.

Auch der Choral, das protestantische Wahrzeichen einer evangelischen Gemeinde, fehlte nicht beim Gottesdienste. Doch ließ dieser Gesang gar viel zu wünschen übrig, weil keine Orgel da war. Wohl sollte der Schullehrer mit den Kindern die Kirchenmelodien einüben; wie war aber da viel zu Wege zu bringen bei dem damaligen traurigen Zustand der Schule? Es hat überhaupt lange Zeit gewährt, bis der allgemeine Kirchengesang wie er jetzt existiert mit allen seinen Unvollkommenheiten in den elsässischen Landgemeinden eingeführt wurde. Was die in Rede stehende Gemeinde anbetrifft, so trauen wir kaum unsern Augen, wenn wir in den Pfarrbüchern Folgendes lesen: „Anno 1685 wird auf Anhalten des Pfarrers und auf Obrigkeitsbefehl, von der Kanzel und von dem Herrn Schultheißen verkündet, dass die Mannspersonen auf dem Lettner und die Weiber und Töchter sollen mitsingen, bei Strafe von 1 Schilling (4 Sous), und soll es der Nachbar angeben, der einen halben Batzen davon haben soll.“ Das war gut gemeint, aber es gab scheint's auch damals schon unpraktische Menschen selbst unter den obrigkeitlichen Personen.

Wie wenig dergleichen geholfen, beweisen die Klagen, die Dr. Dannhauer von Straßburg in seinem Bericht über die Visitation der Gemeinden von 1660 laut werden ließ: „dass fast an allen Orten der größere Teil der Gemeinden in den Kirchen stumm dasteht, und nicht singt; viel können nicht mitsingen; Etliche, ob sie gleich singen könnten, halten es ihnen für eine Schand, sonderlich die Weiber.“ Auch in diesem Stück also ist es besser geworden unter uns, wenn auch hierin noch Manches zu wünschen übrig bleibt.

Ehe wir zum Schulwesen übergehen, erlaube man uns hier eine Notiz vom Jahr 1685 einzuschalten, die ein allgemeines Interesse darbietet: „auf königlichen französischen Befehl bei Straf von 250 Gulden (sic) ist verordnet worden, dass bei Leichen, Hochzeiten und Kindtaufen die Eltern und Pfetter oder andere an deren statt als Zeugen selbst unterschreiben, oder das „Hofzeichen“ zu ihrem Namen machen sollen, so sie des Schreibens unerfahren.“

Letzteres war, leider, gar oft der Fall. In der Tat finden sich von 1685 an, in unsern Kirchenbüchern, und wie wir wissen in vielen andern, neben den Namen die der Pfarrer einschrieb, die „Hofzeichen“, mit den verschiedensten Formen, als: ein Kreuz oder eine Krone, ein Pflug oder eine Egge, ein Hufeisen, eine Leiter, eine Heugabel, und so weiter. Diese Hausmarken, die wir noch heut zu Tage über mancher Haustüre sehen und die allgemein hier ins Gerät eingeschnitten, in anderen Gegenden sogar dem Vieh eingebrannt werden, und am Kirchenstuhl und am Grabstein sich befinden, dienten zum Handzeichen und als Unterscheidungsmarken für die Verzweigungen einer und derselben Familie. Die förmlichen Namensunterschriften sind noch selten. Diese höchst wunderliche Bilderschrift führt uns auf die Schulen auf dem Lande und ihren Zustand.

Wie es in früheren Jahrhunderten mit dem Unterrichtswesen bestellt war, davon können wir uns heut zu Tage nicht leicht eine Vorstellung machen. Es sah eigentlich mit den Schulen schlecht aus vor der Reformation, sie allein ist die Mutter des Unterrichts, auf dem Lande gar: denn es gab keine Schulen auf dem Lande. Während viele Gemeinden ihre Schulen erst vor etwa 150 Jahren kümmerlich genug erhielten, werden in dem in der Nähe des für evangelische Bildung besorgten Straßburg liegenden kleinen Hürtigheim schon 1639, mitten in dem 30jährigen Kriege Lehrer erwähnt. Diese waren aber oft nur auf einen Winter „gedingt“ oder angestellt; wenn das Frühjahr kam und die Feldarbeit anging, mussten sie zum Wanderstab greifen. Zuweilen gingen auch die Kinder in die Nachbargemeinden nach Ittenheim oder Quakenheim zur Schule.

Bemerkenswert ist hier gewiss auch der Umstand, dass in unserm Zeitalter noch, ja vor kaum etwa fünfzehn Jahren, die Kinder bei Regenwetter wegen der Bodenlosigkeit der lehmigen Dorfstraße auf Stelzen, wie in den „Landes“ der Gascogne noch jetzt geschieht, das Schulhaus mussten zu erreichen suchen.

Fast unglaublich klingt es aber, dass 1691 ein Lehrer angenommen wurde, der wohl lesen aber nicht schreiben konnte. Dieser blieb drei Jahre. Der Lehrer von 1698, „ein lediger Beck“ (Bäcker) hingegen, wie auch sein Nachfolger, „ein Student der Theologie“, werden sehr gelobt, dass sie die Jugend höchst rühmlich unterrichtet haben im lesen, schreiben, singen und beten, und zu aller Gottesfurcht eifrig angehalten. „Gott gebe und beschere ins künftig der Hürtigheimischen Schuljugend ferner dergleichen Leute.“ Die meisten Schulmeister waren Fremde, zuweilen Ausländer, die ein wenig mehr Bildung besaßen, als andere Leute, aber keine eigentliche Vorbereitung zum Lehramt erhalten hatten. Dasselbe hätte sie aber auch nicht ernähren können; darum trieben sie nebenbei notgedrungen allerlei Handwerke: einer war Kiefer, ein andrer Wagner, ein dritter Sattler und Gemeindebote oder „Büttel“, wie denn auch von einem Soldaten erzählt wird, der in Grafenstaden an den Urlaubtagen Schule hielt.

Dass dieser Unterricht sehr dürftig und mehr als mangelhaft gewesen, das liegt auf der Hand. „Eine Folge davon, so klagt der Straßburger Dr. Dannhauer in der schon angeführten Kirchenvisitation, ist, dass Viele die Predigt nicht verstehen, dass Viele in der Kirche stumm sitzen, und dass allerlei Laster, Fluchen, Zauberei, Verachtung des göttlichen Wortes, um sich greifen.“ Und doch war dieses Wenige was geschah, eine auf dem Lande seltene, in hundert Gemeinden unbekannte Wohltat. Denn in dieser Hinsicht leben wir seit unserer Großväter Zeiten in einer neuen Welt. Das verdanken wir alles der Reformation und dem Protestantismus. Wer fromm dabei ist und recht tut, der kann, wenn er nur will, im Lichte und im Frieden wandeln.

Der Religionsunterricht, der vom Pfarrer selbst gegeben wurde, bestand im Auswendiglernen der sechs Hauptstücke des lutherischen Katechismus und einiger Bibelsprüche. So wenig und so einfach dies auch war, hielt es doch schwer das Wenige mitzuteilen, denn gedruckte Bücher waren keine oder nur in höchst unzureichender Anzahl vorhanden, und die nötigen Vorkenntnisse und Fertigkeit im Lesen und Schreiben fehlten allermeist in den früheren „guten alten“ Zeiten. Die Mühe, die ihn der Religionsunterricht kostete, erzählt Christian Chremerius, Pfarrer zu Hürtigheim Anno 1550: „er habe der armen erwachsenen Jugend zu gut den Kinderbericht (Kinderlehre) angefangen. Da müsse er allwegen Sommer und Winter am Samstag bei guter Zeit (aus Straßburg) herausgehen, um noch vor Abends die Kinder von allenthalben (her) zusammenbringen zu können; denn er müsse einem jeden seine Lektion, die es auf den Sonntag lernen sollte, vorsagen, so dass ihm also zwiefache Zeit und Arbeit darauf ginge.“ Dank dir! du getreuer Hirte der du den zerstreuten Schäflein deines Herrn so fleißig nachgegangen bist und sie um dich gesammelt hast! Dank dir nach mehr als 300 Jahren noch in deiner Gruft, wo auch deine Gebeine ruhen mögen!

Dieser kläglichen Mangelhaftigkeit abzuhelfen, fanden von 1654 an alle Vierteljahre sogenannte Katechismuspredigten statt, und wurde auf den regelmäßigen Besuch der Kinderlehre sehr streng gehalten. Denselben mussten auch die erwachsenen Bursche und Jungfern bis ins fünfundzwanzigste Lebensjahr und noch darüber beiwohnen. Versäumnisse wurden mit Geld bestraft oder durch Ausschließung von den Patenstellen, usw.

Ein eigentümliches Mittel der Aufmunterung bestand in der Verteilung von Geld unter die „Katechismuskinder“, das zu Hürtigheim zum ersten Male Anno 1607 in Anwendung gebracht wurde; damit sie, wie an andern Orten gebräuchlich, „das neue Jahr empfingen, und also zu Gottes Wort, der Kirche und dem Gebet Lust und Liebe bekommen und angereizt werden möchten.“ Die Bescherung belief sich gewöhnlich für alle insgesamt auf 1 Gulden und 5 Batzen, die der sorgfältige Geistliche „in Straßburger Münze, in neue plappert, halb patz und Pfennig zuerst auswechseln ließ.“ Während des 30jährigen Krieges klagen oftmals die Pfarrer, dass sie, wegen der Kriegsnot, vom Schultheißen oder vom „Heiligenpfleger, Heiligenmeyer“ (Almosenpfleger oder Verwalter dessen, was der alte Wallfahrtsheilige eintrug) nur eine geringere Summe oder gar nichts zu diesem Zweck erhalten konnten. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden auf Weihnachten und Neujahr, statt des Geldes, gedruckte Lieder- und Spruchbüchlein geschenkt.

Wie selten noch am Ende des siebenzehnten Jahrhunderts (1699) die Gebets- und Erbauungsbücher, sogar in einer Straßburger Landgemeinde waren, beweist die Anschaffung eines „Krankenbüchels“ für die Gemeinde, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Gebetbuch, das von Haus zu Haus wanderte, je nachdem man an einem Krankenbett desselben bedürftig war.

Mit Lob wird auch in dieser Hinsicht des adeligen Dorfherrn Fried. Aug. Zorn, von Plobsheim, gedacht, der 1718 zwei Bibeln der Schule von Hürtigheim verehrte.

Wir haben diese verschiedenen, oft scheinbar unwichtigen Züge aus Kirche, Schule und Gemeindeleben zusammengelesen, um dem denkenden Leser die Zustände jener oft über alle Maßen gepriesenen guten alten Zeit auch im Übrigen lebhaft zu vergegenwärtigen und an dieser Landpfarrei und ihrer Geschichte zu zeigen, wie mangelhaft, roh, dürftig und kümmerlich im allgemeinen die inneren und äußeren Verhältnisse gestaltet waren. Ich bin des Alten treuer Knecht, wenn es ein Gutes ist.

Indessen wir nähern uns einer besseren Zeit. Zuvor aber kamen noch über unsere Landgemeinde, wie über alle anderen Gemeinden des Elsasses, einige sturmbewegten Jahre: die der großen französischen Revolution, mit ihren Alles umgestaltenden Neuerungen, mit ihren die Welt erschütternden Kriegen, ihren hohen und edlen Bestrebungen, mit ihrem tollen Wahn und ihrem furchtbaren Schrecken.

V. Die Revolutionszeit und die Neuzeit.

Man erwarte von uns keine Schilderung der außergewöhnlichen Zustände, welche das Jahr 1789 und die folgenden auch über die protestantische Kirche im Elsass brachten. (Dieser Gegenstand verdiente wohl, ins Besondere behandelt zu werden.) Hier soll nur noch kurz erzählt werden, wiefern die Landgemeinde Hürtigheim in kirchlichen Dingen von diesen Ereignissen und politischen Umgestaltungen berührt wurde. An die Namen der damaligen Pfarrer lässt sich leicht Alles anknüpfen, was hier darüber mitzuteilen ist.

Jakob Ensfelder von Straßburg war, wie jedermann damals, für Republik und Freiheit sehr begeistert: ihre Morgenröte versprach ja einen so schönen Tag. Er war am 14. Juli 1790 bei dem Föderations- oder Bundesfest, das auch in Hürtigheim, wie in Paris und den 24.000 Gemeinden des Königreichs an einem und demselben Tag stattfand. Mitten auf dem Felde, in den sogenannten „Haselackern“ erhob sich ein aus Erde aufgeworfener Altar, woselbst patriotische Reden und Lieder, die den innigen Bund zwischen Elsass und Frankreich feierten, miteinander abwechselten, und wo unter großem Enthusiasmus der Eid der Treue der Nation, dem Gesetze und dem Könige geschworen wurde. Öffentliche Belustigungen schlossen die Feier des Tages. Die protestantischen Geistlichen waren fast alle für die Freiheitsideen entflammt und der jungen Republik mit Leib und Seele ergeben, wie dies in manchem Familienarchiv nachzuweisen ist. Pfarrer Ensfelder war später, um seiner Sicherheit willen, genötigt, sich eine Zeit lang verborgen zu halten.

Sein Nachfolger trug einen für einen Pfarrer höchst unglücklichen Namen: er hieß Jakob Gänshirt. Er wohnte in Quakenheim und versah von dorten auch Hürtigheim. Als jene Gemeinde 1792 aufgefordert wurde, drei Mann Soldaten zur Armee zu stellen und die Bürger Geld zusammenlegten, um dieselben zu dingen, die in der Kirche gemachte Aufforderung aber ohne Erfolg blieb, erklärte gedachter Pfarrer Gänshirt, dass er selbst gehen würde, und nahm zu diesem Behuf das Geld, das bereits schon auf dem Altar lag. Mit dem damaligen Schullehrer von Hürtigheim zog er zur Armee und fand daselbst bald den Tod.

Er wurde in seinem Amt durch einen Pfarrer ersetzt, dem es für diese harte und schwere Zeit an Charakterstärke fehlte. Als die Gefahr kam, verließ er seine Herde, wie ein Mietling. Es war eben die Zeit gekommen, wo Dr. Blessig, Dr. Haffner nebst vielen andern Geistlichen protestantischen und katholischen Bekenntnisses im großen Seminarium zu Straßburg, dem Revolutionsgefängnis schmachteten, und wo der pflichtgetreue Pfarrer von Dorlisheim, Joh. Jak. Fischer, früher in Fürdenheim, sich auf dem Schafott zu Straßburg eine blutige Märtyrerkrone holte (1793). Es war die Schreckenszeit, wo Eulogius Schneider, der öffentliche Ankläger beim Revolutionstribunal oder wie er genannt wird, der Schreckensrichter, mit seiner Guillotine im Elsass umherzog, Stadt- und Landleute und sogar Weiber hinrichten ließ. Unsere Gemeinde verhielt sich ruhig, und es fiel kein Opfer.

Sechzehn Monate lang, vom 2. Januar 1794 bis Ostern 1795, durfte aber kein Gottesdienst gehalten werden. Vierzehn Kinder wurden von christlichen Personen im Verborgenen getauft. Endlich wurde durch einen Beschluss des Nationalconvents das Dasein eines höchsten Wesens wieder proklamiert: „La nation francaise reconnaît l'existence de l'Etre supreme;“ ein Beschluss, den der bekannte elsässische Dichter Pfeffel, mit damals noch gefährlichem Spott, also besungen hat:

„Du lieber Gott, darfst Gott nun wieder sein,
So will's der Schach der Franken,
Schick' ihm doch ein Paar Engelein
Und lass dich schön bedanken.“

Allein nicht unser Sonntag galt damals mehr als Feiertag, sondern der zehnte Tag des Monats, der Decadi des republikanischen Kalenders. Erst einige Zeit darauf trat der alte Sonntag wieder in seine alten Rechte.

Für das Verhältnis, in dem die Pfarrer zu den Gemeinden standen, war es noch immer eine traurige und schwere Zeit: sie wurden mit der größten Willkür ein- und abgesetzt, gedungen, oft nur für ein Jahr, wie Bauernknechte. So wurde auf Ostern 1795, nach wieder eingetretener Ordnung, Jonathan Rhein, welcher früher in Straßburg das Posamentierhandwerk getrieben hatte, und seit einigen Jahren als Volkslehrer in Hürtigheim angestellt war, durch die Bürgerschaft zum Pfarrer erwählt. Der Mangel an Theologen war so groß, dass er, obgleich er nicht studiert hatte, von der Oberkirchenbehörde in seinem neuen Amt bestätigt wurde, nachdem er eine Art von Examen vor Hrn. Dr. Blessig bestanden hatte. Zu diesem Zwecke hatte er bei einem Juden in Quakenheim hebräisch lesen gelernt. Er war Schullehrer und Pfarrer zugleich und wohnte im Schulhause, dem jetzigen Pfarrhause. Quakenheim wurde zum Filial gemacht.

Dieser Mann ließ, ganz im Geschmack der Zeit, über der Kirchtüre, unter dem kleinen Schutzdache, ein Frescogemälde anbringen, eine Frauengestalt, die Freiheit darstellend, die einer Schlange den Kopf zertritt. Es trug die beliebte Inschrift: Obéissance à la loi - Liberté. Égalité. Fraternité. Auf diese Weise mussten damals nicht allein die Menschen, sondern sogar die Gebäude ihren Civismus oder Patriotismus an den Tag legen. Hatte man doch den Straßburger Münsterturm von der Gefahr abgetragen und den andern Gebäuden gleich gemacht zu werden, nur dadurch zu retten gewusst, dass man ihm auf die Spitze eine rote Jakobinermütze aufsetzte. Sie war von starkem Weißblech, etwa zwei Meter hoch, mit roter Ölfarbe angestrichen und ist im Brande der Bibliothek anno 1870 mit zu Grunde gegangen. Was aber das republikanische Gemälde an unsrem Kirchlein betrifft, so glaubten später unwissende Leute es sei ein Heiligenbild, St. Velten oder die Heilige Jungfrau selbst.

Nach einem Dekret des Nationalkonvents, demgemäß in jeder Pfarrei nur eine Glocke zu bürgerlichen Zwecken sein durfte, hatte die kleinere Glocke, so wie viele andere ihrer Schwestern, in die Kanonengießerei wandern müssen, und wurde erst dreißig Jahre später ersetzt. Die große Glocke aber, die während des Kinderlehrläutens zersprungen war, wurde anno 1797 erneuert, und war die erste, die nach der Schreckenszeit von Matthäus Edel zu Straßburg wieder gegossen wurde; sie erhielt darum auch den für jene Zeiten und für immer noch bedeutungsvollen Namen Concordia (Eintracht). Möge sie nun auch wieder in Friedenszeiten und noch viele Jahrhunderte hindurch zum Ruf an die Menschen und zur Ehre Gottes erschallen.

„Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.“

Mit Pfarrer Jonathan Rhein haben wir die Schwelle unsres Jahrhunderts überschritten, und sind folglich an den Schluss dieser Mitteilungen angelangt.

Die Revolution hatte in unserm lieben Heimatland die alten politischen Zustände in gewaltigem Sturme hinweggefegt: seitdem gingen die kirchlichen Verhältnisse anfangs langsam zwar, aber stets und ohne Unterbrechung einer immer vollkommeneren Organisation entgegen, so dass die Zahl der in Elsass-Lothringen seit Anfang dieses Jahrhunderts gegründeten Pfarreien sich jetzt auf 33 beläuft, und der neu aufgebauten Gotteshäuser auf 127, bei einer Gesamtzahl von 310, was in Vergleich mit früheren Jahrhunderten und andern Ländern beispiellos und umso staunenswerter ist. Also geschah auch in Hürtigheim. Diese Gemeinde hat nun auch einen eigenen Pfarrer, ein Pfarrhaus und eine Kirche, die ihrer Bestimmung würdig ist. Viele Schwierigkeiten die in früheren Zeiten, als es noch eine Reitpfarrei war, einem ordnungsmäßigen, gesegneten Wirken der Seelsorger sich widersetzten, sind nun verschwunden, und wie dieses Dorf in materieller Hinsicht unendlich viel gewonnen hat, so liegt kein Hindernis mehr im Weg, dass es in geistiger Hinsicht gleichen Schritt halte. Ja, es ist ein erfreulicher Anblick, dass große behäbige und reiche Bauernhöfe an die Stelle der ehemaligen Lehmhütten, welche die Voreltern bewohnten, getreten sind, dass allgemein die Armut dem Wohlstand weichen muss. Dies soll vor Allem zum freudigen Dank gegen Gott und zur Anerkennung für die Verbesserungen und Vorteile der Gegenwart erheben. Indessen dürfen wir auch nicht vergessen wozu dieser Fortschritt im Irdischen und Äußerlichen verpflichtet. Er verpflichtet zu lebendigerem Streben nach den höchsten Gütern, Wahrheit, Bildung, Sitten- und Sinnesreinheit in tätiger hilfreicher Liebe, so dass unsre elsässische Landgemeinde ganz nach dem Bilde jener wahren Christengemeinde sei, wie der Apostel (Epheser 5, 27) sie haben möchte: „dass sie sei herrlich, und habe nicht einen Flecken oder Runzel, oder des etwas, sondern dass sie heilig sei und unsträflich.“

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Hochzeiten
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