Ebrard, Johannes Heinrich August - Predigt im Fest- und Synodalgottesdienst am 14. Juli 1886

Ebrard, Johannes Heinrich August - Predigt im Fest- und Synodalgottesdienst am 14. Juli 1886

Unser Anfang geschehe im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

Lasst uns beten:

Herr, unser Gott, du unsere Zuflucht für und für! Wir kommen vor dein Angesicht, dir Dank Lob und Preis darzubringen, dass du nach deiner Güte und Barmherzigkeit diesen Tag uns hast erleben lassen. Wir danken dir für alle deine irdischen und geistlichen Güter und Wohltaten, die du nicht aufgehört hast über uns auszuschütten, und bekennen demütig, dass wir nicht wert sind aller deiner Gnade und Treue. Du hast vor mehr denn dreihundert Jahren über deiner christlichen Kirche das helle Licht des Evangeliums durch den Dienst der Reformatoren wieder aufgehen und auch unseren Vätern dasselbe scheinen lassen; du hast sie vor 200 Jahren gnädig ausgeführt aus dem Ägyptenlande der Glaubenstyrannei und Verfolgung, und sie in dies Land des Friedens geführt; du hast ihnen dies Gotteshaus geschenkt und dasselbe vor Blitzstrahlen, Feuer und anderen Unglücksschlägen gnädig behütet; du hast unsere Gemeinde sowie unsere Schwestergemeinden diese zwei Jahrhunderte erhalten und die Predigt deines lauteren Wortes und die Kirchenordnung und Kirchenzucht in ihnen bewahrt, und die Spitze und Krone unserer biblischen Kirchenverfassung: die Synode, wiederhergestellt. Herr, nimm in Gnaden den Dank an, den wir für alle diese deine Treue dir darbringen. Und da wir nun versammelt sind, dein heiliges Wort zu hören, so bitten wir dich, du wollest durch deinen Heiligen Geist Ohren und Herzen uns öffnen, dass die Verkündigung deines Gnadenratschlusses und deiner großen Taten zu unserer Erlösung an uns gesegnet sei und Frucht in uns schaffe, dir zur Ehre und uns zum Heile! Amen.

Text: 1 Kön. 9, 3.

Und der Herr sprach zu Salomo: Ich habe dein Gebet und Flehen gehört, das du vor mir gefleht hast, und habe dies Haus geheiligt, das du gebaut hast, dass ich meinen Namen daselbst hinsetze ewig, und meine Augen und mein Herz sollen da sein allewege.

Im Herrn Geliebte!

Es ist ein Fest höchstseltener Art, das wir heute begehen. Zwei Jahrhunderte sind am heutigen Tage vergangen, seit durch des Markgrafen Christian Ernst väterliche Güte der Grundstein zu dieser Kirche gelegt wurde. Es war der erste reformirte Kirchenbau in den fränkischen Landen, der Anfang kirchlicher Organisation, somit auch der Grundstein zu dem reformirten Synodalverbande, der 1688 mit der ersten Erlanger Synode ins Leben trat. Es ist also keine Zufälligkeit, wenn unsere Synode dies Fest als das ihre betrachtet und es mit uns feiert.

Versetzen wir uns im Geiste zweihundert Jahre zurück! Ein armseliges Landstädtchen, 250 Meter lang, 220 Meter breit vom Bayreuther Tore bis zum Schollschen Hause, vom Martinsbühler Tore bis zur jetzigen Zederngasse reichend war gegen Ende des dreißigjährigen Krieges aus Schutt und Trümmern gänzlicher Zerstörung notdürftig wieder erstanden. In der Gegend, wo wir uns jetzt befinden, waren Sandfelder und frischgerodeter Wald. Die etwa 700 Seelen betragende Einwohnerzahl des Städtchens war seit einigen Monaten plötzlich auf 1000 gewachsen; denn in jedem Hause lag Einquartierung - nicht Soldaten, sondern Familien, Männer und Frauen, Greise und Kinder, Flüchtlinge aus Frankreich, der schrecklichsten Verfolgung und der Gefahr der Galeerensklaverei glücklich entronnen und vom Markgrafen Christian Ernst in christlicher Liebe gastlich aufgenommen. Es war den 14. Juli 1686, an einem Mittwoch wie heute, Nachmittags drei Uhr, dass diese ganze Flüchtlingsschar, den Pastor Papon im Ornat an der Spitze, in feierlichem Zuge aus dem Städtchen an diese Stelle, wo wir jetzt versammelt sind, sich bewegte, um der Grundsteinlegung der Kirche beizuwohnen, die der gütige Fürst auf seine Kosten für sie bauen ließ. Eine Kompanie Soldaten war aufgestellt. Der fürstliche Kommissar, Kammerrat Andreas Mösch, fuhr mit einigen Personen vom Hofe im Wagen vor dem Zuge her. Als die Stelle erreicht war, warf sich Pastor Papon mit seiner ganzen Gemeinde auf die Knie und dankte Gott in lautem Dankgebete für die große Gnade, dass er sie aus des Löwen Rachen errettet und in dies evangelische Fürstentum geführt habe, und dass sie nun das teuerste, dessen sie seit Jahrzehnten hatten entbehren müssen: Gotteshaus und Gottesdienst, wieder haben sollten. Nach diesem Gebete erhoben sie sich von den Knien, und sangen in französischer Sprache denselben 84. Psalm, den wir soeben deutsch gesungen haben. Dann hielt Papon eine Rede, so bewegt und so ergreifend, dass nicht allein die französischen Flüchtlinge, sondern alle Anwesenden, deren viele sich aus Nürnberg und Bayreuth eingefunden hatten, sich der Tränen nicht erwehren konnten. Mit dem Gebete des Herrn und dem apostolischen Glaubensbekenntnis schloss diese Rede, die die Gemeinde wieder knieend anhörte.

Nun wurde der Grundstein an seine Stelle gerückt; Kammerrat Mösch legte in die Höhlung desselben eine Zinnplatte mit einer lateinischen Inschrift, welche verdeutscht also lautet:

Zu Ehren Gottes, des besten und größten, des ewigen, sei es getan und begonnen.

Der durchlauchtigste und fromme Fürst, Christian Ernst, Markgraf von Brandenburg, hat befohlen, diesen Gotte geweihten Tempel zu bauen für die um der Reformirten Religion willen Vertriebenen.

Den 14. Juli 1686.

Ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zebaoth. Haggai 2, 7.

Außer dieser Zinnplatte wurde, während das Militär eine erste Salve gab, eine goldene und eine silberne Denkmünze, und ein Glas mit rotem und eines mit weißem Wein in die Höhlung des Steines gebracht, unter einer zweiten Salve der Deckel geschlossen und mit einer dritten die Feier beendigt.

Der Grundstein war gelegt. Der Name des Baumeisters, der die Kirche aufgeführt hat, ist seltsamerweise in keinem Dokumente genannt und schien der Vergessenheit anheimgefallen. Vor fünf Wochen, am 10. Juni, fand sich derselbe ganz unerwartet. Als zum Behuf einer Röhrenlegung einige Steinplatten des Estrichs aufgehoben werden mussten, fanden sich auf der untern Seite von einer derselben sauber eingehauen in französischer Sprache die Worte:

Mit Gottes Hilfe. 1690.

Charle Navelot. Maurermeister1).

Das alte Kirchenbuch bestätigt, dass Charles Navelot, geb. zu Viller le sec in der Champagne, gest. dahier 1695, Bau und Maurermeister war. Sein Neffe2), Pierre François Navelot, hat 1736 den oberen Teil unseres Turmes, vom Kranz bis zur Spitze, gebaut und somit das Bauwerk vollendet, das sein Onkel begonnen hat. Der Bauplan, welcher eine ungewöhnliche Kenntnis auch der Zimmermannskunst voraussetzt, ist sicherlich in Bayreuth gemacht worden. Ein „Baumeister von Bayreuth“ wird gelegentlich in dem Protokollbuch des Presbyteriums erwähnt, aber nicht mit Namen genannt. Die Kirche ist so sichtlich eine Nachahmung des temple neuf in Montauban, dass der aus Montauban gebürtige, am Bayreuther Hofe lebende Baron de Peirilles, directeur des colonies, offenbar an dem Bauplane wesentlichen Anteil gehabt hat.

So verbindet sich heute mit dem Jubelfeste der Grundsteinlegung eine Einweihung. Unser 200 Jahre altes Gotteshaus ist neu geworden. Zu seiner Erneuerung und Verschönerung haben auch die Glieder und Familien meiner Gemeinde willig und freudig reiche Beisteuer gegeben; die neue Bekleidung der Kanzel und des Abendmahlstisches sowie der neue Vorhang sind das Denkmal dieser Freigebigkeit. Den gütigen Gebern allen, sowie insbesondere den beiden Jungfrauen, welche die Sammlung unternommen haben, sei hiermit der herzlichste Dank und Segenswunsch ausgesprochen.

Heute nehmen wir die erneute Kirche zum ersten Mal wieder in Gebrauch, wir weihen sie ein. Als den 26. Febr. 1693 die vollendete Kirche eingeweiht wurde, wählte Pastor Tholozan zu seinem Texte die Worte 1 Kön. 9, 3: Der Herr sprach zu Salomo: Ich habe dein Gebet und Flehen gehört, das du vor mir gefleht hast, und habe dies Haus geheiligt, das du gebaut hast, dass ich meinen Namen daselbst hinsetze ewig, und meine Augen und mein Herz sollen da sein allewege. - Einen schöneren und passenderen Text habe auch ich nicht finden können. Was Gott vor drei Jahrtausenden zu Salomo gesprochen, was er vor zwei Jahrhunderten zu unseren Vätern gesprochen, er spricht es heute zu uns; er hält uns vor, wie viel Gnade, Treue und Barmherzigkeit er durch dies Geschenk eines Gotteshauses uns erwiesen, und fordert uns auf, seiner Güte nicht zu vergessen sondern eingedenk zu bleiben.

Wie wir der Güte des Herrn gedenken sollen, das sei die Frage, die unsere Herzen jetzt erfülle. Unser Text gibt uns die Antwort: wir sollen gedenken

- mit innigem Danke des, dass Gott das Flehen unserer Väter erhört hat
- mit ehrfurchtvoller Freude des, dass er dies Haus, das Menschen gebaut haben, seinem Namen geheiligt hat
- mit ernstem Gelübde der Treue des, dass er mit seinen Augen und seinem Herzen hier gegenwärtig zu sein verheißen hat.

I.

„Ich habe dein Gebet und Flehen gehört, das du vor mir gefleht hast“, so sprach der Herr zu Salomo am Tage der Einweihung des Tempels zu Jerusalem, den Salomo gebaut hatte. Nicht erst Salomo, schon David war von dem innigsten Verlangen beseelt gewesen, dem Herrn ein Haus zu bauen. Alles war prächtig und herrlich in der neuen Stadt Jerusalem; der König residierte in einem Zedernhause, einem Palaste, dessen Wände mit kostbarem Zedernholze vertäfelt waren; nur die Bundeslade Gottes befand sich noch in dem alten, morsch gewordenen Wanderzelte der Stiftshütte. David bat den Herrn um Erlaubnis, ihm einen Tempel zu bauen, aber Gott ließ ihm durch den Mund des Propheten Nathan verkündigen: „Solltest du mir ein Haus bauen. darin ich wohnen möge? Habe ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tage, da ich euch aus Ägypten geführt habe! Aber wenn deine Zeit um ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, dann will ich deinen Samen nach dir erwecken, der soll meinem Namen ein Haus bauen“. Als nun David in hohem Alter gestorben war, da hatte Salomo nicht so bald den Thron bestiegen. als auch in ihm das heiße Verlangen erwachte, dem Herrn einen Tempel zu bauen. Und ihm gab der Herr die Erlaubnis dazu, und wehrte ihm nicht, und erhörte sein Flehen.

In andrer Weise und unter anderen Umständen hat Gott vor zweihundert Jahren das Flehen unserer Väter erhört. Gott seinerseits bedarf keines Tempels; das lehrt uns diese Geschichte Davids; das spricht auch Salomo aus im 8. Kapitel: „Meinst du auch, dass Gott auf Erden wohne? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel vermögen ihn nicht zu fassen; wie sollte es denn dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ Gott bedarf keines Hauses, aber wir bedürfen eines Gotteshauses, wo wir uns versammeln können, ihn zu loben und zu preisen, ihm zu danken und sein Wort zu hören, sein ganzes Wort: Gesetz und Evangelium. Das Gesetz, um immer von neuem unser sündiges Wesen, Wollen und Tun mit seinem ewigen heiligen Willen zu vergleichen und so zur Erkenntnis unseres Sündenelendes geführt zu werden. Sein Evangelium, um immer neu erquickt zu werden durch die frohe Botschaft von Jesu Christo, dem ewigen eingeborenen Sohne Gottes, der menschgeworden zu unserer Erlösung, der die Schuld unserer Sünden auf sich genommen und die Gotteskindschaft uns erworben hat, und durch seinen Heiligen Geist uns Kraft gibt, neue Menschen zu werden und ihm zu leben, und der diese doppelte Gnadenverheißung: dass er für uns gestorben und dass er in uns Wohnung machen will, in der heil. Taufe und dem heil. Abendmahle uns durch sichtbare irdische Zeichen besiegelt. Ja, Geliebte! wir bedürfen eines Gotteshauses, wohin wir aus den Sorgen und Plagen der Wochentage am Sabbat des Herrn uns flüchten, um Frieden der Seele, Erhebung zum himmlischen Berufe und Kraft für die nächste Woche zu finden. wie hatten unsere Väter dies Bedürfnis und Sehnen nach einem Gotteshause empfunden, sic, die in Frankreich so treu und eifrig ihre Kirchen zu besuchen gewohnt gewesen, und denen nun der Despot, der ein Sklave seiner Lüste und ein Knecht der Jesuiten war, seit drei Jahrzehnten nach und nach alle ihre Kirchen genommen und zerstört hatte, und die vor seinen Mordbanden unter äußerster Gefahr in die Schweiz entflohen und nun der Einladung Christian Ernsts an das Ufer der Rednitz gefolgt waren. Wie hatten sie seit Jahren zum Herrn gefleht: O gib uns einen Tempel, worin wir dir dienen können! Ach wie jauchzte ihr Herz in ihnen, als heute vor zweihundert Jahren vor ihren Augen der Grundstein zu dieser Kirche gelegt wurde! Ja da tönte laut und vernehmlich das Wort des Herrn in ihr Ohr: Ich habe dein Gebet und Flehen erhört, das du vor mir gefleht hast.

Es waren aber nicht bloß die Väter meiner Gemeinde, es waren die Väter aller Gemeinden unseres Synodalverbandes, an denen dies Wort unseres Textes sich erfüllt hat. Die französischen Kolonien in Bayreuth, Schwabach und Wilhelmsdorf waren in völlig gleicher unsere deutsch reformirte Schwestergemeinde, welche aus der verwüsteten Rheinpfalz entflohen war, und deren Glieder dort ihre Kirchen hatten in Rauch aufgehen sehen, in einer ganz ähnlichen Lage. Am längsten war die Geduld der Nürnberger Gemeinde auf die Probe gestellt; von 1590 bis 1660 besaß sie gar kein eigenes gottesdienstliches Lokal; von 1660 an hielt sie 34 Jahre lang ihren Gottesdienst auf Ansbachischem Gebiete in einem Betsaal in dem Dörfchen Stein, dann in einem Betsaal vor den Toren Nürnbergs; erst unsere bayerische Regierung hat ihr eine Kirche in der Stadt zum Gebrauche eingeräumt und dann zum Eigentum geschenkt. Marienheim, eine der zur Urbarmachung des Donaumooses im Anfang unseres Jahrhunderts gegründeten Kolonie, weiß auch von jener Not, jenem Flehen um ein Gotteshaus zu erzählen, sofern sie aus der Kirche, die sie mitgebaut hatte, sich hinausgedrängt und genötigt sah, mit neuen Opfern eine neue Kirche zu bauen. Am frühesten wurde das Gebet unserer schwäbischen Gemeinden3) erhört, welche unter der Herrschaft einer reformirten Linie des gräflich Pappenheimischen Hauses schon im Reformationsjahrhundert Kirchen erhielten, sich aber nachmals freilich ihres Besitzes und ihrer Religionsfreiheit in langen, harten Kämpfen gegen die Fürstäbte von Kempten zu erwehren hatten. Aber unser aller Gebete wurden erhört; wir alle haben unsere Kirchen, worin wir dem Herren Dienst darbringen nach seinem lauteren Wort. Wir alle, die wir hier versammelt sind, vernehmen in demütigem Danke das Wort des Herrn: ich habe dein Gebet und Flehen gehört, das du vor mir gefleht hast.

II.

Das Flehen Salomos, das der Herr erhört hat, war jedoch nicht bloß auf die Erlaubnis, überhaupt einen Tempel bauen zu dürfen, gerichtet, sondern, wie wir im 8. Kapitel lesen, vornehmlich darauf, dass der Herr in dem nunmehr erbauten Tempel die Gebete des Volkes hören und erhören wolle. „Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: mein Name soll daselbst sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte tut!“ Auf dies Flehen antwortet der Herr in unserem Text: „Ich habe dies Haus geheiligt, das du gebaut hast, dass ich meinen Namen daselbst hinsetze ewig.“

Das ist wiederum auch zu uns geredet. Und so wollen wir mit ehrfurchtvoller Freude des gedenken, dass der Herr dies Haus, das Menschen gebaut haben, seinem Namen geheiligt hat.

Ein Gotteshaus zu bauen, das vermögen wir; es zu heiligen vermag nur der Herr. Und er heiligt es dadurch, dass er seinen Namen daselbst hinsetzt. Was hilft der herrlichste Tempel, von Menschen erbaut und wären seine Säulen von parischem Marmor und sein Getäfel von Elfenbein was hilft er uns, wenn nicht der Name des Herrn darin wohnte, wenn statt des Namen Gottes, des Vaters Jesu Christi, statt des Namens des Dreieinigen, Namen von Kreaturen, von Menschen, von sogenannten „Heiligen“ darin angerufen würden, oder gar Bildern Ehre erwiesen würde; oder wenn statt des Wortes Gottes von Christo dem Heiland und Erlöser die mit dem Zeitgeiste wechselnde Menschenweisheit des Unglaubens darin gepredigt würde? Dass seit diesen zweihundert Jahren die Predigt des Evangeliums in diesen Mauern nicht verstummt ist, das ist die größte Gnade, für die wir Gott heute zu danken haben; und dass diese Predigt des Evangeliums in allen kommenden Jahrhunderten nicht verstummen möge, ist die Gnade, um die wir zu bitten haben.

Die Inschrift jener Zinntafel im Grundstein unserer Kirche schlicht mit den Worten Hagg. 2, 7:4) „Ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen.“ Nicht vom Tempel Salomos den hatten die Babylonier zerstört - sondern von dem Tempel, den die Juden nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft gebaut hatten, ist dort bei Haggai die Rede. Dieser Tempel war weit nicht so prächtig, als der des Salomo gewesen; er war in einer Zeit der Drangsal und Not und recht ärmlich gebaut. Aber Haggai weissagt, dass er gleichwohl viel reicher an Herrlichkeit sein werde, als der alte salomonische gewesen. Denn: „noch um ein Kleines, so werde ich bewegen den Himmel, die Erde und das Meer; ja alle Völker will ich bewegen; da soll dann kommen aller Völker Trost und da will ich dies Haus voll Herrlichkeit machen.“ Das hat sich erfüllt. Der Tempel, von dem Haggai spricht, war ja derselbe, in welchem fünf Jahrhunderte später unser Herr Jesus Christus gewandelt ist und gelehrt hat, aus dessen Vorhöfen er die Wechsler ausgetrieben hat, in dessen Hallen er gesprochen hat: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen 5). Wen da dürstet, der komme zu mir, und wer an mich glaubt, der trinke6). Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben7). Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen“8).

Voll dieser Herrlichkeit kann und soll auch diese unsere Kirche sein. Zwar dem Leibe nach wandelt Christus nicht in den Hallen dieses Tempels, aber sein Wort und sein Geist können und sollen hier wohnen, und in den Kirchen aller unserer Gemeinden wohnen. Ja, dann wenn sein Wort und Geist in unseren Kirchen und Gemeinden lebendig ist, dann werden unsere Gemeinden, so klein und schwach sie sind, doch blühen und stark sein in Ihm. Wenn wir sein Wort hören, seiner Gnadenverheißung glauben - wenn wir nach ihm dürsten wenn wir ihm, dem Lichte der Welt, unser Geistesauge öffnen wenn wir ihm folgen dem treuen Hirten, ihn unseren einigen Trost sein lassen im Leben und im Sterben, dann sind die Kirchen, die wir gebaut haben, ihm geheiligt, dann wird sein Name und seine Herrlichkeit allezeit daselbst wohnen und gepriesen werden, und niemand wird uns aus seiner Hand reißen.

III.

Geheiligt sind unsre Kirchen dem Herrn, wenn sein Name daselbst wohnt. Geheiligt sollen ihm aber nicht bloß unsere Gotteshäuser sein, sondern wir selbst als lebendige Bausteine sollen dem Herrn geheiligt sein. Und das werden wir, wenn wir mit ernstlichem Gelübde der Treue des gedenken, was er am Schlusse unseres Textes sagt: meine Augen und mein Herz sollen daselbst sein allewege.

Seine Augen - so verheißt er - sollen offen stehen über dem Tempel Salomos. Seine Augen stehen offen über jedem und in jedem Tempel, der seinem Namen geheiligt ist. Wer in die Kirche tritt, soll hereintreten mit dem Bewusstsein:

Gott ist gegenwärtig; lasst uns anbeten
Und in Ehrfurcht vor ihn treten!

Er, den aller Himmel Himmel nicht zu fassen vermögen, ist uns ja freilich überall gegenwärtig; aber wenn wir dies draußen im Getriebe des alltäglichen Lebens gar so oft vergessen haben und unsre eigenen Wege gegangen sind nach unserem eigenen Willen und Gelüsten, gerade als ob kein Gott wäre, der auf uns niederschaute: dann sollen wir beim Eintritt in die Kirche seiner heiligen Allgegenwart uns wieder bewusst werden. Sein Auge ist hier prüfend und strafend auf uns gerichtet; dort9) aus dem Worte seiner heiligen Gebote blickt uns Gottes Auge an und fragt: „hast du das erfüllt?“ Nicht: „hast du es vollkommen erfüllt?“ Das vermögen wir ja nicht, da wir Fleisch sind von Natur und die Sünde uns immerdar anklebt. Aber: „hast du die Gebote Gottes erfüllt soweit, als ein Christ, den das Gesetz des Geistes des Lebens Christi frei gemacht hat vom Gesche der Sünde und des Todes“10) Gottes Gebote allerdings zu erfüllen im Stande und verpflichtet ist, so nämlich, dass er vor mutwilliger und wissentlicher Tatsünde sich hütet, jede Sünde, in die er gefallen, durch aufrichtige Buße und neues Ergreifen der Gnade Gottes in Christo wieder auslöscht, die dankbare Liebe zum Herrn immer neu in seinem Herzen entfachen lässt, und den ernstlichen Willen hat, nicht bloß nach etlichen sondern nach allen Geboten Gottes zu leben.

Gottes Auge steht offen in seinem heiligen Gesetze, und wo ist ein Menschenauge, das vor diesem Blicke Gottes nicht Sonntag für Sonntag sich beschämt senken müsste? Aber auch das Gnadenauge Gottes steht offen, und blickt uns an aus jener anderen Tafel, die von den großen Taten Gottes nicht bloß der Schöpfung, sondern vor allem der Erlösung zu uns redet. Und in diesen Taten Gottes, der „also die Welt geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“11), schaut Gottes ganzes Herz uns an. „Meine Augen und mein Herz sollen da sein allewege.“ „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Denn ich gedenke noch wohl daran, was ich ihm geredet habe; darum bricht mir mein Herz über ihn, dass ich mich sein erbarmen muss“12). Dem himmlischen Vater bricht das Herz wenn der verlorene Sohn sich ausmacht und zum Vater kommt und spricht: Vater ich habe gesündigt im Himmel und vor dir. Gott will nicht den Tod des Sünders sondern dass er sich bekehre und lebe13). das ist das Herz Gottes. Er hat uns in Jesu Christo, seinem Sohne, erwählt, also dass alle, die Christo durch den Glauben eingepflanzt sind, die Auserwählten Gottes sind. Die Kraft des Heiligen Geistes, die zur Bekehrung und zum Glauben nötig ist, gibt Gott einem jeglichen und versagt sie keinem, und hat sie keinem vorzuenthalten beschlossen; unserer Selbstbestimmung ist es überlassen, ob wir diesen Gnadenbeistand mutwillig wollen von uns stoßen, durch mutwillige Sünden und Leichtsinn den Heiligen Geist betrüben und erzürnen, dem Wege, dem felsigen Acker, dem Acker voll Dornen und Unkraut gleichen - oder: ob wir unsre Seligkeit schaffen wollen mit Furcht und Zittern, und unseren Beruf und Erwählung unsrerseits fest machen wollen, indem wir den Heiligen Geist in unsere Herzen wirken lassen, und getreu bleiben im Glauben und im Kampfe des neuen Menschen wider den alten, und uns erneuern lassen zum Bilde des, der uns gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. O dass der Herr zu keinem unter uns sagen müsse, was er zu den Töchtern Jerusalems gesagt hat: „Wie oft habe ich wollen versammeln deine Kinder, wie eine Henne ihre Küchlein sammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt“! O lasst uns an diesem festlichen Tage Ihm, der unserer Väter Flehen erhört hat, uns ein Gotteshaus geschenkt und dasselbe seinem Namen geheiligt hat, das ernstliche Gelübde der Treue tun Ihm, dessen Auge auf uns gerichtet ist, dessen Herz uns offen steht!

Herr, gib uns deinen Heiligen Geist, und bleibe bei uns mit deiner Gnade! Amen.

Chorgesang

aus dem 68sten Psalm.

Auf steht der Herr, die Feinde fliehn.
Zersprengt von seinem Antlitz ziehn
All seiner Hasser Banden.
Wie in dem Wind der Rauch verweht,
Wie Wachs in Feuersglut zergeht,
So werden sie zu Schanden.
Ihr aber, der Gerechten Schar,
Lobsingt dem Herren immerdar
Und preiset seinen Namen!
Macht in der Wüste vor ihm Bahn;
Er zieht, er zieht nach Kanaan
Mit dem gerechten Samen.

Dein Erbe speist und tränkest du
Vom Himmel reichlich, und gibst Ruh
Und Kraft den Wegemüden.
Es wohnen nun in Fried und Rast
Die Deinen, und den Armen hast
Du reichen Trost beschieden.
Volk, dir hat Gott solche Zier
Verlieh'n; was er begann in dir,
mög' er das vollenden!
Er ist's der alles in dir schafft;
Dein Heil, dein Friede, deine Kraft
Kommt all aus seinen Händen.

Gebet.

Ewiger, heiliger und allmächtiger Gott, und in Christo Jesu unser Vater! Wir erheben noch einmal Herzen und Hände zu dir, dich zu loben und zu preisen für alle die unergründliche Gnade und Geduld, mit der du bisher uns getragen und behütet hast, und nicht müde geworden bist, unsere Herzen zu dir zu ziehen. Wir bitten dich, Herr, lass diesen heutigen Tag einen rechten Weckruf sein an uns alle und an jeden einzelnen unter uns, auf dass, wie unser Gotteshaus in seiner äußeren Gestalt neu geworden, also auch eine Zeit der inwendigen Erneuerung mit dem heutigen Tage bei uns beginne, dass wir fortan mit neuem Eifer dein Haus, dein Wort und unser Seelenheil suchen, deinen Tag, den du dir geheiligt hast, heilig halten, und in gottseligem, reinem, christlichem Wandel nach allen deinen Geboten uns dankbar erweisen für die freie Gnade, die du in Jesu Christo, deinem Sohne, uns geschenkt hast.

Bleibe bei uns, Herr, auch in dem neuen Jahrhundert unseres Bestehens, an dessen Schwelle wir heute stehen! Erhalte und behüte unsre französische Gemeinde ferner, und bewahre gnädig alle unsere Gemeinden. Stoße den Leuchter deines Wortes und Evangeliums nicht von seinem Stuhle, und strafe uns nicht um unserer Versündigungen und um unserer Lauheit willen mit Blindheit und Verstockung, sondern arbeite fort und fort an uns durch deinen Heiligen Geist, dass wir festhalten an deinem offenbarten Worte und dem schriftmäßigen Bekenntnis, das durch das Blut so vieler hundert Märtyrer besiegelt ist.

Gib deinen Segen auch zu unserer heutigen Synode; wehre jedem unnützen Worte, und lehre uns recht erkennen, dass unsere kleinen, weitverstreuten Gemeinden nur dann bestehen können, wenn sie brüderlich zusammenhalten, und in allen wichtigen Angelegenheiten auf das, was ihnen ersprießlich ist, gegenseitig Rücksicht nehmen.

Segne unsre ganze reformirte Kirche in und außerhalb Bayerns; wehre den Ärgernissen und behüte uns vor Sektiererei, Spaltungen und Abfall. Segne die ganze evangelische Kirche unseres Vaterlandes, sich zu bauen auf dir, dem einigen Grundstein. Hilf Herr, um Jesu Christi des einigen Mittlers willen, dass auch die, welche andere Mittler und Helfer neben ihm suchen, zur Erkenntnis seiner, des einigen Hauptes der Kirche, und seines einigen Opfers kommen.

Segne unser ganzes deutsches Vaterland. Segne alle christlichen Obrigkeiten. Insbesondere befehlen wir dir, der du helfen kannst, wo Menschenhilfe zu Ende ist, unseren kranken König; ist es in deinem Rate nicht beschlossen, ihm Genesung zu schenken, so schenke ihm Erleichterung seiner Leiden und Tage der Ruhe. Den Prinzregenten, welcher an seiner Statt das Zepter führt, wollest du ausrüsten mit dem Geiste der Weisheit, Standhaftigkeit und Gerechtigkeit, und das ganze königliche Haus segnen und behüten.

Segne, behüte und erleuchte auch unseren deutschen Kaiser samt seinem ganzen Hause.

Segne unsere Stadt, alle ihre Behörden und Kollegien. Erleuchte mit deinem Lichte ihre Universität, ihr Gymnasium, ihre Realschule und alle ihre Schulen und Lehranstalten. Gib der studierenden Jugend deinen Geist, und stärke sie, zu kämpfen wider alles unchristliche und zuchtlose Wesen und segne jede Pflanze, die du gepflanzt hast. Den Kindern gib den Geist der Zucht und des Fleißes und der Erkenntnis, der du die Kinder zu dir zu kommen so freundlich eingeladen hast.

Erhalte uns und unsrem Vaterlande den edlen Frieden, gib gedeihliche Witterung, halte Seuchen und andere schwere Zuchtruten fern von unseren Grenzen.

Tröste alle kranken, angefochtenen, bekümmerten und verwaisten Menschen. Komm zu Hilfe allen bedrängten und verfolgten Glaubensgenossen, und gib ihnen und uns festen Glauben und feste Geduld, dich zu bekennen vor den Menschen, auf dass du sie und uns bekennen mögest vor deinem himmlischen Vater. Zerstöre alle listigen Pläne deiner Feinde; lass deine Ehre leuchten; mache deinen Ruhm groß und deinen Namen herrlich, und mehre dein Reich bei uns und allerorten. Dir Gott Vater, Sohn und heiligem Geist sei Preis, Ehre und Herrlichkeit in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist! Amen. Unser Vater rc.

1)
DE PAR DIEU | 1690 | CHARLE NAVEL (ot) | MA (itre masson). Die eine Ecke des Steins wurde beim Aufbrechen zertrümmert. Die Ergänzung ergibt sich aber von selbst.
2)
Aus dem Kirchenbuch ergibt sich folgender Stammbaum:
Charles geb. in Viller gest. 1695 in Erlang
Maurermstr
Jean Navelot geb. 1622 in Viler le sec,
gest. 5. Apr. 1689 in Erlang, Maurermstr
Joseph
Maurermstr
Pierre François
geb. 10. Jan. 1706. Es scheint übrigens, dass Charles Navelot nur das Mauerwerk ausgeführt hatte, und das in erneuter Gestalt uns heute in seinen Mauern versammelt sieht.
3)
Grönenbach und Herbishofen-Theinselberg.
4)
Nach der Verszählung des Grundtextes und der französischen Übersetzung. Bei Luther ist es V. 8.
5)
Joh. 5, 24.
6)
Joh. 7, 37-38 nach richtiger Satzabteilung.
7)
Joh. 8, 12
8)
Joh. 10, 27 ff
9)
Bei der Renovation der Kirche wurden die beiden alten Tafeln, die eine mit den zehn Geboten, die andere mit den drei Glaubensartikeln jetzt in deutscher Sprache
10)
Röm. 8, 2.
11)
Joh. 3, 16.
12)
Jerem. 31, 20.
13)
Ez. 18, 23-28; 33, 11-14.
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