Ebrard, Johannes Heinrich August - Christus bei uns, der wahre Weg zur Selbsterkenntnis

Ebrard, Johannes Heinrich August - Christus bei uns, der wahre Weg zur Selbsterkenntnis

Im Herrn Geliebte! - Habt ihr Christum bei euch? Lasst mich mit dieser Frage beginnen, einer Frage, die alle Fragen enthält, die auch den heiligsten Gruß, die höchste Voraussetzung in sich schließt. Habt ihr Christum bei euch? Wohl ist er aufgefahren, und es weiß die gläubige Gemeinde ihren Herrn und Mittler erhöht zur Rechten des Vaters, und sucht ihn nicht mehr auf Erden, wo er zu den Zeiten der Jünger einst wandelte, sondern wendet ihre Blicke zu ihm hinauf nach dem oberen Heiligtum, von dannen er seine Kirche regiert und der Welt zum Gericht einst wiederkommen wird. Aber dennoch, obgleich er aufgefahren ist, dennoch ist er auch noch bei uns, und die Frage: „Habt ihr Christum bei euch?“ hat einen guten Sinn; denn Er hat ja selbst verheißen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Die heiligen Evangelisten scheinen sich in diese beiden Wahrheiten geteilt zu haben; denn Marcus und Lukas erzählen uns von Jesu Himmelfahrt, Matthäus aber schließt sein Evangelium mit den Worten Christi: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“, und auch Johannes, wenn er den Herrn zuletzt uns vorführt in der Morgendämmerung am Ufer des galiläischen Sees, wie er mitten unter seinen Jüngern steht und Petrum fragt, ob er ihn lieb habe, und ihm zuletzt noch (Vers 19.) zuruft: „Folge mir nach“ - ja, auch Johannes redet vorzugsweise vom Herrn, sofern er bei uns ist und bei uns bleibt.

Dass Christus aufgefahren ist, dient uns zum Trost und zum Glauben; dass er trotzdem bei uns ist in geistlicher Weise, dient uns zur Heiligung und zur Erweckung. Als der Aufgefahrene herrscht er über seine Feinde, und überwindet das Reich der Finsternis, und tritt seine Macht zu Boden, und schützt die Seinen, die er von der Gewalt des Todes und der Hölle erkauft hat; und so uns bange wird ob der Sünden, die wir begangen haben, so blicken wir auf zu ihm, der sich uns zu gute erniedrigt hat bis zum Tod am Kreuze, und den Gott dafür erhöht hat, und der als ein barmherziger Hohepriester uns beim Vater vertritt. Als der da bei uns bleibt, lebt er im stillen Heiligtum des inneren Herzens, und redet uns freundlich zu und ernst, und warnt uns, und rät uns, und so wir sündigen wollen, blickt Er uns an mit traurig fragendem Blick, und so wir uns verstricken in das eitle Wesen der vergänglichen Dinge, klopft er an, und fragt, ob wir Ihn denn so ganz vergessen hätten, und so wir zu kämpfen haben mit unseren bösen Begierden, hilft uns Sein Anblick durch zum Siege; und was du tun, was du beginnen mögest - allezeit, so wie du wieder einkehrst in dich selbst und dich sammelst - allezeit steht Er wieder bei dir, und wiederholt wie an Petrus so auch an dich die Frage aller Fragen: „Hast du mich lieb?“

Die Himmelfahrt des Herrn stärkt unseren Glauben; seine geistige Nähe erweckt uns zur Selbsterkenntnis und Erneuerung unsers Sinnes. Diese letztere Seite lasst uns heute näher mit einander betrachten. Der Herr steht bei uns, und fragt uns, ob wir ihn lieb haben. Diese Frage des Herrn, sie ist der wahre Ruf zur Buße, Christus bei uns, der wahre Weg zur Selbsterkenntnis.

Christus bei uns: der wahre Weg zur Selbsterkenntnis.

Ihn lasst uns jetzt näher betrachten. Lasst uns deshalb zuerst fragen, was es außer Christo noch für andere Wege zur Selbsterkenntnis gebe, und sodann zweitens, warum und wie Christus der wahre Weg zur Selbsterkenntnis sei.

Du aber, Herr, Gott, himmlischer Vater, der du uns deinen eingeborenen Sohn, Jesum Christum, geschenkt hast, und ihn uns hast gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung; wir sagen dir Lob und Preis für solche deine unergründliche Gnade und Barmherzigkeit, und bitten dich, du wollest uns ihn recht lehren erkennen und durch Ihn uns selbst und in Ihm dich, auf dass solche Erkenntnis fruchtbar werde und lebendig, und wir dich preisen nicht mit Worten allein, sondern in Aufrichtigkeit unsers Herzens und Wandels vor dir! Segne du dazu auch jetzt die Betrachtung deines heiligen Wortes, und verleihe deinen Heiligen Geist dem der da redet, und denen die da hören, um Jesu Christi willen! Amen.

I.

Gibt es denn außer Christo noch andere Wege zur Selbsterkenntnis? - Allerdings, m. G., und es wäre schlimm, wenn dem nicht also wäre. Sollte denn Gott, der doch ein Vater ist über die ganze Welt, alle jene Völker, denen Christus noch nicht gepredigt worden, sollte er jenen großen Teil der Menschheit, der vor Christo lebte und dahinstarb, völlig ohne das Licht der Selbsterkenntnis gelassen haben? Wie könnte er dann diese Völker (die Israeliten vor dem Christentum und die Heiden außer und vor dem Christentum) zur Rechenschaft ziehen? Wie könnte Paulus schreiben, dass er geben werde einem Jeglichen nach seinen Werken? Wie bestünde das Wort der Heiligen Schrift, dass die Heiden keine Entschuldigung haben? - Ja sehen wir nicht im Schoß der christlichen Kirche selbst Viele, die Christum noch nicht kennen, die ihn nicht bei sich haben, und denen wir gleichwohl nicht absprechen können, dass sie ein gewisses, ja vielleicht ein großes Maß von Selbsterkenntnis besitzen. Nein, meine Brüder, es gibt allerdings auch außer Christo und ohne Christum einen und mehrere Wege zur Selbsterkenntnis. Sich selbst lernt der Mensch kennen schon durch den Gegensatz zu Anderen, schon dadurch, dass er sich mit Anderen vergleicht; ja auch ohne dass er nach solcher Erkenntnis trachtet, wird sie ihm unfreiwillig aufgedrungen.

Das Urteil der Nebenmenschen, die öffentliche Meinung, das Urteil der Welt, schon dies ist ein Weg zur Selbsterkenntnis. Leichtsinnig lebt Mancher dahin; dem Augenblick, dem Genuss des Augenblicks, dem Gewinn des Augenblicks ist all sein Streben geweiht; er kehrt nicht ein in sich selbst; er fragt nicht, ob sein Tun gut oder böse; er fragt nur, was ihm gefällt, was ihm gelüstet, was ihn bereichert; er dünkt sich ganz sein eigener Herr; seinen Begierden zu frönen, braucht er jedes Mittel; Sünd' und Laster selbst und Schande müssen ihm zu Dienste sein; und so lange er noch Genossen seines Treibens findet, tröstet er sich, und hält sich für ebenso gut und tüchtig als irgend einer; stolz blickt er auf sich; Tadel würde er für Beleidigung halten; ein ernstes Wort der Buße würde er aufs Höchste übel nehmen. Er kennt sich selbst noch nicht; blind geht er an dem Gesetze vorüber, das auch in seiner Brust geschrieben steht, aber von den Dornen der bösen Lust überwuchert ist; er sündigt gegen dies Gesetz, allein er weiß nicht, was er tut.

Aber plötzlich richtet sich das strenge Urteil der öffentlichen Meinung gegen ihn empor. Die Besseren ziehen sich von ihm zurück; die Guten gehen scheu an ihm vorüber; seine bisherigen Freunde meiden ihn; er will anderen Kreisen sich nähern: mit Verachtung sieht er sich überall zurückgewiesen; plötzlich, plötzlich fällt die Binde von seinen Augen, gebrandmarkt steht er da von dem öffentlichen Urteil, ausgeschlossen aus der Gesellschaft; das Gesetz, das in seinem Innern verstummt war, es richtet sich als äußeres Gesetz gegen ihn auf, und vor diesem Gesetz steht er da als ein Verdammter. Auf die schmerzlichste Weise ist er zur Selbsterkenntnis gekommen.

Die öffentliche Meinung ist also allerdings ein Weg zur Selbsterkenntnis. Ob sie aber der wahre, der beste, ob sie nicht ein rauer, ja oft ein irreführender Weg ist? - Ach, meine Brüder und Schwestern, zu beugen und zu demütigen und niederzuschmettern vermag sie wohl, die Stimme des öffentlichen Urteils aber aufzurichten und zu erheben und zu bessern und zu retten - das vermag sie nicht. Ihr Gericht ist ein erbarmungsloses; sie fragt nur „Was hat er verbrochen?“ wie er aber stufenweise hinabgesunken und verführt worden ist, darauf nimmt sie keine Rücksicht. Es ist ein harter, rauer Weg. Und was noch mehr ist, oft sogar ein irreleitender Weg. Wie, war es nicht vielleicht die öffentliche Meinung selbst, die den Unglücklichen, den sie jetzt verdammt, zuerst auf den schlüpfrigen Pfad gelockt hat, dem er zum Opfer wurde? War sie es nicht, die seine Geldgier und Ruhmsucht und Eitelkeit so lange stachelte, bis er von ihr sich zum Verbrechen treiben lief? Sie es nicht, die dieselben Sünden und Schanden beschönigte und entschuldigte, welche den Unglücklichen bis zu dem völligen Verderben des Leibes und der Seele fortrissen, wo ihn nun die treulose Welt selber verlässt, und, schamvoll über ihr eigenes Werk, aber reuelos und ohne Erbarmen, sich von ihm wendet? - O, Geliebte, die Stimme der Welt ist kein sicherer Weg zur Selbsterkenntnis. Diese Stimme lässt sich leiten und regieren nicht von der Heiligkeit, nicht von der Liebe, nein von der Selbstsucht, dem Egoismus. Die Welt fragt ebenso wenig als der, über den sie richtet, danach, was gut oder böse sei; auch sie fragt nur, was ihr nütze und Ehre bringe. Das Böse entschuldigt sie, so lange es ihr dient; das Gute tadelt sie, wo sie dadurch beschämt wird. Sie fragt nicht „hast du den Herrn lieb?“ Die Welt fragt nur „hast du mich lieb?“ nicht frei will sie uns machen, sondern zu ihren Knechten. Hierhin, dorthin will sie uns reisen; solch vielköpfigem Tyrannen zu gehorchen, ist nicht leicht und nicht angenehm, und führt eher zur Selbstverwirrung, als zur Selbsterkenntnis!

Hoch über der öffentlichen Meinung, hoch über dem Urteil der Welt, steht das göttliche Gesetz. Unabhängig vom Winde der Meinungen ist es eingegraben auf den Marmortafeln des Berges Sinai, und Er selbst, der auf Golgatha der Stiftung Sinais ein Ende gemacht hat, hat doch von diesem Gesetze bezeugt: „ich bin nicht gekommen, es aufzuheben, sondern zu erfüllen.“ Du, der du von dem ungewissen Urteil der Welt hin und her geschaukelt wirst, und eine sichere Richtschnur deines Tuns und Lassens, die du so sehnsüchtig suchest, darin nicht zu finden vermagst, o wende dich, wende dich voll Vertrauen zu dieser Felsenschrift des göttlichen Willens! Sie ist einfach; wer verstünde sie nicht, wenn sie den Kindern gebeut, zu lieben ihre Eltern? wer begriffe sie nicht, wenn sie dem Geschöpfe verbeut, anderen Göttern zu dienen neben dem einigen Gott? wer fasste sie nicht, wenn sie Diebstahl und Betrug und Ehebruch und Totschlag für gottlos erklärt? Da ist Sicherheit, da ungezweifelte Klarheit! Und eine Klarheit, die tiefer dringt, als das Urteil der Welt, die nicht bloß die rohesten, letzten Ausbrüche der Sünde verpönt, nein, die schon die ersten, leisesten Regungen der bösen Lust verdammt. Du bist kein Verbrecher - aber stehe, dies Gesetz ruft dir zu: „Lass dich selbst nicht gelüsten deines Nächsten Hauses“; du bist kein Ehebrecher, aber siehe, dies Gesetz verbeut dir, das Weib deines Nächsten auch nur anzusehen, ihrer zu begehren; du bist kein Götzendiener - aber die Summe dieses Gesetzes verbeut dir nicht bloß Abgötterei, sie gebeut dir, Gott deinen Herrn zu lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele und von ganzem Gemüte und aus allen deinen Kräften. Wahrlich, da sinkt der eitle Ruhm des Menschen in den Staub, da steht er beschämt vor seinem Richter; bis in die tiefsten, innersten Regungen der Seele dringt dies zweischneidige Schwert, und wo, wo wäre eine Falte des menschlichen Herzens, in der dies strenge Gesetz nicht einen Flecken entdeckte?

Ein sicherer Weg also zur Selbsterkenntnis ist das göttliche Gesetz. Aber der wahre, höchste Weg ist es noch nicht. „Hast du mich lieb?“ so fragt dich wohl dein Herr und Schöpfer in seinem Gesetz; aber indem er dich fragt „hast du mich lieb?“ fragt er dich zugleich: „hältst du meine Gebote? - und „wehe dir“, fügt er hinzu, „wenn du sie nicht hältst!“ Ob du ihn liebst, das fragt er dich wohl; aber ob er dich liebe, das erfährst du nicht. Ob er dich liebe, das hängt erst von deinem Verhalten ab; seine Liebe sollst du dir erst verdienen durch deine Liebe, deine Vollkommenheit; und wie, wenn du nun nicht vollkommen bist, wenn du dein Gemüt nicht von reiner heiliger Gottesliebe erwärmt, sondern von Selbstliebe erkaltet, oder von Weltliebe und Weltlust durchglüht findest, wenn du an allen Ecken und Enden Sünden und Fehler und Mängel entdeckest - wehe! dann ist dir ja (laut dem Ausspruch des Gesetzes) auch die Liebe deines Gottes verloren!

Darum schreibt Paulus, dass durch des Gesetzes Werk kein Fleisch gerecht werden mag; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Ja zur Selbsterkenntnis führt dich das Gesetz, aber zum Leben vermag es dich nicht zu führen. Die Selbsterkenntnis, zu der das Gesetz dich führt, ist eine Selbsterkenntnis zum Tode.

Doch nein, sagt ja doch derselbe Apostel, das Gesetz sei ein Zuchtmeister auf Christum. In der Tat, wenn das Gesetz auch nichts weiter bewirkt, so bewirkt es doch Eines, das heilsam und segenbringend genug ist. Es weckt dein Gewissen auf; von den Tafeln des Gesetzes, die in deiner eigenen Brust aufgerichtet aber verschüttet stehen, räumt es jenen Schutt und jene Nesseln hinweg; du fühlst dich schuldig nicht mehr bloß vor dem richtenden Gott, nein, auch vor dir selbst; aufmerksam verfolgst du alle Regungen deines Innern; Wollen des Guten (so sprichst du) Wollen des Guten habe ich wohl, aber Vollbringen das Gute finde ich nicht; ich elender Mensch, wer wird mich erlösen? - So weit hat dich also das Gesetz gebracht, dass du nicht bloß deine Sünden erkennst, sondern auch das unverlierbare Bild Gottes in deinem Innern, deinem Gewissen, wieder in hellem Lichte dich umstrahlt, und du wieder verlangst so zu werden, wie du sein sollst; und wer ist es nun, der dich auch hierzu den Weg erkennen lehrt; wer ist es nun, der dir Kraft gibt, so zu werden, wie du sein sollst, und deine Selbsterkenntnis dahin vollendet, dass du in dir nicht bloß den Sünder, sondern auch den Erlösten, nicht bloß den Knecht, sondern auch den Sohn und Erben der göttlichen Gnade zu erkennen vermagst?

II.

Christus ist's, der Eingeborene vom Vater voller Gnade und Wahrheit! Er ist's, der mit der Einen Frage: „Hast du mich lieb?“ dich nach allem zugleich fragt, nach deinen Sünden und nach deinem Glauben. Christus ist der wahre, der vollendete Weg zur wahren, zur vollendeten Selbsterkenntnis. Er lehrt dich kennen, was dir fehlt, aber zugleich auch, was du - durch ihn - besitzt; er zeigt dir deine Sünden, aber er zeigt dir auch sein Heil; er demütigt dich, aber er stärket dich auch.

Christus ist der wahre Weg zur Selbsterkenntnis, denn: sein Leben lehrt uns kennen unsere Sünden gegen das Gesetz; sein Leiden lehrt uns kennen unsere Sünden gegen Ihn; seine Liebe vergibt uns die Sünden, und seine Frage selbst, ob wir ihn lieb haben, gibt uns Mut und Kraft zu der Antwort: „Herr du weißt, dass ich dich lieb habe.“

Sein Leben lehrt uns kennen die Sünden, die wir gegen das Gesetz begehen. Zwar schon zuvor haben wir sie erkannt, diese Sünden; das Gesetz selbst hat uns ja darauf hingewiesen. Aber, meine Br. und Schw., es ist doch ein großer Unterschied, ob wir die gegen das Gesetz begangenen Sünden am Gesetz erkennen, oder ob wir dieselben am Leben Christi erkennen. Derselbe Petrus, zu dem der Herr in unserem Texte redet, hatte das Gesetz gekannt von Jugend auf, und gewiss hat er sich in dem Gesetz auch geübt und fleißig danach geprüft. Und doch war kein Augenblick in seinem Leben so hoch und heilig gewesen, nie hatte er so lebhaft seine Sündlichkeit gefühlt, als an jenem Morgen, wo er nach vergeblich durcharbeiteter Nacht auf Jesu Befehl noch einmal die Netze warf, und sie schwerbeladen wieder aufzog (Luk. 5, 1-9); da fiel er Jesu zu Füßen und sprach: „Herr, gehe hinaus von mir; ich bin ein sündlicher Mensch.“ Der lebendige Anblick des Sohnes Gottes in seiner Herrlichkeit und Hoheit wirkte mehr und tieferes, als alle Buchstaben aller zehn Gebote. Die Gebote fasste er auf mit seinem Verstande; Jesus aber blickte ihm tief ins Gemüt. In Jesu trat ihm das Gesetz Gottes gleichsam verkörpert und in persönlicher Gestalt entgegen. Die Wirkung einer lebendigen Persönlichkeit ist aber maßlos tiefer und eindringender, als die eines toten Buchstaben.

Auch uns bringt der Anblick und das Bild Jesu Christi in ganz anderer Weise zur Erkenntnis unserer Sünden, als das Gesetz. Wir sehen ihn, des Menschen Sohn, wie er dahinwandelt durch das jüdische Land, sehen ihn, wie er Kranke heilt, Leidende tröstet, Bosheit straft, Arglist entlarvt; wie er in reinem Sonnenglanze göttlicher Erhabenheit leuchtet mitten in einer finstern Welt, wie er Verachtung und Verkennung duldet, wie die reine Harmonie seiner leidenschaftslosen Seele nicht ein einziges Mal durch das unreine Feuer sündiger Regungen getrübt wird; wir sehen ihn; er steht vor uns; und wahrlich, meine G., dies Bild, es ist kein stummes, es ist ein laut redendes Bild! Von diesem heiligen Antlitz, von diesen heiligen Lippen tönt uns die Frage entgegen: „Hast du mich lieb?“ Hast du Ihn lieb, den heiligen und gerechten, ihn in seiner Sanftmut und Milde, seiner Strenge und seinem Ernst? Ist Er dein Ideal? Oder wie, geht es dir etwa wie den Schriftgelehrten? weckt der Anblick des Heiligen in Israel in dir die Schlangen des Neides, der Beschämung, des Hasses? Siehe da, Christus, das verkörperte Gesetz, fragt dich, ob du ihn lieb habest, und mit dieser Einen Frage enthüllt er dir den verborgensten Grund deiner Seele, zeigt er dir, ob du das Gute liebst oder das Böse; sein ganzes Leben ist Eine große Frage an dich; sein Leben lehrt dich kennen deine Sünden gegen das Gesetz.

Und sein Leiden deine Sünden gegen Ihn. Die Bosheit derer, die durch den Anblick Jesu beschämt wurden, steigerte sich bis zum Hasse, und dieser Hass hat sein Werk vollendet. Das Kreuz auf Golgatha ist des ein ewiges Zeugnis. Der Leichtsinn der weltlichen Sadduzäer, die Bosheit der selbstgerechten Pharisäer, der Wankelmut des jüdischen Volkes und die Charakterschwäche des heidnischen Richters, alles vereinte sich zur Unterdrückung und Vernichtung Jesu. Da steht er nun vor dem hohen Rate; einer der Seinen hat ihn verraten, und ein anderer Jünger steht draußen im Hofe am Feuer, und will sehen, was aus dem Meister werde; und wie man diesen dreimal fragt, ob er nicht auch der Jünger Jesu einer sei, antwortet er dreimal: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Das war derselbe Jünger, den Jesus in unserem Texte dreimal fragte: „Simon Jona, hast du mich lieb?“

„Simon Jona, hast du mich lieb?“ Weckt diese Frage des Heilands, der für uns gelitten hat nicht ein Heer von schmerzlichen Erinnerungen in unserer Brust? Petrus ward traurig, als ihn der Herr dreimal fragte; sollten wir fröhlich bleiben dürfen? Dort in Gethsemane, dort in des Hohepriesters Palast, dort auf Golgatha sind wir nicht bei ihm gewesen; aber hier in unserem Leben ist er bei uns gewesen; seine Taufe hat uns in das Reich seiner Gnaden aufgenommen; sein Wort hat er uns predigen, seine Gnade anbieten lassen; durch Freud und Leid hat er gesucht uns zu sich zu ziehen; seine Arme hat er uns offen entgegengebreitet; „Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich wollen deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küchlein sammelt unter ihre Flügel,“ das kann er auch über uns rufen; und wie, sollte er etwa auch über uns hinzufügen müssen: „und ihr habt nicht gewollt“? Wie verhielten wir uns gegen den Heiland, der für uns am Kreuze gestorben ist? Ach, es gibt noch immer Pilatusse, die, wenn man ihnen von dem unsichtbaren Reiche redet, da Christus König ist, mit dem Tone des Spottes antworten: „Was ist Wahrheit!“ noch immer Sadduzäer, die sich vor dem Jenseits nicht fürchten, weil sie an kein Jenseits glauben; noch immer Pharisäer, die in ihrer Selbstgerechtigkeit von Dem nichts wissen wollen, der ein Arzt ist für die Kranken, ein Heiland für die Sünder; noch immer gibt es Jünger, die ihren Herrn verleugnen, oder besser, richtiger, aufrichtiger gesprochen: noch gibt es keinen Jünger, der ihn nicht schon verleugnet hätte. O nicht nur die, die Jesum von sich stoßen, nein auch die, die an ihn glauben, werden traurig, wenn sie den Heiland, der gelitten hat, an den Jünger, der ihn verleugnet hat, die dreimalige Frage richten hören: „Simon Jona, hast du mich lieb?“ denn auch sie, auch sie auch wir, auch wir haben unseren Herrn und Meister mehr denn dreimal verleugnet!

Sein Leiden führt uns zur Erkenntnis der Sünden, die wir gegen ihn begangen haben. Aber in diese tiefste Trauer der Selbsterkenntnis mischt sich ein köstlicher Balsam; in die dickste Finsternis des armen, strauchelnden Menschenherzens fällt ein helles Licht. Es ist der Lichtglanz der Liebe des Herrn, die die Sünden vergibt. Ist es ja doch nicht die Frage des Vorwurfs, wenn der Herr seinen Jünger fragt, ob er ihn lieb habe! Liegt ja doch in dieser Frage nach Liebe zugleich die Einladung zur Liebe, und in dieser Einladung die selige Versicherung der Gegenliebe. Ja, ja, der Herr, den wir so oft und mannigfach verleugnet haben, hat uns zu lieben nicht aufgehört. Er, welcher als das Lamm Gottes den ganzen Fluch, der durch die Sünde in die Welt gekommen, an sich erfahren hat, er, der die Bosheit der Welt an sich austoben ließ, der, als sie ihn ans Kreuz schlugen, in der finstern Nacht seines Leidens, wo er von seinem Vater sich verlassen fühlte, doch ein solches Herz voll Liebe hatte, dass er für seine Feinde betete: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun - Er hat uns zu lieben nicht ausgehört. In ihm ist die Liebe eine allmächtige geworden; die Allmacht der Vaterliebe Gottes ist in ihm erschienen; der Schuldbrief ist zerrissen, Gott ist versöhnt; wer nur hinfort nicht sich selbst lebt, wer nur nicht ohne Christum vor Gott erscheinen will, wer nur Ihm eingepflanzt ist und als ein Glied lebt an ihm dem Haupte, als eine Rebe an ihm dem Weinstock, wer aus dem Geiste Christi neu geboren wird zu einem neuen Leben, der hat auch Teil an dieser ewigen Liebe und Erbarmung. Seine Liebe vergibt uns die Sünden, und seine Frage selbst, ob wir ihn lieb haben, gibt uns Kraft und Mut zu der Antwort: „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!“

„Herr, du weißt,“ Herr, du kennst, du siehst, du prüfst. Das ist nun eine wunderbare Krone und ein herrlicher Triumph der Selbsterkenntnis, dass es gar nicht mehr unser eigener Geist ist, darin wir uns selbst erkennen, sondern dass der Herr und der Geist des Herrn es ist, der wie ein Flammenauge uns durchleuchtet. Dieser Geist, welcher der Gnade Gottes in Christo gewiss ist, und von Gegenliebe glüht zu dem, der uns zuerst geliebt hat, dieser Geist vollzieht nun in uns das Geschäfte der Selbsterkenntnis. Und welcher Selbsterkenntnis? Sie ist nicht eine tote, sondern eine lebendige; sie geschieht nicht im Gedanken, sondern im Leben; sie ist nicht bloß Erkenntnis, sondern zugleich tatsächliche Reinigung. Was Christo nicht angehört, was zu Christo nicht passt, was nicht aus ihm geboren ist, das tilgt jener Heilige Geist hinweg aus unserem Innern; in unermüdeter Läuterungsarbeit, mit unermüdetem Läuterungsfeuer reinigt er unsere Herzen. Und zwar geschieht dies nicht sowohl durch die strenge Zucht der Strafe, als vielmehr durch das milde Walten der Freudigkeit zum Guten. „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe „, antwortete Petrus. Ich kann ja nicht anders, will er sagen; dein Bild steht ja stets vor meiner Seele; du blickst mich ja an mit jenem Blicke, vor dem die Felsen selber zerschmelzen müssten. Wenn ich auch vor diesem Bilde entfliehen wollte das geht ja nicht! Es ist mir ja doch nirgends wohl, als bei dir; in dir ist meine ewige Heimat; in dir habe ich den versöhnten Vater; durch dich bin ich sein Kind; du hast mich zu lieb gehabt, als dass ich dich lassen könnte!

Habt ihr Christum bei euch? So frag ich nun noch einmal, und wenn ich auch nicht also fragen würde, o so solltet ihr, meine Brüder und meine Schwestern, euch selber täglich und stündlich also fragen. Habt ihr Christum bei euch, so habt ihr den wahren Weg zur Selbsterkenntnis gefunden, einen Weg, sicherer als das Urteil der Welt, sanfter und freundlicher als das richtende Gesetz Sinais. Ihr erkennt an seinem Leben, was an euerm Leben sündlich und dem Gesetz und Willen des Vaters zuwider ist; ihr erkennt an seinem Leiden eure Verschuldungen und Verleugnungen gegen den Sohn; seine Liebe vergibt euch die Sünden, und seine Frage selbst: Hast du mich lieb? könnt ihr nicht anders beantworten, als: Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Du weißt, dass ich dich lieb habe! O Herr, ewiger, allmächtiger Gott, und in Christo Jesu unseren Vater! hilf du selbst, dass wir Alle, Alle also sprechen können von Grund des Herzens! Hilf, dass wir absagen der Welt und der Sünde, und dich lieben und den du gesandt hast, Jesum Christum erkennen! O aller Himmel Himmel fassen nicht die Seligkeit eines Herzens, das in Ihm Friede gefunden hat! Ja Herr Jesu, entzeuch uns nicht deine Nähe, und wenn die Lüste des Fleisches und der Hochmut des Fleisches uns locken und verführen wollen, o so lass dein Bild uns vor die Seele treten, und frage uns immer wieder: Hast du mich lieb?“ Amen.

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