Ebrard, Johannes Heinrich August - Der Gang nach Bethlehem

Text: Luk. 2, 15.

Lasst uns gehen gen Bethlehem.

Im Herrn Geliebte! Es ist die liebe alte Weihnachtsgeschichte, in die uns unser Text führt, die liebe alte Weihnachtsgeschichte, die immer neu wird, die nie alt werden kann. Die Hirten Bethlehems haben die leuchtende Gestalt gesehen, die aus dem Dunkel der Nacht plötzlich vor sie trat, und haben die Verkündigung vernommen: „Euch ist heute der Heiland geboren, Christus der Herr, in der Stadt Davids“, und aus der Höhe herab den Lobgesang der himmlischen Heerscharen gehört. Da sprachen sie: Lasst uns gehen gen Bethlehem!

Wir sprechen mit ihnen so. Unsere ganze Weihnachtsfeier besteht ja aus nichts anderem, als einem Gange nach Bethlehem. Ach, das ist ein süßer, ein lieblicher Gang. Wir haben gar manche andere Gänge im Laufe des Jahres zu machen gehabt, saure Gänge, bei denen uns manchmal das Herz brechen wollte. Oder es hat mancher auch wohl Gänge gemacht, die er nicht hätte machen sollen, ist Wege gegangen, die er nicht hätte gehen sollen, und musste den Rückweg durch das trübe Tal der Neue nehmen. O wohl dem, der aus dem Labyrinthe der sauren und der verkehrten Gänge den Weg herausfindet, und den stillen Pfad einschlägt, der nach Bethlehem führt! Den Gang nach Bethlehem lasst uns antreten mit den Hirten!

Dorthin! und nirgends anders hin!

Dorthin zu dem Kinde, als Kinder, und mit den Kindern!

I.

Nach Bethlehem! Und warum gerade dorthin und nirgends andershin? Es gibt ja noch so manche andere Orte selbst im heiligen Lande noch so manch' andere Orte wohin wir pilgern könnten.

Da ist z. B. die Stadt Samaria, die Hauptstadt Ephraims, von der der Prophet Jesaja1) schreibt, dass sie thront auf ihrer Höhe, von grünen, üppigen Hügeln wie von einem Blumenkranz umgeben, und man hört dort nichts als Singen und Jauchzen und das Freudengeschrei der Trunkenen Ephraims. Denn trunken von Wein und trunken von Lustbarkeit sind ihre Einwohner, und in hellen Haufen ziehen von allen Seiten die Leute herzu, um an der Lustbarkeit und Lustigkeit Teil zu nehmen.

Samaria, ja, das ist das Bild der Freude und Lust dieser Welt. Wart ihr auch schon dort? Es ist kein weiter Weg dahin. Nach Palästina ists freilich weit; jedoch das alte Samaria in Palästina ist längst zerstört; aber seitdem ist es aller Orten wieder aufgebaut. Jede Kirchweih, wo Trunkene taumeln jedes solche Tanzvergnügen, wo die Ehrbarkeit in die Brüche geht - jede dunkle Gasse, wo Verführer lauern und Mädchen zu Falle kommen jede Spelunke, wo der Arbeitslohn verprasst oder bei Karten und Würfeln vertan wird, ist ein Samaria. Es geht hoch her in Samaria, aber der Prophet ruft ein Wehe über die prächtige Krone der Trunkenen von Ephraim und über die welke Blume ihrer lieblichen Herrlichkeit. Auch die Stadt Jerusalem mitsamt dem König Herodes und seinem Hofstaate und der ganzen vornehmen Priesterschaft war zu einem Samaria geworden. Und sollte man es denn für möglich halten? ein Zimmer, worin ein Weihnachtsbaum brennt und die schönsten Geschenke beschert werden, kann zu einem Samaria werden, und wird zu einem Samaria, sobald man dort des Herrn vergisst und nur an die irdischen Freuden denkt, die man sich bereitet. Ja, Geliebte! überall, wo man des Herrn vergisst, ist Samaria. Lasst uns nicht nach Samaria gehen; es ist ein verkehrter Gang, wie lockend auch der Weg erscheine. „Siehe“, spricht der Prophet2), „siehe, ein Starker und Mächtiger vom Herrn kommt wie ein Hagelsturm; wie ein Wassersturm wird er ins Land gelassen mit Gewalt, dass die prächtige Krone der Trunkenen Ephraims mit Füßen getreten werde.“ Grässlich ging dies Wort in Erfüllung, als der Assyrer einbrach und Samaria zum Schutthaufen machte, und jedes Mal wird's in Erfüllung gehen, wo über dem Taumel irdischer Lust der Herr vergessen wird.

„Trauern ist besser, denn lachen“, sagt der Prediger Salomo. Wollen wir nicht lieber ins Tal Achor gehen, ins Tal der Trübsal, als in das lustige Samaria? O, es sind so viele, die in diesem Tale Achor wandeln. Viele; und doch geht fast jeder allein und kümmert sich keiner um den anderen. Viele; und doch ist's so stille dort, und man hört nichts als leise Seufzer und unterdrücktes Schluchzen. Ach, es ist ein schreckliches Tal, so finster, so finster, und ist nirgends ein Ausweg zu finden; es leuchtet kein Hoffnungsstern, aber Löcher und Abgründe sind da, in die du bei der Dunkelheit geraten kannst und in die du wahrscheinlich fallen wirst. Wer rauft sich dort das Haar? Wer schlägt sich so verzweifelnd an die Brust? Du bist's? Armer Mensch, den der Herr in das Tal Achor geführt hat - wie Du mich dauerst! Aber solltest Du verzweifeln müssen? Der Herr hat Dich hingeführt. „Siehe“, spricht er durch den Propheten Hosea3) „ich will sie locken und will sie in eine Wüste führen und freundlich mit ihr reden; da will ich ihr geben ihre Weinberge an demselben Ort, und (will ihr geben) das Tal Achor, die Hoffnung aufzutun; und daselbst wird sie singen wie zur Zeit ihrer Jugend, da sie aus Ägypten zog.“ - Sieh dich doch um! Siehst du denn nichts? Das Tal Achor ist nicht so weit von Bethlehem. Hebe dein gesenktes Haupt nur empor, schaue aufwärts; siehst du den hellen Schimmer? Sieh, das ist die Klarheit des Herrn, die drüben auf dem Berg die Hirten umleuchtet; sie leuchtet bis zu dir herüber, bis ins Tal Achor herein. Und horch! hörst du sie denn nicht aus der Ferne, die Stimme des Engels, der da spricht: „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk“ allem Volk! auch dem Volk im Tale Achor „widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, Christus der Herr in der Stadt Davids!“

Fort aus dem finstern Tal! Hinüber in die Stadt Davids nach Bethlehem! Dorthin und nirgends anders hin! Es ist ein steiler, mühsamer Weg dort hinüber; aber es ist der rechte Weg! Warum so viele ihn nicht finden können?

Sie gehen einem anderen Schimmer nach. Es leuchtet ja in das dunkle Tal der Trübsal noch ein anderer Schimmer aus weiter, weiter Ferne, von nordwärts her, vom Berge der Verklärung. Es ist der Schimmer der leuchtenden Gestalt Christi und seines strahlenden Gewandes, wie er droben stand auf dem Berge, als Moses und Elias ihm erschienen und Petrus sprach: „Meister, hier ist gut sein; hier lasst uns Hütten bauen.“ Ja, hier ist gut sein! Hier ist nicht mehr Krankheit und Leiden, nicht mehr Anfechtung und Kummer, nicht mehr Tod und Grab; hier ist Leben und ewige Freude; aller Schmerz liegt hinter dir als ein überwundener Feind. Ja wer dort wäre! Das ist die Sehnsucht so vieler, die im Tale der Trübsal wandeln. Befreiung von ihren Leiden das begehren sie, und suchen den Weg aus dem schwarzen Tale Achor nach dem lichten Berge der Herrlichkeit, und finden ihn nicht. Es ist kein falscher Weg, Geliebte! aber es ist ein verfrühter Weg. Ist doch Christus selbst nicht unmittelbar von jenem Berge der Verklärung aus in den Himmel zur Herrlichkeit aufgefahren, sondern Moses und Elias redeten gerade dort mit ihm von dem Ausgange, den er zuvor nehmen müsse zu Jerusalem am Kreuze. Auch du kannst und sollst den Sprung nicht machen aus deinem Trübsalstal auf den Berg der Verklärung und Schmerzlosigkeit. Du sollst erst Christo sein Kreuz nachtragen, das Kreuz, das er dir auferlegt hat. Nicht auf den Berg der Verklärung wird der rechte Weg gehen, sondern nach Golgatha, auf den Hügel der Kreuzigung.

Ja, da geht er freilich hin, aber nicht direkt. Das wäre wieder ein verfrühter Weg. Freilich, mein Lieber, musst du endlich dahin kommen, dass du auf Golgatha vor Jesu Kreuz auf deine Knie fällst und seine Füße umklammerst und unter Tränen bekennst:

Ich bins; ich sollte büßen,
An Händen und an Füßen
Gebunden in der Höll'.
Die Geißeln samt den Banden
Und was du ausgestanden,
Das hat verdienet meine Seel!

Aber seht, Geliebte! es sind so viele unter denen, die im Tale der Trübsal wandeln, die können das noch nicht; die bringen es noch nicht fertig, an dies unbegreiflichste aller Wunder zu glauben, an das Wunder der ewigen Vaterliebe, die den eingeborenen Sohn für die schuldbeladene Welt in den Tod gibt. Den Einen ist's ein Ärgernis; sie sind zu stolz, um sich als so ganz arme, arme Sünder zu erkennen, die als Bettler die Rechtfertigung und Sündenvergebung als freies Gnadengeschenk annehmen sollten: sie meinen immer noch, sie müssten ihre Sünden gut machen, sie müssten den Anfang machen, indem sie sich bessern aus eigener Kraft. Den Andern ist's eine Torheit; sie schauen hochmütig auf die Heilige Schrift herab, wie auf ein Märchenbuch, woran in unserer aufgeklärten Zeit kein gescheiter Mensch mehr glauben könne. Die einen sind stolz auf ihr eigenes Tun, die Anderen hochmütig auf ihre eigene Vernunft, und da können sie den Weg nach Golgatha nicht finden. Natürlich! diese schroffe senkrechte Felsenwand könnt ihr nicht hinauf. Aber seht ihr denn dort den Wegweiser nicht? Da steht ja deutlich geschrieben: „Nach Bethlehem.“ Nur über Bethlehem geht der Weg nach Golgatha, und nur über Golgatha der Weg nach dem Berge der Verklärung.

II.

Nach Bethlehem zu dem Kinde müsst ihr gehen, zu dem armen Knäblein, das schlummernd in der Krippe liegt, und da müsst ihr stolzen, hochmütigen, aufgeblasenen Leute selbst Kinder werden. Wer nicht in das Reich Gottes eingeht als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

Habt ihr je schon ein neugeborenes Menschenkindlein in einer Wiege liegen sehen? Gewiss. Aber habt ihr auch bedacht, welch ein unbegreifliches Wunder solch ein neugeborenes Menschenkindlein ist? Da liegt es, klein, schwach, unentwickelt, seiner selbst noch unbewusst; und doch schlummert in ihm der ganze künftige Mensch: ein denkender Geist, der das ganze Weltall schauend und erkennend in sich aufnehmen wird, ein fühlendes Herz, das die unaussprechlichste Freude und das tiefste Weh zu empfinden fähig sein wird; ein Wille, der eingreifen wird in das Leben und Geschick Anderer und vor allem in sein eigenes. Das wisst ihr nun doch, und werdet mir es zugeben, dass nicht du, und nicht du, und kein Dritter, und kein Erzieher es ist, der dem Kinde von außen diesen Geist, Gemüt und Willen einhauchen könnte; dass der Geist, das Herz, der Wille vielmehr in dem Kinde schon da ist, und aus ihm selbst heraus sich entwickelt wie der Zweig aus der Knospe.

Nun schau' dir aber das Kind in der Krippe zu Bethlehem an! Was hat sich aus ihm entwickelt? Ein Geist, so licht und rein, wie kein zweiter mehr auf Erden zu finden war; ein Herz und Wille, in welchem keine Spur von Selbstsucht und Sünde war, nichts als lautere Liebe, das lautere Ebenbild Gottes, des göttlichen Wesens! Dieser göttliche Geist, dies Herz voll heiliger, himmlischer Liebe, dies Ebenbild des Vaters war also in dem kleinen Kinde schon vorhanden; sonst hätte sich's ja nicht entwickeln können. Gott war in Christo. Gottes Wesen und Ebenbild ist Kind geworden, der ewig seiende ein zeitlich werdender. Und in der Krippe liegt dies Kind; der ewig heilige ist ein duldender geworden, leidend von der ersten Stunde an leidend unter der kalten Selbstsucht der sündigen Welt. Wirf dich auf deine Knie vor dieser Krippe, und lerne es begreifen, dass Gottes Selbsterniedrigung seine höchste Verherrlichung ist, dass er, als sein Sohn Mensch geboren ward und in der Krippe lag, die ganze Herrlichkeit seiner ewig erbarmenden Liebe kundgetan hat, und dass du dich nicht herrlicher erhöhen kannst, als wenn du vor diesem Kinde selbst zum Kinde wirst.

Als Kinder müssen wir zu dem Kinde nach Bethlehem kommen, als demütige, gläubige Kinder. Wenn ein Kindlein dürstet, so fragt es nicht: aus was für Stoffen besteht die Muttermilch? ist sie mir auch gut und nützlich? sollte es nicht vielleicht ein anderes Getränk geben, das noch besser wäre? - sondern es legt sich an die Mutterbrust und trinkt und trinkt! du armer Mensch im Tale Achor, der du dürstest, dass dir die Zunge am Gaumen klebt - dürstest nach Trost, dürstest nach Kraft, dürstest nach Frieden deiner Seele, nach Ruhe deines Gewissens, dürstest nach Lösung des Rätsels, das du dir selber bist, wirf dich doch an die Mutterbrust des ewigen göttlichen Erbarmens! trinke! trinke! trinke dich doch satt an diesen Strömen des göttlichen Erbarmens. Erkenne es doch, dass alles, was je Gutes in der Welt zu finden war, von diesem Kinde gekommen ist, und dass von ihm dir nichts schlimmes kommen kann. Oder meintest du wirklich: wenn du Jesum liebtest, so würde dich das zu einem bösen Menschen machen? wenn du Jesum liebtest, so würde dich das in Verzweiflung stürzen? wenn du Jesum liebtest, so würde dir das den Frieden rauben? Den Frieden rauben? Du hast ja noch keinen Frieden. Er will dir Frieden geben; er will dir Lust und Kraft geben zu allem Guten, will dir ein Herz geben, das gleich seinem eigenen Herzen willig ist, fremde Schuld zu vergeben und unverdientes Unrecht zu dulden, ein Herz, das mit ihm spricht: Geben ist seliger denn nehmen. Glaube doch! versuch' es doch nur einmal! versuche sie, die reine Milch des Evangeliums! Werde ein Kind! Ach, hast du denn nie Augenblicke in deinem Leben gehabt, wo du zu dir selbst sagtest: „ach wenn ich wieder ein Kind werden könnte! wie war ich damals so glücklich!“ Nun sich, du kannst es. An der Krippe zu Bethlehem bei dem Jesuskinde kannst du wieder ein Kind werden, ja ein besseres seligeres Kind, als du damals gewesen! ein wiedergeborenes Kind, aus dem sich kein alter sündiger Mensch, sondern ein neuer Mensch, ein Mensch Gottes, entfaltet.

Als Kinder müssen wir nach Bethlehem gehen, und mit den Kindern. Lasst eure Kinder nicht daheim, nehmt sie mit, wenn ihr nach Bethlehem geht. Der Weihnachtsbaum ist angezündet in der Stube und die Kinder jubeln um ihn her. Seht ihr denn nicht, dass das ein Wegweiser ist mit der Ausschrift: Nach Bethlehem! Und statt euch nun samt euern Kindern nach Bethlehem weisen zu lassen, statt ihnen das Weihnachtsevangelium vorzulesen und ein Weihnachtslied: „Vom Himmel hoch da komm ich her“, mit ihnen zu singen, und ihnen von dem Kinde, dem Jesuskinde in Bethlehem, zu sagen, auf dass der Lichterbaum ein rechter Christbaum und das Fest ein Christfest werde und ihr selbst einen Segen davon hättet - statt dessen schweigt ihr von dem Kind in Bethlehem mäuschenstille und redet mit den Kindern nur von dem irdischen Spielzeug und den irdischen Gaben? dass ein Fremder, wenn er hereinträte, nicht wüsste, ob er sich in einem Christenhause befinde. Das hieße aber: die zarten Kinder schon nach Samaria führen, sie vor allem mit den Freuden dieser Welt bekannt machen; und es gibt ja Eltern, die das nicht früh genug tun zu können glauben. Ach, wollt ihr denn, dass Gott der Herr eure Kinder hernach ins Tal Achor führen müsse, um sie nur dem ewigen Verderben zu entreißen? Nein, meine Lieben! nach Bethlehem, nach Bethlehem geht unser Gang. Auch die Weihnachtsbescherung ist nur dann eine Christbescherung, wenn die irdischen Gaben uns und unsre Kinder aufwärts weisen zur himmlischen Gabe, die Gott uns in seinem Sohne beschert hat, wenn die irdische Freude uns durstig macht nach der himmlischen Freude, wenn der brennende Baum herabschaut auf Herzen, die in Liebe zu Jesu entbrennen.

Nach Bethlehem! Dorthin und nirgends anders hin! Nach Bethlehem, zu dem Kinde, als Kinder, und mit den Kindern! Bethlehem heißt: Haus des Brotes. Nach Bethlehem! dort finden wir das Brot des Lebens.

Amen.

1)
Jesaja 28, 1 ff.
2)
Jesaja 28, 2-3.
3)
Hosea 2, 14-15.
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