Ebrard, Johannes Heinrich August - Der selige Gang nach Bethanien
Text: Luk. 24, 50.
Er führte sie aber hinaus bis gen Bethanien.
„Singt dem Herrn ein neues Lied“! Wann? Wie oft? Warum? „Singt dem Herrn und lobt seinen Namen; predigt einen Tag um den anderen sein Heil!“ das ist die Antwort auf die Frage: wann und wie oft. „Denn der Herr ist groß und hoch zu loben, wunderbar über alle Götter; denn alle Götter der Völker sind Götzen, aber der Herr hat den Himmel gemacht,“ und „seine Gnade und Güte ist jeden Morgen neu“! das ist die Antwort auf die Frage: warum.
Singt dem Herrn ein neues Lied! Wenn alle Tage: wieviel mehr an allen Festtagen und festlichen Zeiten. Wir haben am Weihnachtsfeste ein Lied gesungen von dem Tale Achor, dem Tale der Trübsal, aus dem der Weg nicht sogleich auf den Berg der Verklärung führt, sondern zuerst in das stille Bethlehem zu dem Kinde, an dessen Krippe wir Kinder werden müssen. Wir haben in der Passionszeit ein Lied gesungen von dem Leidenswege Christi, der ihn und uns nach Golgatha führte, und wo mitten in der Leidensnacht ein Schimmer seiner göttlichen Majestät sichtbar wurde, und haben am Osterfeste den Gang nach Golgatha noch einmal angetreten und ein Lied gesungen von der Sonne der Herrlichkeit und des Lebens, die über dem leeren Grabe strahlte. Heute, wo die Feste der Himmelfahrt und der Pfingsten vor der Tür sind, singen wir wieder ein neues Lied: von dem letzten Gange, den die Jünger mit dem Herrn auf Erden machten, und auf dem wir sie begleiten wollen, dem seligen Gange nach Bethanien. „Er führte sie aber hinaus bis gen Bethanien,“ um dort von ihnen Abschied zu nehmen, aber einen so seligen, fröhlichen Abschied, dass sie1) „nach Jerusalem zurückkehrten mit großer Freude;“ denn er nahm Abschied, um gen Himmel zu fahren; er nahm Abschied, um dennoch bei ihnen zu sein alle Tage bis an der Welt Ende2).
Der selige Gang nach Bethanien
soll der Gegenstand unserer Erbauung sein. Wir wollen betrachten: wie es für die Jünger ein seliger Gang war, und wann es für uns ein seliger Gang wird.
I.
Er führte sie aber hinaus bis gen Bethanien. Wiederholt war der Auferstandene seinen Jüngern erschienen, zuletzt noch in Galiläa mehr denn fünfhundert Brüdern auf einmal, und hatte ihnen geheißen, dass sie nach Jerusalem zurückkehren sollten, und dort, am 40sten Tage nach seiner Auferstehung, trat er wieder sichtbar unter sie, diesmal nicht bei verschlossenen Türen und nicht bloß auf wenige Augenblicke, sondern es sah ganz so aus, als sollte die alte Zeit wieder beginnen, wo er mit ihnen Wanderungen durch das Land zu machen pflegte. An welcher Stelle er ihnen erschien, wird nicht erzählt; schwerlich innerhalb der Stadt, da er ja dem Volke nicht sichtbar werden wollte3); vielleicht in dem stillen Hofe Gethsemane. Von dort tritt er mit ihnen, ganz wie vordem, eine Wanderung an; unter dem Schatten der Oliven- und Feigenbäume steigt er den steilen Ölberg hinan, er an ihrer Spitze, er der Führer, sie ihm folgend; und so steigen sie auf der östlichen Seite den sanfteren Abhang hinab, bis dass sie den Flecken Bethanien zu ihren Füßen liegen sehen.
Das war nicht das erste Mal, dass sie Bethanien erblickten; sie gedachten eines nun längst vergangenen Tages, wo sie den Flecken das erste Mal unter dem Schatten der Feigenbäume und Granaten hatten liegen sehen; damals hatten sie eine weite Wanderung hinter sich und waren hungrig und müde, und Jesus war auch hungrig und müde, und die Frage war nur, ob in dem Flecken sich jemand finden werde, der sie gastlich aufnehmen würde. Daran war nichts merkwürdiges. Das kam alle Tage vor, und kommt jetzt noch im Morgenlande, wo es in Dörfern und kleineren Städten keine Gasthöfe gibt, alle Tage vor, dass Reisende, wenn sie in der Mittagsglut Rast machen wollen, außen vor einer Ortschaft warten, ob nicht jemand herauskomme und sie einlade bei ihm einzukehren und zu herbergen; denn solche Gastfreundschaft ist allgemeine Sitte. Nun, auch damals hatte Jesus solche gastliche Aufnahme gefunden; „es war dort ein Weib mit Namen Martha; die nahm ihn auf in ihr Haus.“4) Daran war, wie gesagt, nichts Besonderes. Das Besondere war nur er selbst, der wundersame Gast, der mehr mitbrachte und größeres gab, als er empfing, der „das Eine, was nottut“, mitbrachte: die frohe Botschaft, wie wir aus dem Elende unserer Sünde sollen erlöst werden, und nicht nur die Botschaft, sondern sich selbst, den Erlöser, den Einen, der uns nottut. Und so war es denn auch nicht eine gewöhnliche und alltägliche Gastfreundschaft, welche die Martha und ihren Mann Simon und ihren Bruder Lazarus bewog, Jesum aufzunehmen, sondern ein gottesfürchtiges Heilsverlangen; denn von diesem Propheten und seinen Lehren und seinen Wundertaten hatten sie ja schon soviel gehört, und betrachteten es als eine Ehre, ihn bei sich aufnehmen zu können, und wollten ihm nun auch alle nur denkbare Ehre erweisen, daher denn die gute Martha sich viel Sorge und Mühe machte, ihm ein stattliches Mahl zuzurichten. Sie hatte aber eine Schwester, Maria, und die fand die richtigere Art, den Herrn zu ehren; sie wollte nicht ihn bewirten, sondern von ihm sich speisen und tränken lassen; sie wollte nicht ihm geben, sondern von ihm nehmen was er gab; „sie setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Rede zu.“
Das war der erste Gang, den die Jünger mit dem Herrn nach Bethanien gegangen waren; ein ziemlich gewöhnlicher Gang ohne besonders auffallende Ereignisse; nur dass damals die Bande der Freundschaft zwischen Jesu und der Familie geknüpft wurden. Und an diesen ersten Gang dachten sie jetzt zurück.
Sie hatten aber einen zweiten Gang mit dem Herrn nach Bethanien gemacht; es war kaum ein paar Monate her - einen Gang voll Angst und Tränen, einen Gang zu Geängstigten und mit Geängstigten und zu Trauernden. Da, wo die Jünger jetzt mit Jesu standen, außen vor dem Flecken, am felsigen Abhange des Ölbergs, da hatte vor wenigen Monden Jesus mit Martha gestanden, nicht weit von einer Grabhöhle, in welcher damals ein Toter lag. In die stille, fromme Familie war Trübsal eingekehrt; „den du lieb hast, der liegt krank“, das war die Botschaft, die die Schwestern Jesu sagen ließen5). Lazarus, ihr Bruder, war von tödlicher Krankheit befallen, und sie waren in der höchsten Angst, ob der Bote frühe genug bei Jesu eintreffen werde. In der höchsten Angst; denn von Minute zu Minute ging es sichtlich dem Tode zu. Und der Bote kam nicht frühe genug; bis der Bote Jesum erreichte, war Lazarus schon gestorben. Nicht zu Geängsteten zu Trauernden machte sich Jesus auf den Weg. Aber mit Geängsteten. Denn seine Jünger, die ihn begleiteten, waren voll Zagens. „Meister,“ sprachen sie, „jenes Mal wollten die Juden dich steinigen, und du willst wiederum nach Judäa ziehen?“ Und der schwermütige Thomas sprach: „Lasst uns mit ziehen, dass wir mit ihm sterben!“ Und nun kam Jesus an dem Orte der Trauer an. Mit verweinten Augen ging ihm Martha entgegen, bis hinaus vor den Ort, und sprach: „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Und weinend fiel ihm Maria zu Füßen und sprach: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Und Jesus sah sie weinen, und sah die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, und trat hin an die Grabhöhle, und da gingen auch ihm die Augen über. Ein Gang voll Angst und Tränen war es gewesen, und doch schon damals ein seliger Gang; denn das Wort, mit dem Jesus seine Jünger beruhigt hatte6): „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, dass ich ihn aufwecke,“ wurde zur Wahrheit, und das Wort, das er zu Martha sprach7): „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, erwies sich als Wahrheit; er war, der, für den der Tod nur ein Schlaf ist, und der Gang, der so düster begonnen, endete damit, dass sie alle die Herrlichkeit Gottes zu sehen bekamen8).
Und doch, was war die Herrlichkeit, die die Jünger damals zu sehen bekamen, im Vergleich mit der, die sie jetzt schauen sollten? Lazarus war vom Tode erweckt worden, aber doch nur in die Sterblichkeit zurückgeführt, und irgendeinmal kam für ihn ein Tag, wo er abermals, wenn auch höchst getrost, die Augen im Tode schließen musste. Höchst getrost; denn das hatte er ja nun begriffen und erfahren, dass das leibliche Sterben dem nichts schreckliches ist, der an den Heiland glaubt, und hatte erkannt die Wahrheit des von Jesu zu Martha gesprochenen Wortes9): „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe“. Weit größere Herrlichkeit, als bei jenem zweiten Gange nach Bethanien hatten drei der Jünger zu schauen bekommen auf dem Gang nach dem Berge der Verklärung, wo die verklärten, himmlischen Gestalten des Moses und Elias ihnen sichtbar erschienen; und doch war das auch nur ein schwacher Vorschmack der Herrlichkeit, die die El jetzt schauen sollten. Denn damals stand Jesu selbst der Tod, der schreckliche Kreuzestod, noch bevor; jetzt dagegen liegen Tod und Grab hinter ihm, und so liegen Sorge und Trauer hinter den Jüngern; Osterfreude und Osterjubel ist in ihren Herzen. Der Herr ist erstanden, nicht wie Lazarus in die Sterblichkeit zurückversetzt, sondern ins unsterbliche Wesen. Eine lichte, himmlische Gestalt, wandelt er vor ihnen her; ihm kann kein Feind mehr schaden, ihn kein Leid mehr erreichen. Bei jenem allerersten Gange nach Bethanien war er müde und hungrig, und ging, nach einer irdischen Herberge zu suchen; jetzt ist er nicht mehr in Schwachheit sondern in der Kraft des unvergänglichen Wesens, und bedarf keiner irdischen Herberge, sondern ist im Begriffe, in die himmlische Heimat zurückzukehren, wo er uns die Herberge bereitet, in der wir, der irdischen Wallfahrt müde, ewige selige Ruhe finden sollen. Er ist aber, wie bei jenem allerersten Gange nach Bethanien, so auch jetzt, nicht der nehmende sondern der gebende, nur dass die Fülle seines Gottesreichtums, die damals unter der Hülle der Niedrigkeit sich verbarg, jetzt in ihrer Hoheit sichtbar hervortritt. Denn der Augenblick ist gekommen, wo er aufgehoben wird zusehends gen Himmel, bis eine lichte Wolke ihn verbirgt. Er nimmt Abschied von dieser armen Erde, Abschied von seinen Jüngern, aber es ist diesmal kein Abschied unter Tränen, sondern ein Abschied, der die Herzen seiner Jünger mit Jauchzen erfüllt. „Sie beteten ihn an und kehrten wieder gen Jerusalem mit großer Freude“10); hatte er doch zu ihnen gesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“! Ja, sie fühlten es: der sichtbaren Erscheinung nach war er von ihnen geschieden, aber durch seinen Heiligen Geist war er ihnen und blieb er ihnen gegenwärtig und allezeit nahe. seliger Gang nach Bethanien!
II.
„O wer diesen Gang hätte mitgehen dürfen! denkt vielleicht mancher im stillen. „Wenn ich den Auferstandenen mit diesen meinen Augen vor mir gesehen hätte, ihn gesehen hätte gen Himmel fahren, ja wie wollte ich dann einen festen Glauben haben und ein frommer Mensch werden!“ Ist verkehrt geredet. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, hat der Herr zu Thomas gesagt.
„O wer diesen Gang mitgehen dürfte!“ Wir dürfen ja mitgehen. Hören wir: wann und unter welcher Bedingung der Gang nach Bethanien auch uns ein seliger Gang wird. Die Antwort ergibt sich höchst einfach aus unserer vorangehenden Textbetrachtung: wenn du erstlich dein Haus zu einem Bethanien machst, wo du zu Jesu Füßen sitzt und das Eine, das not ist, dir von ihm geben lässt
wenn du zweitens in jeder Angst und jeder Trauer zu ihm kommst, und zufrieden bist, dass er zu dir kommt und du ihn hast wenn du drittens in jeder Durchhilfe, Errettung und Freude, die dir zu Teil wird, die Fußtapfen des Auferstandenen siehst: dann siehst du nicht nur ihn gen Himmel fahren und zur Rechten Gottes sitzen, sondern wirst mit ihm in den Himmel erhoben.
Um den seligen Gang nach Bethanien im Geiste tun zu können, muss man wissen, wo Bethanien liegt, muss dort bekannt und dort zu Hause sein. Ja wo liegt Bethanien? Das geographische Bethanien östlich vom Ölberg liegt ein paar arme Bauernhöfe abgerechnet - in Trümmern; dort fänden wir nichts als Schutt und Scherben. Aber siehe, hier, wo du zu Hause bist und wohnst, kannst du dir jeden Augenblick ein liebliches Bethanien aufbauen; denn jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend, jeden Sonntag vor Allem, steht Jesus vor deiner Tür und klopft an und fragt: Kann ich da Herberge finden? Er ist ein gar bequemer, anspruchsloser Gast; er verlangt gar nicht, dass du dir Sorge und Mühe machst mit seiner Bewirtung; er verlangt nur, dass du annehmest all die Geschenke, die er dir mitbringt: Trost für dein schuldbeladenes Gewissen, Frieden der Seele, Freudigkeit zu allem Guten, Mut zum Kampfe wider die Sünde, Klarheit über dich selbst, Erkenntnis des Wesens Gottes und seines Willens und seiner Wege. Du brauchst nur still zu seinen Füßen zu sitzen und zu hören, was er dir sagt in seinem Worte; du brauchst nur die Heilige Schrift aufzuschlagen; da ist er dir wie vor Augen gemalt in den Evangelien, und all seine holdseligen Worte stehen da zu lesen. Lies nur lies deinen Kindern und deinem Gesinde jeden Morgen ein Kapitel aus seinem Worte vor; lies für dich selbst mit Andacht, und forsche in der Heiligen Schrift; höre die Predigt seines Wortes, höre ihm zu und gib ihm dein Herz; dann wird dein Haus zu einem Bethanien, zu einer Herberge Jesu. Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren!
Nun kommen ja freilich Tage und Zeiten, da sieht's aus, als sei er nicht mehr da, als sei er in die Ferne, nach Galiläa oder über den Jordan gewandert und habe unser ganz vergessen, und statt seiner stellen sich ganz andere Gäste ein: Trübsal und Weh und Krankheit und Sorge und Jammer, und so bittere, herbe Schickungen, dass du in Seelenangst und Seelennot gerätst und ganz verzagst. Der Herr ist fort, ist dir fern, und scheint sich gar nichts mehr um dich zu kümmern. Aber hast du denn keinen Boten, den du zu ihm schicken kannst? Der Bote, den Maria und Martha zu Jesu schickten, war ein lahmer Bote; der brauchte zwei Tage, bis er Jesum auffand, und musste Schritt für Schritt marschieren und wurde dabei müde. Uns, lieber Bruder, liebe Schwester, stehen weit bessere Boten zu Dienst, geflügelte Boten, die in Einem Nu sich aufschwingen hoch über die Wolken bis vor den Thron, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt. Ihr wisst, was ich meine: unsre Gebete. Aber was willst du! das sind ja nicht bloß Boten, die du zum Herrn sendest; in jedem Seufzer deines Gebetes kommst du selbst unmittelbar zum Herrn; denn er ist dir ja nahe alle Tage bis an der Welt Ende. Bete nur, bete in deiner Not, in deiner Angst und deiner Trauer! Im Gebet kommst du zum Herrn. Und dann kommt er zu dir; das hat er verheißen, und was er verheißen hat, das tut er. Er kommt zu dir als Helfer. Damit ist freilich nicht gesagt, dass er dir jedes Mal aus deiner Not helfen wolle; er macht es heute noch zuweilen so, wie damals: dass er zu spät kommt; dass er einen Lazarus sterben lässt, ehe er kommt; dass er aus deinem irdischen Weh dich nicht sogleich errettet. Das tut aber gar nichts; da musst du dann lernen zufrieden sein, dass er kommt. Hast du ihn, so hast du alles, wenn auch dein Wunsch nach irdischer Hilfe aus irdischem Leid dir unerfüllt bleibt. Das musste auch Martha lernen. Als der Herr zu ihr sprach: dein Bruder wird auferstehen, da wollte sie den Herrn ausholen, wie das gemeint sei? ob Lazarus erst am jüngsten Tage mit allen anderen Toten auferstehen solle, ob der Herr ihn nicht doch vielleicht sogleich jetzt vom Tode erwecken wolle? Aber darauf gab ihr der Herr zunächst keine Antwort; sie sollte glauben und erkennen lernen, dass er, Christus, die Auferstehung und das Leben ist, und dass, wer an ihn glaubt, das Leben hat, wenn er auch leiblich tot ist und leiblich tot bleibt. Erst als sie zu diesem Glauben sich emporgehoben hatte, gab er den Lazarus dem leiblichen Leben zurück. So müssen wir in allem Weh und Leid zufrieden sein, wenn Christus nur zu uns kommt und seine Nähe uns empfinden lässt, gesetzt auch dass das Leid und Weh nicht von uns weichen wollte, und müssen sprechen: Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erden; wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Heil.
O meine Lieben! es kommen ja auch Tage, wo der Herr das Leiden von uns nimmt.
Wird's aber sich befinden, dass du ihm treu verbleibst,
So wird er dich entbinden, da du's am wen'gsten gläubst.
Er wird dein Herze lösen von der so schweren Last,
Die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.
Wenn die Stunden sich gefunden,
bricht die Hilf' mit Macht herein,
und dein Grämen zu beschämen,
wird es unversehens sein.
Ach ja, es kommen solche herrliche Stunden, wo eine Krankheit, die dich dem Tode entgegenzuführen schien, der Genesung weicht, wo eine Sorge, die dir wie ein Zentnerstein auf der Seele lastete, zum Vöglein wird, das die Schwingen hebt und plötzlich in die Lüfte davonfliegt - wo Bande, die dich hart gebunden hielten, reißen wie Zwirnsfäden, die vom Feuer versengt sind, wo Wünsche, an deren Erfüllung du kaum geglaubt, dir herrlicher in Erfüllung gehen, als du nur zu bitten gewagt hattest - Tage der Freude! Sonnentage im Leben! Ja, solche Zeiten kommen auch, aber leider geschieht es so oft, dass solche Tage der Durchhilfe, der Rettung, der Freude hingenommen werden, als müsste das eben so sein, ohne Dank gegen Gott, ohne seiner zu gedenken und ihm die Ehre zu geben. Ach nicht also, Geliebte! Das hieße: einen Gang tun ins leichtfertige Samaria, nicht nach Bethanien. Nein, in solchen Tagen, wo der Herr das Füllhorn seiner Güte und Freundlichkeit über uns ausschüttet, sollen wir die Augen des Geistes auftun und in der uns zu Teil gewordenen Freude die Fußtapfen des Auferstandenen erkennen, und ihm danken, ihm jauchzen in aller Demut, in demütiger Erkenntnis, dass wir solche Freundlichkeit nicht verdient haben, und mit Jakob sprechen11): Herr ich bin zu gering all der Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knechte getan hast!
Wenn wir in Freud und Leid, als die Dankenden und Lobpreisenden wie als die Hilfeflehenden, zu Jesu kommen, und allezeit ihm zu Füßen sitzen, dann lernen wir den seligen Gang nach Bethanien verstehen, dann geh'n wir ihn im Geiste mit; dann sehen wir nicht nur im Geiste den Herrn gen Himmel fahren, sondern werden mit ihm schon jetzt über die Erde und über das Irdische erhoben und „samt ihm in das himmlische Wesen versetzt“12), und sind mit unserem inneren Menschen so im Himmel daheim, dass wenn dann die Stunde kommt, wo der Herr uns von der Erde abruft, wir die selige Gewissheit haben: jetzt geht es in die Heimat. Amen.