Disselhoff, Julius - Ruth, die Ährenleserin aus Moab - Erster Abschnitt. Wunderanfang, oder Naemi muss Mara werden.

Disselhoff, Julius - Ruth, die Ährenleserin aus Moab - Erster Abschnitt. Wunderanfang, oder Naemi muss Mara werden.

“Zu der Zeit, da die Richter regierten, ward eine Teuerung im Lande. Und ein Mann von Bethlehem Juda zog wallen in der Moabiter Land, mit seinem Weibe und zwei Söhnen. Der hieß Eli-Melech, und sein Weib Naemi, und seine zwei Söhne, Mahlon und Chil-Jon, die waren Ephrater, von Bethlehem Juda. Und da sie kamen ins Land der Moabiter, blieben sie daselbst. Und Eli-Melech, der Naemi Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren zwei Söhnen. Die nahmen moabitische Weiber. Eine hieß Arpa, die andre Ruth. Und da sie daselbst gewohnt hatten bei zehn Jahre, starben sie alle beide, Mahlon und Chil-Jon, dass das Weib überblieb den beiden Söhnen und ihrem Manne. Da machte sie sich auf mit ihren zwei Schnüren1), und zog wieder aus der Moabiter Lande; denn sie hatte erfahren im Moabiter Lande, dass der Herr sein Volk hatte heimgesucht und ihnen Brot gegeben.“

“Und da sie zu Bethlehem einkamen regte sich die ganze Stadt über ihnen, und sprach: Ist das die Naemi? Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Naemi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mich sehr betrübt. Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht. Warum heißt ihr mich denn Naemi, so mich doch der Herr gedemütigt, und der Allmächtige betrübt hat?“ (Ruth 1, 1-6 und 19-21.)

1. Der Herr wohnt im Dunkeln.

Du kennst, liebe Mutter, das alte, liebe Lied:

Wunderanfang, herrlichs Ende!
Wo die wunderweisen Hände
Gottes führen ein und aus.
Wunderweislich ist sein Raten,
Wunderherrlich seine Taten,
Und du sprichst: Wo wills hinaus?

Wunderanfang - herrlichs Ende! Das ist auch die Überschrift, welche ich der Geschichte Ruths, der Moabitin, geben möchte.

Lass uns, liebe Mutter, in dieser dunklen Zeit dem stillen, sanften Lichte folgen, welches Gottes Gnade aus dem Büchlein Ruth auf unsern Lebensweg fallen lässt, denn „was zuvor geschrieben ist, dass ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.“ (Röm. 15, 4.)

Wir werden immerdar, so lange wir Pilgrime sind, mit Jesaias vor unserem Gott stammeln müssen: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland!“ (Jes. 45, 15.) Denn der Herr hat geredet, er wolle im Dunkeln wohnen. (1 Kön. 8, 12.) Damit stimmt überein, wenn Paulus lehrt, dass Gott in einem Lichte wohnt, da Niemand zukommen kann. Denn der unverhüllte Glanz Gottes, das Licht der Ewigkeit, ist für uns Dunkelheit, wie auch der unverwandte Blick in die irdische Sonne unser Leibesauge mit Finsternis umhüllen würde.

Aber der verborgene Gott ist uns kein unbekannter Gott. Denn an sein Licht, das unschaubare, können wir glauben, und der Glaube an das Licht ist selber Licht, ist die Himmelssonne, welche auf die dunklen Irrgänge des Menschenlebens herniederstrahlt, und das verborgene, aber gnädige Walten Gottes uns erkennen lehrt.

Die Erkenntnis Gottes, seines Wesens wie seiner Werke, ist unsre Seligkeit, die hier beginnt und wächst, dort sich vollendet. Dastehen und verwundert mit des Glaubens Augen zuschauen, wie er es wunderbar macht, seinen Weg spüren im Meer und seinen Pfad in großen Wassern: das ist unser Teil und Los in diesem Leben, unsere Freude und unsere Stärke. Denn groß sind die Werke des Herrn, und wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran, und das Volk, so seinen Herrn kennt, wird sich ermannen und es ausrichten. (Dan. 11, 32.)

Umgekehrt ist das Tappen im Dunkeln unselige Pein, und die Ursache der Schwachheit und Feigheit. Wenn und weil wir die Wege Gottes nicht erkennen, so gefallen sie uns nicht. Darum sträuben wir uns so sehr, auf sie uns hinführen zu lassen, und gelüstet es uns so eifrig, einmal die eignen Wege zu versuchen, ob wir auf ihnen nicht leichter zum Ziel kommen.

Siehe, liebe Mutter, hier entdecken wir die fruchtbare Wurzel so vieler und großer Unzufriedenheit mit Gott, den Menschen und den Verhältnissen, so manches Klagens und Murrens, Seufzens und Stöhnens auch bei denen, welche zu den Gläubigen oder doch zu den suchenden Leuten zählen. Die Unkenntnis der Wege Gottes wird für nicht Wenige, welche von seiner starken Hand aus Sodom herausgestoßen sind, zu einem Strick, welcher sie aufhält, fröhlich zu laufen den Weg seiner Gebote, oder der sie sogar zu dem Verderben zurückzieht, dem sie mit Mühe entronnen waren.

Wie anders würde das Alles werden, wie würden die Seufzer und Klagen verstummen, die sauren, unruhigen, verstellten Gebärden in Friedenszüge sich umwandeln, alle hemmenden Seile und Netze zerreißen, wenn wir in unsern Führungen allezeit den gnädigen und mächtigen Finger Gottes entdeckten, wenn vor unsern Augen stets unverdunkelt der Anfang und das Ende seiner Wege und Werke dastünde, wenn unser Ohr ohne Aufhören seine Stimme, als den Ausleger seines Waltens, sagen hörte: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet!“ (Jer. 29, 11.)

Wir kurzsichtigen Menschenkinder bedürfen es zwar alle Tage, uns durch das Licht der Offenbarung in die Gedanken Gottes, die so sehr tief sind, hineinführen zu lassen. Niemals aber ist es für uns und die Unsrigen nötiger gewesen, als in dieser Zeit. Der Herr wolle mein Gebet vor seine Ohren kommen, und aus der Geschichte der beiden Witwen sein Angesicht uns leuchten lassen, damit wir auf Erden erkennen seinen Weg, und unsere Seele vor ihm genese.

2. Naht sich Dunkelheit, so naht sich der Herr und seine heimliche Weisheit.

Der Anfang des Buches Ruth versetzt uns in die Zeit „da die Richter regierten.“ Das waren traurige Tage für das Volk der Wahl; denn Fremde herrschten in ihren Toren und Heiden in ihren Palästen, und machten ihnen ihr Leben sauer mit großer Unbarmherzigkeit, wie zur Zeit der ägyptischen Sklaverei. Wohl flammte hier und da der Glaube der Väter mächtig empor, leuchtete wie eine Feuersäule, sammelte die Hirtenlosen, durchhauchte sie mit Gottesfurcht und führte sie zu Sieg und Freiheit. Aber das Licht verschwand rasch wie ein Blitz, und die alte Nacht des Abfalls lagerte sich wieder über das Land von einem Ende bis zum andern. „Sie verließen, so wird uns die Richterzeit kurz geschildert, sie verließen je und je den Herrn, und wandten sich und verderbten es mehr, denn ihre Väter, dass sie andern Göttern folgten, ihnen zu dienen, und sie anzubeten. So ergrimmte dann der Zorn des Herrn über Israel; und sie konnten nicht mehr ihren Feinden widerstehen, sondern wo sie hinaus wollten, so war des Herrn Hand wider sie zum Unglück, und wurden hart gedrängt.“ (Richt. 2, 13 ff.)

Gleichwohl jammerte den Herrn ihr Wehklagen über die, so sie zwangen und drängten (Richt. 2, 18.) Er hatte ihnen einen Helden verheißen, dem die Völker sollten anhangen. Ein Stern sollte aus Jakob, und ein Zepter aus Israel aufkommen. Dessen gedachte er, und gerade jene finstere Zeit, da ein Jeder tat, was ihm recht däuchte, sollte seinen Gnadenratschluss der Erfüllung näher bringen, denn Gott sind alle seine Werke bewusst von Anbeginn der Welt her.

Mit dem Hinweis auf die unglückliche Richterzeit also beginnt das Buch Ruth. Es endet mit dem Namen Davids. Das Volk in den Tagen der Richter wusste nicht, was Gott Großes und Gnädiges vorhatte. Wir aber wissen es. David sollte geboren werden, der menschliche Vater und das weissagende Vorbild des wahrhaftigen König-Erlösers, geboren werden aus dem Schoße einer Heidin, damit bezeugt würde, dass Gott auch der Heiden Gott sei. Dabei sollte Naemi in dem, der da demütiget, den einigen Tröster, und Ruth, die Heidin, im Nothelfer Naemis auch ihren Gott finden. Der Herr wollte wir merken es, ein einzeln Menschenherz mit seiner Erkenntnis segnen, und durch dies Herz eine ganze Familie, und durch die eine Familie sein ganzes Volk, und durch dies eine Volk alle Geschlechter der Erde.

Wie beginnt nun Gott diesen seinen heimlichen Rat und Willen auszuführen? Wie allezeit, gering und geräuschlos und doch wunderbar, alltäglich und. doch in besonderer Art, verborgen und doch am hellen Tage.

Es ward eine Teuerung in dem Lande, das ein gutes Land sein, in dem Milch und Honig fließen sollte. Auch Bethlehem, die ihrer Bedeutung nach Stadt des Brotes heißt, war von der Teuerung nicht ausgenommen. Dort lebte ein Mann, der hieß Eli-Melech, was sagen will: „Mein Gott ist König!“ und sein Weib hieß Naemi, die Liebliche. Eli-Melech, wiewohl seinem Namen nach ein Mann, der das Regiment des Herrn kannte, scheint doch das Bekenntnis seines Namens nicht zur vollen Wahrheit gemacht zu haben. Denn ihn verdross es, in der Not inmitten seines Volkes auszuharren und mit ihm Ungemach zu leiden. Er kehrte ihm den Rücken und wandte sich den Heidenländern zu, um die Last von sich zu werfen, und der Schule und Zuchtrute Gottes zu entlaufen, wie leider noch immer Gläubige, die Eli-Melech heißen wollen, oftmals der allgemeinen Plage zu entrinnen und sich ein stilles, leidensfreies Los zu bereiten trachten. Aber wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, und wer dem Kreuz enteilen möchte, der läuft ihm entgegen.

Eli-Melech starb. Seine zwei Söhne nahmen heidnische Weiber und starben auch. Naemi, die Witwe, blieb allein über im fremden heidnischen Lande. War sie, die liebliche, vielleicht die verborgene Ursache gewesen, dass ihr Mann, das Volk des Herrn verlassen hatte, da gerade über sie die Trübsale wie Meereswellen hereinbrachen? Und war sie vielleicht deshalb geflohen, dass die Schöne ihres Leibes, und die Lieblichkeit und Lust des Lebens von der Teuerung nicht angetastet würden? Es wird nicht erzählt. Aber die Frage, denk ich, ist erlaubt, und keinesfalls unnütz, wenn wir sie nur an unser Gewissen schlagen lassen.

Daran wenigstens ist kein Zweifel, dass Naemi samt ihrem Hause, den beiden heidnischen Schnüren2), in großer Dunkelheit saß. Sie wusste nicht, wo das hinaus wollte, noch was Gott in seinem Rate beschlossen hatte. Solche Unkenntnis machte die Trübsalsnacht noch finstrer. Wir kennen das Ende. Wir wissen, dass diese Heimsuchung nur Anfang zu einem seligen Ausgang war, Bedingung und Mittel, dass die Moabitin Ruth den lebendigen Gott ahnte und glaubte, nach Israel kam und Davids und Jesu Stammmutter ward. Deshalb sind wir still und lassen den Herrn walten. Er wird es wohl machen.

Wir bleiben gemeiniglich auch in allen solchen Fällen still und fest, wo wir Fremde im Feuerofen des Elends sehen, weil wir mit unsern Glaubensaugen klar das Wort lesen: „Des Herrn Rat ist wunderbar; aber er führt es herrlich hinaus.“

Aber anders ist es, wenn der Herr, weil er mit uns etwas vor hat, an unser eignes Herz mit dem Stabe Wehe anklopft, in unsere eignen Hütten mit dem Kreuz herein bricht. Denn wird ein Mensch im eignen Lebensmark angetastet, so bebt er vor Schmerz zusammen. Unter dem unmittelbaren Gefühl des Leides trübt sich so leicht die Geistesklarheit auch des Gläubigen. Das Auge, in welchem Tränen stehen, die wirklich wert sind, dass sie geweint werden, ist wie verschleiert, und vermag so schwer über die Gegenwart, welche dem armen Fleisch und Blut so empfindlich sich aufdrängt, hinüber zu sehen in die Zukunft, wo sich das Ende der Wege Gottes ohne Hüllen zeigt. Hiob, der feste nicht nur, sondern der dankbar lobpreisende Dulder, ist dennoch, als die gewaltige Hand Gottes sein eignes Leben angreifen ließ, in solche Seelenverfinsterung versunken, dass er, nichts schauend von dem, was Gott für die folgenden Tage im Rate führte, die Stunde seiner Geburt verfluchte. Nicht anders ist es Jeremias ergangen, wie er selbst uns bekennt. (Jer. 20, 14 18.) Elias sogar, der unbewegliche, eiserne Mann, wurde unter den persönlichen Drangsalen in seiner Seele so müde und matt, dass er in der Zukunft nur Dunkelheit sah und solch finsterem Leben entnommen zu sein wünschte. (1. Kön. 19, 4.)

Wir wollen uns nicht täuschen; unter denselben Schlägen würden wir in demselben Weh erzittern; dieselbe Finsternis würde uns auf dieselben Irrwege geraten lassen. Es tut uns not, unsere geistige Sehkraft bei Zeiten und gewissenhaft zu üben, damit uns die Gnadenverheißung: „Dein Dunkel wird sein wie der Mittag!“ nicht ganz unverständlich tönt. Der Herr plagt uns nicht von Herzen also. Er hat nicht Lust am Leid, sondern am Leben. Wenn er mit Tränenbrot uns speist, dann beginnt er, seine tiefen Gedanken von unserem Heil ins Werk zu setzen. Darum sollst du, meine Seele, nicht zittern und zagen, wenn du einen Wind kommen siehst, oder eine Trübsalswelle hereinbrechen fühlst. Sei stille! Kein Gespenst, die heimliche Weisheit des Herrn rührt dich an. Er selbst ist erschienen, seinen Segen dir in den Schoß zu schütten. Harre nur, du wirst staunen, wenn der Herr sich als Herr erweist, wenn er die Verkleidung abwirft und dann in wahrer Gestalt vor dir steht und du anbetend niedersinkst, und siehst, wie hoch, wenn Gott uns Gnad erzeigt, die Gnade steigt!

„Warum betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?! Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist!“ (Ps. 42, 12.)

Doch muss ein falscher Wahn gemieden werden, in welchen die natürliche Betrachtung so leicht hineinfällt, dass nur aus Großem Großes entstehen könne. Dieser vermeintliche Vernunftschluss, welcher doch schon vom Naturlaufe Lügen gestraft wird, verführt uns gar zu häufig, das alltägliche und gewöhnliche Leid für bedeutungslos zu halten, und in demselben die Mahnung zu überhören: „Verdirb es nicht, denn es ist ein Segen darin.“ Wir sind zu der Voraussetzung geneigt, dass Gott nur in ganz besonderen Heimsuchungen besondere Heilspläne für uns verberge, dass er aber bei den mannigfachen, sich stets wiederholenden Unruhen und Plagen, die der natürliche Gang jedes Lebens mit sich zu bringen pflegt, keine beachtenswerten Liebesabsichten mit uns hege. Und doch ist es, wie die ganze Offenbarung uns lehrt, und die Geschichte Ruths aufs Neue in so greifbarer Weise bezeugt, - doch ist es die Weise unsers Gottes, aus dem Geringen das Große, aus dem Niedrigen das Hohe, aus dem Gewöhnlichen und Natürlichen das Wunderbare hervorgehen zu lassen. Wir sehen in unsrer Geschichte nichts als ganz einfache und gewöhnliche Dinge: Teuerung, Tod, Witwenschaft, Verlassenheit. Gott macht sie zum Samen ganz ungewöhnlicher und weitreichender Wirkungen. Die leibliche Pein gebiert geistliche Segnungen, die irdische Führung eilt zu einem himmlischen und ewigen Ziele, die Züchtigung, womit der Unglaube und die Kreuzesflucht heimgesucht werden, verwandelt sich in ein Mittel zur Ausführung göttlicher Liebesgedanken.

Ist das nicht genug, uns still und fest zu machen, wenn Gott unser Herz und Haus in Wolken hüllt? „Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und ist unbegreiflich, wie er regiert, der den Himmel mit Wolken verdeckt und gibt Regen auf Erden!“ (Ps. 142, 5 und 8.)

Wenn die schwarzen Wolken kommen, erschrickt der Mensch, und doch ist Segen darin, selbst wenn sie Donner und Blitz in ihrem Schoße tragen. Der Herr will die Erde nicht zerschmettern; er will die erstickenden Dünste vertreiben. Er will die Fluren nicht ersäufen, er will die dürren Gefilde tränken mit gnädigem Regen. Das bezeugt sein Bogen, den er in die Wolken gesetzt hat.

Jede Wolke birgt Christum, wie Wolken ihn einst bergen werden, wenn er wieder kommen wird in seiner Herrlichkeit am Ende der Tage. Da wird sich vollkommen erfüllen, was zuerst in leisen Anfängen, dann in immer lichterer Entfaltung Gott seine Gläubigen schon hier erfahren lässt. Darum, wenn Wolken und Dunkel die Sonne verhüllen, und den Leuten bange wird auf Erden, und sie zagen, und die Menschen verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen, so seht ihr auf, und hebt eure Häupter auf, darum dass sich eure Erlösung naht.

Nur flüchte nicht, Eli-Melech, du Mann, der bekennt: „Mein Gott ist König!“ nur flüchte nicht, wenn eine teure Zeit kommt. Sie wird anders mit dreifacher Schwere über dein Haupt hereinbrechen. Wohl ordnet Gott auch die Flucht seiner kleingläubigen Streiter seinem gnädigen Reichsplane ein. Du aber sprich nicht: „Lasst uns Böses tun, damit Gott Gutes daraus hervorbringe!“ Deine Verdammnis würde ganz recht sein, wie Paulus sagt. Achte du vielmehr auf das Bekenntnis und Gebet dessen, in welchem erst der Name „Mein Gott ist König!“ volle Wahrheit geworden ist. „Jetzt, sagt dieser, ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen! Vater, verkläre deinen Namen!“ (Joh. 12, 28. 29.) Noch einmal: „Stehe fest! Fliehe nicht! Mit einer ganz andern Zuversicht, wie Naemi, kannst du sagen: „Sei stille, mein Herz, bis du erfährst, wo es hinaus will!“ (Ruth 3, 18.)

In der Betrübnis deiner Seele werde nicht lass zu flehen: „Vater, verkläre deinen Namen!“ Dir wird auch die Antwort vom Himmel kommen: „Ich habe ihn verklärt und will ihn abermals verklären!“

3. Des Herrn Dunkel macht alles Liebliche bitter.

Aber lass uns nun, liebe Mutter, weiter forschen, welches denn Gottes nächste Absicht gewesen ist, da er die Trübsal über die flüchtige Familie Naemis hereinbrechen ließ, und was er zuerst gewirkt hat, um alle die folgenden Gnadenwerke ins Leben zu rufen.

So lange Naemi noch im fremden Lande wohnte, hören wir kein Wort aus ihrem Munde, das uns Zeugnis gäbe, was Gott durch die Not bei ihr erreicht hatte. Als sie aber nach vielen Jahren des Elendes wieder in ihre Stadt Bethlehem einzog arm und einsam, nur von einer ebenso armen Heidin begleitet, in der Trübsal vor der Zeit gealtert, ihr Antlitz ein Zeuge der erduldeten Wetter; da regte sich die ganze Stadt und sprach: „Ist das die Naemi? die Liebliche? das herrliche Weib des Eli-Melechs, die wir doch einst als eine andere gekannt haben? ist sie es, die so fröhlich der Trübsal zu entrinnen wähnte, und nun also zurück kehrt? Ist das die Naemi?“ Sie aber sprach zu ihnen: „Nennt mich nicht mehr Naemi, die Liebliche, sondern Mara, denn der Allmächtige hat mich sehr betrübt. Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht. Warum nennt ihr mich denn Lieblichkeit, so mich doch der Herr gedemütigt, und der Allmächtige betrübt hat?“

Bitterkeit!

Nicht mehr Naemi, sondern Mara! Das ist der Anfang der Gnadenwirkungen Gottes und der Ausführung seiner Ratschläge. Der Volle muss leer werden, und alles, was lieblich ist, sich in Bitterkeit verkehren.

„Ist das die Naemi?“ einst so frisch und fröhlich, so hoch und herrlich, so rasch und reich, so lachend und lieblich, so blinkend und blühend, jetzt arm und alt, gedruckt und gebückt, zerrissen und welk, ein Schemen und Schatten!

„Wenn du, Herr, Einen züchtigst um der Sünde willen, so wird seine Schöne verzehrt, wie von Motten. Ach, wie gar nichts sind doch alle Menschen!“ (Ps. 39, 12.)

„War ich nicht glückselig? War ich nicht fein stille? Hatte ich nicht gute Ruhe? Und kommt solche Unruhe.“ (Hiob 3, 26.)

Doch lass uns wohl merken, was Naemi sagt. Es sind nicht Worte des Murrens, noch weniger der Verzweiflung, in die sie ihre Seele ausströmt. Sie ist zwar aufgehoben und zu Boden gestoßen, sie ist zerbrochen und zermalmt. Aber nicht die Faust des gespenstischen Zufalls hat sie so zugerichtet. „Der Allmächtige, sagt sie, hat mich sehr betrübt!“ und nochmals: „Der Herr hat mich gedemütigt und der Allmächtige mich betrübt!“ wie Calvin stammelte. „Schlag nur zu, Herr, es ist genug, dass es deine Hand ist, die mich schlägt!“

Der Herr hat mich gedemütigt! Das ist der Schmerz, doch eben das auch die Arznei!

Ist das die Naemi? Da siehe das Schäflein das in den Dornen steckt, blutig und sehr zerrissen, zitternd vor Angst und ohne Kräfte? Ist dieses das kluge, das starke, das stolze, das sich vermaß, allein den Weg zu finden und der Leitung des Hirten nicht zu bedürfen?

Da sieh das Weib im Hause Simonis, des Pharisäers, hingeworfen zu den Füßen des Herrn, mit ihren Tränen sie badend, mit den Haaren ihres Hauptes sie trocknend! Ist das die Schöne, die Stolze, die einherging mit aufgerichtetem Halse mit geschmücktem Angesicht, einher trat und schwänzte mit Flittern und Gebräme, mit Schnürlein und Ohrenspangen?

Oder sieh diesen Bettler, wie er die Säue hütet, und seinen Bauch mit den Träbern zu füllen begehrt, welche die Säue essen und die Niemand ihm gibt. Ist das der reiche Erbe, der keck, seiner Würde und seines Reichtums sich bewusst, vor den Vater hintrat und sprach: „Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört!“ und wie ein Herr der Welt dem engen, dumpfen Vaterhause den Rücken kehrte?

Siehe auch den Mann, von den Leuten verstoßen, der Gras isst, wie Ochsen, und des Leib unter dem Tau des Himmels liegt und nass wird, bis sein Haar wächst, so groß als Adlersfedern, und seine Nägel wie Vogelsklauen. (Dan. 4, 30.) Ist das der Nebukadnezar, der in die Höhe fuhr wie ein Adler, um sein Nest über den Sternen Gottes zu machen? O, wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!

Siehe den Jüngling auf dem Wege nach Damaskus, wie er im Staube liegt, blind und zerbrochen und unvermögend gegen den Stachel zu löcken! Ist das der Feind, der mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herrn schnaubte und den Augen seiner Majestät widerstrebte?

Fürwahr, er ist ein gewaltiger Gott, der Gott Israels, und wer stolz ist, den kann er demütigen, auch den Stolzen, der nicht zu den Feinden, sondern unter die Zahl seiner Jünger sich zählt. Denn siehe diesen hebräischen Jüngling im Kerker in Ägypten! Ist das der hohe und herrliche, vor dem seiner Brüder Garben sich neigten, und Sonne, Mond und Sterne niederfielen?

Oder siehe diesen Felsenmann, der zerbrochen aus des Hohenpriesters Hof sich schleicht und bitterlich weint! Ist das der fromme, treue furchtlose, ganz vollkommene, welcher der einzige zu sein sich vermaß, der seinen Meister nicht verlassen könnte, der besser sich kannte, als der Herzenskündiger und Nierenprüfer, und der Recht behalten musste auch gegen den Herrn aller Herren!

Ich habe manchen Jünger des Herrn gesehen, der frisch und fröhlich, reich und rüstig und mit einer sehr guten und vollen Meinung von seinem Glauben und seiner Liebe, seiner Kraft und seiner Kunst in die Arbeit und den Streit für den Herrn zog. Keck sah er der Not ins Antlitz und unterwand sich, die Welt zu erobern für seinen Herrn, oder doch ein Stück der Welt gründlich zu reformieren. O, du gewaltige Hand Gottes, wie kannst du einen Menschen demütigen! wie kannst du so schwer auf ihm liegen, dass sein Saft vertrocknet, wie es im Sommer dürre wird! Wie kannst du die Mutigen so zahm machen und die Kecken so klein, und die Lauten so stumm, und die Blühenden so gebückt, und die Felsen so zerschmettert, wie Scherben, so zerschmolzen wie Wachs! - „Ist das die Naemi?“

„O nennt mich nicht Naemi, sondern Mara, denn der Herr hat mich gedemütigt!“

Gebe uns Gott, liebe Mutter, die Gnade, dass dieses Bekenntnis von Tage zu Tage voller und wahrer das unsre werde. Wir sprachen auch wohl da es uns wohl ging: „Ich werde nimmermehr darniederliegen!“ Aber da er sein Angesicht verbarg, erschraken wir.

Nur keine Furcht, wenn die Hand des Allerhöchsten uns anrührt, keine Furcht selbst, wenn sie uns schüttelt und rüttelt, zerbricht und zerbröckelt. Es bleibt doch immer die weise, warme Vaterhand.

„Man mahlt das Korn, sagt Jesaias, dass es Brot werde, und drischt es nicht gar zunichte, wenn man es mit Wagenrädern und Pferden ausdrischt. Solches geschieht auch vom Herrn Zebaoth; denn sein Rat ist wunderbar und führt es herrlich hinaus!“ (Jes. 28, 28. 29.)

Wenn er uns demütigen will, so zerdrischt er uns nicht gar zunichte. Seine Schläge sind nur der Anfang seiner Wege, nicht das Ende. Dabei freilich wird und muss es immer bleiben, dass Gott, wenn er segnen und retten will, die Vollen erst leer macht, und das Liebliche zur Bitterkeit, und die hohen Augen erniedrigt, und die hochflatternde Seele in den Staub wirft. Aber hat er die Naemi nur erst zur Mara umgeschaffen, dann gibt er, wir sehen es auch bei unsrer Naemi, und werden es immer herrlicher sehen, dann gibt er ungeahnte Güter und lässt fühlen, was kein Ohr gehört und keine Auge gesehen hat.

Was für einen treuen Schatz hatte Naemi in der Ruth gefunden! Konnte sie in ihrer Angst dieses Schatzes auch noch nicht froh werden, so besaß sie ihn doch, und sollte bald erfahren, was sie in ihm besaß.

Wir haben in der Schrift noch andre Naemi. Da ist zuerst die Schwester des Thubal Kain, des Meisters in Erz und Eisen, die man ob ihrer Schöne auch Naemi hieß. Sie brachte ihr Leben hin unter den Waffen und unter den Künsten, unter den Geigern und Pfeifern. (1 Mos. 4, 22 ff.)

Was aber hernach aus dieser „Lieblichen“ geworden ist, das weiß ich nicht. So viel aber möchte gewiss sein, dass manche Lieblichkeit unsrer Zeit, welche ihre Schmetterlingsstunden gleich also verflattert, und vor der Bitterkeit, die Gott einschenkt, ein Grausen hat, den Kelch der Bitterkeit noch bis auf die Hefen wird aussaufen müssen.

Da ist Naeman ferner, der syrische Feldhauptmann, des Name dieselbe Bedeutung hat, „ein trefflicher und gewaltiger Mann und hochgehalten.“ Der ward aussätzig. Das war auch Bitterkeit. Aber diese Bitterkeit hat den Heiden zu dem Heiligen in Israel geführt.

Du kennst auch die Stadt Nain. Auch der Name heißt, was Naemi heißt. Wie ward jener Witwe, deren einigen Sohn man als Leiche aus Nains Toren trug, die Weltlieblichkeit so gründlich vergällt! Wie ward die Bitterkeit ihr so süß, als der Wundermann zu ihr sprach: „Weib, weine nicht!“

Wir haben auch noch manch Mara in der Schrift außer unserer Mara. Als das Volk des Herrn nach schwerer Reise in der Wüste Wasser fand, und sein lieblicher Anblick die Müden erquickte, da musste man es doch Mara nennen, denn es war bitter, dass man es nicht trinken konnte. Nur das Holz vom Wunderbaum, den Gott zeigte, machte das Wasser süß. So ist wohl manche Quelle in unsrer Lebenswüste bitter, aus der man wahres Labsal schöpfen möchte, bis der lebendige Wunderbaum sie trinkbar und nahrhaft macht.

Auch in Nazareth lebte eine Jungfrau, die hieß Maria, Bitterkeit. Sie war vom Stamme des großen Königs David. Aber der Allmächtige hatte sie leer und arm gemacht, und wie ein verachtetes Reislein. Zu der trat der Engel des Herrn und sprach: „Gegrüßt seist du, Holdselige; der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern! Fürchte dich nicht, Maria, du mit Bitterkeit Getränkte, du hast Gnade bei Gott gefunden!“

Und sie sprach: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn der Herr zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer!“

Herr, mach mir stets süß den Himmel,
Und gallenbitter diese Welt;
Gib, dass mir in dem Weltgetümmel
Die Ewigkeit sei vorgestellt!
Mein Gott, ich bitt durch Christi Blut:
Machs nur mit meinem Ende gut!

1) , 2)
Schwiegertöchtern
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