Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Sechste Predigt. Lügen im Munde des Geliebten Gottes.

Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Sechste Predigt. Lügen im Munde des Geliebten Gottes.

1 Sam. 21. 22. 27.

„Wer kann das Menschenherz ergründen, das trotzige und verzagte Ding?“ hat Gott der Herr, verwundert über die Tiefen der Sünde, einmal selbst ausgerufen. (Jer. 17, 9.) Es gibt verborgene Falten im Herzen, die man nicht ahnen sollte. Aus ihnen bricht, was ganz undenkbar erscheint, plötzlich und erschreckend hervor. Das lernt mit Furcht und Zittern vom Sohne Isais! Er stand bis jetzt in fast unbefleckter Reinheit vor uns. Einmal nur sahen wir ihn in Versuchung, als er fragte: „Was wird man dem tun, der diesen Philister schlägt?“ Aber siegreich wies er die ihn beschleichende Lohnsucht aus seinem Herzen. In immer gleicher Demut klammerte er sich in Freud wie Leid, in Weh wie Wonne mit Glaubensarmen an den lebendigen Gott. Plötzlich tritt er, wie wir schon in der vorigen Predigt in einem andern Zusammenhang sahen, mit einer ausgedachten Lüge vor seinen Freund Jonathan, und überredete ihn, die Lüge nachzusprechen. Heute sehen wir ihn rasch nach einander in eine zweite und dritte Lüge fallen, und eine vierte wird uns aus einer späteren Zeit erzählt. (Kap. 27.) Nur mit tiefem, innerem Beben können wir solche Tatsachen vernehmen. Doch müssen wir es ist unser Heil! - die Augen mit Ernst auf sie hinrichten.

Lügen im Munde des Geliebten Gottes.

Wir fragen:

I. Woher die Lügen in solchem Munde?
II. Was erlöst von solchen Lügen?

I.

„Woher die Lügen im Munde des Geliebten Gottes?“ Die Frage dringt wie ein scharfes Schwert durch unsere Seele und treibt uns den Schlummer aus den träumenden, trägen Augen. Wir müssen, um Antwort zu finden, bis in jene Zeit zurückblicken, wo David, wie ein Missetäter bei Nacht aus den Fenstern seines Hauses entfliehend, bei Samuel, dem Offenbarer des Rates und der Werke Gottes, Schutz gesucht und, wie uns schon eine frühere Predigt zeigte, in wunderbarer Weise gefunden hatte. (1 Sam. 19, 18-24.)

Angesichts alles Wütens und Tobens der Feinde, sah er sich wie von einer feurigen Mauer umgeben. Er hätte aus den Taten Gottes die gewaltige Stimme Gottes vernehmen können: „Rührt meinen Gesalbten nicht an! Wer ihn antastet, der tastet meinen Augapfel an!“ Aber das Schnauben seines Feindes, das fort und fort gegen ihn heranstürmte, die Todesangst, von der seine Seele umschauert war, verschloss sein Ohr, dass er über dem Grimme Sauls die gnädige Stimme seines Retters nicht hörte, verschloss sein Auge, dass er nur die Wut des rasenden Königs, nicht die doch so offenbare Hand Gottes schaute. Sein Glaube, der dem Riesen gegenüber fest gestanden hatte, wie ein Fels, schwankte, als sein Leben nicht bloß in der großen Stunde der Begeisterung, sondern ohne Unterbrechung, Tag auf Tag, Stunde um Stunde vom Tode umschlichen wurde, ähnlich wie Hiobs, unter schwerer Trübsal und Not anfangs so fröhlicher und stiller Glaube matt wurde, als nach Gottes Zulassung Satans Hand seinen Leib und sein Leben Wochen auf Wochen Tag und Nacht antastete. Denn ein anderes ist es, bei einer einzelnen, sich heranwälzenden Trübsalswoge Glauben beweisen, ein anderes, im Glauben beharren, wenn Woge auf Woge heranbraust, und das erschreckte Auge vor seinen Blicken ein endloses Meer sich ausdehnen sieht. Diese letztere Versuchung bestand David jetzt noch nicht. Zitternd vor der unaufhörlichen Verfolgung Sauls, floh er aus Rama von Samuel fort, obwohl ihm doch Gott dort auf hohem Felsen eine so sichere Hütte bereitet hatte. Er warf sich an Jonathans Brust. Aber er war nicht mehr der David, der Jonathan zuerst umarmt hatte. Zweifelmut hatte ihn beschlichen und der törichte Unglaube, dass der Gott, der in Rama viermal so wunderbar und augenscheinlich drein gegriffen und die schnaubenden Mörder gebändigt hatte, nicht auch zum fünften und sechsten Male seinen mächtigen Arm offenbaren könnte. So bald aber der stille Glaube an den lebendigen Gott erschüttert war, musste der geängstete Mann in der Unruhe des Unglaubens zu sich selber, zu seiner Klugheit, zu den Einflüsterungen seines Herzens Zuflucht nehmen. Was wundern wir uns da noch, dass sein altes, nach Adams Bilde geborenes, von der alten Schlange, dem Vater der Lügen, umstricktes Herz ihm nicht Wahrheit, sondern Lüge zuflüsterte, und dass er wieder seinen Freund zu jener Lüge überredete, von der wir schon in der vorigen Predigt hörten. (1 Sam. 20, 6.) Die Lüge war gesprochen. Die Not blieb. Sein Gewissen musste ihm zurufen: „Da siehe! Du hast keine Hilfe, als bei Gott, den du verlassen hast!“ Darum eilte er von Jonathan sofort nach Nobe zum Heiligtum Gottes, zum Priester Ahimelech, um durch das „Licht und Recht“ des Hohenpriesters (2 Mos. 28, 30.) seinen Gott zu befragen. (Kap. 22, 10. 13. 15.) Er wünschte also zum Glauben und in die Arme seines Gottes zurückzueilen, ohne jedoch seine Abirrung und seine Lüge sich deutlich zu gestehen. Da kommt ihm der Priester Ahimelech, entsetzt über das eigentümliche, veränderte Wesen Davids, der noch dazu ohne Gefolge war, mit den Worten entgegen: „Warum kommst du allein und ist kein Mann mit dir?“ Ist der Glaube erst schwankend, so wird das Herz, auch wenn es sich dunkel nach der Rückkehr zum Glauben sehnt, vom kleinsten Winde umgeweht. Darum genügte jene furchtsame Frage des Priesters, David plötzlich vergessen zu lassen, weshalb er gekommen war, und ihn in die Gewalt der Lüge zurückzuwerfen. „Der König, antwortete er, hat mir eine Sache befohlen und sprach zu mir: Lass Niemand wissen, warum ich dich gesandt habe, und was ich dir befohlen habe. Denn ich habe auch meinen Knaben etwa hierher oder daher beschieden.“ Zwei Lügen in einem Atem!

Weil Ahimelech so bestürzt war, hielt sich natürlich David auch bei ihm nicht sicher. Der Flüchtige ließ sich Brot geben, um dann weiter zu eilen. Aber im Unglauben immer mehr sein eigenes Wort vergessend: „Der Herr hilft nicht durch Schwert und Spieß!“ fragt er: „Ist nicht hier unter deiner Hand ein Spieß oder Schwert!“ und um diese fleischliche Waffe, auf die er nun sein Vertrauen setzt, zu erlangen, fügt er die Lüge hinzu: „Ich habe mein Schwert und Waffen nicht mit mir genommen, denn die Sache des Königs war eilend.“ „Das Schwert des Philisters Goliath, antwortete der Priester, den du schlugst im Eichgrunde, das ist hier, gewickelt in einen Mantel hinter dem Leibrock. Willst du dasselbe, so nimm es, denn es ist hier kein anderes, denn das!“ Ist es nicht, als wenn Gott der Herr seinem, in die Irrwege des Zweifelmutes, geratenen Knecht unsichtbar nachwandelte, um gnadenreich ihn wieder zurecht zu bringen? Was war denn mehr geeignet, David daran zu erinnern, wovon er gefallen war, um ihn zur Umkehr zum kindlichen, zweifellosen Glauben wachzurufen, als gerade das Schwert des Philisters? als die Worte Ahimelechs: „Den du schlugst im Eichgrunde?“ Lebte denn der Gott nicht mehr, der seinen Geliebten aus dem Rachen des Löwen und Bären und aus der Hand des Philisters errettet hatte? „Gib mir's! rief David, es ist seines Gleichen nicht.“ Statt zur Rückkehr, riet ihm sein Herz beim Anblick des Schwertes, welches so furchtbar laut von der Nichtigkeit aller fleischlichen Hilfe predigte, zu den Philistern und deren Könige Achis von Gath, zu den Feinden Gottes und seines Volks, seine Zuflucht zu nehmen. Ihr seht, der Unglaube wächst rasch, darum rasch auch die Lüge. Denn als die Philister anfingen, ihren König argwöhnisch gegen den Riesenbesieger zu machen, fürchtete sich David sehr. Hatte er früher zu lügenhaften Worten seine Zuflucht genommen, so verkehrte er jetzt sein ganzes Wesen zur Lüge. „Denn er verstellte seine Gebärden vor ihnen und kollerte unter ihren Händen und stieß sich an die Tür am Tor und sein Geifer floss ihm in den Bart.“ So überholte Lüge die Lüge, wie eine Woge die andre. Sie kamen alle wie böse, giftige, verwirrende Dünste aus dem schwarzen Abgrunde des Unglaubens. Und das Alles geschah bei David, dem Manne nach dem Herzen Gottes! Unser Herz bebt. Aber Gott will, dass es noch mehr bebe, denn also. David war, wie wir nachher näher sehen werden, wieder zum Glauben und damit zur Wahrheit zurückgekehrt. Er hatte sich wieder an Gott angeklammert und viele und große Proben seines Glaubens gegeben, wie uns spätere Predigten zeigen werden. Aber seine allerdings gewaltige Not dauerte fort. Plötzlich, wie ein feuriger Pfeil des Bösewichts, überfliegt der Unglaube wieder sein Herz. Denn „er gedachte in seinem Herzen: ich werde der Tage einem Saul in die Hände fallen; es ist mir nichts besseres, denn dass ich entrinne in der Philister Land!“ (Kap. 27, 1.) Er ging wirklich hin. Mit dem Unglauben kehrte sofort auch die Lüge wieder. David machte nämlich von Ziklag aus Streifzüge gegen die Amalekiter. Damit Achis ihn desto ruhiger im Lande wohnen ließe, auch Vertrauen zu ihm gewänne, log er ihm vor, er stritte wider Juda, verstellte sich also vor dem Unbeschnittenen in einen Feind des Volkes Gottes! Um diese Lüge zu verdecken, ließ er weder Mann noch Weib der gefangenen Amalekiter lebendig gen Gath kommen, und gedachte, sie möchten wider uns reden und schwatzen. Also tat David, und das war seine Weise, so lange er wohnte in der Philister Lande! (Kap. 27, 11.) Da hört! Langjährige und gewollte Lüge im Munde des Geliebten Gottes!!

Dreimal hinter einander log auch Simon Petrus, nachdem er im Unglauben die warnenden Worte seines Herrn zurückgewiesen hatte, und schwur: „Ich kenne den Menschen nicht!“ Als derselbe Simon Petrus längst gesalbt war mit dem Heiligen Geiste und viele und große Proben seines Glaubens vor allem Volke abgelegt hatte, kam doch wieder eine Zeit schwankenden Glaubens über ihn, in der er nicht richtig wandelte nach der Wahrheit des Evangelii, sondern vor den Abgesandten des Jakobus heuchelte, so dass mit ihm auch die andern Juden und selbst Barnabas in dieselbe Sünde verstrickt wurden. (Gal. 2, 12-14.) David und Petrus Lügner und Heuchler! Wenn uns die Schrift selbst das nicht erzählte, so müssten wir nach dem uns bekannten Charakter dieser Männer solche Tatsachen für unmöglich halten. Sie konnten irren, würden wir sagen, aber nicht lügen, trügen und heucheln. Sie hatten, würden wir fortfahren, diese starken Geister auch ihre schwache Seite, aber Furcht vor Menschen, die sie in Unwahrheit sollte verführt haben, ist doch bei dem Manne unglaublich, der als Hirtenknabe ohne Wehr und Waffe dem Löwen und Bären ins Maul griff und mit bloßer Schleuder so fröhlich vor dem furchtbaren Riesen stand, ist bei dem unmöglich, dem Christus selbst den Ehrennamen Felsenmann gegeben hat, und der hernach so mutig vor dem hohen Rate bekannte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Meine Freunde, wenn der Glaube wankt und Zweifelmut ins Herz schleicht, dann müssen auch David und Petrus, die Löwenbändiger, die Riesenbesieger, die Felsenleute beben und lugen! Noch einmal: David und Petrus Lügner und Heuchler! Werden wir endlich lernen, mit Demut uns unter das Wort der Schrift beugen: „Alle Menschen sind Lügner?“ (Ps. 116, 11.) Oder sind jene Beispiele noch nicht stark genug, uns zur heiligen Furcht vor unserm eigenen Herzen zu bekehren? Werden wir noch immer sagen: „In solcher Weise werde ich nimmer mehr darnieder liegen?“ „Das sei ferne! Es bleibe vielmehr also, dass Gott sei wahrhaftig, und alle Menschen falsch!“ (Röm. 3, 4.) Können wir Alle in dieses Bekenntnis Pauli einstimmen? Wenn man uns wegen Falschheit, Verstellung, Lug, Trug oder auch nur wegen Unaufrichtigkeit, Vermischung der Wahrheit mit der Lüge straft, fahren wir unwillig und empfindlich heraus: „Ich weiß es, ich bin ein Sünder! Ich habe meine Fehler und Schwächen. Ich falle des Tags sieben mal. Aber der Vorwurf des Luges und der Falschheit kränkt zu tief. Solcher Sünden, Gott sei dafür gedankt! bin ich nicht fähig! Ehrlichkeit und Lauterkeit ist mein Ruhm, den will ich mir nicht nehmen lassen!“ Wozu nun so lange, empfindliche Reden? Trotz aller Gegenversicherungen des selbstgefälligen Herzens wird es doch dabei bleiben, dass Gott allein wahrhaftig ist. In unserer Selbstliebe belügen wir uns selbst und Andere. Ich bin noch tief betrübt von einem Beispiel solcher mir unmöglich dünkenden Lüge. Es sind noch keine Wochen verflossen, als eine anscheinend schwer bekümmerte Seele mir klagte, es ginge in ihrem inneren Leben, wie in ihrem Amte keinen Finger breit vorwärts, sie könnte es hier nicht mehr aushalten, der Herr stünde ihr entgegen, denn sie hätte einen Bann auf sich, weil sie mit unlauteren Absichten in den Dienst Christi getreten wäre. Außer diesem Geständnis machte sie aufgefordert noch andere, so dass mein Herz schon beginnen wollte, sich innig zu freuen. Doch als ich nun die Verheißungen des Wortes Gottes für die geängsteten Gewissen ihr brachte, wollte keine haften, keine wurde verschlungen, wie ein dürres Land Wasser verschlingt. Die fortwährende Antwort blieb: „Ich bin mit unlauteren Absichten hergekommen, darum darf ich nicht bleiben.“ „Das ist Lüge! sagte ich endlich mit großem Ernste, dein Gewissen begehrt nicht Vergebung der Sünden, sondern unter frommem Vorwande willst du das Joch des Dienstes Christi von dir werfen!“ Die Empfindlichkeit, welche durch diese Erklärung wach gerufen wurde, will ich nicht beschreiben. Genug, nach kaum drei Tagen offenbarte sich's, dass das scheinbar lautere Bekenntnis der Unlauterkeit in der Tat nichts als eine lügnerische Maske gewesen war. Und doch bin ich weit entfernt, jene Person zu den Ungläubigen und den Heuchlern zu zählen.

Ähnliche Tatsachen sind bei den wahrhaftigen Knechten und Mägden des Herrn, denn nur von solchen rede ich hier, leider nicht selten. Ist ein Beruf, eine Arbeit nach meinen Neigungen und Wünschen, dann erkenne ich sie für den Willen des Herrn. Geht aber die Sendung und die Arbeit gegen meine Natur, erfordert sie Verleugnung meines Eigenwillens und Kreuzigung des Fleisches und seiner Begierden; sofort kann ich solche Arbeit nicht mehr für den Willen des Herrn erkennen, und möchte sie mit der frommen Klage von mir weisen, dass ich keine rechte Freudigkeit des Geistes dazu fände. Ich gestehe es aufrichtig, es ist mir immer bange, wenn ich jene Ausdrücke höre, weil ich zu oft erlebt habe, dass eine Lüge dahinter steckt, die umso gefährlicher ist, je frömmer sie scheinen will, wie auch die Lüge Davids gegen Jonathan umso garstiger war, je glaubwürdiger sie durch Berufung auf die Pflicht eines Opfers werden sollte. (Kap. 20, 6.) Jeder, der mit Lust nach Wahrheit in sein Leben und Wesen zurückgeblickt, wird gestehen müssen, dass er in gleicher Verdammnis ist, dass er seinen Neid und Hass, seine Herrschsucht, seine geistige und leibliche Trägheit, seinen Ehrgeiz, seinen Eigennutz mit gleißenden, lügenhaften Larven zugedeckt, dass er unter frommem Scheine eigennützige Zwecke verfolgt hat. „Wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lügen so gerne!“ (Ps. 4, 3.) „Der Herr weiß die Gedanken der Menschen, dass sie eitel sind!“ (Ps. 94, 11.) ruft die Schrift auch uns zu.

Und woher alle diese groben und feinen Lügen, Verstellungen und Heucheleien auch unter uns? Die einzige Quelle ist der Zweifelmut, der Unglaube an Gottes ewiges, unwandelbares Wort, nach dem allein der Weg des Kreuzes der Weg zur Krone, der Verlust des Lebens seine Erhaltung, seine Erhaltung aber sein Verlust ist. In diesem Unglauben suche ich mir eigene, scheinbar leichtere, meinem Fleisch und Blute angenehmere Wege, und rechtfertige, bewusst oder unbewusst mich und andere betrügend, die Wahl derselben durch Ausdrücke, welche der Sprache Kanaans entlehnt sind, kleide mich in lügenhaften Schein, damit das innere Wesen weder mir noch andern offenbar werde. Dabei bleibt's also: So lange der Glaube noch schwankt, muss auch die Wahrheit schwanken. So lange der Unglaube mich noch beschleicht, muss auch die Furcht in ihrer tausendfachen Gestalt und mit ihr die Lüge mich beschleichen.

II.

Von dem wandelbaren Menschenherzen schauen wir auf den wandellosen, ewig treuen Gott. Die hebräischen Wehemütter hatten einst vor Pharao gelogen (2 Mos. 1, 19), und Gott ließ ihnen die Lüge gelingen. Rahab, die Hure, hatte den König Jerichos betrogen, und Gott ließ den Betrug ungestraft. (Jos. 2, 4. 5.) Als aber Abraham, der Erwählte Gottes, vor dem Könige von Gerar halbe Wahrheit mit halber Lüge vermengte, ließ derselbe Gott seinen lieben Knecht vor dem heidnischen Fürsten in seiner Lüge gründlich zu Schanden werden. (1 Mos. 20, 9.) Bei den Wehemüttern und Rahab übersah er um des neu aufkeimenden Glaubens willen den zurückgebliebenen, die Lüge gebärenden Unglauben. Bei Abraham hingegen entdeckte er in dem auf größerer Erkenntnis und Gnade beruhenden großen Glauben den aufs Neue aufkeimenden seelenverderblichen Unglauben mit seiner Tochter, der Lüge. Darum kam er über Abraham mit der Rute. Wie konnte er mit David anders handeln? Er hört zwar das Seufzen seines Geliebten, er schaut die Angst seiner Seele, es bricht ihm sein Herz über allen seinen Nöten. Aber eben deswegen stellt er sich hart gegen ihn. Er lässt dem Gejagten, dem angstvoll Hilfe Suchenden keine Lüge gelingen. Immer furchtbarer greift er drein. Immer schrecklicher lässt er die Folgen der Lüge über das Herz und Haupt Davids hereinbrechen, damit er wieder nüchtern würde aus des Teufels Strick.

Das wissen wir schon, dass jene erste Lüge, zu der David seinen Freund überredete, den schlummernden Zorn Sauls zu neuer, so furchtbarer Flamme anblies, dass dieser auf seinen eigenen Sohn Jonathan den Speer schleuderte. (Kap. 20, 33.) Musste David, als er die Folge dieser Lüge erfuhr, den Speer nicht in sein Gewissen fliegen fühlen? Und wenn uns bei der Trennung der beiden Freunde erzählt wird: „Und sie küssten sich einander und weinten miteinander. David aber am allermeisten,“ verraten es uns nicht diese Tränen, wie schwer Davids Herz daran trug, dass er über den Freund, den er lieb hatte, wie die eigene Seele, den. Zorn des wütenden Vaters gebracht hatte?

Als David in Nobe beim Priester Ahimelech im Heiligtume log, siehe, wunderbare Wege des Herrn! „da war des Tages ein Mann darinnen versperrt vor dem Herrn, aus den Knechten Sauls mit Namen Doeg, ein Edomiter, der mächtigste unter den Hirten Sauls.“ Dieser Mann war die scharfe Geißel, die Gott über David schwang. Denn Doeg erzählte dem Könige vom Aufenthalte Davids bei Ahimelech. Saul sah darin Hochverrat und befahl seinen Trabanten, Ahimelech und alle Priester in Nobe zu erschlagen. Die aber schauderten vor solcher Gräueltat zurück, bis Doeg selbst Sauls Befehl in so grauenhafter Weise ausführte, dass an einem Tage fünf und achtzig Priester ermordet, die ganze Stadt geschlagen und Männer, Weiber, Kinder, Ochsen und Esel erwürgt wurden. Nur ein Sohn Ahimelechs, Abjathar, entrann dem Gemetzel, floh zu David und verkündigte ihm, dass Saul die Priester des Herrn erwürgt hatte. Was für eine Botschaft für den armen, gejagten David! In tiefster Zerknirschung rief er: „Ich bin schuldig an allen Seelen deines Vaters Hauses!“ Die Blutschuld von fünf und achtzig erschlagenen Priestern, von einer ganzen erwürgten Stadt fühlte er auf sein Gewissen fallen. Welche Last zu den Lasten, die er trug!

Von dem König Achis zu Gath, wohin er von Nobe aus geeilt war, musste er wie ein Wahnsinniger und Rasender zurückfliehen. Meine Freunde, ich will euch nicht den damaligen Zustand Davids, der uns in der Schrift nur in einigen derben Zügen entworfen wird, näher schildern, wiewohl das ein Bild würde, davor einem das Herz graute. Aber ich muss doch erzählen, dass ich in diesen Tagen in einer Bilderbibel das Bild des sich wahnsinnig gebärdenden Davids sah. Es war richtig nach den Andeutungen der Bibel gezeichnet. Aber es schnitt mir zu tief in die Seele. Ich musste das Buch zuschlagen, und sagte halb laut vor mich hin: „Der Gesalbte Gottes in solcher Gestalt! Das ist der Fluch der Lüge und der Verstellung!“ Denkt dieser Strafe nach: „Der Gesalbte Gottes kollert unter den Händen der Philister und lässt seinen Geifer in seinen Bart fließen.“ (Kap. 21, 13.) Als David in solcher Gestalt aus Philistäa wieder nach Juda geflohen war, brach die Verfolgung Sauls aufs neue und planmäßiger denn je über ihn herein. Und eben in dieser Lage traf ihn die Nachricht von dem schon erwähnten Blutbade zu Nobe!

Wir müssen endlich noch auf die Frucht jener letzten Lüge Davids blicken, in der er dem Philisterkönig Achis vorspiegelte, dass er gegen Juda kämpfte. Achis glaubte es. Da nun ein neuer Krieg zwischen den Philistern und Israel entbrannte, musste David mit seinen Männern als Bundesgenosse der Unbeschnittenen gegen das Volk Gottes in den Streit ziehen. Er kam bis mitten ins Herz des gelobten heiligen Landes, bis gen Aphek. (Kap. 29, 1.) Hier bei Aphek war's, wo vordem die Bundeslade Gottes in die Hände der Unbeschnittenen gefallen war, wo das Blut Hophnis und Pinehas die Erde getränkt hatte, hier in der Nähe Apheks war's wiederum, wo Samuel, der Freund Gottes, die jubelnden Philister vernichtet und sein Eben Eser, den Denkstein der Hilfe, aufgerichtet hatte. Hier bei Aphek lagerte jetzt David, er, der Gesalbte Gottes, im Heere der Feinde Gottes, als eine Schutzwache für den Philisterkönig! (V. 2). Die Bibel erzählt uns nur diese einfache Tatsache, und verschweigt die Gedanken und Gefühle, die durch Davids Herz und Seele gingen. Aber musste seine Lage nicht eine Hölle für ihn sein! Was waren das für Tage, an denen er, als Söldling der Unbeschnittenen, die Kinder seines Volkes vor sich schaute! Musste er vor ihrem Anblick sich nicht verkriechen? Was waren das für Nächte, deren jede in einen Tag enden konnte, an dem er sein Schwert gegen den heiligen Samen zu kehren gezwungen wurde! Welche Donnerpredigt hielt ihm gerade diese Gegend, wo die Geister Hophnis und Pinehas ihm zuriefen: „Wer vom Herrn sich losreißt, wird hingeworfen, wie ein verachtetes Gefäß, und wäre er selbst Hüter der heiligen Bundeslade Gottes!“ wo der Geist Samuels über die Gefilde schritt und weinend und mit zerrissenem Kleide fragte: „Ist das David, den ich gesalbt habe zum Streiter Gottes der doch das Schwert der Philister gegen seinen Gott wendet!“ Jene Zeit in Aphek gehört gewiss zu den qualvollsten im Leben Davids. Dort mussten ihn mehr als die Schrecken des Todes, dort mussten die Bäche Belials ihn umgeben und Angst der Hölle auf ihn fallen.

Nachdem Gottes ernste Richterhand die Seele seines Knechtes in diesem selbst gesponnenen Stricke geängstet und seinen Zweck an ihm erreicht hatte, führte er ihn mit großem Erbarmen aus dem Abgrund heraus, ehe es zu dem Äußersten gekommen war, dass David seine Hand gegen sein eigen Volk erhoben hätte. Aber mit dem Erbarmen blieb doch die Rute verbunden, damit er auch nach der Rettung noch seiner Sünde gedächte.

Als nämlich David nach Ziklag zurückkehrte, waren während jener Zeit, in der er mit den Philistern gegen Israel ziehen musste, die Amalekiter hereingefallen, hatten die Stadt mit Feuer verbrannt und alle Weiber, Söhne, Töchter, auch die beiden Weiber Davids, Ahinoam und Abigail, samt aller Habe fortgeführt. „Da hub David und das Volk, das bei ihm war, ihre Stimmen auf und weinten, bis sie nicht mehr weinen konnten. Und David war sehr geängstet, denn das Volk wollte ihn steinigen. Denn des ganzen Volkes Seele war unwillig.“ (Kap. 30, 4. 6.)

Was hat dieser heilige, strafende Ernst Gottes bei seinem Geliebten bewirkt? In unserer Geschichte werden uns nur wenige, aber desto wichtigere Züge hierüber mitgeteilt. Er nahm alle Strafe willig und ohne Murren hin und wurde dadurch zur rechtschaffenen Buße und zum lebendigen Glauben zurückgeführt. Jene offenbart sich uns herrlich in dem zwar kurzen, aber gewaltig ernsten Schuldbekenntnis: „Ich bin schuldig an allen Seelen deines Vaters Hauses!“ Dieser atmet aus den Worten, die er an den Moabiter König richtete: „Lass meinen Vater und meine Mutter bei euch aus und eingehen, bis ich erfahre, was Gott mit mir tun wird!“

Fortan ließ er nicht mehr seinen Kopf sein Licht und seinen Meister sein, sondern fragte in jeder Bedrängnis und bei allen seinen Plänen Gott um Rat, und warf sich ihm in die Arme, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, wie uns die nächste Predigt aus dem 23. Kap. noch deutlicher zeigen wird.

Auch als er in Ziklag ob des Jammers sich satt geweint hatte, wachte unter dem Geschrei des aufrührerischen, mit Steinwürfen drohenden Volkes sein Glaube wieder auf. Er ließ seine Klugheit fahren, „stärkte sich in dem Herrn, seinem Gott“, flehte um die Erkenntnis des göttlichen Willens, siegte, endete allen Jammer, schrieb dem lebendigen Gott allein die Hilfe zu und ließ eben darum auch die an der Beute Teil nehmen, welche wegen ihrer Müdigkeit nicht mitgekämpft hatten. (Kap. 30, 6 ff.).

Diese Doppelfrucht, das aufrichtig bekennende Herz, welches alle Schuld auf sich nimmt, und der kindliche Glaube, der statt durch Lug und Trug sich zu helfen, endlich Gott walten lässt, ist ein seliger Preis, der durch alle harten Strafen nicht zu teuer erkauft ist.

Doch wir müssen aus den Geschichtsbüchern noch in die Psalmen blicken, in denen uns David sein ganzes Herz offen legt und den ewigen Gewinn anpreist, den er gerade aus jenen Tagen erlangt hat. Doeg gegenüber bricht er, nach seinem ersten Sündenbekenntnis, in die gläubig triumphierenden Worte aus: „Was trotzt du denn, du Tyrann, dass du kannst Schaden tun, so doch Gottes Güte noch täglich währt! Ich werde bleiben, wie ein grüner Ölbaum im Hause Gottes: Ich verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewiglich. Ich danke dir ewiglich, denn du kannst es wohl machen, und will harren auf deinen Namen, denn deine Heiligen haben Freude daran!“ (Ps. 52, 3. 10. 11.) Habt ihrs auch verstanden? Der Tyrann Doeg kann doch David, wiewohl er schwer gesündigt hatte, nicht stürzen, weil Gott seinen Geliebten durch die Strafe wieder zu sich ruft, und der Geliebte in der Strafe Güte sieht und eine Weisheit, für die er von Herzen zeitlich und ewiglich danken will, weil sie ihn gelehrt hat, wieder zu glauben und im Glauben zu harren.

Tief und gründlich lernte David unter jenen Streichen seine Lüge verabscheuen. Wenn er an jene Zeit zurückdachte, wo er vor Achis sich verstellt hatte, und an die Nöte, die danach über ihn zusammenschlugen, dann sprach er: „Kommt her, Kinder, hört mir zu; ich will euch die Furcht des Herrn lehren. Wer ist, der gut Leben begehrt, und gerne gute Tage hätte? Behüte deine Zunge vor Bösem, und deine Lippen, dass sie nicht falsch reden!“ (Ps. 34, 12-14.) Allem Lügenwerk gegenüber, womit man sich retten will, preist er mit fröhlichem Munde die Hilfe des Herrn. „Welche ihn ansehen und anlaufen, derer Angesicht wird nicht zu Schanden. Der Engel des Herrn lagert sich um die her, so ihn fürchten, und hilft ihnen auf.“ „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist! Wohl dem, der auf ihn traut!“ (Ps. 34,6-9.) Hatte David im Unglauben auf sein trügerisches, lügnerisches Wort gehofft, so singt er nach der Strafe vor aller Welt: „Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich. Ich will Gottes Wort rühmen; auf Gott will ich hoffen und mich nicht fürchten. Was sollte mir Fleisch tun? Ich will rühmen Gottes Wort, ich will rühmen des Herrn Wort! Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht. Ich habe dir Gott gelobt, dass ich dir danken will. Denn Du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, dass ich wandeln mag vor Gott im Licht der Lebendigen.“ (Ps. 56, 4. 5. 11-14.)

David hat unter der Züchtigung Gottes Anfangs freilich sich krümmen müssen, wie ein Wurm. Sie hat aber in seiner Seele jenen Hass gegen die Lüge, jene Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit geboren, mit der er in späterer Zeit ausrief: „Wohl dem Menschen, in des Geist kein Falsch ist!“ (Ps. 32, 2.) „Ich weiß! mein Gott, dass du das Herz prüfst, und Aufrichtigkeit ist dir angenehm.“ (1 Chr. 30, 17.) „Die Lügenmäuler sollen verstopft werden.“ (Ps. 63, 12.) „Falsche Leute halte ich nicht in meinem Hause, die Lügner gedeihen nicht bei mir.“ (Ps. 101, 7.) Und sich fürchtend vor seinem Herzen, das ihn so oft in Unwahrheit verstrickt hatte, betete er vor dem Herzenskündiger und Nierenprüfer: „Du hast Lust zur Wahrheit, die im Verborgenen liegt.“ (Ps. 51, 8.) „Erforsche mich Gott und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ich es meine. Und siehe ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ (Ps. 139, 23. 24.) Doch ehe der Geliebte Gottes bis zu diesen Bekenntnissen und Gebeten sich durchgearbeitet hat, durch wie viel Rutenschläge wusste er zubereitet werden! wie musste Gottes gewaltige Hand Tag und Nacht so schwer auf ihm liegen, sein Gebein verschmachten durch sein täglich Heulen, sein Saft vertrocknen! Er möchte uns diese Strafe ersparen, uns von dem Zweifel zum Glauben, von der Lüge zur Wahrheit führen, ehe wir in dieselbe grausame Grube gestürzt werden, in der er schmachtete. Darum mahnt er: „Seid nicht, wie Rosse und Maultiere, die nicht verständig sind, welchen man Zaum und Gebiss muss in das Maul legen, wenn sie nicht zu dir wollen!“ (Ps. 32, 9.)

Was soll ich noch weiter sagen? Sonst bin ich gewohnt, was ich von den Männern oder Frauen Gottes erzählt habe, dem einzelnen Gewissen als einen Spiegel vorzuhalten. Heute will ich es nicht tun. Ich will die Worte Davids selbst reden lassen. Sie werden, hoffe ich, wie Schwerter und wie Balsam in euere Seele dringen.

Ich habe von den Lügen des Geliebten Gottes gesprochen. Doch frage ich am Schlusse der Predigt: „Wer ist ein Mann nach dem Herzen des Herrn?“ „Jeder, antwortet die Geschichte, Jeder, der nach der Verstrickung in Trug willig und bußfertig sich strafen, und zum dankbaren Glauben und zur ungefärbten Lauterkeit zurückführen lässt. Nun sage mir: „Bist Du ein Mann nach dem Herzen Gottes?“ Amen.

Wahrheit.

Herr, deines Geistes Klarheit,
Die allen Trug besiegt,
Lehr mich die Lust zur Wahrheit,
Die im Verborgnen liegt,
Dass ich nicht mehr verhehle,
Was doch dein Auge sieht,
Wie tief durch meine Seele
Noch Schein, und Lüge zieht.

Mich drücken ihre Ketten,
Das klag ich dir mit Reu;
Du nur kannst mich erretten:
Sohn Gottes, mach mich frei!
Treib stets mich mit der Rute
Zurück in deinen Schoß,
So wird, ob es auch blute,
Das Herz vom Truge los.

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