Delitzsch, Franz - Das Hohelied

Erster Akt Der Liebenden gegenseitiges Entbrennen

I, 2 – II, 7

Erste Szene Ort: das Weinzimmer des königlichen Palastes

Töchter Jerusalems

Er küsse mich mit Küssen seines Mundes,
Denn lieblicher ist deine Minn' als Wein.
Dem Geruche sind deine Salben lieblich,
Eine ausgeschüttete Salbe ist dein Name,
Darum haben Jungfrauen dich lieb.

Zeuch mich dir nach, so woll'n wir laufen!
Eingeführt hat mich der König in seine Gemächer,
Wir wollen frohlocken und uns freuen deiner,
Wollen preisen deine Minne mehr denn den Wein!
Aufrichtig haben sie dich lieb.

Sulamith

Schwarz bin ich, doch zierlich, Töchter Jerusalems,
Wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos.
Seht mich nicht an, dass ich schwärzlich bin,
Dass mich geglüht die Sonne.

Meiner Mutter Söhne haben mir gezürnt,
Mich gesetzt zur Hüterin der Weinberge -
Meinen eignen Weinberg hab' ich nicht gehütet!

(zu Salomo gewendet:)

O sage mir, den meine Seele liebt, wo weidest du?
Wo lagerst du am Mittag?
Denn warum sollt' ich erscheinen als eine Buhldirne
Bei den Herden deiner Genossen!

Töchter Jerusalems

Ist dirs unbekannt, du Schönste der Frauen,
So gehe doch den Spuren der Herde nach
Und weide deine Zicklein bei den Gezelten der Hirten.

Salomo

Einem Ross an Pharaos Gespann
Vergleich ich dich, meine Freundin.
Zierlich sind deine Wangen in den Kettchen,
Dein Hals in den Schnüren.
Goldene Kettchen woll'n wir dir machen
Mit Punkten von Silber.

Sulamith

So lange der König bei seiner Tafel,
Gibt meine Narde ihren Duft.
Ein Myrrhenbüschlein ist mein Geliebter mir,
Das zwischen meinen Brüsten übernachtet;
Ein Cyperträublein ist mein Geliebter mir,
In den Weingärten Engedis.

Salomo

Sieh' du bist schön, meine Freundin,
Sieh' du bist schön, deine Augen Tauben.

Sulamith

Sieh du bist schön, mein Geliebter, ja holdselig;
Ja unser Bett ist frisches Grün,
Das Gebälk unserer Behausung sind Zedern,
Unser Getäfel Zypressen.

Zweite Szene Ort: das Weinzimmer des königlichen Palastes

Sulamith

Ich bin die Feldlilie Sarons,
Die Rose der Täler.

Salomo

Wie eine Rose inmitten der Dornen,
So meine Freundin inmitten der Töchter.

Sulamith

Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes,
So mein Freund inmitten der Söhne.
In seinem Schatten zu sitzen behagt mir
Und seine Frucht ist süße meinem Gaumen.
Er hat mich eingeführt ins Weinhaus
Und sein Panier über mir ist Liebe.
Stärket mich mit Weinbeeren,
Labet mich mit Äpfeln,
Denn ich bin krank vor Liebe!
Seine Linke ist unter meinem Haupte
Und seine Rechte umfasset mich.
Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,
Bei den Gazellen oder den Hindinnen des Feldes:
Dass ihr nicht wecket und dass ihr nicht aufweckt
Die Liebe, bis dass es ihr gefällt!

Zweiter Akt Der Liebenden gegenseitiges Suchen und Finden

II, 8 – III, 5

Erste Szene Szene: das Wohnhaus Sulamiths und seine Umgebung

Sulamith:

Horch – mein Geliebter! Siehe da kommt er,
Daherspringend über die Berge,
Daherhüpfend über die Hügel.
Es gleicht mein Geliebter einer Gazelle
Oder einem Jungen der Hirsche.

Siehe da steht er hinter unserm Gemäuer,
Schaut durch die Fenster,
Blinkt durch die Gitter.

(Mein Geliebter hub an und sagte zu mir:)

Salomo

Mache dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und geh hervor!
Denn sieh der Winter ist vorüber,
Der Regen vergangen, dahingeschwunden.
Die Blümlein werden sichtbar im Lande,
Die Zeit des Sanges ist angelangt
Und die Stimme der Turtel1) lässt sich hören in unserm Lande.
Die Feige würzet ihre Früchtlein
Und die Weinstöcke hauchen ihren Blütenduft.

Mache dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und geh hervor!
Meine Taube in den Felsritzen, in der Verborgenheit der Stiege,
Lass mich sehen dein Angesicht,
Lass mich hören deine Stimme!
Denn deine Stimme ist süß und dein Angesicht lieblich.

Sulamith

(singend, indem sie zu ihm herauseilt)
„Fangt uns die Füchse,
Die kleinen Füchse, die Weinbergverderber,
Da unsere Weinberge in Blütenschmuck.“

Mein Freund ist mein und ich bin sein,
Der unter den Rosen weidet.
Bis der Tag sich kühlt und die Schatten fliehen,
Wende dich, tu', mein Geliebter,
Wie eine Gazelle oder ein Junges der Hirsche
Auf durchklüfteten Bergen.

Zweite Szene Ort: in der Ferne Jerusalem sichtbar

Sulamith

Auf meinem Lager in tiefer Nacht
Sucht' ich den meine Seele liebt,
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

So will ich denn aufstehen und die Stadt durchwandern,
Die Märkte und die Straßen,
Will suchen den meine Seele liebt! -
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehen.
„Habt ihr den meine Seele liebt gesehen?“
Kaum war ich von ihnen weiter gegangen,
Da fand ich den meine Seele liebt.

Ich erfasste ihn und ließ ihn nicht,
Bis dass ich ihn gebracht ins Haus meiner Mutter
Und in die Kammer meiner Gebärerin.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,
Bei den Gazellen oder den Hindinnen des Feldes:
Dass ihr nicht wecket und dass ihr nicht aufwecket
Die Liebe, bis dass es ihr gefällt!

Dritter Akt Die Einholung der Braut und die Hochzeit

III, 6 – V, 1

Erste Szene Ort: Umgebung Jerusalems und die Stadt selbst

Bewohner Jerusalems

Wer ist diese die heraufkommt aus der Wüste
Gleich Säulen Rauchs,
Durchräuchert von Myrrhe und Weihrauch
Vor allen Spezereien der Krämer?

Andere

Sieh' da, es ist Salomos Sänfte!
Sechzig Helden rings um sie her
Von Israels Helden,
Allesamt vertraut mit dem Schwert, geübt im Kriege,
Ein jeder mit dem Schwert an seiner Hüfte
Vor Schrecknis in den Nächten.

Andere

Ein Prachtbett hat sich gemacht der König Salomo
Von Bäumen des Libanon,
Sein Fußgestell hat er gemacht von Silber,
Seine Lehne von Gold, sein Polster von Purpur,
Sein Inwendiges ist buntgeschmückt durch Liebe
Von den Töchtern Jerusalems.

Die ganze feiernde Menge

Kommt heraus und sehet, Töchter Zions,
Den König Salomo in dem Kranze, damit ihn umkränzt seine Mutter
Am Tage seiner Vermählung und am Tage der Freude seines Herzens.

Dritte Szene - Ort: Festsaal des königlichen Palastes

Salomo

Sieh du bist schön, meine Freundin, bist schön!
Deine Augen Tauben hinter deinem Schleier;
Dein Haar wie eine Herde Ziegen,
Die abwärts am Gilead-Gebirge lagern.

Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe,
Die aufsteigen aus der Schwemme,
Alle zwillingsträchtig
Und ein kinderberaubtes nicht darunter.

Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen,
Und dein Mund zierlich beim Sprechen;
Wie ein Schnittstück der Granate deine Schläfe
Hinter deinem Schleier.

Wie der Turm Davids dein Hals
Gebaut für Schwertergehänge,
Daran die tausend Schilde hängen,
Alles Waffen von Helden.

Deine beiden Brüste gleich zwei Rehlein,
Zwillingen einer Gazelle,
Die da weiden unter Rosen.

Sulamith

Bis der Tag sich kühlt und die Schatten fliehen,
Will ich hingehn zum Myrrhenberge
Und zum Weihrauchhügel.

Salomo

Ganz bist du schön, meine Freundin, kein Makel an dir!
Mit mir vom Libanon, Braut,
Mit mir vom Libanon sollst du kommen,
Sollst schauen vom Gipfel Amanas,
Vom Gipfel Shenirs und Hermons,
Von Wohnungen der Löwen,
Von Bergen der Leoparden.

Du hast mich entherzt, meine Schwester Braut,
Hast mich entherzt mit einem deiner Blicke,
Mit einem Kettchen von deinem Halsschmuck.

Wie schön ist deine Minne, meine Schwester Braut,
Wie lieblicher deine Minn', als Wein,
Und der Duft deiner Salben, als alle Gewürze!
Seim träufen deine Lippen, Braut,
Honig und Milch ist unter deiner Zunge
Und der Duft deiner Gewänder ist wie Libanons Duft.

Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut,
Ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle.

Deine Pflanzen sind ein Park von Granaten
Nebst den köstlichsten Früchten,
Alhennen2) nebst Narden.

Narde und Krokus, Würzrohr und Zimtbaum
Nebst allerlei Weihrauchbäumen,
Myrrhe und Aloe nebst allen edelsten Gewürzen.

Ein Gartenquell, ein Brunn lebendigen Wassers
Und Gießbäche vom Libanon.

Sulamith

Wache auf, Nord und komme, Süd,
Durchwehe meinen Garten, dass träufen seine Würze;
Kommen wird mein Geliebter in seinen Garten
Und essen die Früchte die ihm köstlich.

Salomo (nachdem er sie geherzt und geküsst:)

Ich bin gekommen in meinen Garten, meine Schwester Braut,
Habe gepflückt meine Myrrhe samt meinem Balsam,
Habe gegessen meinen Seim samt meinem Honig,
Habe getrunken meinen Wein samt meiner Milch -
Esset Freunde, trinkt und berauscht euch, Geliebte!

Vierter Akt Die verschmähte, aber wiedergewonnene Liebe

V, 2 – VI, 9

Erste Szene Ort: Umkreis des Palastes und der angrenzenden Anlagen

Sulamith

Ich schlafe, mein Herz aber wachet -
Horch da pochet mein Lieber.
„Öffne mir, meine Schwester,
Meine Freundin, meine Taube, meine Fromme,
Denn das Haupt ist mir voll Taues,
Meine Locken voll Nachttropfen.“

„Ich habe ausgezogen mein Kleid,
Wie sollt' ichs wieder anziehn?
Habe gewaschen meine Füße.
Wie sollt' ich sie wieder beschmutzen?“

Da streckte mein Lieber seine Hand durch die Luke
Und mein Innerstes ward über ihn bewegt.
Aufstand ich zu öffnen meinem Lieben,
Und meine Hände troffen von Myrrhe
Und meine Finger von fließender Myrrhe
An dem Griffe des Schlosses.
Auftat ich meinem Lieben.
Und mein Lieber war umgewendet, davongegangen.
Meine Seele war entflohen da er redete -
Ich suchte ihn und fand ihn nicht,
Rief ihn und er antwortete nicht.

Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehen,
Sie schlugen mich, verwundeten mich,
Meinen Schleier nahmen mir hinweg
Die Wächter der Mauern.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,
Wenn ihr findet meinen Lieben -
Was sollt ihr ihm da sagen?
„Dass ich krank bin vor Liebe.“

Töchter Jerusalems

Was ist dein Lieber vor andern, du schönste der Frauen,
Was ist dein Lieber vor andern, dass du also uns beschwörest?

Sulamith

Mein Lieber ist blendend weiß und rot,
Hervorragend vor Zehntausenden.
Sein Haupt ist köstliches Feingold,
Seine Locken Hügel an Hügel, schwarz wie der Rabe.
Seine Augen wie Tauben an Wasserbächen,
Badend in Milch, schöngefasste Steine.
Seine Wangen wie ein Beet von Würzkraut,
Anhöhen duftiger Pflanzen.
Seine Lippen Rosen,
Triefend von fließender Myrrhe.
Seine Hände goldene Walzen,
Gefüllt mit Türkisen.
Sein Leib ein elfenes3) Kunstwerk,
Überdeckt mit Saphiren.
Seine Schenkel weißmarmorne Säulen,
Gegründet auf goldenen Stützen.
Sein Aussehen wie der Libanon,
Auserkoren wie die Zedern.
Sein Gaumen Süßigkeiten
Und er ganz Lieblichkeiten.
Das ist mein Lieber und das mein Freund,
Ihr Töchter Jerusalems!

Töchter Jerusalems

Wohin ist dein Lieber gegangen,
Du Schönste der Frauen?
Wohin hat dein Lieber sich gewendet,
Dass wir ihn mit dir suchen.

Sulamith

Mein Lieber ging hinaus in seinen Garten
Zum Beete des Würzkrauts,
Zu weiden in den Gärten
Und Rosen zu sammeln.
Ich bin meinem Lieben und mein Lieber ist mein,
Der da weidet unter den Rosen.

Zweite Szene Ort: der königliche Garten. Salomo tritt plötzlich an Sulamith und die Töchter Jerusalems, die sie befragt hat, heran.

Salomo

Schön bist du meine Freundin wie Thirza,
Lieblich wie Jerusalem, furchtbar wie Schlachtreihen.
Wende deine Augen von mir weg,
Sie die mich bestürmen.

Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen,
Die abwärts am Gilead lagern;
Deine Zähne wie eine Herde Lämmer,
Die aufsteigen aus der Schwemme,
Alle zwillingsträchtig,
Und ein kinderberaubtes nicht darunter;
Wie ein Schnittstück der Granate deine Schläfe
Hinter deinem Schleier.

Sechzig sind der Königinnen
Und achtzig der Beifrauen
Und Jungfrauen zahllos.
Eine ist meine Taube, meine Fromme,
Die Einzige ihrer Mutter,
Die Erkorne ihre Gebärerin.
Es sahen sie Töchter und priesen sie glücklich,
Königinnen und Beifrauen und priesen sie herrlich.

Fünfter Akt Sulamith die entzückend schöne, aber demütige Fürstin

VI, 10 – VIII, 4

Erste Szene Ort: die königlichen Gärten

Töchter Jerusalems

(am Ausgange der Gärten)
Wer ist die da hervorglänzt gleich der Morgenröte,
Schön wie der Mond, lauter wie die Sonne,
Furchtbar wie Schlachtreihen?

Sulamith

In den Nussgarten war ich hinabgegangen,
Um zu sehen nach dem Gesträuch des Talgrunds,
Um zu sehen ob aufgeblüht der Weinstock,
Geknospet die Granaten -
Ich wusste nicht, dass meine Seele mich erhoben
Auf Prachtwagen meines Volkes, eines Fürsten.

Töchter Jerusalems

Kehr' zurück, kehr' zurück, o Sulamith,
Kehr' zurück, kehr' zurück, dass wir dich schauen!

Sulamith

Was schaut ihr an Sulamith?

Töchter Jerusalems

Wie Reigen der Mahanaim.

(Sulamith begibt sich mit den Töchtern Jerusalems in den Garten zurück und diese sprechen, indem sie vor ihnen einen ländlichen Tanz aufführt:)

Wie schön sind deine Schritte in den Schuhen, Fürsten-Tochter!
Die Schwingungen deiner Hüften, wie Schmuckketten,
Das Werk von Künstlerhänden;
Dein Nabel ein wohlgerundeter Becher,
Den der Würzwein nicht mangelt;
Dein Leib ein Weizenhaufen, Umsteckt mit Rosen4);
Deine beiden Brüste wie zwei Rehlein,
Zwillinge einer Gazelle;
Dein Hals wie der Thurm von Elfenbein;
Deine Augen Teiche in Hesbon
Am Thore der Volkreichen;
Deine Nase wie der Libanonturm,
Der nach Damaskus hinschaut;
Dein Haupt auf dir wie der Karmel;
Deines Hauptes herabwallendes Haar wie Purpur -
Ein König gefesselt durch die Locken!

Zweite Szene Ort: das Innere des Palastes

Salomo

Was bist du schön und was lieblich,
O Liebe, unter den Wonnen!

(Zu Sulamith:) Dein Wuchs da gleicht der Palme
Und deine Brüste den Trauben.
Ich denke: ersteigen will ich die Palme,
Erfassen ihre Zweige
Und deine Brüste sollen mir sein wie die Trauben des Weinstocks.
Und der Hauch deiner Nase wie Äpfel,
Und dein Gaumen wie der beste Wein.

Sulamith

(ihn unterbrechend:)
- der sanft hinuntergleitet meinem Lieben,
Der gesprächig macht Schlummernder Lippen.

Ich bin meines Lieben und nach mir geht sein Verlangen.
Auf denn, mein Lieber, aufs Land wollen wir ziehen,
Übernachten in den Dörfern,
Morgens wandeln nach den Weinbergen,
Sehen ob aufgeblüht der Weinstock,
Ob sich geöffnet die Weinblüte,
Geknospet die Granaten.

Dort will ich dir hingeben meine Minne.
Schon duften die Mandragoren
Und über unsern Thüren sind allerlei edle Früchte;
Heurige, auch ferne
Hab' ich, mein Lieber, dir aufbewahrt.

O wärst du gleich einem Bruder mir,
Der gesogen meiner Mutter Brüste!
Fänd' ich dich draußen, ich würde dich küssen,
Nicht dürften sie mich schmähen.
Ich würde dich führen, bringen in meiner Mutter Haus,
Du müsstest mich unterweisen;
Ich würde dich tränken mit Würzwein,
Mit dem Most meiner Granate.

Seine Linke ist unter meinem Haupte
Und seine Rechte umfasset mich.
Ich beschwöre euch ihr Töchter Jerusalems:
Was wollt ihr wecken und was aufwecken
Die Liebe, bis es ihr gefällt!

Sechster Akt Die Befestigung des Liebesbundes in Sulamiths Heimat

VIII, 5 – 14

Erste Szene Ort: die Umgebung des Geburtsorts Sulamiths

Bewohner der Landschaft

Wer ist diese die heraufkommt aus der Wüste,
Sich lehnend auf ihren Geliebten?

Salomo

(mit Sulamith Arm in Arm daherkommend:)
Unter dem Apfelbaum erregt' ich deine Liebe,
Dort wo dich gekreißt deine Mutter,
Dort, wo dich gekreißt die dich geboren.

Sulamith

Setze mich wie einen Siegelring auf dein Herz,
Wie einen Siegelring auf deinen Arm!
Denn gewaltsam wie der Tod ist die Liebe,
Unerreichbar wie die Hölle ihr Eifern,
Ihre Flammen sind Feuerflammen,
Eine Lohe Jah's.

Mächtige Wasser sind unvermögend,
Solche Liebe zu dämpfen,
Und Ströme können sie nicht überfluten.
Wenn ein Mann hingeben wollte
Alle Habe seines Hauses um die Liebe -
Man würde ihn höhnen.

Zweite Szene Ort: das Stammhaus Sulamiths

Sulamith

Wir haben eine kleine Schwester
Und hat noch keine Brüste.
Was sollen wir tun mit unserer Schwester
Zur Zeit, wo um sie gefreit wird?

Sulamiths Brüder

Ist sie eine Mauer,
So bau'n wir auf ihr eine Burg von Silber;
Ist sie eine Türe,
So woll'n wir sie umsperren mit Bohlen von Zedern.

Sulamith

Ich war eine Mauer und meine Brüste wie Bollwerke,
Da erschien ich in seinen Augen als eine die Freundschaft findet.
Einen Weinberg hat Salomo in Baal-Hamon,
Übergab den Weinberg den Hütern,
Dass jeder brächte für seine Frucht tausend in Silber.

Über meinen Weinberg verfüg' ich selber:
Die tausend sind dein, Salomo,
Und zweihundert den Hütern seiner Frucht!

Salomo

Du Bewohnerin der Gärten,
Gefährten horchen auf deine Stimme,
Lass mich sie hören!

Sulamith

„Flieh, mein Geliebter,
Und tu', wie eine Gazelle
Oder ein Junges der Hirsche
Auf würzigen Bergen.“

Quelle: Das Hohelied untersucht und ausgelegt von Franz Delitzsch, Dr. u. ord. Prof. d. Theologie zu Erlangen, Mitgliede der k. Akademie
der Wissenschaften zu München, der asiatischen Gesellschaft
zu Paris und der deutschen morgenländischen. Leipzig
Verlag von Dörffling und Franke.
1851

1)
Turteltaube
2)
Alant, Korbblütler
3)
elfenbeinernes
4)
Den Blumennamen shoshan habe ich auch 7, 8. „Rose“ überrsetzt, obwohl er wie im Hebräischen, so im Aramäischen, Arabischen, Persischen, Kurdischen die Lilie, die sechsblätterige (von shesh, sechs), nicht die Rose, die fünfblättrige, bedeutet. Ich zog jene Übersetzung deshalb vor, weil der Leser unter „Lilie“ sich die weiße Lille gedacht haben würde. Es ist aber überall die im Orient häufigere rote Lilie gemeint, mit Einschluss wahrscheinlich der nicht zu den eigentlichen Liliaceen gehörigen Türkenbundlilie, welche hellpurpurn und in ihrer Blume rosenartig ist. Überdies nennen wir ja auch den Lotus bald Wasserlilie bald Wasserrose, weil er sanft purpurrot ist und wirklich mit der Rose einige Ähnlichkeit hat. Anm. Franz Delitzsch
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