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Dammann, Julius - Es bleibt dabei

Dammann, Julius - Es bleibt dabei

Vorwort.

Mein lieber Freund und Bruder, Pastor Weigle, hat mich gebeten, zum Besten der von ihm geleiteten Jugendabteilung des evangelischen Männer- und Jünglings-Vereins I in Essen eine Predigt zu schreiben. Ich habe es gerne getan und freute mich, Gelegenheit zu haben, der Jugendabteilung einen Dienst zu erweisen. So möge die Liebe zu der Jugendabteilung unseres Vereins, die mir die Feder in die Hand gedrückt, das Urteil über diese Predigt etwas mildern helfen. Eine Liebe ist der anderen wert. Es war mir aber nicht allein um klingende Münze für den Verein zu tun, so sehr er sie auch nötig hat, und ich wollte wahrlich aus der Gottseligkeit kein Gewerbe machen. Auf den Goldbarren wollte ich, im Hinblick auf das nahende Reformationsfest, hinweisen, den die Kirche der Reformation in dem heiligen, herrlichen, tröstlichen, himmlischen Evangelium von Christo, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, hat. In diesem Besitz ist unsere Kirche unermesslich reich, mag sie auch eine Knechtsgestalt tragen. Wird dieser Schatz ihr genommen, so hat sie nichts mehr, wofür man sich begeistern könnte. Ihr Leuchter ist umgestoßen, ihr Lebensnerv durchschnitten, ihr Salz dumm geworden.

Essen, den 18. Oktober 1896.

Dammann.

Es bleibt dabei

Röm. 1, 16:
Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.

Es ist heuer am 31. Oktober die 379. Wiederkehr des Tages, an dem der Augustiner-Mönch Dr. Martin Luther die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug. Sie trugen die Überschrift in lateinischer Sprache: Disputation Doktor Martin Luthers, des Theologen, zur Erklärung der Kraft der Ablässe. „Aus Liebe und rechtem Fleiß, die Wahrheit an den Tag zu bringen, wird das Nachstehende disputiert werden zu Wittenberg unter dem Vorsitz des Ehrwürdigen Vaters Martin Luther, der freien Künste und heiligen Theologie Magisters und denselbigen ordentlichen Lehrers. Derhalben bittet er, dass die, so nicht gegenwärtig darüber mit uns handeln können, dies abwesend durch Schrift tun mögen. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Amen.“

Auch die 95 Thesen Streitsätze waren in lateinischer Sprache abgefasst. Sie waren nicht fürs Volk, sondern für die Theologen bestimmt, mit denen Luther darüber disputieren wollte. Trotz aller Unterwürfigkeit unter den Papst, redet der junge Magister der Theologie in diesen 95 Sätzen eine kühne Sprache. Er greift den Ablass selber nicht an, wohl aber den schändlichen Missbrauch, der damit getrieben wurde.

Der Augustiner-Mönch hatte bei seinen Anfechtungen in der Klosterzelle gelernt, welch ein unaussprechlicher Ernst es um die Sünde der Menschen ist. Er hatte sich in diesem allerernstesten Handel fast bis zu Tode gequält und endlich nur Ruhe gefunden im Glauben an das blutige Opfer des eingeborenen Gottessohnes. Darum empörte ihn die Praxis der Ablassprediger, die schnödes Geld mit der Reue und Buße vermischten und dem natürlichen Menschen einen bequemen Weg zeigten, sich mit dem heiligen Gotte abzufinden. Denn Geld bezahlen oder allein äußerliche, von der Kirche vorgeschriebene Werke tun, ist viel leichter, als mit sich vor Gott ins Gericht zu gehen, sich und seine Sünden verabscheuen und verdammen und in einem neuen Leben zu wandeln.

Luther lässt es aus seinen Thesen schon hindurchblicken, dass dem Reuigen, auch ehe und ohne dass ein Priester ihn absolvierte, bereits von Seiten Gottes die Vergebung der Sünden zugesprochen wird um seines bußfertigen Glaubens willen.

Als der bleiche Augustiner-Mönch vor dem Abendgottesdienst des 31. Oktobers seine 95 Sätze an die Schlosskirche schlug, ahnte er noch nicht, was das bedeuten würde. Er beugte sich noch ganz und voll vor der Macht des Papstes. Die Lehren der römischen Kirche vom Messopfer, von der Anrufung und Verehrung der Heiligen, vor allem der Jungfrau Maria, vom Bilder- und Reliquiendienst, vom Fegfeuer und von den Seelenmessen und alles das, was er später mit dem Schwerte des göttlichen Wortes so heftig bekämpfte, waren für ihn noch unbestrittene Wahrheiten. Aber die Hammerschläge an der Schlosskirchentür brachten den Stein ins Rollen. „Ich mag wollen oder nicht“, beginnt er drei Jahre darauf, im Jahre 1520, seine gewaltige Schrift von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, „ich mag wollen oder nicht, so muss ich von Tag zu Tag im Lernen zunehmen, da so viele große Lehrmeister mich wetteifernd treiben und üben.“ Die 95 Thesen waren der muntere Hahnenschrei, der den neuen Tag ankündigte. So sehr sich auch Luther noch sträubte, mit seiner Verborgenheit ist es vorbei. Er wurde auf offenen Plan gestellt und ein Werkzeug in der Hand des Herrn.

Was aber:

Der Herr sich vorgenommen,
Und was Er haben will,
Das muss doch endlich kommen
Zu Seinem Zweck und Ziel.

Darum feiern wir billig jedes Jahr den 31. Oktober als den Gedenktag der Reformation.

Aus den 95 Thesen leuchtet uns der erste Strahl des Evangeliums entgegen. Denn so heißt es in der 62. These: Der rechte, wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

Martinus sterbe, aber Christus lebe! hat Luther selber gesagt. Luther ist weder ein Apostel noch ein Heiliger im Sinne der römischen Kirche. Er trug den Schatz in irdischen Gefäßen. Der Herr nimmt seine Werkzeuge, wie Er sie findet. Sündlose findet Er unter uns nicht. Und Er bedurfte eines starken und derben Mannes für den furchtbaren Kampf gegen die römische Macht. Er bedurfte eines fröhlichen deutschen Gemütes. Wir treiben keine Menschenvergötterung: Luther selber hat uns davon frei gemacht. „Nennt euch nicht nach meinem heillosen Namen“, hat er selber geschrieben. Aber danken wollen wir ihm, dass er den Schatz der Kirche, das heilige Evangelium, wieder auf den Leuchter gestellt. Mag man ihn begeifern, lästern, schelten, mag man seine Schwachheiten hohnlächelnd preisgeben, das Evangelium bleibt dasselbe, was es ist, es verliert nichts, gar nichts von seiner Macht und kraft, von seinem Glanz und seiner Herrlichkeit. Mit Luther haben wir es nicht zu tun, außer dass wir ihm danken für das, was Gott durch ihn dem deutschen Volk und der ganzen Welt gegeben hat, und dass wir bewundern die Größe, die Tatkraft, die Geistesmacht, den Scharfblick, die Glaubenskühnheit, die Lebensarbeit dieses außergewöhnlichen Mannes.

In der Person Luthers liegt das Heil nicht, sondern in dem Evangelium, welches Gott lange vor Luther der Welt offenbart hat, in dem Evangelium, das in der Person Jesu Christi nach Erfüllung der Zeiten erschienen ist, in dem Evangelium, wie es die Apostel gepredigt haben, in dem Evangelium, wie es bezeugt wird durch die Schriften des Alten und Neuen Testamentes, in dem Evangelium, das Luther auf den Leuchter gestellt, das er als eifriger Schatzgräber der Vergessenheit entrissen und zu Tage gefördert hat.

Gott sei Dank für Seine unaussprechliche Gabe! Gott sei Dank, dass wir ihn wieder haben, diesen Schah, dieses Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes! Gott sei Dank, dass mit aller Freudigkeit unverboten davon gepredigt und geschrieben werden kann, dass dies Evangelium eine Kraft Gottes ist, die da selig macht alle, die daran glauben!

Uns imponiert die Macht Roms nicht. Seine Tage sind von Gott bestimmt. Nur das Evangelium hat die Verheißung der Ewigkeit. Kein anderer als der große Apostel Paulus, der das Evangelium von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi, sagt das erschütternd ernste Wort: So auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würden Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht!

Uns bekümmert viel mehr, dass Hunderttausende, die sich evangelische Christen nennen, Schiffbruch gelitten haben an diesem Evangelium. Die nach „Bildung und Besitz maßgebenden Kreise“ schämen sich dieses Evangeliums. Die christusfeindliche Sozialdemokratie spottet dieses Evangeliums. Die Philosophen, die Jünger der Wissenschaft, reden und schreiben von der Torheit dieses Evangeliums. Hin und her eine bedauernswerte Gleichgültigkeit gegen dieses Evangelium. Wo sind die Professoren der Theologie, die ihre menschliche Wissenschaft zu den Füßen dieses Evangeliums legen? Wie wenig der Schulen, höhere wie niedere, wo die Herzen der Schüler begeistert werden für dieses Evangelium! Wie viele Kanzeln, auf denen Moral gepredigt wird an Stelle dieses Evangeliums!

Darum eben diese Welt voll Weh und Ach, voll Jammer, Kummer und voll Herzeleid trotz aller Wissenschaft, Bildung und Aufklärung, trotz Kunst und Industrie!

Darum eben die zerrissenen Herzen, seufzend unter der Macht der Sünde, ohne Frieden in dieser unruhigen Welt, ohne Trost im Elend, ohne Hoffnung im Tode!

Ein berühmter englischer Staatsmann war einst, während er Gesandter an einem der großen europäischen Höfe war, in einer Gesellschaft, wo über die christliche Religion gespottet wurde. Im Laufe der Unterhaltung fragte ihn eine vornehme Dame, wie es doch zugehe, dass die englische Nation noch so weit hinter der Aufklärung des Jahrhunderts zurück sei und an das Evangelium in der Bibel glaube. Er erwiderte: „Madame, wir Engländer werden auf der Stelle bereit sein, die Bibel aufzugeben, sobald man uns statt ihrer etwas Besseres bietet!“ Darum: Es bleibt dabei.

Mag Rom hinweisen auf seine geschlossene Einheit, auf seine weltliche Macht, auf den glänzenden Kultus, auf die Dom- und Kirchenschätze, wenn wir nur festhalten das lautere, einfache Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade des gekreuzigten und auferstandenen Christus, so können wir ruhig vor der Welt unsere Knechtsgestalt weiter tragen.

Mag die Weisheit der Theologie-Professoren das Messer der Kritik bis in das Herz des Evangeliums stoßen - es bleibt dabei.

Mag das Evangelium den gelehrten Griechen eine Torheit und den gesetzeseifrigen Juden ein Ärgernis sein - es bleibt dabei.

Mag die Mehrzahl den Weg über Golgatha nicht mitmachen - es bleibt dabei.

Sind es nicht viel Weise, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle, die wir in unseren Reihen finden - es bleibt dabei.

Werden 100000 Armenier um ihres Glaubens willen von Türken dahingeschlachtet - es bleibt dabei.

Werden die 2 Millionen Stundisten in Russland von der orthodoxen griechisch-katholischen Kirche verfolgt und unterdrückt und scharenweise nach Sibirien geschickt - es bleibt dabei.

Mag uns auch manchmal angst und bange werden, wenn wir sehen die beklagenswerte Gleichgültigkeit, die vornehme Geringschätzung, den frechen Unglauben - es bleibt dabei:

1. Der rechte, wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes;

2. das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben;

3. so wollen wir uns desselben nicht schämen.

I.

In alten Klosterwänden, zum Abbruch reif, finden Arbeiter in die Mauer eingelassen eine Lücke und drinnen, tief versteckt in einer Kapsel, die vergilbte Handschrift: „Barmherziger Gott, ich weiß, dass ich nicht anders selig werden noch Dir genugtun kann, als durch das Verdienst und das unschuldige Leiden und Sterben Deines lieben Sohnes! Heiliger Jesus! All mein Heil steht in Deinen Händen, da Du mit eisernem Griffel meinen Namen unauslöschlich auf Deine Seite, Deine Hände, Deine Füße eingegraben hast!“ Ein Stiller im Lande hatte es geschrieben und darunter die Worte: „Darf ich das mit dem Munde nicht bekennen, bekenne ich's doch mit meinem Herzen und mit der Feder.“ Dann schnell verschlossen und vermauert, dass wenigstens die Nachwelt es höre, wohin er lebend und sterbend seinen Anker ausgeworfen hat. Das ist das Bild jener Zeit: Der Schatz noch da, aber im Acker der Kirche vor den Bauleuten ängstlich verheimlicht. Das ewige Wort noch unverloren, aber von Schutt und Mörtel umgeben, in eine Kapsel eingesargt. O, dieser Augustiner-Mönch in seiner Kutte - sein vom Geiste Gottes erleuchtetes Auge hat in einsamer Zelle unter manchen heißen Tränen den rechten, wahren Schatz der Kirche Jesu Christi entdeckt! War es die Macht der Kirche, die ganze Länder und Völker in den Bann tat? War es die Majestät des Papstes, vor dem Kaiser und Könige sich beugten? War es die Kraft der Ablässe, die von Rom aus durch die Lande fluteten? Waren es die Messopfer, für Lebendige und Tote dargebracht? War es die Fürsprache der Heiligen, vor allem der Gebenedeiten unter den Weibern? Waren es die zahllosen Reliquien, deren Wittenberg zur Zeit Luthers gegen 5000 zählte? Waren es die Dome und Kathedralen, die weit in die Lande schauten?

Das alles war es nicht!

Es ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes!

Es ist die frohe Botschaft,

  • dass der Himmel über uns sich geöffnet, Gott in Christo Mensch geworden und unter uns gewandelt hat,
  • dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren, und wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, unsere Knechtsgestalt hat angenommen, an unserer Statt das ganze Gesetz erfüllt hat und Seinem Vater gehorsam war bis zum Tode am Kreuze,
  • dass Er unsere Sünde und Schuld auf Sich nahm, ja für uns zur Sünde wurde und am Fluchholz hing, und mit Seinem heiligen, teuren Blute in das Allerheiligste gegangen, um die ewige Erlösung zu bringen,
  • dass Er am 3. Tage durch die Herrlichkeit des Vaters aus dem Grabe auferweckt ist, als ein untrüglicher Beweis, dass Gott Sein Opfer angenommen,
  • dass Er vor den Augen Seiner Jünger sichtbar gen Himmel gefahren, und wir Ihn wissen zur Rechten des Vaters, unser alleiniger Fürsprecher zu sein auf Grund Seines für uns vergossenen Blutes,
  • dass Er wiederkommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten und aufzurichten das ewige Reich der Herrlichkeit,
  • dass alle die, die bußfertig und reumütig zu Ihm kommen, an Ihn glauben, die Vergebung der Sünden haben, Leben und Seligkeit,
  • dass durch den Glauben an Ihn die vollkommene Gerechtigkeit uns zugesprochen wird und nichts Verdammliches ist an denen, die sich mit Seinem Blute besprengen lassen,
  • dass wir aus Gnaden selig werden ohn all eigenes Verdienst um Seinetwillen,
  • dass Sein Heiliger Geist, den Christus für uns in uns verklärt, und das Siegel der Kindschaft Gottes uns auf die Stirne drückt,
  • dass Er, Christus, der lebendige und persönliche Heiland, in uns mächtig sein will, Sünde, Kreuz und Tod zu überwinden,
  • dass wir durch Ihn einen freien Gebetszugang haben zu der Herrlichkeit und Gnade Gottes,
  • dass wir in Ihm die fröhliche und selige Gewissheit haben, Gottes Erben zu sein und Seine Miterben.

Das ist das heilige Evangelium, das ist der rechte und wahre Schatz der Kirche. Das ist der Stern im Auge, das ist der Diamant im Ringe.

O, heiliges Evangelium, in keines Menschen Herz und Kopf geboren, sondern aus Gottes ewigem Liebesrat, ehe der Welt Grund gelegt ward! Vor der Welt eine Torheit und ein Ärgernis, aber bei denen, die es im Glauben haben, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Den Weisen und Klugen verborgen, aber den Unmündigen geoffenbart!

O, herrliches Evangelium für alle Armen, Mühseligen und Beladenen, für verzweifelte Leute in der Höhle Adullas, für alle, die bankrott geworden sind an der eigenen Gerechtigkeit, die Gnade haben wollen, weil sie selber nichts haben als lauter Schwachheit und Elend! Dem Stolz des natürlichen Menschen dünkt es zu einfach. Ja, wenn man sagen würde, etwas Großes zu tun, so würde mancher vielleicht gehorchen. Aber da es nur heißt: Ergreife die auch dir angebotene Gnade, glaube, schaue Jesum an, wasche dich in Seinem Blute, so wirst du rein! so wendet sich der Stolz des Menschen ab. Ein bloßes Vertrauen auf Christum und eine demütige Hingabe an Ihn, ist für den natürlichen Menschen darum zu viel, weil es ihm zu wenig scheint.

O, tröstliches Evangelium! Ein frischer Trunk lebendigen Wassers für alle, die da klagen:

O fraget doch nicht, was mir fehle,
Fraget nicht nach meinem Schmerz;
Durst nach Gott füllt meine Seele,
Drang zu Gott verzehrt mein Herz.
Gebt mir alles, und ich bleibe
Ohne Gott doch arm und leer,
Unbefriedigt, dürstend treibe
In der Welt ich mich umher!

Vor Jahren starb ein Mann, der aus bescheidenen Verhältnissen emporgestiegen, schließlich alles das erreichte, was man in der Welt „Glück“ zu nennen pflegt: hohe Stellung, Ehre, Reichtum, Gesundheit, Wohlleben. Aber vermochte das seinen Besitzer glücklich zu machen? Durchaus nicht! Denn nach seinem Tode fand man unter den hinterlassenen Papieren, obenan liegend, folgenden Vers:

Ihr Freunde, wenn ihr mich begrabt,
So sei auf meinem Grab zu lesen:
Er hat sein Lebtag Glück gehabt,
Doch glücklich ist er nie gewesen.

Die Welt ist voll von solchen Leuten.

Und was soll ich von denen sagen, die in dieser Welt Unglück haben? Ich sehe sie an mir vorüberziehen, die entsetzlich lange Reihe der Unglücksgestalten, die ohne Trost und ohne Frieden ihr Kreuz bis ins Grab schleppen. O, ihr armen Sklaven, gefesselt und gepeitscht von den Dämonen des Alkohols und der Unzucht, des Geizes und der Ehrsucht, zitternd und zagend in der Furcht des Todes!

Und doch haben wir den Schatz des Evangeliums, aus der oberen Welt des Lichtes und der Herrlichkeit hinabgesenkt in das Erdental voll Kummer und voll Herzeleid.

Diese verblendeten und betörten Menschen! Sie gehen gleichgültig oder lächelnd oder spottend vorbei an dem lebendigen Wasserbrunnen, und machen sich Brunnen, die löchrig sind und kein Wasser geben.

Evangelische Kirche, Kirche der Reformation, lass dir diesen Schatz nicht nehmen! Sei auf der Hut, dass die Philister dir nicht den „Brunnen des Lebendigen“ verschütten! Mit der Macht Roms kannst du dich nicht messen. Ein evangelisches Zentrum wirst du nie im Reichstag haben.

Für deine General-Superintendenten passen nicht die Ehrenbogen der römischen Kirchenfürsten. Deine liturgischen Gottesdienste können nie die römische Messe ersetzen. Dein Schatz sei und bleibe das heilige Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes in Christo Jesu. Dieses Evangelium sei das Sanctissimum in deinen Gottesdiensten. Diesen Schatz lass leuchten auf der Kanzel. Weg mit allen vernünftigen Worten menschlicher Weisheit! Lass Jesum predigen, Ihn allein. Lass Ihn so vor die Augen malen, als ob Er unter uns gekreuzigt würde. Lass die Seelen erbeben unter dem Donner des Gesetzes, und dann lass sie sehen das Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn. Führe sie hin an das offene Grab in Josephs Garten, und lass es verkündigen, dass es einen lebendigen, gegenwärtigen Heiland gibt. Richte die Augen himmelwärts, dass sie Jesum zur Rechten des Vaters sehen. Erfülle die Herzen mit verlangender Sehnsucht nach dem Tage der Offenbarung der Herrlichkeit Jesu Christi. Lass erzittern die Sichern, erbeben die Spötter, erschrecken die Selbstgerechten, tröste die Traurigen, erquicke die Bußfertigen, begeistere die Gläubigen durch die Predigt dieses Evangeliums!

Evangelische Kirche, es ist genug, dass du dieses Evangelium hast, diesen lebendigen Quell, hervorsprudelnd aus dem Felsen des göttlichen Wortes! Wird es gepredigt in lieblichen Gotteshäusern, wie in der Paulus- und in der Kreuzeskirche zu Essen, so wollen wir uns freuen! Aber: Das ist meine Freude:

Dass ich einen Heiland habe,
Der vom Kripplein bis zum Grabe,
Bis zum Thron, wo man Ihn ehrt,
Mir, dem Sünder, angehört.

Ist eine künstlerische Orgel aufgebaut mit Harfen und mit Zimbeln schön; stehen die alten, herrlichen Choräle im Gesangbuch, gesungen von Generationen, die vor uns lebten; steht ein Musikmeister da mit dem Taktstock vor einem gemischten Chor, der liebliche Weisen ertönen lässt, wir wollen es dankbar dahinnehmen - dass es nur aus gläubigem Herzen zum Himmel schallt:

Rühmt alle Wunder, die Er tut,
Doch über alles rühmt Sein Blut.

Steht auf dem Chor ein Altar, von Marmorsteinen aufgerichtet, vom Künstler edel erdacht und ausgeführt, wir wollen keine Bilderstürmer sein - dass nur eine Abendmahlsgemeinde davorstehe, die da glaubt an das Blut der Versöhnung, an den Leib für uns gebrochen, und sich selber zum Opfer bringe dem, der mit einem Opfer vollendet hat, die geheiligt werden, der keine blutigen und unblutigen Opfer mehr haben will von Priestern dargebracht, sondern Menschenkinder, die ihren Willen opfern und den Dank ihrer Herzen und das Lob ihrer Lippen.

Kirche der Reformation! In der Predigt des Evangeliums ist deine Macht und Kraft, hier ist dein Herzblut, hier ist dein Sieg, so gewiss Gottes Wort bleibt in Ewigkeit!

Mehr hatte Paulus auch nicht, und Petrus und Johannes nicht, und alle Apostel nicht zu einer Zeit, da noch kein Papst in Rom residierte, und kein Messopfer gefeiert wurde an geweihten Altären. Man kam zusammen in schmucklosen Räumen, man predigte von Jesu, dass Er der Heiland sei, gekommen, um zu erretten von Sünde, Tod und Teufel, gekommen, um an jeder Seele sich zu verherrlichen, die schuldbeladen zu Ihm käme, gekommen, um den Strom des ewigen Lebens in der Kraft des Heiligen Geistes in das friedlose Menschenherz strömen zu lassen; gekommen, um uns zu Gotteskindern und Todesüberwindern zu machen. Man sang Lieder zu Ehren dieses Christus, man betete, man brach das Brot und die Stätte wurde bewegt vom Heiligen Geiste. O, selige Zeit, da man beständig blieb in der Apostellehre, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet!

Ach und Wehe, dass die moderne Theologie diesen Schatz für altmodisch erklärt und ihre menschliche Weisheit an die Stelle der göttlichen Offenbarung setzt! Geistliches muss geistlich gerichtet sein. Auch einem Professor der Theologie, trotz seines Scharfsinnes und seiner Folianten-Gelehrsamkeit, ist das Geheimnis des Evangeliums verborgen, er sei denn wiedergeboren und eine neue Kreatur geworden in Christo. Er redet wie der Blinde von der Farbe, bis ihm Gott die Augen aufgetan. So lange er nicht zum armen Sünder geworden, bleibt ihm das gottselige Geheimnis verborgen: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber. Ach und Wehe, dass sie, die gelehrten Herren, das Evangelium seiner Kleinodien berauben und aus dem Schiffe der Kirche seine goldene Ladung herauswerfen: Die gottmenschliche Geburt, das sühnende Blut von Golgatha, die glorreiche leibliche Auferstehung, die siegreiche Himmelfahrt, die sichtbare Wiederkunft! Was diese Herren noch übrig behalten, sind die beiden Deckel der Bibel und der Spruch dazwischen: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Sie machen aus dem herrlichen Evangelium von Jesu, ein Evangelium Jesu, das nur besteht in Moralvorschriften des großen Propheten von Nazareth.

Ach und Wehe, dass zu den Füßen diese Lehrer sitzen müssen die, welche später das herrliche Evangelium, den rechten und wahren Schatz der Kirche, predigen sollen!

Kirche der Reformation, schließe deine Türen zu vor denen, die diese moderne Theologie auf deine Kanzeln bringen wollen! Verlierst du deinen Schatz, so ist dein Stern erloschen. Was noch übrig bleibt, sind ein paar elende Scherben, für die sich kein Mensch mehr begeistern wird!

Hinfahren mögen darum alle die Propheten, sagt der Augustiner-Mönch in seinen letzten 3 Thesen, welche zu Christi Volk sagen: Friede, Friede, und ist doch kein Friede. Wohlergehen müsse es allen den Propheten, welche zu Christi Volk sagen: Kreuz, Kreuz, und ist doch kein Kreuz. Vermahnen soll man die Christen, dass sie ihrem Haupte Christus durch Pein, Tod und Hölle zu folgen sich befleißigen, und dass sie also vielmehr durch mancherlei Trübsal, als durch einen sichern Stand des Friedens, in den Himmel einzugehen sich getrösten.

Warum aber ist dieses Evangelium der Schatz der Kirche? Hören wir:

II.

Es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.

Es bleibt dabei. So war es, so ist es, so wird es sein. Es war eine alte hölzerne Kapelle bei den Augustinern in Wittenberg, mit gestützten Wänden und einer kleinen Kanzel, wo Luthers Mund zu seiner ersten Predigt sich aufgetan - Silber und Gold hat sie nicht, die Kirche des Evangeliums. Klein ihre Maße; ihr Siegel: Knechtsgestalt. Leicht ihr Gewicht im Rat und auf der Waage der Gewaltigen. Und doch wird sie auch mit der kleinen Kraft das Salz der Erde sein, ein Segen und Sauerteig der Welt, wenn nur der Schatz ihr bleibt: wenn hell und immer heller aus dieser armen Krippe Christus das ewige Wort, aufleuchtet und auf uns ruht, der Geist der ersten Zeugen, der Geist des Glaubens und des Gebets.

Der Dichter Tennyson hatte einst den Besuch eines hohen Gastes und durchschritt mit diesem seinen schönen, wohlgepflegten Garten. Die Unterhaltung hatte sich über diesen und jenen Gegenstand erstreckt. Auf einmal blieb der Gast bei einem duftenden Blumenbeet stehen. „Ich habe Sie schon lange fragen wollen,“ hub er völlig unvermittelt an, „was Sie eigentlich von Jesus Christus halten?“ Der Dichter antwortete nicht sofort; sinnend ruhten seine großen, strahlenden Augen auf einer lieblichen Rose, und auf dieselbe deutend sagte er: „Was der Sonne diese Blume ist, das ist Jesus Christus für mich. Er ist die Sonne meiner Seele, ohne Ihn könnte ich mir mein Leben nicht denken.“

Was ist die Sonne für die Blume? Alles, alles! Wer weckte das schlummernde Auge am Rosenstock? Die Sonne. Wer ließ das Zweiglein wachsen und färbte die Blätter grün? Die Sonne. Unter dem Lichte der Sonne schwoll die Knospe. Der Strahl der Sonne küsste sie, und sie brach auf. Wer vollbrachte das Meisterstück, diesen Farbenschmelz auf die Blätter der Rose zu legen? Die Sonne. So hängt sie am Rosenstock, dies liebliche Kind der Sonne, strahlend in ihrer Pracht, vom Morgentau benetzt, und ihr balsamischer Duft ist ein Weihrauch, der aufsteigt zum Preis der Sonne, der sie alles verdankt. Durch die Sonne alles, und ohne die Sonne nichts in dem weiten Bereich der Natur unseres Planeten. Nehmt die Sonne weg, und unsere Erde wird in mondgleicher Verödung, ein Bild der Erstarrung, der Leere, des Todes sein. O, wunderbare, Leben und Wonne weckende Kraft des leuchtenden Gestirnes!

Aber wo ist die Kraft, die Menschenkinder selig macht, die uns errettet vom Fluche des Gesetzes, von der Macht der Sünde, aus dem Jammer der Trostlosigkeit, aus der Verzweiflung am Dasein, aus dem Schrecken des Todes, die uns selig macht von der Sünde, von der Not, vom Tode?

Ich habe im Laufe dieses Sommers auf allen Bahnhöfen ein, ich möchte sagen, trotziges und stolzes Bild gesehen. Die Berliner Gewerbeausstellung hatte es anfertigen lassen. Ein Menschenarm, sich hervorstreckend aus der Erdspalte. Die Faust an diesem Arm umspannt energisch einen Hammer. Das war das Bild. Und seine Deutung? Groß ist die Macht und Kraft des Hammers in der Hand des denkenden Menschen. Wer wollte das bezweifeln? Wer auf der Berliner, Genfer und Nürnberger Ausstellung in diesem Jahre gewesen ist, hat staunend und bewundernd sich davon überzeugen können.

Aber ist das eine Kraft, die selig macht? Kann dieser Hammer den Felsen der Sünde zerschmeißen, kann er aus dem armen Menschenherzen den unsäglichen Jammer heraushämmern, kann er das zerrissene Herz zusammenschweißen, kann er die Gussstahlplatte der Todesschrecken zertrümmern?

Ihr Philosophen und gelehrten Herren, wir staunen über die Kraft eurer Gedanken, eures Scharfsinnes, eurer Logik. Euer Wissen ist aufgespeichert in Bibliotheken; die geistige Kraft, die von euch ausgeht, hat große Triumphe gefeiert. Aber selig machen, Friede und Freude, Licht und Leben geben kann eure Weisheit nicht.

Kraft liegt im Golde. Geld gibt Macht. Es erschließt die Reichtümer und Genüsse dieser Erde. Wer es hat, vor dem bückt sich die Welt. Aber selig macht es nicht. Von der Sünde hilft es nicht. Im Elend tröstet es nicht. Vom Tode errettet es nicht. Soll ich von den dämonischen Kräften des Alkohols und der Unzucht reden? Ja, Kräfte sind es, aber wo sie wirken, ungezügelt vom Heiligen Geiste, ruinieren sie Leib und Seele, zerstören Häuser und Familien und schaffen namenloses Elend.

Auch von der Kunst geht Kraft aus, edle Kraft, die begeistert und erfreut. Dichtkunst, Malerei, Plastik, Musik - Gottesgaben sind es. Wer wollte sich ihrer nicht erfreuen? Aber selig machen können sie nicht!

Kein Volk hatte so helle Augen für die Lichtseiten des Menschenlebens als die Griechen. Über ihrem ganzen Leben lag sonnenhelle Heiterkeit ausgebreitet. Aber wenn wir schärfer hinsehen, gewahren wir, dass sie ihre Augen gegen die Tiefen, die neben ihnen gähnten, krampfhaft verschlossen. Wahrlich, der Dichter Nikolaus Lenau hat ihnen tief ins Herz gesehen, wenn er von ihnen singt:

Die Künste der Hellenen kannten nicht den Erlöser und Sein Licht,
Drum scherzten sie so gern und nannten des Schmerzes tiefsten Abgrund nicht.
Dass sie am Schmerz, den sie zu trösten nicht weiß, uns mild vorüber führt,
Erkenn' ich als den Zauber höchsten, damit uns die Antike rührt.

Kraft, große Kraft, hat der Patriotismus, die Vaterlandsliebe, eine Kraft und Macht, die Gut und Blut und Leib und Leben dran gibt für Kaiser und Reich, eine Kraft und Macht, die, wie wir kürzlich lasen, die Mannschaft des gestrandeten Kanonenbootes „Iltis“ mit einem dreifachen Hurra! in den Tod gehen ließ. Aber Kaiser und Reich, die an patriotischen Festtagen die Menschen begeistern, verstummen in Leidenstagen; Kaiser und Reich dringen nicht in das Kämmerlein, wo ein Mensch mit seinem Gotte ringt; Kaiser und Reich sind keine Kraft gegen Sünde und Laster, gegen Unzucht, Trunksucht und Selbstsucht; Kaiser und Reich machen keinen Leidenden, fröhlich, keinen Sterbenden selig.

Es bleibt dabei, am Ende des 19. und beim Beginn des 20. Jahrhunderts, was Paulus vor 18 Jahrhunderten an die Römer schrieb, und was die evangelische Gemeinde in Essen über das Portal ihrer schönen Pauluskirche in Sandstein hat meißeln lassen: Das Evangelium von Christo ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.

Wer ist selig?

Der sich mit seinem Gott versöhnt weiß,
der die Gewissheit der Vergebung seiner Sünden hat, den der Fluch des Gesetzes nicht mehr trifft,
der den Gott, der Himmel und Erde geschaffen, seinen Vater nennen darf,
der kein Sklave mehr irgendeiner Sünde ist,
der von seinem Ich losgekommen,
der sich von nichts gefangen nehmen lässt,
der da weiß, dass alle seine Haare auf dem Haupte gezählt sind und keins auf die Erde fällt, ohne den Willen des himmlischen Vaters,
dessen Seele unter dem Kreuze stille geworden ist,
der da weint, als weinte er nicht, und sich freut, als freute er sich nicht,
der die Welt unter seinen Füßen hat,
der Ewigkeitsluft atmet,
dem die Realität des Himmels so gewiss ist als sein eigenes Ich,
der nicht mit stoischer Ruhe, sondern mit der seligsten Hoffnung dem Tode ins Auge sieht,
der ist selig.

O, komm zu Jesu, wer du auch bist, der dieses liest! Jesus ist das Evangelium. In Jesus ist alles personifiziert, was das Evangelium den armen, in Sünde, Not und Tod verlorenen Adamskindern geben will: Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, Weisheit, Heiligung, Friede, Sieg, Kraft, Liebe, Geduld, Sanftmut, Demut, selige Genüge, himmlische Hoffnung - alles, was Menschen wirklich und wahrhaftig selig machen kann und selig macht. Jesus ist es, Jesus hat es, Jesus gibt es.

Volles Genügen, Fried' und Freude
Jetzo meine Seel' ergötzt,
Weil auf eine frische Weide
Mein Hirt Jesus mich gesetzt.
Nichts Süßes kann also mein Herze erlaben,
Als wenn ich nur, Jesus, dich immer soll haben,
Nichts, nichts ist, das also mich innig erquickt,
Als wenn ich dich, Jesu, im Glauben erblickt.

Ja wahrlich, ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Neu ist sein Erkennen, neu sein Fühlen, neu sein Wollen, neu seine Kräfte, neu seine Pläne, neu seine Ziele, neu sein Streben, neu sein Leben. Er ist, aus den Elementen der Welt herausgehoben, in ein neues Reich versetzt. Freundlich - fremde geht er durch diese Welt. Christus ist seine Freude, seine Wonne, seine Gerechtigkeit, seine Stärke.

Ein Missionar unter den Indianern wollte den Rothäuten klar machen, was das heißt, im Evangelium leben. Er nahm einen Wurm, umringte ihn mit einem Kranze dürren Laubes und zündete es an. Wie sich das arme Tier krümmte und wand! Auf keiner Stelle fand es einen Ausgang. Da nahm er mit sanfter Hand den Wurm, hob ihn über das brennende und glimmende Laub, und legte ihn in das weiche, kühle grüne Gras. „Seht“, wandte er sich an die Rothäute, die ihm erstaunt zugesehen, „so macht es Christus mit denen, die an Ihn glauben.“

O, heilige Kraft des Evangeliums, die uns tief innerlich erbeben macht über die Größe unserer Sündenschuld, dass wir erschreckt ausrufen: Ich armer, elender, verdammenswerter Mensch, ich bin schuldig am ganzen Gesetz. Wehe mir, wie kann ich bestehen vor dem heiligen Gott!

O, selige Kraft des Evangeliums, die mich unter dem Kreuze des für mich geopferten Christus die kühne Sprache reden lässt: Wer will mich verdammen? Christus ist hier, der für mich gestorben ist!

Es floss für mich dies teure Blut,
Das glaub' und fasse ich,
Es macht auch meinen Schaden gut,
Denn Christus starb für mich.

O, wunderbare Kraft des Evangeliums, die mich in der Not, im Jammer, im Elend dieses Lebens triumphieren lässt: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn!

O, himmlische Kraft des Evangeliums, die angesichts des Todes die erbleichenden Lippen den Siegesschrei ausrufen lässt: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der mir den Sieg gegeben hat durch Christum, meinen Herrn!

Es gibt Unglückliche, denen die Verzweiflung von der Stirne abzulesen ist. Jeder Lichtstrahl ist für sie verschwunden. Es ist Nacht um sie, und kein Sternlein der Hoffnung leuchtet ihnen. Ihr Herz ist ein Grab, ihr Leben öde und leer. Und doch gibt es für jeden Menschen, der sich bußfertig dem Sünderheiland naht, volle Rettung. Er erlöst von Sünde und Schuld, und macht, was blutrot war, weiß wie Schnee. Er heilt die zerbrochenen Herzen, befreit sie von ihrer Last, trocknet ihre Tränen und macht ihre Augen wieder sehend für die Zeichen Seiner ewigen Gnade.

Und weiter nichts als „glauben“? Nein, weiter nichts als glauben an Den, der des Evangeliums Hall und Schall, Stern und Kern ist, an Jesum Christum, den lebendigen, persönlichen Heiland. Glaube! Folge du dem Zuge des Vaters zum Sohne. Solltest du nichts davon verspüren? Glaube! Komm du zu deinem Heiland, der alles, alles für dich vollbracht hat. Glaube! Die Erlösung ist da, du hast weiter nichts zu tun, als sie anzunehmen. Glaube! Komm, wie du bist, und schütte dein Herz vor Ihm aus. Glaube! Ringe wie Jakob: Herr! ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn! Glaube! Blicke Ihn an, wie die von den giftigen Schlangen Gebissenen in der Wüste die eherne Schlange. Glaube! Zweifle nicht, Er kann es, Er will es, Er wird es tun. Glaube! Wirf dich in Seine Arme und lass Ihn, Ihn es machen.

O, dass du glauben würdest, du würdest die Herrlichkeit Gottes sehen!

Wie einfach ist das Evangelium, das die Apostel gepredigt, und das die Reformation der Welt von neuem wiedergegeben! Kein Priester ist mehr nötig und kein Messopfer. Jesus steht da, breitet Seine Arme aus und ruft in diese freudenlose Welt hinein: kommt her zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken! Wendet euch zu Mir, so werdet ihr selig, aller Welt Enden! Wen da dürstet, der komme zu Mir und trinke! Wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst! Wer zu Mir kommt, den will Ich nicht hinausstoßen!

Lasst die Welt sich unwillig abwenden, lasst sie höhnen und spotten, lasst sie mit Fingern zeigen auf die Knechtsgestalt der Kirche der Reformation, lasst sie die Furchen lang ziehen auf ihrem Rücken, es bleibt doch dabei: Das Evangelium von Christo ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben!

III.

„Ich bin geneigt, euch auch zu Rom das Evangelium zu predigen,“ schreibt Paulus an die Römer und fährt dann fort: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht.“

Juden und Heiden schämten sich des Evangeliums, bis sie seine Kraft erfahren hatten. Den Juden war es ärgerlich, den Heiden war es töricht.

Warum schämten sich die Juden des Evangeliums?

Sie wollten keine armen Sünder sein. Sie wollten durch das Gesetz selig werden und durch eigene Gerechtigkeit vor Gott bestehen. Das Evangelium aber macht uns alle zu Sündern und sagt uns, dass wir gar keine eigene Gerechtigkeit haben und schuldig sind an allen Geboten. Das Evangelium predigt uns die Tatsache, dass Christus für die Gottlosen gestorben ist. Nicht ein Faden an dem hochzeitlichen Kleide, das uns frei geschenkt werden soll, ist von unserer Seide gewirkt. Gnade! Gnade! ist das Hauptwort im Evangelium.

Aus Gnaden seid ihr selig geworden - durch den Glauben - und dasselbige nicht aus euch - Gottes Gabe ist es - nicht aus den Werken - das sind 5 Hammerschläge, die alles eigene Verdienst zu Staub zermalmen. Das Evangelium von Christo ist für Leute, die nichts haben, was sie vor Gott bringen können, als das heilige und teure Blut Jesu.

Wenn ihnen ihre Augen werden aufgetan und sie erkennen die Größe ihrer Sündenschuld - Gnade ist's und weiter nichts.

Wenn sie es glauben und fassen können, dass Jesus für ihre Schuld am Kreuzesstamm genug getan - Gnade ist's und weiter nichts.

Wenn sie im Glauben an das versöhnende Blut Christi Kraft gewinnen, von den Sünden loszukommen - Gnade ist's und weiter nichts.

Wenn der Blick auf den gekreuzigten Christus ihnen Freudigkeit gibt, ihr Kreuz dem Herrn Jesu nachzutragen - Gnade ist's und weiter nichts.

Wenn sie kommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu dem Mittler des Neuen Testamentes, - Gnade Jesu ist's und weiter nichts.

Er, Er hat das Privilegium allein, Sünder selig zu machen, darum heißt Er Jesus. Er hat dies göttliche Privilegium an keinen abgetreten. Frei und umsonst schenkt Er jedem, der nichts hat zum Bezahlen und arm und elend, blind und bloß zu Ihm kommt, die ganze Schuld. Hier unten singen Seine Erlösten, die dies Evangelium glauben, mit der ganzen Inbrunst ihres Herzens:

Ach, mein Herr Jesu, wenn ich Dich nicht hätte,
Wenn Dein Blut nicht für die Sünder red'te,
Wo wollt' ich Ärmster unter den Elenden mich sonst hinwenden!

Und die heiligen Geister drüben am gläsernen Meere, die ihre Kleider gewaschen haben im Blute des Lammes, sie fahren fort zu rühmen in die Ewigkeit der Ewigkeiten, wenn die Wonnen himmlischer Herrlichkeit sie freudebebend durchschauern das Lamm, das für sie erwürgt ward.

Da sehen wir den Apostel Paulus, den rechtschaffensten und musterhaftesten unter den musterhaften Pharisäern, der mit vollem Rechte auf seine Gerechtigkeit stolz sein und Gott für seine Tugend preisen kann. Er ist auf seinem Wege dem Kreuze Christi begegnet, und alsobald spricht er von sich als dem Vornehmsten der Sünder, in welchem nichts Gutes wohne, und für „Dreck“ erachtet er seine Gerechtigkeit, auf die er sich früher so viel eingebildet.

Und wie oft hat sich diese Erscheinung wiederholt! Neben den bußfertigen Herzen, die sich für die allergrößten unter den Sündern halten, könnt ihr die gefördertsten unter den Heiligen sehen, deren Reuetränen nicht die am wenigsten bitteren sind. Keiner klagt mehr seinen Bruder, sondern jeder klagt sich selber an, wie wenn alle von einem Wetteifer getrieben wären, in welchem jeder der erste in der vordersten Reihe der Schuldigen sein will.

Die schämen sich des Evangeliums nicht. Aber die, die da meinen, sie wären etwas, die da pochen auf ihre Ehrbarkeit, auf ihre bürgerliche Unbescholtenheit, auf ihre Biederkeit, auf ihren guten Namen, die schämen sich, ein Vornehmster unter den Sündern zu sein, die schämen sich, aus purer Gnade selig werden zu wollen. Etwas will der Mensch doch haben, so ganz von Gnade zu leben, lässt das eigene stolze Ich nicht zu.

Ich stand an der Leiche eines Mannes. Er war einer von den Modernen gewesen, die von diesem Evangelium nichts wissen wollen. In der Kirche hatte man ihn nie gesehen. Ich glaube nicht, dass er je Ewigkeitsgedanken hatte. Weinend stand die Witwe dabei. „Herr Pastor“, hub sie plötzlich an, „wenn einer im Himmel ist, so ist es gewiss mein Mann, er hatte ein - so gutes Herz.“ Und warum schämten sich die Heiden, die gebildeten Griechen, die klugen, selbstbewussten Römer des Evangeliums?

Sie war ihnen zu töricht diese Predigt, dass ein Nazarener am Fluchholz, ein verhasster Jude, von seinem eigenen Volke verworfen, das Centrum der Erlösung sei, dass Philosophie, menschliche Weisheit, Bildung, Politik vor dem Kreuz von Golgatha sich zu beugen hätten. Dieses Evangelium dünkte ihnen ein Hohn auf die „Weisheit der Weisen und den Verstand der Verständigen“. Ihre stolze Vernunft empörte sich dagegen.

Ist denn das heutzutage anders? Ist man nicht von wegen der Bildung und der Wissenschaft kurzer Hand fertig mit diesem törichten Evangelium? Brüder „Ignoranten“, hat vor einigen Jahren der gelehrte Virchow die gläubigen Christen öffentlich im Reichstag genannt.

Ja, gelehrte Herren, allen Respekt vor eurer Weisheit; aber einem geängsteten Gewissen Frieden geben oder Sieg über die Sünde oder Trost im Elend oder Hoffnung im Sterben, das könnt ihr nicht! Ihr schwebt auf den Höhen der Wissenschaft und feiert Triumphe in der Technik, aber drunten in den Tälern des Menschenlebens, in der Kammer, in dem Herzen, da schreit man nach dem lebendigen Gott, nach Trost und Frieden. Ihr habt keinen Balsam für ermüdete Herzen, ihr habt kein Licht in der Finsternis der Sünde und des Todes!

Es bleibt dabei, wir predigen den gekreuzigten Christum, göttliche Kraft und göttliche Weisheit, denn die göttliche Torheit ist weiser, denn die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind.

Es bleibt dabei, im Evangelium von Christo liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Darum, ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht. Hannibal, der Feldherr der Karthager, hatte die römische Bundesfestung Sagunt in Spanien angegriffen. Da gingen die römischen Gesandten nach Karthago, erhoben bittere Beschwerde über Hannibal und forderten dessen Auslieferung. Als die Gesandten nichts bei ihnen ausrichten konnten, trat Fabius aus ihrer Reihe hervor, legte seinen Mantel, Toga genannt, in Falten und rief den Karthagern die Worte zu: „Ich trage Krieg, ich trage Frieden in meinem Busen, wählt, was ihr wollt!“ „Wir wählen nicht,“ riefen die Karthager, „gib, was du willst!“ Jetzt öffnete Fabius mit fürchterlichem Ernste seine Toga und sprach: „Da habt ihr Krieg!“

An jedem Reformationsfest wird dir, evangelisches Volk, die Frage vorgelegt: Was willst du? was wählst du? Willst du das alte apostolische Evangelium von Christo, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, wie es die Reformation, aus der Toga des göttlichen Wortes dir vorgelegt? Willst du bei diesem Evangelium bleiben? oder: Willst du das moderne Evangelium der modernen Theologie, aus der Toga menschlicher Weisheit? Was willst du? Meine Brüder, meine Schwestern, nicht wahr, wir haben schon lange gewählt?

Es bleibt dabei: Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben!


Es bleibt dabei.

Reformationsfestpredigt von

Julius Dammann,
Pastor in Essen.

Zum Besten der Jugendabteilung des evangel. Männer- und Jünglings-Vereins I.

Preis 15 Pfg.

1896.
Druck von W. Girardet, Essen, Ruhr.

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