Beets, Nicolaas - Erbsünde. Erbschuld.
1. Erbsünde.
Psalm 51, 7.
Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt und meine Mutter hat mich in Sünde empfangen.
Gott hat ein Menschenpaar gut und nach seinem Ebenbilde geschaffen. Dieses Menschenpaar hat gesündigt, ist ein sündiges Menschenpaar geworden; aus diesem Paare sündiger Menschen sind Kinder empfangen und geboren, nach ihrem Bilde, und ihnen gleich; diese Kinder waren sündige Kinder. Die Sünde ist von Geschlecht zu Geschlecht zu allen Menschen durchgedrungen. Sie war eine Art Eigenschaft des menschlichen Wesens geworden. Natürlich, angeboren, notwendig, gegenständlich bei allen natürlichen Menschen; ihrer aller Natur oder besser der Zustand ihrer Entartung seit dem Fall des ersten.
So lehren die Geschichten und Aussprüche der Schrift; so wird die durch Geschichte und Aussprüche der Schrift dargestellte Wahrheit näher vom Verstande entwickelt.
Und die Einwürfe, woher werden diese entlehnt? Werden sie erhoben von den zwei großen und rechtmäßigen Lehrmeistern der Menschheit: Geschichte und Erfahrung? Liefert sie der Zustand dieser heutigen Gesellschaft, worin kein denkbarer Gräuel unerhört, und allerlei Sünde allgemein ist; einer Gesellschaft, die solche scharfe und vielfältige Strafgesetze bedarf gegen den Ausbruch großer Missetaten; solche vorsichtig aufgestellten Kontrakte zur Bürgschaft von Ehrlichkeit und Treue; solche einnehmende Formen zur Bedeckung, Verstellung und Entzügelung von allerlei Eigennutz, Falschheit und Hass? Was ist in der Gesellschaft allgemeiner als die Klage, dass man auf Niemandes Wort bauen kann; welche Sprichwörter haben mehr Kredit als solche, die uns sagen, „dass in seinem Geschäft ein Jeder ein Dieb ist“; dass „allzu gut“ dasselbe ist wie „allzu schlecht“; dass diejenigen die besten Freunde bleiben, die sich nicht zu viel Freundschaftsblicke zumuten, sich nicht zu oft sehen? Durch das Afterreden wird in dieser Gesellschaft ein beständiger Krieg Aller gegen Alle geführt. manche werden verachtet, aber nichts desto weniger von vielen geschmeichelt, von den meisten gefürchtet und zu seiner Zeit von allen gebraucht. Ach, wie viel Streit bei so viel Schein von Frieden; wie viel üppige Wollust und wie viel verschuldete Armut; wie viel Hochmut und Feigheit zugleich!
Oder soll man behaupten, dass das Buch der Geschichte uns Jahrhunderte aufweist, worin keine Klagen über die Allgemeinheit der Sünde, der Treulosigkeit, der Lieblosigkeit unter den Menschen gehört werden? Hat Einer jener alten Dichter, die uns das liebliche Bild eines goldenen Zeitalters von Unschuld und Glück geschildert haben, dieses Zeitalter oder auch nur seinen Abend selber erlebt? Ist eine Nation zu nennen, bei der im Allgemeinen eine eigene, natürliche Entwicklung zum sittlich Guten wahrgenommen wird? Ist die Geschichte der Entstehung, der Blüte und des Untergangs der heidnischen Völker nicht dieselbe mit der Geschichte ihrer zunehmenden Sünde? Ist hier oder dort in der Weite der Gewässer irgendeine Insel entdeckt, wo man einen einzigen Stamm gefunden hat, welcher das Kleeblatt der Sünde: Begierde, Hass und Lügen noch nicht kannte? Ist der verdorbene Europäer es gewesen, der dem unschuldigen Bewohner der stillen Südsee den vergifteten Pfeil für das Herz seiner Brüder gebracht hat? Wenn der Mensch, wie ein Dichter gesungen hat, „halb Tier, halb Engel“ ist: hat irgendwo (ohne höhere Vermittlung) der Engel das Tier ausgetrieben oder überall das Tier sich auf Kosten des Engels entwickelt? Mit andern Worten: hat man irgendwo unschuldige und engelgleiche, oder überall verwilderte und vertierte Menschen angetroffen? Ist irgendwo auf der ganzen Erde in allen Jahrhunderten ihres Bestehens von irgendeinem Volke irgendein Menschenkind aufgeführt (außer „dem zweiten Adam, dem Herrn aus dem Himmel“), von dem behauptet wurde, dass er seine sündlos geborene Seele sündlos bewahrt hätte? Oder haben alle Menschenkinder ohne Unterschied auf ihrem ernsten Wege zum Grabe ihre Seele besudelt? Und wann begannen sie diese Besudelung? Ist ein Zeitpunkt im menschlichen Leben anzuweisen, so früh, so rein, dass sich darin noch keine Beweise von sündiger Art offenbart haben, oder offenbaren können? Kann Jemand von uns sich eines Augenblicks seines Lebens erinnern, wo die vermeintliche natürliche Unschuld noch mal wieder ganz emporkam und er sich frei wusste von sündlichen Gedanken, sündlichen Gefühlen, heilig und unbefleckt, so wie er weiß, dass der erste Mensch aus der Hand seines Schöpfers, so wie er vermeint, dass auch er aus dem Schoße seiner Mutter ist hervorgegangen?
In der Tat scheint die Antwort, welche ein Jeder von uns auf diese und ähnliche Fragen geben muss, für einen sündlichen Samen, für angeborene Sünde zu sprechen. In der Tat scheinen Geschichte und Erfahrung ein Recht zu der Frage zu geben: Wenn alle Menschen, Haupt für Haupt, ohne Sünde geboren sind, warum ist nicht ein einziger Mensch ohne Sünde geblieben? Wenn jedes neue Menschengeschlecht aufs Neue sündlos hingestellt wird, warum ist die allgemeine Sünde im Laufe der Jahrhunderte in ihrer inneren Entfaltung noch verschlimmert, in ihrer äußeren Ausbreitung noch gewachsen? Wenn alle Menschen als liebe Kinder des himmlischen Vaters geboren werden, warum sind sie keine Brüder? Warum kostet es sie so viel, das zu beweisen oder auch nur zu scheinen?
Oder sollen wir, da Geschichte und Erfahrung uns die Allgemeinheit der Sünde lehren, Zuflucht nehmen zu einer Behauptung, welche diese traurige Erscheinung auf eine andere Weise erklärt? Sollen wir, behauptend, dass wohl jeder Mensch sündlos und rein, als ein unbeflecktes Kind Gottes zur Welt kommt, mit der frischen ungehinderten Wahl zwischen Gut und Böse, die unwiderlegliche Wahrheit, dass alle Menschen Sünder werden, der Kraft des bösen Beispiels zuschreiben, welches den unglücklichen Menschen von der Geburt an von allen Seiten umgibt??
Zunächst mag man fragen, ob diese Behauptung, mehr als die Vorstellung der Schrift, im allgemeinen menschlichen Gefühl und Bewusstsein begründet ist? Ob wir nicht überall, auch bei dem weisen heidnischen Altertum, stillschweigend vorausgesetzt sehen, dass sittliche Neigungen und Eigenschaften nicht durch Erziehung und Nachfolge, sondern durch Geschlechtsfortpflanzung verbreitet werden; oder ob Volks und Familieneigentümlichkeiten nicht einstimmig dieser letzten zugeschrieben werden; so dass z. B. in den Erzählungen aller Völker ein Königssohn, obgleich er unter Bettlern und Räubern aufgezogen ist, die königliche Art zu seiner Zeit hervorbrechen lässt, und der Sohn eines feigherzigen Sklaven auch mitten unter Helden das Schlachtfeld feigherzig räumt? Ob wir dasselbe Bewusstsein nicht trotz angenommener Behauptungen, praktisch auszudrücken pflegen in Geburtsstolz, Familienschwäche, Nationalstolz? Oder ob wir uns mit Recht oder mit Unrecht nicht dadurch leiten lassen in unsern Erwartungen und Vermutungen? Ob wir (obschon wir in der besonderen Anwendung uns vor Übereilung und Unbilligkeit hüten) die allgemeine Wahrheit sollten verkennen wollen, die in dem allgemeinen Sprichwort liegt: der Apfel fällt nicht weit vom Stamme? Ob wir selbst, in der besonderen Anwendung, uns nicht beständig auf einer großen Verwunderung ertappen, wenn ein Sohn besser, schlechter, oder ganz anders als sein Vater gesinnt ist, als wenn er mit diesem gleiche Anlagen und Eigenschaften besitzt.
Eine andere Frage: kommt die obige Behauptung mehr als die gegebene Auflösung mit dem Gange und den Gesetzen der Natur überein? oder sehen wir überall in der Fortsetzung des Geschlechts auch die Mitteilung des Wesens in seiner Art und in seinen Eigenschaften? Liest man auch Trauben von den Dornen? Gleicht der junge Tiger dem alten bloß in den äußerlichen Flecken oder auch in der inwendigen Tigerart? Das Äußere von Vater und Mutter wird meistens in dem Äußeren des Sohnes, in Gestalt und Antlitz wiedergefunden; sollte das Innere ein neuer Mensch sein, in sittlicher Anlage von seinen Eltern ganz unabhängig? kein Spross von dem bösen Baume fortgepflanzt, sondern ein gutes Reis darauf gepfropft?
Zum dritten: stimmt obige Behauptung mit der Natur der Sünde überein, die doch keine Reihenfolge zu sein scheint von vereinzelten, auf sich selbst bestehenden Missbräuchen, Missetaten, Missgedanken, sondern eine durchgehende Verstimmung im innersten Seelenleben, ein Verderben, das alles antastet, eine bittere Quelle, die immer aufsprudelt, eine Macht, die gegen alles Gute sich erhebt, eine Kraft, die sich immer ausbreitet, die unaufhaltsam forttreibt und in Allem bezeugt, dass, wenn sie einmal Beispiele bedurft hat, um zu entstehen, wenn sie einmal durch Erziehung hergestellt und nicht geboren ist, sie dann doch fernerhin alle Beispiele und alle Erziehung sehr wohl entbehren kann, um zu wachsen und sich zu vervielfältigen? Nein, fürwahr, die Annahme obiger Behauptung muss auf einer vollständigen Verkennung von der Natur der Sünde beruhen, so wie sie in der Welt gesehen, so wie sie von unserm Herzen gelernt wird um nicht zu sagen, so wie sie in der Heiligen Schrift dargestellt wird.
Noch eine Frage: sollen wir jener Behauptung zu Liebe bei der Wahrnehmung, dass alle Menschen mit der Tat Sünder geworden sind, nicht nur die fatale Kraft von bösen Beispielen erkennen, sondern an ihre Unwiderstehlichkeit glauben müssen, und nach dieser Seite also eine Ehre widerfahren lassen, die ihre Verteidiger selbst den Wirkungen des Heiligen Geistes auf den freien Willen des Menschen zu weigern pflegen? Sollen wir das? und uns Lügen strafen lassen durch die sichtliche Widerstehbarkeit guter Beispiele; uns Lügen strafen lassen durch die Erfahrung, welche uns die einfältigste Mutter mitteilen kann, dass die Kinder das Böse sehr leicht, das Gute sehr schwer lernen und umgekehrt? oder weist diese Erfahrung nicht auf dieselbe Empfänglichkeit und Geneigtheit zum Bösen hin, welche durch die Annahme der Tatsache der Erbsünde erklärt wird? Ist die ganz neue, unerhörte, gräuliche Missetat Kains, des ersten nach Adam, erklärbarer, wenn wir an die Kraft von Adams Beispiel, als wenn wir an die Fortpflanzung von Adams sündlicher Natur denken und eine schnellgewachsene und eigentümliche Entwicklung darin zu sehen meinen?
Endlich: sollen wir es übereinstimmender mit der Würde, der Weisheit und der Liebe Gottes (denn auch auf diese beruft man sich) halten, dass er hinter einander Millionen Menschen schafft, statt Einmal, Ein für Allemal Eine Menschheit in dem ersten Menschen! dass er immer aufs Neue die immer aufs Neue misslingende Probe von eines Menschen Gehorsam wiederholt, und das mitten in einem Heerlager von Ungehorsamen, die nicht anders können, als ihn durch ihr Beispiel verderben? dass er täglich Millionen Sündenfälle zulässt, statt dass wir es bei der Mitteilung beruhen lassen, dass er in dem ersten Menschen die Menschheit zum Guten geprüft hat; dass in dem ersten Menschen die Menschheit die Probe nicht bestanden hat, sondern durch ein Wesen außer ihrem Bereich verführt ist und nun in ihrer Gesamtheit mit einem inwendigen Verderben kämpft: einem Verderben, dessen Erkenntnis die Bedingung einer Rettung, einer Erneuerung in sich schließt, welche den auf dem Verderben ruhenden Fluch in Segen verkehrt.
Die Antwort auf alle diese Fragen lässt uns jene Behauptung als unnatürlich erscheinen, als unwahrscheinlich, wider Gefühl, Erfahrung und Vernunft streitend. Doch wenn wir sie annehmen dürften, würde sie für Fleisch und Blut weniger ärgerlich sein? Ist sie tröstlicher als die für so trostlos gehaltene Lehre, nach welcher ich ein unglückliches Kind von einem unglücklichen Vater bin, das keine anderen Ansprüche hat als er, kein anderes Mittel zur Genesung als er? Macht sie mich glücklicher, rettet sie meine Selbstzufriedenheit, vermindert sie meine Verantwortlichkeit? Was ist peinlicher für das Gefühl, meiner Mutter Übel in ihrem Schoße ererbt zu haben und daran zu kranken wie sie; oder mir das gesunde Leben im verpesteten Kreise anstecken lassen zu müssen, in meiner Einfalt nicht wissend was Ansteckung ist? Die Schmach von eines Vaters verwirktem guten Namen, ohne Vorwurf gegen sein doch teures Andenken, zu ertragen, oder das Bewusstsein zu tragen, meinen Namen, den ich von Gott empfangen habe, in meiner ersten Jugend besudelt, entwürdigt zu haben unter Unwürdigen, die mir solches Beispiel gaben? Ists ein geringeres Unglück (da man die Erbsünde für ein so unerhörtes Unglück ansieht), durch ein Beispiel erliegen zu müssen, als in einem Vorfahren mit erlegen zu sein? Schöner, wie Adam zu fallen, als in ihm gefallen zu sein? Gemächlicher, mit unsern Zeitgenossen durch unser Beispiel ganz verantwortlich zu sein für alle Tatsünden unserer Nachkommen, als Teil zu haben an dem Sündenverderben unserer allerersten Eltern? Mütter, was wählet ihr? euern Säugling anzusehen mit der Frage im ängstlichen Herzen: wann wirst auch du erliegen? oder mit der Überzeugung: auch für dich gibts einen Heiland, der rettet, einen Heiligen Geist, der erneuert?
Aber auch dies darf gefragt werden: beweist jene Behauptung ihre Nützlichkeit durch den heilsamen Einfluss, welchen sie auf den Fortgang der Sünde gehabt hat? Haben ihre Verteidiger, durchdrungen von der unwiderstehlichen Kraft des Beispiels, eine weniger sündige Nachkommenschaft geliefert? Sind sie versichert, durch eine Belagerung mit guten Beispielen und möglichste Beseitigung böser Beispiele, einen merklichen Unterschied in dem inwendigen sittlichen Zustand der ihrer Erziehung anvertrauten Kinder vor allen anderen Kindern darzustellen, deren Eltern die Erbsünde erkannt und aus diesem Grunde für ihre Kinder das böse Beispiel gescheut haben? Gewiss nicht!
So lasst uns denn an dem Bibelworte festhalten und demütig seine Wahrheit bekennen! Nicht um für uns selbst in der Sünde zu schlafen, nicht um von der Erziehung unserer Kinder abzusehen, sondern um in dem Bewusstsein, was wir und sie von Natur sind, zu wachen und zu beten, ja ohne Aufhören zu wachen und zu beten; nicht vertrauend auf irgendwelche Gesundheit der Kraft oder des Willens, die von Natur in uns oder in ihnen sein sollte, sondern auf die ewig frische, lebendige, lebenswirkende, lebenserneuernde Kraft des Heiligen Geistes! Dieser ist es allein, welcher das bestehende Übel gänzlich bekämpfen und überwinden kann. Dieser ists, welcher auf das demütige Gebet zu empfangen ist, worin eigene und allgemeine Verdorbenheit und Ohnmacht bekannt wird. Wenn eine Kraft zu haben ist, die sicher und ewig besteht, und unwiderstehlich wirkt, wo sie wirkt; warum sollten wir unser völliges Vertrauen auf diese Kraft verteilen und untergraben lassen durch das heimliche Rechnen auf eine andere Kraft, die nach den Aussprüchen der Schrift nicht besteht und nach eigenem Erkenntnis, auch wenn sie bestünde, nicht den Einflüssen von außen würde gewachsen sein? Warum das Leben bei dem Tode suchen, während das Leben bei dem Leben zu finden ist? Ja, das Leben, das neue Leben; die Auferstehung des in Sünden und Übertretung toten Menschen; die Wiedergeburt des vom Fleische geborenen Fleisches; die Erneuerung von einem Kinde des Zorns von Natur zu einem Kinde des lebendigen, des liebreichen Gottes, nach seinem Ebenbilde geschaffen!
2. Erbschuld.
Eph. 2, 3.
Von Natur Kinder des Zorns.
Gott schafft nicht die auf einander folgenden Geschlechter der Menschen immer aufs Neue nach seinem Ebenbilde; Gott hat den Menschen, in dem Menschen die Menschheit nach seinem Ebenbilde geschaffen. Gott hat den Menschen und in ihm die Menschheit zum Guten geprüft, damit seine anerschaffene Heiligkeit sich zum Gehorsam entwickeln sollte. Der Mensch und in ihm die Menschheit ist ungehorsam geworden und hat also Gottes gerechten Zorn auf sich geladen. Unter diesem Zorne liegt die Menschheit, kommen natürlich auch ihre neuen Geschlechter empor, lebt jede sich in ihr entwickelnde Person, die nicht oder noch nicht ergriffen hat das von Gott verordnete Mittel, um mit Gott versöhnt zu werden. Er ist ein Kind des Zorns, das nicht oder noch nicht mit Gott versöhnt, und so aufs Neue ein Kind Gottes ist.
Die Einwürfe gegen diese Lehre werden vornehmlich in den Eigenschaften und dem Wesen Gottes gesucht, wie man dieselben sich Zunächst sagt man: Gott kann nicht zürnen! Gott ist die Liebe! Wir lassen die deutlichen und jedem Leser ohne Zweifel vor den Geist tretenden Aussprüche der Schrift, worin von dem Zorne Gottes gemeldet wird. Wir untersuchen jetzt nur, in wie fern die Vorstellung von Gottes Zorn mit einer würdigen Vorstellung von Gottes Wesen für den ehrerbietigen Verstand verträglich sei und in Geschichte, Natur und Erfahrung ihren Ausdruck findet.
Gewiss, wenn die Vorstellung von Gottes Zorn notwendig in sich schließt den Begriff einer in Gott haftenden, wilden, unangenehmen Gemütsbewegung, eine leidenschaftliche Aufwallung oder Ergießung, die den inwendigen Frieden stört, und wie der Zorn von sündigen Menschen, dem Gegenstand, welcher das Ärgernis weckt, meistens nicht entspricht, dann können wir uns in dem vollkommensten, unveränderlichen und völlig seligen Gott durchaus keinen Zorn denken. Aber es wird doch wohl nichts anders als eine Beleidigung Gottes sein, wenn wir die heidnische Lehre annehmen, welche bei dem Verschwinden des christlichen Ernstes auch in die Christenheit wieder eingedrungen ist, nach welcher jede Empfindung von außen her dem göttlichen Wesen fremd sein musste und deshalb der erhabenste und göttlichste Zustand in einer vollkommenen Unempfindlichkeit gesucht wurde; eine Lehre, die ihre schädlichen Folgen reichlich ausgebreitet hat über alle die Beziehungen, worin Menschen Gottes Stelle bekleiden.
In Gott ist Liebe für alles, was durch ihn geschaffen ist und in ihm bleibt, oder mit ihm versöhnt zu ihm zurückkehrt. In Gott ist eine heilige Abkehr von allem, was sich außer und gegenüber ihm stellt; sein heiliges Wesen ist gegen die Sünde und den Sünder als solchen gekehrt, wie seine Liebe zugekehrt ist dem Guten und dem mit ihm Versöhnten.
Gottes Liebe ist eine wirksame, die ihre Kraft über ihre Gegenstände ergießt und sie erfüllt; Gottes heilige Abkehr, Gottes Zorn ein wirksamer, der sich strafend gegen seine Gegenstände richtet. Es kann nicht anders sein, wenn Gott nicht bloß ist, sondern lebt, nicht bloß lebt, sondern sich offenbart und wirkt. Dass Gott in der Tat wirksam lieb hat, sehen wir in der Schöpfung; in der Schöpfung, Stellung, Erziehung des Menschen ganz besonders. Dass Gott in der Tat die Sünde verabscheut, sehen wir in dem Gericht über die erste Sünde ausgesprochen und vollzogen. „Der Sold der Sünde ist der Tod“; der Mensch sündigt; der Mensch stirbt. Die ganze Menschheit, die in der Sünde Eins ist, ist ebenso Eins im Tode. Der Tod ist, wie die Sünde, zu allen Menschen hindurchgedrungen. Ist der Tod mit seiner ganzen Spitze und der Vorhut von Krankheiten und Qualen ein Beweis, dass die Menschheit unter einer nachgiebigen Liebe oder dass sie unter dem heiligen Zorne Gottes steht? Ach, wenn man sagen könnte, dass wir schon unter lauter Beweisen seiner Liebe lebten, so würde Niemand dem Propheten Moses bestreiten, dass unser Sterben als solches eine Offenbarung seines Zornes ist. Aber unser ganzes Leben ist Vorbereitung zum Sterben; und das Elend ist nicht auf Krankheit und Tod beschränkt.
Genügt nicht die Geschichte deines eigenen Lebens, o Mensch, muss die Geschichte der ganzen Menschheit vor deinen Augen entfaltet werden, um dich zu überzeugen, dass es wahr ist, was der Apostel Paulus sagt: „dass der Zorn Gottes offenbart wird vom Himmel über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen?1)“ Wenn Gott nur Liebe hat für unser ganzes Geschlecht und nichts als Liebe offenbaren kann, woher denn alle die Gerichte, alle die Wehklagen, seit Adam die Hände rang an der Leiche Abels bis auf diesen Tag? Wenn Gott nicht zürnen kann, kann er denn auch nicht hemmen die Ströme von Blut und von Tränen, die über die Erde fließen, den Jammer der Elenden bei dem Wüten der Sünde? Wenn Gott nicht zürnen kann, warum lässt er zu, dass die Sünde die Sünde, der Sünder den Sünder straft? Warum, dass die Gewässer gewaltig werden und gewaltiger, dass die Berge Feuer speien, dass jedes Klima, jeder Boden seine Gefahren und seine Gifte für seine Bewohner hat? Warum, dass die Erde Dornen und Disteln trägt und kein Geschöpf auf ihrer Oberfläche mühsamer seine Notdurft sammelt als der sündige Mensch? Warum streicht er aus dem Antlitz der Natur, worin, wie wir uns nicht verhehlen können, wir einen
Ausdruck seines Verhaltens in Bezug auf uns gewahren, die Falten nicht weg, die so unheilverkündend drohen? Warum grinsen uns in manchen ihrer Gegenstände die Symbole unserer Sünde, unserer Krankheit, unserer Bosheit an? Warum flößt selbst ihr lieblichstes Lächeln uns in unsern besten Augenblicken mehr Ernst, als Frohsinn, mehr Wehmut als Frieden ins Herz? Warum bleibt ihre Hand wider uns gewaffnet? Warum bespottet und beklagt uns wechselweise das Geschöpf? Warum seufzt es mit uns? Warum haben wir nötig, dadurch getröstet zu werden? Wenn Gott nicht zürnt, noch zürnen kann, warum zürnt seine Stimme in unserm Herzen? Warum bedroht, warum beklemmt, warum straft uns das Gewissen? Warum ist der natürliche Mensch, der es nicht durch Hochmut verlernt hat, immer noch bange vor Naturerscheinungen, bange vor dem Schrecken der Nacht, bange vor seinem eigenen Schatten? Warum sucht der natürliche Mensch unter jedem Himmelsstriche nach Mitteln, Gott zu versöhnen? Warum vergießt er Blut, sogar sein eigenes Blut und seiner Kinder Blut, um sich seine Gunst zu erwerben? Wenn Gott nicht zürnt, noch zürnen kann, warum hat er den unschuldigen Jesus Christus als ein Opfer für die Schuldigen ans Kreuz schlagen lassen? Warum ist die Nation, die ihn verworfen hat, unglücklicher mitten unter allen Völkern, als irgendein Volk der Erde?
Gott kann also zürnen, denn er tut es in der Tat. Oder wenn er es nicht tut, so zürnen trotzdem die Sünden selbst, die Natur, die Elemente, ein grausames Schicksal; und er, der nicht zürnen kann über die Sünde, kann nicht genug lieb haben, um das Elend aufzuhalten. Lästerliche Vorstellung! Nein, er hat zu sehr lieb, um bloß das Elend aufzuhalten; er hat lieb genug, um es bestehen zu lassen, um es zu regeln, um es zu leiten nach seinen Zwecken, und den Stachel daraus zu nehmen, bis dass es gänzlich aufgehoben werden kann. Er hat nicht bloß lieb genug, um lieb zu haben, er hat auch lieb genug, um zu zürnen, um den Fluch auszusprechen und zu offenbaren über einzelne hervorragende Ungerechtigkeiten nicht nur, sondern über das Wesen der Sünde und alles was um und an ihr ist; damit sein Weltall nicht Eine Hölle werde von Verwirrung und Unheil, damit seine Menschheit sich bekehre und lebe und ein Paradies suche nicht von unbegrenzter Sündenlust, sondern von Heiligkeit und Friede!
Aber wenn Gott zürnen kann über Tatsünde, wie kann er es gegen angeborene Sünde, die nach allen Aussprüchen unseres Rechtsgefühls ihrem Träger nicht zugerechnet werden kann? - Wie kann er es lassen? Sein ganzes Wesen ist Zeugnis gegen alle Sünde und gegen jede Offenbarung derselben; seine Heiligkeit strahlt drohend und bestrafend gegen ihr Wesen aus. Wenn ihr die Geburt in Sünde, wenn ihr die Erbsünde der kleinen Kinder möchtet leugnen wollen: alles schmerzliche Kinderschreien der Welt erhebt sich, um ihren Anteil an der Schuld der Menschheit auszurufen; alle Kindertränen, Kinderkrankheiten, Kindergräber bringen euch zum Schweigen. Der Tod ist nichts als der Sünde Sold und der dritte Teil der Menschheit stirbt im zarteren Lebensalter. Keinen Augenblick kommt mir der Gedanke in den Sinn, dass der liebreiche Gott den kleinen Kindern, die starben, ehe sie noch das Bewusstsein und die Tat der Sünde kannten, die angeborene Natur zur Verdammnis anrechnen würde; die Gemeinde hat das nimmer bekannt; aber das bekennt sie beim Taufbecken, dass sie nicht anders selig werden, als durch Zurechnung des Opfers Christi und seiner Verdienste. Ebenso wenig wird gelehrt oder behauptet, dass Gott die angeborene sündige Natur als solche Jemandem, wer er auch sei, zur Verdammnis anrechnen würde; aber hat er darum kein Recht, dieselbe zu verurteilen, dagegen zu zürnen und zu fordern, dass, wenn sie sich auch zur bewussten, gewollten und tatsächlichen Sünde entwickelt hat, seine gnädige Vergebung und die Aufhebung seines Zornes gewollt und gesucht werden auf dem Wege, welchen er bestimmt hat und immer eröffnet hat für einen Jeden, der unter der Macht und der Befleckung der Sünde seufzt und vor der Strafe der Sünde zittert? Ists etwas anders als Gerechtigkeit in dem gerechten Gott, dass er, der nicht die Ursache der Sünde ist, der Sünde widerstreitet mit aller seiner göttlichen Kraft und es sich vorbehält, den Sünder zu erretten? Er ist keine Ursache von dem Fall und dem Verderben der Menschheit; aber wenn er Ursache sein will ihrer Rettung und Wiederherstellung; wenn sie nicht wegzufallen und zu versinken braucht, indem sie die Hand ergreift (und welch eine Hand!), die ihr zugereicht wird, kann denn etwas mehr von seiner Liebe und Gnade begehrt werden? Ist das Opfer seines Sohnes nicht genug? Müsste er auch noch das Opfer seiner Heiligkeit bringen?
Aber du murrst gegen dein Bestehen und hältst es für unrecht in Gott, dass er dich mit einer sündigen Anlage und mit der schweren Last einer Schuld hat geboren werden lassen, auf einer Erde, die unter dem Fluche liegt; um nicht erlöst zu werden von dieser Schuld, als durch Verdammen dieser deiner angeborenen Natur und nicht errettet werden zu können, als durch eine Erneuerung, die von ihm kommen muss und durch eine Wahl, die er dir stellt. Unglücklicher, mit demselben Rechte rufe der Blindgeborne Gott zur Verantwortung, dass er nicht mit dem Gesicht, der leiblich Schwache, dass er nicht mit mehr Leibeskraft, der Krüppel, dass er nicht mit dem Gebrauch seiner Füße begabt ist; mit demselben Rechte klage der arbeitsame Pflugochse, zur Mitarbeit mit euch verdammt, den Himmel an, dass er kein wilder Waldesel ist; beklage sich die Raupe, dass sie nicht anders als durch Gestaltwechsel zum Schmetterling gen Himmel steigen kann. Bevor ihr geboren wart, hattet ihr kein Recht und nun ihr es seid, mögt ihr euch Tod oder Leben wählen zu eurem Glück, das kein Unglück ist. Sagt nicht, dass ihr lieber nicht wärt; ein ernster Wink des Todes würde euch Lügen strafen! Sagt nicht, dass ihr lieber keine Sünder wärt; euer ganzes Sein bezeugt das Gegenteil. Sagt nicht, dass Gott euch kein Bewusstsein des Guten gelassen hat, dass er euch nicht gegeben hat, es zu kennen und zu erkennen, sondern sagt, dass euer Herz sich dagegen sträubt, es zu wählen auf Kosten des Bösen! Sagt nicht, dass Gott euch Erlösung durch seinen Sohn und Wiedergeburt durch den heiligen Geist weigert, sondern sagt, dass ihr bis hierher Gott das Opfer eurer Begierden, die Verleugnung des Willens eures Fleisches und eurer Gedanken geweigert habt! Sagt nicht, dass die Vorstellung von einer von Natur, einer schon durch eure Beziehung zu der Menschheit auf euch ruhenden Schuld, euch den Mut benimmt, um eure Erlösung und Seligkeit am Kreuze zu suchen…
Getaufte in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! sagt es nicht. Bekennt vielmehr, dass ihr das Bewusstsein dieser Schuld wohl bedürft, um ein so kräftiges Gefühl eures Elends zu bekommen, dass es euch hintreibe zu ihm, der da ruft: „kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe geben!“
Mensch, wer du auch bist, in der Menschheit geboren, mit der Menschheit gefallen, mit der Menschheit unter Gottes billigen Zorn gestellt, sondere dich nicht ab von der Menschheit, wünsche dich nicht außer ihr; weil sie gesündigt hat, weil sie schuldig ist vor Gott, weil sie leidet von Gott. Es ist unedelmütig, es ist undankbar, es ist unbrüderlich, ja, die Lieblosigkeit selbst. Fühle dich mit ihr aus Einem Blute, eins in Sünde, eins in Schuld, eins in Los. Sie ist, was du bist; sie tat, was du getan hast. Reiche die Hand deinen Vätern, deinen Müttern; achte dich selbst nicht mehr oder besser als deine Brüder, als deine Nächsten zur Rechten und zur Linken. Möchtest du wollen, dass deine Kinder dich verstießen, dich verleugneten, um der Sünde und Schuld willen, die auch dir anklebt? Beschuldige kein Vorgeschlecht, beschuldige keinen heiligen Gott, der dich aus diesem Vorgeschlecht ins Dasein rief. Wiederhole nicht auf deine Weise die üble Nachrede des Mannes, der sich mit Feigenblättern deckt: das Weib, das du mir gegeben hast, gab mir von dem Baume, und ich aß! Ach, alle haben sie die Last ihrer Sünde getragen. Dein Vater, von dem du in Sünde gezeugt bist, hat dich im Schweiße seines Angesichts mit Tränenbrot genährt; deine Mutter, die dich in Ungerechtigkeit hat empfangen, hat dich mit Schmerzen geboren. Und nicht anders, denn alle Vor- und alle Nachgeschlechter, lebst du außer dem Paradiese, auf einer Erde, die einer sündigen Menschheit ihre Dornen und Disteln bringt. Trage sie mit der Menschheit. Leide mit ihr und bekenne demütig und mit einem ihr verwachsenen, und ihr Los und Leiden teilenden Herzen: Auch ich bin ein Kind des Zorns, gleichwie die anderen! Schreibe das Elend deines Lebens keinem Zufall, keinem Schicksal, keiner Naturkraft, keinem Nebenmenschen zu, sondern der Sünde, der Sünde der Menschheit, deiner Sünde; und erkenne in diesem Elend den gerechten Zorn Gottes, der vom Himmel offenbart wird. Beuge das Haupt vor dem Heiligen; strecke die Hände flehend aus nach dem Gnädigen. Siehe auf! da ist ein Mittler für deine Sünden, ein Erlöser von ihrer Strafe, ein Sieger über ihre Kraft, ein Vertilger ihrer Schuld: der Mensch Jesus Christus, heiliger Mensch für die Menschheit, Mensch für dich! Du kannst errettet werden in ihm, wenn du dich für einen sündigen Menschen in der sündigen Menschheit erkennst!
Siehe, rings um dich und hinter dir kniet eine Gemeinde, die ihn als ihren Mittler begehrt und erkoren hat und ihn anbetet; die, durch ihn von Sünde und Strafe gereinigt, Gott zum Preise sagt: wir waren Kinder des Zorns; wir sind es nicht mehr. Gott hat uns in seinem Sohne als seine Kinder angenommen.“ Für uns ging eine Stimme des Trostes durch die Jahrhunderte hin und sie fand Wiederhall in unsern Herzen! Für uns tragen die Dornen des Lebens Rosen stillen Genusses, Lilien reiner Freude. Für uns hat das Antlitz der Schöpfung ein sanftes, zutrauliches Lächeln; ihre Hand mannigfaltigen Balsam, ihr wogendes Kleid Bilder und Sprüche von Erlösung und Erneuerung und Seligkeit. In unserm Herzen ist das Paradies wiederhergestellt; unserm Glauben ist es zurückgegeben; unser Auge sieht ihm und dem geöffneten Himmel entgegen. Was zögerst du, an diesen Seligkeiten Teil zu nehmen? Sie sind für Menschen, sie sind für Sünder zu haben. Bist du nicht ein Mensch aus den Menschen, ein Sünder aus den Sündern? Ergreife die Hand dessen, der unser Aller einziger Netter ist. Er streckt die seinige zur Rettung nach dir aus. Und wir strecken unsere Arme aus, um dich ihm entgegen zu führen.
Ja, es sind Arme von Vätern, von Müttern, von Brüdern, von Schwestern, die dich zu dem Herrn tragen wollen. Willst du mit uns selig werden oder mit den Andern verloren gehen? Was wählst du? Bruder in Adam! Ich bitte dich, als ob Gott durch mich bäte: „tue eine Wahl, die dich nicht gereut und sei unser Bruder in Christo.“