Beets, Nicolaas - Das Bild Gottes.
Gen. 1, 27.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde. Keine Wahrheit erhebt das Herz mehr. Doch wie beschämend wird sie, wenn wir um uns her, wenn wir auf uns selbst blicken. Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; dieses Wort wirst ein Licht auf Vieles, was mitten in dieser sündigen Welt ohne dieses Wort unerklärbar bleiben müsste. In seinem tiefsten Elende kann es den Sünder ermutigen. Dem Christen ist es ein Sporn zur Heiligung und Vollkommenheit.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde. Ja, dieses Wort soll immer mein Herz von einem schöneren Gefühl schlagen lassen; es soll mich immer erheben, was du auch sagst, mich zu erniedrigen. Sag mir, dass ich nur ein Punkt bin auf dieser Erde; auf dieser Erde, „die nur ein Punkt ist in dem ausgedehnten Kreise, den sie beschreibt; und dass dieser ausgedehnte Kreis wieder nur ein nichtiger Punkt ist im Vergleich mit dem Kreise, worin die übrigen Himmelslichter wimmeln; während diese ganze sichtbare Welt nicht mehr als ein unmerkliches Fleckchen in dem geräumigen Schoße der Natur ist;“ lehre mich erwägen „was ich bin nach dem Maßstabe dessen, was überhaupt ist, und mich selbst als verloren betrachten in diesem Winkel der Schöpfung, diesem kleinen sichtbaren Weltall“; umso höher schlägt mein Herz, wenn ich bedenke: dieser Punkt ward gewürdigt, das Bild Gottes zu tragen; was die Erde nicht ist, was die Himmel nicht sind, was von keinem andern Geschöpf gesagt wird, das ist von mir gesagt: ihr seid göttlichen Geschlechts. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Er bedeckte sich mit dem Lichte wie mit einem Kleide; er breitete den Himmel aus wie ein Gewand; er spannte die Erde aus auf dem Wasser; er machte die Sonne zur Herrschaft am Tage, Mond und Sterne zur Herrschaft in der Nacht; er erfüllte die Luft mit Vögeln von allerlei Flügeln, die Gewässer mit einem Gewimmel lebendiger Seelen, schuf alle Tiere der Erde. Von allen diesen heißt es: die Erde, das Gewässer bringe hervor! es sei - es werde! Aber als der Schöpfer von Allem den Menschen schaffen sollte, war es mehr als ein Machtwort, das durch alle Himmel gehört wurde; er stand still; er machte eine Pause; danach hieß es: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.
Es folgte: dass sie herrschen über die Fische im Meer, und über die Vögel unter dem Himmel, und über das Vieh, und über die ganze Erde, und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Groß ist die Vorstellung dieser Herrschaft, worin sich die Macht des Allmächtigen spiegelt; groß der Gedanke an die Herrlichkeit des Bildes in Weisheit, Heiligkeit, Unsterblichkeit, Glück; aber das Größte von allem ist und bleibt, auch abgesehen von den Vorrechten, die sie in sich schließt, der Gedanke dieser Gottestat selbst: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde. Jene Herrschaft kann verloren gehen; jene Vorrechte können genommen, verwirkt, streitig gemacht werden; die Herrlichkeit des Bildes kann verbleichen, das Bild selbst verwüstet werden. Die Geschichte des Geschlechtes, das Gottes Geschlecht ist, kann die Geschichte seiner Entartung, seiner völligen Entartung sein; am Eingange dieser Geschichte wird immer das schöne Wort gelesen werden: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde. Was auch ausgewischt wird, diese Tatsache kann Niemand auswischen: sie ist geschehen.
Doch weil auch all das Andere geschehen ist und von Niemand verkannt werden kann; weil unsre größte Größe in der Erinnerung an eine verlorene Größe besteht; weil der Fall umso tiefer ist, je höher der Standpunkt war, wovon man hinuntergefallen ist, so muss sich auch ein großer Schmerz, eine tiefe Beschämung des Gemüts bemeistern, die bezeichnet werden durch das Wort: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. Ja, es lacht mir in meinem Elende als eine Tröstung zu; aber der Trost will nicht zur Freude werden; ja, es erhebt mein Herz trotz all meiner Nichtigkeit; aber wenn mein Herz sich darauf sollte erheben wollen, kehrt es sich wider mich und beugt mein Angesicht in den Staub.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. So lese ich mit goldenen, mit leuchtenden Lettern auf der ersten Blattseite unserer Geschichte; ich kehre die Blattseite um und lese: von einem Menschen, der sich vor seinem Gott versteckt, mit einer Missetat auf dem Gewissen, mit Todesangst im Herzen, alsbald vor sein Angesicht tretend mit einer Lüge auf den Lippen. Ich lese von einer Stimme des Bluts, „die zu Gott schreit von dem Erdboden;“ ich höre die Töne eines Liedes, das Grausamkeit und Wollust zusammendichtete; ich sehe eine Erde, mit Frevel bedeckt, versinken unter den gerechten Gerichten dessen, der sie geschaffen hat; bald darauf wieder einen Sohn, über dessen Haupt diese Gerichte gegangen sind, aber den eines Vaters Glaube beschirmt hat und der diesen Vater in seiner Schwachheit verspottet…
Hier stehe ich still. Es ist genug. Was ist aus jenen Menschen geworden, die Gott schuf ihm zum Bilde? was aus jener Weisheit, Heiligkeit, Unsterblichkeit, was aus jenem Glück? Ach, vergebens das Buch der Geschichte geschlossen, und den Jahrhunderten, die vorübergingen, Schweigen auferlegt! Die Gegenwart spricht: Sieh um Dich her, Mensch aus göttlichem Geschlecht! Welchen Zweck hat jenes große Gebäude, das sich vor Deinen Augen erhebt, dessen innere Einrichtung beständig verbessert wird, dessen äußere Einrichtung beständiger Ausbreitung bedarf? Da sind die Geisteskranken alle beisammen; da raset das rasend gewordene Gottesbild. Daneben steht die Wohnung der Missetäter; da sind sie wie reißende Tiere eingeschlossen und abgesondert. Betrachte auch die Wohnungen, welche den Irrenhäusern und Gefängnissen jährlich ihre Anzahl Schlachtopfer ausliefern; da ist die Wollust und der Trunk zu Hause; da sinkt das Bild Gottes unter die Tiere hinab. Hier steht das Zeughaus, das mitten im Frieden nicht leer an Waffen gefunden werden darf; und dort das Krankenhaus, wo tausend alte und tausend neue Qualen das Bild Gottes in die Hand des Todes überliefern. Endlich… da ist der Kirchhof, wo der Staub zum Staube zurückkehrt und der Wurm herrscht über den, welchem, zum Bilde Gottes geschaffen, die Herrschaft gegeben war über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht! Ach, es ist nicht unsre Kleinheit gegenüber der großen Erde, den großen Himmeln, dem großen Weltall; es ist nicht der Gedanke unserer Geringfügigkeit gegenüber dem, der uns erschaffen hat, was uns erniedrigen kann; sondern eine Erde, die noch immer mit Frevel bedeckt ist; sondern die Werke des Fleisches, die überall offenbar sind; sondern das Treiben von allerlei Torheit, von allerlei Hochmut, von allerlei Bosheit; sondern das Geschrei von Feindschaft und tödlichem Hass und Gotteslästerung, mitten durch das Klagen, Weinen und Jammern wegen allerlei Elendes, das die Sünde über die Erde gebracht hat; das Händeringen und das Wehgeschrei einer leidenden und sterbenden Menschheit… siehe, das ist unsre Erniedrigung, das lässt uns eine tiefe Schamröte ins Angesicht steigen und lässt auf unsern Lippen das Wort ersterben: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.
Und diesen Beschämungen kann man nicht entfliehen. Sie sind nicht bloß da, wo die Menschheit ist; sie sind da, wo ich bin, wo ein Herz sich selbst seiner Torheit, seiner Verderbnis, seiner Übertretungen bewusst ist, wo ein Herz weiß, durch welche Eitelkeiten es betört, von welchen Begierden es erfüllt werden kann, welchen Versuchungen es bloßgestellt ist; ein Herz, das die Schuld, die Schande und die Gewissensbisse seiner unzählbaren Sünden mit sich herumträgt. „Von Jenen, aus dem Herzen des Menschen kommen böse Gedanken.“ Die Welt von Ungerechtigkeit ist nicht bloß ringsum mich; sie ist in mir; in mir, der ich auch göttlichen Geschlechts bin.
So wird diese herzerhebende Wahrheit uns zu einem bitteren und beschämenden Vorwurf und wir täten besser, derselben nicht zu gedenken. Aber können wir sie vergessen? Steht sie nur im Buche der Offenbarung Gottes aufgezeichnet oder ist sie auch in unsere Herzen eingeprägt? Und wenn sie uns den Maßstab unsers tiefen Falls in die Hände gibt, reicht sie uns nicht zugleich den Schlüssel des vielfältigen Rätsels, das wir uns selber sind?
Fürwahr, um den Menschen zu verstehen, dieses fremdartige Wesen, dieses Chaos von Verwirrung und Widersprüchen, zugleich die Ehre und der Schandfleck der Schöpfung; den Menschen, den, wenn er sich erhebt, wir alles Recht haben zu erniedrigen, und wenn er sich erniedrigt, alles Recht zu erhöhen, und dem wir mit dem großen Kenner all seines Elends und all seiner Größe so lange widersprechen sollen, bis dass er bekannt haben wird, er sei ein unbegreifliches Ungeheuer; um den Menschen zu verstehen, dazu genügt die Geschichte seines Falles nicht; auch die Geschichte seines Ursprunges, auch das Geheimnis seiner Anlage müssen wir wissen. Nicht bloß, was er ist, sondern was er gewesen ist, was er verloren hat, was er vermisst, was ihn seinen Verlust fühlen lässt, muss in Betracht kommen. „Was in dem Menschen die größte Bestürzung erweckt, das ist die leere Stelle für einen Überfluss von großen Dingen; das ist das beständige Ausschlagen der Flügel zu dem erhabensten Fluge, der immer auf einen Fall hinausläuft; das sind die unendlichen Wünsche, die nie aussterben; das ist das Suchen des wahrhaften Gutes, wo es nicht zu finden ist; das ist das Gepräge eines missratenen, eines verwirrten, eines verlorenen Wesens; das beständige Missverhältnis zwischen Mitteln und Zweck. Und auf alles dieses fällt kein Licht, als das Licht des Wortes: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn.
Das Wesen des Menschen war das Bild Gottes. Er trägt dieses Bild nicht mehr zur Schau; aber er hat nie aufgehört, ursprünglich nach diesem Bilde geschaffen zu sein; auch in seiner äußersten Verwüstung weist sein Wesen in jeder Beziehung auf diesen seinen Ursprung zurück. Aller sittlichen Auszeichnungen, aller Vorrechte dieses seines Ursprungs hat die Sünde ihn beraubt. Der weise, heilige, unsterbliche und glückliche ist durch die Sünde „verfinstert worden in seinem Verstand“; „ein Feind Gottes“; erfüllt von „fleischlichen Lüsten und Begierden“; dem wahrhaftigen Glücke fremd und sein Leben lang mit „Furcht des Todes der Knechtschaft unterworfen“. Aber was die Sünde ihm nicht rauben konnte, das war jener Ursprung selbst, und seine ewige Nachwirkung in seiner Geschichte und in seiner Seele. Ja, dieser sündige Mensch, er ist „verfinstert an Verstand“; er ist von Natur blind für die höhere Wahrheit, und doch ists ersichtlich, dass er es ist, nur ist durch eine zweite Natur, welche die ursprüngliche gleichsam von ihrer Stelle verdrängt hat. Denn es gibt keine einzelne höhere Wahrheit oder sie schwebt ihm in seinen Träumen nebelhaft vor dem Geiste; keine einzelne höhere Wahrheit oder in seiner Seele ist eine Stelle, die mit ihr in fühlbarer Beziehung steht, als Bedürfnis oder als Befriedigung, auch wenn diese Seele sie abweist, auch wenn sie sich bis zum Tode ihr widersetzen sollte; und, wie neu ihm jede Wahrheit bei ihrer ersten Verkündigung klinge, gar bald ists, als hätte sie in seiner Seele nur eine alte Erinnerung aufgeweckt.
Ja, der sündige Mensch ist ein „Feind Gottes“; er ist es aus Furcht und Hass: aus Furcht vor Gottes gerechter Strafe, aus Hass wider sein heiliges Gesetz; er ist es aus Hochmut und Feigheit: aus dem Hochmut, der sich wider Gott erhebt um eigene Herrlichkeit zu suchen; aus der Feigheit, womit er sich selbst aufs tiefste zu den Füßen des Bösen erniedrigt; und dennoch liegt auf dem Grunde seiner Seele das Wort Augustins: „unser Herz ist unruhig in uns und kann nicht ruhen als in Dir, o Gott!“ Es ist etwas da, was zu Gott zieht, etwas, das von Gott nicht los kommen kann; eine Stimme des Gewissens nicht bloß, sondern eine Stimme, viel inniger und dringender als jene, lässt Gottes Namen mit dem Namen des Glücks gleich.
Dem Glücke ist die Seele des Menschen fremd; fremd wegen der Beschaffenheit seines Herzens, dieses Ackers voll Dornen und Disteln; fremd durch Leidenschaften und Begierden, die ihm keine Ruhe lassen; fremd durch die Weise und die Wege, worauf er das Glück sucht und worauf er sich immer weiter und weiter davon entfernt, weil er sich immer weiter von Gott entfremdet; aber vor allem darum fremd, weil er, das wahrhaftige Glück verkennend, doch ein zu tiefes Gefühl von seinen Bedürfnissen hat, um in dem Scheinglück, das er erreicht, glücklich zu sein. Tief in seiner Seele sind Bedürfnisse, sind Wünsche, sind Erinnerungen oder Ahnungen? er weiß es nicht, die von dem Frieden der Liebe, von dem Glücke der Heiligkeit sprechen; es gibt Augenblicke, wo es ihm scheint, als sei er für dieses Glück geschaffen, als werde er es einmal erreichen. Frage nicht, was solche Augenblicke in ihm zuwege bringen; Frevel vielleicht, oder Wahnsinn.
Entsetzlich, ja entsetzlich wahr ist jenes Wort des Apostels, worin er den sündigen Menschen darstellt als „sein Leben lang mit Furcht des Todes der Knechtschaft unterworfen „. Die Furcht des Todes kann uns aus heiligen Ursachen an einem sündigen Geschöpfe nicht verwundern; aber diese Furcht ist mit einem natürlichen Abscheu gepaart, der so groß und so unüberwindlich ist - sechzig Jahrhunderte haben ihn bei einer immer sterbenden Menschheit nicht überwinden können - dass dieser natürliche Abscheu eine Natur verrät, die nicht zum Tode, die zum Leben bestimmt war, und die den Tod nie anders betrachten kann denn als etwas, was ihrem Wesen fremd und feindlich ist. Und wenn der sündige Mensch ein Knecht der Sünde ist, so kann man sagen, er ist es durch das missverstandene und missgeleitete Streben nach Freiheit einer Seele, deren Freiheit auch ein Zug des Bildes war, zu dem sie von ihrem Gott geschaffen war.
Sagen wir also, dass in dem sündigen Menschen etwas von dem herrlichen Bilde Gottes übrig geblieben ist? Wir behaupten nur dieses: dass in ihm Erscheinungen, Erniedrigungen, Widersprüche sind, dass es in ihm ein Vermissen, ein Darben, eine Pein und mancherlei solche Züge gibt, deren Auflösung in der Tatsache liegt: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. Das Elend des gefallenen Menschen trägt den Stempel des Elends eines großen und mächtigen Herrn; sein sündiger Zustand ist immer der Zustand des verlorenen Sohnes. Das macht das Elend umso größer, die Sünde umso schändlicher; aber es ist so.
So wird denn das Nachdenken wichtiger über eine Wahrheit, die nicht vergessen werden kann; und war ihr erster Eindruck herzerhebend, der zweite beschämend, so weckt sie endlich in dem Herzen einen Schimmer von Hoffnung, so beginnt sie, ermutigend zu werden.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. So ist denn der Instinkt, welcher mich, trotz allen Bewusstseins meiner Nichtigkeit, meiner Verdorbenheit, meiner Schande, innerlich aufrichtet, keine Selbsttäuschung, kein Trugbild meines Hochmuts allein, sondern die Nachwirkung eines göttlichen Vorrechts, das verloren ist und noch das meinige sein müsste und sein möchte.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. So ist das denn dieser unbeschreibliche, unheilbare Schmerz meines Wesens und Lebens; das die blutende Wunde meines Herzens; das der Wurm, der an meinem höchsten Glücke nagt; das der Nebel, der über Allem hängt: dass ich nicht bin, der ich sein müsste, der ich sein könnte, der ich in meinem ersten Stammvater gewesen bin. Und nur um einer ewigen Reue, um eines ewigen Vorwurfs willen muss ich diesen Schmerz noch fühlen, haben ihn sechzig Jahrhunderte bei der Menschheit, hat ihn eine ganze Lebenszeit in meinem Busen nicht zu betäuben vermocht? Gewiss, mein Elend ist umso größer, je höher der Standpunkt. war, von dem ich niedergestürzt bin; aber Gefühl von diesem großen Elend zu haben, ist das nicht ein Vorrecht, das mit andern Vorrechten in Verbindung stehen muss? Eine Vergangenheit wie die meinige, eine Gegenwart wie die meinige, sprechen sie nicht von einer wichtigen Zukunft?
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. Diese unausfüllbare Leere meines Herzens, dieser Hunger meiner Seele nach großen Dingen, den sie nicht auszusprechen weiß, dieser Durst nach Glück, den ich bald hiermit, bald damit zu stillen suche, doch nur um aufs Neue zu dürsten, dieses unbestimmte Verlangen, dieses plötzlich auftauchende Schmachten meines Herzens, die goldenen Träume meiner Jugend, und was ich in meinen späteren Nachtgesichten von Liebe, Friede, Reinheit, Glück, in zerstreuten Zügen, in unberechenbaren Entfernungen gesehen habe: erklärt sich das alles aus dem Geheimnis meiner Abkunft, meiner Anlage, um beim Anschauen desselben sich aufzulösen in einen Seufzer, eine Klage, einen Gewissensbiss, ein hoffnungsloses Verstummen? Oder darf das Herz sich für einen Lichtstrahl der schönsten Hoffnung aufschließen? An die verlorene Gesundheit denken heißt auch an Genesung denken. „Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben und ich verderbe im Hunger!“ - es lag Hoffnung in dieser herzbrechenden Klage des verlorenen Sohnes.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. Er schuf ihn, und schuf ihn also, aus großer Liebe! Der Mensch hat diese seine Liebe verkannt, hat Gottes Ehre geschändet! Er hat gesagt: „gib mir das Teil der Güter, das mir gehört!“ und ist in ein fernes Land gezogen. Gott hat ihn seine eigenen Wege wandeln lassen. Aber verlor er ihn auch aus dem Auge? verlor er ihn auch aus dem Herzen? hat alle Beziehung zwischen Gott und dem, der seines Geschlechts ist, aufgehört? Warum gibts denn noch in seinem Herzen eine Stimme, die von Gott, die für Gott spricht, warum fühlt sich der verlorene Sohn nicht glücklich im fernen Lande? warum vergeht er im Hunger? warum kommt der Gedanke an die Fülle seines väterlichen Hauses in ihm auf? Oder spricht die Liebe Gottes in allen diesen Stimmen? Und wenn sie darin spricht, spricht sie bloß von dem verlorenen Schatz oder auch von ihrer eigenen unendlichen Fülle? Und wenn sie spricht, warum spricht sie? Um die Betrübnis zu vergrößern oder um den Gedanken der Hoffnung aufzuwecken?
Gott schuf den Menschen zu seiner Herrlichkeit, er schuf ihn für sich. Aber der Gefallene, wenn er nicht mehr für Gott ist noch je sein kann, wie kommt es, dass er dennoch nicht glücklich sein kann als in Gott?
Siehe da geht ein Schimmer von Hoffnung auf vor der finsteren hin und her geschleuderten Seele des Menschen, wenn er bei sich selbst einkehrt mit dem Worte: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. Aber wenn nun in dem Evangelium von Christo das volle Licht des Trostes vor ihm aufgegangen ist; wenn die Hoffnung zum Glauben, zur innigen und freudigen Überzeugung der Seele geworden ist; wenn der Glaube eines Christen der feste Grund des von dem Sünder Gehofften geworden ist: von welcher neuen Bedeutung wird ihm dann dieses Wort, welches ihm von nun an nicht bloß eine ursprüngliche Anlage, eine verlorene Herrlichkeit vorhält. Er fühlt es, der Zweck der Erlösung ist die Wiederherstellung des Menschen, der zum Bilde Gottes geschaffen war; der Beruf des Erlösten, dieses Bild auf Erden zu tragen.
Der Zweck der Erlösung ist die Wiederherstellung des Menschen, der zum Bilde Gottes geschaffen war. Nichts geringeres als dieses! Was das sagt, lehrt ihn das Elend einer sündigen Menschheit und sein eigenes. Was das sagt, fühlt er in den Bewegungen, den Kräften, in der Seligkeit des neuen Lebens, das in ihn ausgegossen ist. Noch ist dieses neue Leben in beständigem Kampfe mit dem alten Tode; aber er fühlt: es hat die Oberhand, es dringt durch, es wird völlig obsiegen. Christ werden, das heißt aufs Neue und vorerst Mensch werden; Christ sein, das heißt wissen, was es heißt, Mensch sein; heißt zu dem Begriff, zu dem Zweck, zu dem Genuss, zu dem eigentlichen Wesen des Menschen gelangen. Es heißt wieder eingesetzt werden in seinen Rang, in seine Vorrechte zum Bilde Gottes. Es ist die Auflösung aller Dissonanzen, der einen nach der andern; es ist die vollkommene Wiederherstellung der Harmonie im Innersten. Das Paradies tut sich wieder auf für das Herz; das Herz öffnet sich wieder für das Paradies. Es ist ein Gott da für das Herz und es ist ein Herz da für Gott. Es ist ein Auge da für das wahrhaftige Glück; es ist eine völlige Befriedigung da für jedes Seelenverlangen. Alles Zerbrochene heilt wieder, alles Verlorene wird wieder gefunden, alles Tote lebt wieder auf; alles Höckerige wird geebnet; das Gleichgewicht wird wieder hergestellt; Gott ist der Ruhepunkt; an seinem Herzen ruht der Mensch, von seinem Liebesodem wie aufs Neue beseelt und wartet auf die vollkommene Entwicklung seiner Erneuerung zum Bilde seines Schöpfers.
Diese vollkommene Entwicklung ist das Ziel seiner Erlösung; aber sie ist auch der Beruf seines Lebens. Der Beruf des Menschen vor dem Falle war: im Bilde Gottes zu bleiben; der Beruf des vom Falle wieder aufgerichteten: das Bild Gottes in Besitz zu nehmen, zum Ausdruck zu bringen, den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gott geschaffen ist“; durch Wahl des Herzens und Anspannung sittlicher Kraft zu sein und mehr und mehr zu werden, was er durch die Gnade Gottes und die Wirkung seines Geistes ist und sein kann.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn. Welch ein herrliches Wort für den, dessen Herz bei diesem Wort von einer ungetrübten Freude schlägt! für den, welcher in dieser Tat nicht eine alte und verlorene, sondern eine neue und bleibende Wohltat der Liebe Gottes erkennt; welcher zu ihrem ganzen Verständnis durch die Erfahrung seines Herzens durchgedrungen ist! Aber auch welch ein Stachel zur Vollkommenheit in Liebe und Heiligung! Gott ist ja Heiligung, Gott ist Liebe, der Gott, zu dessen Bilde er geschaffen ist, dessen Bild mitten in einem sündigen Geschlecht zu tragen er gewürdigt und berufen ist. Welch eine Warnung mitten unter den Versuchungen des Bösen und der Welt und bei dem Bewusstsein eines noch nicht ganz gereinigten, eines noch immer arglistigen Herzens.
Unsere Betrachtungen gehen zu Ende. Werden sie Nutzen haben? Sie können es, wenn sie denen, welche den Menschen verachten und verkennen, seine wesentliche Wichtigkeit vorhalten; den Hochmütigen demütigen; den Mutlosen hoffen lassen; das Auge des Hoffenden dahin richten, von dannen das Licht kommt; den mit dem Lichte Getrösteten in dem erfreuenden Lichte zugleich ein läuterndes Licht Trotz seiner Nichtigkeit gegenüber dem großen Weltall, trotz der gegenwärtigen Begrenztheit seines Vermögens, ist und bleibt der Mensch in der sittlichen Welt ein Wesen von großer Bedeutung. Gott hat ihm die größte Wichtigkeit beigelegt; er tut es noch. Der Mensch bewegt sich zwischen einer großen Vergangenheit und einer großen Zukunft. Das ist seine Bedeutung. Aber er lerne sich wegen seines gegenwärtigen Zustandes erniedrigen; er rühme sich nicht des Verlorenen, als ob er es noch besäße und verschließe dadurch sein Herz nicht für das, was ihm Not tut. Es ist kein Raum für Hochmut bei den Gefallenen. Doch für Verzweiflung ebenso wenig. Sie ist eine Sünde, die mit dem Hochmut nahe verwandt ist. Ihr Demütigen, hofft! Wo das Herz von Hoffnung redet, ist das Hoffen eine Pflicht. Der tief gefallene Mensch kann, er darf, und darum muss er hoffen. Aber seine Hoffnung bleibe nicht schwebend und unsicher, da vom Himmel ein Wort gesprochen ist, das von ihm angenommen zu werden verdient. Der Hoffende komme zum Glauben an das Gehoffte. Er schließe sein Herz nicht vor dem festen und vollkommenen Trost des Glaubens, indem er sich auf die Einbildungen einer trügerischen Hoffnung was zu Gute tut.
Das Evangelium Gottes will die Hoffnung des Herzens erfüllen. Wehe dem, welchem die Hoffnung selbst Evangelium genug ist und der darum das Evangelium Gottes abweist. Er ist nicht zu entschuldigen. Wie das Gesetz Gottes einen Mitzeugen in seinem Gewissen hat, so hat das Evangelium Gottes einen Mitzeugen in seiner Hoffnung. Nichts minder, aber auch nichts mehr. Schrecklich ist es, wenn die Anziehungskraft für den Trost aus Gott eine Abstoßungskraft wird. Dann verkehrt sich die Wohltat in Fluch; und was ein Geruch des Lebens war, wird ein Geruch des Todes und erschwert das Urteil derer, die verloren gehen. Darum bleibe Niemand, von seiner Hoffnung betrogen, ungläubig. Darum werde die Wiederherstellung zum Bilde Gottes nicht bloß im Herzen geträumt, sondern aus der Hand dessen, der sie anbietet, angenommen. Darum erhebe der Hoffende seine Augen zu den Bergen, von denen seine Hilfe kommen wird. Darum lasse er sich helfen. Darum zeige der, dem geholfen ist, seine Kraft; darum gebrauche er sie. Eine gefallene Menschheit, bald hochmütig und mutlos, bald übermütig und ungläubig, bedarf es, sich durch Vorbilder zu überzeugen, dass die Erneuerung zum Bilde Gottes eine Wahrheit ist, so wirklich wie der Fall wirklich ist. Und was hat Gott nicht zu fordern für seine unendliche Liebe?