Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Vorwort.
Es gibt wohl im ganzen Neuen Testamente kein Kapitel, aus welchem die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit in schönerem Glanze leuchtete, als die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Mancherlei wirkt zusammen, ihr ein eigentümlich köstliches Gepräge zu geben. Zuerst erscheint Der, welcher die Auferstehung und das Leben ist, hier gewaltiger als irgendwo, da Er den Toten, nicht wie das Töchterlein des Jairus sogleich nach dem letzten Atemzug, nicht wie den Jüngling von Nain auf dem Wege zum Grabe erweckt, sondern Einem, der schon vier Tage im Grabe gelegen war und zu verwesen begann, durch Sein Wort den Odem des Lebens wieder einhaucht. Sodann tritt der Heiland in das Haus in Bethanien nicht zum ersten Mal, da Trauer in ihm eingezogen war; Er hatte schon lange Lazarus lieb und Maria und Martha, und die drei Geschwister liebten Ihn wieder: das teilt der Geschichte den Hauch warmer Liebe mit. Und zuletzt ist es Johannes, der sie erzählt, der Jünger, der an des Herrn Brust lag, leiblich und geistig, und der Seine Herrlichkeit tiefer eingesogen und reiner wieder ausstrahlen ließ als irgendein andrer der Jünger. Dies Alles gibt unserer Geschichte ein wunderbares Ineinander von Heldenkraft und Herzensweichheit, von Adlersschwung zu der Seligkeit des Himmels und von mildem Herablassen zu dem Jammer der Erde wie auf Flügeln der Taube. Durch die Offenbarung dessen, der da heißt Kraft, Held und Ewigvater, zieht sich das Mitleid, das herzliche Erbarmen wie eine weiche Melodie, ein warmer Hauch. Und dass die Herrlichkeit des Herrn auch in dieser Geschichte anfangs verhüllt erscheint und nur dem Auge des Glaubens sich auftut, gibt uns den Eindruck, als ob wir durch heilige Morgendämmerung, in der das Licht mit der Nacht kämpft, in süßer Hoffnung, dass das Licht siegen werde, wandelten, bis die Sonne im reinsten Morgenglanze aus dem Blau des Himmels niederscheint.
Jeder fleißige Bibelleser weiß, dass es zwar alle Tage einen unbeschreiblichen Segen bringt, wenn wir in der Heiligen Schrift forschen, dass aber einzelne besonders gesegnete Tage sind, in denen es uns scheint, als habe uns der Vater selbst zu dem Sohne gezogen und die Herrlichkeit Desselben uns enthüllt. Das Wort Gottes ist durchaus Leben und Erfahrung, Geschichte und Tatsache. Darum kommt es häufig vor, dass uns plötzlich eine Geschichte, ein Psalm, eine Rede, die wir längst gekannt und geliebt, in einem ganz neuen Lichte erscheint, neue Kräfte des Trostes erschließt, neu geschenkt wird als ein festes, unentreißbares, individuelles Eigentum. Solche köstliche Geschenke erhalten wir dann, wenn Gott durch Seine Führung uns in dieselbe Lebenslage bringt, aus welcher die Geschichte stammt, in dieselbe Seelenstimmung, aus welcher das Wort unter Hilfe des Heiligen Geistes geboren ward, wenn wir das Wort des Herrn selbst erleben und erfahren können. Durch solches Erleben und Erfahren ward mir die Geschichte des Lazarus in den letzten Monaten zu eigen geschenkt. Ich habe sie, innerlich gedrängt, auf der Kanzel und in häuslicher Gemeinschaft ausgelegt und nachdem dies geschehen war, hielt sie mich noch immer so mächtig, dass ich glaubte, ich sollte auch niederschreiben, was ich von ihr erfahren und erlebt habe.
Das hab' ich denn getan und bringe dar, was ich empfing, in dem demütigen Gefühl, dass ich nicht ein Wörtlein zum Trost einer Seele und zur Stärkung ihres Glaubens reden kann, wenn es mir nicht aus Gnade gegeben wird, aber auch in der festen Zuversicht, dass es in des Herrn Macht stehe, das Wort, das Gottes Wort in uns erweckt, zu segnen. Darum bitte ich Gott, Er möge dies Büchlein nach Seiner Barmherzigkeit in den Seelen der Leser zur Befestigung des Friedens dienen lassen, ohne den uns in der Welt angst ist, und den uns die Welt nicht geben, aber auch nicht nehmen kann, weil er aus dem Glauben kommt, der die Welt überwindet.
Bischofsheim in Hessen, in der heiligen Adventszeit 1853.
Wilhelm Baur.