Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 6. Stunde.

Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 6. Stunde.

Ja, Herr, wie du gesagt hast: Mein Joch ist sanft und meine Last ist leic ht! Denn aus Gnaden willst du uns ja Alles geben, wonach unsre Seele begehrt. O, schaffe nur, dass wir aus deinem Worte recht lernen, wem du geben willst, und wie wir dich bitten sollen! Amen.

Zu ernstem Nachdenken lesen wir jetzt Mark. 2, 18-28.

Und die Jünger Johannis und der Pharisäer fasteten viel. Und es kamen Etliche, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger Johannis und der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsleute fasten, dieweil der Bräutigam bei Ihnen ist? Also lange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird, dann werden sie fasten. Niemand slicket einen Lappen von neuem Tuch an ein altes Kleid, denn der neue Lappen reißt doch vom alten, und der Riss wird ärger. Und Niemand fasst Most in alte Schläuche, anders zerreißt der Most die Schläuche, und der Wein wird verschüttet und die Schläuche kommen um; sondern man soll neuen Most in neue Schläuche fassen.

Und es begab sich, da er wandelte am Sabbat durch die Saat, und seine Jünger fingen an, indem sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Siehe zu, was tun deine Jünger am Sabbat, das nicht recht ist. Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da es ihm Not war und ihn hungerte samt denen, die bei ihm waren? Wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjathar, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die Niemand essen durfte, denn die Priester; und er gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen; so ist des Menschen Sohn ein Herr auch des Sabbats.

Vor diesen Worten hat Jesus sich als Gottes Sohn darin erwiesen, dass er der Menschen ungerechtes Gericht aufhebt und die Zölner und Sünder nicht der Welt gleich zurückstößt; sondern sie heranruft auf den Weg der Buße, auf dass er mit Gnade sie segnen könne. Freuen müssen wir uns des, weil wir daraus wissen, dass er auch uns nicht zurückstoßen werde, ob immerhin unsre Gedanken uns verklagen.

Ein nicht weniger freundliches Bild tritt mit unsren heutigen Textesworten vor unsre Gemüter, indem der Herr hier den selbstgeschaffenen Gottesdienst ebenso, wie vorher der Welt ungerechtes Gericht verwirft; denn das musstet ihr ja als den Inhalt des verlesenen Abschnittes erkennen; namentlich von vornherein, wo er die Frage über das Fasten beantwortet.

Sehen wir es jetzt im Einzelnen nach:

V. 18: „Und die Jünger Johannis und der Pharisäer fasteten viel. Und es kamen Etliche, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger Johannis und der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?“

Jünger Johannis werden uns hier genannt, natürlich also Jünger Johannis, des Täufers. Als der auftrat und mit seiner mächtigen Stimme verkündete, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei; da fanden sich bald heilsbegierige Seelen, die genauer die Botschaft vom Herannahen des Himmelreiches hören wollten. Sie folgten dem Täufer als seine Jünger nach. Unter ihnen kennen wir zwei ganz bestimmt, nämlich Andreas, den Bruder des Petrus, und Johannes, den Evangelisten. Sie waren Jünger des Täufers, bis sie bei der Taufe Jesu gewesen waren und das Zeugnis Johannis selbst gehört hatten, dass dieser sei das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trage. Da folgten sie auf den ersten Ruf, den der Herr an sie richtete, nun diesem nach. Andere aber blieben bei dem Täufer, vielleicht eben darum, weil Jesus nichts in die Augen Fallendes in der Art derer an sich hatte, die sich durch eigne Werke das Himmelreich verdienen wollen. Jesus trat nicht daher in der strengen Bußgestalt jenes Predigers in der Wüste. Als hernach Johannes in den Kerker des Herodes geworfen wurde, da sammelten sich immer noch Jünger um den Namen des Täufers, die also lehrten, dass das Himmelreich wohl nahe herbeigekommen sei, dass es aber nur wirklich kommen könne durch die strengste Buße und Entsagung. So hielten die Johannisjünger häufige Fasten und gedachten damit das Himmelreich zu gewinnen. Noch Ap. Gesch. 19. kommen zu Ephesus Johannisjünger vor.

In gleicher Weise hielten es auch die Pharisäer, wie ihr von jenem wisst, der im Tempel sich rühmt, dass er zweimal in der Woche fastet; ebenso mussten auch die Schüler der Pharisäer viel fasten.

Darum nun traten Etliche herbei und legten Jesu die Frage vor, warum seine Jünger nicht fasteten. Es dünkte ihnen also, Jesus versäume Etwas; ohne Fasten könne das Reich Gottes nicht herbeikommen. Aber wie schlagend antwortet ihnen der Herr und wie tief beruhigend für unsre Seelen:

V. 19. „Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsleute fasten, dieweil der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.“

Er vergleicht seine Jünger also mit Hochzeitleuten, die, so lange der Bräutigam bei ihnen ist, nur der Freude in ihren Seelen Raum geben; darum aber auch an nichts weniger, als ans Fasten denken können. Hiermit weist der Herr uns auf das hin, was eigentlich das Fasten bedeuten soll, und wie man dazu gekommen ist, es nicht nur für eine religiöse Handlung anzusehen, sondern es bei den Juden zum Religionsgesetz zu machen, wie es noch heute bei den Katholiken ist.

Wessen Seele in tiefer Betrübnis, wessen Herz geängstet ist, wem eine nahe Gefahr, ein herber Verlust droht; dem vergeht die Lust zu Speise und Trank. In Zeiten der Sorge und Kümmernis kann ein ganzer Tag hingehen, und wir fühlen kein Bedürfnis der Nahrung, auch das Beste bleibt unberührt liegen. Ist darum eine Seele von ihren Sünden wahrhaft geängstet, denkt sie mit Schrecken an das Gericht; dann wird an Speis und Trank nicht gedacht.

So wurde von Mose das Fasten als ein Zeichen der Buße angeordnet; so sollte das Fasten den Seelenkummer über die Sünde, die Sorge um die Erlösung andeuten. Und ihr denkt bei euch: Wohl dem, der so fastet, denn mit der Sorge über unsren Sünden beginnt die Buße, wird dem Glauben der Weg bereitet.

Aber wie ist es ein ganz Anders, wenn das Fasten, wenn also die Sorge über unsrer Sünde befohlen, an gewissen Tagen uns zum Gesetz gemacht wird. Dann kommt man wie die Juden, wie insbesondere die Pharisäer dazu, dass man das Fasten ansieht, wie einen Dienst, den man Gott tue, den man also Gott auch vorrechnen kann. Dann gedenkt man dadurch Etwas zu seiner Erlösung zu tun, sich ein Stück Himmel zu verdienen. Dann ist das Fasten verkehrt, dann führt es zu jener jüdischen Selbstgerechtigkeit, die sich mit eignem Gottesdienst den Himmel erwerben, ja den von Gott fordern will.

Da sagt dann der Herr gar lieblich: „Wie können die Hochzeitleute fasten, dieweil der Bräutigam bei ihnen ist? So lange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.“ In der Freude, den Herrn gefunden zu haben, in der Freude, durch ihn das Himmelreich nahe zu wissen, kann in der Jünger Seele eine Betrübnis, ein Kummer, eine Seelenangst gar keinen Raum haben; wollte man also von ihnen das Fasten verlangen, so müssten sie heucheln, falschen Schein annehmen. Das können Jesu Jünger nicht. Aber fährt der Herr fort:

V. 20: „Es wird die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird, dann werden sie fasten.“

Und seht die Jünger dort an, als das Kreuz auf Golgatha errichtet wird, ihr Meister von ihnen genommen und aus dem Lande der Lebendigen hinausgestoßen scheint; da stehen sie in einer Trauer, in einer Bekümmernis, die wahrlich mehr war, als der Pharisäer Fasten. Da waren sie anders geschlagen, als wenn der Jude über dem Tode der Seinen in Sack und Asche saß und seine Brust schlug. Aber als die Botschaft der Auferstehung erscholl, als sie ihren Meister wieder sahen; da fasteten die Jünger nicht. Und als er zur Rechten des Vaters hinauf erhoben ward, aber am Tage der Pfingsten im Heiligen Geiste wieder zu ihnen kam; da fasteten sie auch nicht, und haben auch uns das Fasten nicht geboten. Bis zur Stunde gebietet dem Protestanten Niemand, dass er Fasttag halte.

Ruft dich die Angst deiner Sünde zu wahrer Buße, dann fastest du; dann fastest du ohne Menschengebot, bis du das Trostwort gehört: Dir sind deine Sünden vergeben; dann fastest du, und merkest nicht, dass du es musst. Wollte man aber zu bestimmten Zeiten Fasten von uns fordern, ohne alle Rücksicht, ob wir in Sündenangst, oder im Seelenjubel sind, den Herrn gefunden zu haben; dann wäre das unnatürlich; dann wäre es selbsterwählter Gottesdienst. Darum weiß der Protestanten Kalender nichts von bestimmten Fasttagen. Jeder faste, wenn seine Sünde ihn fasten heißt. Und dass wir mit solcher Weise ganz auf dem ausdrücklichen Worte des Herrn stehen, wie es der Protestant will und muss; das gibt der Herr in einem Gleichnis weiter uns zu erkennen:

V. 21: „Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid, denn der neue Lappen reißt doch von dem alten, und der Riss wird ärger.“

Für einen Toren hält man den, der einen Lappen neues starkes Zeug auf ein zerrissenes altes Kleid flicken wollte; nur zu bald würde es rings um das neue Stück wieder reißen, und das alte Kleid würde noch erbärmlicher aussehen. So sagt nun der Herr denen, die ihn hatten zur Rede stellen wollen: Wenn ich eure alten pharisäischen Satzungen zu dem Gesetze Mosis und euren ganz äußerlichen Gottesdienst nicht nur fortbestehen lassen; sondern von meinen Jüngern selbst fordern wollte, ja, das Neue, was ich bisher begonnen habe, auf das Alte aufzusetzen gedächte: so erschiene ich grade, wie der, welcher den neuen Lappen auf das alte Kleid setzt, dadurch es noch erbärmlicher aussieht, und da das Neue mit dem Alten verloren gehen muss. So, Geliebte, würde es mit dem Evangelium von der Gnade werden, wenn ich es auf die alte Lehre vom Fasten setzen wollte.

Der Herr führt denselben Gedanken noch weiter:

V. 22: „Und Niemand fasst Most in alte Schläuche, anders zerreißt der Most die Schläuche und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche kommen um; sondern man soll Most in neue Schläuche fassen.“

Der Most, der junge, gärende, brausende Wein wurde im heiligen Lande nicht wie bei uns in Fässern aufbewahrt, dazu war das passende Holz zu teuer und zu rar; sondern in Schläuchen, besonders von Ziegen, doch auch andern Fellen. War nun der Most besonders stark, die Schläuche auch etwas älter, dass sie sich nicht mehr gehörig ausdehnen konnten; so zerrissen die Schläuche, und der Most war verloren. Gerade so verloren, will der Herr sagen, würde die Lebenskraft meiner Lehre sein, wenn ich sie in eure, der Fragenden, alte Formen, in eure selbstgemachten Gottesdienste einschließen wollte. Die Art eures Gottesdienstes wäre zersprengt, aber mein kräftig Evangelium auch verloren.

Mit seiner Botschaft von der Gnade hebt der Herr den selbstgemachten Gottesdienst auf. Aber seht auch hier die Weisheit des Meisters von Nazareth, wie er Sprichwort redet, wo man nichts anders, als Sprichwort tragen kann. Hätte er den Juden geradezu sagen wollen, euer ganzes Fasten ist nichts, was ich in meinem Reiche brauchen kann; so würden sie nicht nur augenblicklich ihm den Rücken gewendet, sondern ihn auch für einen Feind und Verächter Mosis verschrien haben. So sagt er ihnen nur offen, dass seine Jünger jetzt nicht fasten können, weil ihre Seelen froh seien, ihn gefunden zu haben; einst möge sicher eine Zeit kommen, wo Betrübnis sie heimsuchen werde, dass sie ohne Heuchelei fasten würden. Aber als der Herr den Juden nun sagen will, dass ein besonderes Gebot des Fastens zu seiner Lehre gar nicht passe, dazu sich nicht reime; da nimmt er ein Gleichnis. Wer dieses zu verstehen vermochte, der war im Stande, allmählich auch über das Fasten richtig zu urteilen. Wer aber zu schwach am Geiste war, um es zu verstehen, der wurde doch nicht irre gemacht an seinem Gottesdienste und diente Gott fort mit einfältigem Herzen, verlor damit nicht seine Religion; wie Manche ihre Religion nur zu leicht verlieren würden, wollte man schlechthin das Äußerliche ihnen nehmen, darein sie ihre Religion setzen und von Jugend auf daran gewöhnt sind.

Wie der Herr aber mit klarem Worte den selbstgemachten Gottesdienst aufhebt, daran wird er von uns als Gottessohn erkannt werden müssen, der, was er als Gottesdienst ordnet, nicht bloß für diese arme Erde, sondern für Zeit und Ewigkeit ordnet, wie er dann sagt: Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.

Dazu gibt er uns nun heute noch einen weiteren Artikel vom Buchstabendienst:

V. 23. 24: „Und es begab sich, da er wandelte am Sabbate durch die Saat, und seine Jünger fingen an, indem sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Siehe zu, was tun deine Jünger am Sabbat, das nicht recht ist.“

Auch hier seht wieder eine Anzahl Pharisäer hinter dem Herrn drein, um ihn auf jedem seiner Schritte zu beobachten, denn sie fühlten wohl schon dunkel, dass vor seinem Worte ihre Herrschaft und Verführung des Volkes nicht mehr lange bestehen werde, und sie rüsteten sich zu einem Kampfe, gleichsam auf Tod und Leben.

Die Jünger Jesu hatten, und zwar, wie ein anderer Evangelist ausdrücklich erzählt, aus Hunger angefangen Ähren abzubrechen, die Körner auszuraufen, und so im Hingehen durch das Erntefeld ihren Hunger etwas zu mildern, ehe sie das nicht mehr ferne Kapernaum erreichten. Aber es war Sabbat, und so meinten die Pharisäer, das sei eine Sabbatsentheiligung, damit werde das Gottesgesetz übertreten: Du sollst den Feiertag heiligen. Für eine verbotene Arbeit also wollten sie es ausgeben, dass die Jünger auf die erzählte Weise ihren Hunger zu stillen suchten. Der Herr antwortet ihnen wieder in seiner schlagenden Art. Hatten sie sich auf die Schrift, auf das Gottesgebot, berufen wollen, so beruft er sich ebenso auf die Schrift:

V. 25. 26: Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da es ihm Not war, und ihn hungerte samt denen, die bei ihm waren? Wie er ging in das Haus Gottes zu Zeit Abjathar, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch denen, die bei ihm waren?“

Wohl hätte der Herr den Pharisäern kurz sagen können, dass das Sabbatsgesetz gar nicht so streng in Gottes Worte stehe, wie sie es dem Volke auflegten; aber er schlägt hier einen einfacheren und wohl für die Hörer kürzeren Weg ein.

Was David getan, der Gottesmann, der Stammvater des Messias, das wurde von den Pharisäern im Angesichte des Volkes so leicht nicht zu tadeln versucht. So weist dann Jesus hin auf jene Geschichte, wo David auf Jonathans Rat vor Saul floh gen Nobe; dort kommt er müde und hungernd in eines Priesters Haus und begehrt sich zu sättigen. Unglücklicher Weise aber ist keine andere Speise da, als die Schaubrote, die nach dem Gesetze entweder zum Opfer verbrannt, oder nur von Priestern gegessen werden durften. An jedem Sabbat nämlich mussten zwölf kleine Brote auf einem Tische vor dem Mtare frisch in zwei Reihen aufgelegt werden; wohl ein Sinnbild, eine Erinnrung, wie Gott sein zwölfstämmiges Volk täglich mit Speise versorge.

Obwohl diese Brote nicht zur Speise bestimmt waren, ließ die Not den Priester zu Nobe und David recht wohl bedenken, dass es vor Gott nicht Sünde sein könne, mit diesen Schaubroten Jemanden vor dem Verhungern zu retten.

Gegen diese Geschichte konnten die Pharisäer nichts einwenden, und sie mussten, wenigstens stillschweigend, zugeben, dass die Not, der Hunger, von dem strengen Sabbatsgeseke ausgenommen werden müsse. Aber nun sollen sie auch noch weiter an ihre Lieblosigkeit, wie an ihren Buchstabendienst gemahnt werden:

V. 27: „Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbat's willen.“

Wie einfach, wie für jedes fromme Gemüt vollkommen klar und beruhigend ist hier die ganze, eben nicht leichte, Frage über den Sabbat zur Entscheidung gebracht!

Die Feier des Sabbats ist von Gott geordnet, als unerlässliche Grundlage alles religiösen und bürgerlichen Lebens. So ist sie unter die ewig festen zehn Gebote gestellt. Wo die Sabbatsfeier aufhört, hat alle Religion, hat alles eigentlich menschliche Leben aufgehört, und der Mensch tritt bald in die Reihe der Tiere des Feldes zurück.

Der Sabbat will und soll der Menschen Gedanken von der Erde hinauf zu Gott richten; wir sollen wissen, dass wir nach Gott zu fragen und ihm seine Ehre zu geben haben, wenn es jemals uns wohlgehen soll.

Offenbar sind damit am Sabbat nicht nur alle die Dinge verboten, durch welche Gott verunehrt wird, sondern auch alle die, bei welchen der Gedanke an Gott kaum mehr einen Raum in unserer Seele finden kann. Was aber nötig ist, um des Menschen Leben zu erhalten, das muss erlaubt sein. Denn etwa nach Pharisäer Art den Menschen verhungern lassen, um die Sabbatruhe nicht zu brechen, das ist Buchstabendienst, da es erscheinen würde, als sei der Mensch nur erschaffen, um den Sabbat zu feiern; nicht aber der Sabbat geordnet, um den Menschen zum rechten Leben zu stärken, ihn zu Gott zu führen.

So dürfen wir sagen, Alles das, wobei wir die Möglichkeit behalten, Gott zu ehren und den Tag im Gedanken an seinen Namen hinzubringen, das ist in seiner Art am Sabbat erlaubt; das aber, wodurch das Menschenleben erhalten wird, ist am Sabbate selbst geboten. So wie wir vom Arzte verlangen, dass er am Sonntage den Kranken behandle, wie wir Feuer löschen und aus dem Wasser retten.

Ich sagte zuvor, wie tröstlich, wie wahrhaft beruhigend für jedes gewissenhafte Gemüt es sein müsse, dass Jesus so bestimmt sich über selbstgemachten Gottesdienst, und wie er sich über Buchstabendienst erklärt hat.

Denn wollten wir mit selbsterwähltem Gottesdienste, von welcher Art er auch sein möchte, in den Himmel kommen: so müssten wir ja in beständiger Gewissens- und Höllenangst sein. Nehmet an, dass Fasten etwas sein sollte, das zum Himmel durchaus notwendig sei. So fragst du mich fast, wie dort Petrus wegen des Vergebens: Soll ich die Woche ein Mal fasten? Ja. Soll ich die Woche zwei Mal fasten, wenn ich es kann? Ja. Oder drei Mal, vier Mal? Am Ende würde und müsste das Gemüt, das gern Gott alle Ehre tun, und den Weg zum Himmelreich sich nicht leicht machen möchte, dahin kommen, dass es zu immerwährendem Fasten, zu freiwilligem Hungertode sich verurteilen müsste.

Oder, wenn es heißt, wir sollen am siebenten Tage ruhen und den Feiertag heiligen; darf ich dann am Sabbattage essen? Die Pharisäer sagten: Ja. Darf ich am Sabbattage die Speise be reiten? Die Pharisäer sagten nur halb: Ja. Und wollten wir in dieser Weise des Buchstabendienstes fortfragen; wir kämen dazu, Gottes Gebot fast eher dem Spotte Preis zu geben, als es mit Freude zu erfüllen.

Über all' diese Seelenangst, die ein frommes Gemüt an Gottes Gesetz sich bereiten müsste, hilft der Herr uns einfach mit dem Satz hinweg, dass der Sabbat um des Menschen willen, nicht aber der Mensch um des Sabbats willen gemacht sei. Der Mensch soll durch den Sabbat zu Gott geführt, geheiligt, erhoben werden, damit er nicht durch die Sorge um die Arbeit der Woche der Welt und den Dingen der Erde unrettbar verfalle. Aber nicht kann ich dir, nicht kannst du mir im Einzelnen sagen, wodurch wir den Feiertag entheiligen. Auch hier gilt das Wort: Was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde.

Um nun aber den Pharisäern auch streng und ernst zu sagen, dass er über ihre Sabbatsvorschriften nicht disputieren will, spricht er in seiner ganzen göttlichen Erhabenheit:

V. 28: „So ist des Menschen Sohn ein Herr auch des Sabbats;“ und die Pharisäer schwiegen.

Mit zum Gedächtnis an dies Wort haben die gewaltigen Heilstage in der Erscheinung Jesu unsern Sabbat von dem Schlusse der Woche auf ihren Anfang gerückt.

Und der Herr des Sabbats hat jedem gläubigen Gemüte ein Sabbatgesetz gegeben, daran es sich richten, aber nicht quälen soll: Du sollst Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten. Daran kannst du wissen, ob du Gott wohlgefällig bist; damit aber dich auch wahren, dass du nicht meinst, mit deinem Gottesdienst noch einmal den Himmel zu verdienen, nachdem dein Heiland aus Gnaden dich selig machen wollte.

Herr, wir bitten, gib uns den Geist lauterer Erkenntnis in unsre Seelen, dass wir vor dir dienen in einfältigen Herzen, und festhalten an dem großen Troste, dass du alles Gesetz erfüllt hast, auf dass wir einen freien Zutritt haben zur Gnade des Lebens! Amen.

Gebet.

Herr Gott, die Wege deines Gesetzes sind heilige Wege; erfülle uns mit dem Ernste, dass wir bedenken, wer an einem Gesetze sündigt, ist des ganzen Gesetzes schuldig. Und doch, ob wir treulich uns mühen, da ist keiner unter uns, der seinen Fuß unsträflich bewahre. So wartet unser das Gericht, und auch wenn wir Alles getan hätten, wir müssten demütig erkennen, dass wir doch nur unnütze Knechte sind, die getan hätten, was wir zu tun schuldig wären. Damit aber können wir nicht vor die Pforte des großen Vaterhauses treten und rufen: Herr, tue uns auf! Ach, um unsere Werke, um unsere Gerechtigkeit ist es ein armes Wesen: da kann unsre Seele nicht vor dir stille werden. Nur in der Gnade unseres Herrn Jesu können wir unser Herz vor dir stillen. Darum bitten wir hinauf: Herr, mache uns fest im Glauben an die Verheißung deiner Gnade; dann sind wir getrost, dass du, Herr, unser Heiland, uns nach dir ziehst, wie du deinen Getreuen verheißen hast, du wollest wiederkommen und sie zu dir nehmen, auf dass sie sehen, wo du bist. Herr, so tue an uns mit deiner Gnade! Amen.

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