Baggesen, Carl Albrecht Reinhold - Abraham, der Vater der Gläubigen - V.
Genes. XV.
Der Charakter Abrahams, des Vorbildes und Vaters der Gläubigen, entwickelt sich immer vollständiger und herrlicher vor unsern Augen, so wie wir in seiner Geschichte weiter fortschreiten. Es ist aber nicht die Entwicklung eines Charakterbildes, wie wir sie etwa in den Meisterwerken menschlicher Geschichtsschreibung oder Dichtung finden können, wo die Absicht und Kunst des Darstellers sich zu erkennen gibt, und wir daher immer zweifelhaft bleiben, wie viel wir ihm und wie viel wir dem Gegenstande selbst zuzuschreiben haben, mit anderen Worten, ob uns der geschilderte Charakter idealisiert oder der Wirklichkeit gemäß vorgeführt werde, ob wir ein Ideal oder wirkliches Leben vor uns haben. Nicht so hier; der Charakter Abrahams tritt nach und nach immer vollkommener in seiner Geschichte hervor, gerade so, wie er unter der Leitung Gottes in ihm selber sich entwickelt und in seinem Leben sich wirklich ausgeprägt hat. Das ist überhaupt die Art und Weise der Bibel, wodurch sie als ein Buch der Wahrheit einzig unter allen Büchern dasteht. Die Personen, von denen sie uns erzählt, werden uns darin dargestellt gerade so, wie sie geworden und gewesen sind, oder vielmehr, das, was von ihnen erzählt wird, stellt sie dar, wie sie in der Wirklichkeit waren, ohne alle verschönernde Kunst, ohne alle Reflexion, ohne alle Absicht zu loben oder zu tadeln. Diese Einfalt und Wahrhaftigkeit zeigt sich auch darin, dass selbst an den heiligsten Männern Gottes die Fehler, Schwachheiten und Sünden nicht verschwiegen werden, an Abraham so wenig als an Mose, Samuel, David oder Elias. Und hierin ist auch das Neue Testament dem Alten gleich: an Johannes dem Täufer wird uns die Anwandlung eines Zweifels, ob Jesus sei, der da kommen solle, nicht verschwiegen; an den Söhnen Zebedäi der Ehrgeiz zu sitzen zur Rechten und zur Linken des Herrn, und der fleischliche Eifer, der Feuer vom Himmel herabfallen lassen wollte auf das samaritische Dorf; an Petrus der schwere Fall der dreimaligen Verleugnung seines Herrn. Eine wichtige Eigenschaft der Bibel ist diese nüchterne Wahrhaftigkeit und strenge Aufrichtigkeit; denn dadurch sind wir gewiss, dass der Einzige, der in der Bibel als der vollkommen sündlose erscheint, Jesus Christus, kein bloß erdachtes Ideal, sondern in realer Wahrheit der Heilige Gottes ist.
Wie gesagt aber, entwickelt sich der Charakter Abrahams immer schöner und vollkommener, so wie wir in seiner Geschichte fortschreiten. Wir haben ihn am Schlusse unserer letzten Betrachtung gesehen in seiner ganzen menschlichen Größe, als siegreicher Held und als großmütiger Befreier, der von dem Könige von Sodom nichts für sich annehmen will von den geretteten Gütern, damit es nicht heiße, er habe ihn reich gemacht, der sich aber zugleich in frommer Demut vor dem geistlich Höheren, Melchisedek, dem Priester des höchsten Gottes, beugt, sich von ihm segnen lässt und ihm den Zehnten von Allem gibt.
Heute werden wir ihn nun in seinem Verhältnisse zu Gott dem Herrn selbst kennen lernen, und dabei das tiefsinnige Wort betrachten, das der Apostel Paulus der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben zum Grunde gelegt hat: „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.“
„Nach diesen Geschichten begab sich's, dass zu Abram geschah das Wort des Herrn im Gesicht, und, sprach: Fürchte Dich nicht, Abram: Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“
Wir finden hier eine Andeutung über die verschiedene Art und Weise, wie die Offenbarungen Gottes an Abram geschahen. Hier heißt es: Es geschah das Wort des Herrn zu Abram im Gesicht. Früher hatten wir dagegen den Ausdruck: „Da erschien der Herr Abram und sprach.“ Und im Anfang des 17ten Kapitels heißt es wieder: „Ihm erschien der Herr und sprach zu ihm. - Da fiel Abram auf sein Angesicht, und Gott redete weiter mit ihm.“ Endlich, als die drei Männer bei Abraham eingekehrt waren, heißt es von dem Einen derselben: „Da sprach der Herr zu Abraham.“ Es ist, wie mir scheint, nicht ganz dasselbe dabei zu denken, ob es heißt: „das Wort des Herrn geschah zu ihm im Gesicht,“ oder „der Herr erschien ihm und sprach zu ihm,“ namentlich wenn darauf von Seiten Abrams eine Antwort oder eine Handlung erfolgt, welche den wachen Zustand voraussetzt. Im ersteren Fall ist es eine Offenbarung im Geiste, wie die Offenbarungen an die Propheten des Alten Bundes, im andern Fall ist es eine persönliche Erscheinung Gottes, wie die, da Gott mit den ersten Menschen im Paradiese redete, oder da er Noah den Bau der Arche befahl und nach der Sündflut zu ihm sprach. Nach Abraham wurde nur Mose solcher unmittelbaren Offenbarung Gottes gewürdigt, und im Neuen Testament finden wir nur in der Erscheinung Jesu an Saul auf dem Wege nach Damaskus etwas Ähnliches. Wir können uns zwar diese Erscheinung des unsichtbaren Gottes, der, wie Jesus selbst sagte, Geist ist, nicht deutlich vorstellen; aber einen höheren Grad von Gewissheit der Gegenwart Gottes und der Offenbarung seines Willens, als im Traum oder Gesicht, müssen wir dabei annehmen.
Nach dieser Bemerkung gehen wir nun zu dem über, was der Herr in fortschreitender Offenbarung zu Abram sprach.
Zuerst das Wort: „Fürchte Dich nicht, Abram, Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Wohl ein herrliches Trostwort und Verheißungswort. Was sollte in der Tat Der zu fürchten haben, welchem Gott selbst ein Schild, d. h. ein Schutz gegen alle Gefahren sein will? Und was kann es für einen größeren Lohn der Arbeit und Mühen, des Gehorsams und der Treue eines ganzen Erdenlebens geben, als Gott selber? Wie sollten wir daher nicht wünschen, dass der Herr auch zu uns so sprechen möchte? Fürchte Dich nicht, ich bin Dein Schild und Dein sehr großer Lohn! - Aber meine Lieben! in Christo ist das auch zu uns gesagt. Denn was ist es anders, wenn Christus zu uns sagt: „Fürchte Dich nicht, Du kleine Herde, denn es ist euers Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben“; oder wenn es auch für uns heißt, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen; oder wenn der Herr zu unserer Seele spricht: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig;“ und wir ihm darauf antworten können:“ Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und nach Erden; und wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist Du doch, Gott, meines Herzens Trost und mein Teil!“
„Abram aber sprach: Herr, Herr, was willst Du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt ist Elieser von Damaskus. Und Abram sprach weiter: Mir hast Du Samen gegeben; und siehe der meines Gesindes ist, soll mein Erbe sein.“
Es kann uns befremden, dass Abram sich mit der empfangenen Verheißung nicht begnügt, sondern noch etwas Besonderes, einen leiblichen Erben verlangt. Aber wir müssen bedenken, dass in jener Zeit der Stammväter des menschlichen Geschlechts es als der höchste Segen, als das deutlichste Zeichen des göttlichen Wohlgefallens angesehen wurde, Leibeserben zu bekommen, und dass die früheren Verheißungen, die Abram von Gott empfangen hatte, davon abhingen, dass er Nachkommenschaft bekam. Wie sollte die Verheißung: „Ich will Dich zum großen Volke machen, und in Dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ in Erfüllung gehen, wenn er kinderlos blieb? Es waren unterdessen über 15 Jahre verflossen, seitdem er diese Verheißung empfangen hatte, er war über 90 Jahre alt geworden, und noch hatte er keinen Sohn. Daher seine Klage, dass er hingehe ohne Kinder und dass sein Knecht, Elieser, sein Erbe sein werde. Der Herr, der ihn so lange warten ließ, um seinen Glauben zu prüfen, nahm ihm seine Klage nicht übel.
„Und siehe, der Herr sprach zu ihm: Er soll nicht Dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll Dein Erbe sein. Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Siehe gen Himmel und zähle die Sterne: kannst Du sie zählen? Und sprach zu ihm: Also soll Dein Same werden.“
Das war nun eine bestimmte Verheißung, die allen Zweifel ausschloss. Auch heißt es nun: „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit“
Hier höre ich aber eine Einwendung, die vielleicht Mehrere von euch machen. Was war denn so großes an diesem Glauben Abrams, dass der Herr ihm denselben zur Gerechtigkeit rechnete?
Konnte er anders als einer so bestimmten Zusage, die der Herr ihm durch eine persönliche Offenbarung gab, Glauben beimessen? Konnte er noch zweifeln? Es scheint uns, wenn uns der Herr selbst erschiene und mit uns redete und uns eine so bestimmte Verheißung gäbe, so würden wir auch Alle ohne Anstand glauben. Ja, meine Freunde, so scheint es uns wohl. Aber, schon um ein Wort Gottes an uns als Gottes Work zu erkennen, und eine göttliche Offenbarung, welcher Art sie auch sei, und in welcher Gestalt sie auch an uns geschehe, als unzweifelhaft göttlich auszufassen, dazu gehört schon Gläubigkeit, nämlich der innere auf das Göttliche gerichtete Wahrheitssinn, der das Wesen vom Schein, die höhere Wahrheit von der gemeinen Wirklichkeit, die Eingebungen des Geistes Gottes von den Einbildungen des eigenen Geistes mit Sicherheit unterscheidet. Dies ist das gesunde, einfältige Auge, von dem der Herr Jesus spricht, da er sagt: „das Auge ist des Leibes Licht. Wenn nun dein Auge einfältig ist, so ist dein ganzer Leib lichte; so aber dein Auge ein Schalk ist, so ist auch dein Leib finster. So schaue darauf, dass nicht das Licht in Dir Finsternis sei.“
Dieses Licht des Herzens aber ist auch unzertrennlich von der Reinheit. „Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ - Wir können daher sagen, wenn diese Empfänglichkeit für Gottes Offenbarung nicht in Abram gewesen wäre, so hätte sich Gott ihm nicht offenbart; oder so hätte er Gottes Offenbarung nicht erkannt. Zeigt uns doch die Erfahrung noch immer den Unterschied zwischen der Empfänglichkeit und Nichtempfänglichkeit der Menschen für das Göttliche und seine Offenbarung; wenn auch Gott in anderer Weise zu uns spricht, als zu Abram. Er spricht zu uns durch das Schöne und Erhabene in der Natur, im Donner und Erdbeben, im Morgenglanz und im sanften Säuseln des Abendwindes; aber der Eine fühlt seine Gegenwart und vernimmt seine Stimme, der Andere nicht. Er offenbart sich uns in den Führungen unsers Lebens und in seinen Strafgerichten; aber die Einen erkennen darin das Walten des Herrn, die Anderen nicht. Es lehrt uns Sein Geist im Worte der Heiligen Schrift; aber die Einen nehmen es an als Gottes Wort, die Andern sehen darin nur die vor alter Zeit von Menschenhand geschriebenen Buchstaben.
Abram glaubte dem Herrn, weil sein auf Gott gerichteter Sinn Den erkannte, der sich ihm offenbarte. Aber der Glaube ist mehr noch als Erkenntnis, er ist auch Vertrauen, unbedingtes festes Vertrauen. Wenn dieses fehlte, so konnte Abram zwar daran nicht zweifeln, dass Gott mit ihm rede, wohl aber dennoch ungewiss sein, ob geschehen werde, was Er ihm verhieß. Denn nach dem natürlichen Laufe der Dinge musste ihm das Verheißene unmöglich scheinen, und es waren nun schon viele Jahre verflossen, seitdem er die erste Verheißung empfangen hatte, ohne dass sich ihre Erfüllung zeigte. Er musste also ohne alle menschliche Wahrscheinlichkeit der göttlichen Verheißung trauen. Dies führt uns tiefer in die Natur des Glaubens hinein. Es ist, wie gesagt, ein unbedingtes Vertrauen auf Gott, ein Festhalten an Gott, was auch das hebräische Wort für Glauben bedeutet. Oder, wie der Hebräerbrief sagt: „eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, womit man nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht.“
Solcher Glaube wird nun nicht vom Menschen erworben durch eigenes Nachdenken und Forschen, sondern er ist seiner Anlage nach etwas Ursprüngliches im Menschen, das zu seiner Entwicklung, Festigkeit und Reise der Offenbarung und Verheißung Gottes bedarf. Fasst er aber diese mit dem Wahrheitssinn des reinen Herzens auf, so ist er nicht bloß ein Fürwahrhalten des Verstandes aus Gründen, gegen welche andere Gründe Zweifel erwecken könnten, sondern eine Hingebung an die offenbarte Wahrheit im unbedingten Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit und Treue Gottes und im standhaften Festhalten seiner Verheißungen, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, trotz allen Einwendungen des Verstandes und allen Widersprüchen der äußeren Erfahrung. In diesem Glauben gibt sich der Gläubige in allem seinem Wünschen und Erwarten, in allem seinem Wollen und Streben unbedingt an seinen Gott hin, um wider alle Hoffnung zu hoffen, ohne alles Schauen und Fühlen zu trauen und ohne allen Eigenwillen Gottes Willen zu tun.
So glaubte Abram, und das rechnete ihm der Herr zur Gerechtigkeit, d. h. diese seine vollkommene Gläubigkeit ersetzte vor Gott Alles, was ihm etwa an eigener Tugend und Würdigkeit abging, und machte ihn fähig, der auserwählte Gegenstand der Gnade und des Wohlgefallens seines Gottes zu sein. Gott hatte ihn, ohne alle Rücksicht auf das, was sich Abram selbst zum Verdienst und zur Gerechtigkeit vor Gott hätte anrechnen mögen, auserkoren, um ihn zum Empfänger seiner Offenbarungen und Verheißungen und zum Stammvater seines Bundesvolkes zu machen, unter der einzigen Bedingung, dass er glaubte, mit hingebendem Vertrauen die ihm gegebenen Verheißungen annehme und festhalte. Das tat Abram, und das machte ihn zu Gottes Freund. Wir werden auch sehen, wie sich dieser Glaube als Glaubensgehorsam und als Selbstverleugnung in der Hingebung des Teuersten, im Opfer seines Sohnes Isaak erwies. Das sah auch Gott vorher, und darum heißt es schon jetzt, lange vor dieser großen Tat des Gehorsams, Er habe es ihm zur Gerechtigkeit gerechnet! Mit Recht sieht nun auch der Apostel Paulus diesen Glauben Abrams als Vorbild des Glaubens an Gottes Gnade in Christo an, der uns zur Gerechtigkeit gerechnet wird. Denn es ist wesentlich derselbe Glaube bei Abram und bei jedem gläubigen Christen, nämlich dasselbe Vertrauen auf Gottes freie Gnade und auf die Wahrhaftigkeit seiner Verheißungen. Dort und hier kommt die Gnade Gottes allem Verdienst, aller eigenen Tugend und Leistung zuvor; dort und hier offenbart sie sich in einer freien Berufung und in hierauf sich gründenden herrlichen Verheißungen: bei Abraham in der Verheißung eines Sohnes und Erben, bei uns in der Verheißung der Kindschaft Gottes in Christo; bei Abram hält sich der Glaube an Gottes persönlicher Zusage, bei uns an der Tatsache fest, dass Christus für uns gestorben und auferstanden ist.
Doch lasst uns weiter betrachten, wie sich der Herr dem Abram als sein Bundesgott offenbarte.
„Und Er sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der Dich aus Ur in Chaldäa geführt, dass ich Dir dies Land zu besitzen gäbe. Abram aber sprach: Herr, Herr, wobei soll ich's merken, dass ich's besitzen werde?“
Der Herr erinnert den Abram an den Anfang seiner Berufung und an die erste Verheißung, die er ihm gegeben. Abram bittet sich aber ein Zeichen aus. Wir dürfen dies nicht als einen Glaubensmangel deuten; sondern es war vielmehr eine Bitte kindlichen Vertrauens, dass Gott seine gegebene Zusage auch durch ein Zeichen bestätigen werde. Auch missfällt diese Bitte dem Herrn nicht, sondern Er lässt sich gnädig dazu herab, sie zu erhören, gleich wie Er später eine ähnliche Bitte bei Gideon und bei Hiskia erhörte.
„Und Er sprach zu ihm: Bringe mir eine dreijährige Kuh und eine dreijährige Ziege, und einen dreijährigen Widder und eine Turteltaube und eine junge Taube. Und er brachte ihm solches Alles und zerteilte es mitten voneinander, und legte ein jegliches Teil gegen das andere über, aber die Vögel zerteilte er nicht. Und das Gevögel fiel auf die Aase; aber Abram scheuchte sie davon.“
Es war ein Bundesopfer, das Gott dem Abram ihm darzubringen befahl, nach den Gebräuchen, welche bei dem Schließen von Bündnissen unter Menschen damals beobachtet wurden. Die Opfertiere wurden zerstückelt, und die den Bund schlossen gingen zwischen den Opferstücken hindurch, zum Zeichen, dass sie sich auch so zerhauen lassen wollten, wenn sie den Bund brächen. Die Zahl der Tiere und ihres Alters, dreimal drei, deutete auf die besondere Heiligkeit dieses Bundes. Dass die Tauben nicht zerteilt wurden, hatte wohl auch eine symbolische Bedeutung, die wir aber nicht erklären zu können bekennen. Gott bot damit dem Abram an, Er wolle mit ihm einen Bund schließen, wie ein Mensch mit einem andern Menschen, als wäre Er seines Gleichen.
Welche Herablassung! können wir nicht auch hier ein Vorbild der Herablassung Gottes zum Abschluss seines Gnadenbundes mit der Menschheit durch seinen Sohn, erblicken; der Herablassung dessen, von dem es heißt: „Als er in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub Gott gleich zu sein, sondern äußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, und ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden?“ - der hoch erhabene, heilige Gott, der in einem unzugänglichen Lichte wohnt, ist auch ein sehr herablassender Gott, wenn Er mit seiner Gnade sich zu uns armen, sündhaften und sterblichen Menschen herniederlässt.
„Da nun die Sonne unterging, fiel ein tiefer Schlaf auf Abram; und siehe, Schrecken und große Finsternis überfiel ihn.“
Die Gegenwart des Allmächtigen und Heiligen, der sich ihm nun in dem verlangten Zeichen zu offenbaren im Begriff war, überwältigte den gläubigen Abram, er verlor die Besinnung in Schrecken und Finsternis. Während aber sein Leib wie tot da lag, vernahm sein Geist das Wort des Herrn.
„Da sprach Er zu Abram: „Das sollst Du wissen, dass dein Same wird fremd sein in einem Lande, das nicht sein ist, und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre. Aber ich will richten das Volk, dem sie dienen müssen; und danach sollen sie ausziehen mit großem Gut. Und Du sollst zu deinen Vätern fahren mit Frieden, und in gutem Alter begraben werden. Sie aber sollen im vierten Geschlecht wieder hierher kommen; denn die Missetat der Amoriter ist noch nicht voll.“
Hier offenbart nun den Herr, wie seine Verheißung des Besitzes Kanaans an Abrams Samen in Erfüllung gehen werde. Nicht sobald, auch nicht an Abram selbst, sondern erst an seinen Nachkommen, erst nachdem er zu seinen Vätern mit Frieden gesammelt und in gutem Alter begraben worden sein würde. Auch werde für das Volk seiner Nachkommen eine 400-jährige Prüfungszeit der Trübsal und Knechtschaft während vier Generationen vorhergehen, und erst, wenn die Zeit des göttlichen Strafgerichts über das Volk, dem sie werden dienen müssen, gekommen sein, und auch das Maß der Sünden der Amoriter, die Kanaan damals bewohnten, voll sein werde, dann werde Abrams Samen das Land in Besitz nehmen. Wir wissen, wie diese Weissagung den Israeliten in Erfüllung ging. Durch Joseph nach Ägypten berufen, blieben sie 430 Jahre daselbst, zuerst in äußerer Wohlfahrt, dann in Knechtschaft und schwerer Arbeit. Gott richtete aber den Pharao und sein Volk, und Mose führte die Israeliten aus mit dem großen Gut, d. h. mit den Geschenken, die ihnen die Ägypter geben mussten und die sie mit sich wegnahmen, und die Amoriter, der vornehmste kanaanitische Stamm, wurden vertrieben und ausgerottet. - Es ist diese Weissagung und ihre Erfüllung eine Offenbarung der Weltregierung Gottes, in welcher die seinem Bundesvolk gegebenen Verheißungen in engster Verbindung mit den der gottlosen Welt drohenden Strafgerichten sich vollziehen, und das Maß der den Einen auferlegten Prüfungszeit mit der Gnadenfrist, welche die göttliche Geduld den Andern gewährt, übereinstimmt.
„Als nun die Sonne untergegangen und es finster geworden war, siehe, da rauchte ein Ofen, und eine Feuerflamme fuhr zwischen den Stücken hin.“
Das war das sichtbare Zeichen der Gegenwart des Herrn, in dieser Feuerflamme, die wie aus einem rauchenden Ofen kam, ging Er sichtbar zwischen den Opferstücken durch, zum Zeichen des geschlossenen Bundes. Ein ähnliches Zeichen der Gegenwart des unsichtbaren Gottes, wie die Wolken- und Feuersäule, welche den Israeliten auf dem Zug durch die Wüste voranzog. Dass aber der Herr allein, und nicht auch Abram zwischen den Opferstücken durchging, zeigt an, dass dieser Bund ein einseitiger Gnadenbund Gottes war, in welchem Er allein verhieß und schenkte, während Abram nur im Glauben anzunehmen und zu empfangen hatte.
„So machte der Herr an dem Tage einen Bund mit Abram und sprach: „Deinem Samen will ich dies Land geben von dem Wasser Ägyptens an, bis an das große Wasser Phrat: die Keniter, die Kenisiter, die Kadmoniter, die Hethiter, die Pheresiter, die Riesen, die Amoriter, die Kanaaniter, die Gergesiter, die Jebusiter.“
Alle diese Völkerstämme wurden auch von Mose und Josua an nach und nach überwunden oder ausgerottet, und ihr Land in Besitz genommen, und Davids Reich erstreckte sich von dem Bach Ägyptens, dem kleinen Fluss, der die Grenze gegen Ägypten bildete, bis an den Euphrat.
Einen noch größeren und segensreicheren Bund hat Gott in Christo mit uns und allen Gläubigen aus allen Völkern geschlossen.
Auch dieser Bund ist mit einem Opfer besiegelt, mit dem Opfer Jesu Christi, das Er für die ganze Menschheit dargebracht hat.
Und auch dieser Bund ist ein einseitiger Gnadenbund, in welchem Alles, was er uns verheißt, aus freier Gnade von Gott kommt, und von uns nur verlangt wird, dass wir die uns dargebotene Gnade im Glauben annehmen. Denn die Gegenleistung von unserer Seite ist im Grunde nichts Anderes, als was uns selig macht: die Liebe zu dem, der uns zuerst geliebt hat; in dieser Liebe die Hingebung unser selbst an Gott, damit Er uns heile und heilige. Denn so lange wir uns selbst angehören und Etwas für uns selbst sein wollen gegenüber Gott, bleiben wir unselig. Nur in seiner Gemeinschaft, nur in seiner Liebe, nur in Ihm ist Seligkeit. Amen.