Arndt, Friedrich - Des Christen Pilgerfahrt durchs Leben -- Geburt und Taufe.

Arndt, Friedrich - Des Christen Pilgerfahrt durchs Leben -- Geburt und Taufe.

Joh. III, V. 6.

Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

Dies Wort ist ein aus dem Gespräch des Herrn Jesu Christi mit Nikodemus in Jerusalem bekanntes, oft gehörtes und nachgesprochenes Wort, und steht an der Spitze aller Wahrheiten, als die erste und unleugbarste, welche jeder von vorn herein zugibt. Wie der Same, so der Baum; wie die Saat, so die Ernte; wie der Vater, so das Kind; wie der König, so das Volk. Art lässt nicht von Art. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Das sind Sprichworte, die alle dasselbe aussagen, und uns an die Schwelle des Lebens versetzen, an die Wiege und den Taufstein. Eine zusammenhängende Reihe von Betrachtungen über das Leben des Christen kann ebenfalls nur beginnen mit der Geburt. Es gibt aber 1) eine leibliche und 2) eine geistliche Geburt, oder eine zwiefache Geburt des Menschen.

1.

Unbeschreiblich wichtig für den Menschen ist der Tag seiner ersten Geburt an das Leben; denn es beginnt mit demselben ein Dasein, das nimmer wieder endet, und das seine seligen oder schrecklichen Folgen bis in die unendliche Ewigkeit ausdehnt. Monate lang harren die süßesten Hoffnungen auf sein Erscheinen, und zärtliche Herzen und hilfreiche Arme bereiten Alles vor, damit es dem Ankömmlinge an nichts fehle, dessen er bedarf. Tritt er dann selbst ein, der mit Furcht und Hoffnung heiß ersehnte Augenblick, wird die Sehnsucht Gewissheit: „uns ist ein Kind geboren,“ welche Tränen der Freude, welche Dankesergießungen gegen Gott, welche Äußerungen des Glücks und der Rührung begrüßen den Neugeborenen! Da heißt es: „Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist“ (Joh. 16, 21). Da ist es Frühling geworden im Hause, und die teure Gabe des Himmels ein neues Unterpfand göttlicher Gnade und Barmherzigkeit, der Eltern Herzen reich zu machen an Freude und ihr Leben reich an Glück, in engerer Liebe sie mit einander zu verbinden, und nicht nur neue Pflichten, sondern auch neue Hoffnungen ihnen zu bereiten.

Und in der Tat, es ist doch auch etwas Großes um die Geburt eines Menschen. Schon David singt: „Ich danke Dir darüber, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind Deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl. Es war Dir mein Gebeine nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und waren alle Tage auf Dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war. Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, Deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Summa! Solches Erkenntnis ist mir zu wunderlich und zu hoch, ich kann's nicht begreifen“ (Ps. 139, 14-17.6); und Luther sagt: „Wenn nur alle hundert Jahre ein Mensch geboren würde, wie würden sich nicht die Leute darüber höchst verwundern!“ In verborgener Werkstatt geheimnisvoll und unerklärlich gebildet, fügt sich künstlich Glied an Glied und verbindet sich ein Sinn mit dem andern, Geist und Odem kommt in den irdischen Körper und setzt ihn in Bewegung, und der Mensch fängt an, nach Seele, Geist und Leib zu sein und zu leben. Jeder Mensch ist eine Welt im Kleinen, und die Erschaffung desselben nur eine Wiederholung und Fortsetzung der großen Schöpfung der Welt. Anlagen, Gaben, Fähigkeiten schlummern in dem kleinen Wesen, deren Wirkungen und Entwicklungen kein Erwachsener berechnen kann; wartet einige Jahrzehnte, und der unscheinbare Säugling ist ein Mann geworden, der die Erde durchdringt bis in ihre innersten Schichten und mit ihren Erzeugnissen tausende von Zwecken erreicht, der das Wasser der Weltmeere gangbar macht und die Elemente, Luft, Wasser, ja, das Feuer zwingt, gleichsam für ihn zu arbeiten, der Felsen spaltet, Berge versetzt, Sterne mit ihren Bahnen ausmisst und seine Gedanken in Worten verewigt, die nie wieder vertilgt werden können. Das Auge, welches jetzt meist noch sich schließt auf dem Schoß der Mutter, bald wird es sich öffnen, um die Sonne in ihrer Majestät und das Licht überhaupt in seinem Farbenspiel zu suchen und an den Wundern des Allmächtigen in der Natur sich zu weiden und zu erfreuen; das Ohr, jetzt noch wenig empfänglich für die ihm fremden Äußerungen der Teilnahme und der Liebe, bald wird es sich erschließen, und die verschiedensten Stimmen, Töne, Klänge, das Rollen des Donners und das Brausen des Meeres, das Brüllen des Löwen und der Lobgesang der Lerche, der wunderbare Klang der Glocken und der bedeutungsvollere Menschenlaut werden durch seine Wölbungen und Windungen bis in seine Seele hineindringen; der ganze bewunderungswürdige Bau des Körpers mit seinen Nerven, Muskeln, Gelenken und Gliedern, und der noch bewunderungswürdigere Bau des Geistes; dieser Verstand, der von einer Stufenleiter zur andern bis zu den höchsten und heiligsten Vorstellungen emporsteigt; dieses Herz, das unbeschreiblich sich sehnt nach etwas Unendlichem, und nur in der Liebe, nur im Frieden Gottes seine Seligkeit findet; dieses Gewissen, das unaufhörlich predigt in der Brust und gewaltig mahnet und warnt, spornt und ermuntert; dieser Wille, der, geregelt durch Gottes Gesetz, zu jeder Kraftanstrengung und Tätigkeit fähig ist - bald werden sie sich in Bewegung setzen und beide Welten, die sichtbare und die unsichtbare, durchschreiten und beherrschen. Fürwahr, wir müssen bekennen: „Der Mensch, ein Leib, den Gottes Hand so wunderbar bereitet; der Mensch, ein Geist, den sein Verstand Ihn zu erkennen leitet; der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis, ist sich ein täglicher Beweis von Gottes Güt' und Größe.“ Die Ewigkeit ist ihm in die Seele gelegt, und er ist nicht eigentlich für diese, sondern für eine andere Welt erschaffen.

Doch das ist nur die eine Seite der Betrachtung; wollten wir dabei stehen bleiben, so kämen wir bald dahin, zu übertreiben, aus dem Menschen einen Engel zu machen, und in vermessenem Stolz uns selbst und unsere Natur zu überheben. Die Schrift öffnet uns auch noch eine andere, nicht minder, ja noch mehr zu berücksichtigende Seite, und demütigt uns eben so sehr, als sie uns erhebt. Der Herr sagt nämlich Joh. 3, 6: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch.“ Seitdem das Ebenbild Gottes verloren gegangen ist in der menschlichen Natur, hat alles Fleisch seinen Weg verdorben vor dem Herrn, und wohnt in uns, d. i. in unserm Fleische, nichts Gutes; wenn auch das neugeborene, unmündige Kind noch keine wirklichen Sünden begeht und insofern unschuldig genannt werden kann, so liegt doch der Keim zu allem Bösen, die Sündhaftigkeit, schon in seiner Natur; angeschaffen und angeerbt ist ihm der Trieb und die Neigung, sich selbst Gott gegenüber zu stellen; mit den ersten Regungen der Willenskraft, mit dem ersten Weinen des Auges und Schreien des Mundes offenbart sich schon der Eigensinn, und ein paar Monate später erblicken wir die Begehrlichkeit, den Neid, die Rechthaberei in vollem Ausbruch. Ein verborgener Zunder der Sünde liegt in jeder menschlichen Brust, und es bedarf kaum äußerer böser Beispiele oder Verführungsworte, so fängt der Zunder Feuer, und die Erbsünde wird wirkliche Sünde in Gedanken, Worten und Werken. David sagt (Ps. 51, 7): „Ich bin aus sündlichem Samen gezeugt und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ Die Anlage zu allem Guten ist vorhanden in jedem Säugling; aber die Anlage zum Bösen ist größer, stärker, und nicht nur Anlage, sondern Trieb, Neigung, Lust. Die Fähigkeiten schlummern; aber die Sünde weiß sie zu missbrauchen, und statt Gott zu dienen, sich selbst dienstbar zu machen und zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit zu gestalten. Ob man sie, wenn sie erwachsen sind, auch Wohlgeboren oder Hochwohlgeboren oder Hochgeboren nennt, sie sind doch alle in Sünden und unter Schmerzen geboren worden, und soll jene Titulatur nichts weiter andeuten als den äußern, hohen oder niederen Stand, in welchem sie an das Licht der Welt gekommen sind. Um dieser angeborenen Sündhaftigkeit willen hat jeder Vater und jede Mutter, wenn sie das Kind ihres Herzens auf den Armen tragen, ebenso sehr für dessen Zukunft zu zittern, als zu hoffen, und mit unermüdlicher Weisheit, Liebe und Treue ihm nachzugehen, dass es nicht Schaden nehme an seiner Seele. Darum ist der Anblick eines Kindes allezeit nicht bloß ein froher, sondern zugleich ein wehmütiger, weil er an unser tiefes Verderben uns erinnert, das bis in die zartesten Jahre des menschlichen Lebens hineingedrungen ist und Alles mit seinem Gifte vergiftet hat, und nun auch die Quelle geworden ist alles Elends, das in der Welt herrscht und schon in den ersten Tagen unseres Daseins sich anmeldet. Da liegt das Kindlein in der Wiege so hilflos und hilfsbedürftig, so nackt und bloß, wie kein Wesen in der Schöpfung; wie sein erster Laut ein Laut des Weinens und Klagens ist, als ahnte es schon die unermessliche Fülle von Jammer und Not, die in diesem Jammertal sein warten, und alle die Tränen, welche später noch über seine Wangen fließen würden. Seitdem aus dem Paradiese der Fluch erscholl über die Mutter der Lebendigen: „Ich will Dir viel Schmerzen machen, wenn Du schwanger bist, Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären,“ seitdem ist es ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben von Mutterleibe an, bis sie wieder in der Erde begraben werden, die unser Aller Mutter ist; da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod (Sirach 40, 1. 2). „Es währt siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen (Ps. 90, 10).“ Könnten wir das Alles erwägen, ohne Mitleid zu haben mit jedem Neugeborenen, der gleich uns die Bahn des Elends betreten und durchschreiten soll, und ohne die Freude über die Geburt zu mäßigen durch den Gedanken an die Sünde und das Elend, die mit dieser Geburt an das Erdendasein einmal unabänderlich geknüpft sind?

So oft sie denn wiederkehren in unserm Leben, die Jahrestage unserer Geburt, wir wollen sie feiern in fröhlicher Stimmung mit Dank gegen den Herrn beim Rückblick auf das, was Er an uns getan, und gerührten Herzens an uns vorübergehen lassen den Ort, wo unsere Wiege stand und unser kindlicher Fuß gewandelt und wir die glücklichsten Tage des Lebens am Herzen der Vater - und Mutterliebe sorglos und freudenreich verlebten, und alle die folgenden Tage und Jahre mit den Lehren, die sie uns gegeben, mit den Wohltaten, die uns zugeflossen, den Vorzügen vor vielen Hunderten, die uns zu Teil geworden, und den Bewahrungen, Errettungen, Durchhilfen, deren wir uns zu rühmen haben, und laut und fröhlich jubeln: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen; lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat. Ich will den Herrn loben, so lange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, weil ich hier bin“ (Ps. 103, 1.2. 146, 2). Dann aber wollen wir auch mit Ernst an unsere gehäuften Sünden denken und es nicht vergessen, dass wir um ein Jahr wieder unserem Ziele näher gekommen, dass Tod und Ewigkeit, Gericht und Rechenschaft unabweislich und vielleicht bald uns bevorstehen; wollen uns prüfen, ob wir die uns verliehenen Kräfte und Fähigkeiten zur Ehre Gottes und zum Heil unserer Seele gebraucht, ob wir Ihn allezeit vor Augen und im Herzen gehabt, ob wir seine Fügungen unterwürfig und ergeben angenommen haben, ob wir im Kleinen wie im Großen treu gewesen sind, und mit dem Pfunde gewuchert haben, das Gott uns anvertraute.

2.

Wie indes der Himmel höher ist, als die Erde, so steht auch die geistliche Geburt durch das Sakrament der heiligen Taufe höher, als die leibliche Geburt ans Licht der Welt, und hier erst verschwindet das trübe Bild vom Menschen und Menschenleben, das mehr oder weniger Jeden beim Gedanken an den Eintritt ins Leben ergreift und ergreifen sollte. Der Herr sagt: „Was vom Geist geboren wird, das ist Geist,“ und bezeichnet eben damit die Geburt durch den Geist für das höhere Glaubensleben oder die Wiedergeburt im Sakrament der Taufe, wie Er denn auch unmittelbar vorher gesprochen: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“

Noch ahnt das Kind gar nicht, was mit ihm vorgeht; es kennt weder seine Eltern auf Erden, noch seinen Vater im Himmel; es fühlt noch keine Dankbarkeit, keine Liebe, keine heilige Entschließung: da wird es schon gerufen von dem, der einst selbst ein Kind ward, um unsere Kindheit zu heiligen, und der die Kinder zu sich rief und sie herzte und segnete. Die vorbereitende Gnade arbeitet an seinem Herzen, und Arme der Liebe tragen es ihr zu, dass sie es zubereite zu ihrem Eigentum, und aus dem Kinde der Erde ein Kind des Himmels werden lasse. Es wird das Kreuz über das Kind geschlagen an Stirn und Brust, es wird über dasselbe gebetet und der Glaube bekannt, es wird endlich ihm die Taufe erteilt im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Zeugen stehen betend umher, mit ihren leiblichen Augen gewahren sie nichts als Wasser; aber mit den Augen des Geistes sehen sie wunderbar die Wiederholung jenes feierlichen Auftritts am Jordan, wo der Sohn Gottes selbst sich taufen ließ von Johannes und alle Gerechtigkeit erfüllte. Wie bei Ihm die feierliche Einweihung in seinen Beruf an der Spitze seines öffentlichen Lebens stand, so soll auch uns die Taufe das Geleit und den göttlichen Segen mitgeben auf den Gang durch unser irdisches Sein und Wirken. Wie bei Ihm die Stimme aus der Höhe erschallte: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe,“ so soll auch uns bei der Taufe nicht allein äußerlich der Name gegeben werden, den wir in der Welt zu führen haben, sondern auch innerlich die Gotteskindschaft und das Erbe der Heiligen im Licht. Wie über Christum der Heilige Geist kam zur Weihe für sein Wirken und Lehren: so soll auch unsere Taufe ein Bad der Wiedergeburt sein und der Erneuerung des Heiligen Geistes und der Bund eines guten Gewissens mit Gott. In der Taufe werden wir Christo eingepflanzt, zu Kindern Gottes angenommen, mit dem heiligen Geist gesalbt, und treten ein in Christi Unschuld und Gerechtigkeit. Der Herr sieht uns liegen in unserm Blute, in unsern Sünden und in unserm Elend, und spricht zu unserer Seele, indem Er uns darin liegen sieht: Du sollst leben! Es kann daher gar keinen größeren Schmuck und keine glänzendere Ehre geben, als die, welche im Sakrament der heiligen Taufe uns zu Teil wird. Da tritt der Herr vor uns hin und verbindet sich mit unserer Seele auf das allerengste und geheimnisvollste; da öffnet Er die Schätze seiner Gnade und gibt uns Verheißungen und Unterpfänder, Segnungen und Wohltaten, die bis in die Ewigkeit hinein fortlaufen und den Himmel erst zum Himmel machen; da offenbart sich eine Liebe ohne Grenzen und ein Erbarmen ohne Gleichen, und wir erfahren recht lebendig an uns die Wahrheit des Psalmworts, dass Gott seine Segnungen seinen Freunden schlafend gibt; wir erkennen es, dass im Christentum, wie im Leben überhaupt, Alles Gnade ist, dass nicht wir den Herrn erwählt haben, sondern Er uns, und dass Er uns gemacht hat, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide; wir müssen jauchzen mit der Epistel am Trinitatissonntage: „Welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt? oder wer ist Sein Ratgeber gewesen? oder wer hat Ihm etwas zuvor gegeben, dass Ihm werde wieder vergolten? Denn von Ihm, und durch Ihn, und zu Ihm sind alle Dinge, Ihm sei Ehre in Ewigkeit!“ Es ist ein treffendes, inhaltschweres Wort: „Wer nur einmal geboren ist, muss zweimal sterben; wer aber zweimal geboren ist, wird nur einmal sterben“; und das andere: „Ein getauftes Christenkind ist wie ein Königskind in der Wiege, dem die Krone gewiss ist und zugehört, obwohl es nicht darum weiß.“ Mit Recht nennen die alten Lehrer der Kirche die Taufe die Tür in den Himmel und die Freiwerberin des Reiches Gottes.

Ja noch mehr, wie Gott immer an die höchsten Wohltaten die geringeren als Zugabe oder als Aufnahm- und Bewahrungsmittel der ersteren anknüpft, so ist die Taufe nicht allein das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung des Heiligen Geistes, sondern auch der Eintritt in den Schoß der äußeren christlichen Kirche, in die Gemeinschaft der Jünger des Herrn; wir stehen als Getaufte nicht allein, sondern es bildet sich zugleich um uns herum ein Kreis von Glaubensgenossen, der unabsehbar über die ganze Erde sich ausbreitet, der alle Jahrhunderte und Jahrtausende umfasst, der durch seine Liebe und durch seine Fürbitten für unser Seelenheil mitsorgt, und durch seine Sitten, Vorstellungen, Empfindungen, Gesinnungen, Einrichtungen, Bildungs- und Erziehungsmittel uns für den Himmel vorbereitet und zu Bürgern macht im Gottesreiche. So empfängt uns Liebe von oben und von unten, Gott erklärt uns für seine Kinder um Christi willen, und die Menschen erklären uns für ihre Brüder um Christi willen, und Himmel und Erde reichen sich die Hand, uns zu beglücken und zu segnen. Wunderbares Bad der Wiedergeburt! Festtag unserer Kindheit, erster Festtag unseres Lebens, du Tag unserer Taufe! Fürwahr, unser Geburtstag wäre ein trauriger Tag, ein Tag schmerzlicher Rückerinnerung, und es könnte Gemüts- und Lebenslagen geben, wo wir mit Hiob und Jeremias ihn verfluchten, wenn du ihn nicht heiligtest, du Segenstag ohne Gleichen, wenn du ihm nicht Weihe und Bedeutung gäbest und das Wunder der Allmacht bei unserer Geburt verklärtest zum Wunder der Gnade bei unserer Wiedergeburt!

Vergleichen wir beide Tage miteinander, unsern Geburts- und unsern Tauftag, so müssen wir gestehen: wir legen in der Regel zu viel Wert auf unsern Geburtstag und machen uns zu wenig aus unserm Tauftag. Die meisten Menschen wissen nicht einmal, wann und wo sie die Weihe fürs Christentum empfangen haben, und schwelgen in den rauschendsten Lustbarkeiten und allen Zeichen elender Selbstvergötterung an ihren Geburtstagen, ohne im mindesten daran zu denken, dass sie ohne die darauf gefolgte Taufe die unglücklichsten und verwahrlosesten Geschöpfe, Kinder des Zornes und der Ungnade wären. Es ist wirklich unbegreiflich, wie ein solcher mehr auf die äußere Erscheinung als auf das innere Leben gerichteter Sinn in der Christenheit hat einreißen und sich erhalten können, und wie die Stimmen dagegen im Laufe der Jahrhunderte sich nicht lauter erhoben haben. Christ sein, steht doch unendlich höher als Mensch sein; ein Kind Gottes ist doch etwas anderes als ein Kind der Sünde; vom Geiste geboren sein, ist doch wahrhaftig eine bessere Geburt als die Fleischesgeburt, und wäre sie noch so ausgezeichnet und herrlich. lasst uns die Taufe und die Tauftage wieder zu Ehren bringen; lasst sie uns hoch stellen, recht hoch, wir können nicht hoch genug sie stellen und heilig halten, und jener fromme König Frankreichs im dreizehnten Jahrhundert, Ludwig der Heilige, hatte Recht, wenn er den Ort seiner Taufe (Poissy) besonders liebte und öfters besuchte, sich in seinen Briefen zur Erinnerung an seine Taufe unterschrieb: „Ludwig von Poissy,“ und zu sagen pflegte, es wäre ihm an dem Ort mehr Glück und Heil widerfahren, als an irgend einem andern, und als man ihm vorstellte, dass er gleichwohl zu Rheims die königliche Krone empfangen, antwortete: „Ja, aber zu Poissy habe ich die Christenkrone empfangen, und drei Hände voll Wasser achte ich höher als alle königliche Kronen.“ Unsere höchste Ehre, unser größter Reichtum, unsere unvergängliche Freude ist die Taufe! Das Taufwasser ist goldenes Lebenswasser, kräftiges Labsal und Gegengift gegen den Tod. Auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft, tragen wir einen hellen Schein um unser Haupt, den die Welt zu sehen nicht wert ist; tragen wir das Siegel des Gekreuzigten auf der Stirn und auf dem Herzen, und sind bekleidet mit dem Purpur des Blutes Jesu Christi. Wir sind reich, mächtig, geehrt, selig um unserer Taufe willen, und der Himmel steht uns offen bei Tag und bei Nacht; gelobt sei Gott in alle Ewigkeit!

So wollen wir sie denn heilig halten, die Taufe unserer Kinder, und wenn wir die Säuglinge und Lieblinge unseres Herzens am Tauftage von der Mutterbrust der Kirche zurück empfangen an unsere Brust, sie dem Herrn übergeben im heißen Gebete, ganz und gar; damit der, welcher sie erkauft hat mit seinem Blute, sie in der Taufgnade erhalten möge für und für. So wollen wir als Taufzeugen nicht leichtsinnig, gedankenlos, ungläubig und stumpfsinnig am Tauftische erscheinen; denn es ist ein Wunder der Gnade, das Gott der Heilige Geist an einer unsterblichen Menschenseele vollbringen will, und dieses göttlichen Gnadenwunders sichtbare Zeugen sollen wir dann sein; wie könnten wir in der Nähe des allmächtigen und allgegenwärtigen Herrn stehen, ohne zu Ihm aufzublicken und mit teilnehmender Liebe die zeitlichen und ewigen Bedürfnisse des Kindes dem Gott der Liebe zu befehlen? wie könnten wir die Stirn benetzen sehen mit dem sinnbildlichen Wasser, und das Jawort aussprechen, ohne an unsern eigenen Taufbund zu gedenken, und wie oft wir ihn gebrochen, ohne ihn zu erneuern, und in tiefer Reue und Buße von neuem um den heiligen Geist zu flehen, dass Er uns sicher führen möge auf dem Wege zur Seligkeit? Wenn wir das tun, welch ein Trost, welch eine Seelenstärkung wird dann in jeder Not des Lebens und der Seele es uns sein, dass auch uns in einer glücklichen und gesegneten Stunde der Herr durch sein Sakrament in seine Gnadengemeinschaft an und aufgenommen hat, und dass wir es wissen, seine Berufungen mögen Ihm nicht gereuen (Röm. 11, 29), Er ist getreu und kann sich selbst nicht leugnen (2. Timoth. 2, 13). Als Luther einmal in Wittenberg einen Professor, Namens Weller, betrübt und niedergeschlagen einhergehen sah, fragte er ihn teilnehmend, wie es ihm ginge? Der Professor entgegnete: er wüsste nicht, wie es ihm gehe. Da fragte ihn Luther: „seid Ihr denn nicht getauft?“ d. h. wie könnt Ihr so trostlos antworten, da Euch Gott an Kindesstatt angenommen hat und gewiss für Euch, wie für sein Kind, sorgen wird. Einem Christenmenschen kann es gar nicht anders als gut gehen. Diese Frage: „seid Ihr denn nicht getauft?“ begleite uns durch die Freuden- und Schmerzensstunden des Lebens, sie heilige unsere Freuden, sie lindere unsere Schmerzen, sie verkläre unser Dasein, sie helfe mit das apostolische Wort (Gal. 3, 27) an uns verwirklichen: „Wie viel euer getauft sind, die haben Christum angezogen.“

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