Bunyan, John - Pilgerreise - Drittes Kapitel.

- Pilgers Ankunft an der Pforte und Eingang.

Nachdem Christ so einige Zeit seinen Weg fortgesetzt hatte, kam er an der Pforte an. Über derselben stand geschrieben: „Klopfet an, so wird euch aufgethan.„ 1) Er that, wie es geschrieben, er klopfte ein-, zwei- und mehreremal, während deß sprach er in seinem Herzen:

„Mag ich hier wohl herein? Thut der da drin
Mir Armen auf, der ich gewesen bin
Ein scheußlicher Rebell? Thut Er's, dann sing' ich ewig seinen Ruhm.
Und opfre Dank Ihm bis in's höchste Heiligthum.“2)

Endlich erschien ein Mann mit ernstem und doch mildem Angesichte an der Pforte. Er hieß Gutwill, und fragte, wer da wäre, woher der Pilger käme und was er begehrte?

Chr. Hier ist ein armer beladener Sünder. Ich komme aus der Stadt Verderben und will nach dem Berge Zion, daß ich dem zukünftigen Zorn entrinnen möge. Da man mir nun kund gethan, daß der Weg dorthin durch diese Pforte geht, so möchte ich gerne wissen, ob ihr, lieber Herr, so gut sein wollt, mich einzulassen.

Gutw. Herzlich gern, sagte er, und machte damit zugleich die Pforte auf.3) Als Christ nun im Begriff war durch die Pforte zu gehen, zog ihn der Andere rasch herein. Was soll das bedeuten? fragte Christ. Da antwortete Gutwill: Ganz nahe bei dieser Pforte liegt ein festes Schloß, den Befehl darüber führt Beelzebub, von dort aus schießt er und die, welche bei ihm sind, seine Pfeile4) auf diejenigen ab, die an diese Pforte kommen. ob er sie nicht tödten möchte, bevor sie noch eingegangen. Da sagte Christ: ich freue mich und zittere. Als er nun eingetreten war, fragte Gutwill, wer hat dich hierher gewiesen?

Chr. Evangelist hieß mich hierhin gehen und anklopfen, wie ich denn auch gethan habe. Auch sagte er, daß ihr, Herr, mir angeben würdet, was ich weiter thun müßte.

Gutw. Eine offene Thür ist vor dir, und Niemand kann sie zuschließen.5)

Chr. Ach, so fange ich nun an den Gewinn meiner Wagnisse zu ernten!

Gutw. Aber wie ist es, daß du allein kommst?

Chr. Weil keiner von meinen Nachbarn seine Gefahr so klar erkannte, wie ich die meinige.

Gutw. Wußten einige von ihnen, daß du hierher gingst?

Chr. Ja, meine Frau und meine Kinder sahen es zuerst und riefen mir nach, ich sollte wieder umkehren; 'ebenso machten es einige meiner Nachbarn, allein ich hielt mir die Ohren zu und ging meines Weges.

Gutw. Aber lief dir denn Keiner von ihnen nach, der dich zu bereden suchte, daß du umkehren möchtest?

Chr. Allerdings, zwei, Störrig und Willig: aber als sie sahen, daß sie nichts bei mir ausrichten konnten, kehrte Störrig sporttreibend wieder um, aber Willig ging noch eine kleine Strecke mit mir.

Gutw. Allein, weßhalb ist er denn nicht, ganz mitgekommen?

Chr. Wir gingen miteinander bis wir an den Pfuhl der Verzagtheit kamen, da fielen wir plötzlich hinein. Das machte meinen Nachbar Willig verzagt, so daß er sich nicht weiter wagen wollte. Deßwegen arbeitete er sich auf der Seite, die nach seinem Hause hinliegt, aus dem Pfuhl heraus und sagte, ich möge seinetwegen das herrliche Land nur allein in Besitz nehmen: so ging er denn seines, ich aber meines Weges, er, Störrig nach und ich zu dieser Pforte.

Gutw. Ach, der arme Mann! Achtete er die himmlische Herrlichkeit so gering, daß er sie nicht werth hält, sich einigen Beschwerden auszusetzen, um sie zu erlangen?

Chr. Ja, ich habe von Willig zwar die Wahrheit gesagt, allein wenn ich sie auch von mir selbst sagen soll, so bin ich nicht besser, wie er. Es ist wahr, er kehrte nach seinem Hause zurück, aber ich wandte mich auch ab auf den Weg des Todes, und dazu ließ ich mich durch die fleischlichen Vorstellungen eines gewissen Herrn Weltklug bewegen.

Gutw. O! mit dem bist du zusammen getroffen? Was! der wurde dich zweifelsohne zu bereden suchen, dich bei Herrn Gesetzlich nach Erleichterung umzusehen. Sie sind, alle Beide rechte Betrüger. Aber folgtest du denn seinem Rathe?

Chr. Ja, so weit ich konnte. Ich ging, um Herrn Gesetzlich aufzusuchen; als ich aber an den Berg kam der bei seinem Hause liegt, glaubte ich, derselbe würde mir auf den Kopf fallen, darum fand ich mich genöthigt stehen zu bleiben.

Gutw. Dieser Berg hat schon so Manchem den Tod gebracht, und wird noch Vielen den Tod bringen.6) Es ist gut, daß du so davon gekommen und nicht von ihm in Stücke zerschmettert worden bist.

Chr. Ja, ich weiß wahrlich nicht, was dort aus mir geworden wäre, wenn ich nicht glücklicherweise Evangelist wieder, als ich gerade in der furchtbarsten Verlegenheit steckte, getroffen hätte. Aber es war Gottes Gnade, daß er abermals zu mir kam, sonst wäre ich niemals hierhin gekommen. So bin ich denn nun hier angelangt, ich, der ich eher werth bin, bei jenem Berge umzukommen, als mit euch, mein Herr, zu reden. Doch, ach! welche Gnade für mich, daß ich dennoch hier eingelassen worden bin!

Gutw. Wir weisen Keinen zurück, der hierher kommt, was er auch früher begangen haben mag: es wird keiner hinausgestoßen.7) Komm darum, lieber Christ, eine kleine Strecke mit mir, ich will dir den Weg zeigen, den du gehen mußt. Er liegt nahe vor dir, siehst du den schmalen Weg da? Er ist angebahnt von den Patriarchen und Propheten, von Christo und seinen Aposteln und so gerade wie an einer Schnur gezogen. Das ist der Weg, den du gehen mußt.

Chr. Sind aber keine Nebenwege und Krümmungen dabei, wodurch ein Fremdling vom rechten Wege abkommen könnte?

Gutw. Ach ja, es stoßen viele Wege daran, aber sind krumm und breit, und daran kannst du den rechten Weg von dem verkehrten unterscheiden, daß allein der rechte Weg gerade und schmal ist.8)

Ich vernahm nun in meinem Traume, daß Christ ihn weiter fragte, ob er ihm nicht von der Last auf seinem Rücken abhelfen könne? denn bis dahin war er ihrer noch nicht los, und konnte ihrer ohne Hülfe auch gar nicht los werden. Was deine Last angeht, sagte Gutwill, so trage sie mit Geduld, bis du zu dem Orte der Erlösung kommst, denn dort wird sie dir von selbst vom Rücken fallen.

Hierauf gürtete Christ seine Lenden und machte sich reisefertig. Nun sagte ihm Gutwill noch, wenn du ein wenig von der Pforte weg bist, dann kommst du an das Haus Ausleger, da mußt du anklopfen, und er wird dir herrliche Dinge zeigen9). Darnach nahm Christ Abschied von seinem Freunde und dieser wünschte ihm Gottes Geleit auf seiner Reise.

1)
Matth. 7, 7.
2)
Die reumüthige Seele wendet sich verlangend, hoffend und gelobend an Christum, der die Thür des Lebens ist. Joh. 10,7.9.
3)
S. Jes. 66,2. Ps. 10,17. 34,7. 66,18-20.
4)
S. Ephes. 6,16. Pfeile des Satans unreine, böse, gotteslästerliche Gedanken, die er in dem Herzen der Menschen erregt, um sie in allerlei Sünde, namentlich auch in Zweifel, Zagen und Verzweiflung zu stürzen.
5)
Offenb. 3, 8.
6)
S. Gal. 3,10.; 5,4.
7)
Joh. 6,37.
8)
Matth. 7,14.
9)
2 Kor. 5,20. Jes. 52,6.