Paulus hat durch die Aufschrift des Briefs seinem Wort das ganze Gewicht einer göttlichen Botschaft beigelegt. Er bezeichnet sich bestimmt und deutlich als von Gott beauftragt, um in Gottes Namen zu reden. Er ist nicht von Menschen noch durch einen Menschen gesandt. Er leugnet, dass Menschen die Urheber seiner Sendung seien, so dass sein Botenamt auf der Menschen Meinung, Wort und Wille stände und er in ihrem Dienste spräche; ja der Mensch war nicht einmal das dienende Werkzeug, durch welches Gott ihm seinen Beruf übermittelt hat. Auch wenn sein Auftrag von Gott herstammte, könnte er ihm doch durch eines Menschen Vermittlung übertragen sein, etwa wie Elia Elisa berief und Samuel David salbte. Allein bei seinem Apostelamt hat der Mensch in keinem Maß die Hand im Spiel. Dasselbe ist in jeder Hinsicht ausschließlich Gottes Werk und Christi Tat.
„Von Menschen oder doch durch Menschen,“ das ergibt die natürliche Regel, nach der ein Menschenleben wächst. Wir sind nichts ohne die menschliche Gemeinschaft, in der wir stehen. Auch was wir an göttlichen Gaben haben, bildet ein Gemeingut, das durch der Menschen Dienst zu uns gelangt. Paulus verachtet die natürliche Einrichtung des menschlichen Lebens nicht und stellt seinen Weg nicht als die gemeine Regel hin. Seine Gemeinden haben das Evangelium nicht ohne Mitwirkung eines Menschen, sondern durch den Apostel empfangen, dürfen es aber deshalb nicht gering schätzen. Es bleibt auch so Gottes Wort und Kraft. Aber ihn selbst hat Gott nicht auf diesem Naturweg berufen. Er ist ein Wunder Gottes. Was Gott an ihm getan hat, ließ alle natürlichen Vermittlungen hinter sich zurück. Sein Christenleben ist ein neuer Anfang, unmittelbar von Gott gesetzt. Dieses Wunder in seiner Berufung hält er als das Siegel seiner Sendung von oben denen vor, die ihn fragen: aus was für einer Vollmacht handelst du?
Nicht von Menschen, noch durch einen Menschen darin liegt vor allem: nicht durch mich selbst. Wer sich aus der menschlichen Gemeinschaft löst, weil er sich selber gefällt und sich selbst erhöht, wer den Dienst der andern verschmäht, weil er meint, nichts empfangen zu müssen, wird seiner Überhebung wegen fallen. Paulus darf so reden, weil er in der klarsten Gewissheit steht, dass er nicht durch eigene Wahl Apostel geworden ist und nicht durch eigene Arbeit sein Evangelium hervorgebracht hat. Es ist nicht sein Gebilde, nicht das Produkt seines Denkens und seines Fleißes. Hat er's auch nicht aus eines Menschen Hand empfangen, empfangen hat er's doch. Er ist Apostel durch Jesus Christus und Gott den Vater. Alles, was er hat, ist ihm durch Jesus gegeben. Die Wahrheit, Erkenntnis und Vollmacht, die in ihm ist, ist Jesu Werk in ihm. Von ihm weiß er sich völlig abhängig. Er sieht sich als eine Schöpfung Jesu an, und darum ist er eine Schöpfung Gottes. Nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott den Vater, - wir sehen, auf welche Seite Paulus Jesum stellt: nicht auf der Menschen, sondern auf Gottes Seite. Was Jesus tat, hat nicht der Mensch getan. Das Werk Jesu ist eins mit dem Werke seines Vaters, als in des Vaters Wille entsprungen und mit des Vaters Kraft vollführt. Paulus fasst mit völliger Sicherheit in Jesus Gottes Hand: Jesus hat's getan, also Gott.
Weil er durch Jesus und durch Gott zum Boten bestellt ist, ist er's auch für Jesus und für Gott. Von dem, der den Auftrag gibt, hängt auch der Inhalt desselben ab. Wir wissen schon hierdurch, was uns Paulus sagen wird. Er wird uns Bericht von Jesus geben und von Gott und von beider Werk als von einem einigen Werk.
Darum fügt er sofort bei: Der Jesum von den Toten auferweckt hat. Er erinnert damit nicht bloß an die besondere Weise seiner Berufung, die erst durch den Auferstandenen geschehen ist, sondern sagt damit, warum und wozu er Bote Christi und Gottes ist. Daraus, dass er der Bote eines aus dem Tode Auferweckten und Auferweckenden ist, ergeben sich sofort die wichtigsten Folgerungen. Was bedeuten die sämtlichen Unterschiede zwischen den Menschen noch für ihn? Was kann ihm darauf ankommen, ob einer ein Skythe, Grieche, Jude oder irgendetwas andres sei, beschnitten oder unbeschnitten, verständig oder unverständig? Diese Unterschiede haben alle nur zeitliche und irdische Bedeutung. Der Auferstandene steht über allen, allen gleich fern, allen auch gleich nah. Wie sollte seine Botschaft auf der Menschen Werk und Kraft bauen können? Sie zielt auf himmlisches Wesen und ewiges Leben, auf Herrlichkeit der Auferstehung, uns bereitet in dem, der für uns auferstanden ist. Bote des Auferstandenen sein, das heißt die göttliche Gnade verkündigen und ihre Gabe dem Glauben darbieten.
Paulus schreibt seinen Brief zugleich im Namen aller Brüder, die bei ihm sind, V. 2. Es liegt hierin eine schöne Ergänzung zum ersten Wort. Dort hat er sich von den Menschen abgesondert. Er hat niemand als seinen Lehrer vor sich, ist unter niemand gesetzt und niemand zu Dank verpflichtet für sein Evangelium. Aber das bedeutet nicht, dass er allein reden und regieren will. Vielmehr, nachdem er sich in Christo auf Gott allein gegründet hat, zieht er nun die Menschen zu sich heran und tritt unter sie als einer von ihnen, dass sie mit ihm reden und mit ihm arbeiten in Christi Dienst. Diese sorgsame absichtliche Pflege der Einheit und Gemeinsamkeit ist die andere Seite am Verhalten des Paulus, die wir mit dem Bewusstsein besonderer Berufung und Macht verbinden müssen, damit unser Bild des Apostels vollständig sei. Und wenn er nun den Gemeinden sagt, dass er um sie bekümmert ist, und ihnen zuruft: bleibt bei dem, was ihr empfangen habt, so soll es auch diesen ein eindringliches Merkzeichen sein, dass auch alle Brüder ebenso urteilen, wie er selbst.
Der Brief ging an die Gemeinden Galatiens, welchen Namen große Scharen, die von den Donauländern her einwanderten, nach dem inneren Kleinasien gebracht haben. Die wechselnde Geschichte dieser Stämme können wir hier beiseitelassen; sie hilft uns zum Verständnis des Briefes nichts. Es lässt sich auch nicht sagen, was für Städte Paulus speziell im Auge hat, und wie weit er den Kreis der Gemeinden zieht, an die sein Brief gerichtet ist. Dagegen zeigt schon die knappe Art der Überschrift, dass Paulus ein ernstes Wort mit den Gemeinden sprechen will. Er schreibt, weil jüdische Christen denselben zum Anstoß geworden sind. Einige Männer sind zu ihnen gekommen, die das Gesetz rühmten, sich als Kinder Abrahams seligpriesen und die Christen aus den Heiden lockten, auch ihrerseits durch die Beschneidung Israel beizutreten und dem Gesetze sich zu unterziehen. Ihr Rat machte Eindruck auf die Gemeinden; dieselben nahmen eine jüdische Haltung an.
Dergleichen Bewegungen waren in gewissem Maß in der ersten Christenheit unvermeidlich. Das Gesetz regierte als ein mächtiger Herr das ganze Denken und Trachten der Judenschaft. Das kam von der ganzen alten Geschichte des Volkes her und war die Frucht der vielfältigen Bezeugung Gottes, die es erlebt hatte. Nach dem früheren Widerstreben war es endlich dahin gekommen, dass der Jude durchdrungen war von der Heiligkeit des Gesetzes und der Wichtigkeit des Unterschieds zwischen den Juden und Heiden und dem unermesslichen Vorzug Israels. Daran war durch das Kommen Jesu nichts geändert worden. Im Gegenteil, dasselbe brachte dem Gesetz und den Propheten vollends die göttliche Bestätigung. Der Verheißene, von dem die Schrift geredet hatte, war gekommen; Gott hatte das Wort derselben wahr gemacht und seinen Bund mit Israel aufs Neue besiegelt. Niemand konnte weniger daran zweifeln, dass das Gesetz von Gott gegeben und Israel zum Volke Gottes ausgesondert sei als die, die an Christum glaubten. War in denselben heller Einblick in die Gnade Christi und lautere Aufrichtigkeit der Buße, dann mischte sich der Gedanke an Israels Vorzug nicht mit menschlichem Ruhm und aufgeblähter Eitelkeit, und dann war alles rein und recht. Wo aber Jesu Beruf und Gabe nur mit mattem Blick und schwachem Verlangen ergriffen war, da konnte es nicht ausbleiben, dass der Judenstolz ungebrochen durch Taufe und Bekehrung auch in die Christenheit hinüberging. Kamen nun solche Juden mit oder ohne geheime Nebenabsicht zu den in den heidnischen Landen zerstreuten, vereinsamten Gemeinden, so wurden sie natürlich mit Freuden aufgenommen, besonders wenn sie von Jerusalem waren. Ihr Kommen war ein lebendiges Zeugnis für die Einheit und Verbundenheit der Kirche, und brachte den Gemeinden neue Nachricht über die großen Geschichten, mit denen ihr ganzes Herz beschäftigt war, Bericht über die Apostel und über den Stand der ersten Christenheit. Allein solche Leute brachten nicht bloß das; sie trugen auch ihr jüdisches Selbstgefühl zur Schau, betonten, ein gläubiger Jude sei doch mehr als ein gläubiger Heide, und seine Stellung vor Gott höher und sein Anteil am Himmelreich sicherer als der eines Heiden, und gaben diesen zu verstehen, dass sie in der Kirche doch bloß geduldet seien, weil sie dem Gesetz Gottes nicht untertan wären und vom Volke Gottes sich geschieden hätten. So wie wir Menschen sind, ist's vollständig begreiflich, dass die Heiden hinter ihnen nicht zurückstehen und nicht weniger fromm erscheinen wollten als sie, dass sie auch nach so hohen Dingen strebten, nach so sicherer Versiegelung der Seligkeit und so vollkommener Heiligkeit. Es sind seither in der Kirche unzählige Dinge unter dem Titel Gottesdienst und Frömmigkeit geschehen, die noch ungleich finsterer, geistloser und dem Glauben an Jesus widerwärtiger gewesen sind als die jüdischen Neigungen der Galater. Die Galater waren durch den an sich wahren Gedanken geblendet, es sei Gottes Gesetz, dem sie sich unterwerfen, und Gottes Volk, dem sie beitreten.
Solchen Bewegungen stand die Erinnerung an Paulus und sein Evangelium im Weg. Es ist ohne Zweifel in den Gemeinden viel über Paulus verhandelt worden. Seine Lebensgeschichte wurde durchgesprochen, sein Apostelberuf erörtert. Den jüdischen Männern lag's daran, die Gemeinden von ihm abzulösen. Sie haben ihn unter die ersten Apostel herabgesetzt und den Gemeinden vorgegeben, an der Meinung des Paulus liege nicht viel; sie dürften sich durch seinen Widerspruch nicht in ihrem Eifer für Gottes Gesetz aufhalten lassen. Sie wiesen nach Jerusalem, wo die Apostel von den gesetzlichen Ordnungen nicht gewichen waren. Dort sehe man, was vollkommener Gottesdienst sei. Wie ihnen die gläubige Judenschaft als die rechte und echte Gemeinde galt, so hoben sie auch die Apostel in Jerusalem als die rechten und echten Hauptapostel hervor. Sie erhöhten Petrus und setzten Paulus unter ihn.
Solchen Verkleinerungen seines apostolischen Berufs sind schon die ersten Worte seines Briefs entgegengestellt. Dieselben schieben alle Vorwände auf die Seite, mit denen man sich das Gewicht seiner Warnung verbergen wollte. Diejenigen, die er selbst zu Christo gebracht hatte und die seine helle Erkenntnis und glühende Liebe erfahren hatten, die haben ihn sicher niemals verachtet, sondern jederzeit mit Dankbarkeit und Bewunderung von ihm geredet als von einem hochbegabten, eifrig dem Evangelium ergebenen Mann. Aber solche Bewunderung und Hochschätzung für seine eigene Person galt dem Apostel nichts. Er verlangt etwas anderes, größeres, dass sie Christum durch ihn hören und in Christo Gott. Gehorsam will er haben, nicht für sich und sein eigen Fleisch und Blut, wohl aber für den, der durch ihn zu ihnen spricht. Sein Wort soll sie binden mit der heiligen Macht des göttlichen Worts. Darum fängt er seinen Brief mit der Bezeugung an, dass durch seinen Dienst Christi und Gottes Wort zu ihnen kommt.
Nicht Zorn und Verdruss haben ihm die Feder geführt. Ein Strom von Empfindungen geht warm durch seinen Brief: Besorgnis und Furcht für die Gemeinden, Unwille gegen ihre Verderber, Strafernst im Blick auf deren Bosheit, Zärtlichkeit in der Erinnerung, wie nahe ihm die Gemeinden stehen, Mut und Zuversicht, dass das Evangelium mächtiger sei als alle Lügen der Verführung, aber nicht Ärger und gereizte Empfindlichkeit. Darum beginnt er auch hier mit dem fürbittenden Segenswunsch, der die himmlischen Güter den Gemeinden zuwendet, Gnade, die uns mit Frieden umgibt, von Gott und Christo, deren einträchtige Gnade für uns Menschen das Licht unseres Lebens ist. Der Zusatz, den er hier noch beifügt, zeigt auf das Werk Jesu hin, durch welches uns Gott und Christus ihre Gnade erzeigten und den Frieden bereiteten, und legt das Fundament zum ganzen Christenglauben. Vergessen wir das Eine nicht, was Jesus für uns getan hat, so sind wir vor aller Verirrung geschützt und bleiben bei der Gnade und kehren nicht zum Gesetze um. Dann sehen wir nicht auf den Glauben herab, als wäre er etwas geringes, sondern achten es für unsre Seligkeit, dass wir uns an Christum halten dürfen.
Er hat sich selbst unsrer Sünden wegen hingegeben, V. 4. Darin liegt der Glaubensgrund, in dieser Liebe Christi, kraft deren er sich von uns nicht geschieden hielt um unsrer Sünde willen, vielmehr gerade unsrer Sünden wegen sich selbst drangegeben hat in seinem Gang ans Kreuz. Paulus sagt uns, was er mit seinem Sterben für uns erworben hat.
Wir sind Glieder einer argen Welt, in deren Art und Geschick wir verslochten sind. Menschen und Dinge um uns her tragen ein arges Gepräge und wir selber auch. Dieser gegenwärtigen Welt steht die zukünftige entgegen. Weil sie arg ist, ist sie nicht die bleibende; erst die zukünftige ist's. Diese wird von Gnade und Herrlichkeit durchwaltet sein; jene dagegen vergeht und ist unter Gottes Gericht gestellt. Dass wir aus diesem verderblichen Zusammenhang mit dieser argen Welt herausgenommen und in die zukünftige Welt eingebürgert werden, das ist die Hilfe, deren wir bedürfen, und das ist Jesu Ziel in seinem Tod. Mit seinem Sterben hat er das Band entzwei gerissen, das uns an diese arge Welt gebunden hält und uns bei ihrem Fall mitbegräbt, und uns in die neue und zukünftige Welt eingepflanzt, in die er selbst durch seinen Tod emporgestiegen ist. Damit sind wir vom Gesetz abgelöst. Mögen wir auf unsre Sünden sehen, um deren willen Jesus stirbt, oder auf seine Liebe, die er uns mit seinem Tod erweist, oder auf die arge Welt, in der wir stehen, oder auf die zukünftige Welt, deren Glieder und Erben wir durch seinen Tod geworden sind, all das lässt dem Gesetz keinen Raum in unsern Herzen mehr. Uns Sündern hilft kein Gesetz aus unsrer argen Welt heraus; es gehört selbst zu dieser gegenwärtigen Weltgestalt. Und wer Jesu Liebe kennt und aus seiner Hand das Bürgerrecht in der zukünftigen himmlischen Welt empfangen hat, der hat, was er braucht, und sucht es nicht anderswo als bei Jesus und sucht es nicht beim Gesetz.
Mit seinem Tod hat Jesus dem Willen Gottes gedient und ihn vollbracht. Das ist das Köstliche, die Freude und Zuversicht im Blick auf Jesu Kreuz, dass hier Gottes Wille geschehen ist. Eine solche Erlösung hat Gott für uns gewollt. Daher erhebt sich im Apostel im Blick auf Jesu Tod der Preis Gottes und er schaut empor zu seiner ewigen Anbetungswürdigkeit.
Dem Gruß lässt Paulus sofort sein Urteil folgen über die Vorgänge, die sich in den Gemeinden zutrugen. Die Belehrung und Beweisführung gibt er erst hernach. Zuerst sollen sie mit aller Bestimmtheit wissen, was ihre jüdischen Neigungen in seinen Augen sind. Die Galater wollten Christus nicht verleugnen. Die jüdischen Männer, die sie verlockten, waren auch „Christen“ und priesen Christus als Herrn und König im Himmelreich und erklärten auf ihn zu hoffen. Sie wollten Christus und das Gesetz, den Glauben an Jesus und die Beschneidung zusammenfügen. Sie werden sich eingeredet haben, sie gäben im Grunde nichts von dem preis, was sie durch Paulus empfangen hätten, sie blieben ja gläubig und Christo untertan, sie machten nur einen Schritt voran zur Vollendung ihres Christenstandes, wenn sie sich auch noch. unter das Gesetz stellten und dem Volke Gottes einverleibten. Sie verdecken sich den Widerstreit zwischen dem Evangelium und ihrem neuen Weg zur Seligkeit. Solche Einbildungen zerstört Paulus sofort. In seinen Augen sind diese Dinge nicht verträglich und ihre neuen Neigungen nicht unschuldig. Sie können den neuen Weg nicht gehen, ohne vom alten abzutreten, nicht nach dem Gesetz greifen, ohne Christum fahren zu lassen. Darum erhält sein Wort einschneidenden Ernst. Der Zwiespalt zwischen ihm und den jüdischen Männern muss heraus ans Licht. Es soll Klarheit an die Stelle der Selbsttäuschungen treten. Die Gemeinden sollen wissen, was sie verlieren, sollen wissen, dass sie verführt werden, vom Evangelium abtreten und die Weisung des Apostels verachten, wenn sie aus ihrem jüdischen Eifer nicht umkehren. Dann erst, nachdem er die Gemeinden aufgeweckt hat aus ihrer leichtsinnigen Sorglosigkeit und die Bedeutung ihrer Entscheidung ihnen fühlbar geworden ist, tritt er belehrend auf die Frage ein, die sie bewegt.
Ich wundere mich, sagt er, V. 6, und spricht ihnen damit aus, dass sie keinen Grund haben für ihren neuen Weg. Und das Grundlose, Törichte an ihrem Verhalten hebt er ihnen nun ans Licht. Sie werden weggebracht von dem, der sie berufen hat. Gott hat ihnen gerufen. Was soll der Mensch tun, wenn Gott ihm ruft? Soll er nicht kommen? Sein Ruf ist ja die einladende Stimme seiner Gnade. Er ruft ihn zu sich, damit er teil habe an den Gütern seines Hauses. Und sie lassen sich wegschieben von dem, der ihnen rief. Das war freilich nicht die Meinung der Galater. Sie meinten, sie blieben bei Gott, ja sie kämen ihm noch näher, dienten ihm noch williger, und seien noch sicherer eingeschlossen in seine Verheißung durch ihr Judentum. Von Gott wegtreten, das ist unfromm. Solch unfrommes Widerstreben gegen Gott ist der böse bittere Kern ihrer neuen Frömmigkeit. Es kann sich ja nicht darum handeln, dass wir selbst Mittel und Wege ersinnen, wie wir Gott Dienst erzeigen wollen. Diese selbstgemachte Frömmigkeit ist nichts als Unfrömmigkeit. Sie ist Gott nicht untertan und behandelt Gott nicht als Gott, sondern erhebt sich gegen ihn. Höre, wenn Gott dir ruft; komm, weil er dich zu sich lädt. Das ist Frömmigkeit.
Gottes Ruf ist ihnen durch Christi Gnade überbracht worden. Damit, dass Christus zu uns kam und für uns Gnade hat und mit dem Reichtum der göttlichen Liebe uns sucht, sind wir zu Gott geladen. Wer Christum ablehnt, schlägt Gottes Ruf aus. Nun ist's doch wahrlich verwunderlich, dass ein Mensch Gottes Berufung ausschlagen kann, die doch darin besteht, dass Gott Christum zum Bringer der Gnade für uns macht. Grund findet sich hierzu nirgends, weder in Christo noch in Gott. Christi Gnade verdient keinen Vorwurf und Gott hat ihnen das Höchste gegeben, dadurch dass er sie unter Christi Gnade stellt.
Es ist leicht möglich, dass die Galater das Gleichnis Jesu auch schon gehört hatten von den Gästen, die zum Hochzeitsmahl geladen waren und doch nicht kommen wollten. Vorerst, wenn sie sich nicht noch eines bessern besinnen, treten sie der Zahl jener vergeblich geladenen Gäste bei. Wie Jesus mit jener Geschichte die Torheit solcher Gäste uns ans Herz legen will, so tut es Paulus auch hier.
Die Abwendung von Christi Gnade ist noch mehr als Torheit, sie ist Undank, bösartige Versündigung. Nichts bindet und verpflichtet so innerlich und vollständig als Gnade. Gnade ist die Liebe, welche die Hindernisse durchbricht und zu dem in seiner Sünde hassenswerten Menschen niedersteigt. Dieser Höhepunkt der Liebe, wo sie bis in unsere Tiefe sich herniederneigt, das ist das heiligste Band, mit dem Gott den Menschen inwendig erfasst und an sich zieht. Wer das zerreißt, der hat große Schuld.
Und dies geschah so rasch, als wären Gottes Ruf und Christi Gnade Dinge ohne jeden Wert, die man unbesehen auf die Gasse wirft. Die Bewegung in Galatien hatte die Art aller schweren Versuchungen: sie kam plötzlich als ein starker Stoß. Einige drängende Eiferer rissen die Gemeinden mit sich fort. Ob man das Gesetz übernehmen wolle, das war keine Frage, über die man sich lange besinnen konnte. Es war eine Sache des Entschlusses und der erregten Leidenschaft. Aber Paulus schmerzt es, dass sie so wenig Kraft des Widerstandes bewiesen haben und sich so bald aus der Burg ihres Glaubens heraustreiben ließen und Gott so leichten Sinnes den Rücken kehrten, als wäre seine Berufung ohne Kraft und Wert.
Was lockt sie denn? Ein andres Evangelium. Evangelium meinen sie auch bei den jüdischen Männern zu finden. Aber Paulus zerstört diese Hoffnung schon dadurch, dass er es ein anderes Evangelium nennt. Eine zwiespältige Botschaft Gottes an uns gibt es nicht. Ein einiges Gnadenwort hat uns Gott gegeben. Nicht ein andres höheres und reicheres Evangelium, sondern Verwirrung und Verkehrung des Evangeliums Christi findet bei ihnen statt.
Paulus unterscheidet in seinem Urteil deutlich zwischen den Gemeinden und denen, die ihnen zum Anstoß wurden. Er spricht auch zu den Gemeinden ernst und doch schonend. Sie wissen nicht, was sie tun; sie sind in eine blinde Aufregung hineingetrieben und verwirrt. Die jüdischen Männer dagegen wissen, dass sie dem Evangelium widerstehen, und täuschen sich nicht darüber, dass das, was sie predigen, nicht von Christus stammt, sondern ihm zuwider ist. Sie haben die volle Verantwortlichkeit für ihre Umtriebe.
Das Evangelium Christi - das ist das einige Evangelium, neben dem es kein zweites gibt. Auf ihn geht es zurück; er hat's gebracht und von ihm handelt es; ihn stellt es uns dar. Das ist die klare Scheidelinie, die feststellt, was wir Evangelium nennen dürfen. Gottes gnadenvolles Wort besteht darin, dass er uns Christus zeigt und uns zu Christo ruft. Dass uns Gott Christus gegeben hat zum Herrn und Haupt und uns Christo übergeben hat zu seinem Eigentum, an dem er sich verherrlicht in der Macht seiner Gnade, das ist das Evangelium.
Davon treten die jüdischen Männer ab, wenn sie ihr Judentum und Gesetz als die Bürgschaft des göttlichen Wohlgefallens preisen und als ihr Band mit Gott, das sie zu Gliedern seines Reiches machen soll. Sie wollen eine andere Gnade haben als die, welche in Christo für uns erscheint, eine Gnade, die dem Juden gelten soll, und wollen das Himmelreich auf andere Weise empfangen als aus Christi Hand, nämlich durch den Dienst des Gesetzes. Das ist der Umsturz des Evangeliums Christi.
Wer das Evangelium Christi zerstören will, steht unter dem Fluch, V. 8, und Paulus fürchtet sich nicht, mit demselben in aller Bestimmtheit diejenigen zu bedrohen, die in Galatien die Gemeinden von Christo abführen. So gewiss das Evangelium eine wahrhaftige Gnade in sich hat, so gewiss steht die Zerstörung desselben unter dem göttlichen Fluch. Paulus ist auch in diesem Wort nichts anderes als der Bote des lieblichen und heilsamen Evangeliums. Eben die Wahrheit der Gnade macht, dass man sie nicht ungestraft antastet und verstößt.
Der Fluch, den Paulus ausspricht, schließt jene Juden nicht nur aus der Gemeinschaft mit ihm selber aus, sondern stellt sie unter Gottes Gericht. Er scheidet sie von Christo ab, und schließt ihnen das Himmelreich zu. Es handelt sich hier nicht nur um die Kirchengemeinschaft, sondern um Gottes Urteil, das ihnen die göttliche Gnade und Gabe versagt. Paulus braucht die Vollmacht, die Jesus seinen Jüngern gegeben hat, das Himmelreich nicht nur auf-, sondern auch zuzuschließen, Sünden nicht nur zu vergeben, sondern auch zu behalten, und er braucht sie in der Gewissheit, dass, was er auf Erden tut, im Himmel gültig ist. Es leitet ihn hierbei nicht Leidenschaft, sondern die göttliche Regel, dass Gottes Evangelium ein Heiligtum ist, das der Mensch nicht entweihen und verkehren kann, ohne dass er daran verdirbt, und dass Christus eben darum, weil er zum Felsen der Rettung für uns gesetzt ist, auch der Stein des Anstoßens ist für alle, die gegen ihn anlaufen. Mit diesem Urteil war auch den Gemeinden gesagt, was sie zu tun haben. Mit ihrer Bewunderung und Hingebung an solche Männer ist es aus, nachdem dieselben mit dem Fluch Gottes belastet sind. Sie sollen sich von ihrer Lehre und Leitung sondern, für sie sich fürchten, und Gottes Ernst ehren in heiliger Scheu.
Dabei liegt es dem Apostel daran, hier keine Ausreden aufkommen zu lassen, als wäre ihr Widerspruch nur gegen Paulus und seine Predigt gerichtet, und nicht gegen Christus und sein Evangelium. Das, was Paulus ihnen verkündigt hat, und was sie von ihm empfangen haben, das ist das einige und heilige Evangelium Gottes, dessen Widersacher vom göttlichen Fluch getroffen sind. Ohne diese Gewissheit wäre Paulus kein Apostel mehr. Ist seine Predigt Gottes Wahrheit, so kann er niemand mit ihr markten lassen. Die Wahrheit bindet, wie ihn selbst, so auch die Gemeinden, und richtet die, welche ihr widerstreben. Ist seine Predigt Gottes und Christi Wort, so ist sie nicht biegsam, so dass sie jeder nach seinem Geschmack umbilden dürfte. Gottes Wort ist nicht dem Belieben des Menschen preisgegeben. Es steht über ihm und ist ihm zum Regenten gesetzt.
Nun war ja freilich die Predigt des Paulus die Frucht seiner besonderen Lebensführung, und entspricht dem Maß der Gnade, das ihm persönlich zugemessen war. Darum unterscheidet sie sich von der Predigt der andern Apostel. Jakobus spricht anders als Paulus, und Johannes oder Petrus hat wieder seine eigene Sprache. In jedem Apostel erhält das Evangelium seine besondere Gestalt als der treue Ausdruck ihrer eigenen Persönlichkeit. So soll es auch in uns selber sein. Es soll sich mit unserer eigenen geistigen Gestalt verbinden, so dass es unser eigenes Wort wird mit seiner besonderen Art und Klarheit, und nicht die bloße Wiederholung des Bibelworts. Allein weil der Apostel kein geist- und willenloses Instrument des göttlichen Wortes war, weil ihn Gott gerade durch seine besondere Begabung und Führung zum lebendigen Ausdruck seines Evangeliums gemacht hat, deshalb hört sein Wort nicht auf, Gottes Wort zu sein. Eben in dieser menschlich wahren, persönlich erlebten und angeeigneten Gestalt seiner Predigt spricht Gott zu uns. Und die Mannigfaltigkeit der Predigt, die daraus entsteht, fließt aus einer und derselben Quelle. Derselbe Christus leitet und bildet alle seine Boten; derselbe Gott bietet uns seine einige Wahrheit und Gnade durch sie alle an. Eine starke Einheit hält sie zusammen. Man tastet nicht einen einzelnen aus ihrem Kreise an, ohne sie alle zu verletzen. Darum durfte Paulus getrost sagen: es gibt nichts in der Welt, was euch bewegen dürfte, mein Wort fallen zu lassen. Was dasselbe schwächt und beseitigt, das ist nicht mehr Evangelium und Gottes Wort.
Er mildert seinen Fluch dadurch, dass er ihn nicht direkt mit Namen auf die Verführer fallen lässt. So wird er für sie zu einer Drohung, die ihnen den Weg noch offen lässt, von ihrem verderblichen Treiben abzustehen. Zugleich hat er auch sich selbst nicht von demselben ausgenommen; dadurch bezeugt er, dass er nicht für seine eigene Person und Ehre eifert. Nicht darum, weil er es ihnen sagt, sind die Gemeinden an sein Wort gebunden. Wenn er ihnen etwas anderes sagte, so gälte sein Fluch auch ihm. Die Heiligkeit und Ewigkeit seines Wortes liegt an dem, was er sagt, liegt daran, dass es Christum offenbart, Christi Werk darstellt, Christi Gnade anbietet und damit Gottes heiligen und ewigen Rat ausspricht.
Wenn er nicht einmal die himmlischen Boten von seinem Fluche ausnimmt, so wirft er damit alle Gegengründe beiseite, durch die etwa die Abwendung von seinem Wort gerechtfertigt werden könnte. Brächte ein Engel vom Himmel ein anderes Evangelium, so schiene dies ja die sicherste Beglaubigung desselben. Wer könnte da noch zweifeln? Auch so dürften wir nicht wanken von dem, was uns gegeben ist. Mögen sich die Bestreiter des Evangeliums berufen auf wen sie wollen, mögen sie noch so sehr schimmern im Glanz einer leuchtenden Frömmigkeit und ihre Gründe noch so bestechend als Wahrheit sich darstellen, nichts darf uns das apostolische Wort zweifelhaft machen, nichts uns wieder abwenden von dem, was wir von ihm erhalten haben. Paulus hat den Grund gelegt; ein anderer baut darauf. Aber er gibt uns die wichtige Regel, wie solches Wachstum allein fruchtbar in uns gedeihen kann, nicht so, dass wir, ob dem neuen wieder preisgeben was wir haben, und die Wahrheit wieder fraglich machen, die uns eingepflanzt worden ist. So kommt man niemals in einen festen, wahrhaft fortschreitenden Christenstand. Es kann keine höhere Instanz, kein heiligeres Besitztum für uns geben, als die Wahrheit und Erkenntnis, die uns verliehen ist. Nichts im Himmel und auf Erden darf uns bewegen, wieder fahren zu lassen, was uns von Gott her gegeben war.
Paulus benutzt den durchdringenden Eindruck, den sein Fluch gegen alle Bestreiter seiner Predigt auf die Gemeinden machen musste, um ihnen den inneren Beweggrund zu zeigen, der ihn bei seiner gesamten Tätigkeit leitet. Lernt mich hier kennen, sagt er ihnen, V. 10. Da habt ihr den echten Paulus vor euch; da seht ihr, was ich bin und was mich treibt, und könnt ermessen, wie viel mir am Beifall der Menschen liegt. Wäre sein Ziel, die Zustimmung der Menschen zu gewinnen, wollte er möglichst viele auf seine Seite ziehen und ihr Lob ernten, dann stände er nicht mit so unbeugsamer Festigkeit Wacht bei seinem Evangelium, damit niemand es antaste, dann wäre er geschmeidig und ließe sich die Meinungen der andern wohlgefallen und würde ihnen nur sachte widersprechen und wüsste sich ihren Absichten anzubequemen. Sie haben nun den Beweis in der Hand, dass ihm die Wahrheit des Evangeliums über alles geht, mit welchem Ernst er jedes Band der Freundschaft und Gemeinschaft mit denen zerschneidet, die demselben widerstehen, wie er alle anderen Rücksichten zum Schweigen bringt und den Eifer für Gottes Wahrheit walten lässt. Dies kann er nur darum, weil er über der Menschen Urteil und Zustimmung hoch erhaben und vom Erfolg seiner Predigt unabhängig ist. Mag man ihr zustimmen oder widersprechen, sich an ihm freuen oder ärgern, mag ihm seine Arbeit Lob eintragen oder Tadel, hiernach fragt er nicht. Sein Ziel ist nicht der Beifall der Menschen. Ob ihm derselbe zuteilwird oder ausbleibt, jenes wie dieses beirrt ihn nicht.
Paulus wird zu diesem Wort durch die Weise veranlasst sein, wie man in Galatien von seiner Missionsarbeit gesprochen hat. Man musste doch eine Antwort geben, wenn die Heiden fragten: warum hat uns denn Paulus vom Gesetz Freiheit gegeben? Man wird gesagt haben: „er kam eben eurer Schwachheit entgegen und nahm Rücksicht auf eure Vorurteile und Neigungen; er weiß wohl, wie widerwärtig den Heiden das jüdische Gesetz ist, und wie hinderlich es seiner Predigt wäre, wenn er sofort den vollkommenen Wandel in allen göttlichen Geboten fordern wollte; mit diesen heidnischen Gedanken rechnet er des Erfolgs wegen; „wir dagegen bringen euch nun den ganzen Willen Gottes und die vollkommene Gestalt des Gottesdiensts“.“ Mit einem einzigen Wort treibt Paulus solche Verleumdungen hinweg. So wird ihm die Absicht beigemessen, die Menschen zu überreden und ihnen gefällig zu sein. Sie haben es aber soeben erlebt, wie falsch sie sich sein Bild vorstellen. Sein Strafwort in seinem heiligen Ernst mag ihnen zeigen, ob er auf der Menschen Gunst hinzielt und an ihrem Beifall hängt.
So wäre ich nicht mehr Christi Knecht. In der Einfalt eines unzerspaltenen Herzens schaut er auf Christi Befehl. Er will in Christi Gericht bestehen, nicht in der Menschen Gericht, von Christus treu erfunden werden und aus seinem Munde sein Lob empfangen, nicht aus der Menschen Mund, vgl. 1 Kor. 4, 2-5. Er schielt nicht nebenaus vom Herrn weg auf das, was die Leute meinen. Er hat den Pharisäer nicht mehr in sich mit der Doppelrichtung des Herzens, die bei Gott und bei den Menschen miteinander gelten will, die Gottes Lob begehrt und zugleich auf dem Markt gegrüßt sein will. Sein Herz ist an Christus allein gebunden; da dringt der Menschen Gerede nicht mehr an sein Ohr und die Welt ist ihm in Nichtigkeit versunken als ein Schattenspiel.
Beides zusammen, sagt er, hat nicht Statt und Raum.
Entweder ist man den Menschen gefällig oder man ist Christi Knecht. Es ist derselbe Grundsatz, den die Schrift überall geltend macht: dass das Menschenherz nicht zwei Herrn haben kann, dass Gott das ganze Herz erfasst. Christi Knecht sein, heißt keine andere Regel kennen, als seinen Willen, und kein anderes Ziel, als sein Wohlgefallen. Ein Knecht Christi kümmert sich um seinen Herrn, und um nichts andres in der ganzen Welt. Paulus gibt den Galatern zu verstehen: wenn ihr mir allerlei kleinliche unlautere Beweggründe unterschiebt, so schneidet das tiefer als ihr bedenkt; ihr streitet mir damit ab, dass ich Christo diene. Wisset ihr denn nicht, dass man ihm nur mit ganzem Herzen dienen kann, dass solche Nebenrücksichten eine Untreue sind, die von seinem Dienste trennt? Ich bin wahrhaft und redlich, und darum ganz und allein Christi Knecht; da habt ihr den Schlüssel, durch den ihr mein Wort und Werk verstehen sollt.
Sich nicht um der Menschen Zustimmung und Wohlgefallen zu kümmern, macht freilich nur die eine Seite am Verkehr des Apostels mit den Menschen aus. Wir hören ihn auch sagen: weil wir Christi Furcht kennen, suchen wir die Menschen zu gewinnen, 2 Kor. 5, 11. Ist doch gerade der Galaterbrief ein ergreifender Beweis dafür, mit welcher Bewegung des Herzens und Anstrengung des Geistes Paulus den Zugang zu den Menschen suchte, wie er darnach rang, ihr Herz seinem Wort zu erschließen, ihr Urteil ihm geneigt zu machen und sie zur Zustimmung zu bewegen. Wie sorgfältig ist hier jedes Wort überdacht, wie erfinderisch lässt er keinen Weg unversucht. Er redet zu ihrem Verstand und dringt ein auf ihr Herz. Er hält ihnen gebietend seine Vollmacht vor und setzt ihnen zugleich die Gründe seines Evangeliums auseinander. Er lehrt und bittet, lockt und schreckt. Wie wichtig ist ihm der Mensch und was er denkt und will; welch unschätzbare Bedeutung haben ihm seine Gemeinden. Und doch ist es völlige Wahrheit: ich kümmere mich um der Menschen Zustimmung und Beifall nichts. Das ist kein Widerspruch, sondern das ist die einträchtige Doppelwirkung davon, dass er an Christus hängt. Da wird ihm der Mensch gänzlich gleichgültig, wenn er neben Christus recht haben und ihn verdrängen will, wenn er seine Meinung und sein Lob geltend machen will, als wäre es das Wort eines Herrn, dem wir untergeben sind. Ein solcher Anspruch prallt an Paulus völlig ab. Christus ist für ihn so groß, dass der Mensch darob verschwindet; er reicht nicht in diese Höhe hinan. Nun aber, nachdem er sich Christo allein untergeben hat und weil er aus ihm die Kräfte seines Lebens zieht, kehrt er sich mit dem lebendigsten Interesse und der reichsten Liebe den Menschen zu. Er ist ja der Bote der Gnade Christi an die Menschen und bringt ihnen Gottes Gaben. Er hat an ihnen seinen Dienst auszurichten; sie sind ihm aufs Herz gebunden; mit ihnen ist sein Leben und Werk untrennbar verflochten. Nun will er nichts als ihnen dienen, aber nicht als ihr, sondern als Christi Knecht.
Eben noch, V. 8 und 9, trat er in der höchsten Erhabenheit vor uns und sagte: mein Wort ist heilig und ewig, Gottes unumstößliche Wahrheit zum Leben dem, der sie glaubt, zum Fluch und Gericht dem, der sie bestreitet. Nun sehen wir in den Grund dieser Erhabenheit mit ihrem hohen, kühnen Flug hinab, und dieser Grund ist völlige Beugung unter Christus: ich bin Christi Knecht. Mein Wort ist nicht mein, meine Kraft ist nicht mein, die Ziele meiner Arbeit sind nicht mein und ihr Ertrag ist nicht mein. Der Herr hat gesprochen, der Herr hat befohlen, der Herr hat gegeben, dem Herrn steht alles zu. Das ist die lautere Demut Pauli, und aus ihr entsteht sein erhabener Mut. Diese Durchdringung von Demut und Erhabenheit macht den reinen, apostolischen Charakter des Paulus aus.